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Full text of "Kleinere Schriften"

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V 


PRESENTED  TO 


THE    LIBRARY 


BY 


PROFESSOR  iMILTON  A.  BUCHANAN 


OF  THE 

DEPARTMENT  OF  ITALIAN  AND  SPANISH 

1906-1946 


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KLEINERE  SCHRIFTEN  VON  REINHOLD  KÖHLtR 

DRITTER  '»AND 


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VOLKSKINDE  UM  WORTFORSCHUNG 


VON 


REINHOLD  KÖHLER 


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JOHANNES    BOL  T  E 


MIT  DREI   ABBILDUNGEN 


BERLIN 

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KLEINERE  SCHRIFTEN 


VON 


BEINHOLD  KÖHLEB 


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DRITTER  BAND 


ZUR  NEUEREN  LITTERATURGESCHICHTE 
VOLKSKUNDE  UND  WORTFORSCHUNG 


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BERLIN 

VERLAG  VON  EMIL  EELBER 

1900 


KLEINERE  SCHRIFTEN 

ZL'K 

NEUEREN  LITTERATURGESCHICHTE 
VOLKSKUNDE  UND  WORTFORSCHUNG 

VON 

REINHOLD  KÖHLER 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

JOHANNES    BOLTE 

MIT  DREI  ABBILDUNGEN 


BERLIN 

VERLAG  VON  EMIL   FELBER 
1900 


Alle  Rechte  vorbehalten. 


ühlenroth'sche  Buckdruckerei,  Erfurt. 


Vorwort. 


Mehr  noch  als  die  beiden 
ersten  Teile  zeugt  der  vorlie- 
gende Schlussband  von  Köhlers 
weit  ausgreifenden  und  Ent- 
ferntes einenden  Studien.  In 
denselben  Jahren,  in  denen  er 
sich  mit  der  reichen  Erzählungs- 
litteratur  des  Mittelalters  ver- 
traut machte,  vertiefte  er  sich 
auch  in  Hans  Sachs,  den  Dichter  der  Reformationszeit,  las 
die  italienischen  Epiker  und  die  spanischen  Novellisten  von 
Cervantes  bis  auf  Fernan  Caballero,  widmete  dem  Repertoire  der 
englischen  Komödianten  in  Deutschland  prüfende  Betrachtung, 
und  beschäftigte  sich  eingehender  mit  den  Grössen  unserer 
klassischen  Periode.  Bald  trat  er  mit  sorgfältigen  Editionen 
der  Prosadialoge  des  Hans  Sachs  (1858),  der  einem  Shake- 
spearischen  Lustspiele  nachgebildeten  'Kunst  über  alle  Künste5 
(1864),  des  AVielandschen  Oberon  (1808)  oder  der  ästhetischen 
Schriften  Schillers  (1871)  hervor,  bald  wies  er  die  Über- 
arbeitungen ,  die  sich  die  Herausgeber  Heinrichs  von  Kleist 
erlaubt  hatten,  durch  Vergleichung  der  ältesten  Drucke  nach 
(18()-_)),  oder  er  spürte  die  Quellen  für  Herders  Cid  (1867) 
und  einzelne  Legenden  (1887),  für  AVerke  Lessings,  Wielands, 
Goethes,  Schillers,  Bürgers  und  jüngerer  Dichter  auf  und 
fand     daneben     Zeit,     die     verschiedenen     Verdeutschungen 


VI  Vorwort. 

Dantes    (1865),    einzelner    italienischer    Sonette     und     neu- 
lateinischer Epigramme  miteinander  zu  vergleichen. 

Ebenso  wie  auf  den  Höhen  der  Litteratur  war  Köhler 
in  den  Geschichten  und  Liedern  des  Volkes  zu  Hause.  Aus 
dem  Munde  der  Bergleute  zu  Ilmenau  zeichnete  er  1855 
viele  ihrer  Gesänge  auf,  ein  Material,  das  er  drei  Jahre 
später  nur  teilweise  in  seinen  'Alten  Bergmanusliedern'  ver- 
wertete. Seine  gleichzeitige  Studie  über  die  Ballade  von  der 
verkauften  Müllerin  (nr.  39  dieses  Bandes)  zeigt,  wie  gründlich 
er  es  mit  der  Erforschung  des  kulturhistorischen  Hintergrundes 
dieser  Volksdichtungen  nahm;  seine  1857  im  AVeimarer  Sonntags- 
blatt gedruckten  Besprechungen  catalanischer  und  walachischer 
Volkslieder,  wie  auch  hier  sein  Blick  bald  über  die  Grenzen 
Deutschlands  vergleichend  zu  andern  Nationen  hin  drang. *) 
Und  so  ist  er  in  der  Folgezeit  mit  Vorliebe  der  internatio- 
nalen Geschichte  einzelner  Balladenstoffe,  Motive,  Sprüche, 
poetischer  Formeln  bald  in  einzelnen  Artikeln,  bald  in  Bei- 
trägen zu  andern  Sammlungen  wie  Childs  'English  and 
scottish  populär  ballads'  nachgegangen,  wenn  auch  die  Heimat 
der  vertraute  Mittelpunkt  seiner  Forschung  blieb.2)  —  Früh- 
zeitig hatte  ihn  das  Vorbild  Jacob  Grimms  und  Wilhelm 
Wackernagels,  vielleicht  auch  eine  Anregung  Oskar  Schades 
in  die  seltener  betretenen  Regionen  der  Spruchdichtung,  des 
Aberglaubens  und  der  volkstümlichen  Sitte  gelockt;  seine 
Publikationen  alter  Rätsel  und  Weidsprüche  (nr.  51  und  50a) 
bieten  ein  trefflich  kommentiertes  Material,  das  späteren 
Arbeiten  als  Grundlage  und  Vorbild  dienen  konnte;  mit 
klarem  Blick  erkannte  er  in  dem  geheimnisvollen  Wüste 
alter  Segens-  und  Zaubersprüche  ursprüngliche  Bedeutung 
und  erforschte  den  Sinn  mancher  unverständlich  gewordenen 
Ausdrücke.    —    Man    kann,    wenn    man    Köhlers    vielseitige 


*)  Wie  Köhler  über  engherzigen  Lokalpatriotismus  auf  diesem  Ge- 
biete dachte,  ist  auf  S.  355 x  zu  lesen. 

2)  Vgl.  die  Besprechungen  von  Reifferscheids  und  Toblers  Samm- 
lungen (nr.  36 — 37  dieses  Bandes)  und  die  Beiträge  zu  Mündels  Elsässischen 
Volksliedern  (1884). 


Vorwort.  VII 

wissenschaftliche  Thätigkeit  überblickt,  wohl  bedauern,  dass 
er  nie  dazu  gelangte,  den  Ertrag  seiner  umfangreichen  Detail- 
forschung in  einem  Werke  grösseren  Stiles  zusammenzu- 
fassen; aber  auch  wer  die  höchsten  Anforderungen  zu  stellen 
gewohnt  ist,  wird  zugestehen  müssen,  dass  Köhler,  ohne 
gerade  selbständig  der  Litteraturwissenschaft  und  der  Volks- 
kunde neue  Probleme  zu  stellen,  ihren  Fortschritt  vielfältig 
gefördert  hat,  dass  seine  reiche  Belesenheit  stets  im  Dienste 
strenger  prunkloser  Sachlichkeit  stand,  dass  die  Treue  im 
Kleinen  ihm  nie  Andacht  zum  Unbedeutenden  wurde. 

In  den  vier  Abteilungen  des  vorliegenden  Bandes  (neuere 
Literaturgeschichte,  Volksdichtung.  Aberglauben  und  Volks- 
brauch, Wortforschung)  wird  man  hoffentlich  keine  wert- 
vollere Arbeit  Köhlers  übergangen  finden.  *)   Absichtlich  aus- 


J)  Vgl.  das  sorgsame  Schriftenverzeichnis  von  Erich  Schmidt  (in 
Köhlers  Aufsätzen  über  Märchen  und  Volkslieder  1894,  S.  136),  zu  dem 
noch  aus  Band  1  nr.  10  und  aus  Band  2  nr.  15  und  28  b  nachzutragen 
sind.  Die  Beiträge  zum  Brockhausschen  Konversationslexikon,  auf  die 
Ludwig  Fränkel  (Zs.  f.  vgl.  Littgesch.  9,  253.  Litt.  Cbl.  1899,  211) 
hinweist,  hat  Köhler  selbst  als  Revisionen  fremder  Artikel  nicht  für 
eigentlich  wissenschaftliche  Arbeiten  gehalten  und  unter  diesen  ver- 
zeichnet, wenn  er  auch  die  Ausschnitte  aufbewahrt  hat.  (Aus  der 
11.  Auflage,  1864 — 68,  die  Artikel :  Bürger,  Deutsche  Litteratur  (teilweise), 
•Gotter,  Göttinger  Dichterbund,  Gottsched,  Götz,  Goeze,  Gryphius,  Günther, 
Hamann,  Herder,  Kleist,  Klinger,  Klopstock,  Lavater,  Leisewitz,  Lenz, 
Lessing,  Liscow,  Löwen,  Merck,  Münchhausen,  Neubeck,  Nicolai,  Opitz, 
Pfeffel.  Rabener,  Ramler,  Räuberromane,  Richter,  Riemer,  Rost,  Schiller, 
Schlegel,  Schönaich,  Schubart,  Schwan.  Charlotte  v.  Stein,  Uz,  Vogl, 
Voss,  Vulpius,  Wieland;  Dornburg,  Weimar.  Aus  dem  Supplement  zur 
13.  Auflage,  1887,  der  Artikel:  Folk-Lore).  —  Eher  wäre  wohl  im 
Anschluss  an  'Aufsätze'  S.  137  noch  der  Beisteuern  zu  gedenken,  die 
Köhler  zu  gelehrten  Arbeiten,  wie  zu  Gaston  Paris,  Sur  un  episode 
d'Aimeri  de  Xarbonne  (Romania  9,  515 — 546),  J.  Ulrich,  Recueil  d'exem- 
ples  italiens  (Rom.  13,  28),  Dares,  De  excidio  Troiae  historia  rec. 
F.  Meister  1873,  p.  XXXLX,  Bugge,  Studien  über  die  Entstehung  der 
nordischen  Götter-  und  Heldensagen  (übers,  von  0.  Brenner  1889,  S.  249) 
u.  a.  geliefert  hat.  —  Zu  den  oben  1,  VII1  erwähnten  Artikeln,  in 
denen  Material  aus  Köhlers  Nachlasse  benutzt  ist,  kommen  jetzt  noch 
von  J.  Bolte:  Der  Teufel  in  der  Kirche  (Zs.  f.  vgl.  Littgesch.  11, 
249—266),    Der    Ursprung    der    Don    Juan  -  Sage     (ebd.    13,    374— 398;. 


VIII  Vorwort. 


geschlossen  habe  ich  die  Bemerkungen  zu  Schades  Satiren' 
und  Pasquillen  (Froramanns  Deutsche  Mundarten  6,  60),  die 
Nacherzählung  zweier  Meisterlieder  des  Hans  Sachs  (Zs.  f. 
dtsch.  Mythol.  3,  300;  vgl.  oben  2,  624),  kleinere  textkritische 
Bemerkungen  zu  Lessing,  Wieland,  Goethe  (Zs.  f.  dtsch. 
Phil.  7,  91.  3,  200.  Archiv  f.  Littgesch.  6,  230),  die  Er- 
örterung über  eine  Stelle,  in  der  Luise  von  Voss  und  ein 
Gedicht  Schubarts  (Zs.  f.  dtsch.  Phil.  4,  131;  vgl.  Aufsätze 
über  Märchen  181)4,  S.  75),  den  Artikel  über  die  angebliche 
spanische  Ballade  von  der  sprechenden  Harfe  (Zs.  f.  dtsch. 
Altert.  23,  88  =  W.  Grimm,  Kl.  Schriften  4,  357;  vgl.  Auf- 
sätze 1894,  S.  83).  Wie  im  2.  Bande  habe  ich  mir  erlaubt, 
einigemal  den  Titel  durch  einen  Zusatz  zu  verdeutlichen 
(bei  nr.  1.  19.  23.  34.  52.  70.  84)  und  neben  Köhlers  hand- 
schriftlichen Nachträgen  ein  paar  eigene  Notizen  (besonders 
zu  nr.  2.  3.  9.  10.  20a.  24b.  26.  36.  37.  39.  47.  50a,  b,  d. 
51.  77.  80)  einzuschalten.  Ganz  neu  sind  die  Nummern  25. 
29.  59.  63  aus  Köhlers  hinterlassenen  Zetteln  zusammenge- 
stellt. Leider  musste  ich  auf  die  Mitteilung  des  am  Schlüsse 
von  nr.  40b  angekündigten  dritten  Artikels  über  die  Formel 
cUnd  wenn  der  Himmel  war  Papier5  verzichten,  da  Herr  Pro- 
fessor Dr.  Anton  Herrmann  in  Budapest,  der  sich  nach 
Köhlers  Tode  im  Jahre  1892  das  Manuskript  erbeten  hatte, 
es  bisher  weder  zum  Abdruck  brachte,  noch  sich  zur  Rück- 
gabe bereit  fand. 

Erleichtert  ward  meine  Arbeit  ungemein  durch  die  ver- 
ständnisvolle Anteilnahme  der  innig  verehrten  Schwestern 
Elise  und  Mathilde  Köhler  und  den  liebenswürdigen  Beistand, 
den  mir  Kühlers  Nachfolger,  Herr  Geh.  Hofrat  v.  Bojanowski, 


Volkstümliche  Zahlzeichen  und  Jahreszahlrätsel  (Zs.  d.  V.  f.  Volks- 
kunde 10,  186 — 194).  Einem  den  Görgen  singen  (Zs.  f.  dtsch.  Wort- 
forschung 1,  70 — 72).  Nach  Sammlungen  Reinhold  Köhlers  (ebd.  1, 
267—270:  Pfladergeut.  Querlequitsch.  Rebhühnerfedern.  'Weise'  weg- 
gelassen. Ziegenschinder).  Gottes  Klage  über  die  undankbare  Welt 
(Xd.  Korrespondenzblatt  21,  11  f.  54).  Einzelnes  in  den  Ausgaben 
von  J.  Freys  Gartengesellschaft  (1896)  und  M.  Montanus'  Schwank- 
büchern (1899). 


Vorwort.  IX 

und  Herr  Sekretär  A.  Straubing  in  Weimar  jederzeit  gewährten. 
Herzliehen  Dank  schulde  ich  auch  den  Herren  Erich  Schmidt 
und  M.  Rubensohn  in  Berlin,  G.  Wustmänn  in  Leipzig, 
W.  Creizenaeh  in  Krakau,  J.  A.  AVorp  iu  Groningen,  W.  P. 
C.  Knüttel  im  Haag  und  E.  Wränge]  in  Lund,  die  mich 
durch  Beantwortung  einzelner  Fragen  bereitwillig  unterstützten. 
Das  Bildchen  auf  S.  V,  welches  Kühler  im  fünfundzwanzigsten 
Lebensjahre  darstellt,  ist  nach  einem  Ölgemälde  von  James 
Marshall  aus  dem  Jahre  1855  angefertigt. 

Möchten  Reinhold  Köhlers  Kleinere  Schriften  samt  den 
Aufsätzen  über  Märchen  und  Volkslieder  dazu  beitragen,  das 
Andenken  dieses  allkundigen,  bescheidenen  Gelehrten,  des 
schlich ten,  lauteren  Menschen,  des  stets  hilfsbereiten  Ratgebers- 
und Freundes  bei  der  Nachwelt  in  Ehren  zu  erhalten! 


Berlin,  im  November  1900. 


Johannes  Bolte. 


Inhalt. 


Seite 
Vorwort V 

A.  Zur  neueren  Litteraturgeschichte. 

1 .  Eine  Stelle  in  Ariostos  Orlando  furioso  und  Nachahmungen 

derselben  [Das  vom  Sterbenden  nicht  vollendete  Wort] 
(Archiv  für  Literaturgeschichte  5.  187b)     ....  1 

2.  Über  Guerrini,  G.  C.  Croce  (Litteraturblatt  1880)       .     .         8 

3.  Zu  Eulenspiegel  (Weimarisches  Jahrbuch  5.   1856)       .  17 

4.  Zu    dem  Gedicht  von  Hans  Sachs  'Die    achtzehen    Schön 

einer  Jungfrauen'  (Germania  11.   1866) 22 

5.  Zu  den  zwei  Sprüchen  von  Paris  (Alemannia  3.   1875)    .        34 

6.  Das  älteste  bekannte  deutsche  Sonett  und  sein  italienisches 

Original  (Archiv  f.  Literaturgeschichte  9.  1880)  .     .       35 

7.  Zu    Shakespeares   The    Taming   of  the   Shrew    (Jahrbuch 

der  Shakespeare-Gesellsch.  3.   1868) 40 

■8.     Einige  Bemerkungen  und  Nachträge  zu  A.  Colins  'Shake- 
speare in  Germany'  (ebd.    1.   1865) 45 

9.     Michael    Caspar    Lundorfs    Wissbadisch    Wiesenbrünnlein 
(Wagners  Archiv    f.    d.  Gesch.    deutscher  Sprache    1. 

1873) 57 

10.     Job.  Mich.  Moscherosch  und   sein   'Sprachverderber'    und 
'Der    teutsche    Michel    wider    alle    Sprachverderber' 
(Archiv  für  Literaturgeschichte    1.   1870)      ....        75 
1  1 .     Zu  zwei   Stellen  der  Simplicianischen  Schriften  Grimmeis- 
hausens (ebd.   1.   1870) 80 

12.  Zwei  angeblich  noch  ungedruckte  Gedichte  Gellerts  (Blätter 

für  litterar.  Unterhaltung  1862) 83 

13.  Zu  Lessings  Grabschrift  auf  einen  Gehenkten  (Archiv  f. 

Literaturgeschichte  7.   1878) 88 

14a-b.     Zu  Lessings  Gedicht  'Das  Muster  der  Ehen'  (Viertel- 
jahrsschrift für  Litteraturgeschichte    1 — 2.    1S88 — 89)        89 
15.     Die    Quelle  von  Wielands  Hann    und  Gulpenheb  (Archiv 

f.  Litteraturgeschichte  3.   1874) 95 


XII  Inhalt. 

Seite 

16.  Zu  Wielandfl  Clelia  und  Sinibald  (ebd.  5.  1876)      ...     101 

1 7.  Adams    erster    »Schlaf  (Vierteljahrsschrift    für  Litteratur- 

geschichte  1.   L888) 106 

18.  Herders  Legenden  'Die  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedens- 

stifter' und  ihre  Quellen  (Berichte  der  k.  Bachs.  Ges. 

der  Wissenschaften   1887 107 

19.  Goethiana  (Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  3.   1871)    .      128 
20  a.  Harlekins   Hochzeit   und   Goethes   'Hanswursts    Hochzeit' 

(Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  20.   1876)  .     .     .     135 
20b.  Kilian  Brustfleck  (Goethe-Jahrbuch  3.   1882)       ....     145 

21.  Ein  Brief  Goethes   an  Alessandro   Poerio   und   Aufzeich- 

nungen des  letzteren  über  seinen  persönlichen  Ver- 
kehr mit  Goethe  (Archiv  für  Litteraturgeschichte 
11.   1882) 145 

22.  Goethe  und  der  italienische   Dichter  Domenico   Batacchi 

(Berichte  der  k.  sächsischen  Ges.  der  Wissenschaften 
1890) 155 

23.  Schiller    und    eine    Stelle    aus   Tausend    und    einer   Nacht 

[vom  Wundervogel]   (Archiv   für  Litteraturgeschichte 

3.   1874) 170» 

24a-b.  Die  Quelle  von  Bürgers  'Lenardo  und  Blandine'  (Zeit- 
schrift für  deutsche  Philologie  8  und  16.  1H77  und 
1884) 173- 

25.  Deutsche  Übersetzungen    eines  Leonardo    da  Vinci   zuge- 

schriebenen Sonetts  (Aus  dem  Nachlass)        ....     180' 

26.  Über  den  Stoff  von   Zacharias  Werners  'Vierundzwanzig- 

stem  Februar'   (Weimarer  Sonntags-Blatt    3.    1857)  .     185 

27.  Über  Grässe,  Die  Quelle  des  Freischütz  (Jenaer  Litteratur- 

zeitung  1876) 20O 

28.  Über    Elberling,    Oehlenschläger    (Litterarisches    Central- 

blatt  1888) 202 

29.  Mörikes  Gedicht  an  den  Schlaf  und  seine  Vorläufer  (Aus 

dem  Nachlass) 203 

30.  Eine  Schopenhauer-Anekdote   (Allgemeine  Zeitung    1888)     212 

B.  Zur  Volksdichtung  (Lied,  Spruch,  Rätsel, 
Sprichwort). 

31.  Ein  bolognesisches  Lied  aus  dem  13.  Jahrhundert  (Jahr- 

buch für  roman.  Litteratur  9.   1868) 214 

32.  'Oci,  oci'  als  Nachtigallengesang  (Zeitschrift    für    roman. 

Philologie  8.  1884) 216 


Inhalt.  XII  l 

Seite 
33.     Zu   F.  Wolfs   Proben    portugiesischer    und    catalanischer 

Volksromanzen  (Jahrbuch  für  roinan.  Litt.  3.  1861)  219 
•34.     Zur     Volksliederütteratur      [Der     heinikehrende      GatteJ 

(ebd.  8.  1867) 229 

35.  Über  Luzcl,  Gwerziou  Breiz-Izel    II  (Jenaer  Litteratur- 

zeitung  1874) 235 

36.  Über  Reifferscheid,  Westfälische  Volkslieder  (Anz.  f.  dtsch. 

Altertum  6.   1880) 238 

37.  Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  I  i  ebd.    11.1885)     260 

38.  Vom  Fortleben  der  Seelen  in  der  Pflanzenwelt  ("Weimarisches 

Jahrbuch   1.   1854) 274 

39.  Das  Lied    von    der   verkauften   Müllerin    (Zeitschrift    für 

deutsche  Mythologie  4.  1859) •     .     .     279 

40a-b.     Und  wenn  der  Himmel  war  Papier  (Orient  und  Occi- 

dent  2.  1863.  —  Ethnolog.  Mitt.  aus  Ungarn  1.  1889)  293 
41.  Schwalbensprache  (Zeitschr.  f.  deutsche  Mythol.  2.  1855)  318 
42a-b.     Ein  altes  Kindergebet  (Germania  5  und   11.   1860  und 

1866) 320 

43.  Italienische  Nachtgebete  (Jahrb.  für  roman.  Litt.  8.  1867)     341 

44.  Über  Dunger,   Kinderlieder    und    Kinderspiele    (Litterar. 

Centralblatt  1875) 351 

45.  Der  Bauer  schickt  den  Jäckel  aus  (Germania  5.   1860)  .     355 

46.  Die  Pehlevi-Erzählung  von  G6sht-i  Fryäno  und  der   kir- 

gisische   Büchergesang   'Die    Lerche'    (Zeitschr.    der 
deutschen  morgenländischen  Gesellschaft  29.   1875)     .     365 

47.  Um  Städte  werben  in  der  deutschen  volkstümlichen  Poesie 

besonders  des   17.  Jahrhunderts  (Archiv  f.  Literatur- 
geschichte 1.  1870) 371 

48.  Über    Toppen,    Volkstümliche    Dichtungen    (Göttingische 

gelehrte  Anzeigen  1873) 414 

49a-c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin  (Germania  6.  1861. 
—  Archiv  für  Literaturgeschichte  12.  1884.  —  Ger- 
mania 33.  1888) 421 

50  a.  Weidsprüche    und   Jägerschreie    (Weimarisches    Jahrbuch 

3.  1855) 452 

50b.  Aus  Lorbers  Gedichte  'Die  edle  Jägerei'  (ebd.).  .  .  .  484 
50  c.  Über  Grässe,  Jägerbrevier  (Germania  3.  1858)  ....  491 
50  d.  Aus  Schmidlins  Ballet  'Der  sieghafte  Hymen'  ....  494 
51.     42    alte  Rätsel    und   Fragen    (Weimarisches  Jahrbuch    5. 

L856) 499 


XIV  Inhalt. 

Seite 

52.  Zu  Zs.  20,  250  [Rätsel  Reinmars  von  Zweter]  (Zeitschr. 

f.  deutsches  Altertum  21.   1877) 538 

53.  Weinende  Augen  haben  süssen  Mund  (Germania  18.  1873)  540 

54.  Jammer  lernt  weinen  (ebd.  29.   1884) 541 

55.  X  für  U  (ebd.  20.   1875) 541 

56.  Ein  Engel  flog  durchs  Zimmer  (ebd.   10.   1865)  ....  542 

C.  Zum  Aberglauben  und  Yolksbrauch. 

57.  Zum  zweiten  Merseburger  Zauberspruch  (Germania  8.  1863)     543 

58.  Segenssprüche  (ebd.   13.   1868) 544 

59.  Der  Himmel  mein  Hut,  die  Erde  mein  Schuh  (Aus  dem 

Nachlass) 558 

60.  Schildwachtsbücher     (Zeitschrift     für     deutsche     Kultur- 

geschichte  1875) 562 

61.  Zur  Sator-Arepo-Formel  (Verh.  der  Berliner  anthropolog. 

Gesellschaft  1881) 564 

62.  Die  Zacharias-Inschrift  zur  Abwehr  der  Pest  (ebd.    1885)  572 

63.  Die  Ananisapta-Inschrift  (Aus  dem  Nachlass)      ....  577 

64.  Le  diable  et  les  rognures  d'ongles  (Melusine   1878)     .     .  578 

65.  Der  weisse,  der  rote  und  der   schwarze  Hahn  (Germania 

11.  1866) 581 

66.  Über  The  Folk-Lore  Record  I  (Anglia  3.  1880)     ...     589 

67.  Über  Overland,  Fra    en    svunden  Tid    (Litt.  Centralblatt 

1889) .     594 

68.  Nachtrag  zu  den  lateinischen  Versen  von  der  Schafzucht 

(Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1876)     .     596 

69.  Der  Mann  im  Mond  und  eine  Stelle  in  S.  Rowleys  cWhen 

you  see  me,  you  know  me'  (Anglia  2.   1879)     .     .     .     597 

70.  Der  Teufel  und  der  Wind  (Zeitschrift  für  roman.  Philo- 

logie 5.   1881) 600 

71.  Das  Johannisfest  (Weimarer  Sonntags-Blatt  1855) .     .     .  601 

72.  Up  der  Hut  werpen  (Nd.  Korrespondenzblatt  1881)    .     .  606 

73.  Die  Ziege  als  Hochzeitsgeschenk  (Monatsschr.  f.  d.  Gesch. 

Westdeutschlands  7.  1881) 607 

74.  Zum    Holen    der   Speckseite    (Anzeiger    für    Kunde    der 

deutschen  Vorzeit  1856) 609 

75.  Des  Kaisers  Bart  wachsen    hören  (Die    deutschen  Mund- 

arten 4.   1857) 610 

76.  Die  Haut  versaufen  (Am  Ur-Quell  n.  F.   1.  1890)  .     .     .     611 


Inhalt.  XV 

Seite 

D.  Zur  Wortforschung. 

77.  Zu  den  deutschen  Appellativnamen  (Germania  7.   1862)  .  615 

78.  Schiltebürger  als  Name  des  Todes  (ebd.  25.  1880)       .     .  618 

79.  Kosegarten  (Zeitschrift  für   deutsche  Philologie   4.    1872)  619 

80.  Cornelius  (ebd.    1.    1869) 621 

81.  Dürängeln     (Zeitschrift     für    vergleich.     Sprachforschung 

11.   1862) 632 

82.  Kunzenjägerspiel  (Die  deutschen  Mundarten    6.    1859)     .  634 

83.  Witte  Stock  (Nd.  Korrespondenzblatt  4.   1879)  .     .     .     .  635 

84.  Rosen  und  Blumen  (Germania  7.  1862)      .......  635 

Nachträge ,     .  638 

Register 643 


1.  Eine  Stelle  in  Ariostos  Orlando  Furioso 
und  Nachahmungen  derselben. l) 

[Das  vom  Sterbenden  nicht  vollendete  Wort.] 
(Archiv  für  Litteraturgeschichte  5,  1-5.     1876.) 

In  der  Gebrüder  Parfaict  Histoire  du  theatre  francois, 
T.  III,  Paris  1745.  S.  338,  wird  die  Besprechung  der  Tra- 
goedie  Daire  (d.  i.  Darius)  von  -Jacques  de  La  Taille 
(f  1562)  mit  folgenden  Worten  begonnen:  "Quelques  vers  qui 
nous  ont  paru  meriter  d'etre  mis  au  jour,  par  leur  extreme 
ridicule,  tiendront  la  place  de  l'Extrait  de  cette  piece,  dont 
le  sujet  est  coimn  de  tont  le  monde.J 

Nachdem  hierauf  einige  Verse   ans   dem  2.  und  3.  Akte 

mitgeteilt    sind,    heisst  es   weiter:    'Au   cinquieme  Acte,    on 

vient  apprendre    ä  Alexandre    le  mort  de  Darius,    et  qu'il  a 

finit  sa  vie  en  disant: 

0  Alexandre  adieu  quelque  part  oü  tu  sois, 

Ma  mere  et  mes  enfants  aye  en  recommenda—  (fion) 

II  ne  peust  acheuer.  car  la  mort  l'engarda.1 2) 

Zu  'recommenda-3  ist  die  Randbemerkung  gefügt:  'Licence 
Poetique,  dont  je  doute  qu'on  trouve  d'exemple.' 

Dieselben  Vers  curieux"  citiert  Hippolyte  Lucas  in  seiner 
Histoire  philosophique  et  litteraire  du  theatre  francais,  Paris 

1)  [Ein  Referat  über  diesen  Artikel  steht  im  Athenaeum  1876, 
26.  Febr.  S.  299f.] 

2)  Ich  gebe  die  Verse,  nach  der  Mitteilung  meines  Freundes 
Gaston  Paris,  genau  wie  sie  in  der  Originalausgabe  (Daire,  tragedie 
de  feu  Jacques  de  la  Taille,  du  Pays  de  Beauce.  Paris,  par  Federic 
Morel  [mprimeur  du  Roy.  M.  1».  LXXIIL),  S.  35,  stehen.  Die  Brüder 
Parfaict  haben  die  Orthographie  etwas  geändert  und  cque  tu  suis'  statt 
'oü  tu  sois\ 

Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  1 


2  Zur  neueren  Litteraturuesrliirhte. 

1843,  S.  12  =  2ifeme  edition  revue  et  augmentee,  Paris  1862, 
T.  I.  S.  24,  und  urteilt  darüber:  'Recommanda  .  .  .  pour  re- 
commandation  est  unique  dans  son  genre;  les  deux  syllabes 
2  (tion)  qui  restent  dans  la  gorge  de  Darius  (vox  faucibus 
haesit)  nous  semblent  constituer  une  licence  un  peu  forte: 
on  nest  jamais  alle  plus  loin  en  fait  de  licences  poetiques. 
Jacques  de  La  Taille  mourut  du  reste  ä  vingt  ans,  et  c'est 
lä  son  excuse/ 

Der  neueste  Geschichtsschreiber  der  älteren  französischen 
dramatischen  Litteratur,  H.  Tivier  (Histoire  de  la  litterature 
dramatique  en  France  depuis  ses  origines  jusqu'au  Cid,  Paris 
1873,  S.  511  f.).  spricht  sich  über  die  von  ihm  ebenfalls  an- 
geführten Verse1)  also  aus:  Tl  n'y  a  point  ä  demander  gräce 
pour  les  vers  que  les  freres  Parfait  ont  trouves  si  plaisants 
qu'ils  leur  ont  fait  l'honnenr  d'une  citation.  Tout  le  monde 
a  fait  comme  eux,  et  ce  malheureux  distique  a  fixe  pour  ja- 
mais la  reputation  de  son  auteur.     Le    voici,    puisqu'il    faut 

en  parier Assurement  la  figure  est  burlesque ;  il  n'y 

a  pas  d'autre  exemple  dune  si  etonnaute  Suspension,  et  je 
doute  que  Dumarsais  l'ait  mentionnee  dans  ses  tropes.  Xe 
nous  hätons  pas  cependant  de  condamner  le  jeune  ecrivainy 
pour  ce  jeu  d'esprit  d'un  goüt  detestable,  et  ne  jugeons  pas 
de  l'oeuvre  entiere  par  im  detail  si  minime/ 

Es  scheint  bisher  nicht  bemerkt  worden  zu  sein,  dass 
sich  zu  den  berüchtigten  Versen  des  französischen  Dichters 
ein  Seitenstück  oder  vielmehr,  wie  ich  glaube,  das  Vorbild 
in  Ariostos  Rasendem  Roland  findet.  Im  42.  Gesänge  nämlich 
lesen  wir  von  dem  auf  den  Tod  verwundeten,  sterbenden 
Brandimarte: 2) 

(St.    13)    ^a  Pur  gh"  e   tanto  spirto  aneo  rimaso 
Che  de'  suoi  t'alli  al  Re  di  Paradiso 
Puo  domandar  perdono  anzi  l'occaso; 
E  confortare  il  Conte,  che  le  gute 
Sparge  di  pianto,  a  paz'ienza  puote  ; 


J)  Tivier  har  cMes  enfants  et  ma  fenime1  statt  cMa  niere  et  mes 
enfant^'. 

2)  [Die  Anregung  zu  dieser  Stelle  könnte  Ariost,  wie  Rajua  (Le 
fonti  dell'  Orlando  furioso,  2.  ediz.  1900  j).  559)  bemerkt,  durch  eine  Stanze 


1.  Eine  Stelle  in  Ariostos  Orlando  Furioso.  3 

(St.    14^    E  dirgli:  Orlando,  t'a  che  ti  raccordi 
Di  nie  ne  l'orazion  tue  grate  a  Dio; 
Ne  inen  ti  raccomando  la   mia  Fiordi  .  .  .  . 
Ma  dir  non  pote  ligi;  e  qui  finio.1)  | 

Es  ist  au  sich  nicht  unwahrscheinlich,  dass  Jacques  de  3 
La  Taille  Ariostos  Dichtung  gekannt  hat,  aber  es  wird  noch 
wahrscheinlicher,  wenn  man  sich  erinnert,  dass  sein  Bruder 
Jean  eine  Komödie  Ariostos  ('Le  Negromantf)  übersetzt  hat 
(Parfaict  a.  a.  P.  S.  -">:!<;.  Brunet,  Manuel  du  libraire  3,  870). 
Ich  glaube  dalier,  dass  die  Ähnlichkeit  der  mitgeteilten  Verse 
Ariosts  und  Jacques  de  La  Tailles  kein  zufälliges  Zusammen- 
treffen ist.  sondern  dass  der  französische  Dichter  den  italieni- 
schen nachgeahmt  hat. 

Ob  Ariosts  Stelle  noch  sonst  in  ernsten  Dichtungen  nach- 
geahmt worden  ist,  weiss  ich  nicht,  dagegen  kann  ich  zwei 
komische  Dichtungen,  eine  italienische  und  eine  englische, 
nachweisen,  in  denen  dies  augenscheinlich  geschehen  ist. 
Ich  meine  die  in  Uttaveu  geschriebene  Novelle  'Mustafa'  des 
schmutzigen,  aber  nicht  unwitzigen  Dichters  Domenico  Ba- 
tacchi  (geb.  1740,  f  1802)  und  die  am  7.  August  1810  auf 


«Irr  Spagna  (36,  18) empfangen  haben,  in  der  von  dem  sterbenden  Ulivieri 
die  Rede  ist,  der  an  Aldabella  denkt,  aber  ihren  Namen  nicht  mehr 
aussprechen  kann  (vgl.  Morgante  27,  68): 

Disse  Ulivieri:  Omai  non  ti  bisogna : 
L'anima  mia  da  nie  giä  vuol  partire, 
Che  ritornare  al  suo  Signore  agogna. 
E  non  pote  le  parole  espedire, 
Come  ein  parla  molte  volte  e  sogna  ; 
E  bisognö  quel  che  voleva  dire 
Per  discrezione  intender:  che  Aldabella 
ßaccomandar  volea,  la  sua  sorella.] 

')  Der  spanische  Übersetzer  des  Orlando  Furtoso,  Hieronimo  de 
ürrea,  dessen  Übersetzung  zuerst  1ö4ü  in  Antwerpen  erschienen 
«ein    soll  mir  liegt    die   1556    zu    Lyon    erschienene  Ausgabe   vor   — 

übersetzt: 

Y  dezir:  Haz  Koldan  que  no  discorde 

Tu  oracion  con  el  amor  passado. 

>>'o  menos  te  encomiendo  aqui  a  mi   Flor  de  — 

No  pudo  dezir  Lis,  y  aqui  ha  espirado. 

1* 


Zur  neueren  Literaturgeschichte 


- 


dem  Königlichen  Theater  Haymarket  zuerst  aufgeführte,  mehr- 
mals gedruckte  und  von  George  Cruikshank  illustrierte  burlesk- 
tragische  Oper  'Bombastes  Furioso3  von  William  Barnes 
Rho  des. 

In  der  italienischen  Novelle  hat  der  Türke  Mustafa  eine 

seiner    zwölf    Frauen     erstochen.      Die     letzten    Worte  der 

Sterbenden  sind  (Opere  di  D.  Batacchi.     Londra  1856.  Vol. 

2,  S.  7): 

'Xon  piangete,  o  compagne,  il  morir  mio, 

A  voi  «II  piü  bei  d)  >ara  foriero; 

Innanzi  al  gran  profeta  io  giä  m'invio, 

Ei  giustamente  .  .   .  punirä   .  .  .  Io  spero  .  .  . 

Questo  .  .  .  baronfot  .  .  .'     Non  pote  dir  tutto, 

Che  l'istante  di  raorte  era  venuto. 

Im  'Bombastes  Furioso3  wird  König  Artaxominous  vom 
General  Bombastes  im  Zweikampf  tödlich  verwundet  und  sagt 
sterbend  zum  General: 

Yet  ere  I  die  I  something  have  to  say: 

My  once-lov'd  Gen'ral,  pri'thee  come  this  way! 

Oh !  oh !  my  Born  — 


Gries   hat    in  der  ersten  Auflage    seines  Käsenden  Roland  (1808) 
übersetzt: 

Und  zu  ihm  sagen,  wenn  auch  mit  Beschwerde  : 
O  Roland,  im  Gebet  gedenke  mein  ! 
Dir  auch  empfehl'  ich  innigst  meine  Flor  de  — 
Doch  lise  sagt  er  nicht;  hier  hält  er  ein. 
In  der  zweiten  Auflage  (1828)  ist  die  letzte  Zeile  geändert: 
Lys  sagen  kann   er  nicht:  u.  s.  w. 

Die  Übersetzung  von  Streckfuss  (1820)  lautet: 

Er  spricht:  Ich  bitte  dich,  mein  Roland,  sehr, 
Gedenke  mein  in  gläubigen  Gebeten. 
Und  dir  empfehl'  ich  herzlich  nieine  Flor  - 
De  lise  sagt'  er  nicht:  denn   aus  den  Nöten 
Des  Lebens  flieht  der  Geist,  u.  s.  w. 

Hermann  Kurz   endlich  (1841)  hat  übersetzt: 

Er  sagt,  schon   an   des  dunklen  Nachens  Borde  : 
Mein   Roland,   im   Grebet  gedenke   mein. 
Dir  auch  empfehl    ich  scheidend  meine  Flor  de  — 
Nicht   sagt  er  lise  mehr;  hier  hält  er  ein. 


1.  'Eine   Stelle   in   Ariostos  Orlando  Furioso'.  5 

Hier  stirbt  der  König,  und  der  General  spricht: 
Bastes  he  would  have  Baid ; 
But  ere  tlie  word  was  out,  bis  breath  was  fled. 
Well,  peace  be  with  bim  u.  s.  w.1) 

.Man  bemerke,  dass  bei  Batacchi  und  Rhodes  das  abge- 
brocheneWort  nicht  den  Reim  bildet,  wie  beiAriost  und  La  Taille. 

Gewiss  werden  manche  Leser  der  vorstehenden  Zu- 
sammenstellung schon  während  des  Lesens  an  die  Herleitung 
des  Namens  Achalm  von  dem  durch  den  Tod  abgebrochenen 
Ausruf    'Ach    Allin  gedacht     haben,    wie    sie    in    Gustav 

Schwabs  j  Gedicht  (Die  Achalm3  und  in  Unlands  'Schlacht 
bei  Reutlingen2  verwendet  ist.2)  In  letzterem  Gedicht  kommen 
bekanntlich  die   Verse  vor: 

Ach  A  1 1  m  !    stöhnt'  einst  ein  Kitter:  ihn  traf  des  Mörders  Stoss  ; 
Allmächtiger!   wollt'  er  rufen;  man  liiess  davon  das  Schloss. 

Schwabs  hergehörende  Strophen  aber  lauten: 

Den  Pfeil,  den  todesträchtigen, 
Empfängt  sein   tapfres  Herz, 
Sein  Rufen  zum   Allmächtigen 
Verschlingt  der  letzte  Schmerz. 

Doch  was  er  rief  in  letzter  Not, 
Das  halbe  Wort :  A  c  h  all  m — 
Das  bat  gewiss  getönt  vor  Ciott 
Als  wie  ein  ganzer  Psalm. 

Ja  selbst  dem  Feinde  klang  es  schön, 
Das  ernste  Scheidewort, 
Er  baute  frisch  auf  diesen  Höhn, 
Und  hiess  Achalm  den  Ort.  I 


1 )  Die  Stelle  ans  'Bombastes  Furioso'  würde  mir  unbekannt  sein, 
wenn  ich  nicht  in  einer  anonymen  Besprechung  des  oben  erwähnten 
Buches  von  Tivier  im  Londoner  Athenaeum  vom  30.  August  1873, 
S.  283 ,  der  Mitteilung  jener  Verse  Jacques  de  La  Tailles  folgende 
Worte  vorausgeschickt  gefunden  hätte:  'A  distich  from  J.  de  la  Taille 
mnst  be  given,  so  singularly  does  it  antieipate  in  sober  seriousness  a 
famous  line  in  one  of  the  earliest  and  most  populär  of  burlesques.' 
Von  meinem  Freunde  W.  H.  S.  Ralston  in  London  erfuhr  ich  dann,  was 
für  'a  famous  line1  gemeint  sei. 

")  Vgl.  0.  F.  H.  Schönbutb,  Die  Burgen,  Klöster,  Kirchen  und 
Kapellen  Württembergs  (Stuttgart  1860),  3,  6,  und  P.  Eichholtz,  Unlands 
schwäbische  Balladen   auf  ihre  Quellen  zurückgeführt,  Berlin  1873,  S.  19. 


(3  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

[Durch  Aiiost  angeregt  ist  wohl  eine  Stelle  in  der  spani- 
schen Komödie  'Don  Gil  de  las  calzas  verdes5  des  Tirso  de 
Molina,  Acto  3,  Esc.   1 : 

Dijo  Adios,   Don   Mar —  y  en  fin 
Quedandose  con  el  tin 
MLurio  com  un  pajarito. 

Von  Dohrn  (Spanische  Dramen  1,  268.  1841  ;  vgl.  Klein, 
Gesch.  des  Dramas  4,  1,  152)  ward  sie  folgendermassen  wieder- 
gegeben: 

Juana,  schon  halbtot  und  eisig, 
Haucht:  'Leb  wohl,  Don  Mar' — ,  sank  hin, 
Stecken  blieb  im  Hals  der  'tin', 
Und  so  starb  sie  wie  ein  Zei^iu'. 

In  zwei  weiteren  Fällen  verursacht  nicht  der  Tod  die 
Halbierung  des  Namens,  sondern  eine  heftige  Gemütsbewe- 
gung des  Sprechenden.  So  gedenkt  die  schöne  Melior  in 
dem  von  Denis  Pyramus  verfassten  altfranzösischen  Epos 
Partonopeus  de  Blois  (ed.  Crapelet  2,  76.  1834.  Nach- 
gewiesen 1875  von  A.  Tobler),  iudem  sie  ihrer  Schwester 
Urrake  von  dem  bevorstehenden  Turniere  berichtet,  dessen 
Verlauf  über  ihre  Vermählung  entscheiden  soll,  ihres  geliebten 
Partonopeus  und  wird  vor  Trauer  ohnmächtig: 

7241     Quant  volt  Partonopeus  nomer, 

Ses  diols  li  trence  son  parier; 

Pasmee  chilt  sor  sa  seror , 

Et  quant  revient  de  sa  dolor, 
7245     Nel  puet  nomer,  et  ne  porquant 

Balbie  l'a  en  sanglotant; 

'Parto,  Parto'  a  dit  sovent, 

Puis  dist  'nopeu'  moult  feblement. 

Konrad  von  Würz  bürg  übergeht  in  seiner  Bearbeitimg 
des  französischen  Rittergedichtes  (Partonopier  und  Meliur  ed. 
Bartsch  1871;  vgl.  Kölbing,  Germanist.  Studien  2,  85)  diesen 
Zug  völlig,  weil  er  die  Rede  der  Königin  in  Erzählung  um- 
setzt. Dagegen  haben  ihn  die  Verfasser  der  niederländischen 
und  der  englischen  Übersetzung,  welche  ihrer  französischen 
Quelle  genauer  folgen,  beibehalten.    In  den  cOuddietsche  Frag- 


1.    Eine  Stelle  in  Ariostos  Orlando  Furioso.  7 

Dienten  vau  den  Parthonopeus  van  Bloys'  ed.  Bormans  1871, 
S.   147  heisst  es  etwas  weitschweifig: 

3745     ETi  als  soe  Parthonopeuse  voort 

Soude  noemen,  benara  hare  twoort 

Die  rouwe,  dien  soe  hadde  groot, 

Eii  viel  op  haerre  suster  scoot 

Tele  iaminerlike  in  ommacht. 
3750     ETi  als  haer  een  lettel  was  ghesacht, 

En  raoeht  soeue  noemen  nict  noch  doe, 

Newaer  al  haprende  seide  soe 

Vele  crankelike:  'Pa  rtho  .  .  .  Part  ho'  .  .  . 

Eii  als  soe  vele  dicke  hadde  also 
3755     Dat  selve  gheseit,  doe  seitsoe  voort 

'Xopeus'  eii  volmaecte  twoort. 

Etwas  knapper  gehalten  ist  The  old  english  Version  of 
Partonope  of  Blois3  ed.  by  AA\  £.  Buckley  1862  p.   195: 

But  wlian  slie  named  Partonope's  name, 

AVhat  for  sorow  and  what  für  shame 

Slie  had  no  power  hit  ones  so  sowne, 
5785     But  l'yll  in  a  new  sodeyn  sowun 

Whan  to  herseif  she  come  ayen 

And  wolld  haue  seyd  Partonope  fayn, 

'Parto  .  Parto'  she  sayd  at  ones 

And  füll  febyly  she  sayd  efte  sones. 
5790     'Xopee'  that  wyth  voys  tremelyng. 

Ähnlich stösst  endlich  auch  in  Wielands  Erzählung  cClelia 
und  SinibakF  (6,  V.  123.  Werke  12,  175  ed.  Hempel)  die 
nachts  von  Sinibald  überraschte  Rosine  einen  solchen  halb 
erstickten  Schreckensruf  aus: 

'Marie  und  Josef!'  ruft  mit  Schrecken, 

Indem  sie  ihn  erkennt,  (wiewohl  vor  Schrecken  nur 

Mir  halbem  L;iut)  die  holde  Kreatur, 

(Der  halbe  Josef  bleibt  ihr  in  der  Kehle  stecken).] 


g  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

2.  Ober  Guerrini,  Croce. 

(Litteraturblatt  für  german.  und  roman.  Philologie  1880,  421 — 424.) 

Öuerrini,  Olindo1),  Lavita  e  le  opere  di  Griulio  Cesare  Croce.  Mono- 
grafia.  Bologna,  presso  Nicola  Zanichelli.  1879.  XIII,  516  S.  8°. 
Fr.  10. 

Dieses  interessante,  dem  fruchtbaren  Bologneser  Volks- 
dichter  G.  C.  Croce  (geb.  1550,  gest.  1609),  dem  Verfasser 
des  berühmten  und  noch  heute  in  Italien  beliebten  Volks- 
buches von  Bertoldo,  gewidmete  "Werk  zerfällt  in  zwei  Teile,, 
in  die  biographisch- literarhistorische  'MonograiiaJ  und  den 
'Saggio  bibliografico'. 

Die  drei  ersten  Kapitel  der  'Monografia'  (S.  1 — 96)  schil- 
dern in  fesselnder  Weise  und,  wie  es  scheint,  mit  sorgfältiger 
Quellenbenutzung  Croces  Leben  und  die  gleichzeitigen  Zu- 
stände des  Kirchenstaates  und  Bolognas,  das  4.  (S.  97 — 141) 
bespricht  zunächst  Croces  Ansehen  und  Dichterruhm,  sodann, 
leider  nur  sehr  im  allgemeinen,  sein  Verhältnis  zur  Volks- 
dichtung und  den  Charakter  seiner  Dichtung  und  endlich 
seine  Stellung  als  Dialektdichter,  die  drei  folgenden  (S.  142 
bis  256)  sind  dem  Bertoldo  und  dessen  Quellen  und  deren 
Geschichte  gewidmet,  und  das  letzte  (S.  257 — 282)  handelt 
von  dem  Bertoldino  und  dessen  Fortsetzung,  dem  Cacasenno, 
sowie  von  dem  späteren  Gedicht  über  Bertoldo,  Bertoldino- 
und  Cacasenno  und  von  den  Übersetzungen  desselben  in  ita- 
lienische Dialekte. 

Croces  Bertoldo  ist  bekanntlich  eine  freie  Bearbeitung 
der  in  die  meisten  Sprachen  Europas  übersetzten2)  und  zum 
Volksbuch  gewordenen  lateinischen  prosaischen  Erzählung  von 
Salomo  und  Marco lfus,  und  daher  hat  sich  unser  Verf. 
veranlasst  gesehen,  zunächst  in  Kap.  5  von  den  übrigen  Sagen 
von  Salomo  und  dann  in  Kap.  6  von  der  Entstehung  und 
Entwicklung  der  Sage  von  Salomo  und  Marcorf  zu  handeln, 
worauf  er  dann  in   Kap.  7    den  lateinischen   Marcolfus    und 


1)  [Als  Dichter  u.  d.  Namen  Lorenzo  Stecchetti  hekannt.] 

2)  [El  Dyalogo  di  Salonion  e  Marcolpho    (Venezia  1502)  a  cura  di 
E.  Lamma.     Bologna  188").  | 


2.   Über  Guerrini,  Croce.  9 

<\en  Bertoldo  eingehend  vergleicht.  Streng  genommen  war 
für  ein  Werk  über  Croces  Leben  und  Werke  eigentlich  nur 
das  letzte  Kapitel  unerlässlich,  die  beiden  vorhergehenden 
hätten  wegbleiben  können.  Aber  gerade  diese  hat  der  Verf. 
mit  sichtlicher  Liebe  und  anerkennenswertem  Fleisse  behan- 
delt. Freilich  ist  die  von  ihm  im  Vorwort  beklagte  Be- 
schränktheit  seiner  litterarischen  Hilfsmittel1)  besonders  hier 
bemerkbar.  So  wären  für  Kap.  5  Hammers  Rosenöl  1.  147 
bis  257  und  Ewalds  Geschichte  des  Volkes  Israel  3  (2.  Ausg.), 
S.  4i Mi  f.  noch  zu  benutzen  gewesen.  Aus  letzterer  würde  er 
auch  erfahren  haben,  dass  das  von  ihm  S.  155  erwähnte 
Testament  Salomos  von  Fleck  im  griechischen  Urtext  und 
danach  von  F.  A.  Bormann  in  der  Zs.  für  historische  Theo- 
logie 14  (1*47).  3,  S.  9  ff.  in  deutscher  Übersetzung  veröffent- 
licht worden  ist.  Wichtiger  ist  es,  dass  ihm  für  Kap.  G  nicht 
bloss  Kembles  'Salomon  and  Saturnus1,  wie  er  selbst  S.  184 
klagt,  unzugäng-  lieh  gewesen,  sondern  auch  Konrad  Hofmanns  422 
Vortrag  'Über  Jourdain  de  Blaivies.  Apollonius  von  Tyrus, 
Salomon  und  Marcolf  in  den  Sitzungsberichten  der  k.  bay- 
rischen Akademie  der  Wissenschaften,  philos.-philol.  u.  bist. 
Kl..  1871,  S.  415  ff.,  und  W.  Schaumberss  'Untersuchungen 
über  das  deutsche  Spruchgedicht  Salomo  und  Morolf  in  Pauls 
und  Braunes  Beiträgen  zur  Geschichte  der  deutschen  Sprache 
und  Litteratur  2  (Halle  1876),  S.  1  ff.,  unbekannt  geblieben 
sind,  wogegen  er  mehrmals  (S.  190.  199,  200 — 202)  das  von 
Schaumberg  nicht  benutzte,  in  russischer  Sprache  geschriebene 
Buch  A.  Wesselofskys  'Die  slavischen  Sagen  von  Salomo  und 
Kitowras  [=  KevravQog]  und  die  westeuropäischen  Legenden 
von  Morolf  und  Merlin'  (St.  Petersburg  1S72,  350  S.  8°) 
citiert.  Die  Kenntnis  der  Schriften  Kembles,  Hofmanns  und 
Schaumitergs  würde  unseres  Verf.'s  Ansichten  wahrscheinlich 
mehrfach  modifiziert  haben:  ich  unterlasse  aber  eine  Er- 
örterung derselben  im  Vergleich  mit  jenen,  teils  des  be- 
schränkten Baumes  wegen,   teils  weil  ich  selbst,   wie  ich  ge- 

M  Diese  zeigt  sich  auch  darin,  dass  er  manche  griechische  und 
römische  Schriftsteller  nach  sehr  alten  Ausgaben  citiert.  so  S.  169  und 
258    den  Gellius   und  den  Aesup  nach  den  Aldinen   von   1515  und  1505. 


10  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

stellen  muss,  in  der  schwierigen  Frage  über  Entstehung  und 
Elitwickelung  der  M arcolf  -  Sage  in  wichtigen  Punkten  noch 
keine  feste  begründete  Ansicht  gewonnen  habe.  [ch  will 
aber  diese  Gelegenheit  nicht  unbenutzt  lassen,  um  öffentlich 
auszusprechen,  wie  bedauerlich  es  ist.  dass  die  erwähnte 
höchst  wichtige  Schrift  t\ef<  so  vielseitigen,  gründlichen  und 
scharfsinnigen  russischen  Forschers  noch  nicht  durch  eine 
Übersetzung  den  des  Russischen  Unkundigen  zugänglich  ge- 
macht worden  ist.  Man  vgl.  über  sie  V.  Jagic  in  seinem 
Archiv  für  slav.  Philol.  1,  106  ff.  u.  131  f.  Auch  wo  in 
Kap.  7  und  8  der  Verf.  den  Ursprung  und  die  Verbreitung 
einzelner  im  Bertoldo,  im  Bertoldino  und  im  Cacasenno  vor- 
kommender Geschichten  und  Schwanke  bespricht,  ist  die 
Beschränktheit  seiner  litterarischen  Hilfsmittel  öfters  wahrzu- 
nehmen. So  bat  er  Oesterleys  Ausgaben  der  Gesta  Romano- 
rum, des  Pauli  und  des  Kirchhof  mit  ihren  reichen  Quellen- 
uud  Parallelennachweisen  nicht  benutzen  können.  Aber  auch 
hier  wie  in  den  vorhergehenden  Kapiteln  ist  anzuerkennen, 
was  der  Verf.  bei  seinen  beschränkten  Hilfsmitteln  doch  ge- 
leistet hat. 

An  die  'MonografiV  schliessen  sich  zunächst  vier  kultur- 
geschichtliche Anhänge  au,  gleichsam  längere  Anmerkungen 
zu  vier  Stellen  der  drei  ersten  Kapitel  (Appendice  A :  Le 
giostre  —  B:  La  eucina  —  C:  Rivolta  degli  studenti  [di 
Bologna]  nell'  anno  1500  —  D:  La  festa  della  Porchetta  [1597] 
S.  283—315).  und  nun  folgt  (S.  318—513)  der  zweite 
Hauptteil  des  Buches,  der  cSaggiö  bibliografico  delle  opere  di 
G.  C.  Croce",  der  gegen  300  Nummern  umfasst  und  den  G. 
wie  er  selbst  S.  XI  sagt,  'con  molta  cura  e  pazienza5  be- 
handelt  hat.  *)     Er  hat  sich  dabei  auch  nicht  mit  einer  rein 


a)  Es  sei,  da  der  Verf.  es  in  seinem  Buch  nicht  erwähnt  hat,  hier 
daran  erinnert,  dass  ein  deutscher  Gelehrter,  Dr.  Lottich,  ehemals 
Erzieher  des  Fürsten  F.  Baciochi  in  Bologna,  eine  reiche  Sammlung 
von  Dichtungen  Croces  zusammengebracht  hatte,  die  in  dem  von  der 
Elwertschen  Universitätsbuchhandlung  in  Marburg  1877  herausgegebenen 
Katalog  seiner  Bibliothek  verzeichnet  und  von  der  Stadtbibliothek  in 
Bologna   gekauft  worden    ist.     Wie  A.  D'Ancona    in  seiner  lesenswerten 


2.  Über  Guerrini,  (iure.  1  1 

bibliographischen  Beschreibimg  begnügt,  sondern  häufig 
mancherlei  Mitteilungen  über  den  Inhalt  einzelner  Werke  und 
aus  ihnen  gemacht.  Diese  .Mitteilungen  erwecken  aber  den 
lebhaften  Wunsch,  dass  es  dem  Verf.  gefallen  möge,  seinem 
Buch  noch  einen  '2.  Teil  folgen  zu  lassen,  in  welchem  die 
Dichtungen  Croces,  der  alle  möglichen  Stoffe  und  Formen 
behandelt  hat.  im  Zusammenhang  und  eingehend  zu  be- 
sprechen und  reichliche  Proben  mitzuteilen  wären.  Dabei 
würden  auch  die  vom  Verf.  aufgefundenen,  aber  für  sein 
Buch  nicht  mehr  benutzten  Hss.  Croces  (s.  S.  325)  auszu- 
nutzen sein. 

Au  diese  Bemerkungen  mögen  sich  einige  Nachträge 
und  Berichtigungen  zu  einzelnen  Stellen  der  'MonogranV  so- 
wohl als  des  'Saggio  bibliografico'  anschliessen. 

S.  1">4.  Z.  10  v.  u.  lese  mau  'AlmadaP  statt  'Almader. 
Z.  <s  v.  u.  'Annulorum5  statt  cde  AunulorumJ,  Z.  1  v.  u.  cmag- 
uetica' statt 'Manetica'.  S.  178,  Z.  13  müsste  es  statt  'i  fram- 
menti  di  Giovanni  Pediasimo'  heissen  'i  versi  di  G.  P.'.  denn 
es  sind  keine  Fragmente.  Sie  gehören  aber  überhaupt  gar 
nicht  her  und  sind  daher  zu  streichen.  —  Wenn  S.  IST  von 
des  Petrus  Alfonsi  Disciplina  Clericalis  gesagt  ist,  sie  sei 
'scritta  nel  latino  maccheronico  d'  allora  e  spesso  oscena5,  so 
ist  beides  unrichtig.  ,  Was  auf  derselben  Seite  von  den  Gesta  423 
Romanoruni  gesagt  ist,  ist  nach  Oesterleys  Einleitung  zu 
seiner  Ausgabe  zu  berichtigen.  Wenn  S.  202  Guerrini  mit 
Verweisung  auf  Wesselofskys  obeu  erwähntes  Buch  (S.  256) 
sagt:  'Cosi  il  raeconto  rabbinico  di  Asmodeo  si  conserva 
chiaro  nella  storiella  attribuita  da  un  anonimo  ad  un  cotal 
Hieronimus  Archely  e  che  sarebbe  veuuto  dalla  Grecia\  so 
bezieht  sich  dies  ohne  Zweifel  auf  das  altdeutsche  Gedicht 
über  Salomo  (Müllenh  off- Scherer,  Denkmäler,  nr.  35),  nach 
welchem  Hieronymus  die  Geschichte  von  Salomo  und  dem 
Drachen   (d.  i.  Aschmedai,   Asmodeo)   in    einem    griechischen 


Anzeige  von  Guerrinis  Buch  in  der  Nuova  Anrologia,  2.  Serie,  Vol.  13 
(l>T'.t),  p.  372,  bemerkt  hat,  fehlen  in  Guerrinis  Saggio  zwei  der  von 
Lottich  besessenen  Dichtungen:  das  'Ali'abeto  del  villano'  und  die  'Laude 
delle  cittä  d'Italia'. 


12  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Buche  'archely'  gefunden  haben  soll.  Ich  verweise  hierzu  auf 
Scherers  Aufsatz  in  der  Zs.  für  deutsches  Altertum  22,  11).  — 
Zu  der  Erzählung  von  Marcolfs  Nachtwache  mit  Salomo 
( S.  215)  verweist'  ich  auf  einen  Aufsatz  von  mir  in  der  Ger- 
mania 18,  147  [oben  2,  266],  auf  einen  von  A.  Wesselofsky 
in  der  Russischen  Revue  8,  287  und  auf  Ralston,  Russian 
Populär  Tales.  S.  371  f.  —  Über  die  Geschiebte  von  der 
Alten,  die  das  Glück  eines  Ehepaares  zu  zerstören  weiss 
(S.  217),  sehe  man  Oesterleys  reiche  Nachweise  zu  Kirchhofs 
Wendunmut  1,  366,  die  ich  noch  vermehren  könnte.1)  —  Zu 
S.  218  (Morolf  im  Bienenstock)  vgl.  auch  zwei  französi- 
sche Volksmärchen  in  der  Melusine  1,  S.  90,  und  in  der 
Romania  8,  233  (nr.  V)  [Sutermeister  S.  169].  -  -  Wenn  (S.  220) 
Marcolfus  sich  die  Gnade  ausbittet,  nur  an  dein  Baum,  den 
er  sich  selbst  dazu  auswähle,  gehängt  zu  werden,  so  vgl. 
mau  das  59.  (und  auch  das  80.)  Beispiel  im  Libro  de  los 
enxemplos  [Krainz,  Mythen  aus  dem  steirischen  Hochlande 
S.  257].  —  Zu  Fagottos  Frage  (S.  '234)  cperche  causa  la  gal- 
lina  nera  fa  l'uovo  bianco'  und  Bertoldos  Gegenfrage 
rperche  causa  lo  staffile  del  Re  fa  venir  nere  a  te  le  chiappe 
di  Fabbriano?3  vgl.  Plutarchs  Symposiaca  2,  1,  12  [Plener. 
Acerra  pliilol.  4,  27  p.  546];  Scelta  di  facetie,  motti,  burle 
e  buffonerie  di  diversi,  cioe  del  Piovano  Arlotto,  del  Gonella, 


M  [Knust  zu  Juan  Manuel,  Conde  Lucanor  1900  S.  386— 396.  Etienne 
de  Bourbon  1877  nr.  245.  Stengel,  De  iudieiis  divinis  1651  2,  586 
(c.  45,  4).  Casalicchio,  L:utile  col  dolee  2,  47.  Somma,  Cento  raeconti 
nr.  32.  Busk ,  Folklore  of  Rome  p.  411.  Archivio  16,  284.  Nie.  de 
Troyes,  Parangon  nr.  32.  Keller,  Fastnachtspiele  2,  497.  H.  Sachs  1,  195 
ed.  Goedeke  =  Fabeln  4,47  ed.  Goetze.  Germ.  3,423.  33,261.  Gryse, 
Laienbibel  1604  Fr.  41.  A.br.  Hossmannus,  Vera  verae  vitae  coniugalis 
constantia  1613  S.  98.  Kühne,  Faustbuch  S.  250  f.  Rebmann,  Nelken- 
blätter 1,1  (1792).  Nestroy,  Werke  1891  S.  261.  Flieg.  Blätter  1849. 
Hein,  Zs.  f.  österr.  Volksk.  1,  43.  74  (Hexenspiel).  Simrock,  Märchen 
nr.  23.  Bartsch  1.  515.  Kehrein  2,  16.  Sehönwerth  3,  86.  Baumgarten 
2,  24.  Llitolf,  Sagen  187.  Kristensen,  Jyske  Folkeminder  4.  342  nr.  441. 
Bäckström,  Sv.  Folkböcker,  Öfv.  152.  Djurklou  63.  Bondeson ,  Sv. 
folksagor  nr.  59.  Wurzbach,  Pohl.  Sprichwörter  nr.  66.  Polivka,  Zs.  f. 
österr.  Volksk.  2,  189  nr.  18;  Archiv  f.  slav.  Phil.  19.  254  nr.  61  f. 
Schleicher,  Litau.  M.  53:     Lidzbarski  S.   156.| 


2.  Über  Guerrini.  Croce.  ]:> 

del  Barlacchia  et  altre  assai  di  diversi,  Vicenza  1661,  S.  159 
(in  P.  Ristel hubers  Contes  et  faceties  d'Arlotto,  Paris  L873, 
nr.  40)  und  L.  Guicciardini,  L'hore  di  ricreatione,  Paris  1  < > -J 4 .  S. 
29  [oben  2.  630]. --Den Nachweisen  auf  S. 235 (Bertoldo  spuckt 
auf  das  kahle  Haupt  des  Fagotto)  füge  man  noch  die  Oester- 
leys  zu  Pauli.  Schimpf  und  Ernst  nr.  475  hinzu.  Wenn  es 
bei  Luscinius  heisst  'Aristippum  idem  fac'titasse  alieubi  legi- 
tur\  so  bezieht  sich  dies  auf  Diogenes  Laertius  II.  §  75.  — 
Über  die  S.  239  f.  berührte  Geschichte  von  dem  neuen 
Adam  oder  der  neuen  Eva.  die  den  Behälter  einer  Maus 
oder  eines  Vogels  aus  Neugier  öffnen,  vgl.  Crane  zu  Vitry. 
Exempla  nr.  13  und  Oesterley  zu  Pauli  398.  Ferner  Romulus 
app.  38.  Yintler.  Blumen  der  Tugend  v.  4934.  Tabeus, 
Maynhinklers  Sack  1612,  Pfaffensack  12.  Grecourt,  Oeuvres 
badines  1881,  p.  144  =  Hagedorn.  Poet.  Werke  2,  145  (1760). 
Quirsfeld,  Histor.  Rosengebüsch  1685.  S.  641.  Thisabo  Redt- 
schor,  AUamodische  Sittenschule  1680,  S.  138.  Der  kurtz- 
weilige  Polyhistor  1719.  S.  87.  Germania  26,  119  nr.  35. 
Zwischenspiel  einer  Rastenburger  Schulkomüdie  1709  (Möller, 
Progr.  Königsberg  1874,  S.  10).  Beaumont,  Magasin  des  eu- 
fants  nr.  4.  Langbein.  Die  neue  Eva  (Gedichte  1,  94.  1820). 
J.  Stutz.  Die  neue  Eva,  Bern  1878.  Aurbacher.  Volksbüch- 
lein 1,  78  =  3  1.  62:  cEi  so  beiss'.  Meier.  Vm.  aus  Schwaben 
nr.  67.  Merkens,  Was  sich  das  Volk  erzählt  2.  155  nr.  185. 
Molbech.  I  dvalgte  eventyr  nr.  2:  cDen  nysgierrige  Rone3 
(Mad.  de  Beaumont).  Winter -Hjelm,  Aeventyrbogen  nr.  31: 
'Kjärringen  som  icke  var  nyfiken3.  Bondeson,  Halländska 
sagor  nr.  35.  Jurkschat,  Litauische  Märchen  1,  75  nr.  37. 
Joos,  Vlaamsche  vertelsels  2,  58  nr.  11.  Somma.  Centn 
raeconti.  Busk.  Folk-lore  of  Rome  p.  341.  1001  Tag  übers, 
von  v.  d.  Hauen   10,    154  (1832).]  Über  die  S.  244  f.  er- 

wähnte, dem  Verf.  aber  unzugänglich  gewesene  Tstoria  di 
Campriano  contadino3  habe  ich  im  Orient  und  Occident  3. 
350—52  [oben  1.  253]  ausführlich  gehandelt.  Dass  dies 
Volksgedicht  die  Bearbeitung  eines  alten  und  ungemein  weit 
verbreiteten  Volksmärchens  ist.  über  welches  man  meine  Zu- 
sammenstellung  im  Orient   und   Occident  2.   486—506    [oben 


14  Zur  neueren^Litteraturgeschichte. 

1.  230],  zu  L.  Gonzenbach,  Siciliaoische  Märchen  nr.  70  u. 
71.  in  der  Germania  18,  15*  und  in  Gröbers  Zs.  für  roman. 
Philol.  2,  350  und  die  E.  Cosquins  in  der  Romania  5,  359  ff. ; 
6,  541  ff.;  7.  589  ff.;  8,  571  fi\  u.  603  vergleiche,  ist  Guer- 
rini  unbekannt  geblieben.  —  Zu  S.  261  (Bertoldino  und  die 
Frösche;  Bertoldino  will  Eier  ausbrüten)  vgl.  1.  Schneller, 
Märchen  aus  Wälschtirol,  nr.  57,  Grimm,  KILM  nr.  7.  und 
Schambach-Müller,  Niedersächs.  Sagen  u.  Märchen,  S.  319  u. 
370:  2.  meine  Anm.  zu  Gonzenbach  nr.  27  [oben  1,  50.  323]. 
S.  264.  Das  ganze  Citat  in  Anm.  2  ist  falsch.  La  Riote 
del  monde  kommt  in  Fr.  Michels  Lais  inedits  nicht  vor.  — 
[S.  268.  Zu  der  Geschichte  von  dem  Deutschen,  der  in  Poggi- 
bonsi  den  Wein  probierte,  bis  er  Todes  verblich  und  von 
seinem  Knechte  die  Grabschrift  erhielt: 

Propter  est,  est,  est 
Dominus  mens  mortuns  est, 

hat  G.  selber  bemerkt,  dass  sie  sonst  von  einem  Fugger  zu 
Montefiascone  erzählt  werde.  Er  hätte  hinzufügen  sollen, 
dass  diese  Geschichte  sich  auf  einen  noch  vorhandenen  Grab- 
stein in  der  1302  erneuerten  Kirche  S.  Fravenno  bei  Monte- 
fiascone stützt,  der  öfter  von  Reisenden  beschrieben  worden 
ist:  so  1612  von  Paul  Hentzner.  Itinerarium  Italiae  S.  353, 
1624  im  Tagebuch  Christians  des  Jüngeren,  Fürsten  zu  An- 
halt (hsg.  von  Krause  1858,  S.  273),  bei  Limberg,  Reise- 
beschreibung 1690,  S.  318;  Keyssler,  Neueste  Reise  1,  574 
(1740):  E.  Speckter,  Briefe  eines  deutschen  Künstlers  1,  385 
(1846).  Vgl.  auch  Tallemant  des  Reaux,  Historiettes  7.  450 
(1858).  Indes  ist  die  Glaubwürdigkeit  der  Erzählung  ver- 
schiedentlich bekämpft  worden:  von  I.  J.  Geysius,  Fabula 
Montefiasconia  (Diss.  Altorf  1680.  4°).  Gottlob  Rothe.  Der 
falsch  befundene  Tod  jenes  Teutschen  Bischoffs,  welcher  sich 
zu  Montefiascon  in  Italien  soll  zu  tod  gesoffen  haben  (Stendal 
o.  J.  4°,  um  1700.  Berliner  Bibl.  Rr  2636),  Süden.  Der  ge- 
lehrte Criticus  1.  259  (1715)  u.  a.  Nach  der  Abbildung  bei 
Ramboux  (Beiträge  zur  Kunstgeschichte  des  Mittelalters  1860, 
Tat".  125)  zeigt  die  Steinplatte  das  Bild  eines  Geistlichen  in 
Mitra   und  Stola   mit    «ekreuzten   Händen:    zu   beiden  Seiten 


er 


2.   über  Guerrini,  Croee.  15 

des  Kopfes  zwei  Wappen  (das  eine  enthalt  einen  springenden 
Löwen  und  drei  Balken,  während  das  Fuggersche  Wappen 
nach  Keyssler  ganz  abweicht)  und  darunter  zwei  Kelche. 
Diese  Becher  hält  Massmann  (Mones  Anzeiger  1834,  215  f.) 
für  die  Zipfel  des  Kopfkissens,  während  ein  Anonymus 
(?  Göttling)  in  der  Zeitschrift  Chaos  1.  4;.i  (1830  nr.  13)  den 
einen  auf  den  Priesterkelch  bezieht  und  den  anderen  als 
Rest  eines  Bischofsstabes  deutet.  Die  stark  verstossene  In- 
schrift, welche  nach  Massmann  später  zum  Scherze  hinzu- 
gefügt ist.  hat  nach  Göttling  einen  völlig  abweichenden  Sinn. 


Ramboux  liest  nämlich  : 

EST  EST  EST  PRT  NIM 
ES  HIC  IOÜFYCI 
EREYS  MORTVS  ES 


Göttling  liest: 

EST  EST  EST  PR  IIMIVM 
EST  HIC  10  DFVS  DI 
MEVS  MORTVS  EST 


Und    während  Ramboux    u.  a.    einen  Johannes   de  Fugarer  in 


b' 


der  2.  und  3.  Zeile  erkennen  wollen,  deutet  Göttling  die  In- 
schrift theologisch:  'Est,  est,  est;  pater  hominnm  est;  hinc 
ideo  deus  dominus  Jesus  mens  mortuus  estD,  d.  h.  'Ja  es  ist, 
es  ist,  es  ist  so;  es  ist  ein  Vater  der  Menschen,  und  darum, 
dies  zu  bezeugen,  ist  mein  Herr,  der  göttliche  Jesus,  ge- 
storben'. Ohne  eine  eigene  Entscheidung  zu  fällen,  verweisen 
wir  noch  auf  die  älteren  Anspielungen  bei  Fischart  (Ge- 
schichtklitterung c.  4,  S.  84  Aisleben)  und  Moscherosch  (Ge- 
sichte Frankf.  1647  1.  812  =  Strassb.  1650  2,  258),  sowie 
auf  die  Dichtungen  von  Wilhelm  Müller  (Gedichte  2,  64.  1868) 
und  A.  Kopisch  (Gedichte  1836,  S.  25:  Est  est  est).] 
S.  331.  Von  der  neugriechischen  Übersetzung  des  Ber- 
toldo  liegt  mir  ein  Venediger  Druck  von  1*47  vor.  Es  giebt 
auch  eine  illirische  Übersetzung  des  Bertoldo,  1857  zu  Zara 
erschienen  und  betitelt  'Nasradin  iliti  Bertoldo'.  d.  h.  CN.  oder 
B/  Man  hat  hier  nämlich  dem  Bertoldo  den  Namen  des 
berühmten,  auf  der  ganzen  Balkanhalbinsel  bekannten  Schwank- 
helden Nasr-eddin  (Nasradin)  [oben  1,  481]  gegeben.  -  -  S.  392. 
Das  hier  von  dem  Verf.  erwähnte  Testament  um  M.  Grunnii 
Corocottae  Porcelli  ist  zuletzt  und  zum  erstenmal  kritisch 
herausgegeben  worden  von  Moriz  Haupt  in  dem  Berliner 
Index  Lectionum   für    das   Sommerhalbjahr    1860,   wiederholt 


\Q  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

in  seineu  Opuscula  2,  175—83.  —  S.  394,  nr.  104:  'Kco 
artificiosa\  Ich  benutze  diese  Gelegenheit,  um  auf  Vittorio 
Imbrianis  schönen  Aufsatz  'L'Eco  responsiva  nelle  Pastorali 
Italiane.  1.  Cinquecento"  in  dem  Giornale  Napoletano  di  filo- 
sofia  e  lettere.  Vol.  2  (Napoli  1872),  S.  279—314,  dessen 
Fortsetzung  leider  nicht  erschienen  ist.  aufmerksam  zu  machen. 
Von  Croces  'I  Fresehi  della  Villa'  (S.  396.  nr.  110)  hat 
dem  Verf.  nur  ein  defektes  Exemplar  eines  bologneser 
Druckes  von  1617  vorgelegen.  Die  Grossherzogl.  Bibliothek  zu 
Weimar  aber  besitzt  ein  vollständiges  Exemplar  eines  anderen 
Druckes  'In  Bologna,  &  in  Firenze.  alle  Scale  di  Badia',  ohne 
Jahreszahl,  wonach  sich  Guerrinis  Inhaltsangabe  ergänzen  lässt. 
Es  folgt  nämlich  in  diesem  Druck  auf  die  Terzinen  'Napoli- 
tana5  S.  59  ein  Sonett  'Sopra  il  bei  Naso  d'vn  Giouane",  dann 
folgen  S.  60  drei  'Stanze  alla  Grazianesca'  in  bologneser  Dia- 
424  lekt,  beginnend:  j  'Qnand  barba  Titon  s'  lieua  su',  und  endlich 
zum  Schluss  S.  61 — 63  'Echo  in  Barzelletta\  beginnend:  'Hör 
cht'  io  sono  in  questo  boscoJ.  —  S.  403,  nr.  115:  'Iudice  uni- 
versale della  Libraria  o  studio  del  celebratiss.  Arcidottore 
Graciau  Furbson  da  Franculiu".  In  Gustave  Brunets  'Essai 
sur  les  Bibliotheques  imaginaires'  (bei  Le  Bibliophile  Jacob. 
Catalogue  de  la  Bibliotheque  de  l'Abbaye  de  Saint-Victor. 
Paris  1862,  S.  277 — 390)  ist  diese  imaginäre  Bibliothek  nicht 
erwähnt.  —  S.  431,  nr.  161:  'La  Pidocchia  ostinataJ. 
Zur  Ergänzung  von  Guerrinis  Bemerkungen  vgl.  man  Noels 
Ausgabe  der  Facetiae  des  Poggius  2.  51,  Oesterleys  An- 
merkung zu  Pauli  nr.  595,  J.  F.  Blade,  Contes  populaires 
recueillis  en  Agenais.  S.  42,  und  meine  Anmerkung  dazu 
S.  155.  und  füge  ausserdem  noch  hinzu  Anecdotes  historiques, 
Legendes  et  Apologues  tires  du  recueil  inedit  d'Etienne  de 
Bourbon,  dominicain  du  13.  siecle,  par  A.  Lecoy  de  la  Marche, 
Paris  1877,  nr.  242,  und  Fischarts  sämtl.  Dichtungen,  hrsg. 
von  H.  Kurz  2.   154  [Montanus,  Schwankbücher  S.  622]. 

Schliesslich  haben  wir  noch  die  schöne  äussere  Aus- 
stattung des  Buches  zu  rühmen,  aber  zu  bedauern,  dass  die 
nichtitalienischen  Büchertitel  und  Citate  durch  Druckfehler 
so  oft  entstellt  sind. 

Weimar,  3.  August  1880. 


3.  Zu  Eulenspiegel.  17 

3.  Zu  Eulenspiegel. 

(Weimarisches  Jahrbuch  5,  477-480.     1856.) 

Im  4.  Baude  des  Jahrbuches  S.  15  f.  hat  Karl  Goedeke 
mehrere  Ergänzungen  und  Nachträge  zu  Lappenbergs  Aus- 
gabe des  alteu  Volksbuchs  von  Eulenspiegel  mitgeteilt.  Ihnen 
mngen  sich  noch  folgende  Nachträge  anreihen. 

Die  6.  Historie  (von  Eulenspiegel  und  dem  Bäcker  zu 
Stassfurt)  wird,  wie  Lappenberg  bemerkt,  in  den  dem  fran- 
zösischen Dichter  Francois  Vi  Hon  zugeschriebenen,  vor  1495 
gedruckten  'Gastmählern  ohne  Zeche"  (Repeues  franches)  uud 
in  der  ersten  Ausgabe  der  Pauli  sehen  Schwänkesammlung 
[Kap.  651]  von  einem  Landstreicher  erzählt;  ebenso  findet  sieh 
nach  Lappenberg  die  57.  Historie  (wie  Eulenspiegel  den  Weiu- 
zapfer  im  Rathause  zu  Lübeck  hintergeht)  in  dem  genannten 
französischen  Werke,  doch  so,  dass  die  Scene  dort  in  einem  ge- 
wöhnlichen Wirtshause  spielt.  |  Beide  Eulenspiegelstreiche  47) 
begegnen  uns  aber  auch,  und  zwar  vereint,  in  einem  Gedichte 
des  15.  Jahrhunderts,  welches  Keller  in  seinen  später  als  das 
Lappenbergsche  Werk  [1855]  erschienenen  'Erzählungen  aus 
altdeutschen  Handschriften"  S.  104  zuerst  herausgegeben  hat. 
In  diesem  Gedichte  'von  drei  Gesellen,  die  in  ein  Stat 
kamen,  und  wie  sie  Wein,  Brot  und  Fisch  daselbs  zu  Wegen 
brachten,'  betrügt  der  eine  Gesell  einen  Bäcker  ganz  so  wie 
Eulenspiegel  den  Stassfurter,  nur  dass  er  das  Brot  aus  dem 
Anne  und  nicht  wie  Eulenspiegel  aus  einem  Sacke  in  den  Schmutz 
fallen  lässt,  und  dass  er,  während  der  ihn  begleitende  Bauern- 
junge sich  danach  bückt,  ausreisst.  da  hingegen  Euleuspiegel 
den  Jungen  mit  dem  beschmutzten  Brote  zurückschickt,  um 
ein  anderes  zu  holen,  und  so  entkommt.  Der  andere  Gesell 
schafft  eine  Flasche  Wein,  indem  er  einen  Wirt  vermittelst 
zweier  Flaschen,  einer  leeren  und  einer  mit  Wasser  gefüllten, 
die  er  gelegentlich  unter  seinem  Mantel  verwechselt,  ebenso 
täuscht  wie  Eulenspiegel  den  lübischen  Ratskellerwirt.  End- 
lich auch  das.  was  vom  dritten  Gesellen  erzählt  wird,  erinnert 
an  eine  Geschichte  von  Iuileuspiegel.     Der  Gesell   giebt  sich 

Kollier.  Kl.   Schriften.  III.  2 


1  (S  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

nämlich  für  einen  Klosterknecht  ans,  kauft  für  sein  vorgeb- 
liches Kloster  bei  einem  Fischer  Fische  und  lässt  sich  einen 
Knaben  mitgeben,  um  das  Geld  zu  empfangen,  richtet  aber 
alles  so  ein,  dass  er  mit  den  nicht  bezahlten  Fischen  ent- 
kommt, der  Knabe  dagegen  von  den  Mönchen  kein  Geld 
erhält,  vielmehr  für  besessen  gehalten  wird.  Dies  erinnert 
wenigstens  einigermassen  an  die  71.  Historie,  wonach  Eulen- 
spiegel einem  "Wirte  in  Hannover,  bei  dem  er  Schulden  ge- 
macht, vorlügt,  der  Pfarrer  sei  sein  Bürge,  dem  Pfarrer  aber, 
der  Wirt  sei  besessen,  —  ein  Schwank,  dessen  anderweites 
Vorkommen  Lappenberg  nachweist. 

Zu  der  80.  Historie  (wie  Eulenspiegel  den  Wirt  mit  dem 
Klang  von  dem  Geld  bezahlt)  hat  Lappenberg  die  gleichen 
Geschichten  aus  den  Cento  novelle  antiche  [8]  und  aus 
Pauli  [48],  welcher  letztere  als  seine  Quelle  den  berühmten 
Kanonisten  Johannes  Andrea  anführt,  beigebracht.  Goedeke 
oben  4,  16  bemerkt,  dass  auch  den  Persern  der  Schwank 
bekannt  gewesen  sei.  Ich  erinnere  daran,  dass  Rabelais 
im  37.  Kapitel  des  3.  Buchs  seines  Gargantua  und  Pantagruel 
die  Geschichte  erzählt,  und  zwar  ziemlich  so  wie  Pauli,  mit 
dem  er  aus  gleicher  Quelle  geschöpft  hat.  Rabelais  giebt 
479  nämlich  als  solche  ebenfalls  den  Andrea  an,  |  fügt  aber  hin- 
zu, dass  nach  diesem  auch  andere  Juristen  (Panormus,  Bar- 
batias  und  Jason,  welchen  Regis  in  die  Anmerkungen  zum 
Rabelais  S.  456  noch  den  Bartholus  anreiht)  die  Geschichte 
erzählt  haben.  [H.  Sachs,  Dichtungen  ed.  Goedeke  1,  '221. 
AVetzel,  Die  Reise  der  Söhne  Giaffers  ed.  Fischer  und  Bolte 
1896  S.  209—211.] 

Lappeuberg  führt  nur  von  zwei  Eulenspiegelschen  Schwänken 
[Hist.  63  und  71]  eine  Bearbeitung  durch  Hans  Sachs  an 
(S.  265  und  271,  vgl.  S.  301);  es  hat  aber  der  Nürnberger 
Meister,  in  dessen  kleiner  Büchersammlung  sich  auch  ein 
Eulenspiegel  —  wir  wissen  leider  nicht,  in  welcher  Ausgabe 

befand  (s.  Hertels  Mitteilungen  über  die  in  Zwickau  auf- 
gefundenen Handschriften  von  H.  Sachs,  im  Zwickauer  Gym- 
nasialprogramm  1854,    S.  5   [Goedeke,   Archiv   für   Littgesch. 


3.  Zu  Eulenspiegel.  19 

7,  2]),  mehrere  Historien  vom   Eulenspiegel  behandelt.     Wir 
führen  sie  alle  an  nach  der  Zeitfolge  ihrer  Abfassung. 

1538  entstand  aus  der  17.  Historie  das  Meisterlied 
'Der  EulenspiegeP  (Fabeln   ed.  Goetze  3,  108  nr.  39). 

1538  bearbeitete  H.  Sachs  die  92.  Historie  als  Meisterlied 
'Des  Eulenspiegels  Testament' (Sämtliche  Fabeln  und  Schwanke 
ed.  Goetze  3,  210  nr.  96)  und  1539  als  Spruchgedicht  (ebd.  1. 
KU   nr.   HU). 

1539  die  (59.  Historie  als  Meisterlied  'Der  Eulenspiegel 
im  Bad'  (ebd.  3,  217  nr.  100).  Die  97.  Historie  der  Er- 
furter Ausgabe  von  1532  (Lappenberg  S.  143)  als  Meisterlied 
'Eulenspiegel  mit  dem  Prems"  (ebd.  3,  219  nr.  101).  Die 
13.  Historie  als  Meisterlied  'Des  Eulenspiegels  Osterspiel  zu 
Püdenstete0  (ebd.  8,  223  nr.  103).  Die  32.  Historie  als 
Meisterlied  'Der  Heukersteg"  (ebd.  3,  225  nr.  104)  und  als 
Spruchgedicht  (ebd.   1,  173  nr.  50). 

1546  die  31.  Historie  als  Meisterlied  'Eulenspiegel  mit 
dem  HeiltunV  (Goedeke,  H.  Sachs  1,  203)  und  1563  als 
Spruchgedicht  (s.  unten).  —  Die  80.  Historie  als  Meister- 
lied 'Eulenspiegel  mit  dem  Wirt'  (Goedeke  1,  227).  Die 
63.  Historie  als  Meisterlied  'Euleuspiegels  Disputation'  und 
1554  als  Spruchgedicht  (s.  unten).  Die  38.  Historie  als 
Meisterlied  'Eulenspiegel  mit  der  Kellnerin'  und  1553  als 
Fastnachtspiel  (s.  unten).  —  Die  30.  Historie  als  Meisterlied 
'Das  Pelzwaschen  Eulenspiegels'  und  1556  als  Fastnachtspiel 
(s.  unten). 

1547  die  71.  Historie  als  Meisterlied  'Eulenspiegel  mit 
den  Blinden"  (Lappenberg  S.  272)  und  1553  als  Fastnachtspiel 
(s.  unten). 

1548  die  3.  und  4.  Historie  als  Meisterlied  und  Spruch- 
gedicht 'Eulenspiegel  auf  dem  Seil'  (Fabeln   1,  311    nr.  110). 

Die  24.  Historie  als  Meisterlied  und  Spruchgedicht 
'Eulenspiegel  mit  dem  Schalksnarren  im  Land  zu  Polen1 
(ebd.   1,  318  nr.   111). 

1550  die  48.  Historie  als  Meisterlied  'Eulenspiegel  war 
ein  Schneider'  (ebd.  1,  370  nr.  138)  und  später  als  Spruch- 
gedicht. 


20  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

1551  die  55.  Historie  als  Meisterlied  'Eulenspiegel  mit 
der  Katzen'  (ebd.  1,  354  nr.  131)  und  später  als  Spruch- 
gedicht.] 

Die  71.  Historie  von  Eulenspiegel  mit  den  zwölf  Blinden 
und  dem  Wirte  hat  Hans  Sachs  in  einem  Fastnachtspiele 
vom  4.[?]  September  1553  'Der  Eulenspiegel  mit  den  Blinden3 
[Werke,  Folio-Ausgabe  3,  3,  73b  =  14,  288  ed.  Keller  = 
Fastnachtspiele  ed.  Goetze  5,  1  nr.  51]  bearbeitet;  der  Ort 
der  Handlung  ist  aber  bei  ihm  nicht  Hannover,  sondern 
Egelsheim,  und  die  Zahl  der  Blinden  ist  auf  drei  beschränkt. 
[Stiefel,  Germania  36,  31.] 

Das  Fastnachtspiel  aus  demselben  Jahre  vom  Hj.  De- 
zember 'Der  Eulenspiegel  mit  der  Pfaffenkellerin  und  dem 
Pferd'  [Folio-Ausgabe  4,  3,  21a  =  17,  80  ed.  Keller  =  Fast- 
nachtspiele ed.  Goetze  5.  84  nr.  58]  entspricht  der  38.  His- 
torie. Das  Dorf  des  Pfarrers  heisst  auch  bei  H.  Sachs 
Risenburg,  statt  des  Bischofs  von  Halberstadt  nennt  er  den 
Merseburger,  und  den  Herzog  von  Braunschweig  sucht  bei 
ihm  Eulenspiegel  in  Braunschweig,  nicht  in  Wolfenbüttel 
auf.     [Stiefel,  Germ.  36,  40.  37,  218.] 

Die  63.  Historie  von  Eulenspiegel  als  Brillenmacher  gab 
dem  H.  Sachs  Stoff  zu  seinem  Schwanke  vom  29.  August  1554 
'Eulenspiegels  Disputation  mit  einem  Bischof  ob  dem  Brillen- 
machenJ  [Folio- Ausgabe  2,  4,  60a  =  9,  256  ed.  Keller  = 
Fabeln  ed.  Goetze  2,  396  nr.  146].  Der  Bischof,  den  H.  Sachs 
nicht  näher  bezeichnet,  begiebt  sich  bei  ihm  nicht  nach 
Frankfurt,  sondern  zu  einem  Reichstage  nach  Worms. 

[1556  die  27.  Historie  als  Meisterlied  und  Spruchgedicht 
'Eulenspiegel  wart  ein  Maler'  (Schweitzer,  Etüde  sur  Hans 
Sachs  1887  p.  447).] 

Das  Fastnachtspiel  vom  30.  November  1557 'Euleuspiegel 
mit  dem  blauen  Hostuch  mit  dem  Bauern  [Folio-Ausgabe  5, 
3,  350b  =  21,  49  ed.  Keller  =  Fastnachtspiele  7,  37  nr.  77] 
ist  die  68.  Historie.  Der  Ort  der  Handlung  ist  auch  bei 
H.  Sachs  Oltzen  (d.  i.  Clzen).     [Stiefel,  Germ.  36,  57.] 


3.  Zu  Eulenspiegel.  21 

Nach  einem  Zwischenräume  von  mehreren  Jahren  fin- 
den wir  in  dem  Fastnachtspiele  vom  12.  Februar  1562  [viel- 
mehr am  f).  Februar  1556.  Folio-Ausgabe  5,  3,  366  b  =  21, 
11(5  ed.  Keller  =  Fastnachtspiele  6,  121  nr.  72]  wieder 
einen  Schwank  von  Eulenspiegel  'Eulenspiegel  mit  dem  Belz- 
wascheu  zu  Trügstetten3  entsprechend  |  der  30.  Historie.  Im  -180 
Eulenspiegel  heisst  das  Dorf  Nigstetten  in  Thüringen,  von 
H.  Sachs  ist  der  Name  in  Trügstetten,  Trugstetten,  Trugen- 
stetten,  offenbar  wegen  Erinnerung  an  Trug  und  trügen,  ver- 
ändert worden.  [Stiefel,  Germ.  36,  52.]  Zum  ersten  Teile 
der  Historie  vergleiche  man  auch  H.  Sachsens  cGesprech 
eines  Abenteurers  mit  eim  Bauern  und  Bäuerin  die  Wahrheit 
betreffend'  [Folio-Ausgabe  1,  4,  453  b:   1554]. 

Endlich  die  31.  Historie  hat  H.  Sachs  zu  dem  Schwanke 
vom  12.  August  1563  'Eulenspiegel  mit  seinem  Heiltum' 
[Folio-Ausgabe  5,  3,  412  b  =  21,  332  ed.  Keller  =  Fabeln 
2.  485  nr.  337]  verwendet.  Auch  er  verlegt  die  Geschichte 
nach  Pommern  und  versäumt  nicht,  einen  Ausfall  gegen  faule 
und  liederliche  Priester  zu  machen.  Statt  des  heiligen  Bran- 
danus, dessen  Haupt  Eulenspiegel  im  Volksbuche  ebenso 
wie  sein  Vorgänger,  der  Pfaffe  Amis  in  dem  nach  ihm  be- 
nannten altdeutschen  Gedichte,  zu  besitzen  vorgiebt,  nennt 
H.  Sachs  den  S.  Stolprianus.  Es  ist  das  ein  scherzhafter- 
weise ersonnener  Heiliger.  In  dem  Fastnachtspiele  von 
H.  Sachs  'Der  Bauer  mit  dem  Safran5  [Folio-Ausgabe  5,  3, 
349b  =  21.  47  ed.  Keller]  sagt  einer: 

Als  ich  vorm  Thor  gestolpert  bin  : 
Kam   mir  der  Stolprian  in  Sinn. 

Derartigen  fingierten  Heiligen,  wie  z.  B.  S.  Schweinhardt, 
S.  Reblinus,  S.  Grobianus,  S.  Kolbmann,  S.  Kosmann, 
S.  Nimmerlein  u.  a.,  begegnet  man  in  unserer  und  in  der 
ausländischen  komischen  Litteratur,  sowohl  volkstümlicher 
als  gelehrter,  nicht  selten;  und  ich  werde  gelegentlich  aus- 
führlicher über  diese  wunderlichen  Heiligen  sprechen. 
[Häuften,  Caspar  Scheidt  1889  S.  22.  Strauch,  Anzeiger  f. 
d.  Altert.   18,  379.     Fränkel,  Germania  36,   186 f.] 


■>■>  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


Dies  sind  die  Historien  vom  Eulenspiegel,  die  H.  Sachs 
behandelt  hat.  Wem  alle  Ausgaben  Eulenspiegels,  die  bis 
dahin  erschienen  waren,  vorliegen,  der  wird  wohl  bei  genauerer 
Vergleichung  nachweisen  können,  welche  Hans  Sachs  benutzt 
hat.     [Es  wird  die  Erfurter  Ausgabe  von  1532  gewesen  sein.] 


4.  Zu  dem  Gedicht  von  Hans  Sachs 
cDie  achtzehen  Schön  einer  Jungfrauen1.1) 

(Germania  11,  217—221.     1866.) 

Hans  Sachs  hat  [1.327]  ein  Gedicht  verfasst,  welches  'Die 
achtzehen  Schön  einer  Jungfrauen'  überschrieben  ist  und  also 

beginnt: 

Nechten  zu  Abend  ich  spaciert 

Auf  freiem  Mark  und  phantasiert 

Zu  machen  ein  neues  Gedicht. 

In  dem  da  kam  mir  zu  Gesicht 
5     Ein  Jungfrau,  gar  höflich  geziert, 

Gar  adelich  geliedmasiert, 

Dergleich  ich  mein  Tag  nie  het  gsehen. 

Dess  ward  ich  zu  mir  selber  jehen: 

'Wahrhaft  die  Schön  der  Jungfrau  da 
10     Vergleicht  der  Schön  Lucretia.' 

Dess  ich  mich  gleich  verwundern  gund 

Und  da  geleich  stockstiller  stund 

Und  dacht,  wer  nur  die  Jungfrau  wer. 

In  dem  die  zart  trat  zu  mir  her 
15     Mit  leisen  Tritten,  Fuss   für  Füss, 

Und  grüsset  mich  mit  Worten  süss 

Und  sprach,  wess  ich  thet  warten  hie. 

Ich  sprach:  'Zart  Jungfrau,  merket  wie. 

Ich  steh  zu  schauen  euer  Schön, 


*)  [Diesen  Aufsatz  hat  V.  Imbriani  mit  einigen  Zusätzen  ins 
Italienische  übersetzt  in  seiner  Ausgabe  von  Sarnellis  Posilecheata  1885 
S.  120 — 128.  —  Vgl.  auch  R.  Renier,  II  tipo  estetico  della  donna  nel 
medioevo  1885  p.  119—121.] 


4.  II.  Sachs,  Die  achtzehen  Schön  einer  Jungfrauen.  23 

20     Die  ich  ob  allen  Weihen  krön, 

Wann  ich  Bach  nie  schöner  Figur. 

Der  siben  Schön  tragt  ir  ein  Kur, 

Die  doch  all  siben  traget  ir.' 

Da  sprach   die  zart  Jungfrau  zu  mir : 
25     'Seind  denn  der  Schön  nit  mehr  denn  siben? 

Wo  habt  ir  das  funden  geschrieben?' 

Ich  sprach:  eIch  hab  bei  meinen  Tagen 

Von  siben  Schönen  hören  sagen.'  | 

Sie  sprach:  cDer  Schön  sind  wol  achtzehen,  218 

30     Die  natürlichen  Meister  jenen. 

Die  werden  aussgetheilt  darbei 

In  sechs  Theil,  jeder  Theil  hat  drei. 

Drei  kurz  sind  im  ersten  Anfang, 

Darnach  in  dem  andren  drei  lang, 
35     Und  zu  dem  dritten  sind  drei  lind, 

Und  zum  vierten  drei  schneeweiss  sind, 

Und  zum  fünften  drei  rosenrot, 

Zum  sechsten  drei  kolschwarz  sind  not.' 

Im  folgenden  teilt  dann  die  Jungfrau  dem  Dichter  auf 
sein  Befragen  mit,  welchen  Teilen  des  Körpers  jene  Eigen- 
schaften zukommen;  wir  aber  müssen  dem  neugierigen  Leser 
überlassen,  dieses  Nähere  bei  Hans  Sachs  selbst  nachzulesen. *) 

Wenn  Hans  Sachs  sagt: 

'Ich  hab  bei  allen  meinen  Tagen 
Von  siben  Schönen  hören  sagen', 

so  müssen  wir  annehmen,  dass  zu  seiner  Zeit  'sieben  Schön- 
heiten der  Frauen5  sprichwörtlich  waren,  und  man  sollte 
daher  erwarten,  denselben  öfters  in  der  Litteratur  jener  Zeit 
zu  begegnen.  Ich  meinerseits  kann  bis  jetzt  nur  zwei  Stellen 
nachweisen,  wo  sie  erwähnt  werden,  eine  ebenfalls  bei  Hans 
Sachs,  eine  andere  bei  Fischart.  In  dem  Fastnachtspiel  des 
Hans  Sachs   'Der  alt  Buler   mit  der  Zauberei'  (Werke  2,  4, 


r)  Werke  1,  S.  507  der  Nürnberger  Ausgabe  von  1558  oder  1,  S.  380 
der  von  1589  [=  5,  176  ed.  Keller  =  Fabeln  und  Schwanke  ed. 
Ooetze  1,  1.  -  -  Ein  Meisterlied  gleichen  Inhalts  von  1547  bei  Goedeke, 
Dichtungen  von  H.  Sachs  1,  253  =  Fabeln  und  Schwanke  4.  -  -  Stiefel 
<H.  Sachs-Forschungen  1894  S.  34)  betrachtet  Bebel  als  die  Quelle  für 
den  Nürnberger  Dichter.--  Agricola  Tabeus,  Maynhincklers  Sack  1612 
nr.  49.] 


24  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

22a  der  Nürnberger  Ausgabe  von  1590  [=  9,  120  ed.  Keller 
=  Fastnachtspiele  ed.  Goetze  5,  137])  sagt  ein  verliebter 
Alter  von  seiner  Geliebten: 

'Und  wenn  ich  die  Wahrheit  soll  jehen, 
Hets  der  sibn  Schön  wol  dreizehen.' 

Und  Fischart  sagt  in  der  Geschichtklitterung  (Kap.  (> 
[S.  112  ed.  Alsleben  1891])  von  der  Braut  Grandgosiers: 
'Sie  hatte  die  vier  Schöne  anstatt  der  vier  Tugenden,  ja  der 
sibn  Schöne  wol  vierzeheu,  samt  dem  Löchlin  im  Backen, 
wann  sie  lacht,  und  dem  Grüblin  im  Kinn.3  [Die  Stelle  wird 
unter  dem  Namen  des  Rablesius  citiert  von  P.  Lauremberg, 
Pasicompse  nova,  i.  e.  accurata  delineatio  pulchritudinis 
1634  S.  93.  —  Schon  Hans  Folz  (Keller,  Fastnachtspiele  1, 
72.  c)  bemerkt:  'Sie  hat  der  siben  schon  wol  dreizehen'. 
Seh  ei  dt  macht  zu  seiner  Verdeutschung  von  Dedekinds 
Grobianus  (1551,  Neudruck  1882  v.  2129)  die  Randnotiz: 
'Sie  hat  die  sieben  schön,  sie  sind  aber  umgewent.'  Ayrer 
(2,  967,  23  ed.  Keller)  verwertet  dieselbe  Redensart  wie  Folz 
und  Hans  Sachs: 

Man  sagt,  ein  "Weib  hab  sieben  Schön; 
Ach  Herr,  was  solt  meim  Lieb  abgehn, 
Dass  sie  der  nicht  vierzehen  hat ! 

Und  in  der  Weimarischen  Zeitung  1881,  18.  Sept.  (nr.  219: 
Handwerksgesellen  -Wanderleben)  wird  als  altes  Sprichwort 
angeführt :  'Selbst  die  Hässlichste  hat  noch  sieben  Schön- 
heiten." Auf  diese  weitverbreitete  Regel  scheint  auch  ein 
Meisterlied  der  Kolmarer  Handschrift  (ed.  Bartsch  1862 
S.  350)  zu  zielen,  wenn  es  wie  in  bewusstem  Gegensatze  an- 
hebt: 'Siben  tilgende  sol  ein  ieclich  frouwe  haben." 

Eine  Aufzählung  dieser  sieben  Schönheiten  ist  uns  in 
dem  Münchener  Cod.  germ.  379  vom  Jahre  1454  auf  Bl.  218a 
erhalten: 

'Das  sind  die  siben  schien,  die  ein  iegtliche  fraw  sol  haben:  das 
ist  die  erst  die  lang  vnd  weyss  vnd  pran  vnd  rot  vnd  swartz  vnd  knrtz 
vnd  hört.  —  Das  erst  ist  die  leng,  das  sy  gerad  sey  vnd  lang  seyten 
vnd    lang    finger.  -       Die    ander:    weyss    von    angesicht  vnd    ein  wetz. 


4.  H.  Sacht?,  Die  achtzehen  Schön  einer  Jungfrauen.  25 

hör1)  vnd  weyss  zen.  —  Das  tryt,  pran:  zwey  praune  äugen  vnd  [?]  pran 
vnd  ein  praune  t'ml.  Das  vierd,  rot:  ain  rotten  mund  vnd  rotten 
häcklin  vnd  ein  roten  fad  inwendig.  —  Das  fünft  ist  swartz:  zway 
swartzen  äugen  vnd  ein  swartz  arsloch  an  dem  hindern.  - —  Das  sechst 
ist  kurtz:  kurtzen  prustlin  vnd  kurtz  fussz.  —  Das  s  i  b  e  n  [t]  hört: 
zwey    hörtten  pristlen    vnd    ein    härtten  ars.' 

Vgl.  The  figure  of  seven  (Halliwell,  Fugitive  tracts  and 
ehap-books  1849  p.  7  f.  Percy  Society  20.)] 

Um  so  mehr  war  ich  überrascht,  in  italienischen  Liebes- 
liedern, wie  sie  in  neuerer  Zeit  aus  dem  Volksmund  ge- 
sammelt worden  sind,  die  'sieben  Schönheiten'  zu  finden,  und 
zwar  nicht  nur  im  allgemeinen  erwähnt,  sondern  auch  einzeln 
aufgeführt.  Ich  glaube  den  Lesern  der  Germania,  denen  die 
italienischen  Volksliedersammlungen  nicht  zur  Hand  sind,  einen 
Gefallen  zu  erweisen,  wenn  ich  hier  diese  lieblichen  und  wohl- 
klingenden Liedchen  mitteile. 

Ein  toscanischer  Rispetto  bei  Tommaseo,  Canti  popolari  1,  21» 
46  (danach  auch  bei  Tigri,  Canti  popolari  toscani,   2da  ediz., 
pag.  22,  nr.   79)  lautet: 

Sette  bellezze  vuole  aver  la  donna, 
Prima  che  bella  si  possa  chiamare  : 
Alta  dev'  esser  senza  la  pianella, 
E  bianca  e  rossa  senza  su'  lisciare: 
Larga  di  spalla,  e  stretta  in  centurella: 
La  bella  bocca,  e  il  bei  nobil  parlare. 
Se  poi  si  tira  su  le  bionde  trecce, 
Decco  la  donna  di  sette  bellezze. 4] 

Ahnlich    die    vicentinische  Vilota    bei  Alverä,  Canti   popolari 

tradizionali   vicentini,   Vicenza    1848,   nr.    87    =  Pasqualigo, 

Canti  popolari  vicentini,  Venezia  1876,  nr.  "2GJ: 

Sete  belezze  deve  aver  la  dona, 
Prima  che  bela   si   fäcla  chiamare; 
Alta   da  tera   senza  la  pianela; 
Presta  e  legiadra  nel  suo  caminare; 


')  [Lies  weiss  har ;  d.  h.  blonde  Haare.  Vgl.  Imbriani  zu  Samelli 
S.   124  über  'capelli  bianchi'.] 

■)  Ich  erinnere  die  Leser  an  die  schöne  Anzeige,  mit  welcher 
Jacob  Grimm  in  dieser  Zeitschrift  2,  380  die  Tigrische  Sammlung  ge- 
ehrt hat  [=  Kleinere  Schriften  7,426.] 


2ß  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Bianca  de  late  senza  lavailura  ; 
Rossa  de  rosa  senza  farsi  bela ; 
Coi  bei  muri  e  con  le  Monde  drezze; 
Questa  e  la  dona  de  sete  belezze. 

Ferner  das  ligurische  Lied  bei  Marcoaldi,  Canti  popolari 
inediti  umbri,  liguri,  piceni,  piemontesi,  latini,  Genova  1855, 

pag.   77: 

Sette  bellesse  a  deve  avei  'na  fija, 
Prima  che  bella  si  possa  chiamare: 
A  deve  esse'  bella  e  galantin-na, 
Grasiusetta  nel  so'  raxunare; 
Larga  di  s'palle,  streita  di  sentüra, 
Quella  si  chiaraa  bella  di  natura: 
E  gli  occhi  neri  colle  biunde  tresse : 
Quelle  si  cliiamu  le  sette  bellesse. 

t 

[Gianaudrea,  Canti  popolari  marchigiani  1875  S.  199: 

Sette  bellezze  1'  ha  da  ave'  la  donna, 
Prima  che  bella  se  possa  chiamare; 
Dev'  esse'  alta  senza  la  pianella, 
Bianca  e  rossetta  senza  fasse  bella; 
La  deve  avere  'na  bella  statura, 
Larga  de  petto  e  stretta  de  cintura ; 
Du'  occhi  neri  con  du'  biunde  treccie, 
Queste  se  puo  chiama'  sette  bellezze. 

Ive,  Canti  popolari  istriani  1877  S.  39: 

Siete  belisse  gä  d'avi  oüna  duona, 
Che  vol  che  biela  duona  seia  ciamata  ; 
La  gä  d'avire  dui  bai  uoci  in  tiesta, 
In  uel  parlä  la  gä  da  iessi  unista. 
La  ga  d'avi  oüna  biela  vardadoüra, 
Slarga  in  le  spale  e  strita  in  la  cintoüra, 
E  alta  e  strita  cume  oüna  culuona; 
Quila  se  ciamareia  oüna  biela   duona. 

Ähnlich  Bernoni,  Canti  popolari  veneziani  1,  1  und  Corazzini, 
1  minori  componimenti  della  lett.  ital.  1877  S.  192.  A.  d'Ancona, 
La  poesia  populäre  italiana  1878  S.  248  f.] 

Unvollständig  sind  die  Schönheitea  in  einem  zweiten  bei 
Alverä  nr.  86: 

Sete  belezze  ghe  vole  a  una  dona, 
Avanti  la  se  fac,a  ciamar  bela; 


4.  H.  Sachs,  Die  aehtzehen  Schön  einer  Jungfrauen.  27 

Prima  de  tuto  una  bela  andatura, 
Larga  de  spale  e  streta  in  la  cintura; 
Prima  de  tuto  un'  andatura  bela, 
Larga  de  spale  e  streta  in  eenturela; 
Prima  de  tuto  de  un  bei  cao  de  drezze, 
E  quele  se  ciama  la  sete  belezze.  | 

Ebenso   in    einem   veronesischen   bei   Righi,    Saggio    di    canti    220 
popolari  verouesi,  Verona  (1863),  pag.   15: 

Sete  beleze  ghä  d'aver  'na  dona, 
Quando  che  bela  se  vol  far  chiamare; 
Larga  de  spale  e  streta  in  zenturela, 
Sete  beleze  ghä  d'aver  'na  bela; 
I  oci  mori  cole  bionde  treze, 
Quele  se  ciama  le  sete  beleze. 

Endlich    erwähne    ich    noch    ein    latinisches    Lied   (Marcoaldi 

pag.   131),  in  welchem  der  sieben  Schönheiten  gedacht  wird: 

Oh  vedi  quant'  e  hello  il  paradiso! 
E  tu,  bellina,  nel  viseo  ce  l'hai. 
Sette   cose  ci  vo'  per    compi1  '1  viso, 
E  tu,  bellina,  tutte  e  sette  Thai. 
E  te  ne  manca  una  sul  bei  viso, 
Solo  che  l'oochi  neri  tu  non  hai; 
Ma  siete  tanto  bella  di  persona, 
Che  vi  stä  bene  Pocchi  bianchi  ancora. 

Gegenüber  den  sieben  Schönheiten,  von  denen  Hans 
Sachs  sein  Lebtag  hat  sagen  hören,  stellt  also  iu  dem  Ge- 
dicht die  schöne  Jungfrau  nach  der  Lehre  der  natürlichen 
Meister'1)  achtzehn  Schönheiten  auf. 

Ob  min  wirklich  in  irgend  einem  gelehrten  Werk  des  Mittel- 
alters von  den  achtzehn  Schönheiten  gehandelt  wird, 
ist  mir  unbekannt2):  wohl  aber  kann  ich  ähnliche  Aufzählungen 


!)  In  Albrecht  von  Eybes  Ehebüchlein  findet  sich  dieser  Ausdruck 
mehrfach,  und  er  bezeichnet  Naturkundige  und  Philosophen. 

2)  [Aus  dem  Cod.  Riccardianus  688  teilt  Wesselofsky  (Novella  della 
figlia  del  re  di  Dacia  186(3  S.  XXV)  folgendes  Sonett  mit: 
Ad  essere  perfectamente  bella, 
Diciotto  cose  vuole  la  donna  avere : 

Prima  essere  lunga  senza  pianella  (hoc  in  Boemia) 

La  braccia  e'l  collo  ancora  al  mio  parere.    (hoc  in  Bavaria) 
Poi  vuole  avere  corto  la  mamella, 


28  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

der  zu  einer  vollkommenen  weiblichen  Schönheit  notwendigen 
Eigenschaften  beibringen,  die  alle  das  gemeinsam  halten,  dass 
immer  eine  Eigenschaft  je  drei  Teilen  des  Körpers  zuge- 
teilt wird.  Ich  begnüge  mich,  im  folgenden  nur  kurze  Nach- 
weist' zu  geben  und  überlasse  dem  Leser  die  Einsicht  und 
die  V ergleich ung  der  Aufzählungen.  Die  älteste  mir  bekannte 
derartige  Zusammenstellung  ist  ein  französisches  Gedicht  vom 
Jahr  1332  cCe  sont  les  divisions  des  soixante  et  dnuze 
beaute  qui  sont  en  dam  es3  in  Meons  Nonveau  recueil  de 
t'ahliaux  et  contes  inedits  1,  407  ft".  Weiter  nichts  als  ein 
unvollständiger  prosaischer  Auszug  aus  diesem  Gedicht  ist 
die  Liste  von  sechzig  Schönheiten  hinter  dem  Gedicht 
cLa  louenge  des  damesJ  in  A.  de  Montaiglons  Recueil  de 
poesies  fran^oises  des  XV  et  XVI  siecles,  Paris  1857,  ly 
299  ff.  [=  Fischart  ed.  Kurz  3,  438],  wozu  man  auch  Brunei, 
Manuel  du  libraire.   5ifeme  ed.,  3,    1182  [und  Bull,  de  la  Soc. 


La  barba  e  i  denti,  dovete  sapere, 
Et  vuole  esser  sottile  in  cinturella, 
Sottili  dita  e'l  naso  dee  seguire.  (hoc  in  Polonia) 

Del  collo  vi  dico  anco  una  novella: 
Vuol  esser  grosso,  le  coste  e'l  sedere,     (hoc  in  Lombardia) 
Et  si  vuole  essere  bianca  di  natura 

I  denti  e   gli  occhi,  cioe  il  bianco,  bianeo 
E'l  nero  vuol  essere  nero  a  dismisura, 

E  poi  le  ciglia  vuole  avere  nere  anco, 
Nero  vuole  essere  quello  etc. 

Ebenso  giebt  in  der  spanischen  'Historia  de  Teodor  la  donsella" 
(Knust,  Mitteilungen  aus  dem  Escurial  1879  S.  513)  das  kluge  Mädchen 
18  Zeichen  der  Schönheit  an:  'luenga  en  tres  (estado,  cuello,  dedos)> 
pequenna  (boca,  naris,  pies),  ancha  (cadenas,  espaldas,  fruente),  bianca 
(cuerpo,  dientes.  bianco  de  los  ojos).  prieta  (cabellos,  cejas,  prieto  de 
los  ojos),  bermeja  (labros,  mexillas,  ennas)'.  Nach  Knust  S.  618  soll 
diese  Beschreibung  der  arabischen  Vorlage  des  Werkes  ähnlich  sein,, 
doch  findet  sich  in  der  bei  Hammer  -  Zinserling  (1001  ^N'acht  1823  1, 
207 — 260:  'Teweddud  oder  die  gelehrte  Sklavin)  übersetzten  Version 
derselben  nichts  Entsprechendes.  —  Auf  H.  Sachs  geht  ein  Nürnberger 
gedrucktes  Flugblatt  des  Peter  Isselburg  (im  Germanischen  Museum. 
Weller,  Annalen  2,  479)  zurück,  dessen  Verfasser  sich  Pamphilus- 
Parthenophilus  nennt.  —  Eine  Arie  von  Kurz-Bernardon 
druckt  E.  Schmidt,  Zs.  f.  Volkskunde  5,  358  ab.] 


4.  H.  Sachs,  Die  achtzehen  Schön  einer  Jungfrauen.  29 

des  anc.  textes  franc.  1">.  111.  1889;  sowie  Houdoy,  La  beaute 
des  femmes  dans  la  litt.  1876  p.  48]  vergleiche.1)-  [Fünf- 
zehn Schönheiten  linden  wir  bei  Sacchetti  (hnbriani  zn 
Sarnelli  S.  124)  und  in  den  Facezie  e  motti  dei  secoli  XV  e 
XVI,  1874  S.  66:  'Ire  cose  nere,  blanche,  piceole,  lurighe, 
grosse.']  -  Ein  und  zw  an-  j  zig  Schönheiten  zählt  Heinrich  221 
Bebel  in  seinem  Adagia  Germanica  auf,  s.  Bebeliana  opus- 
cula  nova,  Argent.  Jo.   Grüninger    1508,    F   Vllh  Hebels 

Proverbia  germanica  bearb.  von  Suringar  1879  S.  4(1  nr.  152, 
dazu  S.  275],  dann  auch  in  das  3.  Buch  der  Facetiae  [1660  p. 
217]  aufgenommen.  —  Ein  lateinisches  Gedicht  in  Distichen 
über  die  dreissig  Schönheiten  von  Franciscus  Corniger 
[Triginta  hec  habeat,  que  vult  formosa  vocarf  etc.  Auch  bei 
Kegis  zu  Kabelais  2,  204  und  Kurz  zu  Fischart  3,  43G. 
Melander,  Joci  atque  seria  1603  nr.  176]  teilt  Joannes  Nevi- 
zanus  in  seinem  wunderlichen  1521  erschienenen  Werke 'Silva 
nuptialis3  mit  (Bl.  40b;  in  späteren  Ausgaben  Liber  II,  §  93), 
wo  er  zugleich  auf  zwei  denselben  Gegenstand  behandelnde, 
mir  unzugängliche,  italienische  Gedichte  des  Vincentius  Calmeta 
hinweist. 2)  Auf  Cornigers  Gedicht  sind  zurückzuführen  das 
anonyme    deutsche  Gedicht  'Dreissig  Stück    werden   an   einer 


x)  ['Belle  femme  doit  avoir  troys  longa,  eourtz,  blancs,  durs,  noirs, 
gros,  gresles,  grans,  molz,  joincts,  larges,  haultz,  gras,  simples,  bas, 
fcraittiz,  fosseluz,  avant,  petis,  dangereux'.]  Montaiglon  hat  das  Gedicht 
bei  Meon  nicht  gekannt  und  verglichen:  sonst  hätte  er  p.  299  nicht 
'Longues  (cuisses)',  sondern  'Long  nez'  geschrieben. 

2)  Auf  Xevizans  Hochzeitswald  verweist  Fischart  in  dem  oben 
angeführten  Kapitel  der  Geschichtklitterung,  und  A.  M.  von  Thümniel 
teilt  in  einer  Anmerkung  seiner  'Reise  in  die  mittäglichen  Provinzen 
von  Frankreich'  (Werke,  Leipzig  1839,  5,  191)  das  ganze  Gedicht 
Cornigers  mit  —  aber  ohne  diesen  zu  nennen  und  als  wäre  es  von 
Kevizanus  selbst.  [Nach  dem  Wortlaute  der  Ausgabe  von  1521  aber  hat 
der  sonst  unbekannte  Corniger  nicht  30,  sondern  34  Stücke  der  Schön- 
heit aufgezählt  und  wäre  somit  nicht  der  Verfasser  jener  neun  Distichen. 
Vgl.  Bayle,  Dictionnaire  bist,  et  crit.  s.  v.  Helene,  Anm.  B.  -  Auch  die 
Angaben  Xevizans  über  Calmeta  hat  Imbriani  S.  125  als  ungenau  er- 
wiesen; das  von  ihm  citierte  Gedicht  'Dolce  Flaminia3  rührt  weder  von 
Calmeta  her,  noch  behandelt  es  überhaupt  unser  Thema.  Über  die 
gleichfalls  bei  Nevizan  erwähnte  Ekloge  Ter  dar  riposta'  s.  unten  S.  30.) 


30  ^ur  neueren  Literaturgeschichte. 

recht  schönen  Jungfrau  erfordert'  in  dem  'Kurtzweiligen  Zeit- 
vertreiber von  C  A.  M.  v.  W.,  o.  0.  [1666  S.  234  =]  1668, 
S.  234  f.,  dann  auch  in  dem  'Politischen  und  kurzweiligen 
Stock-Fisch  von  Christoph  Platt- Miss'.  Frölichs-ßurg  1724, 
S.  104  ff.,  und  das  Gedicht  von  Hoffmannswaldau  'Abbildung 
der  vollkommenen  Schönheit'  in  Herrn  von  Hoffmannswaldau 
und  anderer  Deutsehen  ....  Gedichten,  Leipzig  1697,  Teil  2, 
S.  (')•>  ff.  Endlich  stimmt  mit  Corniger  fast  ganz  überein  die 
spanische  Liste  von  dreissig  Schönheiten,  die  Brantöme  in 
seiner  Abhandlung  'De  la  vue  en  amour"  (Oeuvres  completes, 
Paris  1822,  7,  229)  nach  der  Mitteilung  einer  spanischen 
Dame  giebt  [:Tres  cosas  blancas :  el  cuero,  los  dientes  y 
las   manosJ  etc.  Kurz   zu  Fischart   3,  440  =   Imbriani   S. 

123,  vgl.  144  (F.  Alunno).  Ein  französisches  Sonett  bei 
Cholieres,  Matinees  1585  p.  167  =  Labyrinthe  d'Amoiir  1615 
liv.  2  :  Sur  les  beautes  de  la  femme  :  'Celle  qui  veut  paroir 
des  belies  la  plus  belle'  .  .  .  (daraus  in  der  Anthologie 
satyrique  2,  183.  1877)  =  Espion  anglais  10,  204.  —  Drei- 
unddreissig  Schönheiten  begegnen  in  einer  anonymen 
italienischen  'Eglogha  pastoral  de  Philebo  e  Dinarcho  pastorP, 
die  Imbriani  (1885  S.  125 — 128)  aus  dem  1515  gedruckten 
'Compeudio  de  cose  nove  di  Vincenzo  Calmeta  et  altri  auctorP 
wiederholt  hat  (Tre  cose  longlie,  curte,  larghe,  strette,  grosse, 
subtili,  rotonde,  piecole,  Manche,  rosse,  negre);  ferner  bei 
Francesco  Alunno,  Della  fabrica  del  mondo  1570  libro  9 
(Imbriani  S.  113)  und  Sarnelli,  Posilecheata  1885  S.  5.  So 
heisst  er  auch  in  einem  in  Borgetto  aufgezeichneten  italienischen 
Volksliede  (Casetti  ed.  Imbriani,  Canti  popolari  delle  prov. 
merid.  1871  1.  201):  'Bedda,  chi  trentatri  biddizzi  aviti. 
Auf  die  gleiche  Zahl  spielt  Wieland  im  Oberou  6,  39  an: 

Von  allen  drei  und  dreissig  Stücken, 

Womit  ein  schönes  Weib,  sagt  man,  versehen  ist,  .  .  . 

Iliitt'  er  kein  einzigs  gern  an  seiner  Braut  vermisst. 

Wenn  F.  Pyat  in  seinem  Schauspiele  'Diogene'  (1846  I,  2: 
'Toi,  Aspasie,  avec  tes  trente-deux  qualites')  nur  32  Stücke 
erwähnt,   so  mag    dies    auf  einem    Gedächtnisfehler   beruhen. 


4.  H.  Sachs,  Die  achzehen  Schön  einer  Jungfrauen.  .'5  \ 

Statt   der   in  allen   diesen   Schönheitskatalogen    üblichen 

Gruppierung  nach  Triaden  weist  eine  arabische  Liste,  die 
E.  W.  Laue  in  seiner  Übersetzung  der  1001  Nacht  (ed.  by 
Poole  18()">  1,  26)  anführt,  eine  Einteilung  in  Tetraden  auf. 
Lane  schöpft  aus  'an  unnamed  author  quoted  by  El-Is-häkee 
(Al-Ishäqi)  in  Ins  account  of  the  'Abbasee  Khaleefeh  El- 
MatawekkiP:  Tour  things  in  a  woinan  should  he  black  (the 
hair  of  the  head,  the  eyebrows,  the  eyelashes,  and  the  dark 
part  of  the  eyes);  four  white  (the  complexion  of  the  skin,  the 
white  of  the  eyes,  the  theeth,  the  legs);  four  red  (tongue,  lipsT 
middle  of  the  cheeks,  gums);  four  round  (head,  neck,  fore-arms, 
ankles);  four  long  (back,  fingers,  arms,  legs);  four  wide 
(forehead,  eyes,  bosom,  hips);  four  fine  (eyebrows,  nose,  lips, 
fingers);  four  thick  (lower  part  of  the  back,  thicks,  calves 
of  the  legs,  knees);  four  sraall  (ears,  breasts,  hands,  feet).  In 
another  analysis  of  the  same  kind  (Kitäb  el-'Ouwan  fee 
Mekaid  en-Niswän)  it  is  said  that  four  should  be  short  (hands, 
feet,  tongue,  teeth);  but  this  is  metaphorically  speaking;  the 
meaning  is,  that  these  members  should  be  kept  within  their 
proper  bounds3. 

Eine  türkische  Liste  von  52  Schönheiten  in  der  Zs.  der 
d.  morgenl.  Ges.  30,  1G2.  —  Neun  Stücke  zählt  eine 
italienische  Frottola  des  15.  Jahrhunderts  (Gargiolli,  Pro- 
pugnatore  14,  2,  289),  die  auf  Jacopo  Alighieris  Dottriuale 
cap.  52  (Renier,  11  tipo  della  donna  p.  172)  zurückgeht.  Bei 
letzterem  werden  jedoch,  obwohl  der  Titel  'Nove  bellezze 
umaneJ  lautet,  vielmehr  zehn  Schönheiten  beschrieben. 


Neben  diesen  Verzeichnissen  und  bisweilen1)  mit  ihnen 
verbunden  gehen  Beschreibungen  einher,  welche  die  einzelnen 
Körperteile  aus  verschiedenen  Ländern  entlehnen.  So 
steht  in  dem  schon  citierten  Münchener  Cod.  germ.  379,  Bl.  218b 
folgende  Priamel: 


M    In    dem    S.   27  f.    nach  Wesselofsky    abgedruckten   italienischen 
Sonett,  bei  Bebel  und  Fischart. 


32  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Ein  haüptlin  von  Pehem 

Vnd  zway  pristlen  von  Swaben 

Vnd  ein  leyblin  von  Östdrich, 

Den  ist  >y  wo!  vngeleich, 

Vnd  ein  ars  von  Boland 

Vnd  ein  payriss  f.  dauran 

Vnd   zway  hendlach   von   Pr  au  wand 

Vnd  zway  fiesslach   vom  Kein: 

Das  mag  wo!  ein  stdiiene  fraw  sein. 

Ausführlicher  bei  Zingerle,  Wiener  Sitzungsber.  54,  321 
(1866):  Ton  Prag  ein  haupt  aus  PehamlantJ,  20  Verse.  Fu- 
tilitates  germanicae  medii  aevi  1864,  S.  7.  Eschenburg,  Denk- 
mäler 1799,  S.  397  und  Lessings  Beiträge  5,  204:  'Ein  weih 
nach  hübschheit  als  ich  sag3.  Liederbuch  der  Hätzlerin 
S.  LXVIII:  cAin  haubt  vou  Behmer  land3.  Recueil  von  allerhand 
Oollectaneis  9,  47  (1720):  'Ein  schönes  Weib  von  Wunsch  ich 
sag'.  Eiselein,  Sprichwörter  1840,  S.  86.  Bebel,  Proverbia 
ed.  Suringar  Nr.  151  =  Facetiae  1660  S.  211.  Contes 
d'Eutrapel  1585,  S.  65a: 

Qui  veult  belle  femme  querre, 
Preigne  visage  d'Angleterre, 
Qui  n'aye  mammelles  normandes, 
Mais  bien  un  beau  cors  de  Flandres, 
Ente  sur  ung  cul  de  Paris: 
II  aura  femme  a  son  devis. 

Vgl.  Kurz  zu  Fischart  3,  439.  465.  Danach  Cats,  Spiegel 
van  den  ouden  en  nieuwen  tijt  (Werken  1,  457  =  Bebel  ed. 
Suringar  S.  274):  'Wilt  gy  een  hups,  een  rustigh  wijf. 
Percy's  Folio-mser.,  Loose  songs  1868,  p.  112:  'Bring  a  face 
out  of  England,  a  backe  out  of  France,  a  bell  y  from  Flanders3. 
Ein  italienisches  Sonett,  das  Renier  im  Giornale  stör,  della 
lett.  ital.  7,  301  mitteilt,  beginnt: 

Se  tu  vuoi  fare  donna  bella  a  niano, 
Io  la  fornisco  di  cotal  arnese, 
Fronte  di  Grecia  e  l'occhio  Senese, 
Ungharo  il  ciglio,  e  il  capo  Marehiano  etc. 

Vgl.  Renier,  II  tipo  estetico  1885,  p.  140  f.  Reinsberg-Dürings- 
feld,  Internationale  Titulaturen  1 ,  8  (1863)  und  Jahrb.  f. 
roman.    Litt.    9,   203.     Marcoaldi,  Cauti  liguri    1855,    p.    87. 


4.    Die  achtzehen  Schön  einer  Jungfrauen.  ;',;', 

Ive,  Canti  istriani  1877,  ]>.  48.  Ferraro,  Canti  monferrini 
1870,  p.  138.  Pitre  bei  Renier.  G.  Blauco,  El  seno  de  las 
mujeres  1878,  p.  30.  Carvajal  im  Cancionero  de  Lope  de 
Stuniga  1872,  p.  377. 

Zum  Schlüsse  sei  es  verstattet,  auf  ein  paar  Beschreibungen 
eines  guten  Pferdes  aufmerksam  zu  machen,  die  entweder 
ähnlich  wie  jene  Schönheitslisten  angeordnet  sind  oder  die 
Eigenschaften  der  Rosse  mit  denen  anderer  Tiere  oder  gar 
der  Frauen  vergleichen.  Nach  den  Novelle  autiche  (ed.  Biagi 
Inno.  nr.  96)  muss  ein  treffliches  Pferd  besitzen  cquattro  cose 
lunghe  (collo,  ganbe,  angine,  eoda),  4  larghe  (petto,  groppe, 
bocha,  nare),  4  corte  (ginnte,  dosso,  orechi,  coda)\  Eben- 
so im  Libro  di  Sidrach  ed.  Bartoli  1868,  c.  368  und  im 
französischen  Sydrac  c.  444  (Romania  13,  536).  —  Nach  dem 
Strassburger  Rätselbuch  ed.  Butsch  1876,  nr.  135  soll  ein 
Pferd  zehn  Eigenschaften  haben,  je  zwei  vom  Hasen,  Esel, 
Wolf,  Fuchs  und  von  der  Frau.  Eine  englische  Regel  (Wright- 
Halliwell,  Reliquiae  antiquae  1,  232.  1841)  nennt  15  cproper- 
tyes  and  condicions3,  je  drei  vom  Mann,  Weib,  Fuchs,  Hasen, 
Esel:  ähnlich  eine  französische  bei Montaiglon, Poesies  francoises 
6,  198  (15  nach  Jungfrau,  Fuchs,  Hirsch,  Esel,  Rind).  Koddige 
en  ernstige  Opschriften,  Amsterdam  1690,  S.  227  (18  Schön- 
heiten nach  Pfau,  Fuchs,  Hase,  Wolf,  Esel,  Jungfrau). 
Meijer,  Oude  nederl.  Spreuken  eu  Spreekwoorden  S.  105 
(ebenso).  Der  Vergleich  zwischen   Pferd  und  Weib  ist  in 

einem  Flugblatte  von  1618,  'Kurtze  vnnd  eigentliche  Be- 
schreibung deren  16  Eygenschafften,  welche  ein  Pferdt  an  sich 
haben  soF  (Weller.  Anualen  2,  477)  durchgeführt:  ebenso  in 
Georg  Kiemsees  gereimter  'Erklerung,  wie  ein  Pferd  vnd 
ein  Frauensperson  in  vielen  Stücken  einander  gleichen  sollen' 
1624  (Weller  1,  388).  Ein  Sonett 'Comparaison  de  la  femme  au 
cheval'  findet  sich  in  Le  cabinet  satyrique  1,  220  (1667).  Folk- 
lore Journal  2,  106.--  Eine  gereimte  Aufzahlung  der  'Anlaster" 
eines  Rosses  (84  v.)  hat  Ettmüller  in  Mones  Anzeiger  1834,  175 
herausgegeben;  vgl.  Romania  24,  446:  'Dit  du  cheval  ä  vendre3. 

Noch  entfernter  steht  eine  altfranzösische  Regel,  nach 
der    guter    Wein    zwanzig    Buchstaben    halten    muss:    '■'>    B 

Köliler.  Kl.  Schriften.    III.  ^ 


34  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

(bons,  beu8,  bevale)  3  C  (court,  clers.  crespe),  3  N  (net7 
oeays,  naturels),  3  S  (sek,  sayn,  sade),  8  F  (freit,  fresche, 
fryant,  f remissaunt,  furmentel,  feire,  fyne,  fraunceys),  bei 
Jubinal,  Nouveau  reeueil  de  contes  2,  290  (1842).  Doch 
mag  uns  dafür  folgendes  der  Form  nach  verwandte  Epigramm, 
du*  bei  Abele,  Gerichtshändel  1,  19  und  im  Lyrum-larum 
dt.  272  zu  finden  ist,  zu  unserm  Thema  zurückleiten: 

Quam  sis  ducturus,  teneat  P  quinque  puella: 
Sit  pia,  sit  prudens,  pulchra,  pudica,  potens.] 

Weimar,  März  1865. 


5.  Zu  den  zwei  Sprüchen  von  Paris. 

(Alemannia  3,  135.     1875.) 

Ich  mache  darauf  aufmerksam,  dass  dem  von  Crecelius 
oben  3,  46  beschriebenen  cuss  dem  frantzösischen  vertütschten3 
Buch1),  welchem  die  'zwei  Sprüche  von  Paris"  (3,  47 — 53) 
entnommen  sind,  offenbar  zwei  französische  Werkchen  zu 
Grunde  liegen,  über  welche  man  in  Brunets  Manuel  du  libraire, 
5.  ed.  1,  383  (Artikel:  Archevechez)  und  4,  1452  (Artikel: 
Rues)  näheres  findet. 

Das  zweite  dieser  Werkchen:  cLes  rues  et  eglises  de 
Paris"  etc.,  welches  infolge  von  Umstellung  des  Inhaltes  auch 
u.  d.  T.  'Les  cris  de  Paris'  etc.  gedruckt  ist,  liegt  mir  in 
einer  bei  Nicolas  Oudot  zu  Troyes  1663  gedruckten  Ausgabe 
und  in  dem  ebenfalls  nach  einer  Troyeser  Ausgabe  des 
17.  Jahrhunderts  besorgten  Abdruck  in  P.  L.  Jacobs  Sammel- 


x)  [Zacharias  Bletz,   'In   disem  biechly    wirt  heyter  anzeigt    vnnd 
verstand  geben,  wie  vil  Erzbistum,  bistum.  hertzogthum,  graffschaft'ten  in 

der  edlen  Cron  zu  Franckrych    erfunden  vnd  gregiert   werden' 

Basel,  Lux  Schouber  1536.  —  Über  den  auch  als  Dichter  von  Fastnacht- 
spielen  zu  Luzern  thiltigen  Übersetzer  vgl.  Bächtold,  Geschichte  der 
deutschen  Litteratur  in  der  Schweiz  1892,  S.  336.  416;  Anm.  S.  87.] 


6.  Das  älteste  bekannte  deutsche  Sonett.  35 

werk  'Paris  ridicule  et  burlesque  au  dix-septieme  siecle' 
(Paris  1859)  S.  297 — 370  vor,  und  dadurch  bin  ich  in  der 
Lage,  über  die  zwei  Sprüche  von  Paris  folgendes  mitteilen 
zu  können.  Der  'Spruch  des,  so  der  die  statt  Paryss  umb- 
gangen  ist5  ist  eine  leidlich  treue  Übersetzung  des  strophischen 
Gedichtes  cLe  tour  de  la  ville  de  Paris'  (bei  Jacob  S.  363  f.); 
dagegen  ist  der  Spruch  'Was  der  gemeyn  bruch  ist,  alle  tag 
zu  Paryss  an  den  gasseu  uss  zu  ruften'  keine  Übersetzung  des 
Gedichtes  fLes  cris  de  Paris"  (Jacob  S.  299  f.),  sondern  eine 
ganz  freie  Urnarbeitimg  desselben1). 


6.  Das  älteste  bekannte  deutsehe  Sonett  und 
sein  italienisches  Original. 

(Archiv  für  Literaturgeschichte  9,  4—8.     1S80.) 

Auf  der  Rückseite  des  Titelblattes  der  1554  erschienenen 
cApologiJ  Bernardino  Och  in  os  (1)  steht  ein  Sonett  CA1  Christia- 
nesmo  bastardo3.  Christoff  Wirsung,  der  1556  eine  deutsche 
Übersetzung  dieser  'Apologf  veröffentlichte  (2),  hat  auch  das 
Sonett  mitübersetzt,  und  zwar  gleichfalls  in  Sonettform,  und 
auch    bei   ihm   steht   es   auf   der   Rückseite    des    Titelblattes. 

Es  ist  dies  deutsche  Sonett  das  älteste  bis  jetzt  in 
deutscher  Sprache  nachgewiesene,   und    als  solches   ist  es  in 

')  [Über  ähnliche  Sammlungen  von  Stras  s  enausr  uf  en  vgl.  Bolte, 
Alemannia  22,  164.  Ferner:  Fourncl,  Les  rues  du  vieux  Paris  1879, 
S.  499 — 572.  G.  Kastner.  Les  voix  de  Paris  1857.  Recueil  des  plusieurs 
Chansons  nouvelles,  Lyon  1576,  p.  225  =  Sommaire  de  tous  les  recueils 
de  chansons,  Lyon,  1576  p.  200.  Criees  municipales  de  Marseille  ed. 
Lientaud  1873.  —  Niederdeutsches  Korrespondenzblatt  18,  66.  Hübbe  und 
Suhr.  Der  Ausruf  in  Hamburg  1808.  Zs.  f.  Volkskunde  9,  349.  Deisch, 
Danziger  Ausrufer  1887.  Imbriani,  La  novellaja  fiorentina  1877  p.  48. 
Archivio  12,  446  (Certeux,  Les  cris  de  Londres  1893)  und  15,  331.  341 
(Neapel.     Florenz).] 

3* 


3(3  Zur  neueren   Litteraturgeschicbte. 

neuerer    Zeit    schon   dreimal    wieder  abgedruckt   worden  (3), 
aber  stets  ohne  das  italienische  Original. 

Dies  vorausgeschickt,  mögen  hier  nun  das  italienische 
Sonett  und  die  deutsche  Übersetzung  in  genauem  Abdrucke 
folgen. 

AL   CHRISTI  ,\  X  ESMO     | 

r.  ASTAKDO.     | 

SON.     | 

ü  Secol  piu  ch'  ogni  altro  i'ciocco  e   Ctolto, 

Bestiale,  ignorante,  e  cieco  mondo, 

Poi  che  pur  ti  fei  tutto  in  fi  profondo 

E  tenebrofo  abisso  immerfo  e  inuolto. 
Poi  che  cofi  ti  fei  tutto  fepolto 

X'el  caos  che  non  ha  ne  fin  ne  fondo 

D'errori,  e  doue  il  piu  fetido  e  immondo 

Stereo  d'impietä  tutto  e  raecolto.  | 
31a  cofi  auuiene  ä  chi  le  ciliare  e  pure 

Fonti  del  ver  lafeiando,  fi  riduce 

AI  le  rotte  eifterne,  e  d'humor  vote: 
E  cui  dilettan  l'atre  nebbie  ofeure 

De  la  menzogna,  el  la  ferena  luce 

Di  Veritä  piu  foftener  non  puote. 

V.  10  ist  im  Original  'riduce'  gedruckt. 

Zu  dem  Baft ardischen  | 
Cli  riftenthumb. 

O  zeit  für  andere  torecht  toll, 
0  weit  on  witz,  blind,  viehifch,   vnd 
Die  gantz  vnd  gar  in  finftern  fcblund 
Verfenckt,  verftrickt,  vnd  mangels  voll. 

Du  ligft  ye  vergraben  wol 
Im  Chaos,  da  kein  end  noch  grund 
Der  jrthumb.  gftanck,  kot,  vngefund, 
Da  all  Gottlofigkeit  fein  foll. 

So  gfchicht  dem  der  den  brunnen  klar 
Der  warheit  laft,  vnd  fücht  erftert 
Cifternen,  die  on  f a ff t  vnd  leer, 
Liebt  Cchwartzen  nebel.  tuneklen  gfar 
Der  lüg:  das  er  das  bell  liecht  werdt 
Der  warheit  nit  kan  dulden  mehr. 


t>.  Das  älteste  bekannte  deutsche  Sonett.  37 

Vers  11  fehlt  hinter  'leer'  im  Druck  von  1556  »las  Komma,  steht 
aber  in  «lern  von  1559.  —  V.  13  hat  der  Druck  von  1559  lug'.  -  V.  14 
hat  der   Druck   von    1559  ein   Komma   hinter  'warheit. 


A  l)  m  e  r  k  u  n  g  e  n. 

(1  i  Das  höchst  seltene,  mir  in  dem  Exemplar  der  Königlichen 
öffentlichen  Bibliothek  zu  Dresden  ('Ex  Bibliotheca  Bünaviana')  vor- 
liegende Büchlein  ist  betitelt: 

Apologi  nelli  quali  SI  SCVOPRANO  LI  ABVSI,  |  SCIOCHEZE, 
SVPERSTITIO  ;  ni,  errori,  idolatrie  et  impieta  della  i'inagoga  |  delPapa: 
*\  Cpetialmente  de  l'uoi  preti,  rao-  |  naci  &  frati.  j  Opera  ini'ieme  vtile  & 
dilectuole.  (Holzstoek :     Ein    Palmbaum,    daneben     links    ein    halb- 

bekleideter Mann  oder  Knabe  emporspringend  und  einen  Zweig  herab- 
ziehend. Links  PRESSA  VA-;  rechts  LENTIOR.  Unter  dem  Holzstock 
die  Jahreszahl:)  M.  D.  LIIII.  j  60  Blätter  in  Klein-Oktav,  signiert  2A-H4 
paginiert  3 — 57  und  dann  weiter  durchaus  willkürlich,  so  dass  z.  B. 
die  letzten  Seiten  folgendermassen  paginiert  sind:  111—114,  75.  74,  35, 
58.  -  -  Seite  3  und  4  enthalten  die  Vorrede:  AL  MOLTO  MAGST-  j  fico 
&  illustre  caualier  el  Signor  Ric-  j  ciardo  Moricini.  N.  S.  Wie  auf  dem 
Titelblatt,  so  fehlt  auch  unter  der  Vorrede  der  Name  des  Verfassers. 
S.  5  beginnt:  IL  PRIMO  LIBRO  |  degli  Apologi  nelli  quali  fi  fpuo-  | 
prano  li  abufi.  Alle  folgenden  Seiten  haben  abwechselnd  als  Columnen- 
überschrift  LIBRO  und  PRIMO.  Am  Ende  des  Buchs:  Fine  del  primo 
libro,  de  gli  Apologi.  Das  Buch  enthält  anscheinend  100  Apologe, 
in  Wahrheit  aber  101,  da  zwei  Apologe  dieselbe  Nr.  17  tragen  und  dann 
von  18  an  weiter  bis  100  gezählt  wird.  S.  25:  Apologo  16  nel  quäl  si 
feuopre  la  efceffiua  i'tultitia  de  Papi.  S.  25:  Apologo  17  nel  quäl  fi 
feuopre  la  superfluita,  vanita,  golofia,  curiofita  &  inl'atiabilita  delle 
Monache.  S.  'J7:  Apologo  17  nel  quäl  fi  feuopre  quäl  fia  comunemente 
la  i'ede  de  prelati  &  la  fuperbia  de  Papi.  S.  28:  Apologo  18  nel  quäl 
fi  moftra  quel  che  douerebben  far  li  Signori  del  mondo.  Die  deutsche 
Übersetzung   zählt    die  Apologe  richtig.  Das  Büchlein  ist,  wie  noch 

andere  Schriften  Ochinos,  bei  J.  Girard  in  Genf  gedruckt,  und  es  giebt 
Exemplare,  auf  deren  Titel  die  Ort-  und  Druckangabe  (Geneva,  Giov. 
Gerardo)  sich  findet.  Vgl.  Eberts  Bibliogr.  Lexikon  2,  221  Nr.  14994,  Anm. 
und  Brunets  Manuel  4.   151. 

(2)  Sie  liegt  mir  in  dem  Exemplar  der  Grossherzogl. Bibliothek  zu 
Weimar  vor  und  ist  betitelt:  Des  Hochgelehrten  vnd  Gottfeligen 
Bernhardini  Ochini  Apologi.  |  Darin  werden  die  Mifsbreuch,  Thor- 
heiten,  Aberglauben,  Irrthumben,  Götzendienst,  vnd  gottlofigkeiten  der 
Papiftifchen  Synagoga,  j  Conderlich  der  Pfaffen.  Miinieh,  vnd  der  |  Brüder 
eröffnet,  lieblich,  darbey  auch  nutzlich  zu  lefen.  |  Durch  Chriftoff 
Wirfung     verdeütfcht.     Apologus  redt    wol    in    schertz  Sticht   doch  dem 


38  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Bapftumb  ab  das  hertz.  M.  D.  LVI.  4".  Unpaginiert,  signiert  Aij- 
Niij.  Am  Ende:  'Ende  des  Erften  büchs  |  der  Apologen.'  Auf  das 
Titelblatt  folgt  die  drei  Blätter  umfassende  Vorrede  des  Übersetzers, 
die  an  den  Churfiirsten  und  'Pfaltzgrauen  bey  Rhein,  Hertzogen  in 
Xidern  vnd  Obern  Beyern',  'Herr  Ottheinricheir,  gerichtet  und  datiert 
i >r :  'Geben  in  Augfpurg,  den   16.  tag  Martij  im  1556.  Jare\ 

Dieser  Übersetzung  des  1.  Buches  der  Apologe  des  Ochino,  des 
einzigen,  wie  es  scheint,  das  in  italienischer  Sprache  erschienen  i^t, 
Hess  Wirsung  i.  J.  1557  die  des  2.  Buches  (wiederum  101  Vpologe) 
folgen,  welche  die  Groi'sherzogl.  Bibliothek  gleichfalls  besitzt.  Sie  ist 
betitelt:  Des  Hochgelerten  vnnd  |  Gottfeligen  maus,  Bernhardini  Ochini  | 
von  Senis.  Das  ander  Buch,  feiner  Apologen.  In  wöllichen  die  ZSIifs- 
breüch,  Thorhay-  |  ten,  Aberglauben,  Irrtbumben,  Götzenehrungen, 
vnd  Gotlofigkeiten,  der  Papiftifchen  Synagoga.  |  Sunderlich  der  Bäh  fr. 
Pfaffen,  Münich  vnd  |  der  Brüder  eröffnet  werden,  Lieplich,  darbey 
nutzlich  zu  lesen.  |  An  den  durchleüchtigl'ten  Hochge-  bornen  Fürften 
vnnd  Herren,  Herr  Ott-  |  hainrieben,  |  Pfaltzgraue  bey  Rhein,  Her- 
7  tzogen  in  Nidern  vnd  obern  Bayrn.  j  Defs  hailigen  Rö-  j  i  milchen  Reichs  j 
Ertzdruckfeffen,  vTi  Chur-  ]  fürften  .  etc.  Durch  Chriftoff  Wirfung  I 
verdeütfcht.  |  Apologus  kumpft  noch  ein  fart,  j  Ja,  ich  ftraff,  fpot,  nach 
meiner  art.  |  Anno  1557.  4".  Unpaginiert,  signiert  Aij-0(IV).  —  Diese 
beiden  Drucke  besitzt  auch  die  Wolfenbüttler  Bibliothek;  s.  Ch.  A.  Salig, 
Vollständige  Historie  der  Augspurgischen  Confession  2,  422. 

Im  Jahre  1559  erschienen  diese  beiden  ersten  Bücher  nochmals 
und  mit  noch  drei  Büchern  vermehrt.  Diese  Ausgabe,  die  mir  in  dem 
Exemplare  der  K.  öffentlichen  Bibliothek  in  Dresden  (ebenfalls  'Ex  Biblio- 
theca  Bünaviana')  [ein  anderes  in  Berlin]  vorliegt,  ist  betitelt:  Des 
Hochge-  |  lehrten  vnd  Gottialigen  maus  Bernhardini  Ochini  von  |  Senis, 
fünff  Bücher  finer  |  Apologen.  Darin  werden  die  Mifsbreüch, Thorheiten,  J 
Aberglauben,  Irrtbumben,  Götzendienft,  vnd  gott-  lofigkeiten  der 
Papiftifchen  Synagoga,  fon-  derlich  der  Pfaffen,  Münich,  vnd  der  | 
Brüder  eröffnet,  lieblich,  dar-  |  bey  auch  nützlich  zu  lesen.  Durch 
Chriftoff  "Wirfung  ;  verdeütfcht.  Apologus  redt  wol  in  fchertz  j  Sticht 
doch  dem  Bapftumb  ab  das  hertz.  j  M.  D.  LIX.  |  4°.  Das  erste  Buch 
hat  8  unpaginierte  und  87  paginierte  Seiren,  die  folgenden  Bücher 
haben  keine  Paginierung,  sondern  sind  nur  signiert,  aber  jedes  besonders, 
wie  auch  jedes  ein  besonderes  Titelblatt  hat.  Nämlich  :  Des  Hochge-  | 
lehrten  vnd  Gottialigen  maus  Bernhardini  Ochini  von  j  Senis.  das 
ander  Buch  finer  ]  Apologen.  j  Inn  wöllichen  die  .Mifsbreüch,  Thorheiten,  | 
Aberglauben,  Irrthumben,  Götzeneerungen,  vnnd  j  gottlofigkeiten  der 
Papiftifchen  Synagoga:  fon-  derlich  der  Bäpft,  Pfaffen,  Münich,  vnd  | 
der  Brüder  eröffnet  werden,  lieb-  j  lieb,  darbey  nutzlich  '  zu  lesen.  | 
Durch  Chriftoff  Wirfung  verdeütfcht.  j  Apologus  kumpft  noch  ein  fart,  | 
Ja,    ich    ftraff,  fpot    noch  miner  art.   j  M.  D.  LIX.  |  Signiert  aij-l(III). — 


6.  Das  älteste  bekannte  deutsche  Sonett.  I)!) 

Des  Hochge-  |  lehrten ,  das  drit  Buch  l'iner  |  Apologen   .  .  .  .   | 

Münich:  Apologus  [  Du  kumbi't  oft,  ja:  del's  faulen  Mil't  j  ll't  so  vil,  da- 
kein    zal    da    ift.    \    M.    D.    L1X.    |    Signiert  Aij-Kiij(b).         Enthält    100 

Apologe.  Des  Hoehge-  |  lehrten ,  das  vierdt  Buch  finer 

Apologen |  Pafquillus:  Apologus.  |  P.  Schweig.  A.  Nein.  P.  Wann 

dann?  A.Rom  |  wann  du  bift  frum,  keusch,  milt,  trew:  du  !  Bapi't  ein 
Chrift.  P.  Oho.  |  M.  D.  LIX.  |  Signiert  Aij-Liij(b).  Enthält  100  Apologe; 
der  letzte    ist    aber    durch  Druckfehler    als    der    90.   bezeichnet.   —  Des 

Hochge  I  lehrten |  Senis,  fünffte  Buch  feiner  I  Apologen.  |  .  .  .  . 

Papft:  Metamorphol'is  das  |  Buch  Ouidij  |  B.  Weck.  M.  AVarumb?  B.  Ich 
hali  mit  dem  j  taut:  ja  Geift,  Kirch,  Lehr,  Chrift  |  i'elbft  verwandt.  | 
31.  D.  LIX.  |  Signiert  Aij-Lij(b).     Enthält  89  Apologe. 

Bekanntlich  war  Ochino  vom  Herbst  1545  bis  in  den  Anfang  des 
Jahres  1547  in  Augsburg,  wo  ihn  der  Bat  im  Dezember  1545  zum 
Prediger  der  Welschen  machte  (K.  Benrath.  Bernardino  Ochino  von 
Siena,  Leipzig  1875,  S.  194  f.),  und  der  im  Jahre  1571  zu  Heidelberg 
im  71.  Jahre  verstorbene  Chr.  Wirsung  [der  Verdeutscher  der  Celestina] 
war  ein  geborener  Augsburger  und,  wie  Melchior  Adaini  ( Vitae  Germanorum 
Philosophorum,  Heidelb.  1615  S.  252)  sagt,  'multos  per  annos  senior 
sive  diaconus  inecclesia  Augustana\  Danach  ist  es  nicht  unwahrscheinlich, 
dass  Ochino  und  AVirsung  sich  in  Augsburg  persönlich  |  gekannt  haben. 
Man  vgl.  übrigens  über  Ochinos  Apologe  Gervinus,  Geschichte  der  deutschen 
Dichtung,  4.  Aufl.  3,  69  =  5.  Aufl.  3,  88  und  Benrath  a.  a.  O.  S.  245  f. 

(3)  Zuerst  ist  Wirsungs  Sonett  abgedruckt  worden  in  einem  jetzt 
vergessenen  Buch,  betitelt:  'Miscellen.  Von  Johann  Karl  Hock,  Hof- 
und  Regierungsrat  zu  Gaildorf',  Gmünd  1815,  S.  167,  und  zwar  mit 
folgenden  vorausgeschickten  Worten:  'In  Teutschland  ist  ohne  Zweifel 
dasjenige  Sonett,  wo  nicht  das  erste,  doch  der  ältesten  eines,  welches 
von  Christoph  AVirsung  ,  einem  Augsburgischen  Arzte  [!] ,  seiner 
1559  herausgegebenen  Übersetzung  von  Ochinos  Apologen  vorgesetzt 
worden  ist,  und,  zur  beliebigen  Vergleichung  mit  den  Produkten  der 
neuesten  Sonetrfabriken,  hier  folgt'.  —  Dann  haben  es  mitgeteilt,  ohne 
sich  darüber  auszusprechen,  ob  es  Original  oder  Übersetzung  sei. 
E.  Döpfner,  Reformbestrebungen  auf  dem  Gebiete  der  deutschen  Dichtung 
■des  l(i.  und  17.  Jahrhunderts,  Berlin  1866,  S.  28  und  W.  Wackernagel, 
Johann  Eischart  von  Strassburg  und  Basels  Anteil  an  ihm,  Basel  1870, 
S.  124,  beide  auch  nach  der  Ausgabe  der  Übersetzung  von  1559. 
Erwähnt  hatte  es  AVackernagel  aber  schon  in  der  1855  erschienenen 
3.  Abteilung  seiner  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  S.  442  [2.  Aufl. 
2.  91],  wo  er  es;  in  der  10.  Anmerkung  als  das  Sonett  bezeichnet,  Mas 
Chr.  AVirsung  seiner  Übersetzung  der  fünft'  Buecher  Apologen  Bernhardini 
Ochini  vorangestellt  hat',  und  in  der  12.  Anmerkung  als  das  Sonett 
"von  Ochinus'.  [Welti,  Geschichte  des  Sonetts  in  der  deutschen  Dichtung 
1884,  S.  58.] 


4(1  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

7.   Zu  Shakespeares  The  Taming  of  the 

Shrew. 

(Jahrbuch    der    deutschen  Shakespeare-Gesellschaft  3,  397 — 401.     1868.) 

In  Svend  Grundtvigs  wertvoller  Sammlung  dänischer 
Volksüberlieferungen1)  findet  sich  (1,88)  ein  in  Jütland  auf- 
gezeichnetes Märchen,  welches  in  deutscher  Übersetzung 
also  lautet: 

Es  war  einmal  ein  Mann  und  eine  Frau,  die  hatten  drei 
Töchter;  die  hiessen  Karen,  Maren  und  Mette.  Sie  waren 
hübsch  genug  anzusehen,  aber  bös  und  widerspenstig  waren 
sie  alle,  indes  Mette  war  doch  die  schlimmste.  Dennoch 
kamen  Freier  zu,  Karen  und  Maren,  und  sie  verheirateten 
sich;  aber  es  dauerte  sehr  lange,  bis  einer  um  Mette  zu 
freien  wagte.  Endlich  kam  doch  ein  Freier,  aber  er  kam 
auch  gar  weit  her.  Sie  sollten  dreimal  aufgeboten  werden, 
sagte  er.  und  drei  Tage  nach  dem  dritten  Aufgebot  zu  dem 
von  ihm  bestimmten  Glockenschlag  in  der  Kirche  sich  treffen, 
um  getraut  zu  werden;  und  damit  ging  er  seiner  Wege.  Als 
der  Hochzeitstag  kam,  gingen  die  Leute  mit  ihrer  Tochter 
zur  Kirche,  aber  sie  mussten  lange  auf  den  Bräutigam  warten. 
Endlich  kam  er  an.  Er  ritt  auf  einem  alten,  grauen  Pferde, 
hatte  eine  Büchse  an  der  Seite  und  ein  paar  wollene  Hand- 
schuhe au  den  Händen,  und  ein  grosser  Hund  folgte  ihm. 
Sobald  die  Trauung  vorbei  war,  sagte  er  zu  seiner  Frau: 
'Setz  dich  vor  mich  aufs  Pferd  und  lass  uns  heim  reiten." 
Sie  that  so  wie  er  bat,  obschon  ihr  Vater  viel  dagegen  j 
398  hatte;  aber  der  Bräutigam  bestand  auf  seinem  Willen,  und 
sie  ritten  fort,  Als  sie  ein  gut  Stück  gekommen  waren, 
Hess  er  seinen  Handschuh  fallen.  'Heb  ihn  auf!3  sagte  er 
zu  seinem  Hund,    aber    der    Hund    hob    ihn  nicht  auf.     'Heb 


')  Gauile  danske  Minder  i  Folkemunde,  Kjübenliavn  1854— 61, 
'■>  Hände.  [Dann  Grundtvig,  Danske  Folkeaeventyr,  Ny  Sämling,  Kjüben- 
liavn L87S,  nr.  14;  deutsch  in  Grundtvigs  Dänischen  Volksmärchen, 
übersetzt  von  Leo  u.  Strodtmann  2,  232.  1819.  —  Vgl.  E.  T.  Kristensen, 
A.eventyr  fra  Jylland  4.  8  nr.  2  'Den  lydigste   Eone\     1897.] 


7.  Zu  Shakespeares  The  Taming  of  the  Shrew.  41 

ihn  gleich  auf!1  saute  er  nochmals,  aber  der  Hund  Hess  ihn 
doch  liegen.  Als  er  zum  drittenmal  vergeblich  dem  Iluud 
das  Nämliche  befohlen  hatte,  nahm  er  seine  Büchse  und 
sehoss  auf  ihn,  dass  er  auf  der  Stelle  tot  dalag.  Sie  ritten 
weiter  und  kamen  in  einen  Wald.  Hier  wollte  der  Manu 
rasten,  und  sie  stiegen  ab  und  Hessen  das  Pferd  frei  grasen. 
Als  der  Mann  fand,  dass  sie  genug  gerastet  hatten,  sagte  er 
dreimal  zum  Pferd,  es  su.lle  herkommen:  aber  das  kümmerte 
sich  nicht  darum  und  graste  weiter.  Da  nahm  er  seine 
Büchse  und  sehoss  es  tot.  Die  Frau  wunderte  sich  sehr 
darüber  und  fasste  alsbald  den  Entsehluss.  ihrem  Manne  nie 
zu  widersprechen.  Der  Mann  nahm  nun  eine  grüne  Gerte, 
bog  beide  Enden  zusammen  und  gab  sie  seiner  Frau  mit  den 
Worten:  'Heb  sie  auf,  bis  ich  sie  von  dir  zurück  verlange!' 
So  gingen  sie  den  Rest  des  Wegs  bis  zu  ihrem  Hause.  Hier 
lebten  sie  glücklich  mehrere  Jahre  zusammen,  denn  die  Frau 
vergass  nie.  was  sie  sich  im  Walde  gelobt  hatte:  nie  ihrem 
Manne  zu  widersprechen.  Sie  war  stets  so  gut  und  so  füg- 
sam, dass  niemand  hätte  sagen  mögen,  dass  das  die  wider- 
spenstige Mette  war.  Eines  Tages  sagte  der  Mann  zu  seiner 
Frau:  'Was  meinst  du.  sollen  wir  uns  aufmachen  und  deine 
Eltern  besuchen?'  Ja,  das  wollte  die  Frau  gern.  Der  Mann 
Hess  gleich  den  Knecht  anspannen,  und  sie  fuhren  fort. 
Unterwegs  trafen  sie  eine  Menge  Störche.  'Das  sind  schöne 
Raben!3  sagte  der  Mann.  'Nein,  da.s  sind  keine  Raben,  das 
sind  Störche!"  sagte  die  Frau.  'Wend  um  und  fahr  wieder 
nach  Hause  T  sagte  der  Mann  zum  Knecht,  und  so  fuhren 
sie  wieder  nach  Plause.  Als  einige  Zeit  vergangen  war. 
fragte  der  Mann  sie  wieder,  oh  sie  sich  aufmachen  und  ihre 
Eltern  besuchen  wollten,  und  das  wollte  sie  gerne.  Unter- 
wegs kamen  sie  zu  einer  grossen  Herde  Schafe  und  Lämmer. 
'Das  war  ein  grosses  Rudel  Wölfe!3  sagte  der  Mann.  'Nein, 
das  sind  Schafe  und  Lämmer!'  sagte  die  Frau.  'Wend 
wieder  um!'  sagte  der  Mann  zum  Knecht,  und  so  kamen  sie 
diesmal  auch  nicht  weiter.  Zum  drittenmal  fragte  der 
-Mann  seine  Frau,  ob  sie  zu  ihren  Eltern  sich  aufmachen 
wollten,    und   da   sagte  sie  gleich   ja  dazu,      ha    Hess   er    an- 


42  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

spannen,  und  sie  fuhren  weg.  Da  sie  ein  gut  Stück  Wegs 
gefahren  waren,  kamen  sie  zu  einer  Menge  Hühner.  'Das 
war  eine  schwere  Menge  Krähen !'  sagte  der  Mann.  'Ja,  das 
ist  auch  wahr,'  sagte  die  Frau.  So  fuhren  sie  weiter,  und 
390  als  sie  zu  Mettes  Eltern  |  kamen,  war  da  grosse  Freude. 
Karen  und  Maren  waren  auch  mit  ihren  Männern  da.  Die 
Mutter  nahm  alle  drei  Töchter  mit  in  die  Schlafkammer, 
denn  sie  wollte  genau  hören,  wie  Mette  zufrieden  wäre.  In- 
dessen füllte  der  alte  Vater  einen  Krug  mit  Silberpfennigen 
und  Goldpfennigen;  den  setzte  er  auf  den  Tisch  vor  die  drei 
Männer  und  sagte :  wer  von  ihnen  die  folgsamste  Frau  habe, 
solle  den  Krug  haben.  Da  rief  der  erste  Mann:  'Karen. 
kleine  Karen,  komm  ein  wenig  heraus!'  Aber  wieviel  er 
auch  rief  und  wieviel  er  auch  bat,  da  kam  keine  Karen. 
Nicht  einmal  als  er  hinein  ging,  konnte  er  sie  mit  heraus 
bringen.  Dem  andern  Mann  ging  es  nicht  ein  Haar  besser 
mit  seiner  Maren.  So  kam  die  Reihe  an  den  Dritten.  Er 
ging  bloss  an  die  Thür,  klopfte  daran  und  sagte :  'Mette, 
komm  heraus!"  Da  kam  sie  gleich  gesprungen  und  fragte,  was 
er  wollte.  Da  sagte  er:  'Bring  mir  die  Gerte,  die  ich  dir 
im  Walde  gab.3  Die  hatte  sie  auch  gleich  bei  der  Hand  und 
brachte  sie  ihm,  und  die  wies  er  da  den  andern  Männeru 
mit  den  Worten:  'Seht  ihr  wohl:  ich  bog  die  Gerte,  als  sie 
grün  war.     Das  hättet  ihr  auch  thun  sollen/ 

Wohl  die  meisten  Leser  des  Jahrbuches  würden  auch 
ohne  die  dieser  Miscelle  vorgesetzte  Überschrift  beim  Lesen 
des  vorstehenden  dänischen  Märchens  sofort  an  Shakespeares 
'The  Taming  of  the  Shrew'  sich  erinnert  haben.  "Wie  in 
dem  dänischen  Märchen  der  Ehemann,  um  seiner  Frau  jeg- 
lichen, auch  den  berechtigtsten  Widerspruch  abzugewöhnen, 
zweimal  die  angetretene  Reise  zu  den  Schwiegereltern  auf- 
giebt,  weil  die  Frau  seinen,  die  Wahrheit  ins  Gesicht  schla- 
genden Behauptungen  zu  widersprechen  wagt,  und  wie  er  es 
dadurch  dahin  bringt,  dass  sie  beim  drittenmal  seiner  un- 
wahren Behauptung  beistimmt,  so  giebt  auch  bei  Shake- 
speare (Akt  IV,  Scene  3)  Petruchio  die  Reise  zum  Schwieger- 
vater   auf,     weil    Katharina   seiner   Behauptung,     es    sei    früh 


7.  Zu  Shakespeares  The  Taming  of  the  Shrew.  43 

Morgens,  während  es  bereits  Nachmittag  ist.  widerspricht, 
und  als  sie  dann  wiederum  unterwegs  sind  (Akt  IV.  Sc.  5), 
prüft  er  sie  noch  zweimal,  indem  er  erklärt,  der  Mond 
scheine,  während  die  Sonne  scheint,  und  indem  er  den  alten 
Yincentio  für  ein  junges  Mädchen  ansieht.  Und  wie  im 
dänischen  Märchen  der  Schwiegervater  demjenigen  der  drei 
Schwiegersöhne  ein  Geschenk  verspricht,  der  die  folgsamste 
Frau  habe,  und  wie  dann  die  drei  Männer  nacheinander  ihre 
Frauen  aus  der  Kammer  herausrufen  und  nur  die  gezähmte 
Widerspenstige  folgt,  so  wetten  bei  Shakespeare  in  der  letzten 
Scene  die  drei  Schwäger,  wessen  Frau  zuerst,  wenn  er  sie 
rufen  lasse,  kommen  |  werde,  und  Petruchio  gewinnt  und  erhält  400 
überdies  noch  vom  Schwiegervater  eine  andere,  höhere  Mitgift. 
Bekanntlich  ist  Shakespeares  'The  Taming  of  the  ShrewJ 
eine  Bearbeitung  eiues  älteren,  fast  ganz  so  betitelten  Lust- 
Spieles  'The  Taming  of  a  Shrew3,  dessen  Verfasser  unbe- 
kannt ist.  und  es  linden  sich  auch  die  eben  berührten  Scenen 
bereits  in  dem  altern  Stück. 1 )  Eine  Quelle  für  dies  ältere 
Stück  ist  bisher  noch  nicht  nachgewiesen  worden,  und  wir 
wissen  also  nicht,  wieviel  von  der  Fabel  der  unbekannte 
Verfasser  erfunden,  wieviel  er  entlehnt  hat.  Wären  jene 
Scenen  Erfindung  des  Verfassers,  dann  müsste  natürlich  eine 
Abhängigkeit  des  dänischen  Märchens  von  dem  altern  oder 
von  Shakespeares  Lustspiel  angenommen  werden.  Es  zwingt 
uns  aber  nichts,  vorauszusetzen,  dass  jene  Sceuen  erst  von 
dem  Verfasser  des  Lustspiels  erfunden  seien:  bedenken  wir 
vielmehr,  dass  die  Art,  wie  der  Mann  im  dänischen  Märchen 
seine  ihm  augetraute  Frau  auf  der  Heimreise  durch  das 
Töten  des  Hundes  und  des  Pferdes,  die  seinen  nicht  ver- 
standenen Befehlen  natürlich  auch  nicht  folgen,  einschüchtert, 
schon  in  Dichtungen  vorkommt,  die  um  Jahrhunderte  älter 
sind    als   das   englische  Lustspiel , 2)    so  werden  |  wir  geneigt  ^n 

')  Vgl.  X.  Delius'  Einleitung  zu  seiner  Ausgabe  des  Shakespeare- 
srhen  Lustspiels  S.  XI  tf'.,  wo  die  betreffenden  Stellen  des  altern  Stückes 
mitgeteilt  sind. 

2)  Nämlich  in  einem  altfranzosiscb.cn  Fabliau  de  la  male  dame 
(Faldiaux  et  eontes  des  poeres  frangois  des  XI  —  XY  sieeles,  publii  - 
par   Barbazan,   nouvelle  edition  par  Meon  4,  365    [Montaiglon-Raynaud, 


44  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

sein,  auch  dem  übrigen  Teil  des  dänischen  Märchens  ein 
höheres  Alter  beizulegen  und  anzunehmen,  dass  es  ältere 
Dichtungen  von  der  Zähmung  der  Widerspenstigen  in  der 
Litteratur  oder  in  der  mündlichen  Überlieferung  gegeben  hat, 
aus  denen  sowohl  das  englische  Lustspiel  als  das  dänische 
Märchen  abzuleiten  sind.1) 

Fabliaux  6,  nr.  149;  vgl.  Bedier,  Les  fabliaux  1895,  p.  464]),  in  welchem 
ein  Graf,  auf  der  Heimreise  mit  seiner  jungen  Frau,  seinen  beiden 
Windhunden  und  dann  seinem  Koss  die  Köpfe  abschlägt,  und  in  einem 
mittelhochdeutschen  Gedicht  (Lassberg,  Liedersaal  2,  499,  von  der 
Hagen,  Gesamtabenteuer  nr.  3),  in  welchem  ein  Ritter  zuerst  seinen 
Habicht  erwürgt,  dann  seinen  Hund  erschlägt  und  endlich  auch  sein 
Ross,  auf  welchem,  wie  im  dänischen  Märchen,  zugleich  mit  ihm  seine 
Frau  gesessen  hatte,  die  sich  nun  satteln  und  zäumen  lasseu  und  den 
Ritter  eine  Strecke  lang  tragen  muss  [E.  Strauch,  Sibotes  Vrouwen- 
zucht,  Progr.  Breslau  1892].  In  einer  Schwanksammlung  des  17.  Jahr- 
hunderts (Geflückte  Finken,  oder  Studenten-Confect,  Frankenau  o.  J., 
S.  212)  wird  von  einem  Rittmeister  erzählt,  der  einige  Tage  nach  der 
Hochzeit  mit  seiner  bösen  Frau  auf  die  Jagd  reitet  und  dabei  erst 
seinen  Falken  totschlägt  und  dann  seinen  Hund  und  endlich  sein 
Pferd  totschiesst,  worauf  er  das  Pferd  seiner  Frau  besteigt,  sie  aber 
mit  Sattel  und  Zeug  beladen  nebenher  laufen  lässt  [abgedruckt  von 
Bolte,  Jahrb.  der  Shakespeare-Ges.  27,  130].  Verwandt,  aber  entfernter, 
sind  auch  die  45.  Novelle  im  Von  de  Lucanor1  des  Infanten  Don  Juan 
Manuel,  wo  ein  junger  Mann  am  Hochzeitsabend  in  seiner  Wohnung 
seine  Hunde  und  sein  Pferd  tötet,  weil  sie  seiner  Aufforderung,  ihm 
Wasser  zum  Händewaschen  zu  bringen,  natürlich  nicht  entsprechen, 
[die  5.  Novelle  im  selben  Conde  Lucanor,  wo  die  Frau  des  Don  Alvar 
Fahez  ihrem  Manne  recht  giebt,  dass  Kühe  Stuten  sind  und  umgekehrt, 
und  dass  ein  Fluss  bergauf  fliesst;  in  Verse  gebracht  von  Puymaigre,  Heures 
perdues  1894,  p.  194,  vgl.  Simrock  1,  341],  die  2.  Novelle  der  8.  'Nacht* 
des  <i.  Straparola  (übersetzt  in  Simrocks  Quellen  des  Shakespeare 
1,  243  [=  2.  Aufl.  1S72,  1,  329],  wo  Pisardo  seine  Frau  gleich  nach  der 
Hochzeit  in  den  Stall  führt  und  vor  ihren  Augen  ein  ihm  nicht  folgendes 
Pferd  ersticht,  und  endlich  die  von  Simrock  a.  a.  0.  3,234  [1S72,  1,  348]  bei- 
gebrachte persische  Erzählung,  woSadik  ebenfalls  gleich  nach  der  Hochzeit 
der  ihn  anknurrenden  Lieblingskatze  seiner  Frau  den  Kopf  abschlägt. 
*)  [Eine  ähnliche  Erzählung  'Bänke  Chhail  and  bis  witV  ist 
neuerdings  in  Mirzapur  aus  dem  Munde  eines  [ndiers  aufgezeichnet 
worden:  North  Indian  Notes  and  Querics  5,  33.  nr.  37.  Allahabad 
1895—96.  —  Über  das  von  Shakespeare  wahrscheinlich  benutzte  Gedicht 
'nf  a  wyfe,  lapped  in  Morelles  skin'  und  seine  Sippe  vgl.  Bolte-Seel- 
mann,  Niederdeutsche  Schauspiele   1895,  S.  :;:ä    -*21.] 


8.  Albert  Colins  'Shakespeare  in  Grermany'.  45 

8.  Einige  Bemerkungen  und  Nachträge  zu 
Albert  Colins   Shakespeare  in  Germany'. 

(Jahrbuch    der  deutschen   Shakespeare-Gesellschaft  1,  406—417.     1865.) 

Zu  Seite  CIV. 

Über  die  'Englischen  Comedien  und  Tragedien'  möge  hier 
ein  Urteil  a.  d.  J.  1675  mitgeteilt  werden.  Der  ungenannte 
Verfasser  des  cAlamodisch  Technologischen  Interims"  (Rappers- 
weil  1675),  derselbe,  der  auch  die  Kunst  über  alle  Künste 
und  den  pedantischen  Irrtum  verfasst  hat  (vgl.  meine  Ein- 
leitung zur  Kunst  über  alle  Künste  1864,  S.  XXVI  f.  [Bolte, 
Jahrbuch  -27,  129  f.])  sagt  S.  499:  'Etzlichen  Ohren  lautet 
nichts,  was  nicht  nach  Sophocle,  Euripide,  Senica,  Plauto, 
Terentio  und  den  Alten  affectiret,  andere  wollen  die  Invention 
nur  nach  Guarino,  Lopez  de  Vega,  Ariosto,  Razzi,  des  Marets, 
Tasso,  Marini  und  anderen  sinnreichen  Ausländern  verworren 
und  eingewickelt,  damit  die  unerwartete  seltsame  Veränderung 
die  Sinne  und  Gemüther  desto  mehr  einnehmen  und  beherrschen 
könne,  haben.  Andere,  sonderlich  heutige  Franzosen  (denen 
doch  alles  frei  stehet)  binden  sich  wenig  au  die  rigorose 
Gesetze,  so  ältere  und  neuere  gegeben  und  bei  Aristotele, 
Scaligero,  Casaubono,  Fontane,  Heinsio,  Mesuardier  etc.  und 
theils  aus  denen  in  der  Poetica  Giessena,  Harsdörffers 
'Poetischen  Trichter  und  Gesprächspielen '  wie  auch  anderen 
zu  lesen;  folgen  deswegen  nur  ihrem  Kopf  und  artigen  Er- 
findungen, |  als  sonderlich  an  Moullier  (welcher  dem  Comico  407 
Philemon  gleich,  der  nach  Apuleji  [Florida  3,  16]  Zeugniss 
expectabatur,  cpio  in  theatro  Actum  argumentum  liniret.  jam 
domi  veram  fabulam  consummaverat,  in  seinem  lustigen 
Beruf,  als  er  den  eingebildeten  Kranken  fürgebildet  haben 
soll,  einen  wahrhaftig  gestorbenen  gezeigt)  zu  sehen.  Viel 
von  uns  Teutschen,  deren  Mütter  sich  fast  alle  an  Affen  ver- 
sehen, gehen  ihnen  einigermassen  in  solcher  Freiheit  nach 
oder  für.  und  seind  nicht  also  scrupulos,  folgen  den  Neuern 
im  einigen,  lassen  die  Alten  im  andern  fahren  und  hingegen, 


46  Zur  neueren  Litteraturgeschiehte. 

binden  sich  also  nicht  an  eine  gewisse,  durchgehende  Art 
und  Richtigkeit:  wie  Frischlinus,  Rist,  HarsdÖrffer,  Caspar, 
Gryphius,  ßethulius,  Stell,  Schoch  und  andere,  auch  unter 
den  Herren  Jesuiten,  zeigen.  Ja  es  schreiben  ihrer  etzliche 
in  der  lateinischen  und  Muttersprache  so  artig  (hätte  bald 
arg  gesagt),  dass  die  artige  Unart  zu  verwundern  und  Hans 
Sachs,  die  Fastnachts-  und  Kindelsbeers  -  Spiele  da- 
durch ganz  sinnreich  werden;  das  Volumen  Englischer 
Comoedien  und  mehrere  absonderlich  gedruckt  können 
meine  Zeugen  sein.  Wie  ich  nun  diese  nicht  billichen  kann, 
so  ganz  ohne  Wissenschaft  der  Präcepten  und  Lehrsätze  und 
also  mit  ungewaschenen  Fäusten  dieser  freudenreichen  Dame 
nach  der  Schürze  tappen  und  tasten,  also  kann  ich  auch  die- 
jenigen, so  gar  zu  ceremonios  und  affectirt  ehrbar  mit  per- 
fumirten  Häuschen  [d.  i.  Handschuhen]  und  überflüssigen 
Complimeuten  das  Ding  angreifen,  nicht  loben  oder  ihnen 
folgen,  darum  caressire  ich  sie  nach  meiner  Manier,  die  da 
haltet:    Zu  wenig  und  zu  viel  verderbet  alles  Spiel." 

Ich  habe  diese  in  mehrfacher  Hinsicht  interessante  Stelle 
in  ihrer  ganzen  Länge  auch  deshalb  mitgeteilt,  weil  wir  auch 
an  ihr  sehen,  wie  ein  gelehrter  Litteraturkenner  jener  Zeit 
die  Lustspieldichter  der  Franzosen,  Italiener  und  Spanier 
kennt,  aber  von  dem  Namen  Shakespeare  keine  Ahnung  hat. 

Zu  Seite  CVI1. 

Das  hier  nur  nach  Rommels  auszugsweiser  Mitteilung 
angeführte  Urteil  des  Job.  Rhenanus  v.  J.  1613  über  das 
englische  Drama  und  die  englischen  Schauspieler  ist  jetzt  in 
der  eben  erschienenen  'Geschichte  des  Theaters  und  der  Musik 
in  Kassel'  von  W.  Lynker  (Kassel  1865)  S.  249  vollständig 
nach  der  Handschrift  abgedruckt  r)  und  mag  auch  hier  eine 
Stelle  finden.  Rhenanus  schreibt:  fEs  haben  aber  die  Alten 
solche  [die  Komödien]  nicht  allein  hoch  gehalten,  sondern 
408    sie    werden    auch  noch    heutiges   Tages    beinahe  |  von   allen 


')  [Vollständig  hat  Creizenach,  Die  Schauspiele  der  englischen 
Comödiänten  1889,  S.  327  die  Vorrede  abgedruckt.  Vgl.  Losch,  Johannes 
Rhenanus  (Diss.  Marburg  1895)  S.  5.] 


8.  Albert  Colins  'Shakespeare  in  Gernianv'.  47 

nationibus  Europae  excolirt,  da  die  Engländer,  beids  was  die 
Composition  und  dann  auch  die  Action  belangt,  ohne  Zweifel 
den  Vorzug  haben.  Denn  was  die  Poeten  und  Comödien- 
schreiber  anlangt,  brauchen  dieselben  in  wichtiger,  gravitä- 
tischer und  trauriger  materia  ein  sonderlich  jambicum 
pentametrum,  damit  sie  den  Comödianten  die  Action  gleichsam 
in  die  Hand  geben,  in  geringen  Sachen  aber  reden  sie  nur 
schlecht  und  in  Prosa,  damit  hohe  und  geringe  Dinge  nicht 
commisciret,  sondern  einem  jeden  Theile  seine  Gebär  zugestellt 
werde,  und  also  beids  ligatam  und  solutam  orationem  in  den 
Comödien  sehr  nöthig  zu  sein  erachten,  auch  eine  ohne  die 
andere  (wenn  man  eine  rechte  Action  nach  Gelegenheit  der 
Personen  und  Materie  haben  will)  nicht  wohl  sein  könne, 
vermeinen.  Dieses  hat  den  deutschen  actoribns  (so  viel  mir 
bewusst)  bisshero  gemangelt,  welche  sich  entweder  ganz  an 
Reimenverse  gebunden  oder  alles  ohne  Unterscheid  in  Prosa 
vorgebracht  haben,  darinnen  wichtige  Sachen  mit  gebährlichen 
actionibus  sehr  schwerlich  ausgedrückt  werden  können.  Es 
haben  auch  viel  vermeinet,  als  sei  uns  Deutschen  unmöglich 
in  unser  Sprache  die  Engländer  zu  imitiren  und  gleiche 
carmina  zu  schreiben.  Was  aber  die  actores  anbetrifft,  werden 
solche,  wie  ich  in  England  in  Acht  genommen,  gleichsam  in 
einer  Schule  täglich  instituiret,  dass  auch  die  vornehmbsten 
Actores  sich  von  den  Poeten  müssen  underweisen  lassen, 
welches  dann  einer  wolgeschriebenen  Comödie  das  Leben  und 
Zierde  gibt  und  bringet,  dass  also  kein  Wunder  ist,  warumb 
die  Engländische  Comödianten  (ich  rede  von  geübten)  anderen 
vorgehen  und  den  Vorzug  haben.' 

Zu  Seite  CIX. 

Nach  Lynkers  eben  erwähntem  Buch  S.  "255  befindet  sich 
die  Komödie  von  Fortunato  handschriftlich  in  Kassel.  Es 
wäre  wichtig  näheres  darüber  zu  erfahren,  wie  sie  sich  zur 
gedruckten  Komödie  verhält.  [Harms,  Die  deutschen  Fortnnatus- 
Dramen  und  ein  Kasseler  Dichter  des  17.  Jahrhunderts, 
Hamburg  1892.1 


48  Zur  neueren   Litteraturgeschichte. 

Zu  Seite  CX. 

Von  dem  5.  Stück  des  1.  Bandes  der 'Englischen  Cpmedien 
und  Tragedien',  der  Komödie  von  Sidonia  und  Theagenes 
sagte  schon  Tieck  (Deutsches  Theater  1,  XXVI):  'Dieses 
Stück  verrät  am  wenigsten  den  englischen  Ursprung',  und 
Colin  verweist  auf  dieses  Urteil  Tieeks.  Das  Stück  ist  aber 
auch  gar  keine  Bearbeitung  eines  englischen  Originals,  sondern, 
was  bisher  noch  nicht  bemerkt  worden  ist,  eine  Prosa-Um- 
409  arbeitung  der  gereimten  j  Komödie  Gabriel  Rollenhagens 
cAmantes  amentes.  Das  ist:  Ein  sehr  anmuthiges  Spiel  von 
der  blinden  Liebe,  oder  wie  mans  Deutsch  nennt  von  der 
Leffeley."  Wann  Rollenhagens  Komödie  zuerst  erschienen  ist. 
ist  mir  nicht  bekannt;  es  giebt  eine  3.  Ausgabe  v.  J.  1G04 
(s.  Goedeke,  Grundriss  zur  Geschichte  der  deutschen  Dich- 
tung 1,  316)  x)  und  eine  4.  vom  Jahre  1614,  die  mir  vorliegt. 
Diese  Komödie  ist  nun  in  der  Komödie  von  'Sidonia  und 
Theagenes5  Scene  für  Scene  in  Prosa  wiedergegeben,  wie  ja 
samtliche  Tragödien  und  Komödien  dieser  Sammlung  in  Prosa 
geschrieben  sind.  Hier  und  da  hat  der  Umarbeiter  etwas 
weggelassen  oder  hinzugesetzt,  meist  aber  hat  er  nur  die 
Reimverse  in  Prosa  umgeändert,  doch  auch  manche  Reime, 
ja  ganze  Verspaare  zuweilen  stehen  gelassen.  Bei  Rollen- 
hagen sprechen  der  Knecht  und  die  Magd  durchweg  in  platt- 
deutscher Mundart,  die  der  Umarbeiter  ius  Hochdeutsche 
übertragen  hat,  wobei  ich  zugleich  bemerken  will,  dass  er 
die  Zoten  im  Munde  des  Knechts  keineswegs  vermehrt, 
Mindern  sie  sämtlich  bei  Rollenhagen  vorgefunden  hat.  Die 
Personennamen  sind  bis  auf  einen  im  Original  und  in  der 
Umarbeitung  verändert.  Im  <  original  kommen  folgende  Per- 
sonen vor:  Simon  der  Vater.  Vetula  die  Mutter.  Lucretia 
die    Tochter.    Aleke    ihre    Magd.    Hans    der    Bauersknecht, 


')  [Dies  ist  ein  Irrtum  (Joedekes.  Graedei'tz,  Gabriel  Rollenhagen 
1881  S.  33  hat  nachgewiesen,  dass  die  erste  Ausgabe  1609  zu  Magdeburg 
erschien,  wo  noch  vier  weitere  Drucke  in  den  Jahren  1610,  1612,  1614 
und  1616  (?)  herauskamen.     Goedeke,  Grundriss  2  2,  375.] 


8.  Albert  Colins  'Shakespeare  in  Germany'.  49 

Eurialus  l)  der  Stutzer,  Lena  die  Hurenwirtin,  Gratianus  der 
Doktor  juris;  in  der  Umarbeitung:  Calasiris  Jungfrauen  Vater. 
Grasilla  Jungfrauen  Mutter,  Nausicles  ein  alter  Buhler,  Sidonia 
Jungfrau.  Cnemon  Baur,  Theagenes  Jüngling,  Knabe  oder 
Jung.  Aleke  der  Jungfrauen  Magd.  Man  sieht,  die  Namen 
sind  bis  auf  Aleke  verschieden,  die  Personen  selbst  aber  die 
nämlichen,  nur  dass  an  die  Stelle  der  Kupplerin  Lena,  die 
zwischen  den  Liebenden  Briefe  besorgt,  der  Junge  des  Lieb- 
habers getreten  ist.  Als  Probe  des  Verhältnisses,  in  dem 
Original  und  Bearbeitung  oft  zu  einander  stehen,  diene  ein 
Stück  der  2.  Scene  des  4.  Aktes.     Bei  Rollenhagen  sagt 

Eurialus.     Ich  muss  euch  aber  eines  fragen, 

Mein  allerschönstes  Engelein. 

Sagt,  könt  ihr  mir  wol  günstig  sein, 

Eim  solchen  stiefelbraunen  Knaben? 

Köntet  ihr  mich  noch  wol  lieb  haben  ?  -410 

Wen  habt  ihr  lieb  auf  dieser  Erden? 
Lucretia:    Keinen,  ich  wil  ein  Nonne  werden. 
Eurialus.      So  macht  mich  zum  Klosterprior, 

Ich  wil  den  Süstem  wol  stehen  vor. 
Lucretia.    Ihr  könt  anhalten,  für  meine  Person 

Habt  ihr  das  Jawort  hinweg  schon. 
Eurialus.     Nein  gleichwol  sagt  mir  ohne  Scherz: 

Wen  liebt  rechtschaffen  euer  Herz  ? 
Lucretia.     Ich  hab  kein  Lieb  als  Mutter  und  Vater 

Nächst  Gott,  mein  Herren  und  Berather. 
Eurialus.     Das  weiss  ich  wol,  ich  frage  frei, 

Wer  eur  herzliebster  Bule  sei? 
Lucretia.     Das  weiss  ich  nicht,  ich  hab  noch  keinen. 
1".  urialus.     Wie  könt  ihr  das  von  Herzen  meinen? 

Ihr  seid  kein  Klotz,  ihr  seid  kein  Stein, 

Sondern  ein  schönes  Mägdelein. 

Kenn  ich  doch  allein  einer  zehen, 

Die  euch  nur  Tag  und  Nacht  nachgehen. 

Das  kan  nicht  sein,  dass  unter  alln 

Euch  nicht  einer  solte  gefalln. 


*)  Eurialus  und  Lucretia  als  Namen  eines  Liebespaares  sind  dem 
berühmten  Romane  des  Aeneas  Silvius  entlehnt.  Die  dürftige  Handlung 
der  Komödie  (Tieck  sagt,  sie  habe  fast  keine  Handlung)  hat  Rollenhagen 
gewiss  selbst  erfunden.  [Die  Namen  Theagenes,  Calasiris,  Cnemon  und 
Nausicles  hat  der  Bearbeiter  aus  Heliodors  Aethiopica  entlehnt. | 

Köhler,   Kl.  Schriften.  III.  4 


50  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Lucretia.     Xent  mir  einen,  wenn  ihr  wohl  wisset. 
Eurialus.     Welchen  ilir  für  den  Liebsten  küsset? 

Ihr  werdets  selbst  am  besten  wissn, 

Wenn  icha  thet,  es  möcht  euch  verdriessn. 
Lucretia.     Ich   wüsste  keinen,  ihr  müstets  sein. 
Eurialus.     Das  darf  ich  mir  nicht  bilden  ein. 

Jungfrau,  sein  diese  Wort  eur  Spott, 

So  vergebs  euch  der  liebe  Gott. 
411         Lucretia.     Nein  traun,  was  solt  ich  euch  sein  feind, 

Weil  ihrs  mit  mir  nicht  böse  meint  ? 

Ich  bin   demselbn  von  Herzen  gut, 

Der  mir  lieb  und  nichts  leides  thut. 
Eurialus.     Ach  ich  bin  euch  von  Herzen  hold, 

Wenn  ihr  es  nur  erkennen  wolt. 
Lucretia.     Ihr  treues  Herz,  ihr  falsche  Kröte, 

Ihr  jagt  mir  jetzund  ab  ein  Röte. 

Ich  trau  euch  nicht,  es  sein  nur  Wort, 

Der  hab  ich  mein  Tag  viel  gebort. 
Eurialus.     Fühlet  mein  Herz  in  meinem  Leibe, 

Ob  es  nicht  schier  zum  Mund  ausstreibe. 

Die  Wort  besterben  mir  im  Mund, 

Ohn  euch  werd  ich  nimmer  gesund. 
Lucretia.     Mein  Lemblein,  ich  muss  euch  vexirn, 

Ich  wolt  euch  ein  wenig  probiern, 

Es  ist  nicht  mein  Ernst,  denn  ich  gleub, 

Dass  euch  die  Lieb  zu  mir  treib. 

Wenn  ihr  mir  treu  zu  sein   wolt  schwern, 

Ich  wil  euch  mein  Herz  treu  gewehrn. 
Eurialus.      Lucretia,  mein  ich  es  falsch, 

So  geb  Gott,  dass  ich  brech  den  Hals. 

Hiermit  vergleiche   man  die  Stelle    in   den  Englischen 
Komödien: 

Theagenes.     Eins  frag  ich  noch,    mein   allerschönstes  Engelein l 
Bekent  mirs,  könt  ihr  mir  auch  günstig  sein?    Sagt,  wen  habt  ihr  lieb? 

Sidonia.     Ich  wil  eine  Nonne  werden. 

Theagenes.    So  macht  mich  doch  zum  Prior  in  selbigem  Kloster,, 
denn  ich  den  Schwestern  treulich  auf  den  Dienst  warten  will. 

Sidonia.     Ihr  könt  euch  darumb  bewerben,  denn  sollet  ihr  mein 
Jawort  alls  bereit  haben.  | 
412  Theagenes.     Nein  gleichwol  saget  mirs  ohne  Scherz,  wen  liebet, 

ihr  rechtschaffen  auf  dieser  Erden? 

Sidonia.      Xechst    den    Göttern    weiss    ich   niemand    denn   Vater, 
und  Mutter. 


8.  Albert  Colins  'Shakespeare  in  Grermany'.  51 

Thea  genes.  Das  weiss  ich  wol.  Wer  eur  Allerliebster  sei, 
da-;  frage  ich. 

Sidonia.     Das  weiss  ich  nicht,  ich  weiss  von  keinen. 

Thea  gen  es.  Wie  köut  ihr  das  wol  mit  Wahrheit  sagen?  Ihr 
seid  ja  kein  Holz,  kein  Stock,  sondern  ein  schönes  Mägdlein,  kenne  ich 
doch  ihrer  selber  einer  20,  die  Tag  und  Nacht  euch  nachgehen.  Nun 
kan  nicht    gleich   sein,    dass  unter  so    vielen    euch    nicht  einer   gefallen 

seife. 

Sidona.     So  nennet  mir  doch  einen,  weil  ihrs  so  wol  wist. 

Theagenes.  Das  wil  mir  nicht  gebühren,  denn  wenn  ichs  thete, 
mögtet  ihrs  übel  aufnehmen. 

Sidonia.    So  wüsteich  auch  keinen,  ihr  müstets  denn  selber  sein. 

Theagenes.  Das  darf  ich  mir  nicht  in  Sinn  ziehen,  ziehet  ihr 
mich  aber  damit  auf,  so  vergelt  euchs  der  liebe  Gott. 

Sidonia.  Nein  traun  was  solt  ich  euch  lange  feind  sein,  weil 
ihrs  so  gut  mit  mir  meint,  denn  wer  mir  liebes  und  nichts  leides  thut, 
dem  bin  ich  von  Herzen  geneigt. 

Theagenes.  Ach  ich  bin  euch  von  Herzen  hold,  wenn  ihr  es 
nur  erkennen  wolt. 

Sidonia.  0  ihr  falsche  Kröte,  ihr  untreues  Herz,  jetzt  jaget  ihr 
mir  eine  Röte  ab.  Ich  traue  euch  nicht,  es  sind  nur  blosse  Worte, 
derer  ich  mein  Tage  viel  gehört. 

Theagenes.  Ach  fühlet  mein  Herz  in  meinem  Leibe,  ob  es 
nicht  solche  Wort  zum  Munde  raus  zwinget,  Ach  Sidonia,  ohne  euch 
werde  ich  nimmer  gesund. 

Sidonia.     Mein    Herzchen,    ich    wolte   euch    nur    probiren,    ob  es 
eur  Ernst     war,  denn  ich  gar  wol  glaube,   dass   euch   die  Lieb    zu  mir  413 
getrieben.     Wenn    ihr  mir  getreu   zu    sein  verheisset,    als   wil    ich   auch 
hingeben  euch  mein  treues  Herz  offeriren  und  versprechen. 

Theagenes.  So  Herzchen,  meine  ichs  falsch,  so  hole  mich  der 
Geier ! 

Als  weitere  Probe  diene  eine  Stelle  ans  dem  dritten  Akt, 
die  Klage  des  Clratian-Nansicles,  der  von  Lncretia-Sidonia 
einen  Korb  bekommen. 

G  r  a  t  i  a  n. 

Ach  weh.  ach  das  sei  Gott  geklagt, 
Das  heist  jo  thumkühn   gnug  gewagt. 
Es  schwant  mich  wol,  es  würde  so  gehn, 
Ach  het  ich  sie  doch  nimmer  gsehn! 
Ach  dass  muss  ich  mich  ewig  schemn, 
Ich  will  mich  nur  zu  Tode  gremn. 
Sol  ich  der  Liebe  nicht  geniessn, 
Will  ich  die  Sund  mit  Tode  büssn. 


52  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

O  Amor,  du  verfluchter  Gott, 
Was  bringstu  mir  für  grosse  Not! 
Venus,  du   böse  Teufelin, 
Deine  Tücke  werd  ich  itzt  inn. 
Ach  weh  verfluchet  sei  der  Tag, 
Darin  ich  der  Sonnen  Liecht  such. 
Ach  wer  ich  doch  nimmer  gehorn, 
So  wer  mir  diss  nicht  widerfahrn. 
Niemand  sol  mich,  ob  Gott  wil,  sehn 
Hinfort  mit  eim  Menschen  umgehn. 
Ade,  ade,  du  schnöde  Welt, 
Dein  Weise  mir  gar  nicht  gefeit. 
Gott  woll  mein  mattes  Herze  tröstn 
Und  mein  Elend  wenden  zum  bestn. 
Ich  weiss  bei  keinem  Menschen  Rat, 
Pfui  dich  an  der  Herrischen  That. 

In  der  Prosa-Umarbeitung  entsprechen  folgeude  Worte  des 
Nausicles: 

Ach  weh,  ach  weh,  ach  das  sei  ja  den  Göttern  gekiaget,  ach  nun 
ist  mein  Hoffnung  auss,  ganz  und  gar  verloschen.  Ach  wolte  Got,  dass 
ich  sie  nicht  erblickt,  noch  etwas  von  ihr  gehört  hätte.  Hei  grausamer 
414  Amol',  verflucht  seist  du  in  Ewigkeit,  wehe  dir,  grim-  |  mige  Venus,  für 
deine  listige  Tücke,  damit  du  mich  ins  Verderben  gebracht,  ja  wehe 
mir  selbsten!  Verflucht  sei  der  Tag,  darin  ich  das  edle  Firmament 
zum  erstenmal  mit  meinen  Augen  lustriret.  Niemand,  niemand  soll  mich 
hinfüro  weiter  sehen,  mit  keinen  Menschen  wil  ich  Gemeinschaft  haben, 
sondern  mein  Leben  in  Traurigkeit  und  Betrübniss  enden.  Ade,  ade, 
o  schnöde  Welt1),  o  Zeit,  o  Freud,  deine  Weise  mir  jetzt  nicht  gefeit. 
Gesegne  euch  Gott,  o  Laub,  o  Gras2),  o  du  schöne  hell  leuchtende 
Phoebe,  gesegne  euch  Gott,  was  mir  jemaln  lieb  oder  angenehm  ge- 
wesen, aber  o  Nemesis,  o  Eumenides,  suchet  Rache  und  strafet  an  der, 


')    [Vgl.  Gaedertz    S.    40.    126.     Stricker,    De    düdesche    Schlömer 
V.  5125.] 

2)  Dies  ist  deutschen  Volksliedern  entlehnt,  wo  vom  Leben 
Scheidende  in  gleicher  Weise  Abschied  nehmen.  Vgl.  z.  B.  Unland, 
Volkslieder  S.  304:  'Gott  gesegen  dich,  Loub,  Gott  gesegne  dich,  Gras, 
Gott  gesegne  alles,  das  da  was,  ich  muss  mich  von  hinnen  scheiden  .  . 
Gott  gesegen  dich,  Sunn,  Gott  gesegne  dich,  Mon,  Gott  gesegen  dich, 
schönes  Lieb,  wa  ich  dich  hon,  ich  muss  mich  von  dir  scheiden.'  Am- 
braser Liederbuch  S.  366:  'Gott  gesegen  dich,  Mon  und  Sonne,  des- 
gleichen Laub  und  Gras,  Gott  gesegen  dich ,  Freud  und  Wonne,  Und 
was  der  Himmel  beschloss.'  [Uhland,  Schriften  4,  148  f.  Bolte,  Mär- 
kische Forschungen  18,  176.] 


8.  Albert  Colins  'Shakespeare  in  Germany'.  53 

die  mich  in  solch  Unglück  gestürzet,  die  mich  so  trostlos  sterben  und 
verderben  lesset.     Ade.  ade,  ich  scheide  davon.' 

Aus  der  Erwähnung   der  Phoebe,   der  Nemesis,   der  Eu- 

menides1  .  sowie  aus  ähnlichen  sonst  vorkommenden  antiken 
Reminiscenzen  und  aus  häufigen  lateinischen  Bühnenbemer- 
kungen2), die  nur  zum  Teil  auch  bei  Kolleuhagen  vorkommen, 
in  den  übrigen  Stücken  der  'Englischen  Comedien  und  Tra- 
gedien aber  sich  nicht  finden,  sehen  wir,  dass  der  Verfasser  ein 
klassisch  gebildeter  Mann  gewesen  sein  muss. 

Endlich  noch  ein  Beispiel  für  die  Art,  wie  das  Platt- 
deutsche ins  Hochdeutsche  übersetzt  ist.  Bei  Rollenhagen 
sagt  Akt  1.  Scene  6  Lucretia  zu  Hans:  'Du  Unflat  du  must 
Dicht  schendiren3.     Hans  antwortet: 

So  niote  ghy  meck  de  schnitte  vermuren. 
Eck  weit  nich  schnuptiler  tau  sprechen, 
Ghy  motent  miner  groffheit  tau  reken, 
Ose  derens  de  achtend  sau  nich. 

In  der  Umarbeitung  sagt  Sidonia:  'Du  Unflat  must  nicht 

so  grob  sein.' 

C ne  in  o  n  :  So  müsst  ihr  mir  die  Schnautze  verschmieren,  ich  weiss 
nicht    |    schnuptiler  auszureden,    ihr  möchts  meiner  Grobheit  zurechnen,  415 
ich  nehm  es  so  genau  nicht. 

Diese  Proben  werden  genügen,  um  das  Verhältnis  der 
Bearbeitung  zum  Original  zu  veranschaulichen.  [Der  Nach- 
wirkung von  Rollenhagens  Komödie  geht  Gaedertz  S.  68—84 
nach:  er  übersieht  aber  die  Brieger  Aufführung  1671  (Schönwälder 
und  Guttmann,  Geschichte  des  Gymnasiums  zu  Brieg  1869, 
S.  115)  und  Rud.  Aug.  Goskys  Lyra  tragi-comica  (Halber- 
stadt 1634.  wo  in  Akt  3,  Sc.  1  die  Liebessceuen  der  Amantes 
amentes  1,  6  und  2,  •_'  ausgeschrieben  werden.] 

Zu  Seite  CX1IT,  Anmerkung  1. 

In  Bezug  auf  die  holländische  Tragödie  des  Jan  Vos 
'Aran  en  Titas'  (Amsterdam  1641),  welche  eine  Nachahmung 


')  Statt    Eumenides    ist    verdruckt    Erimenides,    was    natürlich 
nur  dem  Setzer  und  Herausgeber  zur  Last  fällt. 

2)  Z.  B.  cAd  ancillam  in  ostio  staritem'  oder  'Hie  potest  cani  cantio 


illa'  u.  dgl. 


54  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

des  Titus  Andronicus5  des  Shakespeare  ist,  bemerke  ich,  dass 
Georg  Greflinger  dieselbe  zu  übersetzen  jedenfalls  beab- 
sichtigt hat1).  Ob  er  es  wirklich  gethan  hat,  muss  dahin- 
gestellt bleiben.  In  der  Vorrede  zu  seiner  Übersetzung  des 
'Cid'  von  Corneille,  welche  vom  1.  August  1650  datiert  ist, 
sagt  Greflinger:  'Gefällt  dir  (nämlich  dem  Leser)  dieses  (die 
Übersetzung  des  Cid),  so  erwarte  noch  drei  andere,  nämlich 
den  bekläglichen  Zwang,  die  Laura  und  den  Andronicus 
mit  dem  Aron.J  Greflinger  kannte,  wie  aus  der  Vorrede  vom 
Cid  hervorgeht  und  sonst  anzunehmen  ist.  die  holländisch« 
Litteratur,  schwerlich  die  englische,  weshalb  wir  hierbei  nur 
an  die  Vossche  Tragödie,  nicht  an  die  Shakespearesche  denken 
dürfen.  Der  'beklägliche  Zwang'  ist  ein  Drama  Lope  de 
Vegas  [niederländisch  von  Isaak  Vos  1648]2).  ebenso  vielleicht 
auch  die  'Laura3  [niederländisch  vonZjermez  1645]. 3)  Vgl.  die 
Einleitung  zu  meiner  Ausgabe  der  'Kunst  über  alle  Künste', 
S.  XII. 

Zu  Seite  CXV. 

Die  im  Juni  und  Oktober  1626  zu  Dresden  von  den 
Engländern  aufgeführte  Komödie  'von  dem  König  iu  Eng- 
land und  dem  König  in  Schottland"  ist  1628  zu  Bautzen 
von  den  Schülern  gegeben  worden.  In  der  hsl.  Bautzener 
Chronik  Techells  3,  257  liest  man  nämlich:  'Den  8.  und  9. 
Mart.  (1628)  haben  die  Schüler  mit  Zustimmung  des  Rectors 
auf  dem  Rathause  eine  lateinische  Comödia  de  vita  scholasti- 
corum  und  eine  deutsche  vom  Könige  in  England  und 
Schottland  auss  dem  Pickelhering  aufgeführef.  (Mitteilung 
des  Herrn  Gymnasiallehrers  Dr.  Schubert  in  Bautzen;  vgl. 
dessen  Programm  v.  J.  1864  'Zur  Geschichte  des  Gymnasiums 
in  Budissin  IF,  S.  32.)  Diese  Komödie  dürfte  wohl  eine  und 
dieselbe    sein    mit    der    'Von    eines    Königes    Sohne    aus 


')  [Vgl.  Creizenach,  Berichte  der  sächs.  Ges.  d.  "Wiss.  1886,  S.  105, 
und  Die  Schauspiele  der  englischen  Komödianten  1889,  S.  11.  Bolte, 
Anzeiger  f.  dtsch.  Altertum    13,   111.] 

2)  [Bolte,  Das  Danziger  Theater  S.   110  f.  281.] 

3)  [Stiefel,  Littbl.  f.  germ.  Phil.  1884,  100.  Schwering,  Zur  Ge- 
schichte des  niederländischen  Dramas  1895,  S.  78  f.] 


tf.  Albert  Cohns  'Shakespeare   in  Germanv'.  55 

Engelland  und  des  Königes  Tochter  aus  Schotland3, 
welche  im  1.  Band  der  'Englischen  Comedien  und  Tragedien' 
steht1).  Letztere  ist  aber  wirklich  von  den  Engländern  in 
Deutschland  gespielt  worden:  denn  die  1607  in  Kassel  von 
den  Engländern  gespielte  Komödie  'von  den  zwei  krieg- 
führenden brittanischen  Königen,  von  denen  der  eine  des 
andern  Sohn,  der  andere  aber  des  |  ersteren  Tochter  ge-  416 
fangen  nimmt'  (Rommel,  Geschichte  von  Hessen  6,  401;  vgl. 
Colin  p.  LYIII),  ist  eben  die  cvon  eines  Königes  Sohn  aus 
Engelland  und  des  Königes  Tochter  aus  Schottland',  in  deren 
letztem  Akt  der  schottische  König  den  englischen  Prinzen  ge- 
fangen nimmt.  —  Wie  aber  sind  in  jener  Bautzeuer  Chronik 
die  "Worte  caus  dem  Pickelhering'  zu  erklären?  Sollte  man 
die  gedruckte  Sammlung  der  englischen  Komödien  und  Tra- 
gödien, aus  der  die  Bautzener  das  Stück  können  entnommen 
haben,  wegen  des  so  oft  darin  vorkommenden  Pickelherings 
geradezu  den  Pickelhering  genannt  haben?  [  Creizenach 
S.  LXXYL] 

Zu  Seite  CXVIl. 

Wenn  Herr  Colin  von  der  am  7.  Juli  1626  von  den 
Englischen  Komödianten  in  Dresden  aufgeführten  Tragödia 
von  Dr.  Faust3  sagt,  es  sei  dies  unzweifelhaft  Marl  ow  es 
Tragödie,  so  wird  diese  Vermutung  dadurch  bestätigt,  dass 
Oskar  Schade  nachgewiesen  hat,  dass  das  deutsche  Volks- 
drama uud  Puppenspiel  von  Dr.  Faust  aus  der  Marloweschen 
Tragödie,  die  ihrerseits  aus  dem  deutschen  Volksbuch  ge- 
schöpft hat,  sich  entwickelt  hat2).  Siehe  Weimarisches  Jahr- 
buch 5.  -247  f.  260  ff. 

Zu  Seite  LXIX. 

Die  Komödie  von  der  Crysella  wird,  wenn  mau  sich 
erinnert,  dass  (nach  Fürstenau  1,  231)  16*71  zu  Torgau  die 
geduldige  Chrysilla   dargestellt  wurde,  wohl   die  von  Thomas 


J)  [Vgl.  Creizenach  S.  LVII  f.  Bolte,  Das  Danziger  Theater 
S.  117.] 

*)  [Vgl.  Creizenach  S.  XXXIII  und  Der  älteste  Faustprolog, 
Krakau  1887.] 


56  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Dekker,  Henry  ('bettle  und  William  Hau gh ton  verfasste  Ko- 
mödie 'Patient  GrissiP  sein,  welche  wahrscheinlich  schon 
1599  oder  1G0O  gespielt,  aber  erst  1(!03  gedruckt  worden 
ist1).  Das  Schwanken  zwischen  Crysella  und  Chrysilla  ent- 
spricht dem  englischen  Grissil  und  Grissel.  Auch  in  der 
Kunst  über  alle  Künste  (79,  16  meiner  Ausgabe,  wozu  man 
die  Anmerkung  auf  S.  260  vergleiche)  ist  Shakespeares  'a 
second  Grissel'  durch  'eine  andere  Chrysilla'  gegeben. 

Zu  Seite  CXIX:  vgl.  Seite  CHI. 

In  Bezug  auf  die  im  Repertoir  der  englischen  Komödianten 
vorkommende  Tragödie  von  der  Enthauptung  des  Königs 
Carl  kann  ich  eine  Stelle  aus  einem  Buche  des  Altenburger 
Rektors  M.  Jacob  Daniel  Ernst  'Ausersehene  Gemüths-Er- 
417  getzligkeiten  Das  |  ist:  funffzig  sonderbare  Lust-  und  Lehr- 
( bespräche.  Magdeburg  1697"  S.  93  beibringen,  die  auch  sonst 
und  namentlich  deshalb  interessant  ist,  weil  hiernach  noch 
am  Ende  des  17.  Jahrhunderts  von  wirklich  aus  England 
gekommenen   Schauspielern   die  Rede   ist.     Die  Stelle  lautet: 

cWie  ists,  meine  Herren,  werden  sie  sich  nachmittage 
auch  auf  das  Comödien-haus  verfügen  umb  auzuschauen.  was 
die  neulich  aus  England  allhier  angelangten  Comödianten 
werden  gutes  fürbringen?  Ich  höre  sie  wollen  ihres  vorigen 
Königs  Carol  Stuarts  Kriege  mit  seinen  ünterthanen  und 
dessen  darauf  erfolgte  Hinrichtung  fürstellen,  welches  sich 
wol  wird  sehen  und  hören  lassen,  sonderlich  wegen  der  Ra- 
chetten  und  blinden  Pistolenschüsse,  so  man  darbei  zugleich 
wird  los  brennen." 

Zu  Seite  CXXIV. 

Da  ich,  seitdem  meine  Ausgabe  der  'Kunst  über  alle 
Künste"  erschienen  ist,  das  von  Herrn  Colin  beschriebene 
Wiener  Exemplar  selbst  vergleichen  konnte,  so  will  ich  hier 
noch  bemerken,  dass  in  beiden  Ausgaben  die  'Kunst  über 
alle  Künste"  auf  Seite  217  endet,  und  dass  in  beiden  S.  231 
bis  237   falsch    331    bis  337    bezeichnet   sind,    dass   aber   die 


J)  Eine  neue  Ausgabe  mit  Einleitung    und  Anmerkungen    erschien 
1841   für   die   Shakespeare-Society   [Creizenach  S.   XXXV.      Oben  2,529]. 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  Wissbadisch  Wiesenbrünnlein.        57 

Exemplare  von  Weimar  und  Dresden  ein  Blatt  mehr  haben, 
und  zwar  unpaginiert,  und  dass  auf  Seite  338  (verdruckt  138) 

das  singende  Possenspiel  endet  und  die  Erklärung  des 
Kupfertitels  auf  der  ersten  Seite  des  letzten  Blattes  steht, 
während  im  Wiener  Exemplar  auf  S.  337  das  Singspiel 
schliesst  und  auf  der  unpaginierten  letzten  Seite  die  Er- 
klärung des  Kupfers  steht.  Endlich  bemerke  ich  noch,  dass 
das  Wiener  Exemplar  allerdings  einige  Druckfehler  der  andern 
Ausgabe  berichtigt  hat,  meistens  jedoch  die  Druckfehler  jener 
Ausgabe  geblieben  und  viele  neue  hinzugekommen  sind. 
[Bolte.  Archiv  f.  Littgeseh.  15,  446.  Jahrb.  d.  Shakespeare^ 
Ges.  27,  130.  Bolte,  Die  Singspiele  der  englischen  Komödianten 
1893,  S.  35.] 

Zu  Seite  CXXV. 

Zeile  2  der  Anmerkung  lies  'Don  Jean  von  Barbarey1, 
und  Seite  CXXVT,  Zeile  8  v.  u.  im  Text  'Süssmäulchen'. 

[Burkhard  Beizer,  ein  Engellandischer  Commediant. 
t  21.  Juni  1654  in  Wien.  Karajan,  Abraham  a  S.  Clara 
1867,  S.  113.] 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  Wissbadisch 
Wiesenbrünnlein. 

(Wagners  Archiv  für  die  Gesch.  deutscher  Sprache  1,  452—457.    1873.) 

Michael  Caspar  Lundorf  oder,  wie  er  sich  meist  nannte. 
Lundorpius,  der  Herausgeber  der  bekannten  Acta  publica, 
über  den  erst  vor  wenig  Jahren  Dr.  Ernst  Fischer  eine  sehr 
lehrreiche  Abhandlung  veröffentlicht  hat,1)  ist  auch,  was  bis- 
her meines  Wissens  noch  nicht  geschehen  ist,  als  Verfasser 
einer  deutschen  Historien-  und  Schwanksammlung  zu  nennen. 


:)  Michael  Caspar  Lundorp,  der  Herausgeber  der  Acta  publica, 
ein  deutscher  Publicist  aus  dem  Anfange  des  17.  Jahrhunderts.  Gym- 
uasialprogramm.     Berlin  1870.     4°. 


,")S  Zur  neueren  Litteraturgeschichte. 

Es   liegen  mir  zwei,   von   der   Grossh.  Bibliothek  zu  Weimar 

vor   ein  paar  Jahren  erworbene  Teile   dieser  Sammlung   vor: 

ob    noch  mehr  Teile,    die    der    Verfasser  nach  der   Vor-  und 

Nachrede    des  2.  Teils    beabsichtigte,  erschienen   sind,    weiss 

ich  nicht.1)     Die  Titel  der  beiden  Teile  lauten: 

Wissbadisch  "Wisenbrünlein:  Das  ist,  Hundert  schöne, kurtz- 
weilige,  zum  theil  new,  zum  theil  aber  auss  etlichen  Lateinischen  vnd 
Teutschen  Scribenten  zusammen  gewesene  vnd  verdeutschte  Historien. 
Alien,  bevorab  aber  zum  Wissbad  reysenden;  Mann  vnd  Weibspersonen, 
ohne  verruckung  Zucht  und  Ehr,  gantz  kurtzweilig,  lustig  vnd  lieblich, 
zu  lesen  und  zuhören:  An  jetzo  zum  ersten  in  Truck  gegeben. 
RAPHAEL  SULPICIUS  a  Munscrod  Germanus.  Franckfurt,  Jn  Ver- 
legung Nicolai  BasssBl  Erben,  Jm  Jahr  Christi,  1610.  216  Seiten.  8°. 
[Gedruckt  zu  Darmbstatt,  durch  Balthasar  Hofmann,  Im    Jahr.  MDCX.] 

Wissbadisch  W  is  en  brünn  le  in  ,  Ander  Theil:  Das  ist, 
Hundert  schöne  kurtzweilige  vnnd  liebliche,  zum  theil  Newe,  zum  theil 
aber  auss  etlichen  Lateinischen  vnd  Teutschen  Scribenten,  zusammen 
getragene  vnd  verdeutschte  Historien.  Allen  vnd  jedwedem  (bevorab 
aber  zum  VVissbad  reisenden  Mann  vnd  Weibspersonen)  ohne  ver- 
ruckung Zucht  vnd  Ehre,  gantz  lieblich  vnd  kurtzweilig  zulesen,  vnd 
zuhören,  an  jetzo  erstlichen  in  Truck  verfertigt.  Durch  Michael  Caspar 
Lundorff.  Ciuem  Mceno-Francofurtensem.  Gedruckt  zu  Darmbstatt, 
durch  Balthasar  Hofmann,  Jn  Verlegung  der  Basseeischen  Erben. 
MDCXI.     240  Seiten.     8  °. 

453  Dass  Raphael  Sulpicius  a  Munscrod  ein   angenommener, 

Michael  Caspar  Lundorf  aber  der  wahre  Name  des  Verfassers 
ist,  erfahren  wir  aus  den  letzten  Seiten  des  andern  Teils, 
welche  lauten: 

S.  '237.  An  den  günstigen  Leser. 

Günstiger  wolmevneuder  freundlicher  lieber  Leser.  Dass 
ich  auff  den  ersten  Theil  meines  Wissbadischen  Wisenbrünn- 
leins  meinen  Namen  nicht  so  gar  öffentlich,  wie  allhier  in 
diesem  andern  Theil  geschieht,  gesetzet:  Ist  darumb  nicht 
geschehen,  dass  ich  mich  irgend  meines,  GOtt  lob,  guten 
Namens  geschämet  hette,  sondern  weil  ich  geförchtet,  Es 
möchte  mir  vielleicht  nicht  zum  besten  ausgedeutet  werden, 
ein  solches  geringfügiges  Tractätlein  [238]  vnnd  Kinderwerck 


')    [Den    ersten    Teil    besitzt    auch    die    Königliche    Bibliothek  zu 
Berlin:   Yt  7881.  —  Vgl.  Wendeler,  Zs.  f.  dtsch.  Altertum  21,  461  f.] 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  Wissbadisch  Wiesenbrünnlein.        ,r)<) 

durch  offenen  Truck  zu  publicieren.  Weil  ich  mich  aber  in 
meiner  Jugend  des  Alphabets  oder  ABC,  in  Schulen,  biss  ich 
lesen  und  etwas  anders  lernen  mögen,  nicht  geschämet,  Pudor 
euiin  est  nil  discere  velle:  Also  jetzt  auch,  biss  Gott  etwas 
bessers  bescheren  wird,  mich  nicht  schewe,  Solche,  dieses 
Brünnleins,  noch  vbrige  Theil  folgend  in  Truck  zu  geben: 
bevorab  weil  in  gleicher  Materv  mir  solche  Leuth  mit  der- 
gleichen Opusculis  fürgeleuchtet,  Denen  ich  die  Schuhriemen 
nicht  aufflösen  kan,  welche  auch  mir  den  Weg  also  bereitet, 
dass  ich  sampt  jhnen  wol  vnangefochten  bleiben  werde. 
Finden  sich  aber  etliche  Nassweise  Ladüncker  (deren  dann 
heutiges  Tages  mehr  dann  in  jetzigen  Hundstagen  vnter  [289] 
der  Metzig  SchmeissHiegen  gefunden  werden)  Wolan  machen 
sie  es  einmal  besser,  Soll  als  dann  Lundorpius  widerumb 
hinder  den  Ofen  kriechen,  auch  dannenhero  nicht  eher  herfür 
kommen,  Er  hab  dann  vor  solche  Tausendt  Klügliu  einen 
stärckeren  Mercurium  dahinden  aussgebrütet.  Sed  tu,  candide 
Lector,  vale,  ama  &  expecta,  breui  siquidem  me  rursum 
videbis. 

[•240]  E I D  E  M. 

Newlicli  nennt  man  mich  Raphael, 

Vnd  hiess  mein  Petter  Michael, 
Mein  Yatter  war  Lundorpius, 

So  nennt  man, mich  Sulpicius  j 
A  Munscrod,  welches  mir  unhekandt,  454 

Dann  Franckfurt  ist  mein  Vatterland. 
Leser  trett  nun  was  bass  herbey, 

Seh  was  diss  für  ein  Monstrum  sey. 

Man  sieht  leicht,  dass  der  falsche  Name  aus  dein 
wahren  anagrammatisch  gebildet  ist:  Michael  Caspar  Lun- 
dorpius ergiebt  durch  Umstellung  Raphael  Sulpicius  a 
Munscrod.  l) 

Manchen  Historien,  nicht  nur  des  zweiten,  sondern  auch 
schon    des    ersten  Teils,   sind  Reime    beigefügt,    welche    mit 


r)  Wie  E.  Weller,  Annalen  2,  397,  der  nur  den  ersten  Pseudo- 
nymen Teil  des  Wiesenbrünnleins  kennt,  dazu  kommt,  hinter  Raphael 
Sulpicius  a  Munscrod  in  Parenthese  'Willi.  Jocker?'  zu  setzen,  weiss 
ich  nicht. 


CO  Zur  neueren   Literaturgeschichte. 

M.  C.  L.,  also  mit  den  Anfangsbuchstaben  der  Namen  des 
Verfassers,  unterzeichnet  sind. 

E.  Fischer  sagt  in  seiner  oben  erwähnten  Abhandlung 
S.  .").  unser  Autor  schreibe  seinen  Namen  stets  Lundorpius 
und  ebenso  die  Akten  t\r<.  Frankfurter  Archivs,  er  selbst 
aber  nennt  ihn  Lundorp.  Aus  dem  Wiesenbrünnlein  geht 
nun  hervor,  dass  er  vielmehr  gut  hochdeutsch  Lundorf 
hiess.  Einen  weiteren  Beleg  dafür  entnehme  ich  E.  Wellers 
Annalen  2,  33,   wo  sich  verzeichnet  findet: 

M  vi ler  Hammelburgensis  seeligen.  And.  *),  NeweTeutsche 
Canzonetten,  Franckfurt  a.  M.  1608,  4  °,  mit  einer  "Widmung 
des  Herausgebers,  Michael  Caspar  Lundorf f,  dat.  Franck- 
furt, den  10.  Aprilis  Anno  1608. 

Lundorf  hat  sein  Wissbadisch  AVieseubrünnlein.  wie  er 
in  der  Vorrede  zum  ersten  Teil  sagt,  'aus  sonderlicher 
Affection  und  Zuneigung  gegen  das  warme  Bad  zu  Wiss- 
455  baden",  dessen  |  ausgezeichnete  Heilkräfte  er  vorher  sehr  ge- 
rühmt hat2),    verfasst,    damit  die  Besucher    des  Bades    nach 


*)  Dies  ist  ohne  Zweifel  derselbe  Andreas  Myller,  den  Lundorf  im 

2.  Teil    des  Wiesenbrünnleins  S.  16,   in   einem  lateinischen  Anhang  zur 

3.  Historie  erwähnt:  'Anno  Christi  Salvatoris  MDCIT.  M.  Iulio  in  sedibus- 
Caspari  Lundorpij  Parentis  mei  p.  m.  factum  est,  eiusdem  farinse  homo 
e  numero  vagabundorum  Andrea?  Myllero  adtini  meo  et  tum  temporis  in 
prsefectura  chori  Musici  Parentis  mei  fei.  mem.  successori,  sed  nunc- 
quoque  in  triumphanti  ac  ccelesti  choro  Angelorum  Musico  cantori,  can- 
tilenam  quandam  obferret  etc.'  Über  Lundorfs  Vater  Caspar  s.  Fischer 
a.  a.  0.  S.  5. 

2)  Dabei  richtet  er  an  die  'Inwohner'  Wiesbadens  die  Mahnung» 
sie  sollten  'die  frembde  Anwesende,  die  da  Kranckheit  wegen  das  Bad 
besuchen  müssen,  mit  fortelhafftigem  vberentzigem  Gewinn  nit  vber- 
setzen,  damit  sie  [d.  h.  die  Einwohner]  der  grossen  Gnad  [des  Bades] 
nicht  widerumb  beraubet  vnd  in  die  grawsame  Ruthen  Gottes  fallen 
mögen'.  Wegen  des  Wortes  überenzig  vgl.  Schmeller,  Bayer. 
Wörterbuch,  2.  Ausg.  1,  20  und  118,  Kehrein,  Volkssprache  in  Nassau 
1,  412;  Schmidt,  Westerwäld.  Idiotikon  S.  276  und  Vilmar,  Idiotikon 
von  Kurhessen  S.  420.  Einen  weiteren  Beleg  bietet  J.  Frey,  Der  ander 
Theil  des  Rollwagens  oder  Gartengesellschaft  (Mülhusen  o.  J.),  Cap. 
xlij,  S.  62:  'Im  Gülcher  Land  zohe  ein  armer  Landsknecht  daher  über 
das  Feld  und  bette  nit  überäntzige  Kleider  an.'  [Frey  ed.  Bolte  1896, 
S.   57,4.] 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  "Wissbadisch  Wiesenbrünnlein.         ßl 

gehaltenem  Bad  und  Malzeiten,  sich  entweder  daheim,  oder 
bey  dem  sehr  schönen  und  lustigen  Wiesenbrünnlein,  von 
welchem  dann  ich  den  Tittel  dises  Büchleins  genommen  .  .  . 
erlustiren  mögen3.  In  der  Vorrede  zum  andern  Teil  sagt  er: 
'Ich  habe  die  Historien  mit  dem  Namen  Wissbadisehes 
Wisenbrünnlein  ennlgirt,  anss  der  Vrsachen,  weil  vor  dreyen 
Jahren,  cum  nauicula  mea  operiretur  nuctibus,  an  demselbigen 
mich  widerumb  also  ergetzet,  dass  ich  desselben  biss  auhero 
nit  vergessen  mögen,  Noch  auch  jemals  vergessen  kan, 
Sondern,  wo  es  Gottes  will  ist,  auch  die  folgende  Theil  mit 
dieses  lieblichen  Brünuleins  Namen  insigniren  wil.  Denn 
gleich  wie  der  Hörnine  Sewfried  (si  vera  ferunt)  ex  succen- 
sorum  Draconum  riuulo  transmutirt  worden :  Also  auch  ich, 
da  ich  dises  Brünnlein  heimgesucht,  Omnia  iniquae  fortunae 
tela,  eburneus  quasi  inde  redditus,  vici.J 

Bei  vielen  Historien  hat  Lundorf  die  litterarischen 
Quellen,  die  er  benutzt  hat,  angegeben. l)  Von  denjenigen, 
bei  welchen  keine  Quellen  genannt  sind,  sind  manche  nach- 
weislich aus  denselben  geschöpft,  die  er  nach  seinen  eigenen 
Angaben  zu  andern  benutzt  und  genannt  hat,  manche  aber 
sind  wohl  überhaupt  nicht  litterarischen  Ursprungs. 

Als  Probe    der    Erzählungswreise  Lundorfs  folge  hier,  in 
etwas  vereinfachter  und  geregelter  Schreibung,  die  50.  Historie 
des  andern  Teils.     Sie  ist  aus  dem  rConvivium  fabu-  [  losum3,    456 
einem    der    'Colloquia'    des  Erasmus    von    Rotterdam,   frei 
übersetzt. 2) 


*)  [Es  sind  Bebel,  Boccaccio,  Breydenbach,  Brusonius,  Castiglione, 
Erasmus,  Etterlin,  Tob.  Fabricius,  Goltwurm,  Hasenmüller,  Heidfeld, 
Heresbacb,  Hondorf,  Krantz,  Lercheimer,  Luther,  Maiolus,  Marianus, 
Matliesius,  Melander,  Miedes,  Seb.  Münster,  Pontanus,  Mart.  Richter, 
Mich.  Saxo,  J.  Schenck,  Schwarzenberg  (Memorial  der  Tugend). 
Schweiger,  Syfridus  presbyter;  ein  anonymer  Judenspiegel  wird  2,  30, 
ein  Gespräch  des  Esels  wider  Anshelmen  von  Turmedan  2,  14  citiert. 
Vgl.  die  angehängte  Inhaltsübersicht.] 

2)  [Vgl.  Eulenspiegel,  Erfurt  1532,  Historie  92;  bei  Lappenberg 
S.  141.  Stiefel,  Zs.  f.  vgl.  Littgesch.  8,  483.  Melander.  Joci  1603  nr.  37 
(=  Erasmus).]  Aus  demselben  Gespräche  des  Erasmus  sind  auch  die 
sechs  folgenden  Historien  (51—56)  übertragen,   aber  nur  am  Schluss  von 


62  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

S.   120.  Historia  L 

Von  einem  Schuster,  wie  derselbe  von   einem   Fatzvogel 
iinih  ein  par  Srhuli  und  Stiefel  betrogen  wurden.1) 

Zu  Leyden  kam  auf  eine  Zeit  einer  auss  den  kurz- 
weiligen Hofräthen  oder  auss  Hensel  Wursten  Zunft  zu 
einem  Schuhmacher,  der  da  in  seiner  Werkstatt  eben  seine 
verfertigte  Arbeit  auf  den  Kauf  aussiegen  thete,  grüste  den 
Meister  ganz  freundlich,  gaffte  und  beschnaupte  die  Arbeit 
aufs  genaueste,  wolte  doch,  was  er  gesinnet  were,  sich  im 
geringsten  nit  vermerken  lassen,  biss  so  lang  der  Schuster 
ihn  selbst  augeredet  und  fragen  thete,  ob  er  ein  par  Stiefel 
haben  wolte,  so  solte  er  sich  ein  par  schöne  aüsssuchen. 
Was  geschieht?  Mein  gutes  Jann  Buschetigtes2)  Schleunle 3) 
hatte  schon  gnug  gehöret,  was  zu  seinem  Vorhaben  ihm  in 
seinen  Kram  dienen  würde,  suchte  derohalben  ein  par  auss- 
bündiger  schöner  Stiefel,  welche  ihm  der  Schuster  Selbsten 
anziehen  helfen.  Als  er  aber  nunmehr  so  schön  staffiret,  be- 
457  sihet  er  sich  binden  [121]  und  forn,  nicht  |  änderst  als  wenn 
sein  Hindergestell  ein  Bischoff  worden  were,  welches  dann 
auch  dem  Schuhmacher  selbsten,  weil  er  die  Stiefel  ihm  so 
wol  belieben  lassen,  sonderlich  wolgefallen.  verhoffende,  auss 


50  und  51  ist  auf  Erasmus  hingewiesen:  'Id.  D.  Eras.  Rot.  fol.  377  & 
378'  und  'Id.  p.  381',  welche  Quellenangaben  aus  der  zur  vorher- 
gehenden (49.)  Historie  deutlich  werden:  'Ex  Erasmi  Colloq.  Nauf.  fol. 
245  &  246.' 

')  Dieser  Titel  stimmt  nicht  mit  der  Erzählung,  in  welcher  nur 
von  einem  Paar  Stiefel  die  Rede  ist.  Bei  Erasmus  allerdings  ist  von 
oerea?  und  calcei  die  Rede. 

2)  Johan  Bauschet  (Buschet)  ist  in  zwei  Stücken  des  Herzogs- 
Heinrich  Julius  von  Braunschw-eig  der  Name  der  lustigen  Person,  s.  in 
Hollands  Ausgabe  S.  172,  183-185,  198—200,  203,  204,  S79  ff.  In 
andern  Stücken  des  Herzogs  lautet  der  Name  Johan  Bouset,  bei  Ayrer 
(Jan)  Posset.  Vgl.  "W.  Wackernagel,  Geschichte  der  deutschen  Litte- 
ratur,  S.  463  Anm.  9,  und  S.  466  Anm.  38;  A.  Colin.  Shakespeare  in 
Germany,  S.  XLIII  und  LX1Y — LXYI,  K.  Weinhold  in  Gosches  Jahrbuch 
für  Literaturgeschichte  1,  35  f.  [Diesen  Clown-Typus  hatte  der  Engländer 
Thomas  Sacke  ville  geschaffen:  vgl.  Creizenach,  Die  Schauspiele  der 
englischen  Komödianten  1889,  S.  VII.  XCIII.] 

8)  Mir  unbekanntes  "Wort. 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  Wissbadisch  Wiesenbrünnlein.         (>3 

der  Ursach  würde  er  desto  eher  und  wegen  de*  vielfältigen 
Lobens  wol  theuere  Zahlung  erlangen.  Alter  das  Gelt  zu 
dieser  Stiefelzahlung  war  noch  ungemünzet,  dann  er  den 
Meister  also  angeredet;  'Lieber  Meister,  sag  mir  uf  guten 
Glauben:  Ist  dir  niemals  widerfahren,  dass  ein  solcher  Kerle, 
den  du  so  munter,  wie  mich  an  jetzo,  mit  so  schönen  Stiefeln 
aussstaffiret  hast,  entgangen  were  und  die  Stiefel  dir  nicht 
bezahlet  bette?'  Der  Schuster  antwortete:  Nein,  das  were 
ihm  noch  nicht  geschehen.  'Was  thetest  du  aber,3  sprach 

der  ander,  cwenn  dir  ein  solches  begegnete?'  Der  Schuster 
antwortete:  cEi  was  fragstu  viel?  Ich  wolte  einem  solchen 
Gesellen  dapfer  nachlaufen.'  —  'Ist  denn  das,3  sagte  der 
ander  hinwiderumb,  'dein  Ernst  oder  Scherz?"  - 'Ja  freilich,3 
sprach  der  Schuster,  'ists  ein  Ernst  und  kein  Scherz."  — 
'Nun  wolan,3  sagte  der  ander,  'so  lauf  ich  umb  die  Stiefel 
zuvor,  du  folge  mir  nach,3  lief  auch  alsbald.  [122]  was  er 
immermehr  erlaufen  kunte.  Der  Schuster  säumpte  sich  auch 
nicht,  folgte  schnelliglichen  hernach,  ernstlichen  rufende: 
'Halt  den  Dieb,  halt  den  Dieb.J  Als  nun  von  Bürgern  dero- 
vvegen  ein  grosser  Auflauf  worden  und  den  Eulenspieglichten 
Stiefelkaufer  aufhalten  wolte,  rief  er  mit  frölichem  Muth 
und  beherzten  lächelichten  Worten:  '0  nicht,  liebe  Freunde, 
dass  ihr  uns  hierinnen  uit  verhindert,  dann  wir  beide  an 
jetzo  umb  eine  Kanten  Bier  der  Wette  laufen.3  Welches 
dann  die  Bürger,  weil  er  so  frölich  und  mit  lachendem  Muth 
solches  geredet,  geglaubet,  auch  vermeinet,  der  Schuster 
wolte  mit  dem  'Halt  den  Dieb,  halt  den  Dieb'  ihn  zurück- 
halten und  an  seinem  Lauf  irgend  verhinderen,  biss  endlichen 
der  Schuster  ganz  und  gar  ermattet  nach  Haus  ganz  nass 
und  müd  einziehen  und  darzu  die  Stiefel  verwettet  haben 
müssen.  —  Jd.  D.  Eras.  Rot.  fol.  377  &  378. 

[Der  Herausgeber  fügt   ein  Inhaltsverzeichnis   von    Lun- 
dorfs Schwanksammlung  nebst  einigen  Quellennachweisen  bei. 

1.  Teil. 

S.    19.    Diaeta,     so    mir     kürtzlichen     zuhanden     kommen,    wessen 
man    sich   im  Wissbad    zuverhalten.  Abgedruckt    bei    A.  Henninger,, 

Nassau  in  seinen  Sagen,  Geschichten  und  Liedern  1,  202  (1845). 


('4  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Historia  1.  Von  einem  Fränckischen  Patzvogel,  der  meiner  Hauas- 
frauwen  in  Todtsnöthen  das  Hauss  vermacht  (S.  30). 

2.  Von  einem  schleckerhafftigen  Schneider,  welcher  bey  einer 
Gastung  Geyssbonen  für  Cappern  gessen  (S.  32). 

3.  Von  einem   armen  Schüler  vnd  Sch.neiderknecht  (S.  33). 

4.  Von  einer  Disputation  vnd  gehaltenem  Zanek  eines  Manns  vnd 
Männlins  (S.  35). 

5.  Von  einer  einfältigen  Kochmagd,  welche  jhrer  Frawen  Gunst 
zuerlangen  Eyer  am  Spiss  gebraten  (S.  37). 

6.  Von  einem  Einspännigen  vnd  Medico,  der  auff  einem  guten 
Weg  reyten  wolte,  vnnd  was  sich  zwischen  diesen  beyden  veriotfen 
(S.  38).  —  Vgl.  Hertzog,  Schilt  wacht  1560  nr.  16  (Montanus,  Schwank- 
bücher 1899,  S.  646). 

7.  Von  einer  alten  alberen  Bäwrin,  wie  sie  sich  vor  einem  Bürger- 
meister verhalten  (S.  41). 

8.  Von  einem  schnaupichten  Reutersjungen,  wie  es  jhm  mit  einem 
grünen  Müsslein  ergangen  (S.  42). 

9.  Von  einem  Burgermeister  vnnd  Augspurgischen  Studenten  (S.  44). 

10.  Von  einem  kurtzweiligen  Dieb,  genannt  Nasskittel,  vnd  was 
sich  bey  seiner  Galgenwallfarth  weiters  verloffen  (S.  45). 

11.  Von  einem  Metzger  vnd  einem  groben  vnbescheidenen  Fleisch- 
kauffer  (S.  48). 

12.  Von  einer  hochfertigen  Dienstmagd  vnd  jhrem  Rheinhändler 
(S.  49). 

13.  Von  einer  andern  Niderländischen  Dienstmagd,  wie  es  der- 
selben auff  offnem  freyen  Marck  vnd  vnter  der  Metzig  ergangen  (S.  50). 

14.  Von  Alexandro  Magno  vnnd  einem  Eseltreiber  (S.  53).  —  Vgl. 
Pauli  nr.  507.     H.  Sachs,  Fabeln  4,  143. 

15.  Von  einem  Bettelvogt  zu  Marpurg,  genannt  Drecksimon,  wie 
es  jhm  in  einer  Zech  mit  etlichen  Studenten  ergangen  (S.  54). 

16.  Von  einem  Hessen,  der  sich  umb  geringes  Diebstals  willen  für 
dem  Hencktod  gefürchtet  (S.  56). 

17.  Von  einem  andern  Hessen,  der  zum  Galgen  verurtheilt,  wie 
er  sich  im  aussführen  verhalten  (S.  58). 

18.  [Antipater  geblendet,  lacht]  (S.  59).  —  Xach  Brusonius,  Face- 
tiae  exemplaque  1559,  lib.  3  [V]. 

19.  [Die  Raben  des  h.  Meynhard]  (S.  60).  -  Nach  P.  Etterlins 
Chronik  Bl.  1—4.      Vgl.  oben  2,  5631*. 

20.  Von  einem  berühmten  Sehwartzkünstler,  welcher  in  einem 
offnen  Gasthauss  demAVirth  seinen  Jungen  gefressen  (S.  64).  —  A.  Lerch- 
heimer  (H.  Witekind),  Christlich  bedencken  von  Zauberey  1597,  Kap.  97 
—  S.  29  ed.  Binz  1888. 

21.  Von  einem  Blinden,  der  sein  Geld  in  Garten  vergraben,  welches 
jm   hernacher   gestohlen    worden,    vnd   durch   was   list    er   widerumb    zu 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  "Wissbadisch  Wiesenbrünnlein.        65 

seinem    Geld    kommen    sey    (S.   66).    —    Ygl.    Dnnlop-Liebrecht   S.  258  a. 
539  b. 

22.  Von  einem,  so  in  grosse  Armuth  gerathen  vnd  sich  zu  hencken 
in  willens  war,  weil  er  aber  einen  grossen  Schatz  gefunden,  sich  eines 
andren  bedacht,  vnd  wie  es  mit  dem  Schatzvergraber  entlichen  ergangen 
<S.  68).  —  Vgl.  Bolte  zu  Montanus  S.  584. 

23.  Von  einem  seltsamen  zu  Venedig  gethanen  vnnd  wunderbar- 
lichen  entdeckten  Diebstal  (S.  70).  —  Münster,  Cosmographey  2,  14 
<1598,  S.  264).     Vgl.  Holte,  Allgem.  d.  Biogr.  33,  618:  Seidel. 

24.  "Was  der  verdriesslichste  Müssiggang  sey  (S.  72). 

25.  Von  Hertzog  Henrichs  zu  N.  Leibarzt  [Notherus  von  St.  Gallen], 
wie  derselbgen  besichtigung  dess  Vrins  oder  Harns  auff  ein  zeit  be- 
standen (S.  74).  —  Vgl.  v.  d.  Hagen,  Gesamtabenteuer  3,  CXXIX. 

26.  Von  einem  Bauwren,  der  Doctor  Drachen  von  einem  Pfarr- 
herrn ein  Hasen  bringen  solte  vnd  den  Namen  vergessen  hatte  (S.  76).  — 
Vgl.  Melander,  Joci  atque  seria  1603,  nr.  291. 

27.  Von  zweyen  Taglöhnern,  auff  was  weiss  der  eine  den  andern 
vbern  Dölpel  geworffen  (S.  77). 

28.  Von  einem  Bender,  der  zu  Basel  erhenekt  vnd  hernacher 
widerumb  lebend  funden  worden  (S.  79).  —  Münster,  Cosmographey  3, 
103  (1558,  S.  496  =  1598,  S.  610). 

29.  Von  einem  gehenckten  Juden,  so  am  Galgen  getaufft  worden 
<S.  80).     Münster  ebd. 

30.  Von  Krafft,  Herrlichkeit  vnd  Würckung  des  "Weyhewassers  (S.  81). 

31.  Von  Herrn  D.  Martino  Luthero  seligen,  wie  sein  Bildnuss 
■einsmals  in  einer  [von  den  Münchener  Jesuiten]  gehaltenen  Tragoedi  ver- 
brannt worden,  vnd  was  darauss  entstanden  sey  (S.  83).  —  Nach  Hasen- 
niüller,  Historia  Jesuitici  ordinis  1594,  S.  460. 

32.  Von  Augusto  dem  Römischen  Keyser  (S.  84). 

33.  Von  Claudia,  einer  Römischen  Vestalischen  Jungfrawen  (S.  85). 
Nach   Brusonius  lib.  4  p.  490  (1559,  S.  283). 

34.  Von  Tucia,  auch  einer  Vestalischen  Jungfrauwen  (S.  86).  — 
Münster  2,  7  (1598,  S.  231). 

35.  Von  der  "Würde  vnnd  Hoheit  der  Vestalischen  Jungfrauwen, 
wie  dann   auch   von  grausamer  erbärmlicher  Straff  der  Verfeiten  (S.  87). 

Münster,  Cosmographey  2,  7  und  10  (1598,  S.  231   und  238). 

36.  Von  zweyen  fürtrefflichen  Xiderländischen  Mahlern.  (Steht 
«rst  auf  S.  98.) 

37.  Von  einem  vngeschickten  Mahler  (S.  91). 

38.  Von  einem  Jesuwiten,  der  zu  Augspurg  eines  Fuckers  Magd 
bekehren  wollen,  vnnd  wie  es  jhm  vber  der  Bekehrung  ergangen. 
(S.  92.)  —  Nach  E.  Hasenmüller,  Historia  Jesuitici  ordinis  1594,  S.  460. 

39.  Von  einem  Jungen  Gesellen,  der  durch  hülf  eines  Zauberers 
seines  Bulen  gestallt  zusehen  vberkam,  vnd  was  schrecklichen  aussgang 

Köhler.  Kl.  Schriften.  HI.  5 


(\Q  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

die  Sach  entliehen  gewonnen  (S.  93).  —  Nach  Sifridus  Presbyter  in  den 
Monum.  Germaniae,  Scriptores  25,  705:    cDe  nygromantieo    in   VribergV 

40.  Von  einem  Engelländischen  Mönch,  wie  demselben  Nachmittag 
der  Schlaff  bekommen  (S.  96)-  -  -  J.  Schenck,  Observationes  medicae  7,. 
'24')  edit.   1597  (nach  Erasmus). 

41.  Von  grauwsamer  Straff  des  Ehebruchs  (S.  100).  —  Schenck,. 
Observ.  medicae   1,  8  (1584)  nach  Aventin  und  Cuspinian. 

42.  Von  einem  Hispanischen  Hof-Junckern,  welcher  vor  forcht  dess- 
Todtes  in  einer  Nacht  gantz  graw  worden  (S.  102).  —  Schenck  1,  6  (1584). 

43.  Von  einem  Florentiner  vnnd  seiner  Gespons  (S.  104).  —  Ber- 
nardinus  Gomes  Miedes,  Diascepses  de  sale  1605,  p.  404  und  Münster,. 
Cosmogr.  5,  71   (1558,  S.  1168  =  1598,  S.   1392). 

44.  Von  einem  so  mit  Ruthen  aussgehawen  worden,  vnnd  wie  er 
sich  in  seiner  Aussfahrt  verhalten  (S.   106). 

45.  Von  einem  andern  henckmessigen  verurtheilten  Dieb,  wie  der- 
selbe den  Nachrichter  bescheiden  (S.   108). 

46.  Von  gleicher  Gattung,  so  gehencket  ward  vnd  für  seinem 
End  ein  Schaubhut  begehrte  (S.   110).  --  Vgl.  Miedes  1605,  S.  409. 

47.  Von  eines  Sältzers  Weib  im  Hessenland  vnnd  jhrer  grauw- 
samen  vnnd  erschröcklichen  Mordthat  (S.  111).  —  Nach  C.  Goltwurm,. 
Wunderwerck  und  Wunderzeichen  1557  Bl.  eija. 

48.  Von  einem  Italianischen  Bawren,  wie  es  demselben  vber  einem 
halbgeschundenen  Esel  ergangen  (S.  113).  —  Nach  Schenck,  Observ. 
medicae  7,  272  (1597). 

49.  Von  einem  Jüngling,  welcher  Keyser  Augusto  gleich  gesehen, 
vnd  was  er  auff  gethane  Frag  des  Keysers  für  Antwort  geben  (S.  120). 
Nach  Macrobius,  Saturn.  2,  4,  21.    Vgl.  Pauli  nr.  502. 

50.  Von  einem  vngezognen  Hirtenbuben  vnd  einem  reittenden 
reysenden  Handelsmann  (S.  122). 

51.  Von  dem  hochlöblichen  Römischen  Keyser  Maximiliano  dem 
ersten  vnd  Julio  dem  andern  Römischen  Bapst  (S.  124).  —  Nach  Golt- 
wurm 1557,  Bl.  d  4  a. 

52.  Von  der  Schlacht  zwischen  Ladissiao,  König  in  Vngarn,  vnnd 
Amurathe,  Türckischem  Keyser  (S.  126).  •  Geistl.  gross  Prognostic 
Practick  2,  34.     Heresbachius,  De  repub.  Christiane  instituenda  221. 

53.  Von  einer  einfältigen  Frawen,  die  S.  Leonharden  ein  Kuh 
verhiess  (S.   128).  —  Nach  Melander,  Joci  1603  nr.  99. 

54.  Von  einem  Marpurgischen  Waldförster  (S.  129).  -  Schenck,. 
Observ.  medicae  1,  386  (aber  noch  nicht  in  der  Ausgabe  von  1584). 

55.  Von  einem  vermummten  Mohrendantz  zu  Rom  gehalten  (S.  130). 
—  Miedes,  De  sale   1605  3,  22,  S.  405. 

56.'  Von  einem  Podagramischen  Edelmann  (S.  132).  —  Melander,  Joci. 
57.    Von     Calisthene,     einem     fürtrefflichen    Philosopho,     welcher 
massen  er  von  Alexandro  Magno  hingerichtet  worden  (S.   133). 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  Wissbadisch  Wiesenbrünnlein.        fj7 

58.  Xon  einem  vom  Adel,  der  schlaffend  gangen  vnd  zu  aller 
oberst  dess  Hauses  ein  Atzelnest  aussgehoben  (S.  134).  Schenck, 
Observ.  med.   1,  363. 

59.  Von  einem  anderen  vom  Adel  in  Schlesien,  wie  er  dess  Nacht- 
wanderns  entwehnet  worden  (S.  136).  —  Schenck  ebd. 

60.  Von  einem  Medico,  der  sich  so  wol  auffs  Vrin  besehen  ver- 
stünde (S.  138).  -  -  Melander,  Joci  lib.  2  (1604)  nr.  34  (Lossius). 

61.  Von  einem  Zwereh  vnd  einem  grossen  vnd  langen  Edelmann 
(S.  139).  —  Gliedes,  De  sale   1605,  S.  408. 

62.  Von  einem  Egyptischen  Jüngling  vnd  seiner  Buhlschafft  Theogne 
(S.  140).   —   Brusonius  3,   10  p.  321   (1559,  S.   186). 

63.  Auss  was  Orden  der  Teuffei  entsprungen  (S.  142).  —  Golt- 
wurm  1557,  Bl.  zijb  (Com.  Agrippa). 

64.  Von  den  Mey  lendischen  Feygenbissern  (S.  143).  —  Münster, 
Cosmographey  2,  20  (1558,  S.  196  =  1598,  S.  274). 

65.  Von  einem  Schumacher  zu  Marburg,  der  sich  wolt  für  einen 
Poeten  aussgeben  (S.  147).      -  Melander,  Joci  lib.  3  (1607)  nr.  22. 

66.  Von  einem  Blinden,  der  in  11  Jahren  hernach  widerumb  sehend 
worden  (S.  148).  —  Herodot  bei  Schenck,  Observ.  medicae  1,  630  =  1, 
322  ed.  1584. 

67.  Von  zweyen  Norm  andern  oder  Frantzosen,  die  beyde  zu  Paris 
gericht  worden  (S.  149).  —  Miedes  1605,  S.  409. 

68.  Von  einem  Bawrn  Schuldheissen  (S.  151). 

69.  Von  einem  ersehröeklichen  vnnd  erbärmblichen  Sterben  zu 
Thurneberg  in  Schlesien  (S.  152).  —  Goltwurm   1557,  Bl.  sijb. 

70.  Von  einem  Sycilier,  welcher  nach  Rom  schiffen  vnnd  sein 
AVeib  ins  Meer  werften  wolte  (S.  153).  —  Vgl.  Pauli  nr.  138  und  Miedes 
1605,  S.  419. 

71.  Von  einein  Einäugichten  Bräutgam,  wie  derselbe  von  seiner 
Braut  vnd  Jungfraw  Fuit  bescheiden  worden  (S.  156).  -  -  Vgl.  Melander, 
Joci  1603,  nr.  276  (Scheffer).     Frey  nr.  50. 

72.  Von  einem  Gesandten,  wie  derselbige  sich  vor  einem  Fürsten 
vnnd  dessen  Frauwenzimmer  in  seiner  Legationssachen  verhalten  habe 
(S.  157).  —  Christoph.  Marianus,  Convivium  evangelicum  1602,  S.  46. 
Vgl.  Frey  nr.   100. 

73.  Von  einem  andern  Legaten,  deme  es  auch  fast  wie  dem 
vorigen  Redner  ergangen  (S.  159).  -  -  Vgl.  Pauli  nr.  341. 

74.  Von  einem  vngelehrten  Pi'äft'lin  (S.  160).  -  Epiphania  Christi 
Amme. 

75.  Von  einem  sehr  fürnemmen  vnnd  stattlichen  Jungen  Gesellen, 
wie  es  demselben  auff  seiner  Buhlschafft  ergangen  (S.  162).  —  Marianus 
1602.  S.  75.  Vgl.  die  in  Boccaccios  Decam.  5,  10  eingelegte  Erzählung. 
Bolte  zu  Montanus  S.  624,  94. 


63  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

76.  Von  einem  Hispanischen  Kriegs-Obersten  (S.  165).  —  Miedes, 
De  sale  1605,  S.  419. 

77.  Von  einem  Blinden  (S.  167). 

78.  Von    einem  Bauwren,    der  nicht  in  Himmel  wolte  (S.  167).  - 
Melander,  Joci  1603  nr.  278;   vgl.  R.  Köhler,    Aufsätze   1894,  S.  69  und 
Frey  nr.  45. 

79.  Von    einem,    der   sich  vor   den  Antipodibus    fürchtete  (S.   168). 

—  Chph.  Marianus,  Conviv.  evang.  1602,  S.  53. 

80.  Von  einem  Pfarrherrn,  der  Christum  auff  den  Palmtag  einem 
Esel  verglichen,  vnd  wie  es  jhm  darüber  ergangen  (S.  170).  —  Ebd.  [?] 

81.  Von  einem  Mägdlein,  welches  einem  Mönch  gebeichtet  (S.  171). 

—  Melander,  Joci  1603,  nr.   145  (Eur.  Cordus). 

82.  Wann  vnd  von  wem  die  Mönch  erschaffen  worden  (S.  174).  — 
Marianus  1602,  S.  35. 

83.  Von  eim  zanck  zweyer  Philosophen  (S.  175).  —  Über  das  ehr- 
lichste Glied. 

84.  Von  einem  Feld  Prediger  (S.   178). 

85.  Von  einem  andern  Messpriester,  der  einem  Dieb,  so  verur- 
theilt,  das  letzte  Geleyd  zum  Galgen  gab  (S.  180).  —  Marianus  1602, 
S.  42. 

86.  Von  einem  spöttichten  Glatzkopf?  (S.  181). 

87.  Von  einem,  welchem  seine  Frau  ertruncken  (S.  183).  —  A'gl. 
Melander,  Joci  1603,  nr.  277.  Pauli  nr.  142.  Montanus  S.  622.  Sprenger, 
Malleus  malef.   1,  44  quaest.  6.      Oben  1,  506. 

88.  Von  einem  Messpfaffen  zu  Forchhey m  (S.  184).  —  Hondorff. 
Promptuarium  exemplorum   1,   131a  (1597). 

89.  Von  dem  vollkommenen  Pauliner  Orden  vnd  einer  sonderbaren 
art,  das  Fleisch  zuzähmen  (S.  186). 

90.  Von  Gregorio  Heymburgensi,  einem  fürnehmen  Juristen  vnd 
Redner  (S.  188). 

91.  Von  Georg  Zecheln,  einem  Auffrührer,  vnd  von  seiner  grau- 
samen vnd  erschröcklichen  Straff  (S.  188).  —  Vgl.  Münster,  Cosmographey 
1558,  S.   1000. 

92.  Von  eines  Kochs  höflichen  begeren  (S.  191).  —  Vgl.  Melander, 
Joci  1603,  nr.  80  (Ebner).     Frey  nr.  15. 

93.  Von  Keyser  Sigismundo  vnd  einem  geadelten  Rechtsgelehrten 
(S.  192). 

94.  Von  Raphaele,  einem  Römischen  Mahler,  vnd  zweyen  Cardi- 
nälen  (S.  194).  -  -  Castiglione,  De  aulico  lib.  2;  vgl.  Kirchhof  2,  57. 

95.  Von  einem  vngesehickten  Oeconomo  zu  Marpurg  (S.  195). 

96.  Von  einem  Landtläutfigen  Storger  vnd  Kelberartzt  (S.  198). 
—   Vgl.  Melander,  Joci  1603,  nr.  562;  Frey  nr.  23. 

97.  Von  einem  gestolnen  Hammel,  der  sein  eygnen  Dieb  erhenckt 
(S.  202). 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  Wissbadisch  Wiesenbrünnlein.        69 

98.  Von  einem  alten  Weib  zu  Venedig,  das  6  Tag  bey  Bibeln  voll 
Malvasier  vnd  Marcipan  verfastet  (S.  204). 

99.  Von  einem  Juden  vnd  einem  Opffermann  zu  Marpurg  (S.  206). 

100.  Von  einem  Büttel  vnd  einer  gefangenen  Geyss  zu  H.  (S.  209). 
S.  212 — 214    folgen   6  'alte,  albere  vnnd    einfältige  Epitaphia  oder 

Grabsehrifften',  die  L.  aus  zwei  lateinischen  Orationes  panegyricae  von 
einem  Professor  zu  G.  160$  entlehnt  hat,  darunter  nr.  6  die  verbreitete 
'pommersche'  Grabschxift : 

Hie  ligt  begraben  Herr  Melcher, 

Ein  Pfarrer  gewest  ist,  welcher 

Hat  gelebt  in  Tugend  vnd  Zucht, 

Ist  gestorben  an  der  Wassersucht. 

Schaw  doch,  lieber  Leser  frey, 

Ist  das  nicht  seh  ad  Ey,  ey! 

Vgl.  Melander,  Joci  1643  3,  482  nr.  386.  Moscherosch,  Gesichte,  Frankf. 
1647   1,  744  (Hanss  hinüber,  Gauss  herüber). 

2.  Teil. 

Historia  1.  Von  einem  Messpfaffen  (S.  1).  —  Bebel,  Facetiae  1,  14; 
vgl.  Frey,  Gartengesellschaft  nr.  108. 

2.  Von  einem  Italiener,  wie  derselbe  zu  Neapolis  Boss  kauifen 
wolte,  vnd  wie  wunderlich  es  ihm  hiermit  ergangen  (S.  2).  —  Boccaccio, 
Decam.  2,  5;  vgl.  Montanus,  Schwankbücher  1899,  S.  582. 

3.  Von  einem  fahrenden  Schüler,  wie  derselbe  von  einem  "Wagener 
beantwortet  worden  (S.   14).   —  Bebel   1,  6;  vgl.  Kirchhof  1,  137. 

4.  Von  einem  Müller  vnd  Becker  (S.  18).  —  Bebel  1,  3;  vgl. 
Frey  nr.  9. 

5.  Von  einem  andern  Müller,  welchem  seine  Mühl  verbronnen 
(S.  19).  —  Bebel  1,  5. 

6.  Von  einem  Landvogt,  der  seinen  Müller  von  dem  Strick  loss 
gelassen  (S.  21).  —  Bebel  1,  4;  vgl.  Frey  nr.   116. 

7.  Von  zweyen  Georgianischen  Fürsten,  deren  der  eine  die  Christ- 
liche Religion   verläugnet   vnnd    sich   mit   seinem  Söhnlein  an  der  Otto- 
mannischen Pfort    oder  Türkischem    Hof   beschneiden    lassen  (S.  23). 
Sal.  Schweigger,  Reyssbeschreibimg  nach  Constantinopel  vnd  Jerusalem 
B.  2,  Kap.  18  (Nürnberg  1608,  S.  82). 

8.  Von  einem  Bossenreisser,  dem  bey  Nächtlicher  weyl  ins  Hauss 
gebrochen  worden  (S.  27).  —  Bebel  1,  32;  vgl.  Guicciardini,  L'hore  di 
ricreatione  1624  p.  357  b  (Christoforo  Piacentino).  Sandrub,  Delitiae 
historicae  1618  nr.  72  (nach  G.  Sabinus,  Poemata  1606  p.  262:  Becoc- 
toris  iocus).  Fliegende  Blätter  69,  116  (1878).  Dorfzeitung  1885, 
17.  Sept.  S.  2567  1>. 

9.  Von  einem  Christen  und  eines  Juden  Frawen  (S.  28).  —  Bebel 
1,  2;  vgl.  Frey  nr.  3. 


70  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

10.  Von  einem  Bawren  in  der  Mosskaw,  so  in  einen  liolen  Baum 
voll  Honigs  gefallen,  vnd  wie  er  widerumb  darauss  entlediget  worden 
(S.  29).  -      Münster,  Cosmographey  4,  Kap.  .so  (Basel  1598,  S.  1253). 

11.  Von  einem  Priester  von  Vlm  (S.  33). 

12.  Von  erstermeldtem  Messpfaffen  von  Vlm  (S.  34). 

13.  Von  einem  Betrügner  in  Flandern,  welcher  sich  für  einen 
Gräften  aussgeben.  vnd  wie  im  endlichen  dieser  betrug  belohnet  worden 
(S.  36).   -      .Münster  2,  77   und  4,   117  (1598,  S.   189  und   1288). 

14.  Von  Bruder  Johann  Juliot,  Prediger  Ordens  zu  Tarragon  in 
Catalonien  (S.  38).  —  Gespräch  Dess  Esels  wider  Bruder  Anshelmum 
von  Turmedan,  Prediger  Ordens,  vber  die  Natur,  Eigenschafft  vnd  Yur- 
trefflichkeit  der  Thier,  ins  Teutsch  gebracht  durch  J.  R.  V.  S.  Mümpel- 
gardt  1606  (Berlin  Xz  218),  S.  181—195.  Dies  Buch  ist  eine  bisher  un- 
beachtete Verdeutschung  der  'Disputation  de  PAsne  contre  frere  Anselme 
Turmeda  sur  la  nature  et  noblesse  des  animaux'  (Lyon  1544),  die  Brunet 
einem  Guil.  Lasne  zuschreibt.  Zu  der  Erzählung  vom  Ehezehnten  vgl. 
Kirchhof,  Wendunmut  2,  86  und  Montanus  S.  628  f. 

15.  Von  zweyen  Rotbärten,  was  sich  einesmahls  zwischen  diesen 
beyden  verloffen  (S.  46).  -  -  Bebel  1,  39. 

16.  Von  einem,  so  ein  Pferd  verkauftet,  welches  keinen  Mangel 
hatte,  als  dass  es  nur  keinen  Baum  auffstiege  (S.  48).  —  Bebel  1,  33; 
vgl.  Kirchhof  1,  185. 

17.  Von  Francisco,  König  in  Frankreich,  wie  er  Marcellum  seinen 
Cantzler  wegen  seiner  grossen  Ehrgeitzigkeit  vmb  zwo  Donnen  Golds 
gebracht  (S.  50).  —  Melander,  Joci  1603  nr.  34  (nach  Pezel). 

18.  Von  einem  vnhöfflichen  Gast,  wie  derselbe  sich  bey  einer  an- 
sehnlichen Hochzeit  verhalten  (S.  52).  -  -  Melander,  Joci  3,  nr.  14  (1604); 
vgl.  Frey  nr.   127. 

19.  Von  Doctor  N.  N.,  welcher  wegen  seiner  stumpffirenden  Stichel 
"Wort  vbel  von  einer  Zunfft-Stuben  abgewiesen  worden  (S.  55). 

20.  Von  einem  alberen  vnd  vngelehrten  Artzt  (S.  57).  -  -  Mathe- 
sius,  Sirach  S.  168. 

21.  Von  Sultan  Murath,  Türckischem  Keyser,  wie  er  von  einem 
Gestirn  Gauckler  redlich  einsmals  mit  der  Nasen  vmbgeführet  worden 
(S.  60).  —  Schweigger,  B.  2,  Kap.  23  (1608,  S.  98). 

22.  Von  Sebald  Schleichern  von  Vlm  vnd  einem  zu  Constantinopel 
gefangenen  Italiener  (S.  64).  --  Schweigger  2,  27  (1608,  S.  90). 

23.  Von  etlichen  einfältigen  Schwäbischen  Bawren  .(ß.  66).  — 
Bebel   1,  42;  vgl.  Frey  nr.  27. 

24.  Von  erstgedachten  Schwäbischen  einfältigen  Bawren  (S.  68).  — 
Bebel  1,  43;  vgl.  Frey  nr.   13. 

25.  Von  Hamä  vnnd  Starcatero,  zweyen  hurtigen  Kämpffern  (S.  69). 
—  A.  Krantz. 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  "Wissbadiseh  Wiesenbrünnlein.        71 

26.  Von  einer  alten  Prophecey  von  dem  Geschlecht  Mediees  (S.  70). 
—  Martin  Richter,  Chronicon  oder  Geschichtbuch  1598,  8.  373.  378. 

27.  Von  Alphonso,  Hertzogen  zu  Fcrrar  (S.  72).  —  M.  Richter  1598, 
S.  396. 

28.  Von  einem  Bettelmönch,  welcher  einen  f  ürnemmen  Türckischen 
Wascha,  vnder  dem  Allmoss  geben  erstochen  (S.  73).  -  Schweigger  2, 
22  (1608,  S.  89). 

29.  Von  Bruder  Tetzeln,  einem  Ablasskrämer  (S.  75).  —  Melander 
1603  nr.  44  (nach  Becherer);,  vgl.  Val.  Schumann,  Nachtbüchlein  S.  405; 
Frey  S.  283. 

30.  Von  Johann  Pfefferkorn,  einem  getaufften  Juden,  welcher  zu 
Hall  in  Sachsen  seiner  vberauss  grossen  vnd  erschrecklichen  Missethaten 
halber  lebendig  verbrannt  worden  ist  (S.  77).  —  Nach  Hütten,  Alberthi 
archiepiscopi  Moguntini  panegyricus  1515  (Opera  ed.  Böcking  3,  349). 

31.  Von  Ferdinando,  König  in  Hispanien,  welcher  in  einem  Jahr 
beydes  die  Saracenen  sampt  124  000  Juden  vertrieben  (S.  88).  —  Münster 
2,  25  (1598,  S.  88). 

32.  Von  etlichen  Leprosen  vnd  Aussätzigen,  die  durch  anstifftung 
■der  Juden  alle  Brunnen  in  Franckreich  vergifften  wollen,  vnd  wie  sie 
derohalben  zu  gebürlicher  Straff  gezogen  worden  (S.  90).  —  Münster 
2.  84  (1598,  S.  200). 

33.  Von  der  Statt  Bern,  wie  dieselbige  wegen  der  Juden  offtmals 
belagert  worden  (S.  92).  —  Münster  3,  77  (1598,  S.  564). 

34.  Von  eines  Gerbers  Kind,  so  zu  Triend  von  den  Juden  gemar- 
tert worden  (S.  93).   —  Münster  2,  p.  342  [?]. 

35.  Von  dem  Juden  Mord  zu  Eger,  wie  vnd  welcher  weise  der- 
selbige  entstanden  (S.  96).  —  Münster  3,  505  (1598,  S.  1164). 

36.  Von  einer  anderer  grossen  Auffruhr  zu  Lysibon  in  Portugal, 
so  wegen  etlicher  getaufften  Juden  erwachsen  ('S.  97).  —  Münster  3,  24 
<1598,  S.  82). 

37.  Von  König  Philippo  in  Franckreich,  warumb  er  die  Juden 
auss  seinem  Land  vertrieben  (S.  99).  —  Münster  2,  84  (1598,  S.  199). 

38.  Von  der  Juden  Fabulbafftigen  vnd  Phantastischen  Meynung 
■das  Paradeyss  belangende  (S.  100).  —  Münster  1,  30  (1598,  S.  37). 

39.  Von  Michael  Jud,  der  Juden  vermeyneten  Messia  (S.   102). 

40.  Von  D.  Thoma,  welcher  mit  seiner  Haussfrawen  das  Christen- 
thumb  verläugnet   vnd    sich   sampt   einem   andern   Priester   vnd    zweyen 
Jünglingen    in    das   verfluchte   Judenthumb    gestürtzet    hat   (S.   104). 
"Auss  einem  alten  Büchlein,  so  zu  Colin  bey  Henrich  von  Neuss  gedruckt 
worden  1509\ 

41.  Von  wunderbarlichem  langen  schlaffen  eines  Knabens,  Bauwrens 
vnd  denn  eins  Mägdleins  von  Speyr  (S.  106).  —  Goltwurm. 

42.  Von  einem  Patienten  oder  Krancken,  der  in  Himmel  fahren 
wolt  (S.  108).  —  Melander,  Joci  1603  nr.  110  (nach  Scheffer). 


72  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

43.  Von  Eberhardo,  Hertzogen  zu  "Würtenberg,  wie  derselbe  von 
einem  Gecken  beantwortet  worden  (S.  109).  —  Bebel  1,  45;  vgl. 
Frey   nr.  28. 

44.  Von  einem  Bawren,  so  in  seinem  Flecken  Schultheis?  worden 
(S.   110).  —  Bebel  2,  30;  vgl.  Frey  nr.  53. 

45.  Von  einer  Kindbätterin,  die  begangenen  ihren  Ehebruch  onge- 
ferth  selbst  vernitlien  (S.   111).  —  Bebel  1,  47. 

46.  Von  einem  Studenten,  der  da  gern  Baccalaureus  worden  wehre 
(S.  112).  -  -  Bebel  1,  48. 

47.  Von  etlicher  Indianer  brauch,  Ehesachen  vnd  Aussstewrung 
irer  Töchter  belangend  (S.   113).  —  Münster  5,  71   (1598,  S.  1392). 

4s.  Von  einem  Bauwren,  welcher  seinen  Sohn  wegen  seines  sfu- 
direns  examinirte,  vnd  mit  was  weiss  er  denselben  seinen  Sohn  im  dis- 
putiren  vberwunden  (S.  115).  —  J.  Heidfeld.  Sphinx  philosophica  1600,. 
S.  162. 

49.  Von  einem  lächerlichen  Gelübd,  so  einer  in  Wassersnöthen  dem 
Heiligen  Christophoro  gethan  vnd  gelobet  hat  (S.  117).  —  Erasmus,. 
Colloquia  245. 

50.  Von  einem  Schuster  etc.  —  Oben  S.  61 — 63. 

51.  Von    einem    anderen    Landbetrieger,    wie    derselbe    ncmblich 
einen    Pfaffen    vnd   Krämer    gantz   listigliehen    dargesetzet   (S.    123). 
Krasmus  381   (Convivium  fabulosum). 

52.  Von  Ludovico,  König  in  Franckreich,  vnnd  einem  einfältigen 
Bawren  (S.  126).   —  Erasmus,  ebd.;  vgl.  Kirchhof  2,  39. 

53.  Ein  andere  Historia  von  diesem  König  (S.   130).  —  Ebd. 

54.  Die  dritte  History  von  diesem  König  (S.   131).  —  Ebd. 

55.  Die  vierdte  History  von  diesem  König  (S.   134).  -      Ebd. 

56.  Von  Keyser  Maximiliano  vnnd  einem  Jungen  vom  Adel  (S.  136). 
—  Ebd. 

57.  Von  einem  Caplan,  welcher  massen  er  seine  Frawen  mit  guten 
Worten  gezogen  (S.  140).  —  Melander  2,  nr.  52  (1604);  vgl.  Montanus. 
S.  560. 

58.  Von  einem  jungen  Chorschüler,  der  das  Magnificat  corrig[ir]en 
vnd  rechtfertigen  wollen  (S.   142). 

59.  Von  einem  Schweitzer,  so  einäugicht  in  Krieg  gezogen  (S.  143). 

60.  Von  einem  Francken,  dem  seine  Frauw  gestorben,  wie  er  sich 
in  seinem  Leyde  verhalten  (S.  144).  —  Melander,  Joci  1603,  nr.  275 
(Seb.  Scheffer). 

61.  Von  einem  Priester  vnd  Bawren,  so  beyde  zur  Ader  gelassen 
(S.   145).   —  Melander,  Joci  1603,  nr.  576. 

62.  Von  einem  andern  Bawren  vnd  seiner  krancken  Saw  (S.  148). — 
Melander.  Joci   1603,  nr.  578. 

63.  Von  dreyen  Spielern  vnd  ihrem  erschröeklichen  Ende  (S.  149). 
Gwoltunn    and  Hondorff,  Promptuariuin  exemplorum  1,  132a  (1597). 


9.  Michael  Caspar  Lundorfs  Wissbadisch  Wiesenbrünnlein.         73 

64.  Von  einem  seltzamen  Meerwunder,  so  in  der  Tybur  gefangen 
worden  (8.   150).  —  Luther,  Werke  2,  286  ed.  Jen. 

65.  Von  Arnoldo,  einem  Gräften  zu  Scheyern  (S.  151).  —  Lercheimer 
(Witekind),  Von  Zauberey   1597,  Kap.   1  (1888,  S.  6). 

66.  Von  Herrn  Doctore  Martine  Luthero  seliger  Gedächtnuss  vnd 
seinem  Patlimo  (S.  152).  -  -  Lercheimer  Kap.  4  (1888,  S.   15). 

67.  Von  einem  Bawren,  so  sein  Rossz  verlohren  hatte,  vnd  wie  es- 
ihme  darüber  ergangen  (S.  153).  -      Lercheimer  1597,  Kap.  4  (1888,  S.  17). 

68.  Von  einem,  so  Verdachts  willen  gehencket  worden  (S.  154).  - 
Lercheimer,  Kap.  4  (1888,  S.   18). 

69.  Von  einem  vom  Adel,  der  wegen  seiner  schwartzen  Kunst 
Köptl'  abhauwen  vnnd  wider  autfsetzen  kundte  (S.  156).  -  -  Lercheimer 
Kap.  7  (188S,  S.  29). 

TU.    Von   Alberto   Magno,  Bischoffen    zu    Regenspurg  (8.    157). 
Lercheimer,  Kap.  8  (1888,  S.  35). 

71.  Von  Maximiliane»    dem  Ersten.    Römischen  Keyser  (S.  158).  - 
Lercheimer,  Kap.  8  (1888,  S.  38). 

72.  Von    Rochardo,    einem    König     auss    Friessland    (S.    159). 
Vgl.  Corrozet,  Propos  memorables  1556  p.  22  b.  Domenichi,  Facetie   1581 
p.  286.  Antwerpener  Cluchtboek  1576  p.  86  (Tijdschrift  10,  134).  F.  Halm, 

Werke  7,  149. 

73.  Von    einem    Narren    vnd    einem    Seylführer    (S.  160).  Vgl. 

Frischlin,  Facetiae   1600,  8.  270;  Frey  nr.  7. 

74.  Von  einem  Bettler,  wie  derselbe  zu  Freyburg  sich  im  Bad 
verhalten  (S.   162).  -  -  Bebel  1,   11;  vgl.  Pauli  nr.  373. 

75.  Von  einem  Franciscaner  Mönche  vnnd  einer  Alten  Frauw  zu 
Wormbs  (8.  163).  -•  'Ex  praefatione  D.  D.  P.  L.  super  conciones  duas  Pragae 
a*ino    1607    habitas  contra   eieeta  fulmina   monachi    cuiusdam    capucini." 

76.  Von  einem  Apt  vnd  Edelmann  (S.  165).  —  Bebel  1,  37;  vgl. 
Kirchhof  1.   2.  39. 

77.  Von    Calipha   Mahumets    Jüngern    vnd    Discipuln    (S.   167). 
Goltwurm  und  Münster  5,  44.  S.  1348.     B.  v.  Breytenbach. 

78.  Von  Conrado  von  Marpurgk,  Sanct  Elisabethen  Beichtvattern 
vnd  der  Ketzermeister  Obersten  (8.  169).  —  Münster  3,  173  (1598,  8.  704). 

79.  Von  Sanct  Hilario,  wie  er  einsmals  von  dem  bösen  Geist  an- 
gefochten worden  (S.   171). 

80.  Von   einem   Gespräch   zweyer  Studenten  (S.   172). 

81.  Von  einem  weitberühinbten  Indianischen  Bogenschützen  vnd 
König  Alexandro  Magno  (8.  173).  —  J.  Heidfeld,  Sphinx  philosophica 
HiOO,  S.  183. 

82.  Von  Thalete  Milesio  vnd  seinem  Maul  Esel  (S.  174).  -  Maiolus. 
ex   Aeliano. 

83.  Von  Eduardo  König  auss  Engelland  (8.  179).  -  Frid.  3Iosella- 
nus,  Reuteriseher  Striegel  wider  die  von  Jesuiten  evngesehleichten  Schar- 
tecken angestelt  1608,  8.   103. 


74  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

84.  Von  einem  Schwäbischen  Soldaten,  dein  seine  Frauw  in  seinem 
Abwesen    ein  Kind   geboren   (S.  180).  —    Bebel  1,  29;    vgl.  Frey  nr.  25. 

85.  Von  Priester  Fysilin,  S.  Sebastians  Vffhebern  (S.  ,182).  —  Bebel 
1,  59;  vgl.  Frey  nr.  82. 

86.  Eine  andere  History  von  diesem  Priester  Fysilin  vnd  einem 
Jarkoch  (S.  183).  -  -  Bebel  1,  60;  vgl.  Frey  nr.  33. 

87.  Noch  ein  andere  von  diesem  Fysilin  (S.  185).  Bebel  1,  62; 
vgl.  Frey  nr.   34. 

88.  Noch    ein  andere  von  Bruder  Fysilin  (S.   186).  -  -  Bebel  1,  63. 

89.  Die  fünffte  History  von  diesem  Bruder  Fysilin  vnnd  eim 
Hertzogen  von  Würtcnberg  (S.  187).  —  Bebel  1,  61. 

90.  Von  Bapst  Julio  dem  Dritten,  welcher  massen  er  sich  eins- 
mals  vber  einen  Pfau  wen  erzörnete  (S.   189).  —  Ex  Tobia  Fabricio. 

91.  Von  Koberto  Alitio  auss  Apulia,  einem  Bart'iisscr  Mönch 
(S.   191).  —  Mart.  Richter,  Chronicon   1598,  S.  317. 

92.  Von  zweyen  Eheleuten,  die  beyde  vor  kurtzen  Jahren  zu 
Petterweyl  gehencket  worden  (S.  193).  —  Michael  Saxo. 

93.  Von  einem  Soldaten,  so  niemals  auff  einem  Federbette  ge- 
schlaffen hatte  (S.  194). 

94.  Von  zweyen  Francken,  welcher  gestallt  sie  beyde  ihnen  Selb- 
sten ihre  Gebrechen  vnd  Mängel  der  Natur  vorgeworffen  vnd  vnter- 
einander  sich  damit  vexiret  haben  (S.  197). 

95.  Von   Nicoiao,    Hertzogen    zu    Ferrar,    wie    derselbe    in    einer 
Wettung  von    einem,   genannt  Gonella,  vberwunden  worden  (S.   199).  - 
Pontanus. 

96.  Von  einem  geitzigen  Pfaffen  (S.  202).  Bebel  1,  49;  vgl. 
Frey  nr.  29. 

97.  Von  einem  Empirico  vnd  Krempel  Artzt  (S.  204).  —  Heidfeld 
1600,  S.  181;  vgl.  Frey  nr.  98. 

98.  Von  Thamaro,  einem  Feldprediger,  vnd  einem  Landsknecht 
<S.  205).  —  Melander,  Joci  1603  nr.  360. 

99.  Von  zweyen  Brüdern,  deme  ihr  Vatter  gestorben,  wie  sie  beyde 
sich  im  Trawren  verhalten  (S.  207). 

100.  Von  dem  mächtig  grossen  Heeres-Zug  Königs  Alexandri 
Magni,  so  er  etlich  hundert  Jahr  vor  Christi  Geburt  in  Indiam  gethan 
hat,  vnd  wie  seltzam  vnd  abendthewrlich  es  ihm  auff  derselben  Reyss 
ergangen  (S.  208).  —  Münster  5,  70  (1598,  S.  1382).] 


10.  Joh.  Mich.  Moscherosch  und  sein  'Spraehverderber*.  75 

10.    Joh.  Mich.  Moscherosch  und  sein '  Spraeh- 
verderber' und   'Der  teutsehe  Michel  wider 
alle  Spraehverderber. 

(Archiv  für  Literaturgeschichte  1,  291  -295.     1870.) 

Joh.  Mich.  Moscherosch  sagt  in  einem  seiner  Znsätze 
zu  dem  von  ihm  nach  des  Verfassers  Tode  herausgegebenen 
Buch  Georg  Gnmpelzhaimers  'Gymnasma  de  exercitiis  academi- 
cornni"  (Argentinae  1652)  S.  117:  Talis  ineptae  variegationis 
et  ex  latiua  aliisque  lingna  coucrepitationis  exemplnm  delecta- 
tionis  ergo  allatum  vide  in  Menippo  Dialog.  59  p.  106  et 
in  den  Frauenzimmer  Gesprächspielen  Nobilissimi  Harsdorfferi 
Patricii  Norimbergensis:  in  dem  Teutschen  Palm-Baum  Illustris 
Caroli  Gustavi  von  Hill,  und  in  dem  Baptista  Armato  des 
edlen  kaiserlichen  Poeten  Herrn  Joh.  Risten:  wie  auch  in 
meinem  Spraehverderber1. 

Hier  bekennt  sich  also  Moscherosch  als  Verfasser  eines 
'Sprachverderbers':  aber  eine  unter  seinem  Namen  erschienene 
Schrift  dieses  Titels  wird,  soviel  ich  weiss,  nirgends  angeführt: 
dagegen  existiert  eine  anonyme  kleine  Schrift  v.  J.  1643  'Der 
Vnartig  Teutscher  Sprach-Verderb  er',  welche  in  Bechsteins 
Deutschem  Museum  n.  F.  1,  "299 — 320  wieder  abgedruckt 
worden   ist1),   und   diese   könnte  wohl   von  Moscherosch    her- 


')  | Exemplar  in  München.  40  S.  8°.  —  Eine  zweite  Ausgabe  vom 
selben  Jahre  (18  S.  8  °.  In  Berlin,  Göttingen,  Greifswald)  hat  H.  Riegel 
1891  im  1.  Beiheft  zur  Zs.  des  allgem.  deutschen  Sprachvereins  1,  26 — 41 
abgedruckt.  Ihr  Verhältnis  zu  einander  untersucht  H.  Graf,  Der  Spraeh- 
verderber v.  J.  1643  und  die  aus  ihm  hervorgegangenen  Schriften 
Jenaer  Diss.  1892.]  -  Der  Titel  einer  andern,  auch  von  Goedeke  2,  513, 
6a  [=  2.  Aufl.  3,  232.  265]  erwähnten,  mir  vorliegenden  Ausgabe  lautet: 
*Jo.  Cocay  Teutscher  Labyrinth  In  welchem  Durch  viel  artige  moralische 
Historien,  lustige,  liebliche  Discursen  die  Melancholey  vertrieben,  vnd 
die  Gemüter  auffermuntert  werden.  Sampt  einem  Poetischen  Lustbringer 
Vnd  Teutschen  Spraehverderber.  Colin  Apud  Andream  Bingen 
Vor  den  Minnenbrüdern  im  Loret.  Anno  M.DC.L.'  [Berlin  Yt  8728.] 
—  Labyrinth  und  Poetischer  Lustbringer  füllen  S.  1  —110;  dann  folgt 
der  deutsche  Spraehverderber  mit  fortlaufender  Paginierung  (S.  111 — 163), 


7(>  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

rühren.  Jedenfalls  enthält  sie  mehrere  hübsche  Beispiele 
jener  'ineptae  variegationis  u.  s.  w.n)  | 

292  Auch  im  'A  la  Mode  Kehrauss3  in  den  'Gesichten  Philan- 

ders  von  Sittenwald'  ereifert  sich  Moscherosch  gegen  die 
Sprachverderber  und  lässt  da  u.  a.  den  König  Ariovest  sagen 
(S.  746  der  Frankfurter  Ausgabe  v.  J.  1644):  'Ich  meyne, 
der  Ehrliche  Tentsche  Michel  habe  euch  Sprachver- 
derbern.  Welschen  Cortisanen,  Concipisten,  Cancel- 
listen,  die  jhr  die  alte  Muttersprach  mit  allerley 
frembden,  Lateinischen,  Welschen,  Spanischen  vnd  Franzö- 
sischen Wörtern  so  vielfaltig  vermischet,  verkehret 
vnd  zerstöret;  so,  das  sie  jhr  selbst  nit  mehr  gleich 
siehet,  vnd  kaum  halb  kan  erkant  werden,  die  Teutsche 
Warheit  gesagt!"  Und  weiter  (S.  747):  'Vnd  jhr  wollet  die 
edele  Sprach,  die  euch  angeboren,  so  gar  nicht  in  obacht 
nehmen  in  ewrem  Vatterland,  Pfny  dich  der  schand. 

Fast  jeder  Schneider  will  jetzund  leyder 

Der  Sprach  erfahren  sein  vnd  redt  Latein, 

Welsch  vnd  Frantzösch,  halb  Japonesisch 

AVan  er   ist  doli  vnd  voll  der  grobe  Knoll. 


aber  mit  besonderem  Titel:  Der  Vnartig  Teutscher  Sprach -Ver- 
derber. Beschrieben  Durch  Einen  Liebhaber  der  redelichen  alten 
Teutschen  SprachWider  alle  die  jenige,  welche  die  reine  Teutsche  Mutter- 
sprach mit  allerley  fremden  ausländischen  Wörtern  vielfaltig  zu  ver- 
unehren  vnnd  zu  vertunckeln  pflegen.  Colin  Vor  den  Minnenbrüder  Im 
Loret.  Anno  M.DC.L.'  12°.  —  [Eine  vom  Verfasser  selbst  1643  besorgte 
Umarbeitung  liegt  nach  Graf  vor  in:  T.  S.  Teutscher  vnartiger  Sprach- 
Sitten  und  Tugend  verderber.  Gemehret  vnd  verbessert .  .  .  M.DC.XXXXIV. 
160  S.  8°  (Berlin,  Jena,  "Wolfenbüttel);  nicht  von  ihm  rührt  folgende 
Überarbeitung  des  Sprachverderbers  her:  'Xewe  aussgeputzte  Sprach- 
posaun  An  die  Vnartigen  Teutscher  Sprach -Verderber'  1648.  80  S.  8a 
(Dresden,  Jena,  Wolfenbüttel).  Vgl.  auch  Hans  Schultz,  Die  Bestrebungen 
der  Sprachgesellschaften  des  17.  Jahrb.  für  Reinigung  der  deutschen 
Sprache,  Göttingen  1888  S.   150.1 

')  [Gegen  Moscheroschs  Verfasserschaft  erhebt  Bedenken  Hans 
Wolff,  Der  Purismus  in  der  deutschen  Litteratur  des  17.  Jahrhunderts, 
Diss.  Strassburg  1888  S.  40,  Anm.  und  H.  Schultz,  Sprachgesellschaften 
1888  S.  52  und  155.  R.  Bechstein  wollte  Schuppius  die  Schrift  zuschreiben. 
Vgl.  Graf  1892,  S.  32  f.] 


10.  Joh.  Mich.  Moscherosch  und  sein  'Sprachverderber'. 


77 


Der  Knecht  Matthies 
"YVan  er  gut  morgen  sagt 
Die  wend  den  Kragen 
Spricht  Deo  gratias 

Ihr  böse  Teutschen, 
Das  jhr  die  Mutter-sprach 
Ihr  liebe  Herren 
Die  Sprach  verkehren 

Dir  thut  alles  mischen 
Ynd  macht  ein  misch  gemäsch 
Ich  muss  es  sagen 
Ein  faulen  Haaffen-käss 

Wir  bans  verstanden 
Wie  man  die  Sprach  verkert 
Ihr  böse  Teutschen. 
In  vnserm  Vatterland, 


spricht  bona  dies, 
vnd  grüsst  die  Magd : 
thut  jhm  danck  sagen, 
Herr  Hippocras. 

man  solt  euch  peiitschen, 
so  wenig  acht, 
das  heist  nicht  mehren; 
vnd  zerstören. 

mit  faulen  Fischen, 
ein  wüste  Wasch, 
mit  Ynmuth  klagen, 
ein  seltsames  Gfräss. 

mit  Spott  vnd  schänden 
vnd  gantz  zerstöhrt. 
man  solt  euch  peütschen 
pfuy  dich  der  Schand. 


Diese  Reime  hat  Goedeke  in  seine  'Elf  Bücher  Deutscher 
Dichtung'  1,  371  als  selbständiges  Gedicht  von  Moscherosch 
aufgenommen;  allein  sie  sind  einem  älteren  Gedicht  ent- 
nommen, auf  dessen  Titel  Moscherosch  selbst  in  der  vorher- 
gehenden mitgeteilten  Stelle  (ich  habe  die  betreffenden  Worte  | 
gesperrt  drucken  lassen)  mehrfach  angespielt  hat,  und  von  293 
welchem  es  mehrere  Ausgaben  giebt.  Die  eine,  im  Besitz 
der  K.  Bibliothek  in  Berlin  und  von  L.  Erk  im  Weimarischen 
Jahrbuch  2,  206  f.  besprochen,  ist  betitelt:  'Ein  new  Klag- 
lied, Teutsche  Michel  genannt,  wider  alle  Sprachverderber, 
welche  die  alte  deutsche  Muttersprach,  mit  allerlei  frembden 
Wörtern  vermischen,  dass  solche  kaum  halber  kau  erkant 
werden.  Im  Thon:  Wo  kompt  es  here,  dass  zeitlich  Ehre 
u.  s.  w.  ifolgt  Holzschnitt:  ein  Wappen,  worin  der  Name  Hans 
Heinrich  von  Ost  ein).  In  Angspurg.  bey  Johann  Schultes.0 
—  Eine  andere  ist  auf  der  K.  Hof-  und  Staatsbibliothek 
zu  München  befindlich  und  in  Kellers  Ausgabe  des  Simplicis- 
simus  2,  1051  beschrieben:  'Der  Teutsche  Michel.  Das  ist 
Ein  newes  Klaglid  vnd  Allamodisch  A.  B.  C.  Wider  alle  Sprach- 
Verderber,  Zeitungschreiber,  Concipisten  und  Caucellisten, 
welche  die  alte  Teutsche  Mutter-Sprach,  mit  allerley  frembden 
Lateinischen.  Welschen   vuud  Französischen  Wörtern    so    vil- 


78  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

feltig  vermischen,  verkehren  vnd  zerstören,  dass  sie  jbr  selber 
iiit  mehr  gleich  sihet,  vncl  kaum  halber  kann  erkennet  vnd 
verstanden  werden.  Im  Thon:  Das  alt  verachten,  nach  nevvem 
trachten,  eini  teutscben  Bidermann  steht  nit  wol  an  u.  s.  w. 
Nachgedruckt  zu  Ynssprugg  bey  Joann  Gachen,  1G38."  Ob 
auf  dieser  Ausgabe  das  Wappen  mit  dem  Namen  Hans 
Heinrich  von  Ostein  sich  befindet,  ist  bei  Keller  nicht  be- 
merkt; doch  scheint  es  fast  so,  da  Weller  (Annalen  2,  393), 
der  auch  das  Münchener  Exemplar  anführt1),  dem  Gedicht 
Hans    Heinrich    von    Ostein    als    Verfasser    vorsetzt.  Der 

Titel  einer  dritten,  in  Zürich  befindlichen  Ausgabe  giebt 
Weller  a.  a.  0.  so  an:  'Ein  schön  New  Lied  genannt  Dem 
Teutsche  Michel  etc.  Wider  alle  Sprachverderber,  Corti- 
sanen,  Concipisten  vnd  (Joncellisten,  welche  die  alte  teutsche 
Muttersprach  mit  allerley  frembden  ....  so  vielfältig  ver- 
mischen, verkehren  vnd  zerstehren,  dass  Sie  jhr  selber  nicht 
mehr  gleich  siebet .  .  .  Getruckt  im  Jahr,  da  die  teutsche  Sprach 
verderbet  war,  1641J.  —  Viertens  endlich  findet  sich  das 
Gedicht  in  dem  mir  vorliegenden  Büchlein:  'Lustiger  Demo- 
critus  Das  ist:  Ausserlesene  Fragen,  Politische  Discursen, 
Kurtzweilige  Schertz-  Vnd  Ehrliche  Gemüths-Ergetzlichkeit:  j 
294  Allen  den  jenigen  so  an  H.  H.  vnnd  Fürstl.  Hoffhaltungen, 
oder  auff  der  Reisen  begriffen  nutzlich  vnd  beforderlich. 
Colin,  Bey  Andreas  Bingen  Vor  den  Minnenbrüdern  im  Loreet. 
Anno  M.DC.L/  [Berlin  Yt  87-21.]  In  diesem  Büchlein  steht 
das  Gedicht  auf  S.  97 — 110  u.  d.  T.:  'Der  Teutsche  Michel, 
etc.  Klag  Vber  die  teutsche  Sprachverderber.'  —  Man  sieht  aus 
diesen  Titelangaben  2),  dass  Moscherosch,  wenn  es  nicht  noch 
andere  Ausgaben  etwa  gab.  jedenfalls  die  von  1641  gekannt 
haben  muss,  da  nur  in  deren  Titel  die  'Cortisanen'  vorkommen. 
Das  Gedicht  selbst  beginnt  mit  der  Strophe: 

Ich  teutscher  Michel  versteh  schier  nichel, 

In  meinem  Vatterland  es  ist  ein  schand. 

Man  thut  jetzt  reden,  als  wie  die  Schweden, 

In  meinem  Vatterland,  pfuy  dich  der  schand. 

')  Weiler  hat:  Joann  dächen. 

2)  [Vgl.    Goedeke,    Grundriss    -  2,  232.     H.    Schultz,    Sprachgesell- 
schafteii  1888,  S.  148.] 


10.  Job.  Mich.  Moscherosch  und  sein  cSprachverderber\  7!> 

Dann  kommen  die  vier  ersten  Strophen,  welche  Moscherosch 
anführt,  und  zwar  (ich  kann  freilich  nur  von  der  Berliner 
Ausgabe  nach  Erks  Mitteilung  und  von  der  mir  vorliegenden 
Kölner  urteilen)  ohne  nennenswerte  weitere  Abweichung,  als 
dass  es  statt  'Ihr  böse  Teutschen'  heisst  'Ihr  fromme  Teutschen', 
und  dass  die  zweite  Hälfte  der  5.  Strophe  lautet: 

Ein  faulen  hafenkäss,  ein  wunder  seltzambs  gefräss. 

Ein  gantzes  A.  B.  C.  Ich  nicht  versteh. 

Hierauf  folgen  (ich  kann  nur  von  der  mir  vorliegenden 
Ausgabe  mit  Sicherheit  sprechen)  44  Strophen,  teils  in  der 
AVeise  wie  Str.  6.: 

Was  ist  armieren,  was  auisieren, 

Was  auancieren,  attaquieren? 

Was  approchieren,  archibusieren, 

Was  arriuieren,  acoordieren?  ') 

teils  wie  z.  B.  Str.  17: 

Was  ist  das  Hauptquartier,  ein  frässigs  wildes  Thier, 

Was  ist  die  Guarnison,  was  ein  Squadron? 

Was  ist  die  gantz  Armee,  nur  lauter  ach  vnd  weh, 

AVas  ist  der  Randefuss,  ein  Habermuss.   | 

Den  Schluss  des  ganzen  Gedichts  bildet  folgende  Strophe:       295 

Habt  ihr  verstanden,  mit  Spott  vnd  schänden, 

Wie  man  die  Sprach  verkehrt,  vnd  ganz  zerstöhrt? 

Ich  teutscher  Michel,  versteh  schier  nichel, 

In  meinem  Vatterland,  es  ist  ein  schand. 

Die  Abweichungen  dieser  Strophe  von  der  letzten  bei 
Moscherosch  rühren  vielleicht  davon  her,  dass  Moscherosch 
nur  aus  dem  Gedächtnis  sie  aufschrieb. 

Schliesslich  noch  die  Bemerkung,  dass  die  Erörterungen 
über    die   Sprachverderber,    welche    in    den   Gesamtausgaben 


J)  Man  sollte  nun  erwarten,  dass  sämtliche  Buchstaben  des 
Alphabets  nach  einander  in  dieser  Weise  durch  eine  Strophe  vertreten 
wären,  und  dies  entspräche  dem  Titel  des  Innsbrucker  Drucks  cAlla- 
modisch  A.  B.  C  Vielleicht  ist  es  in  jenem  Drucke  auch  so,  aber  in 
dem  mir  vorliegenden  Kölner  sind  keineswegs  alle  Buchstaben  des  Alpha- 
bets vertreten,  sondern  nur  A,  B,  C  (Str.  6,  7,  8),  D,  E,  F  (Str.  14,  15, 
16),  G  (Str.  21),  L,  M,  X  (Str.  26,  27,  28),  0,  P  (Str.  34),  Q  (Str.  35), 
R,  S  (Str.  40,  41),  T  (Str.  46). 


SO  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

der  Simplicianischen  Schriften,  dein  6.  Kapitel  des  Deutschen 
Michel  (bei  Kurz,  Simplic.  Schriften  4,  4(51 — 4(>5)  sich  an- 
reihen, zum  grossen  Teil  dem  'unartigen  teutschen  Sprach- 
verderber'  und  den  'Gesichten  Philanders  von  Sittenvvald' 
entnommen  sind. 


11    Zu    zwei    Stellen    der   Simplicianischen 
Schriften  Grimmeishausens. 

(Archiv  für  Literaturgeschichte  1,  295—298.     1870.) 

1.  Erklärung  einer  Stelle  des  Simplicissimus. 

Simplicissimus  beginnt  seine  Lebensbeschreibung  mit  einer 
Rüge  der  Sucht  emporgekommener  geringer  Leute,  'gleich 
rittermässige  Herren  und  adliche  Personen  von  uraltem  Ge- 
schlecht sein  zu  wollen,  da  sich  doch  oft  befindet  und  auf 
fleissiges  Nachforschen  nichts  anders  herauskommt,  als  dass 
ihre  Voreltern  Schornsteinfeger,  Taglöhner,  Karchelzieher  und 
Lastträger:  ihre  Vettern  Eseltreiber,  Taschenspieler,  Gaukler 
und  Sailtäuzer,  ihre  Brüder  Büttel  und  Schergen,  ihre 
Schwestern  Näterin,  Wäscherin,  Besenbinderinnen  oder  wol 
gar  Huren,  ihre  Mütter  Kupplerinuen  oder  gar  Hexen,  und 
in  Summa  ihr  ganzes  Geschlecht  von  allen  32  Anichen  her 
also  besudelt  und  befleckt  gewesen,  als  des  Zuckerb  asteis 
Zunft  zu  Prag  immer  sein  mögen.' 

Zu  den  Worten  'des  Zuckerbasteis  in  Prag0  bemerkt  der 
neueste  verdienstvolle  Herausgeber  des  Simplicissimus  Heinrich 
296  Kurz  (2,  366):  'Ich  konnte  zur  Erklärung  dieses  Ausdrucks 
nichts  ausfindig  machen;  auch  Herr  Prof.  Dr.  Grohmann  in 
Prag,  den  ich  darüber  befragte,  konnte  mir  keine  Auskunft 
geben." 

Allerdings  lag  es  nahe,  in  dem  Zuckerbastei  eine  ge- 
schichtliche   Person   zu   vermuten   und   in    der  Piager  Lokal- 


11.  Zu  zwei  Stellen  der  Simplicianischen  Schriften.  81 

geschiehte   Auskunft  zu    erwarten:    in    der   That   aber   ist  er 
einer  Dichtung  entnommen. 

Die  köstliche  Novelle  des  Cervantes  'Rinconete  und 
Contadillo\  in  welcher  er  so  meisterhaft  das  Leben  uud 
Treiben  der  Gaunerzunft  in  Sevilla  geschildert  hat,  ward 
schon  sehr  bald  durch  einen  gewissen  Niclas  Ulenhart  deutsch 
bearbeitet J).  und  zwar  so,  dass  der  Schauplatz   aus  Sevilla 


J)  Diese  Beschreibung  erschien  zugleich  mit  einer  Übersetzung  des 
Lazarillo    de    Torines   des  Mendoza  [doch    bestreitet  Morel-Fatio,  Etudes 
sur  l'Espagne  1.  serie  2,  115  (1S88)  Mendozas  Autorschaft]  unter  folgen- 
idem  Titel: 

'Zwo  kurtzweilige,  lustige,  vnd  |  lächerliche  Historien,  ]  Die  Erste, 
von  |  Lazarillo  de  Tornies,  einem  |  Spanier,  was  für  Herkomens  er 
ge-  |  wesen,  wo,  vnd  was  für  abenthewrliche  Possen,  j  er  in  seinen 
Herrendiensten  getriben,  wie  es  jme  auch  |  darbey,  biss  er  geheyrat, 
ergangen,  vnnd  wie  er  letst-  |  lieh  zu  etlichen  Teutschen  in  Kundschafft 
gerathen.  Auss  Spanischer  Sprach  ins  Teutsche  [  gantz  trewlich  trans- 
ferirt.  j  Die  ander,  von  Isa  ac  W  in-  |  ckelf  elde  r ,  vnd  Job  st  von  der 
Schneid,  Wie  es  disen  beyden  Gesellen  in  der  weitberüm-  i  ten  Statt 
Prag  ergangen,  was  sie  daselbst  für  ein  |  wunderseltzame  Bruderschafft 
angetroffen,  vnd  sich  |  in  dieselbe  einverleiben  lassen.  Durch  |  Niclas 
Ulenhart     beschriben.  Gedruckt     zu     Augspurg,    durch     Andream 

Aper-  |  ger,  In  Verlegung  Niclas  Hainrichs.  j  M.  DC.  XVII.'     8  Bl.  -(-  392 
S.  8°. 

Weder  auf  dem  Titel,  wie  man  sieht,  noch  in  der  Vorrede  findet 
sich  eine  Andeutung,  dass  die  Historie  von  Isaac  Winckelfelder  und 
Jobst  von  der  Schneid  dem  Spanischen  entlehnt  ist,  während  dies  da- 
gegen vom  Lazarillo  auf  dem  Titel  und  in  der  Vorrede  ausdrücklich 
erklärt  wird.  Dass  'Rinconete  y  Cortadillo'  zu  Grunde  liegen,  ist  schon 
im  Quellenverzeichnis  zum  1.  Bande  des  Grimmschen  Wörterbuchs 
S.  LXXXIX  und  danach  von  Goedeke,  Grundriss  1,  432  [2.  Aufl.  2,  577] 
angedeutet.  Ob  bereits  früher  das  Verhältnis  erkannt  worden,  ist  mir 
unbekannt.  Ad.  Ebert  in  seinem  Aufsatz  'Litterarische  Wechselwirkungen 
Spaniens  und  Deutschlands1  in  der  Deutschen  Vierteljahrs-Schrift  1857, 
Heft  2,  S.  86  erwähnt  zwar  den  Lazarillo  von  1617,  aber  nicht  die 
Cervantessche  Novelle.  —  Mit  Lazarillo  zusammen  ward  Ulenhart» 
Bearbeitung  der  Novelle  des  Cervantes  auch  1 1624  zu  Leipzig  bei 
M.  Wacbsinan  und  1656  zu  Nürnberg  bei  Mich.  Endter  neu  gedruckt 
und  einzeln  gar  noch  1724  u.  d.  T. :  'Sonderlich-Curieuse  Historia  Von 
[saac  Winckelfelder.  und  Jobst  von  der  Schneid:  AVie  es  diesen  Beyden 
Gesellen,  in  der  Weltberühmten  Stadt  Prag,  Ergangen;  Und  was  Sie 
daselbst,    vor    eine   Wunderseltzame    Bruderschafft    Antroffen,    und    sich 

Kühler.  Kl.  Schriften.    III.  6 


82  ^ur  neueren  Literaturgeschichte. 

297  nach  Prag  verlegt  und  das  spanische  Kostüm  mit  deutschem 
vertauscht  worden  ist.  Die  beiden  Haupthelden  Pedro  del 
Rincon  aus  Fuenfrida  und  Diego  Cortado  aus  Pedrosa  heissen 
hier  Isaac  Winkler  aus  Waldmünchen  in  der  Churpfalz  und 
Jobst  Schneider  aus  der  Nähe  von  Brunn  in  Mahren;  Senor 
Monipodio  aber,  der  Oberste  der  Sevillaner  Gaunerzunft,  'el 
padre,  el  maestro  y  el  amparo  de  los  ladrones' x),  heisst  der 
Zuckerbastei. 

'Des  Zuckerbasteis  Zunft  zu  Prag5  bedeutet  also  die 
Gaunerzunft  zu  Prag;  und  da  der  Verfasser  des  Simplicis- 
simus  diesen  Ausdruck  so  ohne  weiteres  braucht,  ihn  mithin 
als  ganz  allgemein  verständlich  betrachtet,  so  sehen  wir  zu- 
gleich daraus,  wie  verbreitet  und  viel  gelesen  die  Ulenhartsche 
Bearbeitung  der  Cervantesschen  Novelle  gewesen  sein  muss. 2) 

2.  Eine  Enieiidation  zum  Vogelnest  Teil  1,  Kap.  8. 

Grimmeishausens  Simplicianische  Schriften  hsg.  von 
H.  Kurz  3,  337,  n :  cals  wann  wir  mit  den  alten  heidnischen 
Philosophis  Epicuro,  Democrito,  Anaximandro,  Thaletis  disci- 
puln,  Metrodoro.  Anaximene,  Aristoclo,  Archeiao,  Xenophane, 
Leucippo,  Diogene  Apolloniate 3),  Anaxarcho  und  andern  mehr 
noch  von  vielen  Welten  ohne  die  unserige  wolten  träumen. 
Würde  ein  solcher,  der  damit  aufgezogen  käme,  nicht  mit 
dem  Cujano  zu  vergleichen  sein,  der  durch  die  Luft  zu  Sonn, 


Darein  Einverleiben  lassen.  Aller  Welt,  Zur  Lehr  und  War-  |  nung,  Vor 
Beutelschneider-  Meuchelmörder-  Banditen-  Spitzbuben-  u.  Diebe-Rott, 
sich  wohl  Vorzusehen  und  zu  Hüten,  Eheraals  durch  Niclaus  Ulenhartr 
Beschrieben.  Anjetzo  von  Neuem  wiederum  Auffgelegt.  M.  DCC.  XXIV,' 
8°.  Vor  diesem  Haupttitel  befindet  sich  noch  ein  Blatt,  worauf:  Cere- 
moniel  der  Gaw-Dieb,  Banditen,  und  Spitz-Buben'  [A.  Schneider,  Spaniens 
Anteil  an  der  deutschen  Litteratur  1898,  S.  210.  Farinelli,  Zeitschr.  für 
vergl.  Litteraturgesch.   13,  437.] 

J)  S.  245  bei  Ulenhart:  'ein  Meister,  Vatter  vnd  Trost  aller  deren, 
die  sich  mit  stelen  vnd  andern  dergleichen  mittein  hinzubringen  vnnd 
zu  ernöhren  begehren.' 

2)  [R.  Gosche  bemerkt:]  Der  obigen  Deutung  begegnet  die  eines- 
Ungenannten  in  den  Blättern  für  litterar.  Unterhaltung  1868,  nr.  27. 

3)  D.  i.  Diogenes  von  Apollonia,  was  ich  nur  wegen  der  Anmerkung 
von  Kurz  bemerke. 


12.  Zwei  angeblich  noch  ungedruckte  Gedichte  Gellerts.  83 

Mond    und  Sternen  gesegelt  und  dieselbe  mit  Menschen  und 
Tliieren  bewohnt  gefunden?'  | 

Zu   dem   Namen   'CujanoJ   bemerkt  II.  Kurz   in  den  An-    298 
merkungen   S.  49'2:    Tujanus,   mir  unbekannt.5  —  Natürlich; 
denn   Cujano    ist   offenbar  nur   ein  Druckfehler  für  Cyrano. 
Es  ist  Cyrano  de  Bergerac,  der  Verfasser  der  'Histoire  comique 
des  Etats  et  Empires  de  la  Lune  et  du  SoleiP,  gemeint. 


12.  Zwei  angeblich  noch  ungedruckte  Gedichte 

Gellerts. 

(Blätter  für  litterarische  Unterhaltung  1862,  629-630.) 

Das  Komitee  für  die  Errichtung  eines  Gellert-Denkmals 
in  Hainichen  hat  vor  kurzem  unter  dem  Titel:  cDie  Gellert- 
Stiftung  und  das  Gellert-Denkmal  in  Hainichen.  Ein  ge- 
schichtlicher Beitrag,  nebst  Dank  und  Quittimg  über  die  zum 
Gellert-Denkmal  eingegangenen  Beiträge3  (Hainichen,  Barch- 
witz), ein  Schriftchen  herausgegeben,  in  welchem  S.  42  fg. 
zwei  'bisjetzt  noch  ungedruckte3  Gedichte  aus  Gellerts 
Jugendzeit  mitgeteilt  sind.  Professor  Dr.  Mosch  in  Herisch- 
dorf bei  Warmbrunn  in  Schlesien,  ein  geborener  Hainichener, 
hat  die  Gedichte  früher  vom  Pastor  Schmidt  in  Knauthain, 
welcher  in  Meissen  und  Leipzig  Gellerts  Zeitgenosse  und 
Freund  gewesen  war,  erhalten  und  dem  Komitee  zur  beliebigen 
Verwendung  überlassen.  Beide  nach  der  Meinung  des  Gellert- 
Komitee  ungedruckte  Gedichte  sind  aber,  wenn  auch  nicht  als 
Gellertsche,  bereits  mehreremal  gedruckt  worden. 

Das  erste  Gedicht  ist  das  folgende: 

Nacht  wächterlied. 
Melodie:  Sollt'  es  gleich  bisweilen  scheinen  u.  s.  w. 
1.  Hört  ihr  Herrn  und  lasst  euch  sagen, 
Unsre  Glock'  hat  neun  geschlagen. 
Neun  vergassen  Dank  und  Pflicht, 
Mensch  vergiss  der  Wohlthat  nicht! 


§4  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Unser  Wachen  wird  nichts  nützen, 
Gott  muss  wachen,  Gott  muss  schützen. 
Herr,  durch  deine  grosse  Macht 
Gieb  uns  eine  gute  Nacht. 

2.  Hört  ihr  Herrn  und  lasst  euch  sagen, 
Unsre  Glock1  hat  zehn  geschlagen. 

Zehn  Gebote  schärft  Gott  ein, 
Ach,  lass  uns  gehorsam  sein. 
Unser  Wachen  u.  s.  w. 

3.  Hört  ihr  Herrn  und  lasst  euch  sagen, 
Uusre  Glock1  hat  elf  geschlagen. 

Nur  elf  Jünger  blieben  treu, 
Hilf  Herr,  dass  kein  Abfall  sei. 
Unser  Wachen  u.  s.  w. 

4.  Hört  ihr  Herrn  und  lasst  euch  sagen, 
Unsre  Glock'  hat  zwölf  geschlagen. 

Zwölf  das  ist  das  Ziel  der  Zeit, 
Mensch,  bedenk'  die  Ewigkeit. 
Unser  Wachen  u.  s.  w. 

5.  Hört  ihr  Herrn  und  lasst  euch  sagen, 
Unsre  Glock1  hat  eins  geschlagen. 

Eins  ist  not,  o  treuer  Gott, 
Gieb  uns  einen  sergen  Tod. 
Unser  Wachen  u.  s.  w. 

6.  Hört  ihr  Herrn  und  lasst  euch  sagen, 
Unsre  Glock1  hat  zwei  geschlagen. 

Zwei  Weg1  hat  der  Herr  vor  sich, 
Herr,  den  besten  lehre  mich. 
Unser  Wachen  u.  s.  w. 

7.  Hört  ihr  Herrn  und  lasst  euch  sagen, 
Unsre  Glock;  hat  drei  geschlagen. 

Drei  in  Eins!  was  Christ  nur  heisst, 
Ehrt  Gott  Vater,  Sohn  und  Geist. 
Unser  Wachen  u.  s.   w. 

Dieses  ist  ein  vielfach  im  Munde  des  Volks  in  Deutsch- 
land    verbreitetes     Lied     und     mehrmals     in     Volkslieder- 


12.  Zwei  angeblich  noch  ungedruckte  Gedichte  Geliert«.  g5 

Sammlungen  abgedruckt,  zuerst,  soviel  ich  weiss,  von  Büsching 
und  von  der  Hagen  in  ihrer  'Sammlung  deutscher  Volks- 
lieder' (Berlin  1807,  nr.  16).  Vgl.  Erk  'Deutscher  Lieder- 
hort' (Berlin  1856),  nr.  196  und  die  Nachweise  daselbst, 
denen  noch  beizufügen  ist  von  Ditfurths  'Fränkische  Volkslieder' 
(Leipzig  1855,  2,  351).  [Erk-Böhme,  Liederhort  nr.  1580—1581. 
Die  Melodie  ist  die  des  Chorals  'Sollt  es  gleich  bisweilen 
scheinen'  (1731)  oder  'Ach  wenn  komt  die  Zeit  heran'  (1657. 
Bäumker,  das  katholische  deutsche  Kirchenlied  1,  390.  3,  254) 
und  hat  früher  wahrscheinlich  dem  Opitzschen  Liebesliede 
'Itzund  kömmt  die  Nacht  herbeiJ  angehört  (Bäumker,  Musicasacra 
1896,  nr.  24).  Wichner,  Stundenrufe  der  deutschen  Nacht- 
wächter 1897,  S.  29  und  42.]  Alle  diese  Fassungen  weichen 
natürlich  im  einzelnen,  wie  dies  bei  Volksliedertexten  immer 
geht,  mehrfach  voneinander  ab.  Jede  der  Gellertschen 
Strophen  aber  findet  in  einem  der  Texte  sich  fast  buchstäb- 
lich wieder,  und  der  Refrain  'Unser  Wachen  u.  s.  w.'  ist  in 
allen  Texten  vorhanden,  wenu  auch  mit  kleinen  Abweichungen, 
wie  'Menschenwaeheu'  statt  'Unsre  Wachen',  'weise  Macht' 
statt  'grosse  Macht',  'kann'  statt  'wirdJ.  [In  einem  'Der  Nacht- 
wächter' überschrieben en  Gedichte  führt  Rückert  (Poetische 
Werke    2,    172.   1868)    den    Refrain   in   folgender  Gestalt  an: 

Menschen  wachen  wird  nicht  nützen, 
Gott  wird  wachen,  Gott  wird  schützen ; 
Herr,  durch  deine  Huld  und  Macht 
Gieb  uns  eine  gute  Nacht!] 

In  mehreren  Texten  beginnt  der  Wächterruf  mit  der  achten  J) 
Stunde,  in  manchen  erst  mit  der  zehnten,  in  den  meisten 
schliesst  er  mit  der  vierten 2) ,  natürlich  je  nachdem  nach 
der  örtlichen  Sitte  der  Wächter  früher  oder  später  seine  Runde 
begann  oder  schloss. 


')  Nur  acht  Seelen  sprach  Gott  los, 

Als  die  Sündflut  sich  ergoss. 

2)  Vierfach  ist  das  Ackerfeld, 

Mensch  wie  ist  dein  Herz  bestellt? 


gß  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Das  zweite  Gedicht  lautet  so: 

Vertrauen  auf  Gottes  Vorsehung. 

1.  Ihr  Sorgen,  weicht,  lasst  mich  in  Ruh, 

Denn  Gott  wird  für  mich  sorgen, 
Schickt  er  mir  heute  gleich  nichts  zu, 

Vielleicht  geschieht's  doch  morgen. 
Und  wenn  es  morgen  nicht  geschieht, 

So  giebt's  ja  noch  mehr  Tage, 
Denn  der,  der  weiss,  was  mir  gebricht, 

Der  hört  auch,  wenn  ich  klage. 

2.  Wer  weiss,  wer  sich  noch  um  mein  Heil 

Ganz  wunderbar  bemühet, 
Und  wer  um  mein  bescheiden  Teil 

An  schwerer  Arbeit  ziehet, 
Wer  weiss,  wer  mir  mein  Feld  besät, 

Worin  mein  Weizen  grünet, 
Und  wo  das  Stückchen  Korn  wohl  steht, 

Das  mir  zur  Nahrung  dienet. 

3.  Wer  weiss,  wer  mir  den  Tisch  noch  deckt, 

Der  meinen  Körper  weidet, 
Wo  Gott  ein  gutes  Herz  erweckt, 

Das  meinen  Rücken  kleidet. 
Wer  weiss,  wo  noch  das  Schäfchen  geht, 

Das  meine  Wolle  traget, 
Und  wo  das  sanfte  Bettchen  steht, 

Darein  mein  Gott  mich  leget. 

4.  Wer  weiss,  wo  noch    das  Brünnlein  quillt, 

Woraus  ich  trinken  werde; 
Vielleicht,  so  du,  mein  Gott,  es  willt, 

So  quillt's  aus  fremder  Erde. 
Denn  du,  mein  Gott,  du  gehst  gar  oft 

Mit  uns  sehr  fremde  Strassen 
Und  führest  uns  ganz  unverhofft 

Hinweg,  wo  wir  sonst  sassen. 

5.  Wer  weiss  das  Plätzchen  und  den  Raum, 

Der  sich  für  mich  noch  schicket, 
Wer  weiss  den  Garten  und  den  Baum, 

Der  mich  forthin  erquicket; 
Ach  treuer  Vater,  das  weisst  du, 

Denn  dir  ist  nichts  verborgen. 
Drum  Sorgen  Aveicht,  lasst  mich  in  Ruh, 

Denn  Gott  will  für  mich  sorgen. 


12.   Zwei  angeblich  noch  ungedruckte  Gedichte  Gellerts.  87 

Dieses  Gedicht,  welches  Geliert,  als  er  nach  Leipzig  auf 
die  Universität  ging,  gedichtet  haben  soll,  findet  sich  in  Franz  j 
Ludwig  Mittlers  'Deutschen  Volksliedern"  (Marburg  und  630 
Leipzig  1855,  nr.  1276)  [Walter,  Volkslieder  1841,  ur.  108. 
Erk-Böhme,  Liederhort  nr.  2004]  nach  einem  'fliegenden 
Blatte"  abgedruckt  und  zwar  mit  dem  vorstehenden  Texte 
bis  auf  ganz  geringe  Abweichungen  übereinstimmend.  So 
heisst.  um  das  Wichtigere  mitzuteilen,  es  in  der  ersten 
Strophe  'Gott  wilP,  'Es  giebt  ja',  'Und  der,  der  weiss";  in  der 
zweiten  'Gar  schwere  Arbeit  ziehet  das  bischen  Korn";  in  der 
dritten  'Das  weiche  Bettchen3,  'Worin';  in  der  fünften 
"Dir,  dir  ist".  Ferner  findet  sich  das  Gedicht  aus  mündlicher 
Überlieferung  hannoverscher  Bauern  in  Karl  Goedekes  'Elf 
Büchern  deutscher  Dichtung'  (Leipzig  1849,  2,  366)  mit  ähn- 
lichen, unbedeutenden  Abweichungen,  aber  auch  mit  bedeu- 
tenderen Entstellungen.  So  in  der  ersten  Strophe  'Gott  will", 
*Es  giebt  ja5,  'Und  hört  mich  wenig  klagen";  in  der  zweiten 
'Und  sich  an  meim  bescheiden  Teil  vor  schwerer  Arbeit 
ziehet",  'Das  bischen  Korn";  in  der  vierten  'Wenn  du  vielleicht 
mein  Gott  es  willst":  'Den  AVeg,  wo  wir  auf  sassen";  in  der 
fünften  'Worin  ich  mich  erquicke",  'Dir,  dir  ist".  Endlich 
finden  wir  in  den  'Geistlichen  Volksliedern  mit  ihren  ursprüng- 
lichen Weisen,  gesammelt  aus  mündlicher  Tradition  und 
seltenen  alten  Gesangbüchern"  Paderborn  1850,  nr.  33)  [Erk- 
Böhme  nr.  2005]  ein  hierhergehöriges  Lied  aus  dem  Paderborn- 
scheu,  das  auch  Mittler  und  Goedeke  zur  Vergleichung  beibringen 
und  das  ich  hier  ganz  mitteilen  muss.     Es  lautet: 

Wer  weiss,  woraus  das  Brünnlein  quillt, 

Daraus  wir  trinken  werden? 

Wer  weiss,  wo  noch  das  Schaf  lein  gebt, 

Das  für  uns  Wolle  traget? 

Wer  weiss,  woraus  das  Körnlein  wächst, 

Das  uns  zur  Nahrung  dienet? 

Wer  weiss,  wer  uns  den  Tisch  noch  deckt, 

Der  uns  den  Körper  weidet? 

Wer  weiss,  wer  uns  den  Weg  noch  zeigt, 

Darauf  wir  wandern  müssen? 

Wer  weiss,  wo  wohl  das  Bettlein  steht, 

Darin  mich  Gott  einleget? 


88  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

"Wer   weiss,   wannehr  der  Tod   wohl  kömmt, 

Der  uns  zum  Richter  führet? 

Ach,  treuer  Vater,  das  weisst  du, 

Dir  ist  ja   nichts   verhorgen. 

Und  wenn's  auch  heute  nicht  geschieht, 

Geschieht  es  doch   wohl  morgen. 

Ihr  Sorgen  weicht,  lasst  uns  in  Kuh; 

Denn  Gott  wird  für  uns  sorgen. 

Hier  haben  wir  eine  recht  volksmässige,  verkürzte  und 
zum  Teil  auch  sonst  geänderte  Bearbeitung  des  ursprünglichen 
Textes.  Ist  nun  Geliert  wirklich  der  Verfasser  der  beiden 
Lieder?  Ich  möchte,  da  ich  weder  für  noch  gegen  die  Glaub- 
würdigkeit des  Zeugnisses  des  obengenannten  Freundes 
Gellerts  sprechen  kann,  dies  bestimmt  weder  annehmen  noch 
abweisen.  Solange  die  Lieder  nicht  irgendwo  in  einem  früheren 
Drucke  nachgewiesen  werden,  nmss  man,  scheint  mir.  die 
Möglichkeit  zugeben,  dass  Geliert  sie  geschrieben,  aber,  weil 
sie  ihm  wahrscheinlich  zu  einfach,  zu  volksliederartig  er- 
schienen, nicht  in  seine  Dichtungen  aufgenommen  hat,  dass 
sie  aber  trotzdem  irgendwie  handschriftlich  ins  Volk  gedrungen 
sind,  wo  sie  eben  wegen  ihrer  Einfachheit  und  Volksmässig- 
keit  die  oben  nachgewiesene  Verbreitung  erlangt  haben. 


13.  Zu  Lessings  Grabsehrift  auf  einen 
Gehenkten. ') 

(Archiv  für  Literaturgeschichte  7,  32.     1878.) 

In  den  'Gedichten'  von  Blumaue  r   2,  167   (Wien  1787) 
lindet  sich  folgende 

Grabschrift  eines  Spaniers  für  seinen  gehenkten  Vetter. 

Nach  dem  Französischen. 
Hier  schloss  mein  Vetter  Raps  die  Augen  zu. 
0  Wandrer,  Mick  hier  in  die  Höhe, 
Und  wünschest  du  dem  armen  Sünder  Ruh, 
So  wünsche  —  dass  der  Wind  nicht  wehe ! 


!)  Vgl.  Archiv  5,  483  [wo  Boxberger  auf  D.  Stoppe,  Neue  Fabeln 
1,  113  (1745)  aufmerksam  gemacht  hatte: 
Auf  Hamanns  Kirchhof  zu  begraben, 
Auf  dem  die  Toten  ruhn,  sobald  der   Wind  nicht  geht.] 


14a.  Zu  Lessings  Gedicht  'Das  Muster  der  Ehen'.  K<) 

Die  mir  unbekannte  französische  Vorlage  Blumauers 
hat  vielleicht  auch  Lessing  gekannt  und  nach  ihr  seine  Grab- 
schrift eines  Gehenkten  gemacht:  'Hier  ruht  er,  wenn  der 
Wind  nicht  weht'. 

[P.  Albrecht,    Lessings   Plagiate    1,    307   (1890)   verweist 

auf  Paul  Scarrons  Epigramm  in  den  Oeuvres  7,  352: 

Epitaphe   de    Henri    Ganelon. 
En  ce  gibet  Henri  repose, 
Quand  le  vent  cesse  ou  qu'il  est  bas; 
Quant  il  vente,  c'est  autre  chose, 
On  diroit  qu'il  ne  s'y  plait  pas.] 


14  a.  Zu  Lessings  Gedicht  'Das  Muster  der 

Ehen.' 

(Vierteljahrsschrift  für  Literaturgeschichte  1,  492—494.     1888.) 

In  Nicolaus  Reusners  x)  Aureolorum  Emblematum  Liber 
siugularis  (Argentorati  1591)  finden  sich  Bl.  Diijb  folgende 
lateinische  und  deutsche  Verse: 

Tranquilli  tas  Coniugij. 

Coniugium  felix  ut  sit,  blandumque  :  maritus 

Surdus  sit,  coniux  cseca  sit  OTTO,  domi. 

Blind  sey  das  Weib,  Taub  sey  der  Mann, 
Soll  Lieb  in  Ehe  lang  wol  bestahn.-) 

Als  ich  diese  Verse  vor  einiger  Zeit  kennen  lernte,  musste 
ich  sogleich  au  Lessings  Gedicht  'Das  Muster  der  Ehen3  denken, 
welches  also  lautet: 

Ein  rares  Beispiel  will  ich  singen, 
Wobei  die  Welt  erstaunen  wird. 
Dass  alle  Ehen  Zwietracht  bringen, 
Glaubt  jeder,  aber  jeder  irrt.  | 


')  JsT.  Reusner,  berühmter  Polyhistor  und  lateinischer  Dichter,  geb. 
1545  in  Löwenberg  in  Schlesien,  f  Hi02  als  Professor  der  Rechte 
in  Jena. 

2)  Jedes  der  Aureola  Emblemata  besteht  aus  einer  Überschrift  in 
lateinischer  oder  -  -   doch  nur  selten  —  in    griechischer  Sprache,  einem 


90  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

493  Ich  sah  das  Muster  aller  Ehen, 

Still,  wie  <li<'  stillste  Sommernacht. 

O  dass  sie  keiner  möge  sehen, 

Der  mich  zum  frechen  Lügner  macht! 

Und  gleichwohl  war  die  Frau  kein  Engel, 
Und  der  Gemahl  kein  Heiliger. 
Es  hatte  jedes  seine  Mängel, 
Denn  niemand  ist  von  allen  leer. 

Doch  sollte  mich  ein  Spötter  fragen, 

Wie  diese  Wunder  möglich  sind? 

Der  lasse  sich  zur  Antwort  sagen: 

Der  Mann  war   taub,  die  Frau  war  blind.1) 

Lessings  Gedicht  ist  aber  auch  der  Erzählung  Gellerts 
'Die  glückliche  Ehe3  —  dem  Inhalte  wie  dem  Titel  nach  — 
sehr  ähnlich.  Auch  Geliert  schildert  eine  glückliche  Ehe, 
die  er  gesehen  hat,  und  auch  er  giebt  zum  Schluss  einen 
ganz  unerwarteten  überraschenden  Grund  dafür  an,  dass  eine 
so  glückliche  Ehe  möglich  war:  das  Paar  starb  acht  Tage 
nach  der  Hochzeit. 

Offenbar  ist  Lessings  Gedicht,  wie  auch  Erich  Schmidt, 
Lessing  1,  94  [2.  Aufl.  1,  94.  695],  annimmt,  eine  Nachahmung 
des  älteren  Geliertsehen,  aber  mit  einem  andern  Schluss,  und 
auf  diesen  andern  Schluss  ist  Lessing  möglicherweise,  ja  man 
darf  vielleicht  sagen  wahrscheinlich,  durch  Reusners  Emblema 


Holzschnitt  nach  Tobias  Stimmer,  einem  lateinischen  Distichon  und 
einem  deutschen  Reimpaar,  welch  letzteres  die  —  meist  sehr  unbeholfene 

—  Übersetzung  der  lateinischen  Verse  ist.  Über  obigen  Versen  steht  — 
gewiss  nur  aus  Versehen  -  -  ein  zu  ihnen  gar  nicht  passender  Holz- 
schnitt (Orion,  der  die  Diana  verfolgt  und  dabei  von  einem  Skorpion 
gestochen   wird),    welcher    Bl.  Gvij    an   richtiger    Stelle  wiederkehrt.  — 

—  Wer  der  Otto  im  lateinischen  Distichon  ist,  weiss  ich  nicht.  [In  den 
Deliciae  poetarum  Germanorum  5,  77G  (1(512)  steht  Reusners  Epigramm 
*Ad.  Joan.  Hessum'  in  folgender  Form : 

Coniugium  quo  sit  foelix  expersque  querelae, 
Surdus  vir,  coniux  coeca  sit,  Hesse,  domi.] 
*)  In  dem  ersten  und  in  dem  dritten  Drucke  des  ersten  Teiles  der 
ersten    Ausgabe    von    G.   E.    Lessings    Schriften    (Berlin   bei   C.    F.  Voss 
1753),  S.  144  lautet  die  letzte  Zeile: 

Die  Frau  war  taub,  der  Mann  war  blind. 


14  a.  Zu  Lessings  Gedicht  'Das  Muster  der  Ehen'.  91 

gekommen,  welches  meines  Wissens  bisher  noch  nicht  beachtet 
worden  ist. 

Bei  dieser  Gelegenheit  sei  noch  eine  ganz  unbegreifliche, 
irrige  Behauptung  zurückgewiesen,  die  neuerdings  über  Lessings 
Gedicht  in  der  Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  und  deutsche 
Litteratur  31,  104  aufgestellt  worden  ist.  Richard  M.  Meyer 
schreibt  dort: 

'Lessings  Gedicht  'Das  Muster  der  Ehen'  (Lachmann2 
1,  133)  ist  nicht,  wie  Erich  Schmidt  1,  94  meint,  die  Be- 
arbeitung einer  Fabel  von  Geliert,  sondern  eine  z.  T.  wörtliche 
Übersetzung  von  Popes  Gedicht  c0n  a  certain  lady  at  |  court5  494 
(Poetical  works  of  A.  Pope,  Edinburgh,  S.  435);  der  Anfang 
lautet:  I  know  the  thing  that  's  most  uncommon;  der  Schlnss: 
The  womau  's  deaf,  and  does  not  hear.  Popes  Epigramm 
gilt  also  nur  der  Frau,  Lessings  der  Ehe.  Dadurch  wird  die 
Tautologie  der  englischen  Schlusszeile  beseitigt'. 

Damit  nun  die  Leser,  von  denen  doch  nur  die  Minder- 
zahl Popes  Werke  zur  Hand  haben  wird,  über  das  Verhältnis 
von  Popes  Gedicht  zu  dem  Lessings  gleich  selbst  urteilen 
können,  möge  ersteres  hier  folgen: 

On  a  certain  lady  at  court. 

I   know  the  thing  that  's  inost  uncommon 

(Envy,  be  silent.  and  artend!); 
I  know  a  reasonable  woman, 

Handsome  and  witty,  yet  a  friend. 

Not  warp'd  by  passion,  aw'd  by  rumour, 

Not  grave  thro'  pride,  or  gay  through  folly, 
An  equal  mixture  of  good  humour, 

And  sensible  soft  melancholy 
'Has  she  110  faults  then  (Envy  says),  Sir:'' 

Yes,  she  has  one,  I  must  aver: 
AVhen  all  the  world,  conspires  to  praise  her, 

The  woman  's  deaf,  and  does  not  hear. 1) 


')  The  Works  of  A.  Pope.  New  Edition.  With  Introductions  and 
Notes  by  W.  Erwin  and  W.  J.  Courthope.  Vol.  IT.  London  1882.  S.  448. 
—  Das  Gedicht  geht,  wie  uns  die  Note  des  Herausgebers  belehrt,  auf 
Mrs.  Henrietta  Howard,  geb.  Hobart,  Gemahlin  von  Sir  Charles  Howard, 
der  1731  Earl  of  Suffolk  wurde. 


02 


Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


Ich  frage  nun:  was  hat  Lessings  Gedicht  mit  dem  Popes 
gemein,  als  dass  in  der  letzten  Zeile  des  Lessingschen  Ge- 
dichtes das  Wort  taub,  wie  in  der  letzten  des  Popeschen 
das  Wort  deaf  vorkommt?  Und  doch  soll  Lessings  Gedicht 
eine  zum  Teil  wörtliche  Übersetzung  des  Popeschen  sein! 


14b.  Noch  einmal  Lessings  Gedieht 
'Das  Muster  der  Ehen/ 

(Vierteljahrsschrift  für  Literaturgeschichte  2,  275—278.    1889.) 

Mein  Freund  Robert  Boxberger  hat,  gleich  nachdem  er 
meinen  Aufsatz  über  Lessings  Gedicht  'Das  Muster  der  Ehen' 
(Vierteljahrsschrift  1,  492)  gelesen,  mich  auf  das  113.  der 
von  Goedeke  herausgegebenen  geistlichen  und  weltlichen 
Lieder  von  Hans  Sachs  hingewiesen.  Dies  einer  eigen- 
276  händigen  Handschrift  des  Dichters  entnommene  Lied  von  drei 
Strophen  ist  betitelt  'Was  die  e  gut  mach'  und  beginnt: 

Alphonsum,  den  künig,  tet  fragen 
ein  graf,  wan  eleut  fritlich  sint? 
cWan  der  man  taub  wirf,  tet  er  sagen, 
'und  wan  das  weihe  gar  erblint1. 

Der  Graf  bittet  dann  um  Erklärung  dieses  Ausspruches, 
und  der  König  giebt  sie  in  den  beiden  andern  Strophen. 

Goedeke  hat  dem  Liede  folgende  Anmerkung  beigefügt: 
fAus  den  Dictis  Alphonsi  regis  Arragoniae  in  Plutarchs 
Sprüchen  von  Eppendorf,  S.  589.  Auch  von  Lessing  behandelt: 
Das  Muster  der  Ehen  (Maltzan  1,  133).' 

Diese  Anmerkung  veranlasste  mich  in  dem  berühmten 
Werke  'De  dictis  et  factis  Alphonsi  regis  Aragonum  libri 
<|iiatuor' nachzusehen,  welches  der  italienische  Humanist  Antonio 
degli  Beccadelli,  gewöhnlich  nach  seiner  Vaterstadt  Palermo 
Antonius  Panormita  genannt,  verfasst  hat,  und  da  fand 
ich  den  7.  Abschnitt  des  3.  Buches  also  lautend: 

Matrinionium  ita  denium  exigi  tranquille  et  sine  querela  posse 
dicebat  [sc.  Alphonsus],  si  mulier  caeca  hat  et  maritus  surdus. 


14  b.  Noch  einmal  Lessings  Gedieht  'Das  Muster  der  Ehen'.        93 

Hierzu  giebt  Jakob  Spiegel,  der  zu  dem  Werke  Schotten 

geschrieben  hat1),  folgendes  Scholion: 

Innuens,  opinor,  foemineum  genus  obnoxium  esse  zelotypiae,  atque 
hinc  oriri  rixas  et  querimonias,  rursum  maritis  perraolestam  esse  uxoruin 
garrulitatem,  qua  molestia  cariturus  sit,  si  hat  surdus,  nee  illa  vexa- 
bitur  adulterii  suspitione,  si  careat  oculis.  Sie  interpretatur  magnus 
noster  Erasmus.  Quanquam  id  dicti  Pontanus  ille  quoque  magnus  vir 
tribuit  ipsi  Antonio  Panormitae  libro  tertio  de  Obedientia,  et  de  Sermone 
tertio.  Sie  enim  ait:  Antonium  Panormitam,  cum  ab  eo  quaereretur, 
quibus  maxime  opus  esse  iudicaret  ad  connubii  tranquillitatem,  respon- 
dentem  audivi,  nullas  nee  quietas  nee  felices  satis  nuptias  esse  posse, 
praeterquam  si  vir  surdus  esset,  uxor  vero  eaeca,  ne  altera  videlicet 
inspiceret,  |  quae  a  marito  intemperanter  fierent  plurima,  alter  ne  2)  277 
audiret  obgannientem  assiduo  domi  uxorem. 

Die  angeführte  Interpretation  des  Erasmus  findet  sich 
in  seinem  Werk:  Apophthegmatum  ex  optimis  utriusque 
linguae  scriptoribus  colleetorum  libri  VIII.  In  das  letzte  Buch 
hat  Erasmus  nämlich  eine  Anzahl  Aussprüche  des  Königs 
Alfous  aufgenommen  und  darunter  auch  —  als  vierten  — 
den  obigen  mit  ein  paar  kleinen  sprachlichen  Änderungen 
und  mit  beigefügter  Erklärung: 

Idem  dicere  solet ,  ita  demum  matrimonium  tranquille  eitraque 
querimonias  exigi  posse,  si  maritus  surdus  hat,  uxor  eaeca:  innuens, 
opinor,  etc.  etc. 3) 

Die  beiden  Stellen  aus  den  Werken  des  Joannes  Jovianus 
Pontanus  (Giovanni  Gioviano   Pontano),  des  jüngeren  Zeit- 


')  Antonii  Panormitae  de  dictis  et  factis  Alphonsi  regis  Aragonum 
libri  quatuor.  Commentarium  in  eosdem  Aeneae  Sylvii,  quo  capitatim 
cum  Alphonsinis  contendit.  Adiecta  sunt  singulis  libris  Scholia  per 
D.  Iacobum  Spiegelium.  Basileae  1538.  4°.  —  Spiegels  Dedikation  an 
Kaiser  Karl  Y.  und  dessen  Bruder  König  Ferdinand  I.  ist  vom  3.  Mai 
1537  datiert. 

2)  Die  Worte  'alter  ne'  fehlen  bei  Spiegel. 

3)  'Plutarchs  Sprüche  von  Eppendorf,  wie  Goedeke  a.  a.  O.  kurz 
citiert,  sind  eben  die  Apophthegmata  des  Erasmus  [1533J  in  der  Übersetzung, 
die  1534  zu  Strassburg  erschien  und  betitelt  ist:  Plutarchi  von  Cheronea 
und  anderer  kurtz  weise  und  höfliche  Spruch  .  .  .  Neulich  durch  Heinrich 
von  Eppendorf  uss  dem  Latin  in  Teutsch  verdollmetscht.  Vgl. 
J.  F.  Degen,  Litteratur  der  deutschen  Übersetzungen  der  Griechen  2, 
329  ff.,  Nachtrag  S.  279  ff. 


Ü4  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

genossen  und  Freundes  des  Antonius  Panormita,  welche  Spiegel 
citiert.  alter  nicht  einzeln  ihrem  Wortlaut  nach  mitgeteilt,  aus 
welchen  er  vielmehr  eine  gemacht  hat,  mögen  hier  folgen. 
De  Obedientia  über  III,  cap.  II. 

Antonium  Panormitam,  cum  ab  eo  quaereretur,  quibus  maxiine 
opus  esse  iudicaret  ad  connubii  tranquillitatem,  respondentem  audivi, 
nullas  nee  quietas,  nee  felices  satis  nuptias  esse  posse  praeter  quam  si 
vir  Burdus  esset,  uxor  veru  caeca. 

De  Sermone  liber  III,  cap.  XVII. 
Antonius  Panormita,  suavis  admodum  vir,  interrogatus,  ad  rem 
uxoriam  iueunde  concorditerque  agendam  quibusnam  maxime  opus  esse 
duceret,  sumpto  argumento  a  frequentia  molestiarum  ac  magnitudine, 
quae  in  vita  contingerent  coniugali,  duobus  tantum  opus  esse  respondit, 
vir  ut  aurium  surditate  teneretur,  uxor  vero  ut  oculis  esset  capta,  ne 
altera  videlicet  inspiceret,  quae  a  marito  intemperanter  fierent  plurima, 
alter  ne  audiret  obgannientem  assiduo  domi  uxorem. 

Nach  vorstehenden  Mitteilungen  braucht  also  Lessing 
278  auf  den  Schluss  seines  Gedichtes  'Das  Muster  der  Ehen"  |  keines- 
wegs  gerade    durch    Reusners   Emblema   gekommen   zu  sein. 

Boxberger  hat  mich  auch  noch  wegen  der  letzten  Zeile 
des  Lessingschen  Gedichtes  auf  Lessings  Brief  an  seinen 
Bruder  Karl  vom  31.  Dezember  1771  verwiesen,  in  welchem 
Lessing  schreibt:  c\Yenn  im  zweiten  Teile  die  Erzählung  Das 
Muster  der  Ehen  noch  nicht  abgedruckt  ist.  so  soll  es  mir 
lieb  sein.  Denn  ich  kann  nicht  begreifen,  wie  vom  Anfange 
an  die  letzte  Zeile  so  ganz  widersinnig  abgedruckt  worden. 
Es  muss  nämlich  nicht  heissen: 

Die  Frau  war  taub,  der  Mann   war  blind, 

sondern  umgekehrt: 

Der  Mann  war  taub,  die  Frau  war  blind. 

Ändere  das  also,  wenn  es  noch  Zeit  ist." 

[Paul   Albrecht.    Lessings    Plagiate    1.   437    (1890)    führt 

noch  folgende  weitere  Bearbeitungen  dieses  Motivs  an:  Sebastian 

Scheffer,    Poemata  1572,    p.   136    =   Melander.   Joci  atque 

seria  1603,  nr.  489: 

Thorus    t r an qu i  1 1  u s. 
Altera  luminibus  quando  caret,  auribus  alter, 
Improba  coniugium  tale  querela  fugit. 


15.  Die  Quelle  von   Wielands  Hann  und  Gulpenheh.  95 

Francoys  Gayot  de  Pitaval,  Bibliotheque  des  gens  de  cour 
4,  154  (1746):  Tour  vivre  en  paix  dans  le  mariage,  il  faut 
que  l'homnie  soit  sourd,  et  la  femnie  aveugle.0  —  [Stoeterogge,] 
Recueil  von  allerhand  Collectaneis,  11.  Hundert  S.  58,  nr.  77 
(1720):  'Een  ervaaren  Persoon  wierd  gevraegt,  in  wat  huys 
van  getrouwde  Heden  dat  men  de  grootste  rust  en  vreede 
vant?  Hy  antwoorde:  Daer  de  man  doof  en  de  vrouw 
blint  was." 

Carolus  Desiderius   Royer  de    Nommcy  5,  102,  p.   130: 

Quid  coniugium  trau  quill  um   efficere  possit. 
Si  vir  sit  surdus,  si  vero  coeca  sit  uxor, 
Coniugii  stabilis  pax  erit  atque  quies. 

M.  Landau  (Vjschr.  f.  Littgesch.  5,  1G0)  verweist  noch  auf 
Terenz,  Andria  3,  1,  5:  'Utiuain  aut  liic  surdus  aut  haec 
nmta  facta  sit!'  —  auf  das  südslavische  Sprichwort:  cDas 
Ehepaar  lebt  am  glücklichsten,  wenn  der  Mann  blind  und 
die  Frau  taub  ist3  (Fr.  Krauss,  Sitte  und  Brauch  der  Süd- 
slaven 1885,  S.  507)  und  auf  Rabelais,  Pantagruel  3,  eh.  34: 
'comedie  de  celluy  qui  auoit  espouse  une  femme  mute3.] 


15.  Die  Quelle  von  Wielands  Hann 
und  Gulpenheh. 

(Archiv  für  Literaturgeschichte  3,  416—421.    1874.) 

Es  ist  bekannt,  dass  die  'Bibliotheque  universelle  des  ro- 
mans3  unserm  Wieland  die  Stoffe  zu  Geron  dem  Adeligen, 
zum  Sommermärchen,  zum  Pervonte  und  vor  allem  zum  Oberon 
geliefert  hat;1)    aber  man    scheint    bisher    nicht  bemerkt    zu 


*)  S.  Küberstein,  Grundriss  4.  Ausg.  2,  1599 — 1601.  [Über  Geron 
s.  Ransohoff,  Vjschr.  f.  Littgesch.  3,  530  und  Singer,  Zs.  f.  d.  Phil.  25, 
220.  --  Köhlers  Ausgabe  von  Wielands  Oberon  1868.  M.  Koch,  Das 
Quellenverhältnis  von  Wielands  Oberon  1880.  Riedl,  Zs.  f.  vgl. 
Littgesch.  3,  124.] 


96 


Zur  neueren  Litteraturgeschiehte. 


411 


haben,  dass  auch  die  Quelle  von  Wielands  'Haiiu  und  Gulpen- 
heh'  in  derselben  Zeitschrift  sich  findet x). 

Wielands  Hann  und  Gulpenheh  erschien  zuerst  im  ersten 
Vierteljahr  des  Teutschen  Merkurs  vom  Jahre  17782),  und  nur 
ein  paar  Monate  früher  war  die  Quelle,  aus  welcher  Wieland 
geschöpft  hat.  in  der  Bibliotheque  des  Romaus  erschienen. 
Es  ist  die  im  ersten  Oktober-Bande  des  Jahrgangs  1777. 
S.  186 — 191  stehende,  den  türkischen  'Vierzig  Vezieren5  ent- 
nommene 'Histoire  du  Tailleur  et  de  sa  femme\ 

Schon  Petis  de  la  Croix  hatte  die  Geschichte  des 
Schneiders  und  seiner  Frau  in  seiner  Bearbeitung  eines  Teils 
der  'Vierzig  Veziere1,  welche  u.  d.  T.  'Histoire  de  la  Sultane 
de  Perse  et  des  Visirs,  Contes  Turcs,  coinposes  en  langue 
Turque  par  Chec-Zade,  et  traduits  en  FraneoisJ  1707  |  zu  Paris 
erschien3),  erzählt;  aber  seine  Erzählung  und  die  der  Biblio- 
theque des  Romans  sind  nicht  nur  den  Worten  nach  verschieden, 
sondern  weichen  auch  sachlich  mehrfach  voneinander  ab4). 
Der  Übersetzer  der  Bibliotheque  des  Romans  hat  ein  Manu- 
script  benutzt,  welches,  wie  er  S.  185  sagt:  'ajoute  ou  change 
quelques  circonstances  ä  ceux  [contes]  qui  sont  dejä  traduits'. 
(Vgl.  auch   1778,  Janvier,  2,  196.) 


')  Kobersteiü  2,  1600  sagt  von  Hann  und  Gulpenheh:  cDie  Quelle, 
wenn  der  Dichter  anders  eine  benutzt  hat,  ist  mir  unbekannt.'  [Doch 
vgl.  Keller,  Romans  de  Sept  Sages  1836,  S.  CLXVI1.] 

2)  S.  103 — 114.  Später  erschien  die  Dichtung  mit  einigen  Ver- 
änderungen im  5.  Bande  der  'Auserlesenen  Gedichte'  Wielands  (Leipzig 
1785)  und  endlich  mit  neuen  und  zahlreicheren  Änderungen  im  18.  Bande 
der  Göschenschen  Ausgabe  der 'Sämtlichen "Werke' Wielands  (Leipzig  1796). 

3)  Wiederholt  im  Gabinet  des  Fees,  Tome  16  (Geneve  1786)  und 
in  der  von  Loiseleur-Deslongchamps  und  Aime  Martin  besorgten  Aus- 
gabe der  Mille  et  un  Jours,  Paris  1840,  S.  301—367.  Unsere  Erzäh- 
lung steht  an  ersterem  Orte  S.  76,  an  letzterem  S.  320.  In  neuerer  Zeit 
hat  bekanntlich  W.  F.  A.  Behrnauer  eine  vollständige  und  treue  Über- 
setzung der  türkischen  'Vierzig  Veziere'  geliefert  (Leipzig  1851),  wo 
man  S.  80  unsere  Erzählung  findet.  [Riviere,  Contes  populaires  de  la 
Kabylie  1882,  S.  119:    'Jesus-Christ  et  la  femme  infidele'.] 

4)  Einige  sachliche  Abweichungen  der  Erzählung  des  Petis  de  la 
Croix  von  der  der  Bibliotheque  des  Romans  und  also  auch  Wielands 
sind:   der  Schneider  will  24  Stunden  auf  dem  Grabe  seiner  Frau  weinen, 


15.  Die  Quelle   von  Wielands  Hann   und  Ghilpenheh.  97 

Da  die  Bibliotheque  des  Romans  schwerlich  allen  Lesern 
des  Archivs,  welche  die  Erzählung  Wielands  mit  seiner  Quelle 
gern  seihst  vergleichen  möchten,  zugänglich  ist.  so  lasse 
letztere  hier  folgen. 

Histoire  du  Tailleur  et  de  sa  l'emme, 

contee  par  le  troisieme  Visir.  pour  prouver  combien   on  doit 

se  melier  des  femmes. 

11  y  avoit,  du  temps  du  prophete  Aissa  (on  ne  sait  ou) 
un  Tailleur  qui  avoit  epouse  une  tres-jolie  femme,  que  Ton 
nommoit  Gulhendam,  ä  cause  de  la  beaute  de  sa  taille  (car 
Gulhendam  veut  dire  taille  de  rose)1).  Au  milieu  des  traus- | 
ports  de  leur  mutuelle  tendresse,  (car  le  Tailleur  de  son  418 
cöte  etoit  aussi  im  jeune  homme  tres-bien  fait  et  tres  aimable) 
ils  se  promirent  des  preuves  remarquables  de  leur  passion. 
*Mor,  dit  le  Tailleur  ä  sa  femme,  rsi  je  te  perds,  je  passerai 
neuf  jours  ä  pleurer  sur  ton  tombeau.3  —  cAhJ,  repondit  Gul- 
hendam. cce  n'est  rien  que  cela,  en  comparaison  de  ce  que 
je  veux  faire  pour  te  prouver  rann  amitie:  si  tu  meurs  le 
premier,  je  m'enterrerai  tonte  vive  avec  toi.J  Le  Tailleur  la 
crut,  et  l'embrassa  tendremeut.  Cependant,  im  an  apres,  la 
jeune  femme  ayant,   par  malheur.  avale  un  os  de  mouton,  il 


•die  Frau  will  Hungers  sterben.  Es  ist  nicht  gesagt,  dass  die  Frau  an 
einem  verschluckten  Knochen  erstickt,  sondern  es  heisst  nur:  'Par  la 
toute-puissance  de  Dieu,  la  femme  mourut  la  premiere.3  Der  Prophet 
Aissa  berührt  das  Grab  nicht  mit  der  'petite  baguette',  sondern  betet 
bloss  und  erweckt  dadurch  allein  die  Tote.  Nicht  der  Königssohn  selbst, 
-nndern  nur  seine  Begleiter  sprechen  mit  Gulhendam  auf  dem  Friedhof, 
und  einer  der  Begleiter  giebt  ihr  sein  Gewand.  Schon  nach  drei  Tagen 
erfährt  der  Schneider,  dass  seine  Frau  im  Serail  ist.  Gulhendam  wird 
zuletzt  an  Stelle  ihres  Mannes  gehängt. 

*)  Wieland  hat  diesen  Namen  wahrscheinlich  des  Wohlklangs 
wegen  in  Gulpenbeh  geändert.  'Gulpenheh'  schreibt  Wieland  übri- 
gens erst  |  in  der  Gesamtausgabe,  im  Teutschen  Merkur  'Gulpenhee', 
in  den  Auserlesenen  Gedichten  'Gulpenhe'.  [K.  0.  Mayer,  Yjschr.  f. 
Littgeseh.  5,  392  verweist  auf  die 'Histoire  d'Outzim  Ochantey'  in  Gueu- 
lettes  1001  quart  d'heure  (Gab.  des  fees  21,  219),  wo  der  Name 
Gulpenhe  als  cfleur  de  pecher"  erklärt  wird.) 

Köh  1er.  Kl.  Schriften.  III.  7 


1  IS  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

1  n i  resta  dans  le  gosier  sans  qu'on  put  Ten  tirer;  de  sorte 
quelle  tut  etranglee  et  mourut  ainsi  avant  son  mari  et  au 
graud  desespoir  de  ce  tendre  epoux.  II  lui  fit  faire  des  ob- 
seques  aussi  magnifiques  que  sou  etat  le  lui  permettoit;  et 
quaud  eile  tut  dans  le  torabeau,  il  se  placa  ä  ses  pieds, 
pleurant  et  gemissant  .saus  cesse,  et  comptaut  rester  ueuf 
jours,  au  moins,  dans  cet  etat  douloureux.  Des  le  soir 
meine,  le  Prophete  A'issa  passa  par  le  cirnetiere  oü  cette 
femme  etoit  enterree;  voyant  le  mari  pleurant,  il  lui  demanda 
quel  etoit  le  sujet  de  son  affliction.  'HelasP  lui  repondit 
le  Tailleur,  'j'ai  perdu  une  femme  charmante,  et  dont  j'etois. 
adore:  aujourd'hui  meine  on  l'a  mise  dans  ce  tombeau'. 
—  Tuisque  tu  la  regrettes  tant3,  dit  le  Prophete,  'je  vais  de- 
mander  a  Dieu  qu'il  te  la  rende.J  En  meme  temps  il  se  mit 
en  prieres ;  puis  il  frappa  le  trombeau  d'une  petite  baguette 
qu'il  tenoit  ä  la  maiu.  Le  sepulcre  s'ouvrit,  et  Gulhendam 
en  sortit.  Son  epoux,  enchante  de  la  revoir,  l'embrassa  mille 
fois,  mais  comme  eile  n'etoit  enveloppee  que  d'un  linceul  extre- 
mement  court,  et  par  consequent  presque  nue:  'Angle  de  mon 
foye,  lumiere  des  mes  yeux,  matiere  de  ma  vieJ  (expressions 
teudres  Turques,  traduites  litteralement)  cque  de  graces  n'avons- 
nous  pas  ä  rendre  ä  Dieu,  et  ä  son  Prophete!  'dit  le  Tail- 
leur; 'mais  je  ue  peux  te  tirer  d'ici,  et  te  faire  traverser  la 
ville,  pour  te  ramener  dans  ma  maison,  dans  l'etat  oü  te 
voilä.  Attends-moi  pendant  quelques  momens  cachee  cler- 
419  riere  ces  |  pierres;  je  revieudrai  bientot  avec  im  calecon,  im 
caffetan  et  im  voile,  et  nous  retournerons  gaiemeut  dans 
notre  maison,  louant  Dieu  qui  a  sans  doute  voulu  nous  re- 
compenser  de  notre  extreme  fideliteV 

En  disant  cela  le  Tailleur  partit.  Un  moment  apres,  le 
fils  du  Roi  passa  par  le  cirnetiere,  revenant  dans  la  ville 
assez  tard,  parce  qu'il  avoit  soupe  ä  la  campagne:  Comme 
il  etoit  precede  de  quelques  flambeaux,  ses  gens  apercurent, 
ä  leur  lueur,  une  femme  presque  nue,  et  la  trouverent  belle, 
comme  eile  l'etoit  effectivement.  11s  en  avertirent  aussitut 
le  Prince,  qui  s'en  approcha;  et  la  trouvant  reellement  digne 
de  ses  attentions:  'Belle  personne',  lui  dit-il,  'par  quel  hasard 


15.  Die  Quelle  von  Wielands   Sann  und  Gulpenheh.  99 

vous  trouvez-vous  dans  ce  lieu,  ä  cette  heure  et  dans  eet 
etat?'  'SeigneurJ,  lui  repondit  la  femme  du  Tailleur  eu 
rougissant  extremement,  'je  ue  peux  vous  repondre  dans 
l'etat  ou  je  suis/  Aussitöt  le  Prinee  se  depouillant  de  son 
propre  eaffetan,  Pen  revetit;  et  continuant  ses  questions,  lui 
demanda  si  eile  etoit  mariee.  'Si  vous  etes  libreJ,  lui  dit-il, 
'venez  dans  raon  serail;  vous  eu  ferez  l'ornement,  et  vous  y 
guüterez  toutes  sortes  de  delices'1).  La  belle,  qui  reconnut 
bieu  le  lils  du  Koi  ä  sa  magnificence,  fut  seduite  par  l'espe- 
rance  d'habiter  im  serail  delicieux,  au  lieu  de  la  petite  maison 
oü  eile  vivoit  avec  son  mari.  'Seigneur/  repondit-elle  au 
Prinee,  'je  n'ai  aucim  engagemeut,  je  m'estimerai  heureuse 
d'etre  la  plus  cherie  de  vos  esclaves.3  Le  |  fils  du  Sultan,  420 
satisfait  de  cette  reponse,  la  conduisit  dans  son  serail. 

Le  pauvre  Tailleur  revint  peu-apres.  apportant  tout  ce 
qui  etoit  necessaire  pour  1'liabillement  de  sa  fernme :  il  ne  la 
trouva  plus.  11  se  douta  bien  qu'on  la  lui  avoit  enlevee; 
mais  il  n'eut  garde  de  soupconuer  qu'elle  y  eüt  consenti. 
'Helas!'  disoit-il,  cma  malheureuse  epouse  est  actuellement 
dans  une  furieuse  afflietion;  eile  qui  vouloit  s'enterrer  toute 
vive  avec  moi,  s'arrache  surement  les  cheveux,  puisqu'elle  est 
separee  de  moi;  peut-etre  meine  s'est-elle  perce  le  sein."  Gul- 
hendam.  au  contraire,  se  divertissoit  tres-bien  dans  le  serail 
du  Prinee.  Son  mari  cherchant  partout  dans  la  ville  et  dans 
les  environs,  s'informant.  s'inquietant,  ne  put  savoir  aisement 
ce  qu'  eile  etoit  deveuue.    Ce  ne  fut  qu'au  bout  de  quelques 


!)    Die    entsprechenden  Verse    bei  Wieland    lauten    im  Teutschen 
Merkur  und  in   den  Auserlesenen  Gedichten: 

.  .  .  Denn,  falls  ihr  ledig  seyd, 
So  kommt,   und  geht  als  wie  die  Morgensonne 
In  meinem  Harem  auf!    .Macht  eines  Prinzen  Wonne, 
Und  Freuden  ohne  Maas  erwarten  euch 
In  euerm  neuen  Reich  ! 
In  den  Sämtlichen  Werken : 

.  .  .  Denn;  falls  du  ledig  bist, 
So  komm  und  geh  wie  eine  Morgensonne 
In  meinem  Harem  auf!  Mach  eines  Prinzen   Wonne, 
Der  ohne  dich  nicht  mehr  zu  leben  fähig  ist  '. 


100  Zur  neueren  Litterarurgeschichre. 

mois  qu'  un  des  esclaves  du  Princes  lui  ayant  dit  que  la  favo- 
rite  de  son  Maitre  avoit  ete  trouvee  dans  un  cimetiere,  il  com- 
menca  ä  soupconner  la  verite:  et  ayant  fait  quelques  autres 
Information s,  il  ue  put  plus  douter  de  1a  verite  de  ses  eon- 
jectures.  Aussitot  il  court  au  palais,  s'adresse  aux  Visirs, 
au  Sultan,  au  Prince  meine,  et  demande  avec  instance  qu'on 
lui  rende  sa  fenirae.  Le  Prince,  aussi  equitable  que  volup- 
tueux,  convient  qu'il  a  trouve  une  fem  nie  dans  un  cimetiere. 
mais  ajoute  qu'elle  lui  a  declare  qu'elle  etoit  libre.  cC'est 
la  mienneJ,  dit  le  mari;  'peut-etre  dans  ce  moment  avoit-elle 
l'esprit  trouble:  mais  je  sais  bien  sür  que  des  qu'elle  ine 
verra,  eile  volera  dans  mes  bras.1  On  consentit  ä  l'entrevue. 
Gulhendam  fut  d'abord  un  peu  troublee  de  l'arrivee  de  son 
mari.  Cependant  s'etant  remise  et  l'envisageant  avec  une 
effronterie  qui  repondoit  ä  sa  conduite  quand  on  lui  demanda 
si  eile  connoissoit  cet  homme:  cOui,  je  le  connois",  repondit- 
elle  ;  Vest  un  voleur  qui,  m'ayant  rencontree  dans  la  nie. 
m'a  pris  tont  ce  que  j'avois,  m'a  conduite  dans  un  cimetiere, 
ou  il  m'a  laissee  tonte  nue.3  Une  accusation  aussi  grave 
paroissant  vraisemblable,  on  fit  aussitot  enlever  le  malheureux 
Tailleur,  on  le  fit  juger  par  le  Cadi :  et  sur  le  temoignage 
de  Gulhendam,  il  fut  condamne  a  etre  pendu.  11  touchoit  au 
421  moment  de  l'execution,  et  son  indigne  femme  |  en  triomphoit 
dans  le  serail  du  Prince,  lorsque  tout-a  coup  le  Prophete 
Aissa  parut  sur  la  place  publique.  La  presence  en  imposa 
aux  executeurs,  et  leur  fit  suspendre  leurs  fonctions.  Le  Pro- 
pliete  harangua  hautement,  et  rendit  un  compte  fidele  de 
l'aventure  du  Tailleur  et  de  sa  femme.  On  reconnut  l'inno- 
cence  du  premier,  et  il  fut  ramene,  accompagne  dune  foule 
de  peuple,  au  Sultan  qui  le  congratula  et  le  combla  d'hon- 
neurs  et  de  biens.  Pendant  ce  temps,  la  malheureuse  Gul- 
hendam mourut,  et  fut  reportee  dans  le  tombeau  dont  Aissa 
l'avoit  tiree:  et  son  mari  ne  fut  plus  assez  bon  pour  la 
pleurer. 


lt',.  Zu  Wielanda  Clelia  und  Sinibald.  101 

16.  Zu  Wielands  Clelia  und  Sinibald. 

(Archiv  für  Literaturgeschichte  5,  78—83.     1876.) 

I. 

Aus  K.  A.  Böttigers  handschriftlichem  Nachlass  (Littera- 
rische Zustände  und  Zeitgenossen  1.  182)  wissen  wir,  dass 
Wieland  am  28.  Februar  1796  zu  Böttiger  sagte: 

'Ich  habe  nie  etwas  gedichtet,  wozu  ich  nicht  den  Stoff 
ausser  mir,  in  irgend  einem  alten  Romane,  Legende  oder  Fabliau 
gefunden  hätte.  So  half  mir  ein  ganz  unbekannter  Romancier 
Caveccio,  aus  dem  l(i.  Jahrhundert,  dessen  tolles  Geschwätz 
in  den  .Melanges  tires  dune  grande  bibliotheque4  steht,  auf  die 
erste  Idee  von  Clelia  und  Sinibald1),  meinem  Lieblingsstücke 
unter  den  kleinern.5 

Einen  Romandichter  Caveccio  sucht  man  in  den  fMe-  |  langes'    79 
etc.  vergeblich.     Böttiger  muss  falsch  gehört  oder  be[richtet] 
haben,  oder  der  Name  ist  verdruckt2).    Den  richtigen  Namen 
giebt  uns   aber  das  Gedicht  von  Clelia   und    Sinibald  selbst, 
wo  in  der  Einleitung  V.  11—24  also  lauten: 


1)  Diese  Dichtung  kam  zuerst  u.  d.  T.  'Clelia  und  Sinibald.  Eine 
Legende  aus  dem  zwölften  Jahrhundert'  nach  und  nach  —  in  acht 
Teilen  —  im  Teutschen  Merkur  von  1783  (Jänner,  Februar,  May, 
November.  December)  und  17*4  (Jänner,  April,  May)  heraus.  Nach 
Beendigung  der  Veröffentlichung  im  Merkur  erschien  alsbald  eine  un- 
veränderte Einzelausgabe  (Weimar  1784.  In  Kommission  in  der  Hoff- 
mannischen Buchhandlung).  Dann  brachte  der  7.  Band  der  'Auserlesenen 
Gedichte'  Wielands  (Leipzig,  bey  Weidmanns  Erben  und  Reich,  1787) 
eine  verbesserte  Ausgabe,  in  welcher  das  Gedicht  'Clelia  und  Sinibald, 
oder  die  Bevölkerung  von  Lampeduse.  Eiue  Legende'  betitelt  und  in 
neun  Bücher  eingeteilt  ist.  Endlich  erschien  es  in  wiederum  verbesserter 
Gestalt  im  21.  Bande  der  cSämmtlichen  Werke'  Wielands  (Leipzig, 
bey  G.  J.  Göschen  1796).  In  dieser  letzten  Ausgabe  ist  es  in  eine  Ein- 
leitung und  zehn  Bücher  geteilt  und  hat  folgenden  Titel:  'Clelia  und 
Sinibald,  oder  die  Bevölkerung  von  Lampeduse.  Ein  Gedicht  in  zehn 
Büchern.      1783'. 

2)  Die  Originalniederschrift  von  Böttigers  Hand  im  Besitz  der 
Dresdener  Bibliothek  bietet  Caveccio  wie  der  Druck  (F.  Schnorr  von 
Carolsfeld). 


102  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Hier  ist  demnach   von  Feen  und   von  Zwersren, 

Von   Lilienstab  und   Born   und   Becher  ke'ine   Spur; 

Den  Orthodoxen  der  Natur 

Zu  grossem  Trost!     Doch  können  wir  nicht  bergen, 

Dass  zweimal  wenigstens  (wie  wohl  im   Traume   nur, 

Und  ohne  selbst  personlich  auf  die  Bühne 

Hervorzugehn)  die  heilige  Kathrine 

Mit  ihrem  Schwert,  und  einem  Kranz   von   Myrt' 

Und  Rose1)  um  die  Stirn,  sich  sehen  lassen  wird. 

In  einem  Traum  (der,  wie  ihr  wisst,  im  Magen 

Erzeugt  wird)  liisst  sich   das  noch  allenfalls  ertragen'-): 

Das  Faktum  übrigens  weicht  keinem  im  Homer, 

Und  Caviceo,  (im  Vertrau'n  zu  sagen) 

Wenn  ihr  ihn  kennet,  leistet  die  Gewähr3). 

Caviceo  ist  Giacopo  Caviceo  von  Parma  (geb.  1443, 
j  1511),  der  Verfasser  der  zuerst  1508  erschienenen  und  im 
16.  Jahrhundert  mehrmals  gedruckten,  auch  in  das  Französische 
und  Spanische  übersetzten  Romans  'II  PeregrinoH).  Von  diesem 
Roman  brachte  der  10.  Band  der  'Melanges  tires  d'une  grande 
bibliotheque3  (Paris  1780)  S.  278 —391  einen  von  'Monsieur 
M.  C.  D.  G.5  verfassten  sogen.  cExtraitJ  u.  d.  T.  cLes  Amours 
<le  Peregrin  et  de  Genievre0,  und  diesen  Extrait  also  hat 
Wieland   nach    seiner   oben   mitgeteilten   Äusserung   gekannt. 

Er  hat  aber  nur  den  Anfang  und  ausserdem  einen 
verhältnismässig  kleinen  Teil  der  langen  Liebesgeschichte 
benutzt.  Der  junge  Peregrin  (so  beginnt  die  Geschichte),  der 
bis  dahin  der  Liebe  getrotzt  hatte,  sieht  am  ersten  Mai  in 
einer  Kirche  zu  Ferrara  Genievren  und  wird  sofort  von  heftiger 
Liebe  ergriffen.  Ahnlich  ist  der  Anfang  von  Wielands  Dichtung: 
so  Sinibald,  der  bis  dahin  'nichts  Schoners  als  sich  selbst 
•gefunden',  und  Rosine  sehen  sich  am  Sankt  Katharinens-Tage 
in  einer  Kirche  zu  Palermo  uud  verlieben  sich  sofort  ineinander, 
während  zu  derselben  Zeit  und  in  derselben  Kirche  Clelia 
sich  in  Guido,  der  sie  jedoch  nicht  sieht,  verliebt.  —  l  in 
heimlich   zu   Genievren,    die  er    schon    mehrmals    gesprochen 


')   rosen  (T.  Merkur). 

*)  lässt  sich  das  zur  noth  noch  wohl  ertragen  (Merkur). 

3)  und  Caviceo  legtet  die  gewähr  (Merkur.    Auserlesene  Gedichte). 

*)  Mir    liegt   eine    zu  Venedig  1547  gedruckte  Ausgabe  in  8  °  vor. 


16.  Zu  Wielands  Clelia  und  Sinibald.  103 

hat.  zu  gelangen,  verfertigt  sieh  Peregrin  eine  kolossale 
Figur  der  heiligen  Katharme  aus  Pappe,  in  deren  Inneres  er 
sich  bergen  kann.  Alle  Welt  wünscht  das  Kunstwerk  zu 
sehen,  und  da  auch  Genievres  Mutter  zu  den  Neugierigen 
gehört  und  es  einen  Tag  laug  bei  sich  zu  habeu  wünscht, 
um  es  mit  Müsse  bewundern  zu  können1),  so  wird  es  eines 
Tags  —  mit  Peregrin  darin  —  in  ihr  Haus  geschafft.  Kaum 
ist  es  aber  angelangt,  als  ein  plötzlicher  Todesfall  in  der 
Familie  eintritt  und  Ursache  wird,  dass  man  es  bald  wieder 
furtschafft,  ohne  dass  Peregrin  mit  der  Geliebten  hat  zusammen- 
kommen können.  Einige  Zeit  darauf  erscheint  die  heilige 
Katharine  Genievren  in  zwei  Nächten  im  Traum,  zeigt  sich 
durch  Peregrins  Benehmen  auf  das  äusserste  beleidigt,  droht 
ihren  ganzen  Zorn  au  Genievren  auszulassen  und  erklärt 
endlich,  dass  sie  nur  dann  versöhnt  sein  werde,  wenn  Peregrin 
sich  auf  den  Berg  Sinai  begebe  und  dort  in  ihrer  Kapelle 
neun  Tage  lang  zu  ihr  bete.  Genie  vre  sagt  dies  ihrem 
Geliebten,  der  ihr  vorher  geschworen,  alles  zu  thun.  was  sie 
verlange,  und  Peregrin  erfüllt  das  Gebot  der  Heiligen.  Nach- 
dem er  auf  der  Rückreise  vom  Sinai  eine  Zeitlang  in 
Sklaverei  geraten,  langt  er  endlich  glücklich  wieder  in  Ferrara 
an.  worauf  die  Liebesgeschichte  ihren  weiteren,  noch  sehr 
langen  Verlauf  nimmt,  der  uns  hier  nichts  angeht, 

In  Wielands  Dichtung  lässt  Sinibald  von  Meister  Ralf 
eine  Figur  der  heiligen  Katharine  verfertigen.  Ganz  Palermo 
spricht  davon,  und  Meister  Ralf  ist  erbötig,  das  Bild  dem 
Adel  in  der  Stadt  ins  Haus  zu  schicken.  Rosine,  als  Ver- 
ehrerin der  Heiligen,  macht  gern  von  |  diesem  Anerbieten  81 
Gebrauch,  und  das  Bild  mit  Sinibald  darin  wird  in  ihre 
Wohnung  gebracht  und  in  ihrem  Schlafzimmer  aufgestellt, 
um  am  nächsten  Morgen  wieder  abgeholt  zu  werden.  Als 
sie  nun  sich  anschickt  zu  Bett  zu  gehen,  verlässt  Sinibald  sein 


x)  Im  italienischen  Original  ist  Genievres  Mutter  gerade  etwas 
krank  (alquanto  amalata)  und  wünscht  das  fromme  Bild  (la  devota 
representatione)  zu  sehen,  weil  sie  glaubt,  dadurch  geheilt  zu  werden 
<esi>timando  puoter  alla  contraria  innrmita  per  intercessione  della 
Yergine  soccorrere). 


104  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Versteck,  und  die  von  ihm  ersehnte  Zusammenkunft  findet  statt. 
Von  der  Aufregung  und  dem  Wachen  ermüdet,  verlangt  Rosine 
endlich  Ruhe.  Sinibald  muss  auf  einem  Sofa  Platz  nehmen, 
Rosine  aber  legt  sich  in  ihr  Bett.  Während  sie  nun  schläft, 
erscheint  ihr  die  Heilige  im  Traum  und  verlangt1),  dass  Sinibald 
für  seinen  Frevel  in  ihrer  Kapelle  auf  dem  Sankt-Katharinen- 
berge2)  neun  Tage  Busse  tliue.  Rosine  teilt  dies  Sinibalden 
erst  mit,  nachdem  er  ihr  zugeschworen,  der  von  der  Heiligen 
82  verlangten  Busse  sich  zu  unterziehen,  und  so  reist  |  er  denn 
nach  dem  Katharinenberg.  Erinnern  wir  noch  daran,  dass- 
Sinibald  auf  der  Rückreise  auch  wie  Peregrin  in  Sklaverei 
gerät,  so  halten  wir  alles  erwähnt,  was  in  Wielands  Dichtung 
mit   der  Geschichte  Peregrins   und    Genievres   übereinstimmt. 


')  In  den  oben  citierten  Worten  der  Einleitung  sagt  Wieland,  die 
Heilige  werde  zweimal  im  Traume  sich  sehen  lassen:  sie  erscheint  aber 
nur  einmal.  Wieland  hat  wahrscheinlich  die  Einleitung  lange  vorher 
geschrieben,  ehe  das  Gedicht  vollendet  war;  im  Druck  wenigstens  erschien 
der  Anfang  des  Gedichts ,  wie  oben  bemerkt,  im  Januarheft  des  Teutschen 
Merkurs  von  1783,  während  der  Teil,  der  die  Erzählung  von  der  Er- 
scheinung der  Heiligen  enthält,  gerade  ein  Jahr  später  im  Januarheft 
von  1784  folgte.  Und  so  wird  er,  als  er  die  Einleitung  schrieb,  aller- 
dings beabsichtigt  haben,  die  Heilige  zweimal  erscheinen  zu  lassen,  wie- 
dies  in  seiner  französischen  Quelle  (S.  337  und  339)  der  Fall  ist,  die 
hier  übrigens,  wie  öfters,  vom  italienischen  Original  abweicht,  wo 
S.  Catharina  auch  nur  einmal  erscheint.  Es  bleibt  nur  merkwürdig,, 
dass  Wieland  bei  den  beiden  späteren  Revisionen  der  Dichtung  den 
Widerspruch  übersah.  —  Minder  auffallend  und  ebenso  zu  erklären 
ist  ein  zweiter  Widerspruch  in  den  citierten  Worten  der  Einleitung,, 
nämlich  der,  dass  die  Heilige  'mit  einem  Kranz  von  Myrt'  und  Kose 
um  die  Stirn'  erscheinen  soll,  während  es  dann  in  der  Erzählung  sell>>r 
(Buch  7,  V.  133)  von  ihr  heisst: 

Um  ihre  Stirn  ein  Kreis  von  Strahlen, 

Ein  Krönchen  auf  dem  Haupt. 
-)  Mit  Recht  nennt  Wieland  diesen  Berg;  denn  auf  ihm,  nicht 
auf  dem  eigentlichen  Sinai,  liegt  die  Katharinenkapelle.  —  Für  die  Be- 
schreibung des  Katharinenberges  (B.  7,  197  f.  und  8,  120  f.)  muss  sich 
Wieland  in  Reisebeschreibungen  besonders  unterrichtet  haben.  Wegen 
der  B.  7,  220  und  B.  8,  123  erwähnten  Rebhuhnsquelle  s'erweise  ich  auf 
Ritters  Erdkunde  14,  551f.  505  und  zu  Vers  228  des  7.  Buches  (ihr 
heiiger  Leib,  dem  Boden  eingedrückt)  und  Vers  127  des  8.  Buches  (Des- 
heiigen  Leibes  Bild,  in  harten  Stein  gedrückt)  ebendahin  S.  ">r>2  und  554. 


16.  Zu  Wielands  Clelia  und  Sinibald.  1(),"> 

II. 

Bei  dieser  Gelegenheit  will  ich  noch  ein  Kuriosum  mit- 
teilen. Unsere  Wielandsche  Dichtung-  sehliesst  bekanntlich  da- 
mit, dass  Sinibald  und  Rosine  und  Guido  und  Clelia  nebst  Frau 
Ciaren  und  Lauretten  auf  das  Felseneiland  Lampedusa 
verschlagen  werden,  daselbst  einen  alten  Eremiten  und  dessen 
Neffen  finden  und  mit  diesen  zusammen  als  vier  glückliche 
Paare  nun  die  'Bevölkerung  von  Lampeduse"  bilden. 

Diese  Erfindung  Wielands,  jedoch  entstellt  wiedergegeben, 
erscheint   in   zwei   englischen    Werken   als  sicilianische   Sage. 

Captain  W.  H.  Smyth  sagt  in  seinem  'Memoir  descriptive 
of  the  Ressources.  Inhabitants,  and  Hydrography  of  Sicily  and 
its  Islands,  interspersed  with  antiquarian  and  other  notices5 
(London  1824)  S.  285  bei  Besprechung  der  Insel  Lampedusa: 
'A  Sieilian  legend  states.  that  a  vessel  was  wrecked  on  this 
island.  and  that  the  only  survivors  were  two  Palermitan 
ladies.  Rosina  and  Clelia.  They  here  fouud  two  hermits, 
Sinibald  an  Guido,  who,  renouncing  their  ascetic  life,  marriecl 
them:  a  population,  of  course  was  the  consequence.  and 
the  ruins  near  the  Castle  are  adduced  as  vestiges  of  its 
respectability'. 

Joseph  Hunter,  der  in  seinen  'New  Illustration^  of 
the  Life.  Studies  and  Writings  of  Shakespeare  1,  158 
(London  1845)  ausführlich  über  die  Insel  Lampedusa  handelt, 
die  er  mit  Prosperos  Insel  in  Shakespeares  Sturm  identifiziert, 
und  der  S.  159  Smyths  'Memoir  ausdrücklich  unter  seinen 
Quellen  nennt,  sagt  S.  163:  'In  the  Sieilian  legends  there  is 
a  story  which  bears  a  slight  resemblance  to  the  story  of  this 
play  (Shakespeare's  Tempest).  In  early  times  a  vessel  was 
wrecked  ou  Lampedusa.  and  the  only  persons  who  escaped 
were  two  Palermitan  ladies.  Rosina  and  |  Clelia.  They  found  83 
ou  the  island  two  hermits.  Sinibald  and  Guido,  who,  renouncing 
their  ascetic  life,  married  tliemJ. 

Hunter  fügt  zu  diesen,  wie  nwn  sieht,  fast  unverändert 
aus  Smyth  abgeschriebenen  "Worten  noch  eine  Anmerkung 
unter   dem   Text:    'On   this   tradition  is   founded   a   poem    of 


jOf)  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Wielands  'Klelia   and  Sinibald,   oder   die  Bevol-ferung   [sie!] 
von  Lampeduse'. 

Ich  bemerke  noch,  dass  mein  Freund  Giuseppe  Pitre  in 
Palermo,  der  rühmlichst  bekannte  Herausgeber  der  'Biblioteca 
<lelle  tradizioni  popolari  siciliane',  mir  geschrieben  hat,  dass 
eine  derWielandschen  Dichtung  irgendwie  ähnliche  sicilianische 
Sage  über  die  Insel  Lampedusa  nicht  vorhanden  ist. 

Weimar.  Januar  187.">. 


17.   Adams  erster  Schlaf. 

(Vierteljahrsschrift  für  Literaturgeschichte  1.  150  f.     1888.) 

Gar  manche  Leser  dieser  Blätter  werden  sich  des  nach- 
stehenden hübschen  Gedichtes  von  Matthias  Claudius  er- 
innern. 

Aus  dem  Englischen. 
Es  legte  Adam  sich  im  Paradiese  schlafen; 
Da  ward  aus  ihm  das  Weib  geschaffen. 
Du  armer  Vater  Adam,  du! 
Dein  erster  Schlaf  war  deine  letzte  Ruh.  ') 

Ungleich  weniger  bekannt  aber  wird  es  sein,  dass  sich 
auch  unter  den  'galanten  Gedichten5  Johann  von  Bessers 
eins  findet,  dem  derselbe  scherzhafte  Einfall  zu  Grunde  liegt. 
Es  lautet: 

Wider  das  Frauen-Zimmer, 
aus  dem  Frantzüschen. 

Als  GOtt  das  grosse  Werck  der  Schöpffung  zu  beschliessen, 
Den  Adam,  und  in  ihm,  Sein  Ebenbild  gemacht; 
Stund  der  beglückte  Mensch  aus  nichts  hervor  gebracht, 


l)  Asmus  omnia  sua  secum  portans,  oder  Sämmtliche  Werke  des 
Wandsbecker  Bothen,  I.  und  IL  Teil.  Hamburg  1875,  S.  109.  —  Zuerst 
ist  das  Gedicht  nach  0.  Chr.  Redlich,  Die  poetischen  Beiträge  zum 
Wandsbecker  Bothen,  Hamburg  1871,  S.  19  —  erschienen  im  Wandsbecker 
Bothen  1771  nr.  158  cMittewochs,  den  2.  October',  mit  der  Überschrift 
'Aus  dem  englischen.' 


18.   Herder,  'Die  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedensstifter'.      107 

Und  sali   die  gantze  Welt,  als  Herr,  zu  seinen  Füssen. 
Was  Erd  und  Paradiess,  was  Thier  und   Vogel  hiessen, 

War  alles  insgesamt  auf  seine  Kuh  bedacht; 

Er  lebt1  auch  höchstvergnügt.     Allein  o  kurtze  Pracht! 
Sein  Glücke  war  zu  gross  es  lange  zu  gemessen : 

Di  Meinung,  wie  man  sprach,  er  wäre  gantz  allein: 

Gab  man  ihm  eine  Frau.     Kont  auch  was  ärgers  seyn  ! 
Der  Arme  lag  und  schlief,  und  konte  sich   nicht  wehren; 

Man  schuf,  aus  ihm  ein  Weib,  das  brachte  man  ihm  zu: 
Er  nahms;  doch  leider  nur,  sich  ewig  zu  beschweren! 

Sein  allererster  Schlaf,  war  seine  letzte  Ruh.  ')   ] 

Du  in  die  Richtigkeit  der  Angaben  der  beiden  Dichter  151 
'Aus  dem  Englischen'  und  'Aus  dem  Frantzöschen'  wohl  kaum 
ein  Zweifel  zu  setzen  ist,  so  geschieht  die  Mitteilung  beider 
Gedichte,  von  denen  ich  nicht  weiss,  ob  sie  schon  früher 
einmal  irgendwo  zusammengestellt  worden  sind,  hier  in  der 
Hoffnung,  dass  vielleicht  Leser  derselben  die  Originale  nach- 
weisen können. 

Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  wird  von  den  beiden  nach- 
zuweisenden Gedichten  das  französische  das  ältere  und  auch 
für  das  englische  das  Original  sein. 


18.  Herders  Legenden  Die  ewge  Weisheit'  und 
Der  Friedensstifter'  und  ihre  Quellen. 

■(Berichte  der  k.  sächsischen  Gesellschaft  der  Wissenschaften   zu  Leipzig 

18S7,   105  -124.) 

Weder  Heinrich  Düntzer,  noch  Carl  Redlich,  noch  Hans 
Lambel  haben  in  ihren  Ausgaben  der  'Legenden'  Herders  die 
Quelle  der  schönen  Legende  'Die  ewge  Weisheit'  nachzu- 
weisen vermocht.     Merkwürdig,  dass  keiner  der  drei  Heraus- 


')  Des  Herrn  von  B.  Schrifften,  Beydes  in  gebundener  und  un- 
gebundener Rede.  Leipzig  1711,  S.  455.  Andere  Aufl.  Leipzig  1720, 
S.  434  f.  -  Die  auf  das  Gedicht  noch  folgende  'Antwort  eines  Teutschen, 
in   Form  einer  Retorsion'  geht  uns  hier  nichts  an,   und  ich  lasse  sie  da- 


her weg. 


]  ( is  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

geber  durch  den  Titel  der  Legende  und  durch  den  Namen 
ihres  Helden  'Amandus3  an  den  berühmten  Mystiker  Heinrieh 
Suso  (»der  Sense,  genannt  Amandus,  den  Verfasser  des  Büch- 
leins von  der  ewigen  Weisheit,  erinnert  worden  und  so  darauf 
gekommen  ist,  in  Snsos  Leben  die  Quelle  der  Legende  zu 
suchen. 

Bekanntlich  ist  Snsos  Leben  von  seiner  geistlichen  Tochter, 
der  Dominikanerin  Elsbeth  Stagel  (Stagiin,  Stäglin),  nach 
seinen  eigenen  Mitteilungen  beschrieben  und  dann  von  ihm 
selbst  durchgesehen  und  vervollständigt  worden. 

Man  braucht  nur  flüchtig  irgend  eine  Ausgabe  oder  einen 
Auszug  dieser  Lebensbeschreibung  zu  vergleichen,  und  man 
wird  bald  finden,  dass  Herders  Legende  dem  Leben  Susos 
nachgedichtet  ist. 

Es  ist  deshalb  sehr  wahrscheinlich,  dass  das  Abhängig- 
keitsverhältnis der  Legende  Herders  von  Susos  Leben  manchen 
Gelehrten  und  Litteraturfreuuden  längst  bekannt  ist  oder  ge- 
wesen ist.  ich  kann  jedoch  zur  Zeit  nur  zwei  Belege  für 
solches  Bekanntsein  beibringen.  Am  Schluss  von  Melchior 
Diepenbrocks  Vorbericht  zu  seiner  Erneuerung  von  'Heinrich 
Susos,  geuannt  Amandus,  Leben  und  Schriften"  (zuerst  Regens- 
burg 1829  erschienen)  ist  Herders  Legende  abgedruckt,  und 
106  folgende  |  Worte  sind  vorausgeschickt:  'Folgendes  sinnige  Ge- 
dicht auf  Suso,  von  einem  unserer  ersten  Dichter,  möge  hier 
noch  eine  Stelle  finden."  Und  Ferdinand  Vetter  teilt  in  seinem 
Vortrag  'Ein  Mystikerpaar  des  vierzehnten  Jahrhunderts. 
Schwester  Elsbeth  Stagel  in  Töss  und  Vater  Amandus  (Suso) 
in  Konstanz'  (Basel  1882),  S.  30,  eine  längere  Stelle  aus 
Herders  Legende  mit  und  bemerkt  dazu,  so  habe  'Herder, 
geschickt  in  jeder  Hülle  die  Goldkörner  wahrer  Poesie  zu 
erkennen,  in  einer  seiner  schönsten  Legenden,  zum  Teil  mit 
den  Worten  unserer  [d.  i.  der  Susoschen]  Lebensbeschreibung" 
die  dem  Suso  gewordene  Erscheinung  der  ewigen  Weisheit 
geschildert. 

Woher  aber,  so  fragte  ich  mich,  als  ich  vor  einiger  Zeit 
das  Verhältnis  unserer  Legende  zu  Susos  Lebensbeschreibung 
näher  ins  Auge  fasste,  woher  und  in  welcher  Gestalt  kannte 


18.    Herder,  'Die  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedensstifter'.       109 

Herder  Susos  Leben?  Weder  die  beiden  seltenen  alten  Augs- 
burger Ausgaben  von  Snsos  Leben  und  Schriften  (14:82  und 
151 2).  noch  des  Surius  lateinische  Übersetzung,  noch  Über- 
setzungen in  andere  Sprachen  scheinen  ihm  zu  Gebote  ge- 
standen zu  haben,  denn  weder  er  selbst  —  nach  dem  Auk- 
tionskatalog seiner  hinterlassenen  Bibliothek  1-)  zu  urteilen  - 
besass  sie,  noch  fand  er  sie  auf  der  Fürstlichen  Bibliothek 
iu  Weimar  vor.  Ich  glaubte  also  nach  einem  ausführlichen 
Auszug  oder  einer  Bearbeitung  von  Susos  Leben  suchen  zu 
müssen,  die  Herder  benutzt  haben  kounte.  Diepenbrocks 
Vorbericht  S.  XII  und  XXI  brachte  mich  bald  auf  die  richtige 
Spur,  indem  ich  durch  ihn  hingewiesen  wurde  auf  des  Kar- 
thäusers  Heinrich  Murer  cHelvetia  Sancta,  seu  Paradisus 
sanctorum  Helvetiaj  florum;  D.  i.  Ein  Heyliger  lustiger 
Blumen-Garten  vnnd  Paradeisz  der  Heyligen\  Lucern  1648. 
In  diesem  Buche,  welches  Herder  dem  eben  erwähnten  107 
Auktionskatalog  nach  nicht  selbst  besessen  hat,  welches  ihm 
aber  aus  der  weimarischen  Bibliothek  zugänglich  war,  handeln 
S.  315 — 46  cVon  dem  Leben,  Wandel  und  Sterben  des  Gott- 
seligen und  hocherleuchten  Vaters  Amandi,  sonsteu  Henrici 
Susonis,  Prediger  Ordens',  und  hierin  haben  wir,  wie  die 
zahlreichen  wörtlichen  und  fast  wörtlichen  Übereinstimmungen 
und  Anklänge  zweifellos  ergeben,  die  unmittelbare  Quelle 
von  Herders  'Ewger  Weisheit'. 

Mein  Suchen  in  der  Helvetia  Sancta  ist  aber  noch  durch 
einen    zweiten    Quellenfund    zu    Herders    Legenden    belohnt 


*)  Bibliotheea  Herderiana.  Yimariae  1SU-4.  8°.  In  dem  der  weimari- 
schen Bibliothek  gehörigen  Exemplar  dieses  Kataloges  sind  die  Preise, 
wofür  die  einzelnen  Bücher  verkauft  worden  sind,  handschriftlich  ein- 
getragen, und  von  Vulpius'  Hand  findet  sich  auf  der  inneren  Seite  des 
vorderen  Einbanddeckels  folgende  interessante  Notiz: 

'Die  Preisse,  für  welche  die  Bücher  dieser  Bibliothek  weggegangen 
sind,  dürften  schwerlich  bei  einer  Bücher-Auktion  wieder  vorkommen; 
und  desshalb  ist  sie  merkwürdig.  Die  grössten  Conimissionen,  ohne 
Preisskenntnisse,  waren  von  der  neuen  Universität  Dorpat  da,  die  für 
800  Till.  Bücher  erhielt,  welche  aber  nie  dahin  gekommen,  sondern  mit 
dem  Lübecker  Schiffe  verunglückt  und  mit  Mann  und  Maus  untergegangen 
sind.     Xotirt  d.  21.  Febr.  1SÜG.  Ys.' 


HO  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

worden:  die  in  der  Helvetia  Sancta  S.  387 — 404  enthaltene 
Lebensbeschreibung  des  Bruders  Clans  ('Von  dem  wunderbar- 
liehen  Leben,  Beruf  und  Gottseligen  Sterben  Nicolai  von  Flüe, 
Einsidlers  und  Landmanns  zu  Underwalden.  den  man  in  das 
geinein  nennt  Bruder  Claus")  ist  die  Quelle  der  Legende 
'Der  Friedensstifter'. 

Letztere  Legende  folgt  in  den  'Zerstreuten  Blättern",  in 
deren  sechster  Sammlung  bekanntlich  die  meisten  Herderschen 
Legenden  zuerst  erschienen  sind,  unmittelbar  auf  die  Legende 
'Die  ewge  Weisheit',  höchst  wahrscheinlich,  weil  Herder  die 
beiden  demselben  Werke  entnommenen  Lebenden  auch  nach- 
einander  bearbeitet  haben  wird. 

Damit  nun  die  Leser  gleich  selbst  bequem  sehen,  was 
Herder  aus  seinen  Quellen  benutzt  und  wie  er  es  benutzt 
hat,  lasse  ich  die  beiden  Legenden  in  einzelne  Abschnitte 
geteilt  und  hinter  jedem  Abschnitte  die  benutzten  Stellen  der 
Helvetia  Sancta  folgen. 

I.  Die  ewge  Weisheit. 

Von  allem  Schönen  wählt'  Amandus  sich 
Das  Schönste  nur;  und  also  kam  er  bald 
Vom  Tand'  hinweg  zur  frohen  Einsamkeit. 
Dann  sprach  er  oft,  wenn  er  vom  Weltgeräusch 
5    Zurückkam  in  sich  selbst:  co  hättest  du 
Nicht  Dies  und  Das  gesehen  uud  gehört. 
So  wäre  jetzt  dein  Herz  nicht  so  betrübt." 

Vgl.  Helv.  Sancta  316,  7— 11.  *) 

Wann  er  zu  seinen  Mitbrüdern  käme  sich  zu  belustigen,  müsste  er 
vil  hören  und  sehen  von  seiner  angenommnen  neuen  Weis  zuleben,  dass  | 
108  er  gemeiniglich  mit  betrübtem  und  unruhigem  Herzen  in  seine  Cell 
kehrte,  sprechende  zu  ihm  selber:  Wärestu  nicht  dahin  gangen,  so 
hiittestu  das  nicht  gehört,  noch  das  ander  gesehen,  und  dein  Herz  nicht 
betrübt  gemacht. 


J)  Die  Rechtschreibung  der  Helvetia  Sancta  habe  ich  nicht  durchaus 
beibehalten,  ich  habe  sie  vielmehr  in  vielen  Fällen  geregelt  und  verein- 
facht und  immer  i  und  u  gesetzt,  wo  jene  dafür  j  oder  y  und  v  oder  w 
hat.     Auch  die  Interpunktion  habe  ich  öfters  geändert. 


18.  Herder,  'Die  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedensstifter'.       1 1 1 

Einst  zeigete  sich  ihm,  was  keine  Zung' 
Aussprechen  kann.     'Ist  Das  nicht  Himmelreich 
10    Und  Wonne?  sprach  er.     Alles  Leiden  mag 
Die  Freude  nicht  verdienen.'  — 

Vgl.  H.  8.  316,  14—21. 

Als  nun  der  H.  Aniandus  mit  solchen  innerlichen  Streiten  und  Be- 
trühnussen  heftig  heladen  war,  hegabe  es  sich  zu  einer  Zeit,  dass  er 
an  S.  Agnesen  der  H.  Jungfrauen  und  Martyrin  Tag,  nach  dem  Mittag- 
essen allein  in  dem  Chor  in  den  underen  Stülen  auf  der  rechten  Hand 
voller  Kummer  und  Leiden  stunde,  und  niemands  bei  ihm  wäre,  da 
wurde  sein  Seel  verzucket,  sähe  und  hörte  solche  Sachen,  welche  kein 
Zung  könnte  aussprechen,  also  dass  er  hernach  spräche:  Ist  das  nicht 
das  Himmelreich,  so  weiss  ich  nicht  was  das  Himmelreich  ist,  dann 
alles  Leiden  diser  Welt  mag  dise  Freud  nicht  verdienen.  Dise  Ver- 
zückung wehrete  eine  halbe  oder  ganze  Stund. 


Ihm  erschien 
Die  Schönheit  alles  Schönen,  in  Gestalt 
Der  ew gen  Weisheit.    Wie  der  Morgenstern 


Trat  sie  hervor  und  ward  zur  Morgenröthe, 
15    Zur  Murgensonne.     Die  Unsterblichkeit 

War  ihre  Krön":  ihr  Kleid  die  Anmuth.     Süss 

Und  Huldreich  sprach  ihr  Mund;  und  Sie,  sie  war 

Der  Freuden  Freude,  die  Allgnugsamkeit. 

Sie  schien  ihm  nah  und  fern,  von  allem  Hohen 
20    Das  Höchste,  und  von  allem  Innigen 

Das  Innigste,  der  Schöpfung  Meisterinn, 

Die  sie  in  zarter  Milde  streng  regiert. 

Mit  süssester  Gebehrde  sprach  sie:  'Sohn! 

Gib  mir  dein  Herz.' 

Vgl.  H.  S.  316,  12  v.  u.,  317,  9. 

Er  hatte  von  Jugend  auf  ein  liebreich  Herz.  Die  ewige  Weisheit 
aber  vergleichet  sich  in  der  H.  Schrift  einer  Liebhaberin,  die  sich  schön 
zieret,  schmücket  und  liebreich  redet,  damit  sie  den  Herzen  ihrer  Lieb- 
haber gefallen,  und  die  böse  und  eigensinnige  Liebe  ausreuten  und 
undertrucken  könne.  Sie  zeigt  auch  ander  andern,  wie  unbeständig  die 
unreine  Liebe,  |  und  hingegen  beschreibet  sie,  wie  fest  und  nutzlich  die  109 
Göttliche  und  geistliche  Freundschaft  seie.  Als  nun  der  H.  Aniandus 
dise   und  andere  der  ewigen  Weisheit  Bücher  hörte  lesen,   gedachte  er, 


112  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

wie  er  dise  hohe  Liebhaberin  zu  einer  Gespons  möchte  bekommen,  von 
der  er  so  grosse  "Wunder  hörte  sagen  und  lesen,  weil  doch  sein  junges 
Gemüht  ohn  ein  Bonderbare  Lieb  in  die  Länge  nicht  möchte  verharren. 
Also  geschähe  es  zu  einer  Zeit,  da  er  sich  in  der  Weisheit  Bücher  be- 
lustigte, dass  sie  sich  in  einem  Gesicht  ihm  erzeigte,  sie  schwebete  hoch 
in  einer  Liechten  Wolken,  sie  leuchtete  als  der  Morgenstern  und  scheinete 
;il~  die  aufstehende  Sonn,  ihr  Cron  war  die  Ewigkeit,  ihr  Kleid  die 
Seligkeit,  ihr  Wort  die  Süssigkeit,  ihr  Umbfang  alles  Lustes  Genugsamb- 
keit  und  (Jberfluss,  sie  war  weit  und  nahe,  hoch  und  nider,  sie  war 
gegenwärtig  und  doch  verborgen,  sie  Hesse  mit  ihr  umbgehen  und  lieb- 
kosen, es  möchte  doch  sie  niemand  begreifen,  sie  erhübe  sich  über  das 
höchste  des  Himmels,  und  berührete  die  Tiefe  des  Abgrunds,  sie  er- 
spreitete  sich  von  einem  End  zu  dem  anderen  gewaltiglich,  und  richtet 
aus  alle  Ding  süssiglich.  Sie  erzeigte  sich  als  ein  weise  Meisterin  lieb- 
lich, und  spräche  zu  ihm  miltiglich:  Praebe  fili  cor  tuum  mihi,  gib  mir 
dein  Herz  mein  Kind.  Da  neigete  sich  der  Vatter  Amand  tief  zu  ihren 
Füssen,  und  dankete  der  ewigen  Weisheit  aus  seines  Herzens  Grund, 
damit  name  dise  Erscheinung  ein  End,  und  verliesse  ihne  voller  Trosts. 


f0  drücke  mir  dich  selbst, 
25    Dich  selbst  ins  Herz,  dass  jeder  Busenschlag 
Es  heb'  und  mich  erinnre,  dass  ich  Dich, 
Nur  Dich  in  Allem  seh.' 

Vgl.  H.  S.  317,  Kap.   3,  1-25. 

Eben  zu  disen  Zeiten  war  ein  übermässige  Feursflammen  in  des 
S.  Susonis  Herz  angezündet  worden,  dass  es  in  der  Göttlichen  Liebe 
branne.  Deswegen  als  dises  Feur  auf  ein  Zeit  stark  zugenommen  hätte, 
gienge  er  in  sein  Cell  an  ein  heimbliche  Statt,  käme  in  ein  schöne  Be- 
trachtung, und  sprach  also:  Ach  ewiger  Gott,  könnte  ich  etwas  an- 
mühtiges  gedenken,  dass  ein  ewiges  Zeichen  der  Liebe  wäre  zwischen 
mir  und  dir,  zu  einem  Urkund,  dass  ich  deines  und  du  meines  Herzen 
ewiger  Schatz  und  Liebe  wärest,  dass  kein  Vergessenheit  oder  Mensch 
nicht  vertilgen  möchte.  In  disen  innbrünstigen  Gedanken  entblösste  er 
sein  Herz,  name  einen  Griffel  in  die  Hand,  sähe  sein  Herz  an  und 
spräche:  Allmächtiger  Gott,  verleihe  mir  in  disem  Tag  Kraft  und  Stärke, 
dass  ich  mein  Begierd  möge  vollbringen,  dann  du,  o  Herr,  must  heut 
in  den  Grund  meines  Herzens  begraben  und  geschmelzt  werden.  Darauf 
fienge  er  an  mit  dem  Griffel  den  Namen  Jesus  mit  solchen  Buchstaben 
I  H  S.  in  das  Fleisch  zustechen  und  einzugraben,  dass  das  Blut  über 
den  Leib  herab  fiele.  Dises  war  ihme  lieblich  anzusehen  aus  der  feu- 
rigen Liebe,  mit  der  er  entzündet  war,  und  achtete  des  Schmerzens  gar 
wenig.  Er  gienge  hernach  also  verwundt  mit  dem  blutigen  Herzen  aus 
seiner  (eilen  in  die  Kirchen  under  das  Crucifix,  so  bei   dem  Pult  stunde, 


18.  Herder,  'Die  ewge  Weisheit'  und 'Der  Friedensstifter'.  1 13 

kniete  nider  und  sprach:  Ach  mein  Gott  und  Herr,  meiner  Seel  |  und  110 
meines  Herzens  einige  Liebe,  sihe  an  meines  Herzens  einige  Begierd, 
dann  ich  kann  dich  in  mein  Herz  je  nicht  tiefer  trucken:  0  Herr,  ich 
bitte  dich,  dass  du  es  vollbringest,  dich  in  den  Grund  meines  Herzens 
truckest,  und  deinen  H.  Namen  in  mich  also  schreibest,  auf  dass  er 
aus  meinem  Herzen  nimmermehr  möge  ausgelöschet  werden.  Es  gienge 
aber  der  S.  Amandus  mit  verwundtem  Leib  und  Herz  vil  Zeit  herumb, 
•ehe  die  Wunden  widerumb  zuheilen  wolten,  und  bliben  die  Buchstaben 
des  Namen  Jesus  nach  seinem  Begehren  auf  dem  Herzen,  und  waren 
so  lang  als  ein  Gleich  des  kleinen  Fingers,  und  so  breit  als  ein  Stro- 
halm, und  trüge  den  Namen  auf  seinem  Herzen  bis  in  das  Grab.  Und 
wann  sich  das  Herz  bewegte,  so  bewegte  sich  der  Namen  Jesus 
gleichfalls. 

Sie  Hess  ihr  Bild, 
Berührend  ihn,  im  Herzen  ihm  zurück. 
So  oft  der  Morgenstern  erklang,  erklang 
30    Sein  Hymnus :  'Schaut !  Der  Schönen *)  Schönste  kommt ! 
Die  Mutter  aller  Gnaden  geht  hervor 
Vom  Aufgang!    Deiner  hat  mein  Herz  begehrt. 
Auch  schlummernd,  o  du  Liebliche." 

Er  sprachs, 
Und  küssete  die  Erde, 

Vgl.  H.  S.  317,  5  v.  u.  —  318,  6. 

Es  hatte  der  H.  Amandus  ein  löbliche  Gewohnheit,  dass  er  nach 
der  Metten  in  ein  Capell  sich  begäbe,  allda  in  seinem  Sessel  ein  kleine 
Zeit  zuruhen,  als  aber  der  Wechter  den  angehenden  Tag  verkündigte, 
stunde  er  auch  auf,  fiele  auf  seine  Knie,  und  grüssete  den  schönen 
Morgenstern  die  zarte  Himmelkönigin  Mariam  und  Mutter  aller  Gnaden. 
Als  er  nun  auf  ein  Zeit  also  in  seiner  Ruhe  sasse,  hörte  er  etwas  inner- 
lich so  hell  erklingen  zu  Zeit  des  aufgehenden  Morgensterns,  dass  sein 
Herz  bewegt  war,  und  sänge  also:  Stella  Maria  maris  hodie  processit 
ad  ortum.  Der  Morgenstern  Maria  ist  heut  herfür  gegangen.  Dises 
Gesang  erschalle  übernatürlich  in  ihme,  dass  in  ihme  sein  Gemüht  er- 
freuet wurde,  und  die  heissen  Zähern  von  seinen  Augen  schössen.  Nach 
vollendtem  Gebett  grusste  er  auch  die  ewige  Weisheit  mit  dem  lob- 
reichen  Gebettlein  Anima  mea  desideravit  te  in  nocte.  Mein  Seel  hat 
dich  in  der  Nacht  begehrt,  mit  einem  Kuss  der  Erden. 


')  Bei  Redlich  wohl  nur  verdruckt:  Der  Schönsten. 
Köhler,  Kl.  Schriften.  HL 


114  ^ur  neueren  Literaturgeschichte. 

redet'  oft 
35    Mit  seinem  Engel,  der  ihm  sichtbar  dann 

In  schöner  himmlischer  Gestalt  erschien, 

Und  mit  ihm  freundlich  von  den  Fügungen  ( 
111  Der  ewgen  Weisheit  sprach.    'Willst  du  Dich  selbst 

Erblicken,  sagt'  er  einst,  schau  her!"  —  Er  sah: 
40    Ein  Jüngling  lag  im  Arm  der  Liebenden, 

Die  er  im  Herzen  trug.  Wie  seligfroh 

Erkannt'  er  sie!    Es  tönten  himmlische 

Gesänge  um  ihn  her:  'Der  Weisheit  Lust 

Ist  an  den  Menschenkindern!    Je  und  je 
45    Hab'  ich  geliebet  dich  und  zog  zu  mir 

Aus  Liebe  dich  und  will  dich  zu  mir  zielin!'1) 
cWie  du  uns  gerne  hörest,  sprach  zu  ihm 

Sein  Engel,  hören  wir  auch  gerne  Dich, 

Zumal  wenn  du  mit  freudigem  Gemüth 
50    In  Schmerzen  auch  die  ewge  Weisheit  singst." 

Er  saug;  es  war  ein  Jubel  um  ihn  her; 

Ein  Chor  der  Seligen  umringt'  ihn.     Seelen, 

Die  er  gekannt  und  nicht  gekannt,  umfingen 

Ihn  liebend,  und  erzählten  traulich  ihm 
55    Ihr  Wohl  und  Weh;  wie  aus  der  Bitterkeit 

Die  Weisheit  ihnen  stets  das  Süsseste 

Bereitet.     Seine  Mutter  kam  zu  ihm, 

Sein  Vater,  (jetzt  Gestalten  jener  AVeit) 

Und  sprachen  ihm  von  ihrer  Prüfungen 
60    Belohnung. 

Vgl.  zu  V.  34—60  H.  S.  318,  40—319,  17. 
Es  hatte  auch  unser  P.  Vatter  Amandus  vil  liebliche  Gespräch  und* 
grosse  Gemeinschaft  mit  seinem  H.  Schutzengel,  dass  er  ihne  oft  sähe, 
mit  ihme  redte,  und  ihne  umbfienge.  Auf  ein  andere  Zeit  als  er  nach 
einer  grossen  Trübsal  geruhet  hatte,  geschähe  es  dass  er  in  einem  Ge- 
sicht von  den  himmlischen  Geistern  umbgeben  wäre,  da  begehrte  er 
von  einem  Engel,  dass  er  ihme  zeigte,  wo  und  auf  was  Weis  Gott  eine 
verborgne  Wohnung    in  seiner  Seel  hätte,    da   sprach  der  Engel  also  zu 


')  Vgl.  Jeremias  31,  3:   Ich    habe  dich   je    und  je  geliebet,  darum 
habe  ich  dich  zu  mir  gezogen  aus  lauter  Güte. 


18.  Herder,  'Die  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedensstifter'.        115 

ihme  :  Nun  beschaue  dich  wol,  und  sihe  wie  Gott  mit  deiner  liebhabenden 
Seel  ein  Belustigung  und  Freud  hat.  Und  als  der  S.  Yatter  seine  Augen 
undersich  schlüge,  und  sein  Seel  ansähe,  fände  er  sein  Seel  so  klar 
Bcheinen,  als  ein  klarer  Christall,  und  mitten  in  seinem  Herzen  die  ewige 
Weisheit  in  leiblicher  Gestalt  rühiglich  sitzen,  bei  welcher  sein  Seel 
sasse  mir  himmlischer  Benedeiung  begäbet,  so  die  ewige  Weisbeit  mit 
ihren  Armen  umbfangen,  und  an  sein  göttliches  Herz  getruckt  hatte, 
und  läge  also  die  Seel  in  den  Armen  Gottes  verzuckt,  und  süssiglich 
rastend. 

An  S.  Michaelis  und  aller  H.  Englen  Abend,  als  der  H.  Yatter  ihme     112 
Bcharpfe  Bussband  gemacht  hätte  (von  denen  hernach  soll  gesagt  werden), 
hörete  er  in  einer  Nacht  in  dem  Gesicht  ein  engelisch  Gesang,  und  eine 
süsse  himmelische  Stimme,    darvor  war   er    seines   Leidens   getrost.     Da 
sprach    ein    Engel    zu  ihme:   Gleich   wie    du   gern  hörest    unser   Gesang 
von    der   Ewigkeit,  also   hören  wir    auch   gern  von    dir  das   Gesang  von 
der  ewigen  Weisheit,  und  spräche  der  Engel  weiter:  Dises  Gesang  werden 
die    ausserwöhlten    Heiligen    Gottes    frölich    singen    am    Jüngsten   Tag, 
wann   sie    werden   sehen,    dass    sie   in    der   immerwehrenden    Freud    der 
Seligkeit    bestätiget    seind    worden.      In     diser    Göttlichen    Betrachtung 
hatte  der  H.  Yatter    vil    Stund    zugebracht,  bis   dass   der  Tag  anbrache, 
da    ersehine    ihme    ein    Erzengel,    und    mit   ihme    vil    schöne    Jüngling, 
sprechend,  dass  sie   weren  von  Himmel  herab  gesandt  worden,  ihm  ein 
Freud  in  seinen  Trübsalen    und  Leiden  zu  machen.    Deswegen    solle  er 
Amandus    sein    Leiden    ausschlagen,    und    mit   ihnen    singen,    und   einen 
himmlischen  Tanz  tanzen,  und  zogen  also  den  S.  Amand  bei  der  Hand 
an  den  Tanz.    Der  Yorsänger  fienge  an  in   schöner  Melodei  das  fröliche 
Gesänglein    zu  singen:  In  dulci  Jubilo;  von  dem  Christkindlein,  und  als 
der   S.  Suso   den    süssen   Manien    Jesu    hörte    erschallen,    da    war    sein 
Herz  und  Sinn  also  mit  Freuden  übergössen,  dass  er  aller  seiner  Trüb- 
sal  und  Leiden   vergase.     Und  war   so  wol   das  Gesang,  als  die  Spruch 
und  Tanz  zierlich,  himmlisch  und  nit  weltlich  oder  üppig.    Dise  und  der- 
gleichen himmlische  Erscheinungen  und  Tröstungen  begegneten  ihme  in 
den  Zeiten  seiner  Trübsalen,  Creuz  und  Leiden  vil,  daraus  er  allwegen 
getrost  und  erquickt  wurde.     Es  hatte  aber  der  H.  Yatter  Amandus  vil 
Gesichter  und  Offenbarungen  Göttlicher    verborgner  Dingen,   wie    es  im 
Himmelreich,  Fegfeur   und  Hölle    stunde    und   zugienge.    Es    erschienen 
ihme  auch  vil  Seelen,  so  von  diser  Welt  abgefordert  worden,  und  offen- 
bareten  ihm,  wie    es  umb  sie   stunde,  waruinb   sie    ihr  Pein   hatten  ver- 
schuldet,   und   womit    mau    ihnen    helfen   möchte Es 

erschiene  ihme  auch  sein  leiblicher  Yatter  und  zeigte  ihme  an,  wie  er 
eine  grosse  und  erschröckliche  Pein  im  Fegfeur  litte,  womit  er  sein 
Straf  verdienet  hätte,  und  wie  dass  ihme  zu  helfen  wäre  mit  seinem 
Gebett  und  mit  dem  IL  Messopfer,  hernach  käme  er  wider  zu  ihme,  und 
zeigte  an,  dass  er  jetzt  durch  die  Hilf  seines  Gebets  erlöst,  und  ein  Kind 

8* 


1  1  (J  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

der  ewigen  Seligkeit  worden.  Sein  H.  Mutter  die  Saussin  leide  auch  in 
ihrem  Leben  vil  Creuz  und  Trübsal,  so  meistentheil  von  ihrem  Ehemann 
berkam,  dann  er  war  ein  weit-  und  Bündlicher  .Mensch,  sie  aber  ein  an- 
dächtige Frau,  die  all  ihr  Creuz  und  Leiden  in  das  bittre  Leiden  ihres 
Heilands  Jesu  Christi  befähle,  und  darum!)  auch  Gott  durch  sie  in  disem 
Leben  Wunderzeichen  würkete.  Nach  ihrem  Tod  erschine  sie  ihrem 
Sohn  Amand,  zeigt  ihm  an,  dass  sie  innerhalb  3  Jahren  zu  keiner  Mess 
gestanden,  und  ihr  ein  Gewohnheit  gemacht,  das  bitter  Leiden  und 
Sterben  under  der  Mess  zu  betrachten,  und  zu  beweinen,  sie  sagte  ihme 
auch,  dass  sie  auf  ein  Zeit  aus  unmässiger  Liebe  gegen  Gott  erkrankte 
und  zwölf  Wochen  lang  zu  Bett  gelegen,  die  Ärzten  aber  als  sie  solches 
vermerkten,  seind  sie  wol  auferbauen  worden.  Sie  gienge  zu  angehender 
Fasten  ins  Münster,  da  die  Ablösung  Jesu  des  Herren  von  dem  Creuz 
mit  geschnitzleten  Bildern  stunde  auf  einem  Altar,  allda  käme  sie  in 
ein  so  tief  und  anmühtige  Betrachtung,  und  Mitleiden  zu  der  Mutter 
Maria,  dass  sie  in  ein  Ohnmacht  fiele.  Als  man  sie  in  ihr  Haus  ge- 
113  tragen,  läge  sie  |  still  bis  an  den  H.  Charfreitag,  und  als  man  in  der 
Kirchen  den  Passion  sänge,  starbe  sie  seliglich.  Zu  denselben  Zeiten 
war  der  H.  Suso  zu  Colin  und  studierte,  da  erschiene  sie  ihm  in  einer 
Nacht,  sprechend:  Eia  mein  Kind,  habe  den  allmächtigen  Gott  lieb,  und 
vertraue  ihme  wol,  er  wird  dich  in  allen  deinen  "Widerwärtigkeiten 
niemalen  verlassen.  Sihe  an,  ich  bin  von  diser  AVeit  gescheiden,  und  bin 
nicht  todt,  sonder  lebe  in  dem  ewigen  Leben  und  Freud  vor  Gott.  Nach 
disen  Worten  küssete  sie  ihn  an  seinen  Mund,  benedeiete  ihn  treulich 
und  verschwände.  Suso  aber  fienge  an  bitterlich  zu  weinen,  und  rufte : 
O  mein  getreue  und  heilige  Mutter!  bitt  für  mich  bei  dem  allmächtigen 
Gott!  und  also  weinend  und  seufzend  käme  er  wider  zu  ihm  selber. 
Dergleichen  Erscheinungen  geschahen  ihme  von  vilen  Seelen,  durch 
deren  Gegenwart  er  ein  besondere  Freud  und  Ergetzligkeit  seines  strengen 
und  mühseligen  Lebens  empfienge. 


Und  sein  Antlitz  glänzte.     Oft 
Sah  man  es  glänzen,  wenn  er  betete, 
Und  vorm  Altar:  'Aufwärts  die  Herzen!"  sans;. 


e»* 


Vgl.  H.  S.  316,  20  v.  u.  —  15  v.  u. 

Auf  ein  Zeit  da  er    zu   Colin    mit   grossem   Eifer   gepredigt   hatte, 
wäre  auch  ein  andächtige  Person,  so  sich  nicht  lang  zuvor  zu  Gott  be-    : 
kehret  hatte,  zugegen,  welche  mit  den  innerlichen  Augen  des  S.  Yatters    '■ 
Susonis    Angesicht   sähe    zu    drei    unterschiedlichen    Malen    mit    hellem    i 
Schein  gleich  als  die   Sonne  leuchten,  glänzen,    und   also  klar  scheinen, 
dass   er   sich  selber  darin    sehen  könnte,  dardurch  war  diser  Mensch  in 
seinem  Leiden  wol  getrost,  und  in  dem  heiligen  Leben  gestärkt. 


18.   Herder, 'Die  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedensstifter'.        117 

Vgl.  H.  S.  319,  letzte  Z.  —  320,  3. 

Der  8.  Suso  war  von  seinen  Freunden  gefragt  worden,  in  was  Ge- 
danken er  stunde,  so  er  die  Mess  sänge,  und  vor  der  Präfation  die 
Wort  Sursuin  corda  sagte:  dann  dise  Wort  so  inbrünstig  und  andächtig 
aus  seinem  Mund  herfür  klingleten,  dass  alle  Zuhörer  ein  sonderbare 
Andacht  und  Bewegung  ihres   Herzens  empfunden. 


In  solchen  Süssigkeiten  schwamm  Amandus, 
Sein  Herz  bewahrend,  strenge  gegen  sich, 

65    Und  überstrenge.     Da  erschien  ihm  einst 

Sein  Engel  wieder:  'Glaubst  du,  sprach  er  sauft 
Zum  Schlummernden,  indem  du  deinen  Leib 
Mit  Büssungen  belegest,  dieses  sei 
Das  schwerste  Leiden?    Leiden  andrer  Art 

Tu    Erwarten  dich.    Schau  her!    Ich  bringe  dir, 

Dem  zarten  Knaben,  Ritterkleider.    Rüste  1U 

Dich  tapfer.    Wenn  du  selbst  dich  peinigtest, 
So  höretest  du,  wenn  du  wolltest,  auf. 
Dich  werden  andre  peinigen,  und  nicht 

75    Aufhören,  wenn  du  wünschest.    Bis  hieher 
Empfand  im  Schmerz  dein  innerstes  Gemüth 
Geheime  Süssigkeit.    "Wenn  aber  du 
Im  tiefsten  Schmerze  Rath  und  Hülf  und  Trost 
Bei  Menschen  suchest  und  nicht  findest;  Freund 

80    Und  Feind  verfolgen  dich;  und  wer  dich  schützt, 
Wird  selbst  verfolget;  wenn  im  Innern  dann 
Dich  auch  dein  Gott  verlässt;  dann  spricht  zu  dir 
Die  ewge  Weisheit:  'Sohn,  gieb  mir  dein  Herz!' 
Auf  diesen  Dornen  blüht  allein  der  Kranz, 

85    Den  deine  Königin n  von  Dir  verlangt.3 

Vgl.  H.  S.  328,  Kap.   18,  9  bis  zum  Schluss. 

Nit  lang  hernach,  als  S.  Amand  in  seiner  Gellen  auf  seinem  ge- 
wöhnlichen Stuhl  sasse,  und  betrachtete  die  Wort  S.  Job:  Militia  est 
vita  hominis  super  terram ;  des  Menschen  Leben  auf  diser  Erden  ist 
nichts  anders  dann  ein  Streit  und  Ritterschaft.  In  diser  Betrachtung 
sähe  er  geistlicher  Weis  einen  schönen  Jüngling  gegen  ihme  kommen, 
so  ihme  zween  Schuh  und  andere  schöne  Ritterskleider  brachte.  Diser 
Jüngling  gienge  zum  S.  Suso,  bekleidete  ihn  darmit  und  spräche:  Stark- 


113  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

\ 

mühtiger   Kittor,    bishero    warestu   ein  Fussknecht,    nun   aber  will  Gott, 

dass  du  ein  Ritter  werdest.  Der  S.  Vatter  Suso  besähe  sich  gelbsten  in 
seinen  ritterlichen  Stiflen  und  Bekleidungen,  und  sprach:  0  Gott,  wie 
ist  mir  ergangen,  und  was  ist  aus  mir  worden?  soll  ich  nun  hinfüro  ein 
Ritter  sein,  wäre  doch  die  Buhe  meiner  ('(dien  angenemer,  und  zu 
meinem  Lob  nutzlicher,  dieweil  ich  in  einem  »Streit  nit  ein  Ritter  bin 
worden.  Der  Jüngling  lachte  und  sprach:  Bis  ohn  Sorg,  du  wirst  noch 
Streits  genug  bekommen,  wer  die  geistliche  Ritterschaft1)  will  unverzagt 
und  starkmühtig  führen,  der  hat  täglich  zustreiten,  so  da  bei  den  welt- 
lichen Rittern  nicht  geschieht,  dann  ihre  Feind  nicht  täglich  seind,  wie 
bei  den  geistlichen,  welche  die  Welt,  den  Teufel,  und  das  eigene  Fleisch 
zu  bestreiten  haben,  etc.  Du  bildest  nun  dir  selbsten  ein,  dass  dir  Gott 
habe  das  schwere  Joch  deiner  Leibscasteiungen  abgelegt,  und  dich  von 
deinen  grausamen  Banden  erlediget,  und  könnest  jetzt  deiner  Ruhe 
sicherlich  pflegen,  du  solt  aber  wissen,  dass  es  nicht  also  ergehen  wird. 
Gott  will  dir  deine  Band  nicht  ablegen,  sonder  nur  verändern,  und 
schwerer  machen,  als  sie  zuvor  waren.  Ab  disen  Worten  erschräke  der 
Diener  der  ewigen  Weisheit  übel  und  sagte:  0  Gott,  was  wilt  du  aus 
mir  machen?  ich  hatte  ein  Hoffnung,  mein  Leiden  habe  ein  End,  so 
wird  es  erst  anfangen.  Ach  Herr,  bin  ich  dann  allein  ein  Sünder,  und 
die  ganze  Welt  gerecht,  dass  du  deine  verborgne  Urtheil  also  an  mir 
übest?  Muss  es  dann  gelitten  sein,  so  zeige  mir,  o  Herr,  meine  Leiden, 
115  die  ich  |  ausstehen  muss.  Der  Herr  antwortete  ihm  und  sprach:  Silie 
übersieh  an  den  Himmel,  und  zehle  die  Sternen  so  du  kanst,  so  wirst 
du  deine  Leiden  auch  zehlen  mögen,  und  gleich  wie  die  Sternen  klein 
scheinen  in  den  Augen  der  Menschen,  aber  in  dem  Firmament  gross 
seind,  also  werden  deine  Leiden  von  den  Menschen  klein  geachtet  werden, 
die  doch  dich  hart  werden  peinigen.  Also  begehrte  der  Diener  der 
ewigen  Weisheit  seine  Leiden  zuwissen,  die  ihme  doch  Gott  abschlüge 
zuoffenbaren,  ausgenommen  drei,  damit  er  nicht  verzagte.  Das  erste 
Leiden  war:  du  hast  dich  bishero  selbst  geschlagen  und  gepeiniget,  und 
hast  aufgehört  wann  du  hast  wollen,  und  trügest  auch  ein  Erbärmnus 
über  dich,  jetzt  aber  will  ich  dich  dir  selber  nemmen,  und  will  dich 
ohn  alle  Wehr  den  Frembden  übergeben,  dass  sie  dich  schlagen  und 
umbziehen  werden  nach  ihrem  Willen.  Das  ander  ist :  wie  wol  du  dich 
oft  also  ermartert  hast,  dass  sie  dir  das  Leben  auch  hätten  mögen  nemmen, 
aber  du  bist  mit  Göttlicher  Hilf  also  umbgeben  gewesen,  dass  solches 
Leiden  dir  an  dem  Leben  nichts  geschadet  hat,  jetzt  aber  wird  es  ge- 
schehen, dass,  wo  du  Trost  und  Hilf  wirst  suchen,  du  die  gröste  Ver- 
folgung und  Untreu  spühren  must,  und  welche  Menschen  dich  beschirmen 
wollen,  werden  mit  dir  grosse  und  gleiche  Xoht  leiden  und  in  Verfolgung 

')  [Über  die  Entwicklung  der  Vorstellung  vom  christlichen 
Ritter  in  der  deutschen  Mystik  vgl.  P.  Weber,  Beiträge  zu  Dürers 
Weltanschauung  1900,  S.  18-36.] 


IS.  'Herder,  Die  ewge  Weisheit'  und  cDer  Friedensstifter'.       1  [9 

gerahten.  Das  dritte  Leiden  ist:  du  l>ist  auf  diese  Zeit  gleich  einem 
jungen  Kind,  so  in  seiner  Mutter  Schoss  [iget,  und  ihre  Brüsten  sauget, 
nemblich  die  Göttliche  Süssigkeit,  himmlische  Tröstungen  und  Offen- 
barungen, dise  Brüste  will  ich  dir  jetzt  nemmen,  und  dich  selber  lassen 
Borgen,  du  wirst  von  Gott  und  allen  Menschen  verlassen  werden,  und 
von  Freunden  und  Feinden  grausamb  verfolget  und  verachtet  werden, 
und  was  du  anfangen  wirst,  solt  du  nicht  glücklich  verrichten  können. 
Als  nun  der  andächtige  Vatter  Suso  dise  drei  traurige  Zeitung  von 
Gott  vername,  erschräke  er  sehr,  und  fiele  Creuzweis  auf  die  Erden, 
rufte  mit  weinenden  Augen  zu  Gott  und  hatte  ihn  demühtiglich,  das> 
er  disen  Kelch  der  Trübsalen  wolte  von  ihme  hinweg  nemmen,  und  ihn 
durch  sein  Göttliche  Barmherzigkeit  von  disem  grossen  Jammer  erledigen; 
möchte  es  aber  nicht  sein,  so  geschehe,  nach  Anordnung  der  ewigen 
Weisheit,  der  Wille   Gottes. 


Voll  Schrecken  fuhr  der  Jüngling  auf:  und  bald 
Ward  seines  Engels  Red'  erfüllet.    Schmach 
Und  Hohn,  Verachtung,  Kränkung  jeder  Art, 
Verläumdungen  und  Hass  und  Neid  und  Wunden 
90    Am  zartsten  Herzeu  trafen  ihn.    Er  sah 
Kein  Ende  mehr,  und  lernt'  im  Leiden  nur 
Noch  mehr  zu  leiden.    Hülf  und  Rath  und  Trost 
Bei  Menschen  war  verschwunden.    AVer  ihm  half, 
Ward  auch  verfolget,  und  zuletzt  gebrach 

95    Das  Letzte  ihm.  sein  innrer  Trost. 

Da  sprach  er: 
cSein  Will  geschehe!'  und  gab  sich  zur  Ruh. 

Die  im  Y.  87  ff.  angedeuteten  Prüfungen  und  Leiden  erzählen  116 
Murers  Kap.  19 — 32.  Zuletzt  bringt  ein  liederliches  und  böses  Weib  den 
Amandus  gar  in  den  Verdacht,  mit  ihr  ein  Kind  gezeugt  zu  haben. 
Amandus  beginnt  deshalb  an  Gottes  Barmherzigkeit  und  Gnade  zu 
zweifeln  und  weiss  vor  Angst  und  Not  nicht,  was  er  thun  soll,  aber 
{S.  340,  Kap.  32,  Z.  1)  'Letstlieh  gäbe  sich  der  S.  Vatter  zur  Ruhe  und 
gedachte:  Nun  wolan,  mag  es  nit  änderst  sein,  fiat  voluntas  tua,  o  Deus! 
In  disen  Gedanken  sähe  er  im  Geist  sein  geistliche  Tochter  [Anna]  vor 
ihm  stehen,  die  ihme,  als  sie  noch  lebte  in  diser  Welt,  oft  vorgesagt, 
dass  er  vil  leiden  werde,  aber  Gott  werde  ihn  nit  verlassen,  und  aus 
allen  Xöhten  helfen.'  Die  geistliche  Tochter  tröstet  den  Amandus  und 
verheisst  ihm  Gottes  Hilfe,  die  dann  auch  bald  kommt.  An  Stelle  dieser 
Erscheinung  der  geistlichen  Tochter  Anna  hat  Herder  die  nun  folgende 
Erscheinung  der  ewigen  Weisheit  gesetzt. 


[20  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Und  plötzlich  stand  vor  ihm  die  Schönste  da, 

Sanftglänzender,  als  er  sie  je  geselm. 

Sie  flocht  ans  vielen  Rosen  einen  Kranz 
100    Für  ihn,  und  er  erkannt'  in  jeder  Rose 

Den  Dorn,  auf  welchem  sie  entsprossen  war. 

'Nimm,  sprach  sie,  ihn;  er  ist  der  Deinige. 

Jetzt  ist  mein  Bild  in  Deinem  Herzen:  Du 

Gewännest  selbst  es  dir,  bewahr'  es  treu. 
105    Ihr  Menschenherzen  traut!   Von  allem  Schönen 

Die  schönste  Weisheit  wird  durch  Prüfung  nur.3 

Zu  V.  97—101  vgl.  H.  S.  336,  Kap.  27,  1—9. 
Dise  Gottselige  Tochter  Anna  zeigte  under  andern  dein  S.  Vatter 
Susoni  auch  an,  dass  sie  auf  ein  Zeit  in  dem  Geist  hätte  gesehen  einen 
schönen  Rosenstock,  mit  rohten  Rosen  wolgezieret,  auf  dem  Stock  aber 
stunde  das  Kindlein  Jesus  mit  einem  Rosenkränzlein,  under  der  Stauden 
aber  sähe  sie  den  S.  Vatter  Amandum  sitzen,  das  Kindlein  brache  vil 
Rosen  ab,  und  warfe  sie  auf  den  Diener  der  ewigen  Weisheit,  und  als- 
er  mit  Rosen  ganz  bedeckt  wurd,  fragte  sie  das  Jesusknäblein.  was> 
dises  für  ein  Bedeutung  und  Geheimnus  wäre?  Das  Kindlein  antwortete: 
Die  manigfaltigen  Rosen  bedeuten  mancherlei  Leiden  und  Trübsalen  so 
Gott  über  ihn  verhängen  und  zuschicken  wird,  die  er  freundlich  von 
Gott,  und  umb  Gottes  willen  empfahen  und  leiden  soll. 

Zu  V.  105  vgl.  H.  S.  343,  15—21. 
[Suso]  sähe  die  Mutter  Gottes  Maria  ihr  liebes  Kind  die  ewige 
Weisheit  an  ihr  Herz  druckend  sitzen,  er  sähe  auch  um  das  Häuptlein 
des  Kindleins  Jesus,  mit  schönen  und  glanzenden  Buchstaben  geschribenr 
ach  Herzen  traut.  Das  könnte  der  S.  Vatter  wol  lesen  und  verstehen. 
Es  sänge  auch  ihme  ein  engelischer  Jüngling  dises  Gesänglein,  Herzen 
117  traut,  so  lieb-  j  lieh  vor,  dass  er  sein  Hand  auf  sein  Herz  legte,  das- 
zuhalten,  damit  es  ihm  nit  zerspränge,  und  da  er  widerumb  zu  ihm 
Selbsten  käme,  fand  er  sein  gerechte  Hand  ob  seinem  Herzen  ligen. 

Sie  sprach  es,  und  ein  sanfter  Abendglanz 
Umfloss  Amandas  Haupt.     All  seine  Feinde, 
In  Träumen  kamen  die  Verstorbnen  selbst, 

ho    Und  flehten  um  Verzeihung  und  Gebet. 
Und  seinen  Freunden  war  der  vielgeprüfte 
Amandus  doppelt  werth.     Jungfraun  und  Fraun, 
( Kr  ehrete  in  ihrer  Tugend  stets 
Der  Mutter  Gottes  Gnad'  und  Zucht  und  Huld) 

115    Sie  ehreten  in  ihm  der  Weisheit  Sohn. 


18.  Herder,  cDie  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedensstifter1.        121 

Zu  V.   108—10  vgl.  H.  S.  340,  Kap.  32,   1—24   und  29—33. 

Unter  andern  Verfolgern  wäre  auch  ein  hoher  Prälat,  der  erschine 
dem  S.  Suso  nach  seinem  Tod  und  sprach,  dass  ihme  Gott  der  All- 
mächtig sein  Leben  der  Ursachen  verkürzet  und  abgehrochen  habe, 
dieweil  er  ihme  also  unschuldiger  Weis  übel  nachgeredt  hatte,  das 
müsste  er  noch  im  Fegfeur  büssen Sein  bester  Ordens- 
gesell, so  ihn  in  seinen  grossen  Nöhten  verlassen,  ....  starbe  bald 
hernach,  welcher  als  er  sein  Schuld  im  Fegfeur  gebüsset  und  bezahlt 
hatte,  erschin  er  ihm  in  grosser  Klarheit  und  güldenen  Kleid,  und  hatte 
ihn  umb  Verzeihung,  neigte  sein  Angesicht  freundlich  gegen  ihme,  und 
führe  gen  Himmel. 

Zu  V.  113  vgl.  S.  326,  Kap.  16,  Z.  4,  wo  als  Ausspruch  Susos  an- 
geführt wird  :  Es  ist  mein  Gewohnheit,  dass  ich  die  Weiber  gern  ver- 
ehre umb  der  Mutter  Gottes  willen. 

II.  Der  Friedensstifter. 

Dreimal  war  der  kühne  Karl  geschlagen, 
Und  die  Macht  Burgunds  im  Blut  erlegen; 
Gransee,  Murten,  Nansen  zeugten  ewig. 
Was  der  Tapfre  über  ungerechten 
5  Stolz  vermag:  als  sich  die  böse  Zwietracht 
Auch  ins  Herz  der  Tapfern  schlich.     Sie  zankten 
Lieblos  um  des  Sieges  reiche  Beute. 
Fast  schon  th eilte  sich  der  Eidgenossen 
Bündniss.     Denn  mit  Frankreichs  Gelde  waren 
io  Frankreichs  Sitten  in  das  Land  gekommen, 
Üppigkeit  und  Pracht.     Dem  Schweizerbunde  | 
Drohete  Auflösung.     Da  am  letzten  118 

Friedenstag'  zu  Stanz  in  Uuterwalden 
Trat  ein  alter  Mann  in  die   Versammlung. 

Vgl.  H.  S.  395  f.  (Kap.   14). 

Nachdem  die  acht  alte  Ort  der  Eidgnossschaft  mit  Hilf  Herzog 
Sigmunden  von  Oesterreich  und  Kenati  Herzogs  von  Lothringen  Anno 
147t>  den  grossmächtigen  Herzogen  Carlen  von  Burgund  in  dreien  Feld- 
schlachten zu  Gransee,  Murten  und  Nansen  überwunden  und  erlegt: 
entstund  under  ihnen,  den  Eidgnossen,  selbst  nicht  ein  geringe  Uneinig- 
keit. Dann  erstlich  möchten  sie  die  grosse  Beut,  welche  sie  in  ge- 
dachtem Krieg  erobert,  nicht  mit  Liebe  theilen,  weil  die  Länder  mit 
den  Stätten  gleiche  Portion  haben  wolten,  die  Statt  aber  ihnen  selbst 
mehr  zueigneten  als  den  Ländern.     Zu    dem   hielten    die   Statt  Freiburg 


122  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

und  Solothum  an,  dass  sie  zu  Oertern  der  Eidgnossschaft  angenommen 
wurden.  Deren  l'»irt  zu  willfahren  waren  Zürich,  Bern  und  Lucern  ur- 
bietig  und  geneigt,  aber  die  Länder  Uri,  Schweitz.  Underwalden,  Zug 
und  Glarus  wolten  solches  keines  wegs  gestatten.  Als  derhalben  die 
erstgemelten  .">  Statt  gesehen,  dass  sie  die  Länder  gar  nit  bereden 
möchten,  haben  sie  einen  besonderen  Hund  zusamen  gemacht,  und  Burg- 
recht  mit  einander  aufgerieht.  Dessen  waren  aber  die  Länder  nicht 
zufriden,  und  understunden  sich  den  Bund  widerumb  abzuschaffen.  In- 
sonderheit vermeinten  die  von  Uri,  Schweitz  und  Underwalden,  es  hätten 
die  von  Lucern  nicht  Gewalt  einigen  Bund  ohn  ihr  Wissen  und  Willen 
zumachen,  und  ist  diser  Span  auf  vilen  Tagen  gehandlet,  aber  je  länger 
je  grösser  und  ärger  worden.  Über  diss  alles  hatten  die  Eidgnossen 
in  demselben  Jahr  von  Königlicher  Majestät  aus  Frankreich  ein  grosses 
Gelt  eingenommen,  waren  auch  täglich  mehr  erwartend,  wiewol  nicht 
unverdienet.  Mit  solchem  Gelt  aber  schlichen  allgemach  in  die  Eid- 
gnossschaft frembde  und  unlöbliche  Sitten,  als  Pracht,  Unmässigkeit  etc. 
Dise  Ding  nun  missfielen  dem  fridsamen  und  demühtigen  B.  Clausen, 
der  sich  auch  in  eigner  Person  (wie  Peter  Etterlein  bezeuget)  aus  Liebe 
gemeines  Vatterlands,  in  die  Sach  gelegt,  und  verschaffen,  dass  zu  Stanz 
in  Underwalden  ein  Tag  gehalten  wurde,  da  dann  erscheinen  solten  der 
8  Orten  Bottschaften,  sampt  der  Freiburger  und  Solothurner  Legation, 
wie  beschehen  auf  Sambstag  vor  S.  Thomas  Tag,  in  dem  December  des 
1481.  Jahrs.  Bruder  Claus  kam  auch  gen  Stanz  (welcher  Fleck  fast 
4  Stund  Wegs  vom  Ranft  ligt,)  redet  die  Eidgnossen  an,  strafte, 
lehrte,  batte,  vermahnete  und  warnete  sie  ganz  vätterlich  und  treulich. 


Grad  und  hoch:  sein  Antlitz  blitzte  Schrecken. 
Doch  gemischt  mit  Gütigkeit  und  Anmuth. 
Lang  sein  Bart,  von  wenig  schlichten  Haaren, 
Zweigespalten;  auf  dem  braunen  Antlitz 
Glänzt'  ein  Himmlisches.     Gebietend  stand  er 
20  Dürr  und  hager  da.  und  sprach  anmuthig, 
Männlich-langsam: 

119  Vgl.  H.  S.  401    (Kap.  19). 

Es  war  ein  Mann  gerades  und  gestaltes  Leibs,  doch  dürr,  mager 
und  ausgeschöpft,  allein  von  Haut.  Adern  und  Gebein  zusamen  ge- 
geschmucket.  Sein  Färb  war  braun,  das  Haar  schwarz,  ein  wenig  mit 
grauem  vermischt.  Der  Bart  war  von  wenig  Haaren  nit  gar  lang,  in  2 
Theil  gespalten,  die  Augen  waren  schwarz,  daraus  sein  lieblich  Gesicht 
den  Anschauenden  schier  ein  Schrecken  erweckt.  Die  Adern  des  Hals 
und  der  Kaien,    so    er  redte,     wurden  geachtet    nicht    mit  Blut,    sonder 


18.  'Herder,  Die  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedensstifter'.        123 

mit  Luft  erfüllet.  Er  gebrauchte  sieh  eines  einigen  Kleids  oder  Rocks, 
einfältig  bis  auf  die  Fersen,  das  Haupt  und  die  Füss  hielt  er  alhvegen 
bloss,  er  hatte   ein  männliche  Stimm   und  langsame  Red. 


'Liebe  Eidgenossen, 

Lasset  nicht,  dass  Hass  und  Neid  und  Misgunst 

Unter  euch  aufkommen;  oder  aus  ist 

Euer  Regiment!  —  Auch  zieht  den  Zaun  nicht 
25  Gar  zu  weit  hinaus,  damit  ihr  eures 

Theurerworbenen  Friedens  lang'  geniesset. 

Eidgenossen,  werdet  nicht  verbunden 

Fremder  Herrschaft,  euch  mit  fremden  Sorgeil 

Zu  beladen  und  mit  fremden  Sitten. 
30  Werdet  nicht  des  Vaterlands  Verkäufer 

Zu  unredlich-eignem  Nutz.     Beschirmet 

Euch  uud  nehmt  Banditen.   Landesläufer, 

Nicht  zu  Bürgern  auf  und   Landesleuten. 

Ohne  schwere  Ursach'  überfallet 
35  Niemand  mit  Gewalt:  doch  angefallen. 

Streitet  kühn.     Und  habet  Gott  vor  Augen 

Im  Gericht,  und  ehret  eure  Priester. 

Folget  ihrer  Lehre,  wenn  sie  selbst  auch 

Ihr  nicht  folgen.     Helles  frisches  Wasser 
40  Trinket  man.  die  Rühre  sei  von  Silber 

Oder  Holz.         Und  bleibet  treu  dem  Glauben 

Eurer  Väter !     Zeiten  werden  kommen. 

Harte  Zeiten,  voll  von  List  und  Aufruhr. 

Hütet  euch,  und  stehet  treu  zusammen, 
45  Treu  dem  Pfad'  und  Fusstapf  unsrer  Väter. 

Alsdann  werdet  ihr  bestelm!  kein  Anstoss 

Wird  euch  fällen  und  kein  Sturm  erschüttern. 

Seyd  nicht  stolz,  ihr  alten  Orte.     Nehmet 

Solothurn  und  Freiburg  auf  zu  Brüdern: 
50  Denn  das  wird  euch  nützen.3  —  Also  sprach  er,  120 

Neigte  sich,  und  ging  aus  der  Versammlung. 

Tgl.  H.  S.  396  (Kap.   15). 
Die  uberige  Räht  und  Lehren,  so  B.  Claus  den  Eidgnossen  geben, 
werden  in  den  Schriften  M.  Heinrichs    von  Gundelfingen  und  H.  Johan 


124  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Salats  glaubwürdig  begriffen,  wie  folgt.  1.  Liebe  Eidgnossen,  sagt  er, 
lasset  nicht  zu,  dass  Uneinigkeit  ,  Neid,  Hass,  Missgunat  und  Partheien. 
under  euch  aufkommen  und  wachsen,  sonst  ist  euer  Ding  und  Kegiment 
aus.  2.  Machet  den  Haag  oder  Zaun  der  Eydgnossschafft  nicht  zu 
weit,  damit  ihr  in  desto  besserer  Ruhe  und  Friden  euer  säur  eroberte 
Freiheit  besitzen  und  gemessen  möget.  3.  Beladet  euch  nicht  mit 
frembden  Sachen,  und  verbindet  euch  nicht  mit  frembder  Herrschaft. 
4.  Verkaufet  das  Vatterland  nicht  umb  Mieht  und  Gaben,  und  hütet 
euch  vor  eignem,  unredlichem  Nutz.  5.  Beschirmet  euer  Vatterland 
und  bleibet  darbei.  Auch  neminet  frembde  Schweriner  und  Banditen 
nicht  an  zu  Burgern  und  Landleuten.  6.  (Hin  hochwichtige  Ursachen 
solt  ihr  niemand  feindlich  und  mit  Gewalt  überfallen.  So  man  euch 
aber  undertrucken  wolte,  alsdann  streitet  dapferlich  für  euer  Freiheit 
und  Vatterland.  7.  Vor  allen  Dingen  aber  habet  Gott  vor  Augen,  und 
haltet  mit  Fleiss  seine  Gebott.  8.  Den  Priestern  erzeiget  gebürliche 
Ehr,  und  gehorchet  ihren  Vermahnungen,  ob  sie  schon  nit  unsträflich 
oder  auferbäulich  leben :  dann  gleich  wie  ein  frisches  Bronnenwasser 
ebenso  gut  und  wolgeschmack  durch  bleiene  oder  kupfere,  als  durch 
silberne  oder  guldine  Rören  lauft,  also  empfahet  ihr  durch  böse  und 
gute  Priester  einerlei  und  gleiche  Gnad  Gottes,  wofern  ihr  euch 
würdiglich  darzu  bereitet.  9.  Endlich  seind  beständig  im  Glauben  der 
lieben  Alten:  dann  es  wird  sich  nach  meinem  Tod  ein  grosser  Aufruhr 
erheben  in  der  Christenheit,  und  alsdann  hütet  euch,  o  lieben  Kinder, 
dass  ihr  durch  Neuerung  und  Listigkeit  nicht  betrogen  werdet.  Haltet 
euch  zusamen,  bleibet  in  dem  Weg  und  Fussstapfen  unserer  frommen 
Voreltern.  Behaltet  und  bestettiget  es,  was  sie  uns  gelehrt  haben. 
Alsdann  mag  euch  weder  Anstöss,  noch  Sturmwind  nichts  schaden,  die 
doch  gar  stark  nachgehen  werden. 


Alle,  die  den  heiigen  Mann  erkannten, 
Hörten  in  ihm  eines  Engels  Stimme: 
Bruder  Clans  war  es  von  Unterwaiden, 

55  Der  arj  seiner  einsamen  Kapelle 

Ohne  Speis'  und  Trank,  (so  spricht  die  Sage) 
Zwanzig  Jahr  gelebt.     Dem  Kind'  und  Jüngling 
War  am  Himmel  oft  ein  Stern  erschienen, 
Der  sein  Herz  ins  Innere  zog.     Er  hatte 

60  Jederzeit,  auch  emsig  in  Geschäften, 
Stille  Einkehr  in  sicli  selbst  geliebet, 
Zehen  Söhn'  und  Töchter  auferzogen,  | 
121  Auch  in  Kriegeszügen  seinem  Lande 

Treu  geholfen;  bis  die  Welt  zu  enge 


18.  Herder,  'Die  ewge  Weisheit'  und  'Der  Friedensstifter'.        125 

65  Für  ihn  ward.     Er  nahm  von  Weih  und  Kindern 
Liebreich  Abschied,  und  mit  ihrem  Segen 
Ging  er  zur  Einöde.     Vielen  Pilgern, 
Die  ihn  suchten,  gab  er  Rath   und  Hülfe. 
Manchen  Sturm  der  Seele,  manche   Unruh. 

7(»  Senkete  ein  Wort  von  ihm  zur  Ruhe. 

Denn  er  war  von  starkem  Herzen;  mächtig- 
Frei,  und  floh  wie  Pest  die  Landsverderber. 
Oft  weissaget'  er.  und  wusst'  der  Seelen 
Innerstes  Geheimniss.     Seines  Lebens 

75  Täglicher  und  hocheinfältger  Spruch  war: 

'Nimm,  o  Gott,  mich  mir;  und  gieb  mich  ganz  dir.' 

Zu  Y.  55—57  vgl.  H.  S.  391   (Kap.  7). 

[Bruder  Claus  hat]  fürhin  bis  an  sein  End,  nemblieh  zwanzigthalb 
Jahr  also  verharret,  dass  er  weder  essen  noch  trinken,  noch  leibliche 
Nahrung  gebraucht  hat. 

Zu  Y.  57—59  vgl.  H.  S.  387  (Kap.   1). 

Es  hat  aber  der  barmherzig  Gott  dises  Kind  auch  in  Mutterleib 
übernatürlicher  Weise  erleuchten  und  begnaden  wollen:  anzuzeigen  was 
endlich  aus  ihme  werden  werde.  Dann  er  Nicolaus  zuvor  und  ehe  er 
geboren  ein  solches  Gesicht  gehabt,  nemblieh  am  Himmel  sähe  er  einen 
Sternen,  der  an  der  Schöne  andere  Sternen  übertraf,  von  welches  Strei- 
men  die  ganze  Welt  erleuchtet  war,  welchen  Sternen  er  darnach  in 
dem  Leben  oft  gesehen,  inmassen  dass  er  gemeint,  es  sei  eben  der 
Sternen,  den  er  in  Mutterleib  angeschauet  hätte. 

Zu  Y.  59—61   vgl.  H.  S.  388  (Kap.  2). 

[Er  hatte  im  16.  Jahr  seines  Alters]  angefangen  die  Yersamb- 
lungen  der  Menschen  fast  zufliehen,  und  die  Einsahme  zulieben,  doch 
name  er  nichts  unbescheidlichs  für,  er  war  seinen  Eltern  underthan 
und  hälfe  ihnen  die  Haussorg  mit  Treuen  verwalten. 

Zu  Y.  62  vgl.  H.  S.  388  (Kap.  3). 

.  .  .  als  unser  Xicolaus  zu  seinen  mannlichen  Jahren  kommen, 
er  einer  ehrlichen  Tochter,  mit  Namen  Dorothea  Weissling  sich  ver- 
mählet, .  .  .  auch  10  Kinder,  nemblieh  5  Söhn  und  5  Töchtern  er- 
zeuget, ....  welche  Kinder  er  alle  in  aller  Gottsforcht  und  Frommkeit 
auferzogen. 

Zu  Y.  63  vgl.  H.  S.  388  (Kap.  3). 

Und  ob  wol  der  S.  Xicolaus  ein  höchster  Liebhaber  des  Fridens 
wäre,  so  hat  er  dannoch    auch    bei  Zeiten    seines  wehrenden  Ehestands 


126  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

122  aus  Gebott  |  seiner  Oberkeit,  als  ein  Gehorsam mer  sich  in  Kriegen,  so 
umb  Beschirmung  willen  des  Yatterlands  und  desselben  Freiheit,  fremb- 
den  Feinds  Gewalt  abzutreiben,  fürgenommen,  tapfer  und  redlich  lin- 
den lassen. 

Zu  V.   64—67   vgl.   H.   S.   390     Kap.  6). 

Dahin,  und  so  ferr  wurde  unser  fromme  Nicolaus  durch  göttliches 
Einsprechen  getriben  .  dass  er  vermeinte  ,  die  "Welt  wäre  ilime  nicht 
weit  genug  noch  länger  darinn  zuwohnen.  Derhalben  thäte  er  seiner 
lieben  Gemahel  sein  Yornemmen  kund,  und  zeigt  ihr  an,  er  hätte  ihme 
fürgesetzt  die  schnöde  Welt  gänzlich  zuverlassen,  und  forthin  an  einer 

füglichen  Statt  in  einer  Einöde  Gott  allein    zudienen Welches 

als  er  oft  und  vil  von  seiner  Gemahel  erforderte,  war  sie  endlich  uber- 
redt,  und  gab  ihme,  damit  sie  ihme  an  dem  Göttlichen  Beruf  nit  ver- 
hinderte, Erlaubnuss  seinem  Yornemmen  nachzukommen.  Derowegen 
als  man  zchlt  nach  Christi  unsere  Herren  Geburt  1-467  im  Herbstmonat, 
da  der  Nicolaus  fünfzig  und  ein  halbs  Jahr  alt  war,  verliesse  er  sein 
Hausfrau  und  Kinder  sampt  aller  seiner  Hab. 

Zu   Y.  67—72  vgl.  H.  S.  395  (Kap.  14). 

Des  B.  Clausen  Red,  Geberden  und  Angesicht  war  allzeit  zu  der 
Sanftmuht  und  Gütigkeit  geneigt,  und  erzeigte  auch  in  allen  Dingen 
ein  gleiches  standhaftes  Gemüht.  Es  war  aber  nicht  allen  Bilgern  und 
Frembdlingen  zugelassen,  dass  sie  ein  freien  Zugang  zu  ihme  hätten, 
dann  wie  er  auch  selbst  bezeuget,  kamen  etliche  dahin  nicht  zur  Besse- 
rung, sonder  mehr  aus  Fürwitz  und  Lcicbtfertigkeit,  nach  der  Phariseer 
Art,  dass  sie  ihn  versuchten.  Darumb  als  er  etliche  also  gesinnet  sähe, 
und  innwendig  erkante,  flöhe  er  sie  fast,  was  aber  die  Gutherzigen,  so 
ihn  heimbsuchten  belanget:  die  Hesse  er  frei  mit  ihme  reden,  grüssete 
sie  freundlich,  lehrte  sie  gütiglich,  und  ehrete  sie  gebürlicb.  Und  ob 
er  schon  weder  schreiben  noch  lesen  könnte,  pflegte  er  doch  aus  Gött- 
licher Gnad  und  Weisbeit,  auch  mit  den  allergelehrtisten  Leuten  der- 
massen  zureden,  dass  er  sie  auch  genugsamb  berichtete,  und  oft  ihr 
Unverstand  in  heimblichen  Dingen   zuhilf  käme. 

Zu  V.  73—74  vgl.  H.  S.  398  ff.,  Kap.  17,  überschrieben  'Etliche 
Propheceyung  und  Miracul  bey  seinen  Lebzeiten'. 

Zu  Y.  74—76  vgl.  H.  S.  401   (Kap.  19): 

Under  andern  Gebetten  war  auch  dem  Bruder  Clausen  dieses  gar 
gemein.  0  Gott,  nimb  mich  mir,  und  gib  mich  ganz  zu  eigen  dir.  O 
Herr,  gib  mir  alles,  das  mich  bekehrt  zu  dir.  O  Herr,  nimb  von  mir 
alles,  das  mich   wendet  von  dir. 


Der  war  Bruder  Claus.     Die  Bundsversammluug 
Folgte  seinen)  Katli:  einmüthig  wurden 
Aufgenommen  Solothurn  und  Freiburg; 


18.  Herder, 'Die  ewge  Weisheit'  und  "Der  Friedensstifter'.        127 

80  Und  so  manche  Rathsversammlung  wünschte 
Bruder  Claus  zu  sich  von   Unterwaiden, 
Mit  der  Bärentappe,  die  der  Engel.  123 

Falls  er  in  den  Himmel  kommen  wollte, 
Ihm  zum  führenden  Panier  gegeben. 

Zu   V.  77—79  vgl.   H.  S.  396  (Kap.  15). 

Welches  auch  ohne  Frucht  und  Nutz  nicht  abgangeil.  Dann  an 
demselbigen  Tag  haben  wolgemelte  acht  alte  Ort  sich  nicht  allein  mit 
einander  freundlich  vertragen  und  vergliechen,  sonder  auch  Freiburg 
und  Solothurn  zu  Oertern  der  Eidgnossschaft  ganz  einhelliglich  auf- 
und  angenommen. 

Zu  V.  82-84  vgl.  H.  S.  390  (Kap.  5). 

Als  er  [Bruder  Claus]  ferner«  auf  ein  Zeit  in  seinen  häuslichen 
Geschäften  war,  seind  drei  ehrbare  Männer  in  einer  ehrlichen  Gestalt 
und  guten  Sitten  zu  ilnue  kommen,  under  denen  der  erste  anfing  tu- 
gendlich  zureden,  der  Meinung :  Nicolae  wiltu  dich  ganz  ergeben  mit 
Seel  und  Leib  in  unsern  Gewalt?  Er  antwortet  und  sprach:  Ich  ergib 
mich  niemand  andern  dann  dem  Allmächtigen  Gott,  dessen  Diener  ich 
nuu  lange  Zeit  zusein  begehrt  hab.  Da  wandten  sich  dise  3  Männer 
zusamen  mit  fröhlichem  lachen,  und  redet  der  erste  widerumb  zu  ihme*. 
Dieweil  du  dann  dich  Gott  allein  zugeeignet  hast  ewiglich,  so  verheiss 
ich  dir  gewiss,  dass  wann  du  wirst  vollbracht  und  erlebt  haben  das 
sibenzigst  Jahr,  wird  sich  der  allergütigst  Gott  erbarmen  über  dein 
Arbeit,  und  dich  erlösen  von  aller  Widerwärtigkeit,  darumb  ermahne 
ich  dich  zu  einer  vesten  ßeharrligkeit,  so  will  ich  dir  geben  einen 
Panner  mit  einem  Bärentappen  bezeichnet,  einem  mächtigen  Kriegsheer 
in  das  ewige  Leben  vorzutragen.  Ich  verlasse  dir  auch  zu  unserer  Ge- 
dächtnuss  das  Creuz  zutragen.  Wie  dises  also  vollendet,  giengen  die 
drei  hinweg;. 


■-*• 


Vorstehende  Arbeit  war  schon  fast  ganz  fertig,  als  mir 
merkwürdigerweise  erst  einfiel,  in  den  vom  Jahre  1792  an 
erhaltenen  Ausleihebüchern  der  Grossherzoglichen  Bibliothek 
nachzusehen,  ob  und  wann  Herder  daraus  die  Helvetia  Sancta 
entliehen  habe.  Da  Redlich  (Herders  sämtliche  Werke  28, 
560)  sagt:  'der  Friedensstifter  gehört,  wie  die  Form  und  die 
erhaltene  Handschrift  zeigt,  erst  in  das  Jahr  1796D,  so  suchte 
ich  gleich  unter  letzterem  Jahre,  und  bald  fand  ich.  dass 
Herder  am  19.  November  Murers  Helvetia  Sancta  entliehen 
hat.     Daraus  geht  also  hervor,  dass  'Die  ewge  Weisheit3  und 


[28  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

'Der  Friedensstifter'   erst   nach   dem    19.  November  1796   ge- 
dichtet sind. 

Ausser  Murers  Heiligeuleben  hat  aber  Herder  an  dem- 
selben Tage  noch  entliehen  des  Laurentius  Surius  Vitae  Sanc- 
torum,  Coloniae  Agrippinae  1617 — 18,  (4  Foliobände)  und 
124  des  Jo.  Boni-  facius  Bagatta  Admiranda  Orbis  Christiani.  T.  I 
bis  II,  Venetiis  1680,  und  dann  noch  am  28.  November  7.\vei 
Heiligenleben  von  Antoine  Godeau,  nämlich  La  Vie  de  Saint 
Augustin.  Seconde  edition,  Paris  1657,  und  La  Vie  de  Saint 
Charles  Borromee,  Paris  16X4.  Alle  diese  Entleihuugen  be- 
zeugen Herders  damalige  Beschäftigung  mit  den  Legenden. 
Aus  den  beiden  Werken  Godeaus  hat  Herder  keine  seiner 
Legenden  geschöpft,  wohl  aber  dürfte  für  manche  in  den  ge- 
nannten Werken  von  Surius  und  Bagatta  die  Quelle  zu  finden 
sein.     Ich  überlasse  es  andern,  dies  zu  ermitteln. 


19.  Goethiana. 

(Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  3,  475—480.     1871.) 

I.    Zwei  brasilianische  Lieder. 

In  seinen  dankenswerten  Mitteilungen  über  das  Tiefurter 
Journal  in  nr.  34  der  diesjährigen  Grenzboten  hat  Herr 
Archivar  Burkhardt  das  'Todeslied  eines  Gefangenen' 
aus  dem  38.  Stücke  des  genannten  Journals  zum  erstenmal 
durch  den  Druck  bekannt  gemacht  und  zwar  als  ein  Goethe- 
sches  Gedicht,  Herr  Dr.  Burkhardt  hat  nämlich  unter  audern 
im  Nachlasse  der  Herzogin  Anna  Amalia  befindlichen  Original- 
concepten  von  Beiträgen  für  das  Tiefurter  Journal  auch  ein 
Blatt  gefuudeu.  auf  welchem  von  Goethes  eigener  Hand  ge- 
schrieben dieses  und  ein  in  demselben  Stückt-  des  Journals 
erschienenes  cLiebeslied  eines  amerikanisch  en  Wilden' 
stehen.  Letzteres  Lied  hat  Herr  Dr.  Burkhardt  nicht  ab- 
drucken lassen,  mir  aber  auf  meine  Bitte  abschriftlich  mit- 
zuteilen die  Güte  gehabt.    [Weimarer    Ausgabe  4.  320.   1891.] 


19.    Goethiana.  1-_>1:I 

Goethe  hat  diese  beiden  Lieder  zwei  brasilianischen 
Liederfragmenten  nachgebildet,  welche  Michel  Montaigne 
im  30.  Kapitel  des  1.  Buches  seiner  'Essais',  welches  'De 
Cannibales3  überschrieben  ist  und  von  den  Wilden  Brasiliens 
handelt,  in  französischer  Prosa  mitgeteilt  hat. 


uo' 


May  une  chanson'  —  sagt  Montaigne  —  'faicte  par  im 
prisonnier,  on  il  y  a  ce  traict:  Qu'ils  viennent  hardiinent 
trestons,  et  s'assemblent  pour  disher  de  lny,  car  ils  mange- 
ront  qnant  et  qnant  lenrs  peres  et  lenrs  ayenlx.  qui  ont 
servy  d'aliment  et  de  nonrritnre  a  son  corps :  ces  mnscles. 
dit-il,  cette  chair  et  ces  veiues,  ce  sont  les  vostres,  panvres 
fols  que  vous  estes:  vons  ne  recognoissez  pas  que  la  sub- 
stauee  des  membres  de  vos  ancestres  s'y  tient  encore:  savou- 
rez  -  les  bien,  vons  y  trouverez  le  gonst  de  vostre  propre 
chair. J 

Und  weiter  unten  sagt  Montaigne:  cOutre  celuy  (traict) 
que  je  vieu  de  reciter  de  Linie  de  lenrs  chansons  guerrieres, 
Jen  ay  nne  antre  araonrense,  qui  commence  en  ce  sens: 
Conlenvre,  arreste-toy,  arreste-toy,  conleuvre,  afin  que  ma 
soeur  tire  sur  le  patron  de  ta  peintnre,  la  facon  et  l'ouvrage 
dun  riclie  cordon,  que  je  puisse  dünner  ä  m'amie:  ainsi  soit 
en  tont  temps  ta  beaute  et  ta  disposition  preferee  ä  tous 
les  autres  serpens." 

In  der  zu  Leipzig  1753 — 54  erschienenen  Übersetzung 
der  'Versuche"  Montaignes  von  Job.  Dan.  Titins  sind  diese 
Stellen  so  übersetzt: 

'Ich  habe  einen  Gesang,  welchen  ein  Gefangener  ver- 
fertiget hat,  in  welchem  diese  Stelle  vorkommt:  'Sie  sollten 
nur  alle  kühnlich  kommen,  und  sich  versammeln  um  von 
ihm  zu  schmausen.  Sie  würden  zugleich  auch  ihre  Väter 
und  Grossväter  mitfressen,  die  seinem  Leibe  zur  Nahrung 
und  Speise  gedient  hätten.  Diese  Muskeln,  sagt  er.  dieses 
Fleisch,  und  diese  Adern,  sind  von  euch,  ihr  Narren.  Ihr 
wisst  nicht,  dass  das  beste  von  eurer  Vorfahren  Gliedern 
noch  darinnen  ist.  Kostet  sie  nur  recht:  ihr  werdet  euer 
eigen  Fleisch  schmecken/     (Teil   1.  S.  383.) 

Köhler,    Kl.  Schriften.  HI.  9 


\'.J)0  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

'Ausser  dem  gedachten  Kriegsliede  habe  icli  noch  ein 
Liebeslied  von  ihrer  Art,  welches  sich  so  anfängt:  'Schlange, 
warte,  warte,  Schlange,  damit  mir  meine  Schwester  nach  der 
Zeichnung  deiner  Haut  ein  schönes  Band  für  meine  Liebste 
machen  kann.  So  mag  deine  Schönheit  und  deine  Bildung 
der  Schönheit  aller  andern  Schlangen  vorgezogen  werden.* 
(Teil  1,  S.  385.)  | 

477  Man  vergleiche  nun  Goethes  Bearbeitungen. 

Todeslied  eines  Gefangenen. 

Kommt  nur  kühnlich,  kommt  nur  alle 
Und  versammelt  euch  zum  Schmause, 
Denn  ihr  werdet  mich  mit  Dräuen, 
Mich  mit  Hoffnung  nimmer  beugen. 
Seht,  hier  bin  ich,  bin  gefangen, 
Aber  noch  nicht  überwunden. 
Kommt,  verzehret  meine  Glieder 
Und  verzehrt  zugleich  mit  ihnen 
Eure  Ahnherrn,  eure  Väter, 
Die  zur  Speise  mir  geworden. 
Dieses  Fleisch,  das  ich  euch  reiche, 
Ist,  ihr  Thoren,  euer  eignes, 
Und  in  meinen  innern  Knochen 
Stickt  das  Mark  von  euren   Ahnherrn, 
Kommt  nur,  kommt,  mit  jedem  Bisse 
Kann  sie  euer  Gaumen  schmecken. 

Namentlich  die  beiden  ersten  Zeilen  scheinen  mir  ent- 
schieden für  die  Benutzung  der  Übersetzung  von  Titius  zu 
sprechen.  Zeile  3 — 6  sind  von  Goethe  eingeschoben  und 
durch  folgende,  einige  Seiten  vorher  stehende  Worte  Mon- 
taignes  über  jene  Wilden  veranlasst,  die  ich  nach  jener  Über- 
setzung (Teil  1,  S.  37!)  f.)  hier  folgen  lasse:  'Sie  verlangen 
von  ihren  Gefangenen  weiter  keine  andere  Auslösung,  als 
das  Geständniss  dass  sie  überwunden  sind.  Allein  unter 
allen  findet  sich  in  einem  Jahrhunderte  kein  einziger,  der 
nicht  lieber  das  Leben  eiubüssen,  als  nur  mit  einem  einzigen 
Worte  etwas  von  seinem  unüberwindlichen  Muthe  nachgeben 
wollte.  Mau  findet  keinen  einzigen,  der  sich  nicht  lieber  er- 
morden und  fressen  lassen,  als  dieses  verbitten  wollte.  Sie 
verstatten  ihnen  alle  Freyheit,  damit  ihnen  das  Leben   desto 


19.  Goethiana.  131 

lieber  sein  soll;  und  drohen  ihnen  gemeiniglich  öfters  mit 
ihrem  zukünftigen  Tode.  Sie  stellen  ihnen  vor,  was  für 
Martern  sie  dabey  aus  zu  stehen  haben,  was  für  Anstalten 
man  dazu  macht,  wie  sie  zerfleischet  werden  sollen,  und  was 
für  einen  Schmaus  man  auf  ihre  Unkosten  halten  wird.  Alles 
dieses  geschieht  bloss  in  der  Absicht,  um  ihnen  ein  verzagtes 
oder  kleinmüthiges  Wort  ab  zu  locken,  oder  ihnen  Lust  zur 
Flucht  zu  machen :  um  den  Vortheil  zu  erlangen  dass  sie  die- 
selben in  Furcht  geiagt,  und  ihre  Standhaftigkeit  zu  Boden 
geschlagen." 

Wenden  wir  uns  nun  zu  dem  Liebeslied.  Es  lautet  in 
Goethes  Bearbeitung  im  Tiefurter  Journal  also:  | 

Liebeslied  eines  amerikanischen  Wilden.  478 

Schlange  warte,  warte  Schlange, 
Dass  nach  deinen  schönen  Farben, 
Nach  der  Zeichnung  deiner  Ringe, 
Meine  Schwester  Band  und  Gürtel 
.Mir  für  meine  Liebste  flechte. 
Deine  Schönheit,  deine  Bildung 
Wird  vor  allen  andern  Schlangen 
Herrlich  dann  gepriesen  werden. 

Hier  ist  die  Abhängigkeit  von  der  Montaigne-Übersetzung 
von  Titius  noch  stärker  als  bei  dem  ersten  Liede. 

Eine  Bearbeitung  desselben  Liedes  findet  sich  auch  in 
Goethes  Zeitschrift  'Über  Kunst  und  Altertum",  Band  5, 
Heft  3  [1825],  S.  130,  worauf  Herr  Dr.  Burkhardt  nicht  ver- 
fehlt hat  hinzuweisen. 

Brasilianisch. 

Schlange,  halte  stille! 

Halte  stille,  Schlange! 

Meine  Schwester  will  von  dir  ab 

Sich  ein  Muster  nehmen; 

Sie  will  eine  Schnur  mir  flechten 

Reich  und  bunt  wie  du  bist, 

Dass  ich  sie  der  Liebsten  schenke. 

Trägt  sie  die,  so  wirst  du 

Immerfort  vor  allen  Sehlangen 

Herrlich  schön  gepriesen. 

9* 


];;•_>  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Üb  auch  diese  Bearbeitung  von  Goethe  herrührt,  niuss 
dahingestellt  bleiben.  (Siehe  v.  Löper  in  Strehlkes  Ausgabe 
der  Goetheschen  Gedichte  3,  370  f.  [5,  228.  253  f.  Wei- 
marer Ausgabe  4.  333].)  Während  die  Bearbeitung  im 
Tiefurter  Journal  nach  der  Übersetzung  von  Titius  gemacht 
ist,  lässt  die  in  'Kunst  und  Altertum'  in  einigen  Worten 
Benutzung  des  französischen  Originals  erkennen.  Dafür, 
dass  dem  Verfasser  der  zweiten  Bearbeitung  die  erste  vor- 
gelegen, könnte  nur  die  Ähnlichkeit  der  letzten  Zeile  in 
beiden  sprechen,  doch  kann  dies  wohl  auch  zufälliges  Zu- 
sammentreffen sein. 

Schliesslich  mögen  zur  Vergleichung  noch  aus  Bodes 
Übersetzung  der  Essais  Montaignes  (M.  Montaignes  Gedanken 
und  Meinungen  über  allerley  Gegenstände.  Zweyter  Band. 
Berlin  1793.  S.  121  und  124)  die  beiden  Lieder  hier  Platz 
finden. 

Kommt  herbey  mit  hellem  Haufen, 
Kommt,  gelüstet  Euch  mein  Fleisch! 
479  Wollt  Ihr  Eure  Väter  fressen? 

Kommt,  schmeckt  deren  Yäter  auch ! 

Ha!  ihr  aller  Fleisch  nährt  mich  schon  lange! 

Muskeln,  Adern,  Zasern  und  Gebein, 

Sind  aus  ihrem  Saft  und  Mark  erzeuget. 

Darnach  lüstet's  Euch,  Ihr  dummen  Hunde  ? 

Nun  so  nagt  und  fresst  Eur  eignes  Mark. 

Nehmt  mir  wieder,  was  ich  Euren  Vätern  nahm! 


Fleuch  nicht,  Schlange,  schöne  bunte  Schlange, 

Bleib !  dass  meine  Schwester  eine  Zeichnung 

Nach  der  Schönheit  Deiner  Haut  mir  mache, 

Und  nach  der  ein  schönes  Band  für  Cora, 

Meine  Jugendfreundinn,  die  ich  liebe ! 

So  nennt  jeder  Dich  die  schöne  Schlange. 

Preiset  auch  Dich  mehr,  als  andre  Schlangen! 

Fleuch  nicht,  schöne  Schlange;  schöne  Schlange,   weile! 

[Auf     Hoffmann     von     Hoffmannswaldaus     stillose! 
Übersetzung    (Gedichte  1689,    Vorrede    Bl.  4)    und    Morhofs 
Unterricht    von    der  deutschen  Poesie  1700,   S.  382  verweist 
Erich  Schmidt,  Zs.  f.  d.  österr.  Gymn.   1883,  36.  A.  Chuquet, 


19.  Goethiana.  133 

Revue  crit.  1886,  nr.  40.  S.  293.  Auch  Ewald  von  Kleists 
'Lied  der  Canibalen'  (Gedichte  von  dem  Verfasser  des  Früh- 
lings 1756,  S.  158  =  Werke  ed.  Sauer  1,  94),  das  Herder 
|  Volkslieder  2,  304  =  =  Werke  ed.  Suphan  25,  538,  nr.  5) 
nennt,  wäre  anzuführen  gewesen: 

Verweile  schöne  Schlange, 
Verweile!  Meine   Schwester 
Soll  in  ein  Band   von  Golde 
Dein  Bild  für  Isen   wirken, 
Für  Isen  meine  Freundinn. 
Alsdann  wird  deine  Schönheit 
Vor  allen  andern  Schlangen 
Der  Welt  gepriesen  werden.] 

IL    Der   christliche  Roman0. 

Fräulein  von  Göchhausen  schreibt  in  einem  Briefe  vom 
16.  September  1782  an  Knebel  (abgedruckt  in  der  Europa 
1843,  II,  344)  mit  Bezug  auf  das  Tief urter  Journal:  cDer  so- 
genannte christliche  Rom  au  ist  aus  dem  Munde  einer  sehr 
alten  Frau  in  Ettern  [Ottern]  bei  Belvedere  nachgeschrieben 
worden.0  Als  ich  vor  Jahren  zum  erstenmal  diese  Stelle 
las,  war  ich  sehr  neugierig,  zu  erfahren,  was  das  für  ein 
'christlicher  Roman'  sein  möchte,  den  man  aus  dem  Munde 
einer  alten  Bauersfrau  aufgeschrieben  und  der  Aufnahme  in 
jenes  Journal  wert  erachtet  hatte.  Ich  vermutete  ein  Volks- 
märchen in  Prosa,  fand  aber,  als  ich  bald  darauf  Gelegenheit 
hatte,  Salomon  Hirzels  Exemplar  des  Tiefurter  Journals  ein- 
zusehen, zu  meiner  Überraschung  im  28.  Stücke  unter  der 
Überschrift  'Ein  christlicher  Roman3  ein  mir  wohlbekanntes 
Volkslied.  Es  ist  das  Lied  von  der  Tochter  des  Komman- 
danten zu  Gross -Wardein,  von  dem  ich  vier  verschiedene 
Drucke  kenne:  1)  Des  Knaben  Wunderhorn  1,  64;  neue  Aus- 
gabe 1,  73  [1,  63.  520  ed.  Birlinger-Crecelius  —  1,  106  ed. 
Boxberger].  2)  Volks-Sagen.  Märchen  und  Legenden.  Ge- 
sammelt von  .1.  G.  Büsching.  Leipzig  1812.  S.  163.  3) 
Fränkische  Volkslieder,  gesammelt  von  Fr.  W.  Freiherrn 
von  Ditfurth.  Leipzig  1855,  1.  nr.  87.  4)  Braut- Sprüche 
und  Braut-Lieder,  auf  dem  Heideboden  in  Ungern  gesammelt 


134  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

von  R.  Sztachovics,  Wien  18G7,  S.  276.  (In  letzterer  Samm- 
lung ist  das  Lied  nach  mehreren  Liederhandschriften  mit- 
geteilt, deren  älteste  vom  Jahre  1767.)  x)  Es  bedarf  kaum  der 
Erwähnung,  dass  diese  fünf  Texte  des  Liedes  öfters  unter- 
einander abweichen,  wie  dies  Texte  eines  und  desselbeu  | 
480  Volksliedes,  die  zu  verschiedener  Zeit  und  an  verschiedenen 
Orten  aufgezeichnet  sind,  ja  immer  thun.  Was  die  dem 
Texte  des  Tiefurter  Journals  eigentümlichen  Lesarten  betrifft, 
so  sind  sie  durchaus  nicht  der  Art,  dass  man  etwa  eine 
Überarbeitung  von  der  Hand  des  Einsenders  vermuten  müsste, 
man  darf  vielmehr  annehmen ,  dass  er  unverändert,  wie  er 
aus  dem  Munde  der  Alten  aus  Ottern  nachgeschrieben 
worden  war,  in  das  Journal  übergegangen  ist.  Herr  Dr. 
Burkhardt  hat  (s.  den  oben  citierten  Aufsatz  S.  289)  auch 
von  dem  'christlichen  Roman3  die  Originalhandschrift  vorge- 
funden, und  zwar  ist  sie  von  Goethes  Schreiber  geschrieben. 
So  mag  denn  das  Lied  durch  Goethe  in  das  Journal  ge- 
kommen sein.  Wenn  aber  Herr  Dr.  Burkhardt  sagt:  cOb 
Goethe  die  Erzählung  in  diese  Reime  gebracht  hat,  darüber 
lässt  sich  kaum  eine  Vermutung  aussprechen,3  —  so  ergiebt 
sich  aus  dem  obigen,  was  nicht  als  Vermutung,  sondern  als 
Gewissheit  auszusprechen  ist. 

III.  Sprichwörtlich. 

In  der  Abteilung  der  Goetheschen  Gedichte,  welche  über- 
schrieben ist  'Sprichwörtlich5  [Gedichte,  hsg.  von  Loeper 
1884  3,  41.  Weimarer  Ausgabe  2,  231],  findet  sich  bekannt- 
lich der  Spruch: 

Noch  spuckt  der  Babylon'sche  Thurm, 
Sie  sind  nicht  zu  vereinen! 
Ein  jeder  Mann  hat  seinen  Wurm, 
Copernikus  den  seinen. 

In  Jacob  Bälde s  merkwürdigem  Gedichte  'De  vanitate 
mundf,  worin  gewisse  lateinische  Strophen  immer  auch  frei 
deutsch  wiedergegeben  werden,  lesen  wir  unter  nr.  LVI: 


')  |  Weitere  Texte    verzeichnet    Bolte,    Zeitschr.    f.  dtsch.  Altertum 
34,  28  und  36,  95  f.    Vgl.  auch  oben  2,  226.] 


20a.  Harlekins  Hochzeit   und  Goethes  'Hanswursts  Hochzeit'.    13,") 


Copernici  deliria 

Sunt  involucra  gypsi. 

Quid  hoc?  iacet  Copemicus, 
Tellus  stat,  astra   currunt. 


Die  Erden  steht,  vnd  nit  vmbgeht, 

Wie  recht  die  Glehrten  meinen. 
Ein  jeder  ist  seins  Wurmbs  vergwist, 
Copemicus  d  e  s  s  seinen. 


Weimar,  August  1871. 


20  a.  Harlekins  Hochzeit  und  Goethes 
'  Hanswursts  Hochzeit'. 

(Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  20,   119—126.     1876.) 

Bekanntlich  erzählt  Goethe  im  18.  Buch  von  Dichtimg 
und  Wahrheit  einiges  über  Entstehung,  Schema,  Dekorationen 
und  Charaktere  eines  Dramas,  von  dem  sich  in  seinen  Werken 
nur  ein  paar  Bruchstücke  u.  d.  T.  'Hanswursts  Hochzeit  oder 
der  Lauf  der  Welt.  Ein  mikrokosmisches  DramaJ  finden.  x) 
Ich  hatte',  beginnt  Goethe  seinen  Bericht  über  das  Stück, 
'nach  Anleitung  eines  älteren  deutschen  Puppen-  und  Buden- 
Spiels  ein  tolles  Fratzenweseu  ersonnen,  welches  den  Titel 
Hanswursts  Hochzeit  führen  sollte." 

Das  hier  von  Goethe  gemeinte  Puppen-  und  Budenspiel 
kaun  ich  nachweisen.  Es  ist  ein  Singspiel  eines  ungekannten 
Verfassers,  betitelt  'Harlekins  Hochzeit"  oder  'Harlekins 
Hochzeitschmaus',    aber  auch   als  'Harlekins  singender  Hoch- 


')  Die  Bruchstücke  sind  zuerst  in  der  Quart-Ausgahe  der  Werke 
Goethes  (1,  2,  38  f.),  zuletzt  'mit  Ergänzungen  nach  einer  Handschrift' 
in  S.  Hirzels  Sammlung  Der  junge  Goethe  (3,  494 — 499)  herausgegeben 
worden.  [Goethes  Werke,  Weimarer  Ausgabe  38,  45 — 52:  dazu  S.  435 
bis   449.] 


136  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

zeitschmaus',  bekannt.  x)     Es   hat  mir  in  folgenden  Drucken 

vorgelegen:  | 

120  1.    MONSIEVE  j  le  I  HARLEQVIN  |  Oder  |  Des  HARLEQVINS    | 

Hochzeit.     In  einem     Singe -Spiele  |  vorgestellet.   |  Gedruckt  |  zu  Haar- 

burg  im   Hochzeit-Hause     in   diesem  Jahr.     31   Seiten  8°  (Berlin). 

2.    L'Ifunnete  Femme   J  Oder   die  ]   Ehrliche  Frau   |  zu   Plissine,  | 
in      Einem  |   Lust -Spiele,  i  vorgestellet,    J  und  |   aus    dem    Franzöischen 
[sie!]  |   übersetzet  |  von  j  HILARIO,  |   Nebenst    Harlequins    Hochzeit-    | 
und  Kind-Betterin-  |  Schmause.  |  Plissine,  |  Gedruckt  in  diesem  Jahre. 
8  °  (Berlin). 

Das  Lustspiel  'L'honnete  femme'2)  nimmt,  mit  Titelblatt 
und  Dedikationsgedicht  au  csämmtliche  Herren  Studiosi  auf 
der  weitberühmten  Universität  Leipzig3,  6  unpaginierte  und 
64  paginierte  Seiten  ein.  Dann  folgt  mit  neuer  Paginierung 
(S.  (3)  bis  S.  30)   unser  Singspiel  mit   der  Überschrift:  'Des 


1)  Unter  dem  letztgenannten  Titel  erwähnen  das  Stück  Gottsched 
in  seinem  Versuch  einer  critischen  Dichtkunst,  4.  sehr  vermehrte  Auflage 
(Leipzig  1751)  S.  736  und  J.  F.  Schütze  in  seiner  Hamburgischen 
Theater-geschichte  (Hamburg  1794)  S.  86  und  266.  Die  in  mehrfacher 
Hinsicht  interessante  Stelle  Gottscheds,  auf  die  ich  durch  Goedeke,. 
Grundriss  2,  553  [=2.  Aufl.  3,  373]  hingewiesen  worden  bin,  lautet 
vollständig:  'Deutschland  hat  also  die  Ehre,  dass  in  Nürnberg  zuerst 
die  Kunst  erfunden  und  ausgeübet  worden,  ganze  musikalische  Vor- 
stellungen auf  der  Bühne  zu  sehen.  Und  ob  sie  gleich  durchgehend» 
nach  einer  Melodie  gesungen  worden,  wie  andere  Lieder;  so  thut  dies 
nichts  zur  Sache.  Denn  wer  weis,  wie  die  erste  wälsche  Oper  aus- 
gesehen hat?  Alle  Dinge  sind  im  Anfange  schlecht  und  einfach:  all- 
mählich geht  man  weiter.  So  ist  z.  E.  des  Harlekins  singender  Hoch- 
zeitschmaus, den  wir  einzeln  vielmal  gedrucket  haben,  und  den  ich 
noch  selbst  habe  singend  aufführen  gesehen,  schon  etwas  künstlicher,, 
weil  er  aus  zweyerley  Strophen  besteht,  und  nach  zweyerley  Melodien 
gesungen  wird.'  —  Schütze  erzählt  S.  266  von  Madame  Schröder  in 
Hamburg  aus  den  Jahren  1742 — 44:  'Auch  Harlekins  singenden  Hochzeit- 
schmauss,  die  ]  alte  Singposse,  gab  oder  muste  sie  geben'  —  und 
S.  86  f.  von  Johann  Kuniger:  'Schon  1748  war  er  bis  1750  mit  Mario- 
netten in  Hamburg  und  gab  galante  Aktionen  und  Singpossenspiele: 
z.  B.  Arlequins  lächerlich  singender  Hochzeitsschmaus  (wo  freilich  nicht 
der  Schmaus,  sondern  die  Hochzeitgäste  sangen).' 

2)  [Diese  Komödie  Christian  Reuters  ist  mit  den  beiden  Anhängen 
1890  von  G.  Ellinger  nach  dein  ältesten  Drucke  (Plissine  1695)  neu 
herausgegeben  worden. | 


20a.  Harlekins  Hochzeit  und  Goethes  'Hanswursts  Hochzeit'.    137 

HARLEQVINS  Hochzeit-Schmauss,  In  einem  Sing-Spiele  vor- 
gestellet.' —  Hieran  schliesst  sieh  wieder  mit  neuer  Paginieruug 
(S.  (1)  bis  S.  25)  ein  zweites  Singspiel,  eine  Fortsetzung  des 
vorgehenden,  überschrieben:  'Des  HARLEQVINS  Kindbetterin- 
Schmauss  In  einem  Singe-Spiele  vorgestellet  Von  HILARIO.  - 
Hierauf  folgen  noch  drei  unpaginierte  Seiten.  Auf  den  beiden 
ersten  stellen  je  fünf,  mit  1 — 5  numerierte  Strophen,  von 
denen  die  erste  auf  der  ersten  Seite  beginnt  'Mein  einziger 
Schatz  auff  Erden5,  die  erste  auf  der  zweiten  cDu  wahrlich 
gar  nicht  bist3.  Diese  wie  zwei  Lieder  von  je  5  Strophen 
gedruckten  10  Strophen  sind  in  Wirklichkeit  ein  Lied. 
Auf  der  letzten  Seite  endlich  steht: 

Bericht  |  Am  Buchbinder. 
Der  Titul  zur  Ehrlichen  Frau    sambt  dem  Kupffer-Blat  an  Harle- 
qvins   Hochzeit-Schmauss    muss    abgeschnitten,    und   vorhero   ans   erste 
Alphabet  gebracht  werden.  *)  | 

Von  dem  in  diesem  undatierten  Druck  den  Harlekinaden  121 
vorausgehenden  Lustspiel  führen  Gottsched,  Nöthiger  Vorrath  1, 
259  und  Weiler.  Annalen  2,  277  einen  Druck  von  1695  an. 
Beider  Titelangaben  stimmen  nicht  ganz  überein  und  scheinen 
mit  dem  Titel  unseres  Druckes  verglichen,  beide  ungenau. 
Bei  Gottsched  lautet  der  Titel:  'L'honette  Femme,  oder  die 
ehrliche  Frau  zu  Plissine,  ein  Lustspiel,  aus  dem  Frantzösischen 
übersetzt  von  Hilario.  Plissine,  S°\  bei  Weller:  cL'Honnette 
femme,  oder  die  ehrliche  Frau  zu  Plissine,  in  einem  Lust- 
spiele. A.  d.  Franz.  übersetzt  von  Hilario.  Plissine  (Leipzig) 
1695.  8°'.  Unser  undatierter  Druck  wird  ungefähr  gleich- 
zeitig sein. 

3.  ües  ;  HARLEQVINS  j  Hochzeit-  |  und  |  Kindtauffen-Schmauss  | 
In  einem  j  Singe-Spiele  vorgestellet.  |  Freywald,  |  1730.  |  52  paginierte 
und  noch  2  unpaginierte  Seiten  8  °  (Berlin). 

r)  Die  K.  Bibliothek  in  Dresden  besitzt  von  diesem  Druck  nur  die 
beiden  Harlekinaden  mit  den  3  unpaginierten  Seiten.  Anstatt  des  Lust- 
spiels 'L'Honnete  Femme'  ist  die  nach  demselben  bearbeitete  Oper  vor- 
vorgebunden :  cLe  Jouvanceau  Charmant  Seigneur  Schelmutfsky,  Et 
I/Honnete  Femme  Schlampampe,  representee  par  une  OPERA  sur  le 
Theatre  ä  Hambourg.  Oder  Der  anmuthige  Jüngling  Schelmuft'sky,  und 
Die  ehrliche  Frau  Schlampampe,  In  einer  OPERA  auf  den  Hamburgischen 
Theatro  vorgestellet.     Hamburg,  Gedruckt  im  güldnen  ABC 


138 


Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


S.  3  -  28  enthalten  ohne  besondere  neue  Überschrift 
Harlequins  Hochzeit -Schmanss,  S.  29  —  52  die  oben  unter 
ar.  2  erwähnte  Fortsetzung  'Des  HARLEQVINS  Kindbetterin- 
Schmauss  In  einem  Singe-Spiele  vorgestellet  Von  HILARIO\ — 
Auf  den  beiden  letzten  unpaginierten  Seiten  steht,  wie  in 
nr.  2,  das  Lied  'Mein  eintz'ger  Schatz  auf  Erden5,  auch  hier 
als  2  Lieder  gedruckt. 

4.  Des  HARLEQVINS  Hochzeit-  und  Kindtauffen-Schmauss  | 
In  einem  Singe -Spiele  vorgestellet.  ;  Freywald,  |  1735.  |  52  paginierte 
und  noch  2  unpaginierte  Seiten  8°.  Neue  Auflage  von  nr.  3  und  daher 
genau  damit    übereinstimmend   (aus  der  Grossh.  Bibliothek  in  Weimar). 

5.  Endlich  hat  mir  'Harlequins  Hochzeit-SchmaussJ  noch 
in  einem  Druck  aus  der  K.  Bibliothek  in  Berlin  vorgelegen, 
dem  nach  der  Paginierung  irgend  ein  anderes  Werk,  wie  bei 
nr.  2,  vorausgegangen  sein  muss.  Das  Stück  beginnt  auf 
S.  (81)  ohne  besonderes  Titelblatt  mit  der  Überschrift  ! 

122  'Des   I   HARLEQVINS    |   Hochzeit -Schmauss,    |   In    einem   j  Singe- 

Spiele  |  vorgestellet.' 
und  endigt  S.  112.     Dann  folgt  auf  S.   113—140 

'Des  |  HARLEQVINS  '  Kindbetterin- Schmauss  |  In  einem  Singe- 
Spiele  |  vorgestellet  ]  von  ;  HILARIO.' 

Dies  sind  die  5  Drucke  von  Harlekins  Hochzeit  oder 
Hochzeitschmaus,  die  mir  vorgelegen  haben.  Ausserdem  kenne 
ich  aber  noch  2  andere,  leider  jedoch  nur  aus  Anführungen. 
Gottsched  nennt  nämlich  im  Nöthigen  Vorrath  1,  290,  'Harle- 
quins Hochzeit'.  'Harlequins  Kindbetterin -Schmauss5  und 
'Harlequins  närrische  Ehe  und  lustige  WürthschaiV  als  drei 
im  Jahre  1716  zu  Durlach  erschienene  'Opern \  und  in 
Goedekes  Grundriss  2,  553  nr.  532  [2.  Aufl.  3,  373]  und 
W.  v.  Maltzahns  Deutschem  Bücherschatz  S.  533  nr.  2247 
finde  ich  den  Titel  'Der  lustig-singende  Harlequin  oder  die  *) 
Pickelhärings-Hoehzeit5.     0.  0.  u.  J.  8°. 

[1884  wies  Zarncke  (Christian  Reuter,  der  Verfasser  des 
Schelmuffsky,  sein  Leben  und  seine  Werke.  Abh.  der  k. 
Sachs.  Ges.  der  YViss.  21,  587 — 591)  ein  Manuskript  Reuters 
und  5  Drucke  der  beiden  Singspiele  nach,   die  er  beide  dem 


')  'die'  fehlt  bei  v.  Maltzahn. 


l'iia.   Harlekins  Hochzeit  und  Goethes  'Hanswursts  Hochzeit'.    139 

Leipziger  Studenten  Reuter  zusehrieb.  —  1893  fügte  Bolte 
(Die  Singspiele  der  englischen  Komödianten  und  ihrer  Nach- 
folger S.  148 — 166:  vgl.  186)  diesen  und  andern  inzwischen 
noch  aufgetauchten  Drucken  und  Handschriften  einen  wahr- 
scheinlich in  Hamburg  gedruckten  Text  hinzu,  der  die  älteste 
Gestalt  des  Singspiels  von  Harlekins  Hochzeit  enthält: 

Der  Lustige  |  HARLEQUIX,  |  Wird  vorgestellet  in  einem  |  Singe- 
Spiel.  ||  Im  Jahr  1693.  |  2  Bogen  -4°  (Hamburg).  --  Enthält  595  Verse  in 
85  Strophen  verschiedener  Form,  aber  nicht  in  Auftritte  abgeteilt.  Ab- 
gedruckt bei  Bolte  a.  a.  0.] 

Über  den  Verfasser  von  Harlekins  Hochzeitschmaus 
wissen  wir  nichts.  Gervinus,  Geschichte  der  deutschen 
Dichtung  3,  461  r)  nimmt  ohne  weiteres  an,  dass  er  und  der 
Hilarius,  der  sich  als  den  Verfasser  der  Ehrlichen  Frau  2) 
und    von  Harlekins   Kindbetterinschmaus  3)   nennt,    eine    und 


')  Gervinus,  den,  um  dies  nebenbei  zu  bemerken,  Menzel  (Deutsche 
Dichtung  2,  386)  offenbar  ausgeschrieben  hat,  sagt:  'Ja  wir  können 
vielleicht  am  besten,  unter  der  ganzen  Masse  von  Harlekinaden  zur 
Probe  ein  Paar  herausheben,  die  ein  Hilarius  als  Anhänge  des  Schell- 
muffsky  publieirte  (1696),  der  also  wohl  selbst  Verfasser  von  den  Spielen 
wie  von  der  Erzählung  sein  wird.  In  zweien  spielt  die  Frau  Schlam- 
pampe mit  ihrem  Sohne  Schellniuffsky  die  Hauptrolle;  zwei  andere 
drehen  sich  um  Harlekins  Hochzeitschmaus  und  Kindbetterinschmaus.' 
Mit  den  zwei  Harlekinaden,  in  denen  die  Frau  Schlampampe  mit  ihrem 
Sohne  Schelmuffsky  die  Hauptrolle  spiele,  meint  Gervinus  das  mehr- 
erwähnte Lustspiel  'L'honnete  Feinnie'  und  dessen  Fortsetzung  'La 
Maladie  et  la  mort  de  l'honnete  Femme,  das  ist:  Der  ehrlichen  Frau 
Schlampampe  Krankheit  und  Tod.  In  einem  Lust-  und  Trauer -Spiele 
vorgestellet,  und  Aus  dem  Französischen  in  das  Teutsche  übergesetzt, 
von  Schelmuffsky  Reisse-Gefährten.  Gedruckt  im  diesem  1696  Jahr.  SV 
Beide  Lustspiele  sind  aber  weder  Harlekinaden,  noch  spielt  Schelmuffsky 
in  ihnen  eine  Hauptrolle,  noch  sind  sie  ursprünglich  als  Anhänge  des 
Schelmuffsky  herausgekommen. 

2)  Weller,  Annalen  2,  277  nennt,  ich  weiss  nicht  nach  welcher 
Quelle,  als  wahren  Verfasser  der  Ehrlichen  Frau  'Christian  Reuter'. 
[Zarncke,  Abb.  der  k.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  21,  457.1 

3)  In  Harlekins  Kindbetterinschmaus,  Actus  III,  Scena  I  kommt 
eine  |  Anspielung  auf  die  Ehrliche  Frau  vor,  indem  die  Kindbetterin 
Ursel  von  ihrem  Wochenbett  sagt: 

Betrachtet  es  nur  fein  genau. 
Es  war  sonst  der  Ehrlchen  Frau, 


140  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

123  dieselbe  Person  seien.  Dass  der  Falsch- iname  Hilarius  heide- 
mal einen  und  denselben  Verfasser  verbirgt,  möchte  auch 
ich  annehmen.  Aber  warum  sollte  dieser  Hilarius  sich  gerade 
als  Verfasser  von  Harlekins  Hochzeitschmaus  nichl  auch  so 
genannt  haben?  Allerdings  machen  Harlekins  Hochzeitschmaus 
und  Harlekins  Kindbetterinschmaus  den  Eindruck,  als  rührten 
sie  von  einem  Verfasser  her;  aber  dies  ist  natürlich,  da 
eins  eben  nach  dem  Muster  des  andern  gemacht  ist.  [Hilarius 
ist.  wie  Zarncke  musterhaft  nachgewiesen  hat.  ein  Deckname 
des  Leipziger  Studenten  Christian  Reuter.  Dieser  über- 
arbeitete 1695  das  ältere  Singspiel  von  Harlekins  Hochzeit, 
indem  er  sieben  Strophen  strich,  neun  neue  einschob  und 
mehrfach  Umstellungen  und  Änderungen  im  Ausdruck  wie 
in  den  Personennamen  vornahm;  vgl.  Holte,  Die  Singspiele. 
S.  187.  Er  fügte  ferner  der  beliebten  Posse  eine  Fortsetzung 
'Des  Harlekins  Kindbetterin-Schmauss5  hinzu:  doch  war  er 
nicht  der  einzige,  der  auf  diesen  Gedanken  kam.  In  der 
Wiener  Hs.  13287  ist  ein  anderer,  derberer  'Kindtaufen- 
schmausJ  Harlekins  in  denselben  Strophenmassen  überliefert, 
den  Zarncke  in  den  Berichten  der  sächs.  Ges.  1888,  115 — 131 
herausgegeben  hat.  Über  eiue  dänische  Übersetzung  beider 
Singspiele  v.  J.   1730  vgl.  Bolte  S.  41.] 

Harlekins  Hochzeitschmaus  ist  ebenso  wie  Harlekins 
Kindbetterinschmaus  in  gereimten  Strophen  geschrieben,  und 
zwar  in  zweierlei  Strophen,  und  wurde  mithin,  wie  Gottsched 
in  der  oben  citierten  Stelle  ausdrücklich  auch  bemerkt,  nach 
zweierlei  Melodie  gesungen.  Eine  Person  singt  häufig  eine> 
ja  mehrere  Strophen  allein;  öfters  aber  ist  eine  Strophe,  ja 
ein  paarmal  sogar  ein  Vers,  zwischen  mehreren  Personen 
verteilt.  Ich  lasse  als  Beispiel  der  beiden  Stropheuarten 
zunächst  die  Strophe  folgen,  mit  welcher  das  Singspiel 
beginnt: 

Du  liebes  werthes  Kind,  vernimm  itzt,   was  ich  dir 
Aus  wahrer  Vater -Treu  und  Liebe  bringe  für. 


Das  hab  ich 
Nur  Neulich 
Derselben  abgekauft. 


20a.  Harlekins  Hochzeit  und  Goethes  'Hanswursts  Hochzeit'.    141 

Meine  Kräfte  nehmen  ab, 

Auf  mich  wartet  schon  das  Gral». 

Die  Augen 

Nichts   taugen, 
Noch   alles   was  an   mir.  ')  , 

Diese  Strophenart  ist  die  vorherrschende:   die  andere  kommt    124 
zum  erstenmal  in  der  dritten  cEutreV  2)  also  zur  Anwendung: 

Ursel.  Wie  ist   es   denn  mein   Kind, 

Willstu  mich   gar   nicht  lieben? 

Harlequin.     0   wenn  ich   wäre  blind! 

Ursel.  Ich  will  dich  nicht  betrüben, 

Ich  bin  ja  so  hübsch  und  fein 
Und  will  gern   dein  Weibchen  sein. 

H a  r  1  e qui  n.  Pfui  Teufel  :|:  :|: 

Wenden  wir  uns  nun  zu  einer  näheren  Angabe  des 
Inhalts  von  Harlekins  Hochzeit. 

Harlekin,  der  von  der  unschönen  Ursel,  der  Tochter  des 
Besenbinders  Claus,  geliebt  wird,  liebt  die  schöne  Lisette, 
Tenesos  Tochter,   die   den   jungen   reichen   Lavantin   heiraten 


*)  Der  letzte  Vers  reimt  sich  bald  auf  die  beiden  ersten,  bald  auch 
nicht.  In  Harlekins  Kindbetterinschmaus  reimt  er  sich  fast  nie.  — 
Hier  sei  auch  noch  erwähnt,  dass  Schütze,  Hamburgische  Theater- 
geschichte S.  88  f.  ein  'Singpossenspiel  älterer  Zeit'  kurz  bespricht, 
welches  'in  Hamburg  und  Leipzig  mit  Beifall  gegeben  oder  vielmehr 
hergeleiert  worden,'  und  dessen  Titel  lautet:  'Lustige  Nacht -Comoedia, 
betitult:  der  verirrete  Geist,  oder  der  zur  Nachtzeit  bei  dem  Müller 
eingekehrende  [!  |  Lysander.  Aus  einer  wahrhaftig  passirten  Historie 
in  solcher  Form  metamorphosiret  und  auf  die  Melodey  des  Harlequinischen 
Singe -Spiels  gerichtet,  als  Fortsetzung  des  Harlequins  Hochzeit,  dem 
Neid  zum  Leid  vorgestellet  von  dem  Jungen  Müller  (mit  Holzschnitten 
verziert,  ohne  Druckort  und  Jahrzahl)  12.'  —  Schütze  führt  dann  die 
beiden  ersten  Strophen  des  Prologs  an,  die  in  der  |  eben  mitgeteilten, 
in  Harlekins  Hochzeit  vorherrschenden  Strophenart,  der  letzte  Vers 
ungereimt,  verfasst  sind. 

2)  Das  Stück  zerfällt  in  16  Entrees,  die  aber  nur  in  dem  Druck 
nr.  1  richtig  'Entree  I'  bis  'Entree  XVI'  bezeichnet  sind,  während  die 
übrigen  Drucke  von  der  4.  Entree  an  eine  falsche  Bezifferung  haben, 
nämlich  'Entree  V— XVII'  statt  'IV— XVI'.  Harlekins  Kindbetterin- 

schmaus ist  nicht  in  Entrees,  sondern  in  Actus  und  Scenae  eingeteilt, 
was  vielleicht  auch  dafür  spricht,  dass  die  beiden  Singspiele  nicht  von 
einem   Verfasser  sind. 


142  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

soll.  Eines  Nachts  steigt  er  auf  einer  Leiter  vor  Lisettens 
Kammerfenster  und  singt  eine  'AriaJ.  1)  Lisettens  Vater 
kommt  hinzu,  zieht  die  Leiter  hinweg,  so  dass  Harlekin  am 
Fenster  'in  der  Luft  schwebt',  und  schickt  nach  den  Häschern, 
die  auch  kommen  und  Harlekin  festnehmen  und  ins  Hundeloch 
bringen.  Ursels  Vater  erwirkt  von  dem  Richter,  dass  Harlekin 
frei  kommen  soll,  wenn  er  Urseln  heirate,  und  Harlekin  ist 
es  zufrieden,  da  'Not  aus  Kuhdreck  Milch  macht'.  Nachdem 
das  Paar  und  Vater  Claus  beim  Richter  gewesen  und  'ein- 
geschrieben" worden  sind,  tritt  der  Hochzeitbitter  auf  und 
125  ladet  den  Richter  und  dann  sämtliche  Versam-|melte  'Jungfern, 
Frauen,  Herrn  und  Junggesellen  all'  zur  Hochzeit  ein.  Hierauf 
wird  die  Hochzeit  selbst  dargestellt:  Schmaus,  Beschenkung 
des  Brautpaars  durch  die  Hochzeitsgäste.  Saufen  und  Runda- 
singen, endlich,  nachdem  'Tisch  und  Bänke  übern  Haufen 
geworfen  und  weggeschafft',  Tanzen.  Nach  dem  Tanze  be- 
schliesst  der  Hochzeitbitter  das  Stück: 

Jetzt  dank  ich  denen,  die  uns  haben  zugeschaut, 
Es  dankt  der  Bräutigam  euch  auch  mit  seiner  Braut. 
Geht  nur  heim,  zu  guter  Xaeht, 
Denn  die  Braut  wird  schon  gebracht 
Zu  Bette. 
Yalete 
Und  nehmet  so  verlieb  ! 

Vergleicht  man  die  Fragmente  von  Goethes  Hanswursts 
Hochzeit  und  das,  was  er  in  Dichtung  und  Wahrheit  über 
das  Stück  und  aus  ihm  mitteilt,  mit  Harlekins  Hochzeit,  so 
ergeben  sich  nur  folgende  Parallelen. 

Goethe  hat  die  Braut  seines  Hanswursts  Ursel  Blandine 
nach    Ursel,    der  Braut  Harlekins,    genannt.     Ferner  ist   das 

')  Die  erste  der  vier  Strophen  dieser  Aria  lautet: 
Lisette,  liebster  Rosenstock, 

Meines  Herzens  Zuckerstengel 
Du  meines  Leibes  Unterrock, 

Mein  Schatz  und  Tausendengel, 
Vernimm  den  Klang 
Und  schönen   Gesang, 
Die  säubern  Kittornellen, 
So  klingen  wie  Kuhschellen. 


20a.   Harlekins  Hochzeit  und  Goethes  'Hanswurst*   Hochzeit1. 


143 


Wirtshaus  zur  goldenen  Laus,  in  welchem  Harlekins  Hochzeit 

gehalten   wird    und    dessen    Wirtin    in   der   vorletzten    Entree 

mit  folgenden  Worten  auftritt: 

Es  giebt  jetzt  viel  zu  thun  allhier  in  meinem   Haus, 

Drum  häng  ich   aus  mein  Schild,  genannt  zur  güldnen  Laus, 

Dass  ein  jeder  Gast  mag  sehn. 

Wo  die  Hochzeit  wird  geschehn, 

dies  Wirtshaus  zur  goldenen  Laus  ist  auch  in  Goethes  Stück 
übergegangen,  wo  es  im  Hintergrunde  des  Theaters  zu  sehen 
war  cmit  den  goldenen  nach  dem  Sonnenmikroskop  gearbeiteten 
Insignien\  Und  wenn  endlich  nach  Goethes  Erzählung  in 
Hanswursts  Hochzeit  'der  Hochzeitbitter  als  Prologus  auftrat, 
seine  herkömmliche  bannale  Rede  hielt  und  mit  den  Worten 
endigte: 

Bei  dem  Wirth   zur  goldnen  Laus 
Da  wird  sein  der  Hochzeitsehmaus', 

so  sind  diese  zwei  Verse  der  Einladung  des  Hochzeitbitters 
in  Harlekins  Hochzeit  entnommen,  mit  welcher  er  den  Richter 
einladet: 

Herr  Harleqvin  der  last  den  Herren  laden  ein, 

Mit  Bitte,  dass  er  doch  sein  Hochzeitgast  möcht  sein, 

Bei  dem  Wirth  zur  güldnen  Laus  ') 

Da  wird  sein  der  Hochzeitschmaus.  | 

Dies  ist,  was  ich  über  Harlekins  Hochzeit  und  ihr  Ver-    12t> 
hältuis  zu  Goethes  Hanswursts  Hochzeit  zu  sagen  habe.    Ich 
schliesse  daran  noch  andere  Bemerkungen  zu  Goethes  Dichtung. 

Hanswursts  Vormund  heisst  Kilian  Brustfleck.  Nun 
liegt  mir  ein,  wie  es  scheint,  im  vorigen  Jahrhundert  ge- 
drucktes Volksbuch  vor,2)  betitelt: 

Ein  schön  |  ganz  neu  erfundenes  |  Lust-  Scherz-  und  |  Würfel- 
Büchlein,  |  welches  mit  zwey  Würfeln  gespielet  wird  |  und  einem  ofter- 
nialen  gar  artlich  die  |  Wahrheit  sagen  thut.  |  1.  Für  die  Jungfrauen. 


1)  [Zarncke  weist  das  Vorbild  dieser  Stelle  in  Chr.  Weises  Drei 
Erznarren  (1673,  S.  332  =  1878,  S.  187)  nach:  'Im  Gasthoffe  zur  güldenen 
Laus';  eine  Nachahmung  bei  Bernardon  -  Kurz  E.  Schmidt,  Zs.  f.  d. 
Altert.  25,  241.] 

2)  Im  Besitz  der  hiesigen  Grossherzogl.  Bibliothek,  die  es  vor 
mehreren  Jahren  erworben  hat.     [Vgl.  unten  S.  145.] 


144 


Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


3.    Für   die    Mägde,  j    4.    Für    die   Junggesellen.   | 
Ganz    neu    gedruckt.    [   8°,    2    Bogen    stark,    un- 


2.  Für  die  Frauen. 
5.  Für  die  Männer 
paginiert. 

Der  zweite  Bogen  dieses  Büchleins  enthält  unter  der 
Überschrift  'Des  Kilians  Brustfleck  Lustige  Scherz-Spiele' 
eine  Anzahl  Gesellschaftsspiele.  Wenn  der  Name  Kilian 
Brustfleck  nicht  etwa  auch  sonst  noch  vorkommt,  x)  so  wird 
ihn  Goethe  wohl  diesem  Volksbüchlein  entlehnt  haben. 

In  den  Fragmenten  von  Hanswursts  Hochzeit  nennt 
Kilian  Brustfleck  sein  Mündel  Hanswurst  einen 

'Jüngling,  der  Welt  bekannt, 

Von  Salz-  bis  Petersburg  genannt.' 

Hat  Goethe  dabei  vielleicht  an  die  c Lustige  Reyss- Be- 
schreibung, Aus  Saltzburg  in  verschiedene  Länder.  Heraus- 
gegeben von  Joseph  Antoni  Stranitzkhy,  oder  den  so 
genannten  Wiennerischen  Hannss  Wurst3  (4  °,  o.  0.  u.  J.) 
gedacht?  In  diesem  mehrmals  [zuletzt  von  R.  M.  Werner, 
Wien  1886]  aufgelegten  Buch  des  berühmten  Wiener  Hans- 
wursts ist,  wie  Flögel,  Geschichte  des  Groteskkomischen 
S.  133  berichtet,  eine  erdichtete  Reise  des  Stranitzkhy  (f  1727) 
caus  Salzburg  nach  Moskau,  Tyrol,  Finnland,  Grönland  und 
Lappland,  Schweden,  Steiermark,  Schwaben,  Croatieu,  Holland, 
Westphalen,  Welschland,  Böhmen  und  in  die  Türkei  enthalten'. 

Weimar,  Ostern  1876. 


')  [Kilian  Brustfleck  war,  wie  0.  Hartwig,  Archiv  für 
Littgesch.  10,  441  nachweist,  der  Rollenname  des  fürstlich  Eggen- 
bergischen  Komödianten  Joh.  Val.  Petzoldt  (geb.  1648  zu  Passail  bei 
Graz,  gest.  nach  1719),  der  in  den  Jahren  1693,  1694  und  1719  ver- 
schiedene Schriftchen  herausgab  und  in  Schwanksammlungen  1725  und 
1753  als  Held  mehrerer  Eulenspiegelstreiche  erscheint;  vgl.  Scherer, 
Aus  Goethes  Frühzeit  1879,  S.  122.  Bolte,  Zschr.  f.  dtsch.  Phil.  25,  5642. 
Könnecke,  Bilderatlas  1895,  S.  205.  Minor,  Chronik  des  Wiener  Goethe- 
Vereins  13,  15  (1899).  -  -  Über  die  unter  J.  K.  Sammenhammer  herum- 
ziehenden Eggenbergischen  Komödianten  vgl.  Trautmann,  Jahrb.  f. 
Münch.  Gesch.  3,  331.     Weilen.  Die  Theater  Wiens  1,  118  (1899).] 


21.  Ein  Brief  Goethes  an  Alessandro  Poerio.  145 

20  b.  Kilian  Brustfleck. 

(Goethe- Jahrbuch  3,  361.     1882.) 

Freiherr  W.  v.  Maltzahn   besitzt  ein  ans  8  unpaginierten 

Blättern  bestehendes,  im  vorigen,   wenn   nicht  erst  in  diesem 

Jahrhundert  gedrucktes  Volksbuch,  betitelt: 

Kilian  Brustflecks  Kurzweiliges  "Würfel-Spiel.  Dieses 
ist  gar  gespässig  gleich  dem  Glücks-Rath ,  und  fchut  die  "Wahrheit  nit 
spahren.  Zum  1.  werfen  die  Jungfrauen.  2.  Die  Frauen.  3.  Die  Mägde. 
4.  Die  Gesellen.  5.  Die  Männer.  Dieses  Spiel  wird  mit  zwei  Würfel 
geworfen,  und  hernach  das  Loss  dessen  so  geworfen  hat,  nachgesehen 
{zum  Exempel)  eine  Jungfrau  wirft  3.  so  schaue  bei  der  Jungf.  nach. 
{Holzstock.  Rad  in  einem  Schild.)  Gedruckt  in  diesem  Jahr.  8°.  (Eine 
andere  Ausgabe  von  Hartwig    beschrieben  Archiv  f.  Littgesch.  10,  448.) 

Es  enthält  dieser  Bogen  nichts  anderes,  als  was  der  erste 
Bogen  des  von  mir  in  der  Zeitschrift  für  deutsches  Altertum 
und  deutsche  Litteratur  20,  126  [oben  S.  143]  beschriebenen 
Tust-  Scherz-  und  Würfel-Büchlein3  enthält. 

In  dem  'Katalog  der  Bibliothek  aus  dem  Nachlasse  des 
Herrn  Franz  Haydinger'  1.  Abteilung.  2.  Hälfte  (Wien  1876) 
ist  verzeichnet  (nr.  325): 

Schnacken,  Schnurren,  lustige  Schwanke  und  Einfälle  des  welt- 
bekannten Kilian  Brustflecks,  welche  er  im  Wirthshause  zu  Gablitz 
zu  erzählen  pflegte.  Nürnberg  1801.  8°.  Mit  1  Kupfer.  [E.  Schmidt, 
Anz.  f.   dtsch.  Altert.  8,   168.] 


21.  Ein  Brief  Goethes  an  Alessandro  Poerio 

und  Aufzeichnungen  des  letzteren  über  seinen 

persönlichen  Verkehr  mit  Goethe. 

(Archiv  für  Literaturgeschichte  11,  386-395.  1882.) 

Der  hier  zum  erstenmal  in  Druck  erscheinende  Brief 
Goethes  befindet  sich  im  Besitz  meines  Freundes  Yittorio 
Imbriani  in  Pomigliano  d'Arco  bei  Neapel,  eines  Sohnes  der 
Schwester  A.  Poerios.  Nur  die  Namensunterschrift  und  die 
vier  vorhergehenden  Worte  sind   von  Goethe  selbst  geschrie- 

Köhler    Kl.  Schriften.  HI.  10 


14(i  Zur    neueren  Literaturgeschichte. 

ben.  alles  übrige  ist  diktiert.    Auf  der  Aussen seite  des  Briefes 
stellt   folgende  Adresse: 

A  Monsieur 
Monsieur  Alexandre  Poerio 
fr.  Florence. 

Der  Brief  selbst  lautet  also: 

Mit  Vergnügen  und  Dank  habe  Ihr  Schreiben,  mein 
werthester  Herr,  vom  17.  September,  mit  beygelegter  Tragödie, 
durch  Vermittelung  des  Herrn  von  Savigny  erhalten,  auch 
Ihre  frühere  Sendung  war  zu  rechter  Zeit  angekommen.  Ich 
zweifle  nicht,  dass  bei  der  Aufführung  die  Verdienste  de* 
Antonio  Foscariui  mit  Beyfall  aufgenommen  worden.  Meine 
Freunde,  die  sich  mit  mir  nach  auswärtiger  Literatur  umthun, 
wissen  das  genannte  Stück  gleichfalls  zu  schätzen  und  ich 
hoffe  nächstens  davon  ein  günstiges  Zeugniss  abzulegen. 

Von  den  Promessi  Sposi  sind  schon  zwey  Uebersetzungen 
unter  der  Feder,  ja  die  ersten  Theile  schon  aus  der  Presse. 
Empfehlen  Sie  mich  dem  werthen  Manne,  wenn  er  sich  noch 
387  in  Florenz  befindet;  seine  liebenswürdigen  Arbeiten  verbreiten 
sich  auch  in  Deutschland  immer  mehr,  so  wohl  durch  den 
Abdruck  der  Originale,  als  durch  Uebersetzungen. 

Leben  Sie  recht  wohl  und  geben  mir  manchmal  Nach- 
richt von  sich  und  der  neuen  Italiänischen  Literatur.  Glauben 
Sie  dass  Ihre  Briefe  richtig  ankommen,  wenn  ich  auch  nicht 
immer  alsogleich  zu  antworten  im  Stande  seyn  möchte.  Auf 
alle  Fälle  werde  ich  von  Ihren  Mittheilungen  den  besten  Ge- 
brauch machen. 

Das  Beste  wünschend 
Weimar  ergebenst 

d.   1.  Nov.   1827.  J.  W.  v.  Goethe. 

Der  Adressat  des  Briefes,  Alessandro  Poerio  aus 
Neapel,  nachmals  durch  seine  trefflichen  lyrischen  Gedichte 
und   seinen   Tod    fürs    Vaterland   berühmt   geworden1),    war, 


*)  A.  Poerio,  geb.  am  27.  August  1802,  starb  am  3.  November 
1848  in  Venedig  an  den  Wunden,  die  er  am  27.  Oktober  als  freiwilliger 
heldenmütiger  Mitkämpfer    bei  einem    Ausfall    gegen    die    Österreicher 


21.   Ein  Brief  Goethes  an  Alessandro  Poerio.  147 

als  Goethe  an  ihn  schrieb,  ein  junger,  erst  fünfundzwanzig- 
jähriger  Mann,  der  damals  in  Florenz  bei  seinem  ausge- 
zeichneten, wegen  seiner  hervorragenden  Thätigkeit  im  neapo- 
litanischen Parlamente  von  1820  auf  1821  aus  Neapel  ver- 
bannten Vater  Giuseppe  Poerio  lebte.  In  den  beiden  vor- 
hergehenden Jahren  hatte  er  wahrend  eines  längeren  Aufent- 
haltes in  Deutschland  Weimar  um  Goethes  willen  dreimal 
teils  wochen-.  teils  tagelang  besucht  und   das  Glück 

gehabt,  den  Dichter  mehreremal  zu  sprechen  und  sein 
Wohlwollen  sich  zu  erwerben.  Er  hat  über  seinen  Verkehr 
mit  Goethe  in  mehreren  Briefen  an  seinen  Vater  und  in  einem 
Tagebuchbruchstück  Näheres  berichtet,  und  diese  Berichte, 
die  mir  mein  Freund  V.  Imbriani  ebenso  wie  Goethes  Brief 
abschriftlich  mitgeteilt  hat.  mögen  |  hier  teils  im  Auszug,  teils  388 
in  wörtlicher  Übersetzung  —  wo  es  wünschenswert  scheint, 
zugleich  mit  Beifügung  des  Originals  —  folgen. 

Gleich    am  Tage    seiner  Ankunft  in  Weimar         Sonntag 
den   2.   Oktober    1825  begab   sich    A.   Poerio,   mit  einem 

Empfehlungsbriefe  des  österreichischen  Gesandten  in  Florenz, 
dt^  Grafen  Ludwig  Bombelies1),  versehen,  zu  Goethe,  der 
ihn.  nachdem  er  den  Brief  gelesen,  sehr  freundlich  aufnahm 
und  sich  mit  ihm  etwas  unterhielt.  Der  Besuch  war  jedoch 
nicht  lang,  da  Goethe  beschäftigt  schien.  Goethe  hatte  Poerio 
aufgefordert,  noch  denselben  Tag  zu  seiner  Schwiegertochter 
zu  gehen,  aber  Poerio  traf  sie  nicht  zu  Hause.  Am  folgenden 
Tage  war  die  goldene  Hochzeit  des  Grossherzogs  Carl  August, 


erhalten  hatte.  Seine  zuletzt  von  Mariano  D'Ayala  mit  einer  biogra- 
phisches Einleitung  herausgegebenen  'Poesie  edite  ed.  inedite  (terza  Edi- 
zione  Italiana),  Italia  [Xapoli]  18G0';  bestehen  aus  43  lyrischen  Gedichten. 
Dazu  kommen  aber  noch  eine  Anzahl,  die  erst  1870  von  K.  Imbriani  in 
der  Pvivista  Pxilognese  herausgegeben  worden  sind.  Eine  verständnis- 
volle Würdigung  Poerios  bietet  Pietro  Arditos  kleine  Schrift  CA.  Poerio 
e  le  sue  poesie',  Xapoli  1878. 

')  Goethe  gedenkt  seiner  in  den  Tag-  und  Jahresheften  im  Jahre 
1819:  'Zu  Hause  sowie  in  Jena  ward  mir  gar  manches  Gute  durch 
bleibende  und  vorübergehende  Personen.  Ich  nenne  die  Grafen  Canikoff 
und  Bombelles  und  sodann  ältere  und  neuere  Freunde.'  Graf  Bombelles 
war  im  Jahr  1819  Gesandter  in   Dresden. 

10* 


148  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

und  Poerio  hielt  es  daher  nicht  für  passend,  an  diesem  Tage 
wieder  zu  Goethe  zu  gehen,  sondern  that  dies  erst  am  4. 
'Ich  bin3  —  schreibt  er  noch  an  demselben  Tage  an  seinen 
Vater  —  'mit  ihm  ungefähr  drei  Viertelstunden  im  Garten 
spazieren  gegangen.  Er  sprach  mit  mir  von  verschiedenen 
Dingen.  Er  erkundigte  sich  nach  Alfieri,  nach  der  Alb  an  y 
und  andern  auf  Italien  bezüglichen  Gegenständen.  Er  ist  alt, 
aber  kräftig;  er  geht  gerade  und  ziemlich  rasch:  das  Auge 
ist  adlerartig  und  strahlt  noch  mit  dem  ganzen  Glanz  der 
Jugend."1)  Poerio  hatte  die  Braut  von  Korinth  übersetzt 
und  wollte  die  Übersetzung  dem  Dichter  vorlesen,  aber  Goethe 
nahm  selbst  die  Handschrift,  um  die  Übersetzung,  wie  er 
gewohnt  sei,  still  für  sich  zu  lesen,  worauf  jedoch  Poerio  er- 
klärte, er  wolle  dann  erst  seine  unleserliche  Handschrift 
deutlich  abschreiben  lassen.  | 

389  In  seinem   Briefe   vom   8.  Oktober  schreibt   Poerio,  dass 

er  endlich  am  Tage  vorher  Goethes  Schwiegertochter  zu  Hause 
getroffen  habe.  Sie  war,  berichtet  er,  sehr  liebenswürdig 
gegen  ihn,  versprach  ihm  Empfehlungsbriefe  Goethes  au 
Blumenbach  und  Sartori us  in  Göttingen,  wohin  sich  Poerio 
von  Weimar  begeben  wollte,  stellte  ihm  ihre  deutsche  und 
englische  Bibliothek  zur  Verfügung,  lieh  ihm  Goethes  Über- 
setzung von  Manzonis  Ode  'Der  fünfte  Mai'2)  und  ver- 
schaffte ihm  eine  Eintrittskarte  zu  dem  am  Abend  statt- 
findenden grossen  Balle  des  'CasinoJ,  d.  h.  der  noch  heute 
bestehenden  Erholungsgesellschaft.  An  demselben  Tage  lernte 
Poerio  auch  Goethes  Sohn  uud  einen  seiner  Enkel,  'dem  der 
Dichter  oft  diktiert',  kennen.  Über  Goethes  Übersetzung 
der  Ode  Manzonis  schreibt  Poerio  in  demselben  Briefe:  'Sie 
ist  so,  wie  man  von  einem  grossen  Dichter,  der  in  der  Sprache, 


*)  Ho  passeggiato  con  lui  pel  giardino  per  circa  tre  quarti  d'  ora. 
Mi  ha  parlato  di  diverse  cose.  Si  e  informato  di  Alfieri,  dell'  Albany, 
di  altre  cose  relative  all'  Italia.  E  attempato,  na  robusto;  cammina 
diritto  e  con  bastante  celeritä;  l'occliio  e  aquilino  e  brilla  ancora  di 
tutto  lo  splendore  della  gioventü. 

2)  Sie  war  bekanntlich  zuerst  1823  in  Kunst  und  Altertum,  Bd.  4, 
Heft  1,  S.   182  ff.  erschienen. 


21.  Ein  Brief  Goethes  an  Alessandro  Poerio.  149 

aus  der  er  übersetzt,  bewandert  ist,  erwarten  kann.'1)  Er 
bemerkt  dann  weiter:  'Man  muss  wissen,  das  Goethe  Manzoni 
besonders  hoch  schätzt  und  vor  einigen  Jahren  seine  Tragödie 
'Der  Graf  Carmagnola'  gelobt  hat.  wofür  der  Verfasser  ihm 
in  einem  an  ihn  gerichteten  Brief  vielmals  gedankt  hat.  Zu 
mir  sagte  er  [Goethe]  über  Byron,  er  sei  ein  ausserordent- 
licher (ieist.  ein  Leben  sei  in  seinen  Werken.  Ach!  —  fügte 
er  hinzu  als  ich  ihm  einige  Verse  der  Aufmunterung 
schrieb,  wusste  ich  nicht,  dass  es  Abschiedsverse  sein  sollten/2)  | 

Am   19.  Oktober  schreibt  Poerio:  'Goethe  hat  mir  sagen    390 
lassen  morgen  gegen  Mittag  zu  ihm  zu  kommen.     Ich  werde 
von    diesem  grossen   Manne  Abschied   nehmen   und   von  ihm 
zwei  Empfehlungsbriefe  [due   commendatizie]   erhalten,   einen 
an  Sartorius,  den  andern  an  Blnmenbach/3) 


J)  Essa  e  tale,  quäle  puö  attendersi  da  un  gran  poeta  versato 
nella  lingua,  da  cui  traduee. 

-)  Convien  sapere,  che  Goethe  sa  in  partieolare  stima  Manzoni ;  e, 
sin  da  qualche  anno,  lodö  la  sua  tragedia  il  Conte  di  Carmagnola,  onde 
l'autore  eon  lettera  direttagli  molto  lo  ringraziö.  A  nie  ha  detto  di 
Byron  essere  una  mente  straordinaria,  una  vita  essere  nelle  sue  opere 
e  per  ci6  dovere  essere  immortali.  'Ahime'  —  soggiunse  —  'quando 
gli  scrissi  alcuni  versi  d'incitamento,  nun  sapea,  che  doveano  essere 
versi  di  congedo.' 

Die  hier  gemeinte  Besprechung  des  Grafen  von  Carmagnola  ver- 
öffentlichte (ioethe  bekanntlich  zuerst  in  Kunst  und  Altertum,  Bd.  2, 
Heft  3  (1820),  S.  35  ff.,  und  ebendaselbst  Bd.  4,  Heft  1  (1823).  8.  98  ff. 
teilte  er  dann  auch  Manzonis  Dankesbrief  —  jedoch  nur  in  deutscher 
Vinrsetzung  -  -  mit.  Das  italienische  Original  des  Briefes  hat  er  erst 
später  in  den  'Opere  poetiche  di  A.  Manzoni  eon  prefazione  di  Goethe ', 
Jena  1827,  8.  XXXV  ff.;  bekannt  gemacht  und  es  dann  auch  in  seine 
'Werke'  38,  292  ff.  aufgenommen. 

Die  an  Byron  geschriebenen  Verse  sind  die  zuerst  in  Kunst  und 
Altertum,  Bd.  5,  Heft  1  (1824),  S.  5,  unter  dem  Titel  'An  Lord  Byron' 
veröffentlichten.  Man  vergleiche  über  ihre  Entstehung  die  Hempelsche 
Goethe-Ausgabe  29,  761   ff. 

3)  Im  Feuilleton  der  Wiener  'Neuen  Freien  Presse'  vom  8.  Januar 
1>78  hat  Karl  Goedeke  u.  d.  T.  'Ein  Freund  Goethes'  die  Verbindung 
Goethe  mit  Sartorius  und  nebenbei  auch  die  mit  Blumenbach  be- 
sprochen. Vgl.  auch  (Joethe- Jahrbuch  2,  277  f.  und  F.  Strehlke,  Goethes 
Briefe  1,  6.">  f. 


150  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

In  seinem  ersten  Briefe  ans  Göttingen,  wo  er  am 
23.  Oktober  angekommen  war,  meldet  er  dann  dem  Vater, 
dass  er  sich  am  24.  bei  Blumenbach  und  Sartorius  mit 
Empfehlungen  Goethes  und  mit  gewissen  zu  Ehren  der  Gross- 
herzogin von  Weimar  geprägten  Medaillen,  die  Goethe  den 
beiden  berühmten  Professoren  zum  Geschenk  gemacht,  vor- 
391  gestellt  habe1)  und  |  von  ihnen  sehr  freundlich  aufgenommen 
worden  sei.  Nur  durch  ihre  Vermittehmg  wurde  es  ihm 
möglich,  obgleich  ihm  gewisse  sonst  nötige  Zeugnisse  fehlten, 
an  der  Universität  zugelassen  zu  werden. 

In  der  zweiten  Hälfte  des  Dezembers  fand  sich  Poerio 
veranlasst,  auf  einige  Zeit  nach  Leipzig  zu  gehen,  wo  er  den 
ganzen  Januar  blieb  und  Goethes  Iphigenie  ins  Italienische 
übersetzte.  Am  5.  Februar  war  er  wieder  in  Weimar  und 
besuchte  Goethe,  der  sich  (wie  Poerio  am  6.  seinem  Vater 
schreibt)  mit  ihm  eine  Viertelstunde  unterhielt.  Poerio 
kündigte  ihm  seine  Übersetzung  der  Iphigenie  an,  die  er 
einem  Kopisten  zum  Abschreiben  übergeben  hatte,  und  über- 
reichte ihm  eine  (nicht  näher  bezeichnete)  Dissertation  Gott- 
fried Hermanns,  die  dieser  ihm  in  Leipzig  für  Goethe  mit- 


')  .  .  mi  presentai  da  Blumenbach  e  Sartorius  con  raccomandazioni 
di  Goethe  e  con  certe  medaglie  in  onore  della  Granduchessa  di  Weimar, 
dono  fatto  da  Goethe  a'  due  celebrati  professori.  —  In  Goethes  Natur- 
wissenschaftlicher Korrespondenz  1,  50  nr.  31  findet  sich  ein  Brief 
Blumenbachs  an  Goethe  vom  9.  November  1825,  worin  er  ihm  für  cdie 
gewogentliche  Uebersendung  der  köstlichen  Jubelmedaille  auf  die  beiden 
edeln  Hoheiten'  den  'ehrerbietigsten  wärmsten  Dank'  sagt  und  dann 
fortfährt:  'H.  Pouris,  der  mir  sie  vom  geweihten  Weimar  überbrachte, 
ist  ein  trefflieh  vorbereiteter  junger  Mann,  und  ein  treufleissiger  Zuhörer 
im  101.  Semester  meines  akademischen  Lehrstandes.'  Hier  haben  wir 
Blumenbachs  Dank  für  Goethes  durch  Poerio  überbrachtes  Medaillen- 
geschenk und  zugleich  seine  lobende  Erwähnung  des  Überbringers. 
Pouris  statt    Poerio    —    ist    natürlich    nur    Lese-    oder   Druckfehler. 

Es  ist  aber  noch  ein  anderer  Lese-  oder  Druckfehler  in  dem  Briefe 
zu  berichtigen.  Statt  'Jubelmedaille'  muss  'Jubelmedaillen'  gelesen 
werden.  Es  giebt  keine  Jubelmedaille  auf  das  grossherzogliche 
Paar,  sondern  nur  eine  Jubelmedaille  auf  Carl  August  zu  seinem 
Regierungsjubiläum  am  3.  September  1825  und  eine  bei  oder  gleich 
nach   der    oben    erwähnten    grossherzoglichen    goldenen    Hochzeit    aus- 


21.  Ein  Brief  Goethes  an  Alessandro  Poerio.  1  ,">  1 

gegeben  hatte.  Goethe  sprach  sich  sehr  lohend  über  Hermann 
ans. l)  Da  Poerio  wieder  nach  Göttingen  gehen  wollte,  so  sagte 
ihm  Goethe,  er  habe  ihm  etwas  für  Blumenbach  und  Sartorius 
mitzugeben.  'Ich  werde  ihn  also',  schreibt  Poerio,  noch  ein- 
mal sehen,  und  es  werden  fünf  Besuche  sein,  die  ich  ihm  gemacht 
habe.'2)  Poerio  hat  Goethe  aber  nicht  nur  noch  einmal,  sondern 
noch  dreimal  besucht.  Der  Weimarische  Kopist  hatte  die  Iphi- 
genie-Übersetzung  aus  Unkenntnis  der  italienischen  Sprache  so 
schlecht  abgeschrieben,  dass  sie  Poerio  |  selbst  noch  einmal  392 
abschreiben  musste  und  sie  erst  am  12.  dem  Dichter  über- 
reichen konnte.  Über  diesen  Besuch  am  12.  hat  Poerio  kurz 
in  einem  Briefe  vom  14.  und  ausführlicher  in  einem  Tage- 
buchbruchstück berichtet.  In  letzterem  schreibt  er,  dass  er 
sich  mit  seiner  in  Maroquin  gebundenen  Übersetzung  am 
Vormittag  zu  Goethe  begeben  habe,  dass  aber  der  Grossherzog 
gerade  bei  ihm  gewesen  sei,  und  dass  ihm  deshalb  der  Diener 
gesagt  habe,  er  solle  gegen  zwei  Uhr  wiederkommen.  Er 
that  dies,  und  der  Diener  führte  ihn  in  den  grossen  Saal. 
'Bald  darauf  kommt  der  Verehrungswürdige;  er  erkundigt 
sich  freundlich  nach  meiner  Gesundheit.  Ich  halte  mein 
Manuskript  in  den  Händen,  wage  jedoch  nicht  davon  zu 
sprechen.  Aber  er  wendet  das  Gespräch  darauf.  Ich  gebe 
ihm   das    Manuskript.     Er    fragt,    ob   ich   die    Tragödie  ganz 


gegebene  Medaille  auf  die  Grossherzogin  Luise  zur  Erinnerung  an  ihre 
Verdienste  um  die  Stadt  Weimar  unmittelbar  nach  der  Schlacht  bei 
Jena  (14.  Okt.  1806).  Ton  letzterer  spricht  Poerio  in  dem  Briefe  vom 
19.  Oktober,  aber  aus  Blumenbachs  Dank  geht  hervor,  dass  Goethe  ihm 
nicht  allein  diese  Medaille  auf  die  Grossherzogin,  sondern  auch  die  auf 
•den  Grossherzog    durch  Poerio  geschickt   hat.     Vgl.   auch    unten   S.  394. 

1)  Molto  mi  lodo  il  professore  Hermann.  —  Man  vgl.  über  Goethes 
Beziehungen  zu  G.  Hermann  v.  Biedermann,  Goethe  und  Leipzig  2, 
265 — 88,  und  0.  Jahn,  Goethes  Briefe  an  Leipziger  Freunde,  2.  venu. 
Aufl.,  S.  329  ff.  Die  durch  Poerio  an  Goethe  überbrachte  Dissertation 
Hermanns  ist  vielleicht  sein  1825  veröffentlichtes  Programm  cDe  Aeschyli 
Philocteta  dissertatio'  gewesen,  welche,  wie  aus  Goethes  Brief  an  Zelter 
vom  20.  Mai  1826  hervorgeht,  dem  Dichter  lebhaftes  Interesse  abge- 
wonnen hatte. 

2)  La  vedrö  dunque  im1  altra  volta  e  saranno  cinque  le  visite  che 
gli  avrö  fatto. 


152  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

übersetzt  habe.  Ich  antworte:  ja.  Er  sagt,  er  werde  mir 
die  Handschrift  zurückgeben,  nachdem  er  sie  gelesen.  Ich 
bitte  ihn  sie  zu  behalten,  und  mit  vieler  Güte  dankt  er  mir 
dafür.  Darauf  wird  von  dem  italienischen  verso  sciolto  ge- 
sprochen, den  er  sehr  lobt,  besonders  wegen  der  Anmut 
der  Übergänge  von  einem  Vers  zum  andern.  Er  steht  auf, 
um  mir  eine  neue  Tragödie  zu  lesen  zu  geben.  Es  ist  eine 
italienische,  von  Herrn  Tedaldi-Fores  geschrieben  und  1825- 
zu  Mailand  erschienen.  Er  fordert  mich  auf  sie  zu  lesen  und 
ihm  meine  Meinung  zusagen.  Darauf  wird  von  Manzoni  etc. 
gesprochen.  Er  will  nicht  Italienisch  sprechen  und  sagt: 
'Verführen  Sie  mich  nicht!  Es  ist  lange  her,  dass  ich  diese 
Sprache  nicht  gesprochen  habe.'  Hierauf  entlässt  er  mich. 
Morgen  Mittag  soll  ich  ihn  besuchen.'1)  | 
393  In   der  That   war    Poerio,   wie    er   seinem   Vater  am  14. 

schreibt,  am  13.  wieder  bei  Goethe,  freilich  'nur  kurze  Zeit, 
aber  immer  mit  der  grössten  Güte  behandelt'.2)  An  demselben 
Abend  war  Reunion  (riunione)  bei  Goethes  Schwiegertochter,. 


')  Dopo  un  poco  viene  il  Venerando;  s'informa  con  bontä  della  mia 
salute.  Io  tengo  il  mio  manoscritto  nelle  niani.  Kon  oso  parlargliene,. 
Ma  egli  volge  il  discorso  su  di  ciö.  Gli  d6  il  manoscritto.  Demanda,. 
se  ho  tradotta  tutta  la  tragedia.  Rispondo  di  si.  Dice,  che  mi  ren- 
derä  lo  scritto,  dopo  averlo  letto.  Io  lo  prego  di  ritenerlo,  e  con  molta 
bontä  nie  ne  ringrazia.  Indi  si  parla  del  verso  sciolto  Italiano,  del 
quäle  fa  molto  elogio,  specialmente  per  la  soavitä  de'  modi,  nel  passag- 
gio  da  un  vsrso  all1  altro.  Si  alza  per  darmi  una  tragedia  nuova  a 
leggere.  Essa  e  Italiana,  scritta  dal  Sr.  Tedaldi-Fores  e  pubblicata  in 
Milano  nel  1825.  Mi  dice  di  leggerla  e  di  dirgliene  il  mio  parerc 
Indi  si  parla  di  Manzoni,  ecc.  Non  vuol  parlare  Italiano,  dice:  'Non 
mi  seducete!  E  lungo  tempo,  che  non  ho  parlato  questa  lingual  — 
Mi  congeda  dipoi.  Domani  debbo  visitarlo  a  mezzogiorno.  -  Die  Tra- 
gödie von  Carlo  Tedaldi-Fores  heisst,  wie  auch  Poerio  in  seinem  Briefe 
vom  14.  Februar  angiebt,  cBeatrice  Tenda3  und  ist  nach  Kleins  Ge- 
schichte des  italienischen  Dramas  4,  530  ein  sehr  schwaches  Werk. 
Die  zu  Cremona  1825  erschienenen  'Meditazioni  poetiche'  desselben 
Dichters  hat  Goethe  in  Kunst  und  Altertum,  Bd.  5,  Heft  3  (1826),, 
S.  176  und  Bd.  6,  Heft  1  (1827),  S.  164  f.  kurz  besprochen.  Vgl.  Goethes 
Werke.  Ausg.  letzter  Hand,  46,  125  und  126,  Hempelsche  Ausgabe 
29,  627  ff. 

-)  per  breve  tempo,  ma  sempre  trattato  con  somma  bontä. 


21.  Ein  Brief  Goethes  an  Alessandro  Poerit».  153 

und  schreibt  Poerio  cer  (höchst  seltener  Fall !)  erschien 
in  der  Gesellschaft,  er  war  heiter  und  ich  ergötzte  mich  sehr 
an  seinen  Urteilen.  Er  hatte  die  Güte  mir  in  Gegenwart  ver- 
schiedener Damen  zu  sagen,  dass  er  mit  meiner  Übersetzung, 
soweit  er  sie  bisher  gelesen  habe,  zufrieden  sei.  Goethe  lebt 
jetzt  in  äusserster  Zurückgezogenheit;  die  Mittagsmahle,  an 
denen  bis  vor  einigen  Jahren  häutig  Fremde  teilnahmen, 
siud  jetzt  auf  die  Familie  beschränkt  und  einsam:  ihn  mehr- 
mals zu  sehen  ist  keine  kleine  Gunst.  Die  Besuche  sind 
übrigens  nur  kurz.  Er  ist  sehr  mit  Kunstgegenständen  be- 
schäftigt, seine  unermüdliche  Thätigkeit  beugt  sich  nicht  unter 
dem    Gewicht   der    75   Jahre.     Der   Grossherzog   besucht    ihn 

oft.'1) 

Am  14.  Februar  verabschiedete  sich  Poerio  bei  Goethe, 
um  wieder  nach  Göttingen  zurückzukehren.  Er  schreibt  dar- 
über: 'Sehr  kurz  nur  war  meine  Anwesenheit,  aber  ungemein  ver- 
gnügt, denn  mit  schmeichelhaften  Worten  von  solchen  Lippen  | 
empfing  ich  zum  Geschenk  seine  Medaille  und  zwei  andre,  39-4 
die  den  Grnssherzog  und  die  Grossherzogin  von  Weimar  dar- 
stellen. Ferner  gab  er  mir  ein  Packet  für  die  Familie  Sar- 
torius.  Er  entliess  mich  mit  der  Versicherung,  er  werde  mich, 
wenn  ich  wieder  nach  Weimar  käme,  immer  mit  Vergnügen 
sehen.  Ich  habe  also  Grund  mit  meiner  Arbeit  und  meiner 
kleinen  Reise  zufrieden  zu  sein,  denn  ein  Geschenk  von  Goethe 
ist  eine  ehrenvolle  Auszeichnung."2) 


J)  .  .  egli  (caso  rarissimo!)  apparve  in  societa.  fu  ilare  e  molto  mi 
dilettai  di  alcuni  suoi  giudizi.  Ebbe  la  bonta  tli  dirmi,  in  presenza  di 
varie  Dame,  ch'era  contento  della  mia  traduzione,  per  quanfco  fino  allora 
ne  avea  letto.  Goethe  vive  ora  in  estrema  ritiratezza ;  i  pranzi,  che 
soleano  alcuni  anni  sono  esser  frequenti  di  forestieri,  sono  adesso  fami- 
liari  e  solinghi;  ed  il  vederlo  piü  volte  non  e  piccolo  favore.  Le  visite 
per  altro  son  corte.  E  occupatissimo  di  oggetti  d'arte:  la  sua  instan- 
cabile  attivitä  nun  >i  curva  sotto  il  peso  di  settantacinque  anni.  II 
Qranduca  lo  visita  spesso. 

2)  Brevissima  e  stata  la  mia  presenza,  nia  altremodo  lieta,  poiche 
con  lusinghiere  parole  da  tanto  labbro  ho  ricevuto  in  dono  la  sua  me- 
daglia  e  due  altre  rappresentanti  il  Granduca  e  la  Granduchessa  di 
Weimar.     Inoltre   mi    ha    dato    un    pachetto   per  la    famiglia  Sartorius. 


],")4  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Poerio  blich  nun  bis  zum  19.  Juni  in  Göttingen  und  be- 
gab sich  dann  über  Weimar  nach  Leipzig.  In  Weimar  sah 
er  (wir  wissen  nicht  an  welchem  Tage)  Goethe  noch 
einmal.  Goethe  empfing  ihn  schreibt  Poerio  am  27.  Juni 
von    Leipzig    aus  sehr    freundlich,    riet    ihm    sich    noch 

einige  Zeit  in  Dresden  und  München  aufzuhalten  und  forcierte 
ihn  auf,  ihm  aus  einer  oder  der  andern  dieser  Städte  zu 
schreiben.  Goethes  Rat  war  für  Poerio  ein  mächtiger  Sporn 
('potentissimo  sprone5),  und  er  hielt  sich  sowohl  in  Dresden 
als  in  München  einige  Zeit  auf,  bis  er  gegen  Mitte  September 
nach  Florenz  zurückkehrte.  Ehe  er  München  verliess,  hatte 
er  wahrscheinlich  einen  Brief  au  Goethe  geschrieben;  wenigstens 
schreibt  er  am  8.  September  von  München  aus  seinem  Vater: 
'Ehe  ich  abreise,  werde  ich  einen  kleinen  Brief  an  Goethe, 
seiner  Erlaubnis  gemäss,  schreiben/ 

Schliesslich  noch  ein  paar  Erläuterungen  zu  Goethes  Brief. 

'Antonio  Foscarinf  ist  die  1827  zu  Florenz  erschienene 
Tragödie  des  bekannten  Dramatikers  Giovanni  Battista 
Niccolini  (178"2 — 1861).  Wenn  Goethe  schreibt,  er  hoffe 
nächstens  davon  ein  günstiges  Zeugnis  abzulegen,  dass  seine 
Freunde  das  Stück  gleichfalls  zu  schätzen  wüssten,  so  bezieht 
sich  dies  wohl  auf  die  in  Kunst  und  Altertum,  Bd.  6,  Heft  2  | 
395  (1828),  S.  260 — 66  erschienene  Besprechung  der  Tragödie 
durch  Streckfuss 1),  der  sie  freilich  cnur  sehr  bedingt"  hat 
'loben'  können. 

'Die  Verlobten"  (I  Promessi  Sposi),  der  berühmte  Roman 
Alessandro  Manzonis,  waren  damals  erst  seit  einigen  Monaten 
bekannt.  Zwar  tragt  die  erste,  von  Vincenzo  Ferrario  in 
Mailand  verlegte  Ausgabe  die  Jahreszahlen  1825 — 26,  aber 
wirklich  erschienen  ist  sie  erst  1827.  (Vgl.  A.  Vismara, 
Bibliografia  Manzoniana,   S.   3.)     In    Goethes   Händen   waren 


E  mi  ha  congedato  assieurandomi,  che,  quando  sia  per  tornare  in  Weimar 
mi  vedra  sempre  con  piacere.  Ho  motivo  dunque  di  esser  contento  del 
mio  lavuro  e  della  mia  gita,  poiehe  im  dono  di  Goethe  e  una  onorevole 
distinzione. 

*)  Streckfuss  ist  als  Verfasser  der  Besprechung  nur  im  'Inhalt'  des 
Heftes  auf  der  Rückseite  des  vorderen  Umschlags  genannt. 


22.  Goethe    und    der  italienische  Dichter  Domenico  Batacchi.    [55 

die  'Verlobten3  nach  Eckermanns  Bericht  am  15.  Juli  1827, 
und  sie  bildeten  das  Hauptthema  der  Gespräche  Goethes  mit 
Eckermann  am  18.,  21.  und  23.  Juli.  Aus  diesen  Gesprächen 
und  aus  Briefen  Goethes  an  Knebel  (vom  21.  Juli)  und  au 
S.  Boisseree  (vom  4.  November)  geht  hervor,  wie  sehr  Goethe 
den  Roman  bewunderte,  und  es  ist  daher  einigermassen  auf- 
fallend, dass  er  ihn  nicht,  wie  die  früheren  Dichtungen  Man- 
zonis,  selbst  in  Kunst  und  Altertum  besprochen,  sondern 
dass  dies  Streckfuss  in  dem  vorhin  angeführten  Hefte  (S.  252 
bis  59)  gethan  hat.  v) 

Die  von  Goethe  angedeuteten  beiden  Übersetzungen  der 
'Verlobten"  sind  die  von  Daniel  Lessmann  (Berlin)  und 
vou  Eduard  von  Bülow  (Leipzig),  deren  Goethe  auch  in 
einem  Briefe  an  den  Kanzler  von  Müller  vom  27.  Oktober 
1827  (Goethe-Jahrbuch  3,  242)  und  in  dem  oben  angeführten 
Briefe  an  Boisseree  gedenkt. 2) 


22.  Goethe  und  der  italienische  Diehter 
Domenico  Batacchi.3 ) 

(Berichte  der  Kgl.  Sächsischen    Gesellschaft  der    Wissenschaften    1890, 

72  —  78.) 

Nachdem  Goethe  in  den  Tages-  und  Jahres-Heften  unter 
dem  Jahr  1811  erzählt  hat,  dass  Büschings  Armer  Heinrich 
ihm  physisch-ästhetischen  Schmerz  gebracht  habe  und  die 
darin  vorkommende  schreckliche  Krankheit  (der  Aus- 
satz) auf  ihn  so  gewaltsam  wirke,  dass  er  sich  vom  blossen 
Berühren  eines  solchen  Buchs  schon  angesteckt  glaube,  fährt 
er  fort:  'Durch  einen  besonderen  Zufall  kam  mir  sodann  ein 


')  Streckfuss  hatte  nicht  lange  vorher  seine  Übersetzung  von 
Manzonis  Tragödie  "Adelgis'  (Berlin  1827)  veröffentlicht. 

2)  Zum  Kanzler  von  Müller  äusserte  Goethe  am  16.  August  1828: 
"Wäre  ich  jünger,  so  hätte  ich  sogleich  die  Promessi  Sposi  ä  la  Cellini 
übersetzt.'     (Burkhardt  S.   126.) 

3)  [Ein  Auszug  dieses  Aufsatzes  erschien  im  Archivio  delle  tradiz. 
pop.   10,  21—  27. J 


i:,i; 


Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


73 


Werk  zur  Hand,  von  welchem  man  dagegen  eine  unsittliche 
Ansteckung  hätte  befürchten  können:  weil  man  .sich  aber  vor 
geistigen  Einwirkungen  aus  einem  gewissen  frevelhaften 
Dünkel  immer  sicherer  hält  als  vor  körperlichen,  so  las  ich 
die  Bändchen  mit  Vergnügen  und  Eile,  da  sie  mir  nicht  lange 
vergönnt  waren;  es  sind  die  Novelle  galant i  von  Verocchio: 
sie  stehen  denen  des  Abbate  Casti  an  poetischem  und 
rhetorischem  Wert  ziemlich  nahe,  nur  ist  Casti  künstlerisch 
mehr  zusammengenommen  und  beherrscht  seinen  Stoff 
meisterhafter.' 

Die  Angabe  fvon  Verocchio'  ist  nicht  ganz  richtig,  es  müsste 
heissen  cvon  Padre  Atanasio  da  Verrocchio",  und  so  hat  auch 
einige  Jahre  später  Goethe,  wie  wir  sehen  werden,  in  einem 
Brief  an  Knebel  den  Dichter  genannt.  Der  Name  ist  natürlich 
ein  fingierter,  in  Wirklichkeit  hiess  der  Dichter  Domenico 
Batacchi.  Er  war  1748  zu  Pisa  geboren,  wurde  1793  au 
der  Douane  in  Livorno  angestellt  und  im  Dezember  1801 
cministro  principale  delle  Regie  Rendite  dei  Presidi'  zu 
Orbetello,  wo  er  am  11.  August  1802  starb.  Ausser  den 
25  'Novelle  galantf  in  Seste  |  rime  besitzen  wir  von  ihm 
noch  die  komischen  Gedichte  'La  Rete  di  Vulcano'  und  'II 
Zibaldone5,  ersteres  in  24  Gesängen  in  Ottave  rime,  letzteres 
in  12  Gesängen  in  Seste  rime1). 

Kehren  wir  nun  zu  Goethes  Beziehung  zu  Batacchi 
zurück. 

Von  Padre  Atanasio  da  Verrocchio  und  seinen  Novelle 
galanti  handeln  ausser  obiger  Stelle  in  den  Tag-  und  Jahres- 


')  Im  November-Heft  der  Xuova  Antologia  vom  Jahre  1S7-4  hat 
Feiice  Tribolati  unter  dem  Titel  'Un  novellatore  toscano  del  secolo  X.YIII. 
Racconto  biografico-critico1  über  D.  Batacchi  eine  treffliehe  Arbeit  ver- 
öffentlicht. Leider  ist  der  in  Aussieht  gestellte  Wiederabdruck  des  Artikels,, 
den  lange  Anmerkungen  begleiten  sollten,  meines  Wissens  bisher  nicht 
erschienen.  —  Was  die  verschiedenen  Ausgaben  der  Werke  Batacchis 
betrifft,  so  vgl.  Giambattista  Passano,  I  Novellieri  Italiani  in  verso  indicati 
e  descritti,  Bologna  1868,  S.  137—40.  Mir  liegen  vor  'Opere  di D.  Batacchi. 
Vol.  I     V.  Londra  is5ß\     8°. 


22.  Goethe   und    der  italienische  Dichter  Domenico  Batacchi.    157 

heften    noch    einige    im    Briefwechsel  zwischen    Goethe    und 
Knebel1).     Es  sind  folgende: 

Knebel  an  Goethe.  11.  Januar  1814  (Briefwechsel  2. 
124):  cGries  möchte  gar  zu  gern  das  italienische  Gedicht 
haben,  von  dem  Du  uns  sprachst,  und  ist  auch  wohl  bereit, 
es  zu  übersetzen,  wenn  Du  es  für  gut  findest  und  es  seine 
Kräfte  nicht  übersteigt/ 

Goethe  an  Knebel.  12.  Januar  (2,  125):  'Hierbey  das 
italiänische  Gedicht!  Dem  geübten  Talent  des  Herrn  Gries 
wird  eine  Uebersetzung  so  leicht  werdeu,  als  sie  ihn  unter- 
halten wird.  Von  einer  ganzen  Sammlung  ähnlicher  Gedichte 
ist  dies  das  einzige  producible,  die  übrigen  sind  ein  bischen 
gar  zu  lustig.5 

Knebel  an  Goethe,  18.  Januar  (2,  126):  fDas  italiänische 
Gedicht  habe  ich  an  Gries  abgegeben,  der  dafür  dankt.  Er 
fand,  dass  die  sechszeiligen  Stanzen  neuerer  Formation  seien, 
und  hat  auf  Casti  als  Verfasser  gerathen.J 

Goethe  an  Knebel,  19.  Januar  (2,  127):  'Der  Verfasser 
des  Gedichts  ist  freilich  ein  neuer,  mit  Casti  gleichzeitig, 
aber  jünger:  es  sind  zwei  Bändchen  galanter  Novellen,  unter 
dem  fingirten  Namen  P.  Atanasio  da  Verrocchio,  und  dem  an- 
geblichen ]  Druckort  London  1800  herausgekommen,  seinen  74 
eigentlichen  Namen  habe  ich  noch  nicht  erfahren  können." 

Knebel  an  Goethe,  21.  Januar  (2,  129):  cUnser  Gries 
hat,  wie  es  scheint,  nicht  Lust,  das  italiänische  Gedicht  zu 
übersetzen.     Er  will  beim  Calderon  bleiben.' 

Goethe  an  Knebel,  22.  Januar  (2,  131):  'Unserem  treff- 
lichen Gries  kann  ich  nicht  verdenken,  dass  er  der  einmal 
ergriffenen  Dichtungsart,  die  so  würdig  ist,  treu  bleiben  will.' 

Goethe  hat  hiernach  Batacchis  Novelle  galanti.  die  ihm 
1811  'nicht  lange  vergönnt  waren1,  im  Januar  1814  wieder 
in    seinen  Händen  gehabt,    vielleicht   sie   besessen,    wie   sich 


1)  "W.  Frh.  v.  Biedermann  hat  natürlich  in  seinen  so  wertvollen  An- 
merkungen zu  den  Tag-  und  Jahres -Heften  (Hempelsche  Goethe -Aus- 
gabe 27,  1,  S.  471)  auf  diese  Briefstellen  verwiesen,  merkwürdiger- 
weise aber  hat  er  die  Pseudonymität  des  Padre  Atanasio  da  Verrocchio 
nicht  enthüllt. 


158  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

denn  heute  noch  wenigstens  der  erste  Band  der  von  ihm 
citierten  Ausgabe1)  in  seiner  Bibliothek  befindet,  und  es  hat 
ihn  eine  der  Novellen  damals  besonders  interessiert.  Wenn 
er  diese  nun  als  die  'einzig  produeible'  bezeichnet,  so  kann 
damit  nur  die  erste  gemeint  sein,  welche  betitelt  ist:  La  vita 
e  la  morte  di  prete  Ulivo3;  alle  andern  sind  mehr  oder 
weniger  lasciv2). 

Batacchi  hat,  wie  wir  aus  einem  Briefe  von  ihm  wissen3), 
die  Geschichte  vom  Priester  Ulivo  von  seiner  Grossmutter  oder  von 
seiner  Amme  erzählen  hören.  In  der  That  liegt  der  Novelle 
ein  Volksmärchen  zu  Grunde,  das  nicht  nur  in  Italien,  sondern 
auch  in  Deutschland  und  anderen  Ländern  in  vielen  Varianten  [ 
"r>  vorkommt,  wie  hier  nicht  länger  nachgewiesen  zu  werden 
braucht.  Der  Inhalt  der  Novelle,  die  104  sechszeilige  Stanzen 
lang  ist,  lässt  sich  in  möglichster  Kürze  etwa  folgender- 
massen  geben. 

Ulivo,  ein  reicher  Mann  in  Palästina,  hatte  einst  Jesus 
Christus  und  die  zwölf  Apostel  gastlich  aufgenommen  und 
bei  sich  übernachten  lassen.     Am  Morgen  fordert  ihn  Sankt 


1)  Irrig  hat  er  in  obigem  Brief  von  nur  zwei,  statt  von  drei  Bändchen 
gesprochen. 

2)  Ein  Freund  Batacchis  schreibt  in  einem  Brief  vom  12.  Oktober 
1797  an  ihn  (La  Nuova  Antologia  a.  a.  0.  S.  568):  'Le  Novelle  del 
P.  Atanasio  metteranno  in  qualche  impegno  il  loro  Autore:  Prete  Olivo., 
che  e  la  piü  innoceute,  ha  fatto  mormorare  molti.' 

3)  Batacchi  schreibt  am  4.  Oktober  1797  an  den  Buchhändler  Luigi 
Migliaresi  in  Livorno  (La  Nuova  Antologia  a.  a.  0.  S.  56t>):  'Prete  Flivo 
e  uiiu  novella  che  in  compagnia  di  quella  di  Buchettino  della  Menandugia 
mi  fu  raccontata  dalla  nonna  o  dallabalia,  e  che  per  tale  e  stata  conosciuta 
da  chi  l'ha  letta,  avendo  mostrato  di  applaudire  alla  maniera  con  cui  e 
stata  decorata  e  vestita  una  insipida  e  inconcludente  novella.'  —  Buchet- 
tino heisst  ein  kleiner  Knabe  in  einem  in  neuerer  Zeit  vielfach  aus  dem 
Volksmunde  aufgezeichneten  toscanischen  Märchen,  den  der  Orco 
(Menschenfresser)  gefangen  hat  und  fressen  will,  der  aber  dem  Orco 
wieder  entkommt.  Man  sehe  Giov.  Papanti,  Novelline  popolari  livornesi,. 
Livorno  1877,  nr.  V,  Gherardo  Nerucci,  Cincelle  da  bambini,  Pistoia 
1880,  nr.  III,  Gius.  Pitre,  Novelle  popolari  toscane,  Firenze  1885.  nr.  XLIII 
und  XLIY.  "Was  aber  della  Menandugia  bedeutet,  darüberhaben  mir 
auch  italienische   Freunde  keine  Auskunft  geben  können. 


22.  Goethe    und   der    italienische  Dichter  Domenico  Batacchi.    ]5!> 

Peter  auf,  sieh  von  seinem  Meister,  der  nicht  weniger  mächtig 
auf  Knien  als  im  Himmel  sei,  eine  Gnade  zu  erbitten.  Ulivo 
erbittet  sieh  vom  Herrn  noch  600  Jahre  zu  leben.  Sankt 
Peter  macht  ihm  deshalb  Vorwürfe  und  sagt  ihm.  er  solle 
noch  einmal  zum  Herrn  gehen  und  um  etwas  Besseres  bitten. 
Ulivo,  der  in  seinem  Garten  einen  schönen  Birnbaum  hat, 
dessen  Birnen  ihm  aber  immer  gestohlen  Verden,  bittet  nun 
den  Herrn,  dass,  wer  auf  den  Baum  steige,  nicht  eher  wieder 
heruntersteigen  könne,  als  bis  er  (Ulivo)  es  ihm  erlaube. 
Natürlich  ist  Sankt  Peter  über  diese  Bitte  wieder  sehr 
ungehalten  und  heisst  ihn  noch  ein  drittes  Mal  zum  Herrn 
gehen  und  endlich  etwas  Höheres  und  Edleres  erbitten.  Aber 
Ulivo,  der  Abends  gern  bei  sich  mit  guten  Freunden  Karte 
spielt,  dabei  sich  aber  sehr  oft  ärgert,  wenn  die  Freunde  zu 
bald  nach  Hause  gehen  wollen  oder  wenn  er  verliert,  bittet 
den  Herrn,  dass,  wer  sich  auf  einen  gewissen  Stuhl  in  seiner 
Stube  setzt,  ohne  seinen  AVillen  nicht  von  ihm  aufstehen 
könne,  und  dass  ein  Spiel  Karten,  das  er  in  der  Tasche  habe, 
immer  gewinne.  Sankt  Peter  giebt  es  jetzt  auf,  den  hirnlosen 
Ulivo  nochmals  zum  Herrn  zu  schicken,  und  erbittet  selbst 
für  ihn  die  ewige  Seligkeit.  Als  die  600  Jahre  vergangen 
sind,  erscheint  Frau  Tod  (Signora  Morte)  bei  Ulivo,  der 
inzwischen  Christ  und  Priester  in  Italien  geworden  war,  um 
ihn  zu  holen.  Er  stellt  sich  bereit  mit  ihr  zu  gehen,  bittet 
sie  aber,  ihm  erst  ein  paar  Birnen  von  seinem  Baum  zu 
brechen.  Sie  steigt  auf  den  Baum,  kann  aber  nicht  wieder 
herunter  und  muss  drei  Tage  lang  auf  ihm  sitzen,  bis  endlich 
Gutt  der  Vater  den  Erzengel  Gabriel  zu  Ulivo  schickt.  Gabriel 
erscheint  in  der  Gestalt  eines  alten  Notars  und  bringt  es  zu 
Wege,  dass  Ulivo  die  Frau  Tod  vom  Baum  herablässt,  nach- 
dem sie  sich  verpflichtet  hat,  ihn  noch  500  Jahre  und 
4  Monate  leben  zu  lassen,  worüber  vom  Erzengel  eine  elf 
Strophen  lange,  komische  Urkunde  aufgesetzt  wird.  Nach 
Ablauf  dieser  Zeit  erscheint  abermals  Frau  Tod  und  wird 
diesmal  auf  dem  wunderkräftigen  Stuhl,  auf  den  sie  sich  gesetzt 
hat,  um  sich  am  Kamin  etwas  zu  warmen,  so  lange  fest-  | 
gehalten,    bis   sie    dem  Ulivo    nochmals    500  Jahre    gewährt.    76- 


KjO  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Nachdem  auch  diese  verflossen  sind,  klopft  Frau  Tod  an 
Ulivos  Thür.  und  diesmal  erwidert  Ulivo:  'Ich  komme"  und 
stirbt  alsbald.  Er  wird  feierlich  begraben  und,  wie  er  in 
seinem  Testament  angeordnet  hatte,  sein  immer  gewinnendes 
Spiel  Karten  mit  ihm.  Seine  Seele  begiebt  sich  zunächst 
zum  Fegefeuer,  das  alter  infolge  der  vielen  Ablässe,  Messen, 
liussen  u.  s.w.  erloschen  ist,  und  dann  zur  Hölle,  wo  Beizebu 
ihn  zum  Paradiese  weist,  das  ihm  ja  geschenkt  sei.  Ulivo 
schlägt  darauf  dem  Teufel  ein  Spiel  vor  und  gewinnt  ihm 
eine  Menge  Seelen  ab,  mit  denen  er  sich  zum  Paradies 
begiebt.  Sankt  Peter  will  die  vielen  Seelen  nicht  ohne 
weiteres  mit  hereinlassen  und  fragt  deshalb  beim  Herrn  an. 
der  dem  Ulivo  sagen  lässt,  er  solle  erst  angeben,  wieviel 
Seelen  es  seien.  Ulivo  erwidert ,  er  habe ,  als  er  einst  den 
Herrn  und  die  zwölf  Apostel  bei  sich  aufgenommen,  sie  nicht 
erst  gezählt.  Darauf  wird  er  mit  allen  Seelen  von  Sankt 
Peter  eingelassen  und  von  den  Engeln  und  den  Heiligen 
jubelnd  be willkommt. 

Dies  also  der  Inhalt  der  Novelle  Batacchis,  über  die 
Goethe  im  Januar  1814  mit  Knebel  gesprochen  und 
korrespondiert  hat,  Auf  eben  diese  Novelle  bezieht  sich 
noch  einmal  —  im  Jahre  1816  —  der  Goethe-Knebelsche 
Briefwechsel .  wobei  aber  weder  Titel  noch  Verfasser  ge- 
nannt sind. 

Knebel  schreibt  am  5.  Juli  1816  (2,  199)  an  Goethe: 
*N.  S.  Welches  war  denn  das  dritte  Versprechen,  das  sich  der 
Dekan  von  dem  Heiland  geben  Hess?  Ich  wollte  die  Geschichte 
nacherzählen,  vergass  aber  dieses.' 

Darauf  antwortet  Goethe  am  folgenden  Tage:  fDie  dritte 
Gabe,  die  der  Dechant  verlangte,  war  ein  Spiel  Charten,  das 
nie  verlöre;  mit  diesem  gewinnt  er  dem  Teufel  die  zwölf 
Seelen  ab,  die  er  zuletzt  in  den  Himmel  bringt.5 

Zu  Knebels  Worten  hat  Riemer  folgende  Anmerkung 
gemacht:  'Diese  Geschichte,  welche  Hofrat  Meyer  einer  alt- 
italienischen Novelle  mit  eigentümlichem  Humor  nachzuerzählen 
wusste,   hat  in    der  Hauptsache    die    meiste  Ähnlichkeit    mit 


22.  Goethe    und   der  italienische  Dichter  Domenico  Batacchi.    1  (>  1 

der  Legende  vom  Schmidt  zu  Jüterbock  und  der  von 
Falk  dieser  wiederum  nachgebildeten  vom  Schmidt  zu 
Apolda.1)5  | 

Nach  dieser  Anmerkung  und  da  Knebel  in  dem  Brief,  77 
zu  dem  obige  Nachschrift  gehört,  von  Goethes  und  Meyers 
Besuch  bei  ihm  in  Jena  spricht,  haben  wir  wohl  anzunehmen, 
dass  nicht  Goethe,  sondern  Meyer  bei  diesem  Besuch  die 
fragliche  Geschichte  erzählt  hat.  Er  hat  sie  aber  nicht  einer 
altitalienischen  Novelle  —  es  giebt  keine  dieses  Inhalts  — , 
sondern  der  Novelle  Batacchis  nacherzählt.  Auf  diese  passt, 
was  sich  aus  Knebels  Frage  und  Goethes  Antwort  und  der 
Anmerkung  zu  ersterer  über  die  Geschichte  entnehmen  lässt. 
Ganz  unwesentlich  ist,  dass  aus  dem  "prete'  oder  ccuratoJ  oder 
tpievano:>eincDekan>oder<DechantJ  geworden  ist.  und  dass  Goethe 
schreibt,  der  Dechant  habe  ein  Spiel  Karten  verlangt,  das  nie 
verlöre,  während Ulivo  für  das  Spiel  Karten,  das  er  gerade  in  der 
Tasche  hatte,  diese  Eigenschaft  erbittet.  Etwas  wichtiger 
ist.  dass  nach  Goethes  Antwort  der  Dechant  mit  diesem  Spiel 
Karten  dem  Teufel  zwölf  Seelen  abgewinnt,  während  bei 
Batacchi  eine  bestimmte  Zahl  von  Seelen  zwar  nicht  angegeben, 
aber  eine  viel  grössere  angedeutet  ist.  Hier  ist  nun  wahr- 
scheinlich Langbeins  im  Jahre  1811  verfasstes,  vom  Dichter 
als  cLegendeJ  bezeichnetes  Gedicht:  'Der  Gastfreund'  (Langbeins 
neuere  Gedichte,  Tübingen  1812,  S.  171 — 88)  von  P^influss 
gewesen,  in  welchem  Philemon  dem  Teufel  ebenfalls  12  Seelen 
abgewinnt.     Langbeins   Gedicht    verhält    sich    im   übrigen   so 


*)  Stephan  Schlitze  erzählt  in  seinem  Aufsatz  'Die  Abend- 
gesellschaften der  Hofrätin  Schopenhauer  in  Weimar.  1806—1830'  in 
"Weimars  Album  zur  vierten  Säcularfeier  der  Buchdruckerkunst  am 
24.  Juni  1840'  von  H.  Meyer  S.  189:  'Nicht  selten  erging  er  sich  auch 
naiven  Humors  im  Vortrage  alter  Schwanke'.  —  Wegen  des  Schmieds 
zu  Jüterbock  verweise  ich  auf  die  Anmerkung  zu  nr.  S2  der  Kinder- 
und  Hausmärchen  der  Brüder  Grimm  S.  139  f.  Falks  'Unser  Herr  und 
der  Schmidt  von  Apolda.  Ein  Schwank.  Nach  einer  alten  Thüringschen 
Volksfabel'  steht  in  seinen  'Grotesken,  Satyren  und  Naivitäten  auf  das 
Jahr  1806'.  [Oben  1,  67.  133.  349.  Köhler,  Aufsätze  1894,  S.  58.  77. 
Bolte,  Zs.  für  d.  Piniol.  32,  369  'Die  Historia  von  Sancto'.] 

Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  11 


162  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

zu  dem  Batacchis,  dass  man  annehmen  darf,   Langbein  habe 
es  gekannt  und  benutzt. l) 

Schliesslich  sei  noch  erwähnt,  dass  in  einem  im  Goethe- 
und  Schiller-Archiv  befindlichen  Notizbuch  Goethes,  über 
welches  G.  von  Loeper  im  Goethe-Jahrbuch  11,  137—43 
berichtet  hat,  von  Riemers  Hand  notiert  ist  'Novelle  Galanti 
edite  et  inedite  del  P.  Atanasio  Da  Verrocchio  Minore 
78  Osservante  di  .  .  Tom.  III.  |  Londra  1800  per  Richard  Barker.2) 
Es  ist  dies  der  Titel  der  von  Goethe  in  dem  Brief  an  Knebel 
citierten  Ausgabe,  von  der  sich,  wie  oben  bemerkt,  der  erste 
Band  in  seiner  Bibliothek  noch  vorfindet.  Auf  dem  Titel 
dieses  ersten  Bandes  steht  aber  nicht  'Richard  Barker1,  wie 
"  Riemer  geschrieben  hat,  sondern  'Richard  Rarker\ 


[Anhangsweise  folgt  ein  Auszug  aus  Köhlers  Notizen 
über  Batacchis  andere  Novellen. 

Nr.  2  ed.  1800  (=2  ed.  1856).  Re  Barbadicane  e 
Grazia.  — -  König  Barbadicane  verliebt  sich  in  Grazia,  die 
Frau  eines  Schneiders,  und  bewegt  den  letzteren,  sie  ihm 
abzutreten,  durch  die  zweideutigen  Worte:  cLa  grazia  spero 
che  ci  accorderete.3  Der  eifersüchtige  Schneider  muss  der 
Braut  des  Königs  einen  Anzug  anmessen;  doch  als  er  über 
die  Ähnlichkeit  mit  seiner  Frau  betroffen  heimeilt,  findet  er 
diese  wieder  in  seinem  Hause  vor.  —  Vgl.  Busk,  Folklore 
of  Rome  1874,  p.  399  cLa  buona  Grazia  del  gobboD.  Oben 
1,  393,  nr.  12.  Wetzel,  Die  Reise  der  Söhne  Giaffers,  hsg. 
von  Fischer  und  Bolte  1896,  S.  219. 

3  (3).  Elvira.  —  Der  Stoff  von  Wielands  Combabus 
(1770);  vgl.  Europa  1874,  Nr.  74,  S.  1474.  Lucian,  De 
Syria  dea  c.  17 — 27.  Doni,  Novelle  nr.  33  ed.  Gamba  1815 
(zuerst  1552).  C.  J.  Dorat,  Combabus,  conte  moral,  Amsterd. 
1765  (in  Versen,  nach  Bayles  Dictionuaire).  Liebrecht,  Ger- 


*)  Langbeins  'Gastfreund'  ist  von  dem  niederländischen  Dichter 
Hendrick  Tollens  (geb.  1780,  gest.  1856)  unter  der  Überschrift  'Philemon.. 
Legende'  frei  übersetzt  worden. 

2)  Im  Goethe-Jahrbuch  a.  a.  0.  S.  141  steht  'minore1  statt  'Minore',, 
und  'London'  statt  'Londra'. 


22.    Goethe    und    der  italienische   Dichter  Domenico  Bataechi.    l(\',\ 

vasius  von  Tilbury  1856,  S.  '21  (5.  G (irres,  Heldenbuch  von 
Iran  2,  4 1  "J .  Wollheira,  Nationallitt,  sämtl.  Völker  des 
Orients  1,  630  (1873.  Ans  Bochärls  malaiischem  Werk  'Die 
Krone  aller  Könige',  um  1600). 

4  (4).  La  scommessa.  -  -  Meo,  der  seine  Frau  vor  den 
Augen  des  Fra  ßernardino  liebkost,  gewinnt  die  Wette,  nach 
welcher  derjenige  eine  Geldsumme  zahlen  sollte,  der  zuerst 
ein  unanständiges  "Wort  sagt.  Er  verliert  sie  aber,  als  Fra 
Biagio  ans  seiner  Frau  eine  Kutsche  machen  will.  —  Vgl. 
Grecourt,  Oeuvres  badines  1881,  p.  340  'La  charrue3.  Das 
Urbild  war  Boccaccio,  Decamerone  9,  10:  vgl.  Bolte  zu  Mon- 
tanus,  Schwankbücher  1899,  S.  631,  nr.   111. 

5  (5).  II  falso  Serafino.  —  Ein  Jüngling  erscheint 
einer  Mutter  und  Tochter  als  Engel  verkleidet  und  erfreut 
sich  dann  nachts  mit  letzterer,  ohne  dass  jene  seine  Gegen- 
wart ahnt. 

6  (6).  Re  Grattafico.  —  Ein  heiratslustiger,  aber  miss- 
trauischer  König  besucht  in  der  Verkleidung  einer  Frau  und 
mit  der  Fälligkeit,  sich  unsichtbar  zu  machen,  drei  Prin- 
zessinnen. Er  entdeckt,  dass  die  erste  Schwester  sich  nur 
hochmütig  und  unverträglich  stellt,  um  ungestört  eine  Lieb- 
schaft mit  einem  Offizier  pflegen  zu  können.  Die  zweite 
weint  beständig  um  ihren  Gatten.  Die  dritte  aber,  die 
immer  lacht  und  tollt,  erweist  sich  in  einem  verführerischen 
Augenblicke  als  keusch  und  wird  von  ihm  zur  Gattin  erwählt. 
—  Scheint  auf  Christoforo  Armenos  Reise  der  Söhne  Giaffers 
zurückzugehen:  vgl.  "Wetzels  Verdeutschung  ed.  Fischer  und 
Bolte  1896,  S.  215.  217. 

7(7).  Lasciamo  star  le  c  ose  com  e  st  anno.  --  Amor 
bittet  Mutter  Natur,  ein  menschliches  Glied  abnehmbar  ein- 
zurichten, zieht  aber  später  diese  Bitte  zurück. 

8  (fehlt  1856).  Mercurio  e  le  ombre.  Novella  imi- 
tata  dal  Sig.  de  La  Motte. 

9  (fehlt  1856).     Suor  Canna  Fessa. 

10  (fehlt  1856).     La  Sentenza. 

10  bis  (11).    I  tonfi  di  Sau  Pasquale. -- Der  Priester 

Barzighella  verführt  die  Gräfin  Isabella,   deren  Zofe  im  Ein- 

n* 


164  ^ur  »eueren  Literaturgeschichte. 

Verständnis  mit  ihm  die  Rolle  des  heiligen  Pasquale  spielt. 
auf  Grund  einer  ähnlichen  Vorspiegelung  wie  der  Raccommo- 
deur  in  den  <  entnouvelles  nouvelles  3.  Der  zurückgekehrte  Graf 
rächt  sich  an  der  Schwester  des  Pfarrers,  indem  er  ihr  durch 
Zauberei  ein  vermisstes  Gerät  wiederzuschal'fen  verheisst. 
Vgl.  noch  Malespini  1,  45.  Straparola  6,  1.  Cintio  dei 
Fabrizii,  Origine  delli  volgari  proverbi  nr.   16. 

11  (9).  Fra  Pasquale.  —  Ein  Mönch  wird  bei  einem 
Besuche  bei  DoDna  Rosa  durch  deren  Liebhaber,  einen  Offi- 
zier, gestört  und  versteckt  sich  unter  dem  Bette.  Später 
entfernt  er  sich  in  den  Kleidern  des  Nebenbuhlers  und  zeigt 
dem  Kommandanten  an,  dass  in  jenem  Hause  ein  Franzis- 
kaner der  Wollust  fröhne.  —  Brydone,  A  Tour  through 
Sicily  and  Malta  (zuerst  1773)  1776,  p.  113—130  =  Bry- 
dones  Reise  durch  Sicilien  und  Malta  2,  59 — 72  (1774)  = 
Vade  Mecum  für  lustige  Leute  9,  157,  nr.  220  (1783).  Vgl. 
auch  Bolte  zu  Freys  Gartengesellschaft  nr.  87,  S.  250  l. 

12  (12).  II  morto  a  cavallo.  —  Herzog  Zambullo  er- 
mordet aus  Eifersucht  den  Fra  Marco  und  lässt  ihn  auf  den 
Abtritt  seines  Klosters  setzen.  Aber  Fra  Buti  bringt  ihn  iu 
der  Meinung,  ihn  getötet  zu  haben,  wiederum  vor  den  Palast 
des  Herzogs.  Dieser  lässt  die  Leiche  als  Türken  kleiden 
und  auf  einen  Hengst  setzen,  der  bald  darauf  die  Stute  er- 
blickt, auf  der  Fra  Buti  aus  dem  Kloster  entflieht,  und  sie 
verfolgt.  Verzweifelt  haut  der  Mönch  dem  Türken  den  Kopf 
ab  und  tötet  ihn  so  zum  drittenmal.  —  Vgl.  oben  1,  65 
und  190  zu  Schneller  nr.  58  und  Campbell  nr.  15.  Obert. 
Ausland  1856,  716:  'Der  viermal  getötete  Pope5.  Grisanti, 
Folklore  di  Isnello  1899  p.  213:  *Sor  Beppo'.  Im  Pariser 
Figaro  war  die  Geschichte  kürzlich  als  wahres  Er- 
eignis erzählt:  Ein  Betrunkener  findet  vor  seinem  Hause 
einen  andern  Schwerberauschten,  trägt  ihn  in  sein  Zimmer 
und  wirft  ihn,  indem  er  ihn  in  das  Bett  des  Alkovens  zu 
legen  meint,  zum  Fenster  hinaus:  und  so  zu  dreien  Malen, 
immer  sich  über  die  Menge  von  Betrunkenen  wundernd,  die  j 
vor  seinem  Hause  ausruhen. 


22.    Goethe   und  der  italienische  Dichter  Domenico  Batacchi.    165 

13  (16).  Madama  Lorenza.  Lorenza,  die  Favoritin 
des  Kaisers,  entscheidet  einen  Rechtshandel,  bei  dem  ein 
Mönch  und  ein  Hauptmann  wegen  Entehrung  einer  Bürgers- 
tochter verklagt  werden,  auf  Grund  einer  seltsamen  Körper- 
visitation. Der  Kapitän,  der  nur  mit  der  Magd  eine  Lieb- 
schaft unterhielt,  muss  das  Mädchen  heiraten,  während  der 
Mönch  in  grosse  Gunst  bei  Hofe  kommt. 

14  (17).  Ke  Bischerone.  Der  Tochter  des  Königs 
Bischerone  wird  als  Gatte  ein  Jüngling  verheissen,  der  zu  ihr 
kommen  würde  rin  barca  fabbricata  senza  vele  ne  remi  e 
senza  ruote  ne  per  terra  ne  in  acqua  strascinata1.  Der 
Dummling  Mirtillo  naht  auf  einem  Luftschiffe  und  entführt 
die  Prinzessin  wider  den  Willen  des  Vaters. 

15  (18).  Donna  Chiara.  —  Eine  Nonne  entgeht  der 
Entdeckung  ihrer  Liebschaft  dadurch,  dass  sie  ihren  Lieb- 
haber im  Bette  der  Äbtissin  versteckt. 

16  (19).  La  notte  di  Bef  ana.  —  Eine  Bearbeitung  von 
Boccaccios  Novelle  vom  Stallknechte  des  Königs  Agilulf 
(Dec.  3.  2). 

17  (15).  La  pianella.  —  Eine  Cymbelingeschichte. 
Fiordiligi  entlarvt  ihren  Verleumder  Francatrippe,  indem 
sie  ihn  beschuldigt,  ihr  einen  Pantoffel  gestohlen  zu 
haben;  er  behauptet,  dass  er  sie  nie  gesehen.  —  Vgl.  Köhler 
zu  Gonzenbach  nr.  7;  Nachträge  Zs.  d.  V.  f.  Volksk.  6.  Gl. 
Oben  1.  212.  581.  588. 

18  (20).  La  mala  notte.  — Ein  Kavalier  wettet,  dass 
er  sich  eine  als  tugendhaft  berühmte  Dame  zu  willen  machen 
werde.  In  der  That  gewährt  sie  ihm  ihre  Gunst,  lässt  ihn 
aber  dann,  um  den  Schein  zu  retten  und  ihn  wegen  seiner 
Anmassung  zu  strafen,  durch  ihre  Diener  aus  dem  Hause 
werfen,  als  ob  er  einen  Anschlag  wider  ihre  Ehre  gemacht 
hätte. 

19  (21).  La  vita  e  la  morte  di  Sansone. 

20  (10).  Ami  na.  -  Die  schöne  Amina  bleibt  auf  langer 
Irrfahrt  Jungfrau,  weil  trotz  ihres  entgegengesetzten  Wunsches 


1(3(3  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

jedesmal  eine  Störung;  eintritt.  —  Piron,  Rosine,  ou  tout  vient 
ä  point  qui  peut  attendre  (Oeuvres  8,  28G). 

21  (13).  I  vecchi  delusi.  —  Eine  dumme  Geschichte 
ohne  Pointe. 

22  (8).  La  morte  di  Oloferne. 

23  (14).  Mustafa.  —  Als  der  grausame  Mustafa  eine 
von  seinen  zwölf  Frauen  tütet,  steigt  der  Genius  Capeihruno 
in  Mustafas  Gestalt  zur  Erde  herab  und  nimmt  von  dessen 
Hause  Besitz.  Der  Iman,  der  zwischen  den  beiden  Mustafas 
entscheiden  soll,  bestimmt  eine  schmutzige  Probeleistung"  und 
erklärt  den  Sieger  Capelbruno  für  einen  Himmelsbewohner. 
Dieser  giebt  sich  nun  zu  erkennen  und  überliefert  den 
Frauen  ihren  Peiniger  zur  Bestrafung.  —  Eine  eigentümliche 
Variante  der  Sage  vom  König  im  Bade;  vgl.  Liebrecht.  Zur 
Volkskunde  S.  52.  Bolte  zu  Schumanns  Nachtbüchlein  nr.  4.3 
und  Freys  Gartengesellschaft  S.  285. 

Die  folgenden  vier  Novellen,  die  in  der  Ausgabe  von 
1800  fehlen,  stehen  im  Drucke  von  1856  (2,  213)  als  bisher 
unediert: 

I.    II    demonio    meridiano.  Meca    ist    dem    Fra 

Simoni  nachts  in  seine  Zelle  gefolgt;  als  er  sich  auf  eine 
Weile  entfernt,  reibt  sie,  durch  den  Geruch  verführt,  ihr 
Gesicht  mit  dem  Inhalt  einer  Flasche  ein,  der  sich  als  Tinte 
erweist.  Als  der  zurückkehrende  Mönch  sie  so  geschwärzt 
erblickt,  ruft  er  das  Kloster  gegen  den  Mittagsteufel  zu  Hilfe. 
—  Vgl.  Tünger,  Facetiae  ed.  Keller  nr.  39.  Rosenblüts 
Schwank  von  der  Tint  (Keller,  Fastnachtspiele  3,  1186). 
Kirchhof,  Wendunmut  1,  2,  51.  Rolland,  Recueil  de  chansons 
pop.  1«  154,  nr.  73  cLa  fille  au  couvent  des  meines5.  Beau- 
quier,  Chansons  pop.  rec.  en  Franche-Comte  1894,  p.  77  'La 
servante  fardee\  Ferner  Bolte,  Das  Danziger  Theater  1895, 
S.  230  3,  wo  noch  Vincentius  Bellovacensis,  Speculum  morale 
3,  3,  17  (Teufel  reicht  dem  Narren  eine  Büchse),  Rijndorp, 
Dokter  Joan  Faustus  (1731,  Akt  4.  Creizenach,  Euphorion 
3,  714)  und  Mathesius,  Analecta  Lutherana  ed.  Loesche  1892, 
S.  193  nachzutragen  ist. 


22.   Goethe   und  der  italienische   Dichter  Domenico  Batacchi.    1({7 

II.  L'onore  perduto  alla  fiera.  Ein  einfältiges 
Mädchen,  dem  die  Mutter  einschärft,  ihre  Ehre  zu  hüten, 
glaubt,  als  sie  auf  dem  Markte  einmal  die  Hand  erhebt,  die 
Ehre  verloren  zu  haben.  Ein  gefälliger  Jüngling  aber  er- 
bietet sich,  sie  zu  befestigen.  —  Einen  ähnlichen  norwegischen 
Schwank  hat  M.  Moe  hsl.  an  Köhler  mitgeteilt:  Meuten, 
som  skulde  passe  paa  Mödommen  sin.'  Kryptadia  1,  191. 
.317.  2,  5.  4,  246.  326. 

III.  Una  le  paga  tutte.  Eiu  Mönch,  der  von  einem 
Jungen  begleitet  wird,  speist  bei  einer  Dame  zu  Nacht.  Als 
der  Ehemann  unvermutet  erscheint,  wird  der  Knabe  oben  auf 
•einem  Schranke,  der  Mönch  unter  einem  Tische  verborgen. 
Die  von  ihrem  Manne  geprügelte  Frau  ruft:  'Der  da  oben 
wird  dirs  bezahlen."  Der  Knabe  glaubt  sich  gemeint  und 
ruft:  'Was  soll  ich  geben!  Ich  habe  selbst  nichts.'  Und  so 
kommt  die  ganze  Geschichte  heraus.  Die  Überschrift  will 
sagen,  dass  der  Mönch  sich  glücklich  ans  hundert  ähnlichen 
Att'aireu  gezogen  hat,  bis  er  endlich  einmal  übel  ankommt. 
—  Vgl.  Oesterley  zu  Kirchhof,  Wendunmut  1,  323.  Lessing, 
Der  über  uns  (W.  1,  255).  Riederer,  Das  poetische  Schertz- 
( 'abinet  1713,  nr.  69.  Hang,  Bacchus  1823,  S.  292:  cEin 
Schwank".  Langbein,  Die  Freunde  (Gedichte  1,  269).  Ant- 
werpener Liederbuch  1544,  nr.  188.  Erk-Böhme,  Liederhort 
1,  490,  nr.  152.  Vade  Mecum  für  lustige  Leute  1,  nr.  98 
(1767).  Korrbl.  f.  siebenbg.  Landeskde.  1886,  5-S.  Kryptadia 
1,  59.  2,  167.  4,  301.  Berliner  Ms.  germ.  qu.  616,  nr.  102. 
Mont-Cock,  Vlaamsche  Vertelsels  1898,  S.  260.  Chrzanowski, 
Rej  1894,  S.  342.  Amusemens  franeois  ou  Contes  ä  rire 
1752   2,  20. 

Ein  Meisterlied  des  Hans  Sachs  'Der  Beckenknecht  ob 
dem  Bett1,  1554  im  verkerten  Ton  M.  Beham  gedichtet  (MG 
14,  89.  Dresdener  Hs.  M  5,  97),  wird  nächstens  in  E.  Goetzes 
Ausgabe  der  Schwanke  des  H.  Sachs  erscheinen.  Hier  möge 
ein  vielleicht  noch  etwas  älteres  Meisterlied  Hans  Vogels  aus  der 
Dresdener  Handschrift  M  5,  639  (steht  auch  in  M  207,  107a) 
folgen. 


168 


Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


Hans  Vogel,  Der  k auf f man  zu  Dilingen  [?]  mit  seim 

bulenden  weibe. 

Im  schätz  thon  Hans  Vogels. 

1. 

Eins  mals  ein  reicher  kauffman  sass 

Zu  Dübingen,  der  selbig  was 

Von   eren   frum  und  feste. 

Der  het  ein  schöne  trauen  zart, 
5  Die  heimlich  ein   bulerin  wart 

Und  lud  offt  heimlich  geste, 

Das  es  ir  man  nit  weste. 

Eins  mals  lud   man  denn  kauffman  auss. 

Die  frau  lud  ein  burger  ins  hauss, 
10  Der  kam  bei  dages  scheine. 

Da  sie  sassen  ein  kleine  weil, 

Da  käme  auch  mit  schneller  eil 

Ein  münich,  wolt  hineine 

Zu  der  frauwen  aleine. 
15       Das  erschrecket  denn  burger  sere. 

Er  meint,  es  kern  ir  man  und  mere, 

Steig  eilend  auf  den  offen. 

Die  frau  wurd  dem  münich  auf  thon, 

Da  lass  er  ir  die  lection. 
20  In  dem  det  auch  anklopffen 

Ir  man,  der  von  dem  wein  heim  kam. 

Das  hörten  die  zwen  droffen. 


Der  münch  sprach  auss  draurigem  sinn: 
c0  we,  wo  muss  ich  fliehen  hin, 

25  Das  mich  der  mann  nit  spüre  ?' 
Die  frau  in  bei  der  kuten    zoch, 
Hiss  in  kriechen  ins  offen  loch. 
Setzet  ein  bret  dar  füre, 
Det  dem  mann  auff  die  thüre. 

30       Der  kauffman  flucht,  ward  zornig  ser. 
Die  frau  sprach  zu  im:  'Thu  mir  mer 
Deins  fluchens  ursach  sagen!' 
Der  man  sprach  :  'Wen  dus  wissen  wilt, 
Mein  gelt  hab  ich  ales   verspilt.' 

35  Die  frau  saget  mit  klagen: 
'AVie  darfstus  so  kün  wagen, 

Das  du  mir  das  mein  dust  verschlemen  ! 
Wo   willen  wir  ein  anders  nemen  ?' 


22.   Goethe  und   der  italienische  Dichter  Domenico  Batacchi.    169 

Er  sprach:  'Schweig  stil  hinfort! 
40  Der  droben  es  hezalen  kau.' 

Der  burger  meint,  es  ging  in  an, 
Sprach  :  'Es  ist  mir  nit  eben. 
Der  münieh  im  offenloch  dort 
Muss  auch  halben  deil   geben.' 

3. 

45       Der  kauffman  stund  ein  gute  weil 

Und  west  gar  nichts  in  schneller  eil, 

Was  er  darzu  thon  solte. 

Der  burger  griff  in  beute]  sein, 

Warft'  im  nüber  in  sal  hinein 
50  Zehen  gülden  an  golde. 

Der  mann   ward  dem  gelt  holte. 

Der  burger  sprach:  'Nim  hin  das  gelt! 

Ich  bitt  dich,  Lass  mich  ungemelt.3 

An  denn  münieh  er  käme, 
55  Der  selbig  war  an  dem  gelt  blos<. 

Der  kauffman  mim  ein  bengel  gross, 

Denn  münch  darmit  grausame 

Zerschlagen  det  on  schäme. 

Sülicher  menner  findt  man   file, 
60  So  offt  kumen  zu  solchem  spile, 

Xoch  schweifen  sie  forthan, 

AVeren  dem  weib  das  bulen  nit, 

Xemen  gelt,   essen,  drincken  mitt, 

Thun  sich  zu  samen  setzen. 
65  Ich  sag,  dass  man  ein  solchen  man 

Mit  hunden  solt  auss  hetzen. 

IV.  L'albero  delle  pere.  —  Ein  Schuhflicker  .stiehlt 
seiner  Frau  zulieb  aus  einem  Klostergarten  Birnen.  Um 
den  Dieb  zu  fassen,  bringt  man  Glückchen  an  den  Zweigen 
an.  Jener  aber  merkt  die  Falle  und  läutet,  als  er  ein  ver- 
liebtes Stelldichein  von  Mönch  und  >>'ouue  erblickt,  absicht- 
lich und  verhilft  andern  zu  den  ihm  zugedachten  Prügeln.  - 
Im  Grundgedanken  ähnlich  ist  Th.  Storms  allerliebste  Skizze 
"Wenn  die  Äpfel  reif  sind'  Sämtl.  Schriften  5,  179.  1868) 
und  Roquelaure,  Roger  Boutems  eu  belle  humeur  2,  8S  (1757).] 


170  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

23.  Schiller  und  eine  Stelle  aus  Tausend  und 
einer  Nacht  [vom  Wunder vogel]. 

(Archiv  für  Litteraturgeschichte  3,  145 — 147.     1874.) 

Im  13.  Auftritt  des  3.  Aufzugs  von  Wallensteins  Tod 

folgten,  wie  man  seit  langem  weiss1),  auf  die  Verse: 

Ich  sollte  aufstehn  mit  dem  Schöpfungswort 

Und  in  die  hohlen  Läger  Menschen  sammeln. 

Ich  thats.    Die  Trommel  ward  gerührt.    Mein  Name 

Ging  wie  ein  Kriegsgott  durch  die  Welt.    Der  Pflug, 

Die  Werkstatt  wird  verlassen,  alles  wimmelt 

Der  altbekannten  Hoffnungsfahne  zu  — 

ursprünglich  fünf  Verse,  die  Schiller  dann  im  Druck  wegliess, 
'sicherlich  wohl  (um  Ernst  Köpkes  Worte2)  zu  gebrauchen), 
weil  das  Bild  in  denselben,  so  anmutig  an  sich,  eben  durch 
seine  Anmut  für  den  Helden  und  seine  Situation  zu  zierlich 
istJ.    Die  Verse  lauten: 

Und  wie  des  Waldes  liederreicher  Chor 
Schnell  um  den  Wundervogel  her  sich  sammelt, 
We nn  er  der  Kehle  Zauberschlag  beginnt, 
So  drängte  sich  um  meines  Adlers  Bild 
Des  deutschen  Landes  kriegerische  Jugend. 

Wie  wir  aus  dem  erst  im  vergangenen  Jahre  erschienenen 
12.  Teil  der  Stuttgarter  historisch-kritischen  Schiller-Ausgabe 
(S.  120)  sehen,  hatte  Schiller  auch  in  der  Piccolomini 
denselben  wunderbaren  Vogel  in  ahnlichster  Weise  verwendet, 
aber  ebenfalls  wieder  getilgt.  In  dem  7.  Auftritt  des 
146  2.  Aufzugs  der  Piccolomini  finden  sich  nämlich  nach  den 
Worten  Wallensteins: 

—  —  Durch  Sachsens  Kreise  zog 

Die  Kriegesfurie,  bis  an  die  Scheeren 

Des  Belts  den  Schrecken  seines  Namens  tragend  — 


')  Siehe  Viehoffs  und  Herrigs  Archiv  für  das  Studium  der  neueren 
Sprachen  7,  403  (1850)  und  13,  38  (1853)  und:  Wallenstein  von  Schiller. 
Nach  den  Handschriften  und  Veränderungen  des  Verfassers  vom  Jahre 
1799.     Herausgegeben  von  W.   von  Maltzahn,  Stuttgart  1861,  S.  48. 

2)  Viehoffs  und  Herrigs  Archiv   13,  38. 


23.  Schiller  und  eine  Stelle  aus  Tausend  und  einer  Nacht.      171 

in  dem   sog.   Ruesschen  Manuskript    auf    der   k.    öffentlichen 

Bibliothek  in  Stuttgart  folgende  Verse: 

"Wie  aus  den  "Wolken  fielen  da  Armeen 

Und  Länder  und  Viktorien  ihm  zu, 

Und  kaiserliche  Majestät  vermeinten. 

In  mir  des  Mäh  rle  i  n  s  Vogel  zu  besitzen, 

Der  mit  der  Kehle  wundervollem  Schlag 

Des  Waldes  Sänger  an  sich  lockt. 

Ich  kann  das  cMährlein',  in  welchem  der  wunderbare  Vogel 
vorkommt,  uaehweisen:  es  ist  das  letzte  Märchen  der  Galland- 
schen  Tausend  und  einen  Nacht,  welches  cHistoire  des  deux 
soeurs  jalouses  de  leur  cadette'  betitelt  ist 1).  Hier  erzählt 
eine  alte  Frau  der  Prinzessin  Parizade  von  drei  wunderbaren 
Dingen,  und  zwar  beschreibt  sie  das  erste  derselben  mit 
folgenden  Worten: 

'La  premiere  de  ces  trois  choses  est  l'oiseau  qui  parle:  c'est 
im  oiseau  smgulier  qu'on  nomme  Bulbulhezar  [les  mille 
rossignols],  lequel  a  encore  la  propriete  d'attirer  des  environs 
tous  les  oiseaux  qui  chanteut,  lesquels  viennent  accompagner 
son  chaut.' 

Schiller  hat  natürlich  die  für  seinen  Zweck  gleichgültige, 
für  den  Verlauf  des  Märchens  freilich  besonders  wichtige 
Eigenschaft  des  Sprechens  weggelassen.  Dagegen  hat  er  in 
einer  Stelle  der  Turandot  den  Vogel  des  Märchens  nur  in 
seiner  Eigenschaft  als  fden  Vogel,  welcher  redet3,  und  zugleich 
mit  den  beiden  andern  wunderbaren  Dingen  des  Märchens 
verwendet.  Die  beiden  andern  Wunderdinge  beschreibt  die 
Alte  in  dem  Märchen  folgendermassen: 

cLa  seconde  [chose]  est  l'arbre  qui  chante,  dont  les  feuilles 
sont  autant  de  bouches,  qui  fönt  im  concert  harmonieux  |  de    147 
voix   differentes,  lequel  ne  cesse  jamais.     La  troisieme  chose 
enfiu    est    i'eau   jaune,    couleur   d'or,   dont   une   seule    goutte 


')  Das  arabische  Original  dazu  findet  sich  in  keinem  der  bekannten 
Texte  der  Tausend  und  einen  Xacht;  wahrscheinlich  fand  es  sich  aber 
in  dem  nach  Gallands  Tod  verloren  gegangenen  Band  der  Pariser  Hand- 
schrift. [Oben  1,  1191.  Nach  Zotenberg  (Histoire  d' 'Alä-al-din,  Paris 
1888,  p.  28.  61 — 67)  hörte  Galland  diese  Geschichte  1709  von  dem  Maroniten 
Hanna  aus  Halep  und  zeichnete  sie  in  seinem  Tagebuche  auf.] 


]  72  Zur  neueren  Litteraturgeschichte. 

versee  dans  un  bassin  prepare  expres,  en  quelqu'  endroit  que 
ce  soit  dun  jardin,  abonde  dune  maniere  quelle  le  remplit 
d'abord,  et  s'eleve  dans  le  milieu  en  gerbe,  qui  ne  esse  jamais 
de  s'elever  et  de  retomber  dans  le  bassin,  sans  que  le  bassin 
deborde.3 

Nun  vergleiche  man  die  folgenden  Verse  im  1.  Auftritt 
des  2.  Aufzugs  der  Turandot: 

Eine  andre  hätte  ihre  Liebeswerber 

Auf  blutig  schwere  Abenteuer  aus 

Gesendet,  sieh  mit  Riesen  'runi  zu  schlagen, 

Dem  Schah  zu  Babel,  wenn  er  Tafel  hält, 

Drei  Backenzähne  höflich  auszuziehen, 

Das  tanzende  TV  asser  und  den  singenden  Baum 

Zu  holen  und  den  Vogel,  welcher  redet. 

Die  entsprechende  Scene  in  Gozzis  Turandot  ist  nur 
eine  Stegreifscene,  die  Ausführung  derselben  ist  durchaus 
Eigentum  Schillers.  Man  könnte  sich  nun  denken,  dass  Schiller 
die  drei  Wunderdinge  ausschliesslich  dem  Märchen  der  Tausend- 
undeinen  Nacht  entlehnt,  aber  das  dort  umständlich  be- 
schriebene wunderbare  Wasser  der  Kürze  wegen  selbständig 
als  'tanzendes  Wasser"  bezeichnet  habe.  Erinnert  man  sich 
jedoch,  dass  in  dem  'Augelimo  belverde3  Gozzis  die  singenden 
Apfel,  der  redende  Vogel  und  das  klingende  und  tanzende 
Wasser  (Tacqua  che  suona  e  balla',  oder  cche  suona  e  danzaJ) 
eine  grosse  Rolle  spielen  1),  so  wird  mau  nicht  zweifeln,  dass 
Schillern,  als  er  die  beiden  Verse  der  Turandot  schrieb,  so- 
wohl das  Märchen  der  Tausendundeinen  Nacht  als  auch  das 
Drama  Gozzis  vorgeschwebt  haben,  und  dass  er  aus  letzterem 
die  Bezeichnung  'tanzendes  Wasser'  hat.  [Köster,  Schiller  als 
Dramaturg  1891,  S.   198.] 

!)  Gozzi  hat  bekanntlich  den  Stoff  seines  'Augellino  belverde'  haupt- 
sächlich aus  Straparolas  Piavevoli  notte  4,  3  geschöpft,  aber  auch  das 
obige  Märchen  der  1001  Nacht  benutzt.  Straparolas  Märchen  und  das 
Märchen  der  1001  Nacht  sind  nur  verschiedene  Versionen  eines  und 
desselben  Märchens,  welches  sich  auch  in  mehreren  in  neuerer  und 
neuester  Zeit  in  Italien,  Deutschland  und  anderwärts  aus  dem  Volks- 
mund aufgezeichneten  Märchensammlungen  findet  [Oonzenbach  nr.  5; 
dazu  Köhler,  Zs.  f.  Volkskunde  6,  60.    Oben  1,  118.    560]. 


•_'4a.  Die  Quelle   von   Bürgers  Lenardo  und  Blandine.  17.'} 

24  a.   Die  Quelle  von  Bürgers  Lenardo  und 

Blandine. 

(Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  8,  101  -- 104.     1877.) 

Bürgers  c Lenardo  und  Blandine'  behandelt  bekanntlich 
eine  ganz  ähnliche  Geschichte  wie  die  von  Boccaccio  im 
Decamerone  IV.  1  so  meisterhaft  erzählte  Novelle  von  Guiscardo 
und  Ghismonda,  r)  und  da  Bürger  selbst  in  der  Vorrede  zur 
ersten  Ausgabe  seiner  Gedichte  (Göttingen  1778),  S.  XIV, 
gesagt  hatte,  cdie  Geschichte  von  Lenardo  und  Blandine 
komme  in  alten  Novellen,  unter  dem  Namen  Guiscardo  und 
Gismunda.  ähnlich  vor,3  so  hat  man  bisher  wohl  allgemein 
mit  A.  W.  »Schlegel  angenommen,  dass  Bürger  den  Decamerone 
vor  Augen  gehabt  habe,  als  er  Lenardo  und  Blandine  dichtete.2) 
Aber  ein  erst  von  A.  Strodtmann  in  seiner  Sammlung  der 
'Briefe  von  und  an  Bürger'  veröffentlichter  Brief  Bürgers 
belehrt  uns  eines  andern.  Bürger  schreibt  nämlich  am 
15.  April  1776  an  seinen  Freuud  Boie.  dem  er  die  eben 
vollendete  'Königin  der  Romanzen"3)  für  dessen  Deutsches 
Museum  schickte,  über  dieselbe: 

'Übrigens  wirst  du  mich  vielleicht,  wie  jeuer  Cardinal 
den  Ariost,    fragen:    AVo   habt  Ihr   denn   das   närrische  Zeug 


!)  [Über  die  Geschichte  dieser  Novelle  vgl.  Montanus,  Schwank- 
bücher 1899,  S.  586— 589.  557.  —  Ferner  eine  Aufführung  in  Mainz  1512 
(Roth,  Zs.  f.  Kulturgesch.  3,  265.  1896);  Gismunda  1725  (Menzel, 
D.  Dichtung  2,433),  E.  D'Alberts  Oper  Ghismonda;  J.  Zey er,  Ghismonda 
1882  (tschechisch),  deutsch  bei  E.  Albert,  Neueste  Poesie  aus  Böhmen 
1,  63.   1895. | 

2)  Schlegel  sagt  in  seinem  Aufsatz  'Über  Bürgers  Werke'  von 
dessen  'Lenardo  und  Blandine'  (Charakteristiken  und  Kritiken  2,  51  = 
«Sämtliche  "Werke  8,  105):  'bestimmte  Einzelheiten  zeigen  bei  aller 
Abweichung  unwidersprechlich,  dass  Bürger  den  Decamerone  vor 
Augen  gehabt'. 

3)  "Wenige  Tage  vorher  —  am  11.  April  —  hatte  er  sie  dem 
Freunde  schon  angezeigt,  und  zwar  als:  'die  Königin  nicht  nur  aller 
meiner,  sondern  auch  aller  Balladen  des  heil.  Kömischen  Reichs  teütscher 
Nation.  [Vgl.  den  Brief  vom  22.  April  in  der  Vierteljahrschrift  f. 
Littgesch.  3,  83.] 


1  74  ^U1*  »eueren  Literaturgeschichte. 

102  alle  her?1)  Antwort:  |  Es  ist  dergestalt  alles  das  Werk 
meiner  Phantasie,  dass  schwehrlich  Jemand  das  veranlassende 
Histörchen,  welches  ich  einmal  in  einem  Büchlein,  wie  Melusine 
und   Magelone,  gelesen  habe,  wieder  darin  erkennen  wird?" 

Also  in  einem  'Büchlein,  wie  Melusine  und  Magelone', 
d.  h.  in  einem  unserer  seit  Görres  so  genannten  'Volksbücher', 
will  Bürger  das  'Histörchen',  das  ihm  den  Anlass  zu  'Lenardo 
und  Blandine'  gegeben  hat,  einmal  gelesen  haben,  und  in  der 
That  giebt  es  ein  Volksbuch,  welches  die  Geschichte  von 
Guiscardo  und  Gismunda  enthält. 

Es  ist  «lies  das  bekannte  Volksbuch,  welches  in  dem 
ältesten  Druck,  den  ich  kenne,  betitelt  ist:  'Schöne  bewegliche 
und  Anmuthige  Historien,  Von  Marggraf  Walthern,  Darinnen 
dessen  Leben  und  Wandel,  auch  was  sich  mit  ihm  begeben 
und  zugetragen,  kürtzlich  vor  Augen  gestellet.  Dem  günstigen 
Leser  zugefallen  mit  schönen  Figuren  gezieret  und  verbessert. 
Gedruckt  im  Jahr  Christi,  1680.'  (8  °).  -)  In  ihm  sind  der 
Titelerzählung    als  Anhang  beigefügt:    'Eine   schöne  Historia 


1)  Man  vergleiche  Bürgers  Brief  an  Boie  vom  12.  August  1773r 
wo  er  nach  Vollendung  der  Lenore  schreibt:  'Ich  muss  mir  selbst  zu- 
rufen, was  der  Kardinal  von  Este  Ariosten  zurief:  Ter  dio,  Signor 
Burgero,  donde  avete  pigliato  tante  cujonerie?1  —  Cujonerie  ist  be- 
zeichnend für  Bürgers  Kenntnis  des  Italienischen. 

2)  Einen  etwas  frühern  Druck  besass  Gottsched,  wie  sich  aus  dem 
seltenen  Auktionskatalog  seiner  Bibliothek  ergiebt,  in  welchem  nach 
J.  M.  Wagners  Mitteilung  in  Petzholdts  Neuem  Anzeiger  für  Bibliographie 
und  Bibliothekwissenschaft  1872,  S.  208  vorkommt:  'Historia  von  Marggr. 
Walther.  167G.  8°.'  Über  spätere  Drucke  s.  meinen  Artikel  'Griselda'  in 
der  Ersch  und  Gruberschen  Encyklopädie,  S.  415,  denen  ich  jetzt  noch 
folgenden  beifügen  kann :  'Schöne  anmutige  Historien  von  Markgraf 
Walthern,  darinnen  dessen  Leben  und  Wandel  und  was  sieh  mit  ihm 
zugetragen  dein  günstigen  Leser  kürzlich  vor  Augen  gestellet  wird. 
Aufs  neue  mit  schönen  Figuren  geziert  und  verbessert.  Dresden,  zu 
haben  bey  dem  Buchbinder  H.  B.  Brückmann,  Breitegasse  Xo.  63.'  8°. 
Dieser  Druck  gehört  unserm  Jahrhundert  an;  zwei  andere  mir  vor- 
liegende Volksbücher  mit  derselben  Dresdener  Buchbinderhrma  tragen 
die  Jahreszahlen  1828  und  1829.  —  In  dem  genannten  Artikel  'Griselda* 
habe  ich  auch  nachgewiesen,  dass  die  'Historia  von  Markgraf  Walthern* 
nur  eine  anonyme  Wiederholung  von  Johann  Fiedlers  1653  zu  Dresden 
erschienenem  '.Marggraf  Walther1  ist.     [Oben  2,  507.] 


24  a.  Die  Quelle  von  Bürgers  Lenanlo  und  Blandine.  175 

von  des  Fürsten  zu  Salerno  schönen  Tochter  Gissmunda'  und 
noch  fünf  ganz  kurze  Beispiele  von  Gattenliebe. 

Diese  'schöne  Historia  von  des  Fürsten  zu  Salerno  schönen 
Tochter  Gissmunda'  ist  Bürgers  'veranlassendes  Histörchen3. 

Sie  ist  aber  nichts  anderes  als  Boccaccios  Novelle  in 
deutscher  Übersetzung,  die  einem  der  späteren  Drucke  der 
alten,  Heinrich  Steinhöwel  zugeschriebenen,  bis  ins  17.  Jahr- 
hundert hinein  immer  wieder  neu  gedruckten  Decamerone- 
Übersetzung1)  entnommen,  aber  sprachlich  über-  |  arbeitet  und  103 
hier  und  da  verkürzt  ist.  Der  Überarbeiter  hat  offenbar  das 
Bestreben  gehabt,  seine  Vorlage  2)  lesbar  und  verständlich  zu 
machen,  und  es  ist  ihm  dies  auch,  abgesehen  von  einigen 
Missgriffen   und  Missverständnissen,  im    ganzen  gelungen.  3)  | 


*)  Vgl.  das  Decameron  von  H.  Steinhöwel ,  lisg.  von  A.  v.  Keller, 
S.  682 fg.,  Gervinus,  Geschichte  der  deutschen  Dichtung  2  4,  229  =  2\ 
352,  und  Goedeke,  Grundriss  1,   11 4  [=  2.  Aufl.   1,  368.] 

2)  Ich  hahe  ausser  Kellers  Ahdruck  der  Originalausgabe  der 
Übersetzung  einen  Druck  von  1540  —  'Cento  Nouella  Johannis 
Boccatii.  Hundert  newer  Historien  usw.,'  Strassburg  1540.  Mio--  und 
einen  von  1583  --  'Kurtzweilige  vnd  Lächerliche  Geschieht  Vnd  Historien 
Die  wol  in  Schimpft'  und  Ernst  mögen  gelesen  werden  .  .  .  Hierzu 
seindt  kommen  die  hundert  neuwe  Historien,  sonst  Cento  Nouella 
genannt,  usw.,'  Frankfurt  a.  M.  1583,  folio  vergleichen  können. 
Danach  muss,  wenn  nicht  der  letztgenannte  Druck  selbst,  jedenfalls  ein 
mit  ihm  in  gewissen  Lesarten  übereinstimmender  dem  Verfasser  der 
'schönen  Historia'  vorgelegen  haben.  Dies  zeigt  unter  anderen  folgende 
Vergleichung.  Ghismondas  "Worte:  'In  ogni  cosa  sempre  et  infino  a 
questo  estremo  della  vita  mia  ho  verso  nie  trovato  tenerissimo  del  mio 
padre  l'amore,  ma  ora  piü  che  giammai'  sind  in  der  alten  Übersetzung- 
nach  Kellers  Abdruck  also  wiedergegeben:  'Ich  hab  allwegen  gen  mir 
mein  vatter  milt  vnnd  diemütig  funden  Nun  an  meinem  letsten  end 
meines  lebens  mer  dann  ye.'  In  dem  Drucke  von  1540  lauten  die 
Worte:  'Ich  hab  allwegen  gen  mir  meinen  vater  milt  vnd  demütig 
funden,  Nu  aber  an  meinem  letsten  end  nie  ins  lebens  mer  dann  je;' 
in  dem  von  1583:  'Ich  hab  allwegen  gegen  mir  meinen  Vater  milt  vnd 
vnd  demütig  funden,  Xu  aber  an  meinem  letzten  ende  jn  eins  L  Owens 
mehr  dann  je';  endlich  in  der  'schönen  Historia':  'Ich  habe  allewege 
meinen  Vater  gegen  mir  milde  demüthig  und  barmhertzig,  nun  aber  an 
meinem  letzten  Ende  als  als  einen  grimmigen  Löwen  erfunden.' 

3)  Der  Anfang  der  'Historia'  lautet  [wörtlich  nach  Hosemann]: 
'Wir   lesen    in    alten    glaubwürdigen  Geschichten,  wie  dessen  zwar  auch 


[76  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

[Wir  können  seine  Thätigkeit  sogar  ziemlich  genau  verfolgen; 
denn  es  ist  kein  anderer  als  der  csclilesische  Lügenschmied' 
Abraham  Hosemann  (geb.  1561,  gest.  1617),  der  seiner 
oft  aufgelegten  Schrift  'Veras  amor  conjugalis,  d.  i.  warhaft'tige, 
gewisse  vnd  eygentlielie  Beschreibung  der  rechten  Ehelichen 
Liebe  zwischen  zweyen  Ehegatten'  neben  andern  Liebes- 
novellen  auch  die  von  Guiscardus  und  Gismunda  eingeflochten 

gedencket  der  Hochgelährte  Jurist  und  Käyserliche  Legat ,  Doctor 
Saltzborn,  dass  bey  Käyser  Friedrich  des  ersten  Zeit  ein  Fürst  zu  Salerno 
Hof  gehalten,  welcher  eine  überaus  wunderschöne  Tochter  gehabt1. 
Diese  Berufung  auf  calte  glaubwürdige  Geschichten'  und  auf  den  wohl 
fingierten  Dr.  Salzborn  (in  späteren  Drucken:  Salzhorn)  und  die  will- 
kürliche Versetzung  der  Geschichte  in  die  Zeit  Friedrichs  I.  sollen  der 
Erzählung  offenbar  nur  den  Anschein  geschichtlicher  Wahrheit  geben, 
ebenso  dann  die  genauen  Angaben,  dass  Gismunda  1  Jahr  und  5  Monate 
verheiratet  gewesen  sei,  während  Boccaccio  allgemein  'poeo  tempo'  und 
die  Übersetzung  'wenig  Jahre'  hat,  und  dass  Tancred  nach  Gismundas 
Tod  nur  noch  15  Wochen  gelebt-,  während  Boccaccio  und  die  Über- 
setzung gar  nichts  von  dessen  Tode  sagen.  Der  'Historia'  sind  am 
Schluss  folgende  Nutzanwendungen  [die  erste  genau  nach  Hosemann] 
beigefügt: 

1.  Hierbey  ist  sonderlich  zu  sehen,  was  rechte  Liebe  kan,  auch 
was  es  offt  für  einen  Aussgang  zu  nehmen  pfleget,  und  dass  Eltern 
nicht  allewege  geschwinde  fahren  sollen  hertzliche  Liebe  zu  trennen, 
denn  was  offt  für  grosser  Unrath  daraus  erfolget,  sind  alle  Historien 
voll,  wie  Doctor  Mauritius  Brand,  der  dieser  Historien  auch  gedencket, 
saget,  dass  Eltern  sonderlich  auff  ihre  [lies :  ihrer]  Kinder  tieff  ein- 
gewurzelte Liebe  gut  achtun g  haben  sollen,  und  die  Liebe  umb  geringer 
Ursachen  wegen  ja  nicht  zu  trennen,  sondern  ihr  ihren  Fortgang  gönnen, 
so  saget  auch  der  Poet: 

Gib  deinem  Kind  das  ihm  gefall, 

Aus  Honig  wird  dennoch  wohl  Gall. 

2.  Mercket  dieses  ihr  harten  Eltern,  und  endert  euch,  damit  euch 
die  Reue  nicht  auch  zu  spat  möge  kommen,  wie  sie  also  diesem  Fürsten 
kommen  ist.' 

Beiläufig  sei  hier  erwähnt,  dass  auch  in  dem  'Schertz  mit  der 
Warheyt,'  Frankfurt  1550,  Bl.  XXXXII— XLV,  die  Geschichte  von 
Guiscardus  und  Gismonda  unter  der  Überschrift  cYon  thorechter  Lieb 
erbärmlichem  Aussgang,  die  Historien  Guiscardi  vnnd  Gismonda?,  der 
Tochter  Tancredi  des  Fürsten  zu  Salerno'  erzählt  ist  und  dass  ihr  gleich- 
falls die  Decamerone-Übersetzung,  die  aber  zum  Teil  sehr  verkürzt  ist, 
zu  Grunde  liegt. 


24a.  Die  Quelle  von  Bürgers  Lenardo  und  Blandine.  177 

hat.  Sie  stellt  iu  der  5.  Auflage  (Magdeburg  1618)  auf  Bl. 
Sija-Tva,  iu  der  10.  (Brauusehweig  und  Magdeburg  1642) 
Bl.  136b — 150b1):  und  der  Autor,  der  bei  früheren  Gelegeulieiteu 
seiner  1597  verfassten  Tragödie  Tyramus  und  Thisbe'und  seiner 
Komödie  Thänicia'  gedacht  hat,  verheisst  dabei,  auch  diese 
Historia  binnen  kurzem  iu  eine  Tragödie  zu  bringen.  Auch 
hier  sucht  er  dem  gläubigeu  Leser  durch  frei  erfundene  Citate 
zu  imponieren.  Den  hier  angeführten  Doctor  Mauritius 
Brand,  der  sonst  (Goedeke,  Grundriss  2  2,  575)  nur  als  Über- 
setzer von  Bandello-Belleforests  Phänicia  bekannt  ist,  tituliert 
er  anderwärts  als  'Ferdinand!  Königs  in  Castilia  gewesenen 
Hoff-Rath  vnnd  Cantzler3  und  schreibt  ihm  eine  fabelhafte 
grosse  Burgundische  Chronica  zu  Antorff  gedruckt",  'Spanische 
Geschichten",    eine  'Beschreibung   der  Stadt  Brüssel"   etc.  zu.] 

Der  Nachweis  der  'schönen  Historia  von  des  Fürsten  104 
zu  Salerno  schönen  Tochter  Gismunda"  als  der  unmittelbaren 
Quelle  von  Bürgers  'Lenardo  und  Blandine"  scheint  mir  be- 
sonders deshalb  von  Wert,  weil  wir  dadurch  einen  neuen 
Beleg  für  den  Einfluss  unserer  Volksbücher  auf  unsere 
neuereu  Dichter  erhalten,  aber  auch  für  die  Würdigung  der 
Ballade  ist  er  nicht  ohne  Belang.  Da  nämlich  die  'schöne 
Historia"  die  Novelle  Boccaccios  inhaltlich  unverändert  wieder- 
giebt,  so  treffen  zwar  die  Vorwürfe,  die  A.  W.  Schlegel 
Bürgern  wegen  seiner  Abweichungen  von  dem  Decamerone 
gemacht  hat,  auch  bei  Vergleichung  der  Ballade  mit  der 
'Historia"  zu;  aber  diese  Vorwürfe  wögen  doch  viel  schwerer, 
wenn  Bürger  Ghismondas  Geschichte  als  Werk  Boccaccios  im 
Decamerone  kennen  gelernt  und  den  Decamerone  beim  Dichten 
"vor  Augen  gehabt"  hätte,  als  sie  nun  wiegen,  wo  wir  wissen, 


J)  [Berliner  Bibl.  Da  7374  und  7376.  Da  die  Vorrede  'Lauben 
1606'  datiert  ist,  erschien  die  erste  Auflage  vermutlich  1606.  Ein  Druck 
Magdeburg  1607'  wird  in  Vulpiua  Curiositäten  4,  173,  ein  anderer 
'Magdeburg  1651'  in  Zedlers  Universallexikon  13,  968  genannt.  Die 
Weimarer  Bibliothek  besitzt  zwei  weitere  Ausgaben:  Magdeburg  1634 
und  Braunschweig  1682.  —  Vgl.  über  Hosemann  noch  Otto,  Ober- 
lausitzisches  Schriftstellerlexikon  2,  182;  Suppl.  S.  183.  Grünhagen, 
ADB.   13,  179.1 

Köhler,  Kl.  Schriften,    in.  12 


[78  Zur  neueren  Litteraturgeschiehte. 

dass  er  sie  nur  in  dem  anonymen 'Histörchen'  des  Volksbüchleins 
'einmal  gelesen"  hatte.  Das  Wort  'einmal'  aber  drückt  doch 
offenbar  aus ,  das  zwischen  dem  Lesen  des  Histörchens  und 
dem  Dichten  der  Ballade  Zeit  vergangen  war,  und  so  sind 
vielleicht  manche  Abweichungen  Bürgers  nicht  bewusste 
Änderungen,  sondern  rühren  daher,  dass  er  alle  Einzelheiten 
der  Erzählung  nicht  mehr  im  Kopte  hatte.  Dieser  Annahme 
widerstreitet  nicht,  dass  in  den  Versen   der   vierten  Strophe: 

Der  schönste  der  Diener  trug  hohes  Gemüt, 
Obschon  nicht  entsprossen  aus  hohem  Geblüt  .  .  . 

und  noch  mehr  in  denen  der  neunten: 

Der  du  trägst  züchtiger,  höher  Gemüt 
Als  Fürsten  und  Grafen  aus  hohem  Geblüt  .  .  . 

eine  wörtliche  Reminiscenz  der  Stelle  der  'schönen  Historia* 
vorliegt,  wo  Guiscardus  'ein  hübscher  Jüngling,  von  niedriger 
Geburt,  aber  von  hohem,  edlen  und  züchtigen  Gemüt* 
genannt  wird. 


24  b.  Zu  Bürgers  Lenardo  und  Blandine. 

(Zeitschrift  für  deutsche  Philologie   16,  362f.  1884.) 

Vor  mehreren  Jahren  habe  ich  in  dieser  Zeitschrift  (87 
101 — 104)  die  unmittelbare  Quelle  nachgewiesen,  aus  welcher 
Bürger  den  Stoff  zu  Lenardo  und  Blandine  geschöpft  hat. x)  AVie  er 
aber  zu  den  Namen  Lenardo  und  Blandine  — ■  anstatt  Guiscardus 
und  Gismunda  seiner  Quelle  —  gekommen,  wusste  ich  damals 
nicht,    und   es   ist   mir   darüber    erst    vor   kurzem    ein   Licht 


*)  Herrn  P.  Holzhausen,  dem  Verfasser  der  verdienstvollen  Ab- 
handlung 'Die  Ballade  und  Romanze  von  ihrem  ersten  Auftreten  in  der 
deutschen  Kunstdichtung  bis  zu  ihrer  Ausbildung  durch  Bürger'  im 
15.  Bande  dieser  Zeitschrift,  ist  mein  Nachweis  entgangen,  und  er  hält 
deshalb  (S.  311)  Boccaccios  Novelle  von  Guiscardo  und  Ghismonda  für 
Bürgers  unmittelbare  Quelle. 


24b.  Zu  Bürgers  Lenardo  und  Blandine.  17J) 

aufgegangen,  als  mir  bei  gelegentlichem  Suchen  nach  einem 
Datum  in  dem  vorjährigen,  in  der  Hofbuchdruckerei  zu  Weimar 
gedruckten  Kalender  auf  einmal  die  beiden  Heiligennamen 
Blandina  und  Leonhard  unmittelbar  hintereinander  stehend, 
nämlich  am  5.  und  6.  November,  in  die  Augen  fielen.  Also 
einfach  einem  Kalender,  in  welchem  an  den  genannten  Tagen 
die  Namen  Blandina  (oder  Blandine)  und  Leonhard  standen, 
dankt  das  Liebespaar  der  Ballade  seine  Namen.  Aller 
Wahrscheinlichkeit  nach  suchte  Bürger,  als  er  mit  der  Ballade 
(Frühjahr  1776)  beschäftigt  war  und  für  die  Liebenden,  |  da  363 
ihm  die  Namen  seiner  Quelle  aus  irgend  welchen  Gründen 
nicht  gefielen,  andere  Namen  brauchte,  nach  solchen  in  dem 
ersten  besten  Kalender,  den  er  zur  Hand  hatte,  und  er  wählte 
Blandine  und  Leonhard,  die  er  nicht  erst  zusammenzusuchen 
geltraucht,  sondern  gleich  beisammen  gefunden  hatte,  änderte 
jedoch  des  Versmasses  und  vielleicht  auch  des  Wohlklanges 
wegen  Leonhard  in  Lenardo.  Vielleicht  war  es  der  'Leipziger 
Musenalmanach  aufs  Jahr  1776,  Leipzig,  im  Schwickertschen 
Verlage',  den  Bürger  zu  Rate  zog,  in  dessen  Kalender  sind 
wenigstens  Blandina  und  Leonhard  die  Heiligen  des  5.  und 
6.  Novembers,  während  im  Kalender  des  Göttinger  Musen- 
almanachs Blandine  und  Erdmaun  stehen. — 

[Auch  die  Herkunft  folgender  Stelle   in  Bürgers  Ballade 
glaube  ich  nachweisen  zu  können: 

Nun,  blutiger  Jammer!     Wann  rinnst  du  zu  End' ?  — 

Wenn  alle  Gewässer  auf  Erden  verrennt.  — 

Acb !  alle  Gewässer  verrinnen  ja  nicht! 

So  endest  du,  blutiger  Jammer,  auch  nicht! 

So  lautet   die  74.  Strophe   im  Deutschen  Museum    1776, 
während  Bürger  1778  in  den  Gedichten  den  Reim  glättete: 

0  Jammer!  Nun  gleichest  du  Wasser  und  Wind: 
Wol  AVinde  verwehen,  wol  Wasser  verrinnt. 
Doch  alle  verwehn  und  verrinnen  ja  nie.  — 
So  du,  o  blutiger  Jammer,  auch  nie. 

Im    gleichen  Jahre  1778  brachte  Herder  (Volkslieder  1, 
118)  das   vermutlich  Bürger  längst   bekannte  Volkslied  vom 

12* 


IgO  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

verwundeten  Knaben  zum  Drucke,  welches  mit  folgendem 

Zwiegespräch  zwischen  dem  tiefbetrübten  Mädchen  und   dem 

sterbenden  Jüngling  stimmungsvoll  abschliesst: 

Wie  lang  soll  ich  denn  trauren  gehn?  — 
Bis  alle   Wasser  zusammen  gehn.  — 
Ja  alle  Wasser  gehn  nicht  zusamm'n, 
So  wird  mein  Trauren  kein  Ende  han. 

Viele  Varianten  geben  Erk-Böhme,  Liederhort  nr.  96c — g 
und  Köhler-Meier,  Volkslieder  von  der  Saar  nr.  9,  in  denen 
öfter  statt  des  'Knaben1  eine  verwundete  'Dame'  erscheint. 
Aus  der  Ballade  ist  ein  Lied  erwachsen  (Mittler  nr.  929. 
Vilmar,  Handbüchlein  für  Freunde  des  Volksliedes  1868, 
S.  135),  in  dem  die  Begebenheit  zur  blossen  Vorstellung 
verblasst  ist;  dem  einsam  wandelnden  Jünglinge  steigt  die 
trübe  Ahnung  vom  Tode  der  Geliebten  auf: 

Und  wenn  denn  mein  Schätzchen  gestorben  war. 

Wie  lange  sollt  ich  in  Trauren  dann  gehn? 

'So  lange  sollt'  du  in  Trauern  nun  stehn, 

Bis  dass  alle  Wasser  zu  Ende  ja  gehn'. 

Und  alle  die  Wasser  vergehen  ja  nicht, 

So  nimmt  auch  das  Trauren  kein  Ende  ja  nicht. 

Diese  volksmässige  Umschreibung  des  Begriffes  Niemals, 
zu  der  Hauffen  (Gottschee  1895,  S.  168  f.)  einige  Parallelen 
beigebracht  hat,  sehwebte  offenbar  Bürger  bei  der  ersten 
Niederschrift  seiner  Ballade  vor,  während  er  später  den 
Anklang    an   das  Volkslied  etwas  verwischt  hat.] 


25.  Deutsche  Übersetzungen  eines  Leonardo 
da  Vinci  zugeschriebenen  Sonettes. 

(Aus  dem  Nachlasse  zusammengestellt.) 

G.    P.   Lomazzo    erzählt    in    seinem    Trattato    dell'    arte 
della  pittura'    Milano    1585,   p.   282    =   Roma   1844    2,   68), 
dass  der  vielseitige  Künstler  Leonardo  da  Vinci  (1452 — 1519)  j 
mehrfach  dichtete,  führt  aber  von  seinen  cschwer  aufzufinden- . 


25.  Ein  Sonett  von  Leonardo  da  Vinci.  1$1 

den  Sonetten'  nur  eins  an,  welches  also  beginnt:  cChi  non 
puö  quel  che  vuol\  Dies  Sonett  hat  bis  in  die  neueste  Zeit 
in  den  Lebensbeschreibungen  des  grossen  Florentiners  seine 
Stelle  gefunden,  obwohl  keine  Handschrift  Leonardos  davon 
existiert l)  und  andere  Schriftsteller  es  anderen  Verfassern 
zuteilen.  Erst  Gustavo  Uzielli')  hat  mit  minutiösem  Fleisse 
die  sämtlichen  ihm  erreichbaren  hsl.  Aufzeichnungen  des 
Sonettes  durchforscht  und  festgestellt,  dass  weder  Leonardo 
noch  Domenico  Burchiello  (1380 — 1448)  noch  Niccolö  Cieco 
Anspruch  auf  dessen  Verfasserschaft  haben,  sondern  dass 
diese  nach  dem  Zeugnis  einer  in  der  ersten  Hälfte  des 
15.  Jahrhunderts  entstandenen  Florentiner  Handschrift  dem 
Florentiner  Antonio  di  Meglio  zukommt,  der  1441  bei 
einem  in  Santa  Maria  del  Fiore  veranstalteten  Dichterkampfe 
über  das  Lob  der  wahren  Freundschaft  den  Preis  davontrug. 
Das  Sonett  lautet  in  dieser  ältesten  Handschrift  (Uzielli  2,  93) 
folgendermassen : 

Chi  non  puö  quel  che  vuole,  quel  che  puö  voglia 
Che  quel  che  non  si  puö,  folle  e  volere 
E  quell'  uom  dicho  saggio  e  da  teuere, 
Che  da  quel  che  non  possa  il  voler  toglia. 

Perö  ch'  ogni  diletto  nostro  o  doglia 
Sta  in  si  o  no  saper  voler  potere, 
Sol  cholui  dunque  puö  che  vuol  dovere, 
Ne  mai  trae  la  ragion  fuor  di  sua  soglia. 

Non  seinpre  e  da  volere  ciö  chell'  huom  puote, 
Spesso  appar  dolce,  quel  che  torna  amaro, 
Piansi  gia  quel  che  volli,  poi  chi  l'ebbi. 

Adunque  o  tu  lector  di  queste  note 
S'  atte  vuogli  esser  buono,  agli  altri  charo, 
Voglia  sempre  potere  quel  che  tu  debbi. 


')  Daher  fehlt  es  in  den  von  J.  P.  Richter  aus  den  eigenhändigen 
Handschriften  veröffentlichten  Scritti  letterari  di  Leonardo  da  Vinci 
(London  1883). 

2)  Uzielli,  Ricerche  intorno  a  Leonardo  da  Vinci  2,  27— 114  (1884): 
'Sopra    un   sonetto    attribuito  a   Lionardo   da  Vinci.1       -  Uzielli  handelt 


1H2  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Die  in  diesen  Zeilen  zusammengedrängte  Lebensweis- 
heit und  nicht  minder  der  erlauchte  Name  Leonardos  haben 
verschiedene  deutsche  Obersetzer  gelockt,  ihre  Fertigkeit  an 
diesem  Sonette  zu  versuchen.  Fiorillo l)  begleitete  1798 
seinen  Abdruck  des  italienischen  Textes  mit  der  Bemerkung: 
'Mir  sind  von  diesem  Sonett  zwey  deutsche  Übersetzungen 
bekannt,  die  eine  von  meinem  schätzbaren  Freund,  dem  Herrn 
Rath  Schlegel,  die  andere  von  unserem  damaligen  Professor 
Meyer'.  Von  diesen  beiden  Verdeutschungen  ist  jedoch  die 
erste,  von  August  Wilhelm  Schlegel  herrührende  nie  gedruckt 
worden,  vermutlich  weil  sie  dem  Dichter,  nachdem  Bürger 
sie  getadelt  hatte,  selber  missfiel.  Bürger2)  schrieb  nämlich 
am  28.  Sept.  1792  an  Schlegel:  'Es  ist  mir  in  der  That  un- 
angenehm gewesen,  mein  liebes  Söhnlein,  nichts  von  dir  in 
den  Almanach  aufnehmen  zu  können.  Die  Fragmente  aus 
dem  Dante  erschienen  mir  (vollends  ohne  Commeutar)  hier 
nicht  an  ihrer  Stelle,  und  in  dem  Sonett  von  Leonardo  da 
Vinci  konnte  ich  das  zweite  Quatrain  unmöglich  gut  heissen. 
Ich  habe  es  zwar  anders  zu  geben  gesucht;  alleiu  ich  selbst 
bin  ungewiss,  ob  ich  den  wahren  Sinn  getroffen  habe.  Die 
Umänderung  ist  meinem  Gedächtniss  entfallen,  und  ich  bin 
auch  nicht  im  Stande  sie  unter  meinen  Papieren  aufzufinden, 
sonst  wollte  ich  sie  hieher  schreiben.  Ein  andermahl  !J  — ■ 
Bezeichnend  ist  es  jedenfalls,  dass  Schlegel  1798  in  seinem 
Gespräche  'Die  Gemälde"  (Sämtliche  Werke  9,  65)  nur  die 
letzte  Zeile  des  Sonetts  in  italienischer  Sprache  anführt,  die 
er  auch  am  Schlüsse  seines  Gedichtes  'Leonardo  da  Vinci* 
(1799.  Ebd.  1,  222)  dem  vor  der  Leiche  des  Meisters 
stellenden  König  Franz  in  den  Mund  legt.  3) 


S.  60  —  66  über  die  deutschen  Übersetzer  nach  Keinhold  Köhlers  Notizen, 
die  ihm  durch  Vermittelung  von  Alessandro  d'Ancona  zugegangen  waren, 
druckt  aber  diese  Verdeutschungen  selbst  nicht  ab. 

J)  Geschichte  der  zeichnenden  Künste  1.  809  (Ciöttingen  1798). 

2)  Archiv   für   Litteraturgeschichte    3,    449    =    Strodtmann,    Briefe 
von  und  an  Bürger  4,  24. 

3)  'Wie  dein  ernster  Spruch  mich  lehrte:  Was  ich  soll,  das  will  ich 
können.' 


25.  Ein   Sonett  von  Leonardo  da  Vinci.  1X3 

Fr.  L.  Willi.  Meyer  dagegen  veröffentlichte  in  der 
"Poetischen  Blurnenlese  aufs  Jahr  179-2'  (Göttingen,  Dieterich) 
S.  163  f.  l)  folgenden 

Zuruf  Leonardo' s  da   Vinci. 

"Wer  nicht  kann,  was  er  will,  der  wolle  was  er  kann! 
Uni  das  versagte  Ziel  wird  sich  ein  Tlior  bemühen: 
Doch  der  Unmöglichkeit  sein  Wollen  auch  entziehen, 
Dadurch  bewähret  sich  vor  uns  der  weise  Mann. 

Es  hängt  des  Lebens  Qual,  sowie  des  Lebens  Glück, 
Aon  dem  Bewusstseyn  ab,  dem  Willen  zu  genügen. 
Dich  lehre  die  Vernunft  in  deine  Pflicht  sich  fügen ; 
Auf  beyde  richte  du  den  unverwandten  Blick. 

Nicht  alles,  was  du  kannst,  ist  deines  Wollens  werth. 
Die  Süsse  wird  gar  leicht  in  Bitterkeit  verkehrt, 
Und  oft  erröthen  wir  des  Kampfes  Preis  zu  nennen. 

Du,  der  mit  frischer  Kraft  auf  meine  Rede  hört, 
Sind  eigne  Ruhe  dir  und  fremde  Liebe  werth, 
Du  wollest  immer  nur  das,  was  du  thun  sollst,  können. 

Im  19.  Jahrhundert  haben  sich  Riemer,  Gries,  Bentzel- 
Sternau  und  Schlosser  an  dieselbe  Aufgabe  gemacht.  Fr.  W. 
Riemer  (Gedichte  1826  1,  322)  lieferte  eine  steife  und 
trockene  Arbeit 2) : 

Nach  Leonardo  da  Vinci. 

Kannst  wie  du  willst  nicht,  wie  du  kannst  so  wolle, 
Weil  Wollen  thöricht  ist  wo  fehlt  das  Können; 
Dennoch  verständig  ist  nur  der  zu  nennen, 
Der,  wo  er  nicht  kann,  auch  nicht  sagt  er  wolle. 


')  Danach  wiederholt  in  Meyers  'Spielen  des  Witzes  und  der 
Phantasie'  (Berlin  1793)  S.  132  und  bei  A.  Hagen,  Leonard  da  Vinci  in 
Mailand  1840  S.  99. 

2)  Die  trotzdem  in  Schorns  Vasari  3,  1,  5  und  in  Guhls  Künstler- 
hriefen  (1853  1,  103  =  1880  1,  79)  Aufnahme  fand.  G.  Droysen  änderte 
in  seinem  Aufsatze  über  Leonardo  da  Vinci  (Preussische  Jahrbücher  19, 
519.  1867)  die  ersten  Zeilen  etwas  ab: 

Kannst  was  du  willst  nicht,  was  du  kannst  das  wolle, 
Denn  thöricht  ist  das  Wollen  ohne  Können ; 
Drum  ist  ein  weiser  Mann  nur  der  zu  nennen  — 
Auch  schrieb  er  in  V.  5:  Lust-  und  Leidenvolle. 


1  g  |  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Das  ist  für  uns  das  Lust-,  das  Leidenvolle, 
Zu  wissen  ob,  ob  nicht  wir  wollen,  können; 
Drum  kann  nur  der,  der  nimmer  trennen 
Hein   Wollen  mag  vom  Wissen   was  er  solle. 

Nicht  immer  ist  zu  wollen  was  wir  können, 
Oft  däuchtet  süss,  was  sich  in  Bitter  kehrte, 
Wie  ich  beweint,  besass  ich  was  ich  wollte. 

Drum  mög',  o  Leser  meinen  Rath  erkennen: 
"Willst  du  der  Gute  seyn,  der  andern  Werthe, 
Woll  immerdar  nur  können  das  Gesollte. 

Besser  gelang  es  J.  D.  Gries,1)  auf  Goethes  Anregung 
hin  das  italienische  Poem  einzudeutschen: 

Kannst  du  dein  Wollen  nicht,  dein  Können  wolle! 
Wer  will,  was  er  nicht  kann,  muss  Klugheit  missen; 
Doch  dem,  der  nie  zu  wollen  sich  beflissen 
Was  er  nicht  kann,  den  Ruhm  der  Weisheit  zolle ! 

Denn  das  nur  dient  zur  Freud'  uns  wie  zum  Grolle, 
Ob,  oder  nicht,  wir  können,  wollen,  wissen; 
Und  der  nur  kann,  der,  prüfend  sein  Gewissen, 
Weiss,  dass  er  allzeit,  was  er  will,  auch  solle. 

Nicht  immer  wollen  darf  der  Mensch  sein  Können. 
Oft  sah  ich  Süsses  sich  in  Bittres  wandeln; 
Ich  weint'  um  was  ich  wollt',  als  ich's,  besessen. 

Drum  lass,  mein  Leser,  diesen  Rath  dir  gönnen : 
Soll  heilsam  dir,  werth  Andern  seyn  dein  Handeln, 
Musst  du  dein  AVollen  nach  dem  Sollen  messen. 

Da  die  bei  Gries  (Gedichte  2,  26G)  erwähnte  Übersetzung 
des  Grafen  Karl  Chr.  Ernst  zu  Bentzel-Sternau  nicht  gedruckt 
zu  sein  scheint,  wenden  wir  uns  der  von  Goethes  Freunde 
Fritz  Schlosser  (1780  — 1851)  hinterlassenen  Verdeutschung, 
die  in  den  von  seiner  Gattin  herausgegebenen  'Wanderfrüchten32) 

vorliegt : 

Nach  Leonardo  da  Vinci. 
Wer  nicht  kann,  was  er  will,  woll'  was  er  könne, 
Denn  Thorheit  ist,  was  man  nicht  kann  zu  wollen: 
Wohl  ziemts  den  Preis  der  Wahrheit  dem  zu  zollen, 
Der  nicht  um  das,  was  er  nicht  kann,  entbrenne; 


*)  Gedichte    und    poetische    Übersetzungen    1829    2,  132;   vgl.  Aus. 
dem  Leben  von  J.  D.  Gries  1855,  S.  128. 

2)  Aus  dem  Nachlasse  von  J.   F.  H.  Schlosser  1,  144  (1856). 


26.   Zacharias  Werners  'Vierundzwanzigster  Februar'.  185 

Denn,  siehe,  was  man  Hass  und  Liebe  nenne, 
Ist  Ja  und  Nein,  ist  Können,  Wissen,  AVollen; 
Drum  kann  er  einzig  das,  dess  ernstes  Sollen 
Die  hohe  Herrschaft  der  Vernunft  erkenne. 

Nicht  ziemet  immer,  was  man  kann,  zu  wählen: 
Oft  wird,  was  Wonne  schien,  zu  bitterm  Leide, 
Oft  schmerzt,  ersehntes  Gut  sein  eigen  nennen; 

Drum,  willst  du  nie  den  rechten  Pfad  verfehlen, 
Dein  eigner  Freund  seyn  und  der  Andern  Freude, 
So  sey  dein  Wollen,  was  du  Sollst,  zu  können. 

Ob   noch   andere  Übersetzer   hier  zu  verzeichnen  waren, 
können  vielleicht  unsere  Leser  uns  sagen. 


26.  Ober  den  Stoff  von  Zacharias  Werners 
'Vierundzwanzigstem  Februar. 

(Weimarer  Sonntags-Blatt  3,  197a— 200b.     1857.) 

In  einer  der  früheren  Nummern  dieser  Blätter  (nr.  11, 
S.  109)  ward  [von  J.  Saupe,  Abraham  a  Santa  Clara]  eine 
Erzählung  aus  Abrahams  a  Sancta  Clara  Gemisch  Geniasch 
[1704.  S.  43 — 46]  mitgeteilt J)  und  dabei  die  Vermutung  aus- 
gesprochen, dass  daraus  Zacharias  Werner  den  Stoff  zu  seinem 
Vierundzwanzigsten  Februar  entlehnt  haben  möge.  Möglich 
ist  diese  Annahme,  allein  keineswegs  notwendig,  da  Werner 
jenen  Stoff  von  verschiedenen  Orten  her  kennen  konnte. 

Zunächst  ist  es  durchaus  nicht  unwahrscheinlich,  dass 
ihm  zwei  deutsche  Volkslieder  bekannt  waren.  Das  eine 
Lied  fängt  an:  'p]s  hatt  ein  Gastwirt  einen  Sohn'2)  und 


J)  [Dieselbe  Geschichte  hat  R.  M.  Werner.  Zs.  f.  dtsch.  Altert.  30, 
85  (1886)  nochmals  abgedruckt;  vgl.  Anz.  f.  d.  Alt.   12,  290.] 

2)  Z.  B.  bei  Hoffmann,  Sohlesische  Volkslieder  nr.  34.  Erk,  Deutscher 
Liederhort  nr.  44.  [Erk- Böhme,  Liederhort  1,  175  nr.  50  c.  Meinert, 
Kuhländchen  S.  207  =  Mittler  nr.  292.  Hruschka -Toischer.  Böhmen 
1891,  S.  229  nr.  227.  Peter,  Oesterreichisch- Schlesien  1,  203.  Alfr. 
Müller,    Erzgebirge  1883,    S.   72.    —   Eine    im    ganzen   übereinstimmende 


1SI, 


Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


erzählt,  wie  der  Sohn  eines  Wirtes  nach  sechzehnjähriger  Ab- 

wesenheit  bei    seinen   Eltern   unerkannt   einkehrt.     Nur    der 

Schwester,  die  ihm  zum  Schlafgemach  leuchtet,  giebt  er  sich 

zu  erkennen,  bittet  sie  aber,  bis  zum  Morgen  nichts  zu  sagen. 

Nachts  fällt  es  den  Eltern  ein,  den  Fremden,  der  ihnen  sein 

Geld  zur  Verwahrung  gegeben  hat,  zu  ermorden.    Die  Tochter 

hört  des  Sterbenden  Wehruf  und  eilt  zu  spät  herbei.     Vater 

und  Mutter  töten  sich. 

Die  Tochter  starb  vor  Herzeleid, 

Den  Freunden  brachts  viel  Traurigkeit, 

Gott  behüte  uns  doch  alle. 

Ein  anderer  Text  schliesst: 

Es  sollte  sein  eine  grosse  Freud, 
AVar  aber  nichts  als  Traurigkeit, 
Drei  Mord  die  waren  geschehen. 

Das  zweite  hierher  gehörige  Lied  fängt  an:  'Es  waren 
einmal  zwei  Bauern  söhn'  1).  Nach  ihm  kehren  zwei 
Bauernsöhne  nach  langer  Abwesenheit  mit  Beute  beladen  aus 
dem  Krieg  in  ihre  Heimat  zurück.  Der  eine  kehrt  im  Wirts- 
hause seiner  Eltern  ein,  ohne  erkannt  zu  werden.  Nachts 
fordert  die  Wirtin  ihren  anfangs  widerstrebenden  Mann  auf, 
den  Soldaten,  der  von  seinem  vielen  Gelde  gesprochen  hat, 
197b  zu  |  morden.  Es  geschieht,  indem  die  Mutter  dem  schlafenden 
Sohne  heisses  Fett  in  den  Hals  giesst.  Am  Morgen  erkundigt 
sich  der  andere  Soldat  nach  seinem  Kameraden  und  entdeckt 
die  Unthat.  Die  verzweifelten  Eltern  töten  sich.  Mehrere 
Texte  schliessen  mit  den  Worten: 


tschechische  Ballade  bei  "Waldau,  Böhmische  Granaten  2,  188  nr.  276 
(1860)  macht  den  Vater  zum  Müller;  zum  Schlüsse  stürzt  sich  die  Mutter 
in  den  Fluss,  in  den  sie  die  Leiche  des  Soldaten  geworfen  haben;  der 
Vater  erhängt  sich.] 

v)  Z.  B.  Wunderhorn  2,  196  [=  2,  306  ed.  Birlinger-Crecelius].  Erk 
nr.  43  und  43  a.  Simrock,  Deutsche  Volkslieder  nr.  39.  Meier,  Volks- 
lieder aus  Schwaben  nr.  190.  [Erk-Böhme,  Liederhort  nr.  50  a-b.  Köhler 
und  Meier,  Volkslieder  von  der  Mosel  1.  24  nr.  20  (1896)  mit  der  Anm.. 
wo  jedoch  die  oben  S.  1852  aufgezählten  Lieder  nicht  ausgesondert  sind. 
Dazu  C.  Weiss,  Aus  dem  Volksleben,  Nürnberg  1863,  S.  38  (Andreas 
Christoph  V\,  geb.  1813,  f  2.  Okt.  1883)  und  G.  Mühl  in  Stöbers  Alsatia 
1851,  58.] 


26.  Zacharias  "Werners  'Vierundzwanzigster  Februar'.  \st 

Ei  du  verfluchtes  Geld  und  Gut, 
Bringst  manchen  um  den  guten  31ut 
Und  um  sein  jung  frisch  Leben, 

welcher  Sehluss  an  Abraham  a  Sancta  Clara  '0  du  verfluchtes 
Geld,  was  Übels  stiftest  du  in  der  Welt!"  erinnert. 

Hofr'mann  (Schlesische  Volkslieder  S.  60)  teilt  in  einer 
Anmerkung  zu  diesen  Liedern  aus  .loh.  Jacob  Vogels 
Leipzigischem  Geschichtsbuche  [  1 7 14J  S.  367  folgende  Stelle 
mit:  cAnuo  1618.  (Also  dasselbe  Jahr,  welches  Abraham 
angiebt.)  Dieses  Jahr  hat  sich  in  Leipzig  eine  erschreckliche 
Mordgeschichte  zugetragen,  welche  zwar  in  denen  Leipzigischen 
Annalibus  mit  Stillschweigen  übergangen,  vom  sei.  Daun- 
hauero  x)  aber  im  andern  Theil  seiner  Catechismus -Milch 
auf  dem  135.  Blatt  auf  diese  Art  erzählet  wird:  Im  Jahre 
1618  nächsthin  begab  sich  eine  traurige  Geschieht  zu  Leipzig 
mit  einem  Soldaten,  so  23  Jahre  nicht  daheim,  sondern  im 
Kriege  gewesen;  der  stellete  sich  nach  verflossener  Zeit  bei 
seinen  Eltern,  so  in  gedachter  Stadt  Wirthschaft  getrieben, 
kehret  als  ein  Gast  unbekannter  Weise  ein,  gehet  zuvor  zu 
seiner  Schwester,  so  an  einem  andern  Orte  gewohnet,  bei 
welcher  er  zuvor  gewesen,  ihr  alles  offenbaret,  und  sie  zu 
solchem  Ende  ins  Vaters  Haus  geladen,  auch  gegenwärtig 
sich  zu  erkennen  gegeben.  Darauf  übergiebt  er  sein  Paquet 
und  Geld,  so  oOO  Thaler  gewesen,  dem  Vater  als  Wirth  in 
Verwahrung  mit  Vermeldung,  dass  er  sich  des  andern  Tags 
allererst  recht  lustig  mit  ihnen  machen  wollte.  Unterdes  hat 
<ler  Teufel  sein  Spiel,  verblendet  die  Eltern  mit  dem  Gelde. 
dass  sie  den  Sohn  des  Nachts  im  Bette  ermorden:  da  sie 
aber  den  folgenden  Tag  von  der  Tochter  verstanden,  wer 
er  gewesen,  geriethen  sie  in  solche  Bekümmerniss  und  Ver-  198a 
zweiflung,  dass  der  Vater  sich  erhänkete,  die  Mutter  sich 
erstach,  die  Tochter  in  einen  Brunnen  sprang  und  sich  ersäufte. 
Diese  Geschichte  ist  auch  in  Gottfrieds  Chronica  2)  fast  am 

:)  [Job.  Conr.  Dannbauer,  Catechismus  Milch,  oder  der  Erklärung 
des  Christlichen  Cateehismi  ander  Theil.  Strassburg  1658,  2,  135.] 

-)  [Gemeint  ist  offenbar  Gottfried  Schultz,  Chronica,  3.  Edition 
1650  (zuerst  1646),  12°,  S.  275  f.  =  1656.  S.  223  =  1660,  8.  169.] 


188  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Ende  und  Ottens  Krankentrost  x),  in  einer  Predigt  am 
XV.  Sonnlage  nach  Trinitatis  erzählet  zu  finden.  Unter  anderen 
geschriebenen  Leipzigischen  Geschichten  befinde  ich  diese 
traurige  Begebenheit  mit  diesen  Umständen  erzählet:  dass 
Amin  IG  18  der  Gastwirth  in  der  Hällischen  Gasse  zum 
güldenen  Siebe  2)  seinen  Sohn,  der  aus  der  Fremde  kommen, 
sich  aber  seinem  Vater  des  ersten  Tages  nicht  zu  erkennen 
geben  wollen,  in  der  Nacht,  durch  Verleitung  des  Geldgeizes 
ermordet,  und  als  er  den  Ranzen  visitiret,  hätte  er  den  Ge- 
burtsbrief und  Zeugniss,  den  er  seinem  Sohne  mit  auf  die 
Reise  gegeben,  gefunden,  und  als  er  von  seiner  Tochter  ver- 
ständiget worden,  dass  es  sein  Sohn  gewesen,  hätte  er  sich 
erhänket."  —  [Mit  wenig  veränderten  Nebenumständen  erzählt 
Gottfried  Schultz  (Chronica  1656,  S.  723  =  1660,  S.  543) 
dieselbe  Geschichte  3)  als  1649  zu  Thermeis  in  Böhmen  vor- 
gefallen. Der  Sohn  ist  18  Jahre  in  der  Fremde  gewesen; 
zum  Schlüsse  stürzt  sich  der  Vater  in  einen  Brunnen,  die 
Mutter  erhängt   sich,   und  die  Schwester  stirbt  vor  Schreck.] 

In  Dithmarschen  kannte  man,  wie  Müllenhoff  (Sagen, 
Märchen  und  Lieder  der  Herzogtümer  Schleswig,  Holstein  und 
Lauenburg,  Kiel  1845,  S.  534)  berichtet,  vor  wenigen  Jahren 
noch  ein  Lied  dieses  Inhalts:  Ein  junger  Mann  war  länge  in 
der  Fremde   gewesen.     Eines  Abends   kam    er,   heimkehrend, 


J)  [Joh.  Jacob  Otto,  Kranckentrost,  Nürnberg  1665  und  1671.  — 
Ferner  erscheint  dieselbe  Geschichte  bei  Joh.  Peter  de  Memel,  Lustige 
Gesellschaft  1660,  nr.  1113;  J.  D.  Ernst,  Historisches  Bilderhaus  1675r 
1,  228  (nach  Dannhauer);  in  einem  um  1690  zu  Nürnberg  entstandenen 
lisl.  Historienbuche  (808  Bl.  fol.  Nürnberg,  German.  Museum  Hs.  2434) 
Bl.  284a:    bei  E.  M.  Freudenberg,   Etwas  für  Alle  (Hall  1732)  nr.  161.] 

2)  [Nach  freundlicher  Mitteilung  des  Leipziger  Stadtarchivars  Herrn 
Dr.  G.  Wustmann  gehörte  das  'Goldene  Sieb'  von  1605  bis  Ende  der 
vierziger  Jahre  dem  Conrad  Wolffermann;  1651  wird  als  Besitzer  sein 
Schwiegersohn,  der  Gastwirt  Daniel  Kestner,  genannt.  Was  aber  am 
meisten  gegen  die  Glaubwürdigkeit  der  Geschichte  spricht,  ist  das  voll- 
ständige Schweigen  des  Leipziger  Leichenbuchs  von  1618,  das  alle  Er- 
mordeten, Verunglückten  u.  s.  w.  verzeichnet,  über  einen  solchen  Vorfall.] 

;1)  [Danach  Mich.  Wiedemann,  Historisch-poetische  Gefangenschafften 
7,  90  (1689)  =  Erk,  Alemannia  8,  61.  | 


26.  Zacharias  Werners 'Vierundzwanzigster  Februar'.  139 

wieder  vor  das  Haus  seiaer  Eltern  und  bat  um  Herberge  für 
die  Nacht,  ohne  sich  ihnen  zu  entdecken.  Nur  seine  Schwester 
erfuhr,  wer  er  sei.  Es  waren  arme  Leute,  aber  der  Sohn 
hatte  sich  viel  Geld  erspart.  Da  gingen  die  Alten  in  der 
Nacht  hin  und  erschlugen  ihn,  ohne  dass  sie  ihn  erkannten. 
Durch  das  Geräusch  aber  erwacht  die  Schwester  und  (diese 
Strophe  allein  kennt  man  noch) 

Se  nam  äer  Lieht  wol  in  de  Hand, 
Se  leep  wol  äer  Slaepkamer  enlank: 
cAeh  Gott,  min  eenzigste  Broder  min, 
Min  hartallerleevste  Broder  min !' 

Das  hörten  die  Eltern,  und  wie  die  Tochter  kam  und 
sie  den  Toten  sahen,  erkannten  sie  ihn  und  stürzten  tot  vor 
Schrecken  nieder.  |  —  [Eine  mecklenburgische  Sage,  die 
bei  Niederhöffer  (Mecklenburgs  Volkssagen  1,  26.  1857)  und 
etwas  abweichend  bei  Bartsch  (Sagen  aus  Mecklenburg  1,  214. 
1879)  erzählt  wird,  verlegt  das  Ereignis  in  die  Martensmühle 
zwischen  Teschow  und  Sülstorf.  Die  Müllersleute  ermordeten 
einen  bei  ihnen  eingekehrten  Fremden  im  Schlafe,  indem  sie 
ihm  geschmolzenes  Blei  ins  Ohr  (nach  Bartsch  siedendes 
Schmalz  in  den  Hals)  gössen.  Am  anderen  Morgen  kam  sein 
Freund  (nach  Bartsch  sein  Diener)  und  offenbarte,  dass  der 
Ermordete  der  heimkehrende  Sohn  gewesen  sei.  ■ —  In  Danzig 
knüpft  sich  ein  gleicher  Bericht  an  ein  vor  dem  Olivaer  Thore 
belegenes  Häuschen,  das  seinen  Namen  'Jerusalem"  von  jenem 
mörderischen  Gastwirte  tragen  soll  (G.  Löschin,  Beiträge  zur 
Geschichte  Danzigs  3,  64.  1837.  0.  F.  Karl,  Danziger 
Sagen  2,  1.  1844).  —  In  einer  Gra  ubündener  Sage 
(D.  Jecklin,  Volkstümliches  aus  Graubünden  2,  31  nr.  10. 
1876)  hört  der  Sohn  in  der  Fremde,  dass  seine  Eltern,  die 
im  Dolmetsche -Haus  bei  Chur  eine  Wirtschaft  haben,  als 
Unmenschen  verrufen  seien,  und  kehrt,  um  sich  davon  zu 
überzeugen,  bei  ihnen  ein,  ohne  sich  zu  erkennen  zu  geben. 
Nachts  giesst  ihm  die  Mutter  siedendes  Schmalz  in  den  Hals. 
Den  gleichen  Eingang  hat  die  Geschichte  von  der  Wirtin  von 
Boscha  (Jecklin  2,  30  nr.  9)  und  das  später  zu  erwähnende 
französische  Volkslied.] 


190  ^lir  "eueren  Literaturgeschichte. 

198b  So  gut  nun  Wernern  eins  jener  Lieder  oder  auch  Vogels 

Leipzigisches  Geschichtsbuch  zufällig  in  die  Hände  gekommen 
sein  konnte,  ebenso  gut  konnte  ihm  aber  auch  eine  italieni- 
sche Novelle  bekannt  geworden  sein.  Die  Novelle,  die  wir 
meinen,  ist  von  Vincenzo  Rota  aus  Padua.  der  im  vorigen 
Jahrhundert  [1703—1781]  lebte.  Sie  ist  [1794  gedruckt  und 
1834]  von  Ed.  von  Bülow  in  seinem  Novellenbuche  1,  161 
bis  17-t  u.  d.  T.  'Der  Gastwirt  von  Maderno'  übersetzt  und 
erzählt  folgendes:  Ein  fünfzehnjähriger  Knabe  entflieht  seinen 
harteu  und  überaus  geizigen  Eltern,  welche  auf  Brescianer 
Gebiete  eine  Gastwirtschaft  haben.  Nachdem  er  als  Diener 
eines  vornehmen  Herrn  in  Neapel  ein  Vermögen  erworben, 
kehrt  er  nach  25  Jahren  in  die  Heimat  zurück.  Er  begiebt 
sich  in  das  Haus  seiner  Eltern,  denen  er  sich  nicht  zu 
erkennen  giebt,  da  er.  um  sie  desto  mehr  zu  überraschen,, 
eine  Nacht  als  Fremder  bei  ihnen  zubringen  wollte.  Der 
Alte  aber  bemerkt  das  Geld  und  beschliesst  mit  seinem 
Weibe  seinen  Tod.  Die  Frau  schneidet  ihm  den  Hals  ab, 
und  mit  den  von  den  verblendeten  Eltern  nicht  verstandenen 
Worten  cAch  Vater,  ach  Mutter'  stirbt  der  Unglückliche.  Am 
Morgen  kommt  der  Pfarrer  des  Ortes,  dem  sich  der  Sohn, 
sein  Pate,  zu  erkennen  gegeben  hatte,  und  entdeckt  den 
Eltern  ihre  Unthat.  Die  Mutter  ersticht  sich:  der  Vater  aber, 
dem  man  das  Messer,  mit  dem  auch  er  sich  töten  will,  ent- 
reisst,  wird  in  Venedig  hingerichtet,  'als  Warnung  und  Spiegel 
allen  bösen  Menschen,  besonders  den  verwünschten  Hab- 
süchtigen, deren  verabscheuungswürdiges  Gezücht  Gott  ver- 
tilgen möge1.  —  Bülow  bemerkt  in  der  Vorrede  S.  XXXV: 
'Die  Novelle  verlieh  wohl  mittel-  oder  unmittelbarerweise 
Zacharias  Werner  den  Gegenstand  zu  seinem  verderblichen 
Vierundzwanzigsten  Februar,  dessen  Roheit  durch  diese 
Novelle  vielleicht  in  noch  helleres  Licht  gestellt  wird/ 

Die  Geschichte  wird  wahrscheinlich  noch  sonst  in  Italien 
vorkommen.1)      Ein    hierhergehöriges    korsisches   Volks- 


*)  [Eine  1732  zu  Mailand  erschienene  Darstellung,  die  A.  d'Ancona 
1889  in  seinem  lesenswerten  Aufsatze  'La  storia  del  padre  che  assassina 
il  figlio'  (Archivio  delle  tradiz.  pop.  8,  153  —  173)  zum  Abdrucke  brachte, 


26.   Zacharias  Werners  'Vierundzwanzigster  Februar*.  191 

lied  hörte  Ferdinand  Gregorovius  auf  Korsika.  Er  sagt  in 
sei-  nein  trefflichen  Buche  cCorsika3  (Stuttgart  18")4.  2,  27)  199a 
über  den  Inhalt  folgendes:  'Ein  junger  Mann  aus  den  Bergen 
verlässt  Mutter,  Vater  und  Schwester  und  geht  auf  das  Fest- 
land in  den  Krieg.  Nach  vielen  Jahren  kehrt  er  als  Offizier 
heim.  Er  steigt  zu  seinem  Paehe  hinauf:  niemand  der  Seinen 
erkennt  er  hier.  Nur  der  Schwester  giebt  er  sich  zu  erkennen, 
deren  Freude  unsäglich  ist.  Dann  sagt  er  dem  Vater  und 
der  Mutter,  denen  er  sich  noch  nicht  entdeckt  hat.  sie  mögen 
auf  morgen  ein  herrliches  Mahl  rüsten,  er  wolle  es  gut  be- 
zahlen. Abends  nimmt  er  die  Flinte  uud  geht  auf  die  Jagd. 
In   seinem  Zimmer    hat  er  den  Ranzen  gelassen,   in  welchem 


verlegt  den  Mord  nach  Marseille.  Per  Jüngling  hat  im  Dienste  eines 
spanischen  Obersten  16  000  Scudi  erworben  und  wird  nachts  durch 
kochendes  Wasser  getötet;  die  Entdeckung  erfolgt  wie  bei  Rota  durch 
einen  Gevatter,  den  der  Jüngling  zuvor  besucht  und  zum  Frühstück 
geladen  hatte.  Der  Titel  lautet:  'Caso  spaventevole  e  orrendo,  occorso 
nella  Citta  di  Marsiglia,  dove  s'intende  come  un  perfido  e  scelerato  Oste 
detto  Saverio  Polinder,  assieme  con  sua  Moglie  Anna  Salusti.  come 
diedero  morte  ad  uno  che  alloggiö  nella  loro  Osteria,  per  aver  quantita 
di  denaro,  e  dopo  morto,  fu  conosciuto  che  quello  era  il  loro  vero  fi- 
gliuolo.5  —  Um  1800  scheint  ein  gleichfalls  von  D'Ancona  besprochenes 
Volksbuch  in  sechszeiligen  Strophen  entstanden  zu  sein,  dessen  Ver- 
fasser sich  Xicodemo  Lermil  (?  Anagramm  für  Domenico  Miller)  nennt: 
'II  caso  funestissimo  di  un  assassino  che  uccise  il  proprio  hgliulo  inco- 
gnito.'  Hier  ist  der  Schauplatz  zufolge  dem  Florentiner  Drucke  von  1850 
ein  Wald  drei  Meilen  von  Rom,  in  einer  Luccheser  Ausgabe  von  1857 
dagegen  'presso  Valenzien  terra  della  Francia';  der  Wirt  ersticht  nachts 
den  Soldaten  und  erfährt  am  anderen  Morgen  von  seiner  verheirateten 
Tochter,  dass  er  seinen  Sohn  ermordet  habe.  Wie  in  der  Flugschrift 
von  1732  wird  schliesslich  die  ganze  Herberge  niedergebrannt.  Über 
solche  Zerstörung  des  Hauses,  in  dem  ein  Mord  verübt  war,  vgl. 
die  Zusammenstellungen  von  V.  Chauvin.  Melusine  9,  92  f.  und  AVallonia 
8,11  f.  —  In  einer  bulgarischen  Ballade  (Strauss,  Bulgarische  Volks- 
dichtungen 1895,  S.  188)  wird  nicht  der  Sohn,  sondern  der  unerkannt 
heimkehrende  Gatte  von  der  Wirtin  und  ihrer  Mutter  erschlagen;  am 
Morgen  fragen  die  Hirten  Ivans  nach  ihm.  —  Nähere  Untersuchung 
verdient  die  uns  unzugängliche  polnische  Erzählung  von  Kwiatkowski 
(Theater  des  menschlichen  Lebens  in  historischen  Darstellungen. 
Kaiisch  1740).  die  nach  A.  Royer  (Histoire  universelle  du  theatre  4, 
464.   1870)  denselben  Stoff  wie  Lillos  und  Werners  Tragödien  behandelt.] 


]  92  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

viel  Gold  enthalten  ist.  Der  Vater  sieht  den  Reichtum  und 
beschliesst.  den  Fremden  nachts  zu  ermorden.  Die  schreck- 
liche That  wird  vollbracht.  Wie  nun  der  Tag  kommt  und 
der  Mittag  kommt  und  sich  der  Bruder  nicht  zeigen  will, 
fragt  die  Schwester  nach  dem  Fremdling;  in  der  Angst  ihres 
Herzens  entdeckt  sie  den  Eltern,  dass  es  der  Bruder  sei. 
Sie  stürzen  in  die  Kammer,  Vater,  Mutter,  Schwester;  da 
liegt  er  in  seinem  Blute.  —  Die  Geschichte  ist  wahr,  wie 
überhaupt,  was  die  korsischen  Volkslieder  singen,  ein  wirk- 
liches Ereignis  ist.J 

[Ein  französisches  Volkslied,  das  uns  in  drei  Fassungen 
vorliegt  (Smith,  Romania  10,  208:  aus  Velay  und  Forez, 
18  Str.;  Bujeaud,  Chants  populaires  de  l'Ouest  1866  2,  237: 
aus  Aunis,  11  Str.;  Guillon,  Chansons  populaires  de  l'Ain 
1883,  S.  112.  8  Str.),  schweigt  ganz  von  dem  Vater  des  Sol- 
daten, gerade  wie  die  Graubündener  Erzählung  von  der 
Wirtin  von  Boscha.  Als  der  Heimgekehrte  sich  Tuch  kauft 
erkennt  ihn  seine  Tante  und  warnt  ihn,  bei  der  Mutter  ein- 
zukehren: 

Pauvre  Soldat,  prends  garde  ä  toi, 
Si  tu  vas  loger  chez  ta  mere : 
A  bien  tue  d'autres  marchands, 
Elle  t'en  pourrait  bien  faire  autant. 

Als  sie  am  anderen  Morgen  ihre  Schwester  besucht,  findet 
sie  den  Soldaten  von  seiner  Mutter  erstochen  und  zeigt  die 
Unthat  dem  Gerichte  an.] 

Auch  in  England  ist  die  entsetzliche  That  mehrfach 
überliefert.  John  Dunlop  sagt  in  seiner  Geschichte  der  Prosa- 
dichtungen  (übertragen  von  Felix  Liebrecht,  Berlin  1851) 
S.  294  bei  Erwähnung  der  Rotaschen  Novelle :  'Eine  ähnliche 
Geschichte  wird  in  dem  'Visitor\  einer  obskuren  englischen 
Zeitschrift,  von  einem  normannischen  Gastwirt  erzählt  und 
liegt  auch  der 'Verhängnisvollen  Neugier'  (The  fatal  curiositv). 
einem  dreiaktigen  Trauerspiele  von  Lillo  [1693 — 1739],  zu 
Grunde,  von  welchem  J.  Harris  in  seinen  'Philological  inqui- 
ries'  [1781]    sagt:    'Es    ist    das    Muster    eines   vollkommenen 


26.   Zacharias  Werners 'Vierundzwanzigster  Februar'.  193 

Stoffes.'  Die  Fabel  dieses  Stückes  ist  einer  alten  Flugschrift1) 
entnommen,  betitelt:  'Newes  frorn  Perin  in  Cornwall,  of  a 
most  bloody  aud  unexampled  Muriner,  very  lately  com-  j  uiitted  n»9b 
by  a  Father  ou  his  owne  Sonne  [(who  was  lately  returned 
froni  the  Iodyes),  at  the  Iuvestigation  of  a  merciless  Step- 
mother,  Together  with  their  several  most  wretched  Eudes; 
being  all  performed  in  the  Mouth  of  September  last.  Anuo 
1648.'  -4  °  (Oxford,  Bodleian  Library).  Diese  Flugschrift, 
welche  auffälligerweise  dasselbe  Jahr  für  deu  Vorfall  angiebt 
wie  die  Berichte  über  den  Leipziger  Mord,  stimmt  auch  in 
den  Grundzügen  der  Handlung  zu  diesen,  nur  erzählt  sie  viel 
ausführlicher  auch  von  dem  abenteuerlichen  Vorleben  des 
Helden.  Dieser  kehrt  mit  Gold  und  Edelsteinen  beladen  aus 
Indien  nach  London  heim  und  besteigt  dort  ein  Schiff,  um 
seine  in  Cornwall  lebenden  Eltern  nach  fünfzehnjähriger  Ab- 
wesenheit wiederzusehen.  Das  Fahrzeug  strandet,  aber  er 
rettet  sich  schwimmend  an  die  Küste.  Dort  findet  er  die 
einst  wohlhabenden  Eltern  verarmt  in  einer  Hütte,  die 
Schwester  mit  einem  Krämer  verheiratet.  Der  letzteren  ent- 
deckt er  sich  und  ladet  sie  mit  ihrem  Manne  auf  den  folgen- 
den Tag  ins  Elternhaus.  Die  Eltern  nehmen  den  als  armer 
Schiffbrüchiger  auftretenden  Fremdling  voll  Mitleid  auf,  der 
ihnen  am  Küchenfeuer  von  seinen  Reisen  berichtet.  Als  die 
Mutter  Thränen  vergiesst,  giebt  er  ihr  zuerst  ein  Goldstück 
für  sein  Nachtlager  und  zeigt  ihr  dann  seinen  vollen  Geld- 
gurt, der  hinreiche,  um  alle  ihre  Not  zu  enden.  Er  versinkt 
darauf  in  festen  Schlaf;  in  der  Mutter  aber  erwacht  die  Gier 
nach  dem    Golde    des   Fremden;    sie    weckt  ihren   schon  zur 


1)  [Vgl.  G.  C.  Boase  and  W.  P.  Courtney,  Bibliotheca  Cornubiensis 
1,  319  (1S74).  —  Die  Begebenheit  ist  danach  erzählt  bei  W.  Sanderson, 
Compleat  History  of  the  Lives  and  Reigns  of  Mary,  Queen  of  Scotland, 
and  of  her  Son  and  Successor  James  (London  1656)  S.  463 — 465;  Thomas 
Frankland,  Annais  of  James  I.  and  Charles  I.  (1681);  Baker,  Biographia 
dramatica  1812  2,  224  (nach  Frankland) ;  D.  Gilbert,  Parochial  History  of 
Cornwall  2.  100  (1838);  R.  Hunt,  Populär  Romanees  of  the  West  of 
England,  3.  ed.  1881,  S.  442-444:  'The  Penryn  Tragedy'.  -  Vgl. 
"W.  E.  A.  Axon,  The  story  of  Lillo's  'Fatal  curiosity1  in  Notes  and  Queries 
6.  Ser.  5.  21  f.  (1882).] 

Köhler,  Kl.  Schriften.  KI.  13 


1<)4  Zur  neueren  Litteraturgeschichte. 

Ruhe  gegangenen  Mann  und  beredet  ihn.  den  (last  zu  er- 
morden. Als  um  Morgen  die  Tochter  erscheint  und  nach 
dem  Seemann  fragt,  leugnen  die  Eltern,  einen  solchen  gesehen 
zu  haben.  Sie  erzählt,  es  sei  ihr  Bruder,  den  sie  an  einer 
Narbe  am  Arme  erkannt  habe.  Da  eilt  der  Vater  in  die 
Kammer,  findet  die  Narbe  und  schneidet  sich  mit  dem  Messer. 
das  zum  Morde  gedient  hat.  die  Kehle  ab.  Die  Frau  eilt 
ihm  nach  und  stösst  sich  dasselbe  Messer  in  den  Leib,  das& 
die  Gedärme  herausfallen.  Über  das  Ausbleiben  der  Eltern 
besorgt,  geht  ihnen  die  Tochter  nach,  entdeckt  die  drei 
Leichen  und  sinkt  voller  Entsetzen  tot  zu  Boden.  Im  der 
angesehenen  Verwandten  willen  verschweigt  der  Bericht- 
erstatter den  Namen  der  unglücklichen  Familie.  —  'Vergleicht 
man  diese  an  charakteristischen  Zügen  reiche  und  dramatisch 
zugespitzte  Darstellung  mit  dem  trockenen  Leipziger  Referat, 
das  historische  Glaubwürdigkeit  nicht  beanspruchen  darf,  so 
scheint  es  zunächst  durchaus  glaublich,  dass  das  englische 
Flugblatt  einen  deutschen  Leser  reizte,  die  schaurige  Be- 
gebenheit in  der  Heimat  lokalisiert  seinen  Landsleuten  vor- 
zuführen. Aber  solange  uns  nicht  diese  vorauszusetzende 
älteste  deutsche  Fassung,  die  vermutlich  gleichfalls  als  Flug- 
blatt erschien,  selber  vorliegt,  entstehen  doch  Zweifel,  ob 
nicht  umgekehrt  der  Engländer  aus  der  deutschen  Schrift 
schöpfte,  indem  er  den  Ort  veränderte,  das  Datum  1618- 
dagegen  beibehielt.  Diese  Zweifel  würden  natürlich  schwinden, 
wenn  die  Thatsache  der  Blutthat  zu  Penryn  aus  anderen 
Quellen  erwiesen  werden  könnte.] 

Lillos  Stück  ist  wiederum  in  einem  späteren  Trauerspiele 
nachgeahmt  worden,  welches  den  Titel  'Der  Schiffbruch'  führt 
von  Henrv  Mackenzie  1784.  Sodann  in  Deutschland  von 
K.  Ph.  Moritz,  Blunt  oder  der  Gast  1781  und  W.  H.  Brömelr 
Stolz  und  Verzweiflung  1785].  Schliesslich  vergisst  Dunlop 
auch  nicht  zu  erinnern,  dass  Werners  Tragödie  einen  ähn- 
lichen Stoff  behandle.  Ja  es  liegt  nicht  zu  fern,  anzunehmen, 
dass  Werner  Lillos  Stück  gelesen  haben  möge.  Lillos  gar 
nicht  zu  verachtende  Werke,  die  jetzt  nur  der  Forscher  kennt, 
waren    in    der    zweiten    Hälfte   des    vorigen   Jahrhunderts   in 


26.  Zacharias  Werners  'Vierundzwanzigster  Februar'.  195 

Deutsehland  wohl  bekannt  und  in  mehr  als  einer  Übersetzung 
verbreitet:  galt  doch  Lillo  als  der  Schöpfer  einer  neuen 
dramatischen  Richtung,  der  bürgerlichen  Tragödie,  l)  welche 
bald  in  Frankreich  und  Deutschland  (hier  durch  Lessmgs 
Miss  Sara  Sampson  1755)  Nachfolge  fand.  Wer  nun  an- 
nehmen will,  dass  Wernern  Lillos  Trauerspiel  vorgeschwebt 
habe,  könnte  sich  vornehmlich  auf  die  Ähnlichkeit  der  Väter 
in  beiden  Stücken  berufen.  Der  alte  Kuruth  Werners  ist 
ebenso  wie  Lillos  Wilmot  eine  eigentlich  brave,  noble,  aber 
leidenschaftliche,  ungeduldige  Natur;  beide  sind  in  die  äusserte 
Armut  und  dadurch  in  Verzweiflung  geraten;  beide  denken 
ernstlich  an  Selbstmord;  beide  sind  empört,  als  ihnen  ihr 
Weib  vorschlägt,  den  schlafenden  Fremden  zu  berauben. 
Dagegen  wird  Wilmot  zu  dem  Morde  durch  seine  Frau  an- 
geregt, während  der  alte  Kuruth  von  selbst  darauf  kommt 
und  von  seiner  Frau  umsonst  gewarnt  wird. 

Wer  belesener  ist  als  wir,  wird  die  Geschichte  von  den 
Mordeltern  (so  hat  man  passend  jene  deutschen  Volkslieder 
zuweilen  überschrieben)  wohl  noch  sonst  in  geschichtlichen 
und  poetischen  Werken  angetroffen  haben;  denn  so  grauen- 
voll sie  ist,  so  ist  sie  doch  wieder  so  einfach,  dass  sie  sich, 
wie  lloffmann  a.  a.  0.  S.  59  mit  Recht  bemerkt,  gewiss  zu 
verschiedeneu  Zeiten  und  in  mehreren  Gegenden  begeben 
hat:  las  man  doch,  irren  wir  nicht,  vor  |  etlichen  Monaten  200a 
in  den  Zeitungen  die  Begebenheit  als  ganz  neuerdings  in 
Russland  vorgefallen. 2) 


1)  Lillos  erste  bürgerliche  Tragödie  war  der  'Kaufmann  von  London' 
(1731).     Die  'Fatal  curiosity'  ward  1736  aufgeführt. 

2)  [Auch  die  Neue  Freie  Presse  in  Wien  berichtete  im  Juni  18S0 
(Notes  and  Queries  6,  5,  21)  von  der  Ermordung  eines  "Wieners  durch 
seine  Mutter,  zu  der  er  nach  löjähriger  Abwesenheit  aus  Amerika  heim- 
gekehrt war.  Er  hatte  ihr.  ohne  sich  zu  erkennen  zu  geben,  seine 
100  000 Gulden  zur  Aufbewahrung  anvertraut.  Zwei  Tage  später  trafen  seine 
Brüder,  die  er  zuvor  besucht  hatte,  bei  der  Mutter  ein  und  entdeckten 
die  Unthat.  — A.  D'Ancona,  der  (Archivio  8,  167  f.)  noch  zwei  entfernter 
stehende  Mordgeschichten  aus  dem  Progres  du  Nord  1876  und  aus  dem 
Memorial  de  la  Loire  1869  anführt,  weist  auf  eine  Erzählung  eines 
chinesischen  Matrosen  hin,  die  in  der  Tradition   1,  7  von  L.  Didier  mit- 

13* 


um; 


Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


Bei  der  Einfachheit  des  Stoffes  bleibt  denn  auch  die 
Möglichkeit,  dass  Werner  ihn  selbständig  erfunden  hat. 
Mag  er  ihn  aber  auch  irgendwoher  entlehnt  haben,  das  wird 
200h  sein  Eigentum  bleiben,  dass  er  die  Unthat  als  |  Folge  eines 
Fluches  und  eines  hierdurch  auf  einem  gewissen  Tage  ruhen- 
den Unsterns  darstellte.  Den  24.  Februar  aber  wählte  der 
Dichter«  weil  einst  an  diesem  Tage  (1804)  seine  Mutter  und 
ein  teurer  Freund,  J.  J.  Mnioch  in  Warschau,  gestorben 
waren. 


[Die  Frage  nach  der  Quelle  von  Zacharias  Werners  pein- 
lich ergreifendem  Drama  hat  auch  andere  Forscher  beschäftigt. 
Ein  uns  nicht  zugänglicher  Aufsatz  im  Mainzer  Unterhaltungs- 
blatt 1840,    nr.  347  (K.  B e,   Der  Stoff  zu  Werners 

24.  Februar),  den  Wurzbach  (Biogr.  Lexikon  55,  96)  citiert, 
mag  auf  Engelhardts  Naturschilderungen  aus  den  Alpen  1840, 
S.  82  zurückgehen,  wo  nach  Menzel  (Gesch.  der  deutschen 
Dichtung  3,  376)  berichtet  wird,  dass  in  dem  einsamen  Alpen- 


geteilt ist:  Der  geizige  Li-Ti-Fo  tötet  den  unerkannt  heimgekehrten 
Sohn  im  Schlafe;  das  aus  dem  Haus  her  vorrieselnde  Blut  verrät  den 
Mord,  man  schlägt  die  Thür  ein,  und  nun  erst  erkennt  der  Yater  den 
Sohn. 

Ebenso  kann  die  folgende  Erzählung  von  der  Ermordung  eines  uner- 
kannten Sohnes,  die  sich  bei  'Victor  Hugo  raconte  par  un  temoiu  de  sa  vie' 
1,  11  (1863)  findet,  zeigen,  wie  sich  ähnliche  Begebenheiten  wiederholen: 
'Hugo  (Leopold  H.,  der  Vater  des  Dichters)  etait  alors  chef  d'etat-major. 
II  prit  part  a  l'expedition  de  Quiberon.  II  vint  ä  Chateaubriant.  II  y 
fut  presque  temoin  d'une  chose  horrible.  Un  Soldat,  convalescent  d'une 
blessure  regue  ä  l'armee  du  Rhii),  allait  se  retablir  chez  son  pere;  on 
lui  avait  bien  recommande  de  ne  pas  devancer  l'escorte  de  la  diligence; 
mais,  a  la  vue  de  son  village,  il  n'avait  pu  attendre  et  s'etait  hasarde 
seul;  un  paysan  qui  travaillait  ä  la  terre,  le  voyant  venir,  prit  un  fusil 
cache  dans  une  haie,  l'ajusta,  l'atteignit  en  plein  visage,  puis  vint 
depouiller  le  mort.  La  detonation  avait  ete  entendue,  l'escorte  de  la 
diligence  accourait,  le  paysan  s'enfuit  avec  le  havresac  et  un  porte- 
feuille  dans  lequel  il  y  avait  une  feuille  de  route ;  comme  ni  lui  ni  sa 
femme  ne  savaient  lire,  ils  prierent  un  voisin  de  leur  dire  ce  qu'il  y 
avait  dans  le  papier,  et  ils  apprirent  que  le  mort  etait  leur  fils.  La  mere  se 
tua  d'un  coup  de  couteau,  et  le  pere  vint  se  livrer  h  la  justice.'] 


26.   Zacharias  Werners  'Vierundzwanzigster  Februar'.  197 

wirtshause  Schwarenbach  an  der  Gemmi  einmal  die  Wirtsleute 
von  zwei  Italienern  erschlagen  worden  seien.  Menzel  erinnerte 
sich  dabei  merkwürdigerweise  der  viel  genauer  mit  Werner 
übereinstimmenden  Lieder  und  Erzählungen  nicht,  die  er 
selbst  ebd.  2,  355  verzeichnet  hatte.  1880  wies  0.  Abrahamson 
(Archiv  f.  Littgesch.  9,  219)  auf  Lillo  und  Moritz,  1886 
K.  M.  Werner  (Zs.  f.  d.  Altert.  30,  85.  Anz.  12,  290)  auf 
Abraham  a  8.  Clara  als  Vorbilder  der  Tragödie  hin,  worauf 
Erich  Schmidt  1888  (Vierteljahrschr.  f.  Littgesch.  1,  503)  an 
Köhlers  von  jenen  übersehene  Zusammenstellung  verwandter 
Berichte  und  Lieder  erinnerte  und  nebenher  eine  wichtige 
Episode  der  Vorgeschichte  *)  aufWickrams  Rollwagenbüchlein 
(1557)  zurückführte. 

Nun  existiert  eine  von  E.  W.  Weber  (Zur  Geschichte  des 
Weimarischen  Theaters  1865,  S.  ^ß9  f.  =  Archiv  f.  Littgesch. 
4.  4G1  -  =  Goethes  Gespräche  hsg.  von  W.  v.  Biedermann  8,  309. 
1890)  nach  den  Erinnerungen  des  Schuldirektors  F.  Schubart 
aufgezeichnete  weimarische  Tradition,  nach  der  Werner  seinen 
'Vierundzwanzigsten  Februar'  auf  Grund  einer  schauerlichen, 
mit  einem  merkwürdigen  Zusammentreffen  der  Jahrestage 
verbundenen  Kriminalgeschichte  dichtete,  die  in  einer  Gesell- 
schaft bei  Goethe  aus  den  Zeitungen  vorgelesen  wurde, 
und  die  Goethe  Werner  als  einen  geeigneten  und  fruchtbaren 
Stoff  zu  einem  kleinen  einaktigen  Trauerspiel  empfahl. 
Da  wir  aus  Goethes  Tagebuch2)  wissen,  dass  Werner  bei 
diesem  am  27.  Februar  1809  nach  Tische  cmit  einem  Argu- 
ment zu  einer  Tragödie'  erschien,  welches  er  in  den  folgenden 
zehn  Tagen  ausarbeitete,  müsste  jenes  Gespräch,  durch  das 
"Werner   die  erste  Anregung  zu    seinem  Stücke   erhielt,   kurz 

1)  'Der  kleine  Kurt  hat,  kindisch  verführt  durch  den  Anblick  der 
ein  Huhn  abstechenden  Mutter,  sein  Schwesterchen  im  Spiel  ge- 
schlachtet.' 

2)  Goethes  Tagebücher  4,  13  (1891).  Am  10.  März  meldet  Werner 
an  Goethe  die  Vollendung  seines  'Nachspiels1;  vgl.  Schüddekopf  und 
Walzel,  Goethe  und  die  Romantik  2,  30  (1899);  dazu  S.  XXVIII  f.  und 
320.  Pauline  Gotters  Briefe  an  Schelling  1810  (Aus  Schellings  Leben 
2,208.214.  1870).  Düntzer,  Zwei  Bekehrte  1873  S.  157  f.,  Goethe,  Briefe 
20,  319  (28.  April   1809   an  Werner). 


]!)s  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

zuvor  stattgefunden  haben1).  Werner  selber  äussert  sieh  am 
4.  Mai  1809  in  einem  Schreiben  an  [ffland,  dem  er  seineu 
Einakter  zur  Aufführung  übersandte2),  mit  aller  wünschens- 
werten Deutlichkeit  über  dessen  Entstehung,  wie  folgt: 

'Der  Gegenstand  ist  die  bekannte  Anekdote,  dass 
zwei  Eltern  ihren  als  Reisenden  bei  ihnen  einkehrenden  Sohn, 
ohne  zu  wissen,  dass  es  ihr  Sohn  sei,  umbringen.  Ich  habe 
dabei  nicht  nur  die  Triebfeder  der  griechischen  Tragödie,  den 
Fluch,  nach  Goethens  Meinung  sehr  zweckmässig  ins  Spiel 
gebracht,  sondern  auch,  um  das  Gemälde  mehr  der  Wirklich- 
keit näher  zu  bringen,  die  Scene,  als  wäre  sie  wirklich  vor- 
gefallen, nach  einem  sehr  grausenvollen  Orte  in  der  Schweiz, 
dem  Wirtshause  auf  der  Geminialpe.  versetzt,  ein  von  der 
Natur  schon  zum  Entsetzlichen  gestempelter  Ort,  den  ich  selbst 
besucht  und  treu  geschildert  habe,  und  wo  wirklich  vor  ein 
paar  Jahren  eine  Mordthat,  wenn  gleich  nicht  mit  den  in 
meinem  Stücke  erwähnten  Umständen  geschehen  ist.  Auch 
die  Benutzung  dieses  Motivs  billigt  Goethe  sehr'. 

Wenn  somit  der  Dichter  die  Fabel  seines  Trauerspiels 
als  eine  'bekannte  Anekdote'  bezeichnet,  so  wird  er  sie  ent- 
weder schon  vor  jener  Gesellschaft  bei  Goethe  gekannt  oder 
von  den  dort  Anwesenden  ihre  weite  Verbreitung  vernommen 
haben.  Ausserdem  hat  Schubarts  Bericht,  dass  die  so  oft 
wiederholte  Mordgeschichte  gerade  damals  durch  die  Zeitungen 
gegangen  sei,  durchaus  nichts  Unwahrscheinliches;  denn  der 
Fürst  Hermann  von  Pückler-Muskau  vernahm  sie  1808 
am  6.  August  zu  Genf  als  kurz  zuvor  dort  vorgefallen  und 
notierte  sie  folgendermassen  in  seinem  Reisetagebuche  (Brief- 
wechsel und  Tagebücher  hsg.  von  Ludmilla  Assing  2,  267  f., 
Hamburg  1873): 

'Herr  Martin  unterhielt  uns  bis  au  die  Tliore  der  Stadt 
(Genf)  mit  einer  betrübten  Geschichte,  die  sich  vor  kurzem 
hier  zugetragen   hat.     Ein  junger    französischer  Offizier,   der 


1)  Goethes  Tagebuch  berichtet,  dass  "Werner  am  30.  Januar  bei 
ihm  zu  Tische  geladen  war  und  ihm  am  6.  Februar  Abends  sein  Trauer- 
spiel Kunigunde  vorlas. 

2)  J.  V.  Teichmann,  Litterarischer  Nachlass  1863,  S.  330. 


26.  Zachariäs  Werners  'Vieründzwanzigster  Februar'.  199 

als  Kind  vor  vielen  Jahren  seinen  Eltern  entlaufen  war.  kehrt 
in  das  Dorf,  wo  sie  ihre  Tage  in  Armut  verleben,  mit  allem 
in  der  Zeit  seines  Dienstes  erworbenen  Gelde  zurück,  um  es 
mit  ihnen  zu  teilen  und  nach  Verlauf  einiger  Wochen  wieder 
zu  seinem  Regimente  abzugehen.  Sobald  er  angekommen  ist, 
erkundigt  er  sich  bei  dem  Maire  des  Orts  genau  nach  der 
Wohnung  und  den  Umständen  seiner  Eltern,  teilt  ihm  seine 
Geschichte  mit  und  ersucht  ihn  zugleich,  morgen  bei  ihm  zu 
frühstücken,  wo  er  Zeuge  der  Erkennungsscene  sein  solle. 
Er  selbst  geht  hierauf  in  die  väterliche  Hütte  und  verlangt, 
mit  Mühe  die  stürmenden  Gefühle  seines  Herzens  unter- 
drückend, ein  Nachtlager:  unterdessen  überliefert  er  ihnen 
seine  Goldbörse,  die  er  sie  bis  morgen  für  ihn  aufzuheben 
bittet,  welche  aber  in  der  That  für  sie  selbst  bestimmt  ist, 
und  legt  sich  mit  freudiger  Erwartung  zur  Ruhe.  Die 
unglücklichen  Eltern,  ohne  zu  ahnen,  wie  nahe  sie  der  Jüng- 
ling angeht,  beschliessen,  vom  Glanz  des  anvertrauten  Goldes 
geblendet,  seinen  Tod.  Beide  schleichen  in  seine  Kammer, 
ermorden  ihn  im  Schlaf  und  werfen  den  Körper  in  den 
Brunnen.  Am  anderen  Morgen  erscheint  Verabredetermassen 
der  Maire  und  fragt  mit  fröhlicher  und  bedeutender  Mieue 
nach  dein  jungen  Fremden,  der  bei  ihnen  herberge.  cOh,  der 
ist  gauz  früh  schon  abgereist",  antwortete  der  Vater  betreten, 
cer  hatte  grosse  Eile'.  —  'Wie,  und  er  hat  nichts  bei  euch 
zurückgelassen '.''  —  'Mein  Gott,  nein;  er  hat  uns  richtig  be- 
zahlt, aber  weiter  nichts  dagelassen.'  —  'Und  er  hat  euch 
nicht  gesagt,  dass  er  bloss  hergekommen  ist,  sein  Vermögen 
mit  euch  zu  teilen,  mit  einem  Wort,  dass  er  euer  verlorener 
Sohn  ist?'  Er  hatte  kaum  ausgeredet,  als  in  wilder  Ver- 
zweiflung die  Mutter  sich  zum  Fenster  hinabstürzte  und  der 
schaudernde  Vater  ohne  Leben  zu  seineu  Füssen  niedersank. 
Er  kam  nur  zu  sich,  um  sein  Dasein  auf  ewig  zu  verfluchen; 
wenige  Tage  darauf  ward  er  gerichtet."] 


200  ^ur  neueren  Literaturgeschichte. 

27.  Über  Grässe,  Die  Quelle  des  Freischütz. 

(Jenaer  Litteraturzeitung  1876,  224.) 

J.  G.  Tit.  Grässe,  Die  Quelle  des  'Freischütz'.  Dresden,  R.  v.  Zahns 
Verlag  [1876]  1875.     15  S.  8°.     0,80  M. 

In  diesem  Schriftchen  teilt  der  Verfasser  die,  wie  er 
S.  15  meint,  von  ihm  zuerst  entdeckte,  bisher  unbekannte 
'Quelle  des  Kind-Weberschen  Freischützen3  mit,  nämlich  eine 
Erzählung  aus  dem  im  Jahre  1730  zu  Leipzig  erschienenen 
5.  Stück  der  'Monatlichen  Unterredungen  von  dem  Reiche  der 
Geister" l).  Diese  'Quelle  des  Freischützen'  ist  jedoch  schon 
seit  mehreren  Jahren  bekannt.  Im  März  1872  erschien  in 
der  Wiener  'Österreichischen  Wochenschrift  für  Wissenschaft 
und  Kunst3  (Neue  Folge,  1.  Bd.,  S.  379—383)  unter  der 
Chiffre  H.  M.  ein  Aufsatz  'Das  Urbild  des  Freischütz',  worin 
nachgewiesen  ist,  dass  jene  Erzählung  der  'Unterredungen* 
die  Quelle  von  Joh.  Aug.  Apels  Erzählung  'Der  Freischütz' 
gewesen  ist,  und  dass  Friedrich  Kind  für  seinen  'Freischütz" 
nicht  bloss  Apels  Erzählung,  sondern  auch  deren  Quelle  be- 
nutzt haben  muss2).  Denselben  Nachweis  hat  dann  auch 
A.  W.  Ambros  in  dem  Aufsatz  'Der  erste  Keim  des  Frei- 
schütz-Textes" in  seinem  Buche  'Bunte  Blätter,  Skizzen  und 
Studien  für  Freunde  der  Musik  und  der  bildenden  Kunst', 
.Neue  Folge  (Leipzig  1874)  S.  93 — 104  geliefert  und  zugleich 
die  in  der  Österreichischen  Wochenschrift  nur  auszugsweise 
gegebene  Erzählung  aus  den  'Unterredungen"  ganz  mitgeteilt. 
Ambros  erwähnt  den  Aufsatz  in  der  Österreichischen  Wochen- 
schrift gar  nicht,  giebt  aber  an,  dass  der  'geschätzte  Archäolog 
Prof.  Meynert  in  Wien'  ihn  auf  die  Stelle  in  den  'Unterredungen* 


')  Grässe  schreibt  fälschlich  (S.  6  und  9)  'Monatliche  Unterredungen 
aus  dem  Reiche  der  Geister'  und  nennt  als  Verleger  'Weidmann1  statt 
'Samuel  Benjamin  "Walther'.  Die  'Unterredungen'  führen  Andrenio 
und  Pneumatophilus,  Grässe  aber  schreibt  S.  14  Andreino  statt  Andrenio. 

2)  [Über  andere  Dramatisierungen  von  Apels  Erzählung  vgl.  Bolte, 
Zs.  f.  dtsch.  Altertum  32.  4.J 


l'T.  Über  Grässe,  Die  Quelle  iles  Freischütz.  -J01 

aufmerksam  gemacht  und  das  Buch  ihm  geliehen  habe,  und 
hiernach  dürfen  wir  die  Chiffre  H.  M.  in  der  Österreichischen 
Wochenschrift  ohne  Bedenken  'Hermann  Meynert1)'  deuten. 
Den  Aufsatz  von  Ambros  hat  bald  nach  seinem  Erscheinen 
G.  Wustmann  in  einem  besondern  Artikel  'Zur  Entstehung 
des  Freischütztextes5  in  den  'Grenzboten3  vom  13.  März  1874 
(S.  414 — 417)  natürlich  beistimmend  besprochen  und  dabei 
zugleich  wahrscheinlich  gemacht,  dass  Kinds  Angaben  (im 
Freischützbuch3  und  in  einer  hier  zuerst  mitgeteilten  Brief- 
stelle) über  einen  Quartanten  der  Leipziger  Stadtbibliothek, 
der  die  Quelle  des  Freischützen  enthalten  habe,  nicht  auf 
einer  absichtlichen  Mystifikation,  sondern  auf  einer  Verwech- 
selung beruhen. 

Somit  ist  also  in  den  Jahren  1872 — 74  die  Erzählung 
der  'Unterredungen  von  dem  Reiche  der  Geister1  als  Quelle 
des  Freischützen  mindestens  dreimal  besprochen,  bezüglich 
mitgeteilt  worden.  Sicherlich  ist  auch  in  manchen  Anzeigen 
und  Kritiken  des  Ambrosschen  Buches  der  Aufsatz  über  den 
ersten  Keim  des  Freischütztextes  wenigstens  genannt  worden; 
und  es  ist  daher  wunderbar,  dass  ein  so  belesener  Gelehrter 
wie  der  Verfasser  unseres  Schriftchens  von  all  dem  keine 
Kenntnis  gehabt  und  so  die  bekannte  Quelle  als  'von  ihm 
zuerst  entdeckt  und  bisher  unbekannt'  hat  veröffentlichen 
können.  Schliesslich  sei  noch  bemerkt,  dass  weder  Ambros 
noch  Grässe  den  Text  der  'Unterredungen'  buchstäblich  treu 
wiedergeben,  dass  aber  Grässe  ihn  noch  mehr  als  Ambros 
modernisiert  und  geändert  hat.  und  dass  bei  Grässe  S.  10, 
Z.  8  v.  u.  statt  Giesskolben  'Giess-Kellen',  S.  11,  Z.  8  v.  u. 
statt  wenige  'einige  wenige'  und  S.  12.  Z.  5  statt  über  sie 
zu  rauschen  'überhin  zu  rauschen'  zu  lesen  ist. 


r)  Man  s.  über  diesen  1808  zu  Dresden  geborenen,  aber  seit  langem 
in  Wien  lebenden  Gelehrten  Hermann  Günther  Meynert  C.  v.  "Wurzbachs 
Biographisches  Lexikon  des  Kaisertums  Österreich  18,  187  f. 


202  ^ur  neueren  Literaturgeschichte. 

28.  Über  Elberling,  Oehlenschläger. 

(Litterarisches  Centralblatt  1888,   1021=1022.) 

Carl    Elberling,     Oehlenschläger    og    de    esterlandske    Eveutyr. 
Kjebenhavn.   1887.     Thiele's  Bogtrykkeri.  2,   128  S.    8°. 

In  obigem  Büchlein 'Oehlenschläger  und  die  morgenlän- 
dischen Märchen3  bespricht  der  Verf.,  der  sich  schon  früher 
durch  interessante,  auf  Oehlenschläger  sich  beziehende  Arbeiten 
verdient  gemacht  hat,  in  ebenso  gründlicher  als  feinsinniger 
Weise  das  Verhältnis  der  im  Morgenland  spielenden  Dich- 
tungen Oehlenschlägers  zu  ihren  Quellen.  Er  will,  wie  er 
S.  20  erklärt,  keine  Beurteilungen  dieser  Dichtungen  geben, 
er  will  nur  zeigen,  wie  der  Rohstoff  beschaffen  ist,  den  Oehlen- 
schläger benutzt  hat,  und  er  glaubt,  dass  es  diesem  nicht 
schaden  werde,  wenn  man  seinen  Quellen  nachspürt  und  sich 
Rechenschaft  zu  geben  sucht,  wie  er  gearbeitet  hat.  Die 
behandelten  Dichtungen  sind  die  Dramen  'Aladdin',  'Der 
Fischer'  (in  der  deutschen  Bearbeitung  zutreffender  'Die 
Fischerstochter'),  'FarukJ  und  'Die  Drillingsbrüder  von 
Damasku sJ,  die  prosaische  Erzählung  CA 1  y  u n d  G  u  1  h y  n d yJ 
und  die  Romanze  'Die  Prinzessin  mit  der  langen  Nase3. 
Die  beiden  ersten  Dichtungen  beruhen  auf  Erzählungen  der 
'Tausend  und  einen  Nacht3  und  die  drei  folgenden  auf  Erzäh- 
lungen in  Thomas  Simon  Gueullettes  Mille  et  un  Quart  d'heure; 
die  Romanze  endlich  beruht,  wie  Ref.  dem  Verf.  hat  nach- 
weisen können,  auf  Frdr.  Hildebrand  von  Einsiedeis  im 
dritten  Bande  von  Wielands  'Dschinnistan'  [1789,  S.  54 — 89] 
1022  erschienener  Bearbeitung  |  der  'Histoire  du  Prince  Tangut  et 
de  la  Princesse  au  pied  de  nez1  in  Jean  Paul  Bignons  Aven- 
tures    d'Abdalla.    fils    d'Hanif1).      Neben    diesen   Quellen   für 


l)  [Vgl.  oben  1,  5S7  f.  und  Y.  Chauvin,  Les  sources  des  Palmblätter; 
Cbl.  f.  Bibliothekswesen  17,  318.  Auf  Bignon  beruhen  ferner  ein  Gedieht 
von  La  Harpe  (Tangu  et  Felime,  ou  le  pied  de  nez.  Poeme  en  quarre 
chants,  Paris  1780)  und  das  Märchen  von  der  langen  Xase  in  Kleists 
Phöbus  1,  *i.  Stück  (Junius  1808)  S.  8 — 17.  Diese  Verzweigungen  sind 
Fürst  (Die  Vorläufer  der  modernen  Novelle  im  18.  Jahrb.  1897,  S.  53  f.) 
entgangen.] 


29.  Mörikes  Gedicht  an  den   Schlaf  und  seine  Vorläufer.        203 

den  Hauptinhalt,  die  Fabel  der  genannten  Dichtungen  hat  der 
Verf.  auch  noch  für  einzelne  Stelleu  und  Züge,  ja  auch  für 
einzelne  Namen  die  Quellen  nachgewiesen,  darunter  das  be- 
kannte Reisewerk  des  Adam  Olearius,  welches  mehrfach  für 
Einzelheiten,  besonders  im  'Aladdin',  Oehlenschlägers  Quelle 
gewesen  ist.  In  der  'Einleitung3  (S.  3 — 23)  berichtet  der 
Verf.  über  das  Bekanntwerden  der  Tausend  und  einen  Nacht 
und  anderer  Sammlungen  orientalischer  oder  angeblich  orien- 
talischer Erzählungen  -in  Dänemark,  über  die  verschiedene 
Beurteilung  und  Schätzung  derselben  und  über  ihre  Benutzung 
durch  die  dänischen  Dichter  seit  Oehlenschläger,  der  sie  zuerst 
benutzt  hat.  Diese  Einleitung  ist  ebenso  anziehend  und 
lehrreich  wie  alles  Folgende.  Es  muss  noch  erwähnt  werden, 
dass  das  Büchlein  im  Selbstverlag  des  Verf.  in  nur  100  Exem- 
plaren erschienen  und  dass  sein  Äusseres  so  solid  und  ge- 
schmackvoll wie  sein  Inneres  ist'). 


29.  Mörikes  Gedieht  an  den  Schlaf 
und  seine  Vorläufer. 

(Aus  dem  Nachlass  zusammengestellt.) 

An  den  Schlaf. 

Schlaf!  süsser  Schlaf!  obwohl  dem  Tod  wie  du  nichts  gleicht, 

Auf  diesem  Lager  doch  willkommen  heiss'  ich  dich! 

Denn  ohne  Leben  so,  wie  lieblich  lebt  es  sich! 

So  weit  vom  Sterben,   ach,   wie  stirbt  es  sich  so  leicht! 


l)  [Als  eine  Fortsetzung  hat  Elberling  1899  ein  Büchlein  'Et  og 
Andet  om  Aladdin'  herausgegeben,  das  der  Geschichte  des  arabischen 
Märchens  als  Volksbuch,  Volksmärchen  und  Drama  sorgsam  nachgeht; 
vgl.  \.  Andersen,  Dania  5,  225.  —  Zu  S.  22  sei  hier  bemerkt,  dass  das 
deutsche  Volksbuch  von  dem  unschätzbaren  Schloss  in  der  afrikanischen 
Höhle  Xaxa  ein  Abdruck  der  gleichnamigen  Erzählung  in  Polychrest 
Meletaons  Wohlangerichteter  neuerlundener  Tugendschule  ist.  Mele- 
taon  ist  der  1688  geb.  und  1727  gest.  Job.  Leonhard  Rost  in  Nürnberg; 
von  der  Tugendschule,  die  bei  Goedeke  3,  262  fehlt,  citiert  Götzinger, 
Erläuterungen  zu  deutschen  Dichtern  5  2,  235  eine  Ausgabe  von  1739. 
In  dem  uns  vorliegenden  Drucke  (Frankfurt  und  Leipzig,  in  der  Ras- 
peschen Buchhandlung  o.  .1.)  steht  die    Erzählung  auf  S.  497     567.) 


■J04  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

Diese  lieblichen  Verse  Mörikes1)  haben  eine  merk- 
würdige Entstehungsgeschichte,  die  der  Dichter  selber  in 
anschaulichster  AVeise  folgendermassen  erzählt2): 

'Am  24.  Dez.  (wahrscheinlich  1830  oder  1831)  Abends 
spät,  da  schon  alles  im  Bette  war,  bat  ich  die  Schwester 
L[uise],  dass  sie  sich  mit  ihrer  Strickerei  noch  eine  Weile  an 
das  meinige  hersezte,  weil  ich  nicht  einschlafen  wollte.  Ich 
las  ihr  einiges  ans  Lichtenbergs  Erklärung  von  Hogarth3) 
vor;  bei  Gelegenheit  einer  Pnnschgesellschaft,  wo  Einer  in 
seinem  Sessel  eingeschlummert  ist,  werden  im  Spass  die  vor- 
trefflichen Verse  des  Meibom  angeführt,  die  mir  ganz  neu 
waren  und  mich  entzücktem 

Sonine  levis!  quanquam  certissima  mortis  imago, 

Consortem  cupio  te  tarnen  esse  tori. 
Alma  quies,  optata,  veni !  nam  sie  sine  vita 

Yivere,  quam  suave  est,  sie  sine  morte  mori. 

Die  Damen,  heisst  es  im  Buch,  sollen  sichs  vor  Schlafen- 
gehen von  jemand  übersetzen  lassen.  Darauf  ruft  Lichten- 
berg Gute  Nacht,  und  wir  beiden  sprachen  es  ihm  nach,  nach- 
dem ich  ihm  zuvor  mit  Folgendem  gehorsam  war: 

1  Leichter  Schlaf!  Bist  du  gleich  das  vollkommenste  Bild  des 
Todes,  so  -wünsch  ich  dennoch  dich  zum  Gefährten  meines  Lagers, 
Süsse  Ruhe!  du  erwünschte,  komm !  Denn  so  ohne  Leben  zu  leben  wie 
angenehm,  und  —  zu  sterben  so  ohne  Tod. 

Indessen  plagte  mich  bald  der  Vorwitz,  mehrere  metrische 
Übersetzungen  zu  probiren,  ob  mir  gleich  die  lezte,  gar  zu 
schöne  und  rührende  wizige  Wendung  in  dieser  treffenden 
Kürze  unerreichbar  vorkam. 

2  Bist  du  das  sicherste  Bild  des  Todes,  so  teile  du  dennoch, 

Leichter  Schlaf!  wie  ein  Freund,  immer  dies  Bette  mit  mir. 
Komm,  o  gefällige  Ruhe,  zu  mir!     Denn  so  ohne  Leben 
Ach  wer  lebte  nicht  gern,  stürbe  nicht  gern  ohne  Tod. 


1)  Gedichte.  4.  Aufl.  (Stuttgart  1867)  S.  233,  wo  die  lateinische 
Vorlage  beigefügt  ist. 

2)  R.  Weitbrecht,  Aus  Mörikes  Dichterwerkstatt.  Allgemeine 
Zeitung  1888,  2.  Februar  (nr.   33,  Beilage)  S.  483. 

s)  Ausführliche  Erklärung  der  Hogarthischen  Kupferstiche  1,  115  f. 
(Göttingen  1794):  'Die  herrlichen  Verse  Meiboms,  mit  denen  ich  mich 
so  oft  eingewiegt  habe'. 


29.  Mörikes  Gedicht  an  den  Schlaf  und  seine  Vorläufer.       205 

3  Du  magst,  o  sanfter  Schlaf,  dem  Tode  gleichen, 
Doch  sollst  du  nie  von  meinem  Bette  weichen! 
Komm,  süsse  Ruhe,  komm!     Denn  ach,  wer  leht  nicht  gerne 
So  ohne  Lehen  —  stirbt  —  dem  Tod  so  ferne. 

Auf  diese  Art  suchte  ich  umsonst  mich  iu  eleu  Schlaf 
zu  übersezen  und  hatte  schon  das  Licht  gelöscht,  aber  es 
wollte  nichts  haften.  Endlich  kam  ich  auf  folgende  Variation 
meines  Themas,  wobei  es  merkwürdig  ist,  dass  mir  die  Verse 
beinah  unwillkürlich  in  die  Hände  liefen.  Ich  hatte  die  Augen  zu 
und  war  durch  den  Genuss  von  allerhand  gewürzigen  Sachen 
in  einer  Art  von  Rausch,  die  Ohren  brausten  mir  und  ich 
zweifelte  einigemal  an  meinem  Wachen.  Es  ist  eine  Art  von 
Sonett  und  wird  darin  auf  dreifache  Weise  mit  jenem  Ge- 
danken gespielt. 

4       "Wenn  sich  die  Sonne  nun  begräbt  ins  Meer, 
Nicht  strebt  mein  Arm,  sie  ängstlich  aufzuhalten, 
Sie  schickt  den  Mond,  den  bleichen  Träumer,  her 
Die  Bürgschaft  ihres  Lebens  zu  verwalten. 

Magst  du  dich  noch  so  sehr  zum  Tod  gestalten, 
O  weicher  Schlaf,  dies  schreckt  mich  nicht  so  sehr, 
Nein,  lasse  nimmer  doch  mein  Bette  leer, 
Komm  an,  mein  Leben  linde  einzufalten. 

Doch  wie?     Mein  Sinn  bleibt  wach,  mein  Auge  hell; 
So  fliehst  du  mich  ?     Was  hat  mich  dir  verleidet  ? 
Nur  still!  —  ich  ahne  deine  Absicht  schnell, 
Wie  sinnreich  du  mein  Flehen  hast  gedeutet. 

Zwei  Leben  hab'  ich,  dies  ist  mir  bewährt, 
Geschwister,  die  gar  feste  sich  umfangen. 
Du  hast  mit  bill'gem  Sinn  so  mein  Gebet  erklärt. 
Und  gleich  das  edlere  in  deinen  Arm  empfangen. 

Schlaf  wol,  Luise!     Denn  ich  bhvs  nicht  wert. 
Bin  nur  der  Mond.     Die  Sonn'  ist  untergangen. 

Nach  dem  Frühstück  schrieb  ich  dies  Alles  ins  Reine, 
aus  dem  Gedächtnis,  wiewol  mühsam  Zeile  um  Zeile,  wie 
etwas  ganz  Fremdes.  Auch  war  mir  diese  geistige  Beschäf- 
tigung nicht  gleich  beim  Erwachen  wieder  eingefallen/  — 

Indessen  gab  sich  der  Dichter  mit  dieser  vierfachen  An- 
rufung  des    Schlafgottes,    die  ihm  wohl  einen  guten  Teil  der 


206  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 


Nacht  geraubt  hatte,  nicht  zufrieden.  Als  er  1838  die  erste 
Sammlung  seiner  Gedichte  drucken  liess,  verlieh  er  jener 
(S.    1  IT»)  diese  neue  Form: 


;>  Schlaf!  sanfter  Schlaf!  obwohl  dem   Tod  wie  du  Nichts  gleicht: 
Komm!  theileu   wir  dies  Lager  brüderlich! 
So  ohne  Leben,  ach  wie  lieblieh  lebt  es  >ich! 

So  ohne  Tod,  wie  stirbt  es  sich  so  leicht! 

t 

Aus  dieser  Gestaltung  erwuchsen  endlich  die  oben  mit- 
geteilten Verse,  in  denen  Mörike  die  treffendste  Ausprägung 
des  lateinischen  Epigramms  gefunden  zu  haben  meinte. 

Mörike  ahnte  nicht,  dass  lange  vor  ihm  sich  andere 
Kräfte,  wenn  auch  schwächere,  an  derselben  Aufgabe  gemüht 
hatten.  Schon  1774  war  die  Aufmerksamkeit  deutscher  Leser 
auf  das  lateinische  Epigramm  hingelenkt  worden  durch  einen 
Abdruck  desselben,  den  die  Gothaischeu  gelehrten  Zeitungen. 
1774,  St.  84,  S.  672  aus  den  cSelecta  poemata  Anglorum 
latinaJ  (1774)  brachten1).  Und  im  folgenden  Jahre  erschienen 
in  demselben  Blatte  (1775,  St.  Q6,  S.  543  f.)  nicht  weniger 
als  acht  von  verschiedenen  Dichtern  eingesandte  Übersetzungen: 

1  Du  bist,  du  leichter  Schlaf!  des  Todes  sichres  Bild, 
Und  doch,  du  wollest  dich  zu  mir  ins  Bett  begeben, 
Du  wollest,  leichter  Schlaf!  denn  süss  ist,  eingehüllt 
In  seine  Tugend,  hier,  wo  kein  Gewissen  schult, 
Kein  Held  trompetet,  und  kein  Löwe  brüllt, 

So  sterben  ohne  Tod,  so  leben  ohne  Leben. 

Gl. 

2  Dir  Bild  des  Todes,  Schlaf,  nicht  furchtbar  meinen  Blicken, 
Steht  stets  mein  nächtlich  Lager  zu  Geboth  ! 
Erscheine  mir,  dir  fleh'  ich!  —  welch'  Entzücken, 

Zu  leben,  ohne  Leben,  zu  sterben,  ohne  Tod! 

E. 

3  0  süsser  Schlaf!  blickt  schon  der  Tod  aus  deinen  Zügen, 
Als  Gatten  lad'  ich  dich  an  meine  Seite  ein ; 

Du  liebe  Ruh'!  komm'  -  -  folg'!  —  Welch'  labendes   Vergnügen  ! 
So  tod,  beseelt;  und  so  entseelt,  nicht  tod  zu  seyn. 

L. 


l)  Hierauf  wies  Erich  Schmidt    in    seiner  Monographie  über  H.  L. 
Wagner  (2.   Aufl.   1879)  S.   122  hin. 


29.  Mörikes  Gedicht  an  den  Schlaf  und  seine  Vorläufer.        201 

4  Schlaf  der  du  des  Todes  Bildnis  bist ! 
Mocht  ich  dich  doch  nie  vermissen! 

0  wie  süss  ist 

Zwischen  "Wirklichkeit  und  Schein, 
Wann  sich   meine  Augen  schliessen, 
So  zu  sterben  und  nicht  tod  zu  seyn, 
So  zu  leben  und  es  nicht  zu  wissen. 


5  Du  bist  ein  sichres  Bild  von  meiner  Sterblichkeit 
Und  doch  bleibt  dir  der  Wunsch  geweiht, 
Dass  ich  auf  meiner  Lagerstätte, 
Du  leichter  Schlaf,  dich  zum  Gefährten  hätte. 
Ja  —  komm  erquickungsvolle  Ruh, 
Komm,  eile  meinen  Wünschen  zu! 
Wie  lieblich  ists,  in  dir  nicht  leben  und  zu  leben, 
Und  ohne  tod  zu  seyn,  sich  so  dem  Tod  ergeben. 


6  Leichter  Schlaf,  zwar  bist  du  das  ähnlichste  Bildnis  des  Todes, 
Dennoch  wünscht1  ich,  du  wärst  immer  des  Bettes  Genoss; 
Komm,  o  Ruhe,  du  giebst  entzückendes  Leben  und  Sterben, 
Ohne  des  Lebens  Verdruss,  ohne  des  Todes  Gefühl! 

S. 

7  Sey  nur  o  Schlaf  dazu  gemacht,  uns  Grab  und  Baare  vorzustellen, 
Ich  wähle  dich  deswegen  doch  und  ohne  Furcht  zum  Bettgesellen; 
Erwünschte  Ruhe  komm!  wie  sanft  wiegst  du  mich  ein! 

Zu  leben,  ohne  es  zu  wissen,  zu  sterben,  ohne  tod  zu  seyn. 

St. 

8  Des  Todes  treustes  Bild,  o  leichter  Schlaf,  bist  du. 

Doch  fleh'  ich;  möchtest  du  hier  um  mein  Lager  schweben! 
Denn  ach,  es  ist  zu  süss,  willkommne,  theure   Ruh, 
So  sterben  ohne  Tod,  so  leben  ohne  Leben! 

R. 

Einem  Kenner  der  damaligen  Taschenbuchlitteratur  mag 
es  vielleicht  gelingen,  die  Unterschriften  der  Übersetzer  zu 
enträtseln.  Die  von  nr.  1  weist  auf  Gleim  hin,  wenn 
die  Verse  auch  nicht  in  seinen  gesammelten  Werken  stehen. 
Als  Verfasser  des  6.  Versuches  giebt  sich  uns  Jakob  Friedrich 
Schmidt,  der  1796  als  Diakonus  in  Gotha  starb,  zu  erkennen; 
denn  in  Hangs  und  Weissers  Epigrammatischer  Anthologie 
4,  71  finden  wir  unter  seinem  Namen  folgende  wenig  abge- 
änderte Fassung: 


'20$  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

An  den  Schlaf. 
Leichter  Schlaf!  zwar  liist  du  das  Bild  des  gefürchteten  Todes; 
Dennoch   wünsch1  ich,  du  wärst  immer  des  Bettes  Genoss. 
£01001',  0  Schlaf!  du  giebst  behagliches  Leben  und  Sterben 
Ohne  des  Lebens  Pein,  ohne  des  Todes  Gefühl. 

Die  177f>  von  Blessig  und  Salzmann  begründete  Strass- 
burger  Wochenschrift  'Der  Bürgerfreund'  (1,  1,  313;  wählte 
die  vierte  der  Gothaer  Übersetzungen  als  die  gelungenste  aus  und 
brachte  sie,  freilich  ohne  Angabe  derQuelle,  zum  Abdruck.  *)  Ge- 
ändert ist  dabei  Z.  5' Wenn"  und  in  Z.  6  und  7  cSo' weggelassen. 

Dem  Gothaer  Wettkampfe  folgten  noch  einige  andere  Über- 
setzungsversuche. In  der  Berliner  Zeitschrift  Ulla  Potrida 
1783,  2,   156  f.  liess  sich  ein  Anonymus  mit  weitschweifigem 

Pathos  vernehmen: 

An  den  Schlaf. 
O  Du,  des  Todes  Abdruk! 
Sprich,  Schlaf!  Willst  Du  mich  tödten? 
Schon  starren  mir  die  Glieder. 
Die  Ohren  hören  leise. 
Die  Augen  sind  gebrochen. 
Ich  bin  nicht  mehr  Gedanke. 
Ich  höre  auf  zu  fühlen. 
O  Du,  des  Todes  Abdruk! 
Sprich,  Schlaf;  willst  Du  mich  tödten ! 
Xein,  —  viel  zu  sanft,  zu  tödten, 
Wirfst  Du  mich  lächelnd  nieder. 
Und  j  ahnend  fall  ich  nieder, 
Fall  sanft  in  Deine  Arme. 
Da  lieg  ich,  wie  erstorben, 
Und  weiss  nicht,  dass  ich  lebe. 
Da  sterb  ich,  ungestorben, 
LTnd  athme  neue  Kräfte, 
O  Du  des  Todes  Bildnis! 
Erneurer  meiner  Kräfte ! 
Komm,  Schlaf;  so  stirbt  sichs  süsse. 
Komm.     So  magst  Du  mich  tödten; 
Mich  immer  immer  tödten. 
Wenn  mich  Dein  Tod  belebet, 
Will  ich  in  Deinen  Armen, 
Gern  sterben  und  doch  leben, 
Gern  leben  und  doch  sterben. 


')  Dies  wies  Erich  Schmidt  a.  a.  O.  nach,  der  mich  auch  freundlichst 
auf  das  nachstehende  Gedicht  der  Olla  Potrida  aufmerksam  machte. 


29.  Mörikes  Gedicht  an  den  Schlaf  und  seine  Vorläufer.        209 

Der  Schwabe  Friedrich  Haug  schloss  sich  im  Göttinger 

Musen-Almanach  1798,   147  an: 

An  den  Schlaf.     (Nach  dem  Lateinischen.) 
Ich  lade  dich  mit  Sehnsucht  ein, 
Geliebter  Schlaf!  —  Komm,  über  mir  zu  schweben! 
Süss  ist  es,  so  zu  leben  ohne  Leben, 
Süss,  ohne  Tod  so  todt  zu  seyn! 

Joseph  Charles  Mellish  (Deutsche  Gedichte  eines  Eng- 
länders. Hamburg  1818,  S.  25)  lieferte  diese  'Nachahmung 
eines  bekannten  lateinischen  Epigramms': 

Komm,  Schlaf,  von  Sorgen  rings  umgeben, 
Dich  ruf  ich  an  in  meiner  Noth !  — 
Wie  süss  ist's  ohne  Leben  leben, 
"Wie  süss  ist1s  sterben  ohne  Tod! 

Stehen  alle  diese  Dichtungen  trotz  ihrer  Mannigfaltigkeit 
unleugbar  hinter  Mörikes  Versen  zurück,  so  ist  dies  auch  bei 
den  glatten,  aber  etwas  matten  Zeilen  der  Fall,  in  denen  A.  F. 
von  Schack  in  seiuer  Anthologie  abendländischer  und  morgen- 
ländischer Dichtungen  (1893)  2,  81  mit  Mörike  zu  wetteifern 
unternahm : 

Sanfter  Schlaf,  in  dir  erblick  ich  wohl  des  Todes  Bild, 
Dennoch  fleh  ich,  bette  neben  mir  dich  auf  dem  Lager  mild. 
Komm,  ersehnte  Ruhe,  süss  ists   frei  von  Drangsal  und  von  Not 
Ohne  Leben  so  zu  leben,  so  zu  sterben  ohne  Tod. 

Wenden  wir  uns  endlich  zu  dem  lateinischen  Originale 
dieser  Gedichte,  das  nach  Lichtenbergs  Angabe  von  Meibom 
herrührt!  Damit  ist  offenbar  der  Helmstedter  Professor 
Heinrich  Meibom  (1555 — 1625)  gemeint;  da  wir  jedoch  unter 
dessen  Werken,  soweit  sie  uns  zugänglich  waren,  das  Epi- 
gramm an  den  Schlaf  nicht  linden,  so  wird  Lichtenbergs  von 
Mörike  übernommene  Behauptung  einigermassen  zweifelhaft, 
Dazu  kommt,  dass  man  auch  andere  Dichter,  wenn  auch  ohne 
ausreichende  Sicherheit,  als  Verfasser  bezeichnet  hat1).  Der 
älteste  Druck,  von  dem  wir  wissen,  die  schon  oben  erwähnten 
"Selecta  poemata  Anglorum  latinaJ  coli,  by  E.  Popham  1774. 


l)  Vgl.  die  in  den  Notes  and  Queries  5.  Ser.  3,  187.  236.  299 
(1875),  6.  Ser.  9,  309.  339.  394  (1884),  7.  Ser.  7,  348.  470.  8,  93  (1889) 
zusammengetragenen  Notizen. 

Köhler,  Kl.  Schriften.   III.  14 


210  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

nennen  den  Dichter  nicht,  halten  ihn  aber  für  einen  Eng- 
länder. Ans  dieser  Quelle  stammt  der  Abdruck  in  den 
Gothaischen  gelehrten  Zeitungen  1774,  (172  und  in  The  An- 
nual  Register  for  1775.  18,  280,  während  die  1779  erschienene 
2.  Auflage  der  'Selecta  poemata  Anglorum'  auffällige  Ab- 
weichungen enthält").  Eine  vage  Überlieferung  meldet,  der 
Literarhistoriker  Thomas  Warton  (1728 — 1790)  habe  die 
Verse  als  Unterschrift  für  eine  Statue  des  Somnus  im  Garten 
des  Philologen  James  Harris  in  Salisbury  verfasst;  indes  be- 
zweifelt der  Herausgeber  von  Wartons  Gedichten2)  die  Richtig- 
keit derselben.  Auch  dem  Schotten  Georg  Buchanan  (1506 
bis  1582)  hat  man  ohne  weitere  Gewähr  die  Verse  zu- 
geschrieben3). 

Die  vorhandenen  englischen  Übersetzungen  beweisen 
zwar  die  Verbreitung  des  Epigramms,  geben  aber  weder  über 
seinen  Ursprung  noch  seine  Entstellungszeit  Aufschluss: 

1)  Ah.  gentle  sleep,  fchough  on  thy  form  imprest 
Death's  truest,  strongest  lineaments  appear, 

To  share  my  couch  thy  presence  I  request 
And  sooth  my   senses  with  repose  sincere. 
Coine,  wished  for  rest,  then  all  my  cares  relieve ; 
For  at  thy  kind  approach  all  cares  retire ; 
Thus  without  life  how  sweet  it  is  to  live, 
Thus  without   death  how  pleasing  to  expire. 
E.  (i.  in  Annual  Register  for  1775,.   18.  280  (X.  &  Q.  5,  3.  236). 

2)  Come,  gentle  sleep  !  attend  thy  votary's  prayer, 
And,  though  death's  image,  to  my  couch  repair; 
How  sweet,  though  lifeless,  yet  with  life  to  lie. 
And.  without  dying,  o  how  sweet  to  die  ! 

John  Wolcot    (Peter  Pindar.   1738—1819)   laut  X.  &  Q.  6,  9,  339. 


')  Nach  Xotes  and  Queries  5,  3,  236  lauten  V.  2—3: 
Consortem  lecti  te  cupio  esse  mei: 
Grata  venito  quies:  nam  vita   [!]  sie  sine  curis. 
-)  Tho.  Warton,    Poetical    works    ed    by   Rieh.   Mant   2,  258  (OxL 
1802).     Die  3.  Zeile  lautet  hier: 

Huc  ades,  haud  abiture  cito:  nam  sie  sine  vita. 
Vgl.  X.  &  Q.  5,  3,   187.     6,  9,  394.  Warton    wird  als  Verfasser  ge- 

nannt bei  Headley,  Beauties  of  Ancient  Poetry  2,  164;  Anthologia  Oxo- 
niensis,  Lond.  1846,  p.  233. 

3)  Xotes  and  Queries  5,  3,  299. 


29.  Mörikes  Gedicht  an  den  Schlaf  und   seine  Vorläufer.        -Jll 

3)  O  Sleep,  of  death  although  tlie  iniage  true, 
Much  I  desire  to  share  niv   bed   willi   von. 

0  conie  and  tarry,  for  how  sweet  to  lie, 
Thus  without  life,  thus  without  death  to  die! 
Dod's  Epigrammatists.  London  1870,  p.  431    aus  Kett's  Flowers  of 
wit.     (N.  &  Q.  7,  7,  470.) 

4)  0  Sleep,  an  image  true  of  death  tliou  art,  I  vouch, 
And  yet   1   pray  thee  to  lie  with  nie  on  niy  couch. 
Come  liither  to  nie  Sleep,  and  do  not  haste   away, 
For  life,  thus  suuk  in  thee,  is  pleasant  death,  I  say. 

K.  &  Q.  7,  8,  93. 

Somit  müssen  wir  einem  glücklicheren  Forscher  die  Auf- 
hellung des  über  der  Entstehung  unseres  Epigramms  schwe- 
benden Dunkels  überlassen.  Doch  verdient  wohl  noch  be- 
merkt zu  werden,  dass  uns  ältere  Anrufungen  des  Schlafgottes 
in  den  Silvae  des  Statins  (5,  4:  Vrimine  quo  merui,  iu- 
venis  placidissime  divum)  und  in  einem  1494  auf  dem 
Krankenlager  geschriebenen,  an  Statins  und  Ovid  (Metamorph. 
11,  623)  angelehnten  Gedichte  Beb  eis1)  vorliegen,  deren  In- 
halt in  den  vier  Zeilen  unseres  Epigramms  zusammengedrängt 
erscheint2).  Endlich  zeigen,  was  Erich  Schmidt  zuerst  be- 
merkt   hat,    die    letzten   beiden  Verse   auffällige    Verwandt- 


')  Bebeliana  opuscula    nova    (Argeiitorati     1514)    Bl.  d  8a:     cEpi- 
gramma  ad  somnum3  (18  Verse): 

Sonine,  quies  rerum,  multis  optate  querelis, 
Cur  profugus  lectuni  spernis  adire  meum? 

Der  Schluss  lautet: 

Dulcis  aiuiee,  veni,  cunctis  placidissime  somne, 
Mordaci  curae  tu  medicina,  salus ! 
2)  'Mortis  imago1  wie  in  V.  1  heisst  der  Schlaf  z.  B.  bei  Owen, 
Epigrammata  1648,  p.  79  (Ad  quendam  soniniatorem)  und  100  (Soinnus, 
Mors).  Cicero,  Tusc.  1,  38,  92:  'Habes  somnum  imaginem  mortis  eamque 
cotidie  induis'.  Den  beliebten  Vergleich  zwischen  Schlaf  und  Tod  führt 
auch  Calderon  in  einem  Gedichte  (Hart,  Blütenlese  aus  spanischen 
Dichtern  1883,  S.  151)  aus.  —  Über  antike  Darstellungen  des  Hypnos 
vgl.  C.  Robert,  Thanatos  (1879)  ;  0.  Jahn,  Archäolog.  Zeitung  1860,  97; 
E.  Gerhardt  ebd.  1862,  217.  M.  Kubensohn  verweist  auf  Apollonidas 
(Anthol.  Vn\.  11,  25),  der  den  Schlaf  eine  Vorübung  für  den  Tod 
(jioio(di>j   iif/Jt)])  nennt. 

14* 


212  Zur  neueren  Literaturgeschichte. 

schaft  mit  einem  Epigramme  von  Paulus  Melissus  Schedius 
(1539—1602)  'De  amore'1). 

Nil  araor  est  aliud,  si  nescis,  quam  sine  vita 
Yivere,  nil  aliud  quam  sine  morte  mori. 


30.  Eine  Schopenhauer-Anekdote. 

(Allgemeine  Zeitung  1888,  29.  Juli.    Beilage  zu  nr.   179,  S.  2628a.) 

Wilhelm  Gwinn er  erzählt  in  seinem  Werke 'Arthur  Schopen- 
hauer aus  persönlichem  Umgange  dargestellt'  (Leipzig  1862) 
S.  210  und  in  dessen  späterer  Umarbeitung  'Schopenhauers 
Leben'  (Leipzig  1878)  S.  530  folgendes  aus  Schopenhauers 
Frankfurter  Leben: 

'Bei  der  Mahlzeit  (an  der  Wirtstafelj  sprach  er  gern, 
doch  verhielt  er  sich  aus  Mangel  an  tauglicher  Tischgesell- 
schaft öfter  beobachtend.  So  legte  er  z.  B.  eine  Zeitlang 
täglich  ein  Goldstück  vor  sich  hin,  ohne  dass  die  Tisch- 
nachbarn wussten,  was  er  damit  wollte;  nach  aufgehobener 
Tafel  nahm  er  es  wieder  an  sich.  Endlich  darüber  zur  Rede 
gestellt,  erklärte  er,  das  sei  für  die  Armenbüchse,  wenn  die 
am  Tische  sitzenden  Offiziere  nur  ein  einziges  Mal  eine 
andere  ernsthafte  Unterhaltung  als  über  ihre  Pferde,  Hunde 
und  Frauenzimmer  auf  die  Beine  brächten.5 

Nur  wenigen  Lesern  dürfte  es  bekannt  sein,  dass  das- 
selbe, was  Gwinner  hier  von  Schopenhauer  erzählt,  nach  der 
Erzählung  des  Dichters  Matthisson  ein  Engländer  im  Jahre 
1799  in  Innsbruck  gethan  hat.  Matthissons  jetzt  wohl  nur 
sehr  wenig  gelesene,  obschon  in  mehrfacher  Hinsicht  recht 
lesenswerte  'Erinnerungen"  enthalten  im  5.  Bande  (Zürich 
1816)  unter  anderm  'Bilder  aus  Helvetien,  Tyrol  und  Italien. 
1799J;  und  darin  erzählt  Matthisson  S.  121—124  (Schriften 
von  F.  v.  Matthisson,  Ausgabe  letzter  Hand.  5.  Bd.  Zürich 
1825,  S.  253—255),  wie  folgt: 

')  Melissus,  Schediasmatum  reliquiae  1575,  S.  102  =  Schediasmatum 
poeticorum  pars  tertia,  secundum  rocognita  S.  164  =  Delitiae  poetarum 
Germanorum  4,  463  (1612). 


30.  Eine  Schopenhauer-Anekdote.  213 

'Ich  speiste  gewöhnlich  an  der  Wirtstafel,  wo  die  Ge- 
sellschaft grösstenteils  aus  jungen  Offizieren  bestand.  Auch 
ein  Engländer  von  ernsthaftem  und  schweigsamem  Wesen  fand 
sich  dabei  regelmässig  ein.  Er  öffnete  den  Mund  selten 
anders  als  zur  Stillung  der  Begierde  des  Tranks  und  der 
Speise.  Auffallen  musste  der  Tischgenossenschaft  indes  die 
Sonderbarkeit,  dass  er  Tag  für  Tag  nach  aufgefalteter  Ser- 
viette einen  Louisd'or  neben  sein  Gedeck  legte  und  beim 
Dessert  immer  sorgsam  in  den  Geldbeutel  zurückschob.  Ein 
Spiel,  welches  er  unausgesetzt  wiederholte.  Endlich  fing  es 
den  Herren  an,  warm  vor  der  Stirn  zu  werden,  und  man  be- 
schloss  einmütig  in  der  festen  Meinung,  der  Fremde  führe 
nichts  mehr  und  nichts  weniger  im  Schilde,  als  durch  das 
rätselhafte  Goldstück  sie  samt  uutl  sonders  zum  Besten  zu 
haben,  ihn  deshalb  um  Erklärung  anzusprechen.  Ein  jovialer 
Leutnant  erbot  sich  auf  der  Stelle,  als  Repräsentant  der  ver- 
unglimpften Gesellschaft  aufzutreten  und  den  wunderlichen 
Heiligen,  wie  er  sich  ausdrückte,  dermassen  ins  Gebet  zu 
nehmen,  dass  ihm  die  Strassensteine  von  Innsbruck  zu  glühen- 
den Kohlen  werden  sollten. 

Als  am  folgenden  Mittag  der  verfängliche  Louisd'or 
wieder  auf  das  Tischtuch  gelegt  wurde,  erhob  sich  der  Leutnant 
von  seinem  Sitze  und  sprach  mit  der  feierlichen  Würde  des 
Meisters  vom  Stuhl  in  einer  Freimaurerloge:  'Mein  Herr,  wir 
sind  des  einfältigen  Spasses  überdrüssig,  dass  Sie  den  Louis- 
d'or da  zur  Schau  legen  und  wieder  in  den  Sack  stecken. 
Wir  dringen  auf  Erklärung.  Dahinter  lauert  eine  Schalkheit. 
Sie  haben  es  mit  uns  alleu  zu  thuu:  das  bedenken  Sie  wohl! 
Also  nur  hurtig  zur  Sache  V 

'Augenblicklich,  meine  Herren',  erwiderte  der  Brite  mit 
ruhiger,  beinahe  phlegmatischer  Gleichmütigkeit,  'bin  ich  be- 
reit. Ihrem  Wunsche  zu  willfahren.  Das  Ding,  welches  Ihnen 
so  wichtig  scheint,  ist  im  Grunde  nur  ein  ganz  unschuldiger 
Scherz  und  verhält  sich  kürzlich  so :  In  den  fünf  Jahren,  die 
ich  nun  bereits  in  der  Welt  umherziehe,  nahm  ich  meine 
.Mahlzeiten  immer  am  liebsten  an  der  Wirtstafel  ein.  Daher 
wurde  mir    gar    häufig    die  Ehre,    mit    jungen  Herren    vom 


2J4  Zur  Volksdichtung. 

Soldatenstande  zusammenzutreffen.  Wenn  doch  diese  braven 
Gäste  auch  nur  ein  einziges  Mal  von  etwas  anderm  gesprochen 
hätten  als  von  Dirnengeschiciiten  und  vom  Dienste!  Da  lief 
mir  denn  der  Einfall  durch  den  Kopf,  der  Armut  einen  Louis- 
d'or  zu  geloben,  wenn  die  Rede  sich  zur  Abwechslung  in 
günstiger  Stunde  vielleicht  mitunter  auch  auf  andere  Gegen- 
stände lenken  würde.  Doch  hat  es  mir  bis  auf  den  heutigen 
Tag  noch  immer  nicht  gelingen  sollen,  mein  Goldstück  an 
den  Mann  zu  bringen.' 

Der  Brite  sprach  diese  kleine  Tischrede  mit  so  naiver 
Unbefangenheit,  dass  die  jungen  Herren  das  Ding  wirklich 
für  das  nahmen,  wofür  der  freimütige  Sprecher  es  ausgab: 
für  einen  unschuldigen  Scherz."  — - 

Dies  die  von  Matthisson,  wie  die  Leser  gefunden  haben 
werden,  sehr  gut  erzählte  Geschichte.  Wir  dürfen  unbedenklich 
annehmen,  dass  Schopenhauer  Matthissons  Erinnerungen  ge- 
lesen und  somit  auch  obige  Erzählung  gekannt  hat.  Als  er 
nun  an  der  Frankfurter  Wirtstafel  die  fast  gleiche  Erfahrung 
machte  wie  der  Engländer  in  Innsbruck,  da  fiel  dieser  ihm 
ein,  und  er  verschmähte  es  nicht,  ihn  zu  kopieren.  So 
erklärt  sich,  wie  mir  scheint,  die  Übereinstimmung  der 
Schopenhauer -Anekdote  mit  Matthissons  Erzählung  am 
natürlichsten  und  einfachsten. 


31  Ein  bolognesisehes  Lied  aus  dem 
13.  Jahrhundert. 

(.Jahrbuch   für  romau.  Litt.   9,   117-  HS.     1868.) 

In  einer  Handschrift  des  Archivio  notarile  zu  Bologna 
'Memorialia  contractuum  et  ultimarum  voluntatum  anni 
MCCCV  tempore  dominorum  Symeonis  dni  Hyughilfredi  de 
Padova  et  Ramberti  de  Rambertis  capitaneorum  populi  civit. 
Bonon/  findet  sich  von  der  Hand  des  Schreibers  der  ganzen 
Handschrift,  nämlich  des  Notars  Antolino  Rolandino  de' 
Tedaldi,      zur     Unterbrechung      der     trockenen     juristischen 


31.  Ein  bulognesisches  Lied  aus  dem  13.  Jahrhundert.  215 

Schreiberei,     folgendes    anmutige    Gedicht,     ein    echtes    Er- 
zeugnis der  Volkspoesie,  niedergeschrieben: 

Fuor  della  bella  caiba 
Fuge  lo  lusignolo. 

Piange  lo  fantino  —  po'i  cbe  non  trova 

Lo  so  osilino  —  ne  la  gaiba  nova. 

E  dice  cum  dolo  —  Cbi  gli  avri  l'usolo? 

E  dice  cum  dolo  —  Chi  gli  avri  Tusulo?  | 

En  un  buschetto  —  se  mise  ad  andare:  118 

Senti  l'ozletto  —  si  dolze  cantare. 

Ob  bei  lusignolo,  —  torna  nel  mio  brolo : 

0  bei  lusignolo,  —   torna  nel  mio  brolo. 

Professor  Giosue  Carducci  in  Bologna,  welcher  dies  Lied 
in  einer  Abhandlung  in  den  cAtti  della  Societä  di  Storia 
patria  per  le  provincie  delL  EmiliaJ  (1807)  nebst  Nachrichten 
über  noch  andere  ebenfalls  in  Bologneser  Notariatsmemorialien 
aufgefundeue  lyrische  Poesien  herausgegeben  hat1),  sagt  mit 
Recht  über  dasselbe:  'E  una  di  quelle  volate  aeree  del  sen- 
timento  cosi  comuui  nella  poesia  popolare,  delle  quali  manca 
l'occasione  e  il  motivo  o  se  n'e  perduta  la  ricordanza,  ma 
■che  certo  uon  erano  senza  una  allusione  almeno  allegorica  a 
un  qualche  avvenimento  che  dove  aver  commosso  le  menti  ai 
giorui  in  cui  quella  poesia  fu  cantata\ 

Das  Gedicht  erinnert  an  das  schöne  Sonett  aus  dem 
dreizehnten  Jahrhundert  Tapina  me,  che  amava  uno  spar- 
viero  !J  (bei  Trucchi  Poesie  italiane  inedite  1,  51  und  daraus 
in  K.  Lachmanns  und  M.  Haupts  Des  Minnesangs  Frühling 
S.  230  [A.  d'Ancona  e  Comparetti,  Le  antiche  rime  volgari  5, 
100  nr.  797.  1888])  und  an  unseres  Kürenbergers  'Ich  zöch 
mir  einen  valken'. 

Weimar,  Januar  1868. 


')  Die  Abhandlung  ist  überschrieben  'Di  aleuue  poesie  popolari 
bolognesi  del  secolo  X11I  inedite'  und  liegt  mir  in  einem  durch  den 
Buchhandel  bezüglichen  Separatabdruck  vor.  [Carducci,  Cantilene  e 
ballate  nei  secoli  XIII.  e  XIV.   1871,  S.  47  nr.  25.] 


216  Zur  Volksdichtung. 

32.   'Oci,  oci'  als  Naehtigallengesang. 

(Zeitschrift   für  romanische  Philologie  8,  120—122.    1884.) 

Ludwig  Unland  hat  in  seiner  'Abhandlung  über  die 
deutschen  Volkslieder'  (Uhlands  Schriften  zur  Geschichte  der 
Dichtung  und  Sage  3,  97  f.)  mehrere  Stellen  aus  französischen 
Diclitungeu  des  Mittelalters  gesammelt,  nach  denen  die  Nachtigall 
'Oci,  oci!    (Occi,  occi!    Ochi,  ochi!)3  singt.1) 

Es  ist  Unland  unbekannt  geblieben,  dass  in  dem  schönen 
lateinischen  Gedicht  Thilomena32),  welches  von  dem  heiligen 
Bonaventura  verfasst  sein  soll,  auch  cOci,  ocf,  das  freilich 
dem  altfranzösischen  Oci  der  Aussprache  nach  nicht  gleich, 
aber  doch  ähnlich  ist,  als  Ruf  oder  Sang  der  Nachtigall  mehr- 
fach vorkommt.  Es  heisst  nämlich  in  dem  Gedicht  zunächst 
Str.  G — 10  von  der  Nachtigall: 

De  hac  ave  legitur,  quod  cum  deprehendit 
Mortem  sibi  properam,  arborem  ascendit, 
Summoque  diluculo  rostrum  sursum  tendit, 
Diversisque  cantibus  totam  se  impendit. 

Cantilenis  dulcibus  praeviat  auroram, 

Sed  cum  dies  rutilat,  circa  primam  horam, 

Elevat  praedulcius  vocem  insonoram, 

In  cantando  nesciens  pausam  sive  morain. 

Circa  vero  tertiam  quasi  modum  nescit, 
Quia  semper  gaudium  cordis  ejus  crescit; 
Yere  guttur  rumpitur,  sie  vox  invalescit, 
Et  quo  cantat  altius,  plus  et  inardescit. 


*)  Über  die  bei  dieser  Gelegenheit  von  Uliland,  Anmerkung  198, 
angeführte  Strassburger  Handschrift  vgl.  Paul  Meyers  'Notice  sur  un 
ms.  brule  ayant  appartenu  ä  la  bibliotheque  de  Strasbourg'  in  dem  Bulletin 
de  la  Societe  des  anciens  textes  franrais  1883,  p.  55 — 60. 

2)  Es  liegen  mir  drei  Texte  der  Philomena  vor,  nämlich  1.  Jacobi 
Bälde  e  Societate  Iesu  Poematum  Tomas  IV,  complectens  Miscellanea. 
Colonise  Ubiorum  1660.  S.  489  ff.  2.  Geistlicher  Blumenstrauss  aus 
christlichen  Dichter-Gärten  den  Freunden  heiliger  Poesie  dargeboten  von 
Melchior  v.  Diepenbrock.  2.  verm.  Aufl.  Sulzbach  1852.  S.  310  ff. 
3.  Des  hl.  Bonaventura  Philomele  oder  Nachtigallenlied.  In  deutscher 
Übertragung  mit  dem  lateinischen  Originaltext  zur  Seite  v.  S.  Priester. 
Lingen  1883.  —  Eine  Ausgabe  der  'Opera'  des  Bonaventura  steht  mir 
nicht  zu  Gebote. 


32.  'Oci,  oci'  als  Nachtigällengesang.  •>  \  J 

Sed  cum  in  nieridie  sol  esr  in   fervore, 
Tunc  disrumpit  viscera  nimio  calore; 
'Oci!  oci!'  clamitat  illo  suu  more. 
Sicque  sensu  deficit  cantans  prae  labore. 

Sic  quassato  organo  liujus  philomenae, 
Rostro  tarnen  palpitans  fit  exsanguis  pene; 
Sed  ad  nonam  veniens  moritur  jam  plene, 
Cum   totius  corporis  disrumpuntur  venae.  | 

Im  weitereu  Verlauf  der  Dichtung  wird  dann  ausgeführt,    121 
wie  die  Nachtigall  die  Jesus  liebende  Seele  bedeutet,  welche 
sich  in    die  mystische  Betrachtung   der  einzelnen  Tageszeiten 
i  Huren)  versenkt,  und  es  kommt  das  Oci  der  Nachtigall  oder 
der  Seele  noch  an  folgenden  Stellen  des  Gedichtes  vor: 

24.  'Oci  !'  cnntat  tale  cor,  gaudens  in  pressura. 

37.  'Oci,  oci!1  clamitat  avis  haec  beata. 

47.  'Oci,  oci!1  anima  clamat  in  hoc  statu. 

50.  Tunc  exclamat  pia  mens  'Oci!'  cum  lamentis: 

'Oci.  oci,  miseram,  quia  meae  mentis 

Turbat  statum  pallidus  vultus  morientis 

Et  languentes  oculi  in  cruce  pendentis'. 
55.  Ista  signa   recolens  'Oci,  oci!'  clamo, 

Dulcis  Jesu,  querulor.  quod  te  minus  amo. 
61.  'Oci,  oci!'  clamitans  nunquam  conticescam. 

Während  aber  in  fast  allen  von  Uhland  gesammelten 
französischen  Stellen  das  Oci  nicht  als  blosse  Wiedergabe  eines 
Naturlautes,  sondern  vielmehr  als  ein  französisches  Wort. 
nämlich  als  der  Imperativ  von  occir  (töten)  aufgefasst  ist,  hat 
in  dem  lateinischen  Gedicht  Oci  als  Wort  keine  Bedeutung, 
sondern  soll  nur  die  klagenden  Laute  der  Nachtigall  wieder- 
geben. 

Der  Minorit  Jacomo  da  Porto,    der  die   Philomena  in 

Terziuen   übersetzt  hat 1),   giebt  das  fOci'  nur  an  drei  Stellen 

und  zwar  durch  'OchijJ  wieder. 

Oehij,  Ochij  grida  con  sonora  voce 

E  per  stanchezza  ä  poco,  a   poco  manca 

Declinando  al  suo  fin'  assai  veloce. 

(Seite  A  ij'>.  Vgl.  Str.  9.) 


J)  Filomena  di  S.  Bonaventura  ridotta  in  terza  rima  dal  R.   Padre 
Fra  Iacomo  da  Porto  Minore  Osseruante.     Firenze   1585.     4°. 


21 X  Zur  Volksdichtung. 

A  questo  dunque,  e  notte,  e  di,  pensando, 
Ocliij  Ochij  crido,  e  mi  consumo  e  sfaccio 
E  lagrime,  e  sospiri  ä  te  rimando. 

(Seite  B  ij  >'.   Vgl.  Str.  55.) 

Ochij  Ocliij  fra  tanto  audio  gridando 

KTe  cessarö,  benche  stimata  vile 

Ne  venga,  aazi  quäl  pazza.  vö  cbiamando. 

(Seite  B  iij.  Vgl.  Str.  61.) 

Die  mir  bekannten  deutschen  Übersetzer  der  ganzen  Philo- 
mena,  M.  von  Diepenbrock  und  der  Anonymus  S.  (s.  oben 
die  2.  Anmerkung),  und  C.  Fort  läge,  der  in  seinem  Werke 
'Gesänge  christlicher  Vorzeit"  (Berlin  1844),  S.  520 — 53,  14  aus- 
gehobene Strophen  des  Gedichtes  übersetzt  hat 1),  haben  c0cf 
(Fortlage  und  S.  schreiben  c0zi'j  beibehalten.  | 

122  Dagegen   hat  Jacob  Bälde   in   seiner  Taraphrasis  lyrica 

in  Philomelam  D.  Bonaventurae'  (Poematum  T.  IV,  p.  487 — 548) 
Oci  an  einer  Stelle  durch  Ocyus  und  an  einer  zweiten  durch 
Oti  (Genetiv  von  Otium)  wiedergegeben,  an  allen  übrigen  es 
ganz  weggelassen.  In  Abschnitt  IV,  welcher  Str.  6 — 10  para- 
phrasiert,  heisst  es,  Strophe  9  entsprechend: 

.  .  .  cum  sol  medium  flagrantior  igne  scandit  axem, 
lila  iiescio  quos  crebro  vocat  impotenter  hora, 
'Ocyus',  exclamans,  'huc  ocyus,  ocyus  venite'. 
'Ocyus  advolita.  soror,  ocyus,  ocyus  sorori1. 
Adriacum  rapidis  toties  mare  non  turnet  procellis. 
Nee  folia  arboribus,  simul  ingruit  Africus,  moventur, 
Multa  suum  quoties  canit  ocyus,  ocyusque  plorat. 

Und  im  XXI.  Abschnitt,  welcher  die  Strophen  54 — 57  para- 
phrasiert.  singt  die  in  Jesus  Herz  sich  bergende  Seele: 

Oti  blanda  quies,  dulcedo  nobilis  oti, 
Recepta  cordis  angulo 
Mens  Philomela  canit. 


J)  Nämlich  1,  2,  3,  6,  9,  12.  17.   18,  34,  37,  47,  62,  79,  82. 


33.  Zu  F.  "Wolfs  portugies.  und  catalan.  Volksromanzen.       219 

33.  Zu  F.  Wolfs  Proben  portugiesischer 
und  catalaniseher  Volksromanzen.1 ) 

(Jahrbuch  für  romanische  Litteratur  3,  56—63.     1861.) 

1. 

In  der  portugiesischen  Romauze  'Bella  Infanta' (S.  öl) 

[Geibel-Schack,   Romancero  18G0,  S.  371]  bietet  die  Infantin 

dem,    der   ihr   den    Gemahl   wiederbringt,   ihre    drei    Mühlen, 

wovon   die    eine  Gewürznelken,   die  andere   Zimt,    die    dritte 

köstliche  Ölfrucht  mahlt. 

—  De  tres  moinhos  que  tenho, 
todos  tres  t'  os  dera  a  ti; 
um  mol  o  cravo  e  a  cannella, 
outro  moe  do  gerzerli: 
ricca  farinha  que  fazem! 
Tomära-os  elrei  p'ra  si. 

Merkwürdig    ähnlich  sagt  in  einem   deutschen  Volksliede 

(Sinirock,  Die  deutschen  Volkslieder  ur.  9)  Stolz  Heinrich  zur 

Königstochter: 

Margretchen,  du  mein  liebes  Kind, 
Willst  du  wohl  mit  mir  gehn? 
Ich  hab'  in  meinem  Vaterland 
Noch  sieben  Mühlen  stehn. 

'Hast  du  in  deinem  Vaterland 
Noch  sieben  Mühlen  stehn, 
So  sag  mir,  was  sie  mahlen, 
So  will  ich  mit  dir  gehn.' 

Sie   thun   nicht  mehr,  als  mahlen 
Zucker  und  Kand, 
Dazu  Muskatenblumen 
Und  gestossen  Nägelein. 

[Über  solche  Wundermühlen  vgl.  Uhland,  Schriften  3, 
240.  4,  34.  Liebrecht,  Zur  Volkskunde  1879,  S.  302  f. 
Schuster,  Siebenbürg.  Volkslieder  S.  40.  331.  409.  Prior. 
Ancient    danish   ballads   3,    303.    Blade,   Poesies   pop.  de   la 

')  "Wien,  1856.  In  Kommission  bei W.  Braumüller.  [Aus  den  Sitzungs- 
berichten der  Wiener  Akademie  20.   17  -  168.] 


220  ^ur  Volksdichtung. 

Gascogne  3,  345.  Fleury,  Basse- Nor rnandie  18*3,  p.  356. 
Decombe,  Chansons  pop.  d'Ile  et  Vilaine  1884,  p.  221.  Terry 
et  Chaumont,  Recueil  d'airs  de  cramignons  et  de  chansons 
pop.,  Liege  1889,  p.  353.  Tarbe.  Romancero  de  Champagne 
2,  53.  127.  Revue  des  langues  rom.  33,  621.  Rivista  della 
lett.  pop.  1,  64.  Giannini,  Canti  pop.  della  montagna  lucchese 
1S89,  p.  186.  Nigra,  Piemonte  nr.  73,  p.  168.  Widter-Wolf, 
Venetien  1864,  nr.  78.  Zs.  f.  roman.  Phil.  6.  449.  Mila, 
Romancerillo  catalan  1882,  nr.  302.  Aigner,  Ungar.  Volks- 
dichtungen 1873,  S.  80.     Miklosich,  Zigeuner  4.  56.] 

II. 

Zu    der    portugiesischen   Romanze   nr.   3    von    Bernal- 
Francez  (S.  71)  [Geibel-Schack  S.  352],  welche  beginnt: 

Wer  pocht  an  nieine  Pforte? 
AVer  pocht,  wer  fordert  Einlass? 
—  Bin  Bernal-Francez,  Senhora, 
Eure  Pforte,  Liebste,  öffnet!  j 

57  vergleiche  mau  das  italienische  Volkslied  von  der  schönen 
Margherita  (Grimms  Altdeutsche  Wälder  1,  160;  W.  Müller 
und  0.  L.  ß.  AVolff,  Egeria  S.  44  [Kopisch,  Agrumi  S.  231. 
Heyse,  Ital.  Liederbuch  S.  127]),  welches  ganz  ähnlich  an- 
fängt: 

Chi  bussa   alla  mia  porta? 
chi  bussa  al  mio  porton? 
—  Son  il  Capitan  dell'  onde, 
son  il  vostro  servitor. 

Im  weiteren  Verlauf  weichen  die  Lieder  sehr  vonein- 
ander ab,  obwohl  der  Hauptinhalt  in  beiden  der  nämliche 
ist:  ein  Ehemann,  den  seine  Frau  ferne  wähnt,  geht  nachts 
zu  ihrer  Thür,  giebt  sich  für  ihren  Geliebten  aus,  erlangt 
Aufnahme  und  giebt  sich  dann  als  Gatten  zu  erkennen  und 
rächt  die  Untreue  dadurch,  dass  er  der  Gattin  das  Haupt 
abschlägt.  [Nigra,  Canti  pop.  del  Piemonte  1888,  nr.  30:  'II 
marito  giustiziere.J  Widter-Wolf,  Volkslieder  aus  Venetien 
1S64,  nr.  84.] 


33.  Zu  F.  Wolfs  portugies.  und  catalan.   Volksromanzen.        22  1 

III. 

Zu  der  portugiesischen  Romanze  nr.  4  'vom  gefangenen 
Grafen  oder  Gottes  Gerichte5  (S.  75)  vergleicht  Wolf  die 
spanische  cdel  conde  Lombardo'  (Primavera  nr.  137,  2).  Ich 
verweise  auf  die  ähnlichen  Geschichten  von  Frauenschändern, 
die  zuerst  gezwungen  werden,  die  entehrte  Frau  zu  heiraten, 
und  dann  die  Todesstrafe  erleiden,  welche  Simrock,  Quellen 
des  Shakespeare  3,  178  [=:  2.  Aufl.  1,  152]  und  Dunlop- 
Liebrecht,  Geschichte  der  Prosadichtungen  S.  278,  beibringen, 
und  füge  noch  bei  die  Tragödie  von  Hans  Sachs  cDie  zwei 
Ritter  von  Rurgund'  in  der  dritten  Abteilung  des  zweiten 
Buches  seiner  Dichtungen,  nach  der  'französischen  Chronik' 
bearbeitet.  [Primavera  1,  120  nr.  39.  Widter-Wolf,  VI.  aus 
Venetieu  nr.  Sb.  Bolza  nr.  50.  Ferraro  nr.  21.  Nigra  nr.  3. 
Oesterley  zu  Kirchhof,  Wendunmut  G,  213.  H.  Sachs  ed. 
Goedeke  1,  211.  Jahrb.  der  Shakespeare-Ges.  29—30,  292. 
Lope  de  Vega  bei  Schack  2,  448.  Rouillet,  Philanire  1556. 
Rodenburg,  Hoecx  en  Cabeliaus  1628  n.  s.  w.  —  Dagegen 
begnügt  sich  bei  Bracton  (De  legibus  Angliae  3,  28  =  Romania 
25,  310)  der  König  damit,  dass  der  Graf  die  Witwe  des 
jüdischen  Jongleurs,  die  er  entehrt  hat,  heiratet.] 

IV. 

In  der  portugiesischen  Romanze  nr.  12  Vom  Fräulein 
das  in  den  Krieg  zieht1  (S.  99)  [Geibel- Schack  S.  100] 
wird  erzählt,  wie  ein  als  Mann  verkleidetes  Mädchen  auf  ver- 
schiedene Weise  geprüft  wird,  um  zu  sehen,  ob  es  wirklich 
ein  Jüngling  oder  ein  Mädchen  sei.  Hiermit  vergleiche  man 
das  von  Anastasius  Grüu  übersetzte  k rainische  Lied  Von 
Roschmanns  LenchenJ  (Lieder  aus  der  Fremde,  Hannover  1857, 
S.  76).  Auch  hier  zieht  ein  Mädchen  als  Mann  verkleidet  in 
den  Krieg,  man  schöpft  Verdacht  und  stellt  drei  Proben  an, 
von  denen  zwei  mit  der  portugiesischen  Romanze  stimmen. 
In  der  portugiesischen  Romanze  heisst  es : 

'Lad  ihn  ein,  mein  Sohn,  zu  gehen 
Mit  dir  zu  des  Marktes  Buden; 
Wenn  ein  Weib  es  wirklich  wäre, 
Wird  er  nach  den  Bändern  langen.  | 


222  ^ur    Volksdichtung. 

58  Doch  das  Fräulein,   weil   es  klug   ist, 

Wählt  zum   Ankauf  einen    Dolch   sich: 
'Ha!  wie  ist  der   Dolch   so  trefflich 
Um   sieh   Mann   gen   Mann   zu   wehren! 
Schmucke  Bänder  sind  für  Damen; 
Wer  sie   ihnen  bringen  könnte!' 

Im  krainischen  Lied  heisst  es  von  den  Herren: 

Sie   winken  sich  und  flüstern  leis, 
Wie  man's  ergründ  in  schlauster  "Weis'  ? 
Zum  Krämerladen   gehn  sie   drauf, 
Wo  Waren  lagern   bunt  zu  Häuf: 
'Und  ist's  ein  Mann,  trifft  seine  Wahl 
Das  Kugelrohr,  den  Säbelstahl; 
Und  ist's  ein  Weib,  so  wählt  es  aus 
Das  bunte  Band,  den  Blumenstrauss.' 
Schön  Lenchen  griff  in  rascher  Wahl 
Nach  Kugelrohr,  nach  Säbelstahl! 

Jedermann  denkt  an  die  ähnliche  Prüfung  des  verkleideten 
Achilles  anf  Skyros.  —  Weiter  wird  in  beiden  Liedern 
das  Fräulein  aufgefordert  im  Strom  zn  schwimmen,  was  die 
krainische  Jungfrau  thut;  die  portugiesische  ist  bereit  es  zu 
thun,  wird  aber  durch  die  von  einem  Pagen  gebrachte  Nach- 
richt daran  verhindert.  Wie  diese  zwei  Proben,  so  stimmen 
aber  auch  die  Anfänge  beider  Lieder.  In  beiden  Liedern  ist 
die  Jungfrau  eine  der  sieben  Töchter  eines  Vaters,  der  keinen 
Sohn  hat  und  dies  schmerzlich  bedauert,  als  Krieg  ausbricht 
und  er  keinen  Sohn  ins  Feld  zu  stellen  hat,  worauf  sich  jene 
Tochter  verkleidet  und  in  den  Krieg  zieht. 

A uch  in  einem  w  a  1  a  c  hische n  Märchen  bei  Schott 
(Walachische  Märchen,  S.  175)  wird  ein  als  Mann  verkleidetes 
Mädchen  dadurch  geprüft,  dass  es  auf  den  Bazar  geführt 
wird  und  zwischen  Waffen  und  Spindeln,  Nadeln  und  dergl. 
die  Wahl  hat.  Eigentümlich  ist  dort  eine  zweite  Probe.  Man 
veranlasst  das  Mädchen  in  einem  Weinberge  Trauben  zu 
pflücken;  würde  es  die  gepflückten  Weintrauben  ungewaschen 
essen,  so  würde  man  aus  dieser  Lüsternheit  und  Naschhaftig- 
keit sicher  schliessen  können,  dass  es  kein  Mann  sei.  [F.Wolf, 
Jahrb.  f.  rom.  Litt.  3,  63 — G7.  Mihi  y  Fontanals.  Romancerillo 
catalan   1882,   nr.   -245.     Nigra,  Piemoute   1888,   nr.   48:  'La 


33.  Zu  F.  Wolfs  portugies.  und  catalan.  Volksromanzen.       223 

guerriera5.  Widter-Wolf,  Volksl.  aus  Yenetien  1864,  nr.  TD. 
Prato,  Romania  13,  160.  Archivio  "2,  510.  Puymaigre,  Chants 
pop.  du  pays  messin  1881  1,  122:  'La  fille  soldat';  Romanceiro 
1881,  p.  166.  Liebrecht,  Zur  Volkskunde  S.  217.  E.  Albert, 
Neueste  Poesie  aus  Böhmen  2,  291  (1895):  'Die  Kämpferm'. 
Schiefner,  Bull,  de  l'acad.  de  St.  Petersbourg  4,  284  (1862). 
Rambaud,  La  Russie  epique  p.  84.  Prym-Socin  nr.  4. 
Zu  den  Proben  des  verkleideten  Mädchens  vgl.  auch  Grimm, 
KLOI  nr.  67  'Die  zwölf  Jäger5.] 

V. 

Die  catalanische  Romanze  nr.  7,  der  Pilger  (Wolf  S.  118), 
gründet  sich  auf  eine  Legende1),  die  von  Lucius  Marinaeus 
(f  um  1533)  in  seinem  Werke  'De  rebus  Hispaniae  memo- 
rabilibus3  im  letzten  Abschnitte  des  5.  Buchs  also2)  erzählt  59 
wird:  'In  antiquissima  civitate,  quam  sancti  Dominici  Calcia- 
tensis  vulgus  appellat,  gallum  vidimus  et  gallinam,  qui  dum 
vixerunt  cuius  coloris  fuissent  ignoramus;  postea  vero  cum 
iugulati  fuissent  et  assi,  candidissimi  revixerunt,  magnam  dei 
poteutiam  summumque  miraculum  referentes.  Cuius  rei 
veritas  et  ratio  sie  se  habet,  Vir  quidam  probus  et  amicus 
dei  et  uxor  eins  optima  mulier  cum  filio  adolescentulo  magnae 
probitatis  ad  sanetum  Jacobum  Compostellam  proficiscentes 
in  hanc  urbem  itineris  Iabore  defessi  ingrediuntur  et  quiescendi 
gratia  restiterunt  in  domo  cuiusdam  qui  adultam  filiam  habe- 
bat. Quae  cum  adolescentem  pulchra  facie  vidisset,  eins  amore 
capta  est.  Et  cum  iuvenis  ab  ea  requisitus  atque  vexatus 
eins  voto  repugnasset,  amorem  convertit  in  odium  et  ei  nocere 
cupiens  tempore  quo  discedere  volebant  eins  cucullo  crateram 


')  [Vgl.  Child,  Englisa  and  scottish  populär  ballads  1,  236—239 
(nr.  22:  St.  Stephen  and  Herod)  505.  2,  501.  3,  502.  4,  451.  5,  212. 
288.  Germania  33.  337.  F.  Wolf,  Jahrb.  f.  roman.  Litt.  3,  67  verweist 
auf  Haupt-Schmaler,  Volkslieder  der  "Wenden  1,  285  nr.  289  und  Grundt- 
vig,  Danmarks  gamle  folkeviser  2,  518  nr.  96:  'Jesusbarnet,  Stefan  og 
Herodes.'J 

2)  Die  Stelle  des  Lucius  Marinaeus  ist  mit  Weglassung  des  ein- 
leitenden Satzes  abgedruckt  in  den  Acta  Sanctorum,  Julius,  Tom.  6, 
p.  46. 


224  ^"r  Volksdichtung. 

sui  patris  clam  reposuit.  Cumque  peregrini  mane  discessissent, 
exclamavit  puella  coram  parentibus  craterani  sibi  fuisse  sub- 
reptam.  Quod  audiens  praetor  satellites  confestim  misit,  ut 
peregrinos  reducerent.  Qui  cum  venissent,  puella  conscia  sui 
sceleris  accessit  ad  iuvenem  et  crateram  eruit  e  cucullo.  Qua- 
propter  comperto  delicto  iuvenis  in  campum  productus  iniqua 
sententia  et  sine  culpa  laqueo  suspensus  est  miserique  paren- 
tes,  cum  filium  deplorassent,  postea  discedentes  Compostellam 
pervenerunt.  Ubi  solutis  votis  et  deo  gratias  agentes  subinde 
redeuntes  ad  locum  pervenerunt  ubi  filius  erat  suspensus,  et 
mater  multis  perfusa  lacrimis  ad  filium  accessit,  multum  desua- 
dente  marito.  Cumque  filium  suspiceret,  dixit  ei  filius:  Mater 
mea,  noli  flere  supra  me,  ego  enim  vivus  sum,  quoniam  virgo 
dei  genitrix  et  sanctus  Jacobus  me  sustinent  et  servant  in- 
columem.  Vade,  carissima  mater,  ad  iudieem,  qui  me  falso 
condemnavit,  et  die  ei  me  vivere  propter  innocentiam  meam, 
ut  me  liberari  iubeat  tibique  restituat.  Properat  solicita 
mater  et  prae  nimio  gaudio  flens  uberius  praetorem  convenit 
in  mensa  sedentem,  qui  gallum  et  gallinam  assos  scindere 
volebat,  Praetor,  iuquit,  filius  mens  vivit,  iube  solvi  obsecro. 
Quod  cum  audisset  praetor,  existimans  eam  quod  dicebat 
propter  amorem  maternum  somniasse,  respondit  subridens: 
Quid  hoc  est,  bona  mulier?  Ne  fallaris.  Sic  enim  vivit  filius 
tuus,  ut  vivunt  hae  aves.  Et  vix  hoc  dixerat,  cum  gallus  et 
60  gallina  saltaverunt  in  mensa  statimque  gallus  cantavit.  |  Quod 
cum  praetor  vidisset,  attonitus  contiuuo  egreditur,  vocat  sacer- 
dotes  et  cives  proficiseuntur  ad  iuvenem  suspensum  et  inve- 
nerunt  incolumem  valdeque  laetantem  et  parentibus  restituunt 
domumque  reversi  gallum  capiunt  et  gallinam  et  in  ecclesiam 
transferunt  magna  solennitate.  Quae  ibi  clausae  res  admira- 
biles  et  dei  potentiam  testificantes  observantur,  ubi  septennio 
vivunt.  Hunc  enim  terminum  deus  illis  instituit,  et  in  fine 
septennii  antequam  moriantur  pullum  relinquunt  et  pullam 
sui  coloris  et  magnitudinis,  et  hoc  fit  in  ecclesia  quolibet 
septennio.  Magnae  quoque  admirationis  est,  quod  omnes  per 
hanc  urbem  transeuntes  peregrini,  qui  sunt  innumerabiles, 
galli    huius    et    gallinae   plumam    capiunt    et    nunquam    illis 


33.  Zu  F.  Wolfs  portugies.  und  catalan.  Volksromanzen.        225 

plumae  deficiunt.  Hoc  ego  testor,  propterea  quod  vidi  et 
interfui  plumainque  mecum  fero3 1).  —  Man  vergleiche  die 
treffliche  Romauze,  und  mau  wird  sie  fast  Zug  für  Zug  hier- 
mit übereinstimmend  finden. 

Gerade  so  wie  Lucius  Mariuaeus  erzählt  die  Legende 
ein  späterer  Schriftsteller,  Ludovicus  de  la  Vega  (Acta 
Sanctorum,  Majus,  Tom.  3,  p.  171),  nur  mit  dem  Unterschied, 
■dass  er  die  Pilger  (Franzosen)  in  Calciata  einkehren  lässt,  um 
•das  Grab  des  h.  Dominicus  zu  verehren,  und  dass  dann  den 
Sohn  am  Galgen  die  h.  Jungfrau  und  der  h.  Dominicus 
lebend  erhalten.  Sonst  stimmt  alles  mit  Lucius  Mariuaeus. 
L.  de  la  Vega  scheint  der  einzige,  der  S.  Dominicus  an  die 
Stelle  des  Jacobus  setzt. 

Kürzer  erzählt  die  Legende  Nicolaus  Bertrandus,  der 
1515  Gesta  Tolosanornm  herausgab:  die  Stelle  lautet  nach 
■den  Acta  Sanctorum,  Julius,  Tom.  6,  p.  46  also:  cUnum 
miraculum,  quod  legimus  ac  pictum  etiam  videmus  in  singulis 
beati  Jacobi  ecclesiis  aut  capellis,  Tholosae  factum  fuit  de 
peregrino  ad  beatum  Jacobum  accedente  in  Compostella,  qui 
mense  uno  manens  suspensus  falsis  accusationibus  hospitis 
Tholosani  usque  ad  patris  et  matris  reditum  vivus  remansit, 
quem  beatus  Jacobus  sustinuit,  ipsumque  parentes  in  patibulo 
vivum  cernentes  de  gravi  injuria  et  calumnia  accusatum  filium 
conquesturi  judicem  adeunt.  Sed  cum  praeses  Tholosanus  id 
credere  recusaret,  nisi  pulli  jam  tosti  in  veruto  exeuntes 
cantassent  aut  volareut,  et  volatu  sumpto  ab  igne  discessissent 
garriendo.  admiratus  est.  Cumque  patibulum  j  adiisset  juve-  61 
nemque  suspensum  vivum  cerneret  et  vitae  causam  quaereret, 
ait  judici,  meritis  divi  Jacobi  se  servatum  esse.J  In  dieser 
Darstellung  fehlt  vor  allem  die  Tochter  oder  Nichte  des  "Wirts, 
die  ihre  verschmähte  Liebe  in  Hass  verkehrt. 

Noch  weniger  mit  der  Romanze  stimmen  die  beiden 
ältesten  Fassungen  der  Legende,  welche  die  Acta  Sanctorum 


l)  Angelinus  Gazaeus  (15G8 — 1653)  hat  in  seinen  jambischen 
''Pia  hilaria5  [Londini  1657,  p.  242]  diese  Legende  nach  seiner  eigenen 
Angabe  dem  Marinaeus  entlehnt  und  in  seiner,  zum  Teil  echt  poetischen, 
2um  Teil   aber  auch   geschmacklosen  "Weise  behandelt. 

Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  15 


226  Zur  Volksdichtung. 

a.  a.  0.  p.  45  und  50  mitteilen,  nämlich  aus  einer  dem  Papst 
Calixtus  beigelegten  Legendensammlung x)  und  aus  des- 
Caesarius  von  Heisterbach  Dialogus  miraculorum  (VIII,  58). 
Nach  der  ersteren  Fassung  versteckt  der  Wirt  zu  Toulouse- 
den  Becher  aus  Habsucht  in  dem  Ranzen  des  deutschen 
Pilgers,  bei  Caesarius  heisst  es  ganz  allgemein,  der  Wirt 
habe  die  Pilger  (aus  Utrecht)  des  Diebstahls  beschuldigt.  Bei 
beiden  fehlt  also  das  .Mädchen,  bei  beiden  fehlt  ferner  die 
Mutter,  mir  vom  Vater  und  Sühn  ist  die  Rede,  bei  beiden 
endlich  fehlt  das  Wunder  mit  dem  Hahn  und  der  Henne, 
lügen  ist  der  ersteren  Darstellung  der  Wettstreit  zwischen 
Vater  und  Sohn:  jeder  will  —  da  der  Richter  erklärt  hat. 
nur  einer  solle  sterben  —  für  den  anderen  sterben.  Bei 
Caesarius  wird  der  Vater  verdammt,  der  Sohn  aber  lässt  sich 
für  ihn  hängen. 

Wie  die  Legende  Gegenstand  eines  Volksliedes  in  Catalo- 
nien  wurde,  so  ist  sie  es  auch  in  den  Niederlanden  geworden. 
Das  niederländische  Lied  (Antwerpener  Liederbuch  nr.  20. 
Unland,  Volkslieder  nr.  303)  erzählt,  wie  die  Jacobspilger  auf 
ihrer  Fahrt  in  einem  Wirtshause  einkehren.  Die  Wirtstochter 
verliebt  sich  in  einen  jungen  Pilger  und  sucht  ihn  zurück- 
zuhalten. Da  aber  der  Vater  des  Jünglings  erklärt,  sie  hätten 
beide  zusammen  die  Fahrt  zu  vollenden  gelobt,  steckt  die 
Wirtstochter,  im  Einverständnis  mit  dem  Wirte,  ihrem  Vater, 
dem  alten  Pilger,  um  ihn  los  zu  werden,  einen  vergoldeten 
Napf  in  den  Sack.  Der  Alte  als  Dieb  soll  sterben,  aber  der 
Sohn  opfert  sich  für  ihn.  Der  Alte  zieht  nun  nach  S.  Jacob- 
und  findet  auf  der  Rückkehr  seinen  Sohn  noch  lebend: 

Sinte  Jacob  heeft  mi  geliolpen, 
Maria  mit  alder  noot. 

Er  eilt   in   die  Herberge   und   verkündet   dem  Wirte    das- 
Wunder:  der   aber  meint,  das  sei   ebenso  wahr,  als    dass  die 


')  Hieraus  liat  laut  eigener  Angabe  Jacobus  a  Voragine  in  seiner 
Legenda  aurea  (ed.  Grässe  p.  426)  geschöpft;  ebenso  auch  Hieronymus 
Rauscher  in  seinen  hundert  auserwählten  Papistischen  Lügen,  Eisleben 
1562,  nr.  39,  welche  Stelle  Goedeke  in  seinem  P.  Gengenbach  S.  638 
mitteilt. 


33.  Zu  F.  Wolfs  portugiea.  und  catalan.  Volksromanzen.        227 

drei  Hühner,  die  eben  am  Feuer  braten,  zur  Tliiir  hinaus-  62 
flögen.  Kaum  hat  er  dies  gesagt,  da  fliegen  die  drei  Hühner 
auf  die  Strasse,  auf  S.  Dominicas  Hans,  wo  die  Pilger  ver- 
sammelt waren1.  Der  junge  Pilger  wird  nun  feierlich  herab- 
genommen, und  der  Wirt  an  seiner  Statt  gehangen,  die  Tochter 
aber  cghedolnen\ 

Diesem  Liede  eigen  ist.  dass  die  Wirtstochter  nicht  aus 
Ilass  wegen  verschmähter  Liebe  den  Sohn  zu  verderben  trachtet, 
sondern  nur  den  Vater  loswerden  will,  weil  sie  hofft,  den 
Sohn  dann  leichter  halten  zu  können.  Die  Motivierung  in 
der  Romanze  und  in  mit  ihr  stimmenden  Legendenfassungen 
scheint  mir  einfacher  und  natürlicher.  Eigen  ist  ferner  dem 
niederländischen  Liede,  dass  das  Wunder  mit  den  Hühnern 
dem  Wirte,  nicht  dem  Richter  passiert.  Es  ist  aber  viel 
natürlicher,  dass  der  Vater  dem  Pächter  die  Rettung  des 
Sohnes  zuerst  meldet,  als  dem  AVirte,  seinem  Ankläger.  Die 
Mutter  fehlt  in  dem  Liede. 

Nach  alledem  glaube  ich,  verdient  unsere  Romanze 
den  Vorzug  vor  dem  niederdeutschen  Liede,  ganz  abgesehen 
von  ihrer  vortrefflichen  kurzen,  aber  lebendigen  und  fast 
dramatischen  Darstellung  gegenüber  der  etwas  breiten  Erzählung 
des  letzteren.  Hätte  Goedeke(P.  Gengenbach  S.  <i4o  die  Romanze 
gekannt,  er  würde  wohl  kaum  gesagt  haben,  dass  die  Legende 
in   dem  niederländischen  Volksliede  am  besten  überliefert  sei. 

Dass  auch  ein  italienisches  Mirakelspiel  [D'Ancona,  Sacre 
rappresentazioui  3,  465]  die  Legende  behandelt,  hat  du  Meril, 
wie  Wolf  erwähnt,  im  Athenaeum  francais  nachgewiesen. 
Leider  ist  mir  diese  Zeitschrift  nicht  zugänglich,  und  ich  weiss 
daher  nicht,  mit  welcher  der  von  mir  beigebrachten  Legenden- 
fassung das  Spiel  am  meisten  stimmt.  [Vgl.  oben  2.  55s  zu 
nr.  s.  Buckel.  Deutsche  Volkslieder  aus  Oberhessen  1885,  S.IXf. 
Knnz  Kistener.  Die  Jakobsbrüder  ed.  Euling  1899,  S.  44. j 

In  Bezug  auf  das  Wunder  der  Wiederbelebung  der 
gebratenen  Hühner  hat  Wolf  an  das  bre tonische  Lied 
'Notre-dame   du  Folgoat"  [Luzel.  Gwerziou  Breiz-Izel  1,  215: 

*)  Das  Lied  nimmt  also  wohl  mir  Lucius  Marinaeus  denselben 
Schauplatz,  an. 

15* 


228  /ur  Volksdichtung. 

Marguerite  Laurent"]  und  an  eine  Stelle  der  Chanson  de  geste 
von  Ogier  de  Danemarche  erinnert,  wo  in  ähnlicher  Weise 
das  Wunder  sich  vorfindet.  Ich  erinnere  noch  an  eine  Legend*-, 
die  der  schon  oben  erwähnte  Ludovicus  de  la  Vega  erzählt 
(Acta  Sanctorum,  Majus,  Tom.  8.  p.  171).  Ein  Spanier  wird 
von  Mauren  gefangen  und  ruft  im  Gefängnis  unablässig  den 
h.  Dominicus,  den  Schutzpatron  seiner  Vaterstadt  Rigovia,  an. 
Als  eines  Tages  der  Herr  des  Gefangenen  bei  Tafel  sitzt. 
63  meint  einer  der  Gefangenenwäch-  ter,  der  Heilige  werde 
doch  vielleicht  den  gefangenen  Christen  wegen  seiner  fort- 
währenden Bitten  befreien.  Dies  wird,  versetzt  der  Herr, 
ebenso  wenig  geschehen,  als  der  vor  mir  liegende  gebratene 
Hahn  wegfliegen  und  krähen  wird.  Kaum  hat  der  Maure  dies 
gesagt,  als  der  Hahn  auffliegt  und  kräht.  Man  eilt  in  den 
Kerker,  den  man  von  Lichtglanz  erfüllt  findet:  der  Gefangene 
aber  ist  fort.     S.  Dominicus  hatte  ihn  befreit. 

Schliesslich  bemerke  ich  noch,  dass  auch  das  boshafter- 
weise versteckte  Gefäss,  um  den,  bei  dem  es  gefunden 
wird,  des  Diebstahls  zu  zeihen,  ein  öfter  vorkommender  Zug 
ist.  Jedermann  erinnert  sich,  wie  Joseph  seinen  Becher  in 
Benjamins  Sack  stecken  lässt.  Aber  auch  in  der  griechischen 
Sage,  namentlich  in  der  vom  Tode  des  Fabeldichters  Aesop 
(s.  Welckers  Kleine  Schriften  2.  232  f.)  kommt  dieser  Zug 
vor.  [Folk-lore  Journal  2,  34.  Revue  des  deux  mondes  1874, 
jeuillet  p.  65.  P.  v.  Götze.  Stimmen  des  russ.  Volkes  1828, 
S.  59.  Schiefner,  Bull,  de  l'acad.  de  St.  Petersb.  4,  284 
(nach  Rybnikow  1,  237).  —  Goldener  Apfel  oder  Löffel: 
Köhler,  Zs.  f.  Volkskunde  6.  69  zu  Gonzenbach  nr.  25.  Kris- 
tensen,  Aeventyr  3,  283.] 

[Über  die  catalanische  Romauze  nr.  16  Der  König 
Herodes  (Wolf  S.  136)  vgl.  F.  Wolf,  Jahrb.  f.  roman.  Litt. 
3,  73.  Reinsch,  Die  Pseudo-Evangelien  von  Jesu  und  Marias 
Kindheit  1879,  S.  60 — 64.  94;  Revue  des  langues  rom.  3. 
ser.  11,  ()S  und  besonders  Child  2,  7  nr.  55  'The  carnal  and 
the  Grane',  dazu  2,  509.    3,  507.    4,  462.    5,  220.] 


84.  Der  heimkehrende  Gatte.  229 

34.  Zur  Volksliederlitteratur.  [Der  heim- 
kehrende Gatte.] 

(Jahrbuch  für  roman.  Litt.  8,  356—359.     1867). 

Ein  beliebtes,  viel  verbreitetes  deutsches  Volkslied  ist 
das  Lied  von  dem  nach  lauger  Zeit  aus  dem  Kriege  heim- 
kehrenden Soldaten  ,  dessen  Frau  sieh  inzwischen  wieder 
verheiratet  hat.  Es  findet  sich  in  seiner  vollständigen  Gestalt 
von  elf  Strophen  aus  dem  Volksmund  aufgezeichnet  bei  Hoff- 
mann von  Fallersieben,  Schlesische  Volkslieder  nr.  228,  L.  Erk, 
Neue  Sammlung  deutscher  Volkslieder  Bd.  3,  Heft  1,  nr.  55, 
und  Simrock,  Die  deutschen  Volkslieder  nr.  310;  in  un- 
vollständiger Gestalt  steht  es  bei  Walter,  Sammlung  deutscher 
Volkslieder  S.  160  und  im  Weimarischen  Jahrbuch  Bd.  3, 
S.  291.  und  habe  ich  es  vor  mehreren  Jahren  in  Ilmenau 
singen  hören.  [Erk-Böbme,  Liederhort  nr.  191  a — b.  Mittler 
nr.  262.  Scherer.  Jungbrunnen  1875  nr.  151  (Pfalz).  Zur- 
mühlen,  Des  Dülkener  Fiedlers  Liederbuch  1875,  nr.  58:  cEs 
kam  ein  Ulane  wohl  aus  dem  Kriege/  AVegener,  Volks- 
tümliche Lieder  aus  Norddeutschland  1880,  S.  296,  nr.  1036. 
Alfr.  Müller,  Erzgebirge  1883,  S.  34.  —  Schure,  Geschichte 
des  deutschen  Liedes  1870,  S.  132  wiederholt  Simrocks  Text.] 
Ich  lasse  es  hier  in  dem  Texte  folgen,  welchen  Erk  giebt, 
mit  Beifügung  einiger  Varianten  der  anderen  Texte. 

1.  Soldat  kam  aus  dem  Kriege, 

Kuckuck, 
Soldat  kam  aus  dem  Kriege, 

Kuckuck, 
Wohl  ganz  zerrissen  und  noch  viel  mehr. 
'Mein  lieber  Soldat,  wo  kommt  er  her?' 

Kuckuck,  kuckuck,  kuckuck.   1) 

2.  'Ich  komm1  wohl  aus  dem  Kriege; 
Ich  hab1  gedient  sechs  ganze  Jahr, 

Das  zeigt  mein  Pass  und  Abschied  dar.'  I 


!)  Erk  hat  für  'Kuckuck'  in  den  Text:  'Hur  r  ah'  gesetzt,  wie  man 
allerdings  an  vielen  Orten  singt,  sagt  aber  in  der  Bemerkung,  dass  im 
Oldenburgischen  'Kuckuck'  gesungen  werde,  und  dies  findet  sich  auch 
in  Walters  Aufzeichnung  und  im  schlesisehen  Texte. 


230  Zur  Volksdichtung. 

357  3.     Soldat  ging  in  das  Wirtshaus  'nein. 

'Frau  Wirtin,  hat  sie  gutes  Bier?' 
'Soldat,  hat  er  auch  Geld   dafür?' 

4.  'Kein  bares  Geld,  das  hab'  ich  nicht: 
Ich  trag'  einen  grauen  Mantel  hier, 
Damit  bezahl1  ich  euer  Bier.' 

5.  Soldat  setzt  sich  zu  Tische; 

Er  fing  zu  essen,  zu  trinken  an, 
Iran  Wirtin  fing  zu  weinen  an. 

6.  'Frau  Wirtin,  warum   weinet  sie? 
Weint  sie   vielleicht  wohl  um  das  Bier 
Und  meint,  sie  kriegt  kein  Geld  dafür  ?' 

7.  'Wohl  um  das  Bier  da  wein1  ich  nicht; 
Ich  hatt1  ein'n  Mann,  der  mich  verliess, 
Und  meint',  Ihr  wär't  es  ganz  gewiss.'   1) 

8.  cWo  kommen  denn  die  Kinder  her  ? 
Zwei  hab1  ich  hinterlassen  dir, 
Jetzt  aber,  seh1  ich,  hast  du  vier.' 

9.  'Das  machen  die  falschen  Briefe, 
Die  mich  so  sehr  betrogen  hab'n;   "-) 
Da  nahm  ich  mir  ein'n  andern  Mann. 

10.  'Die  Kinder,  die  woll'n  wir  uns  teilen  : 
Den  allsten  Sohn  nehm1  ich  zu  mir, 
Die  andern  drei  gehören  dir.'  3) 

11.  'Nun  komm,  mein  ält'stes  Söhnelein!  4) 

Zu  Hamburg*)  woll'n  wir  uns  schiffen  ein: 
Ade,  mein  Weib  und  Kindelein!' 


')  Bei  Simrock:  Ich  glaub1,  Ihr  seid  u.  s.  w.  In  Ilmenau:  Ich 
hab1  einen  Mann  wol  in  dem  Krieg,  Ich  glaub1,  Sie  sein's  ja  ganz 
gewiss. 

2)  Bei  Simrock:  Ein  falscher  Brief,  der  mich  betrog,  Zeigt1  mir  dein 
Leichenbegängnis  an.  In  Ilmenau:  Das  hat  der  falsche  Brief  gethan, 
Er  zeigt1  mir  sein  Begräbnis  an. 

3)  Bei  Simrock  und  in  Ilmenau:  Die  andern  drei  behalt  (behältst) 
du  dir. 

4)  Bei  Simrock:  Dem  König  ist  Krieg  jetzt  angesagt. 
R)  In  einem  schlesischen  Text:  Zu  Pressburg. 


34.  Der  heimkehrende  Gatte. 


231 


Dasselbe  Lied  habe  ich  nun  neuerdings  auch  französisch 
gefunden  und  zwar  in  zwei  Texten,  nämlich  in  des  Grafen 
de  Puymaigre  Chants  populaires  recueillis  dans  le  Pays  Messin 
(Metz  et  Paris  1865),  S.  25  [1881  1,65  =  Ulrich,  Französische 
Volkslieder  1899,  nr.  71],  und  in  Jerome  Bujeauds  Chants 
et  chausons  populaires  des  provinces  de  l'Ouest  (Niort  1866), 
2,  89 x)  =  C.  Mendes,  Les  plus  jolies  chansons  du  pays 
de  France  (1888)  p.  37].  Ich  lasse  beide  Texte,  die  sich  zum 
Teil  ergänzen,  nebeneinander  gestellt  hier  folgen: 
(Puymaigre.)  (Bujeaud.) 

1.  Soldat  revenant  de   la  guerre,       1.  Quand  le  marin  revient  de  guerre, 


:;:,s 


Coucou, 
Un  pied  chausse  et  l'autre  nu, 

Coucou,  corna,  ricoucou. 


Tout  doux, 
Tout  mal  chausse,  tout  mal  vetu, 
cPauvre    marin,    d'oü   reviens-tu?' 

Tout  doux. 


2.  cJe  reviens  de  la  guerre 


2.  'Madame,  je  reviens  de  guerre. 
Hotesse,  avez-vous  du  vin  blanc?'        Qu1on    apporte    ici    du    vin  blanc, 
'Soldat,  avez-vous  de  l'argent?1  Que  le  marin  boive  en  passant.' 


3.  'De  l'argent  je  n'en  ai  guere, 
J'engagerai  mes  pistolets, 
Mon  manteau  et  mon  cheval 

blanc.3 

4.  Soldat  se  mit  ä  table, 


3.  Brave  marin  se  mit  a  boire, 
Se  mit  ä  boire,  ä  chanter, 
Et  la  belle  hötesse  a  pleure. 


4.  'Ah !     qu'avez-vous ,   la   belle   ho- 

tesse, 
Kegrettez-vous  votre  vin  blaue 
Que  le  marin  boit  en  passant  ?'  | 

5.  'C'est    point   mon    vin   que   je  re- 

grette, 
NPai  mon  mari  qui  est  ä  Tarmee,      Cest  la  perte  de  mon  mari, 
II    vous    ressemble,   je    crois    que      Monsieur,  vous  ressemblez  ä   lui.' 

c'est  vous.' 


')  Bujeauds  Sammlung  hat  Herrn  Gaston  Paris  zu  einem  vor- 
trefflichen Artikel  in  der  Revue  critique  d'histoire  et  de  litterature  1866, 
nr.  19  Veranlassung  gegeben,  in  welchem  er  unter  anderem  das  schöne, 
auch  von  dem  sinnigen  Gerard  de  Nerval  zweimal  (Les  filles  du  feu 
p.   158;    La   Boheme    galante    p.  77)   besonders    hervorgehobene    Volks- 


359 


232  Zur  Volksdichtung. 

5.  'Quand    je     suis  parti     pour     la  6.  'Ali!  dites-moi,  la  belle   hotesse, 

guerre,  Vous  aviez  de    lui  trois  enfants, 

Je    ifavais    laissr     qu'un     enfant,      Vous  en  avez  six  a  present.' 
Et  fc'en  voilä  ä  präsent. 

f..  'Si  je  savais  oü  est  le  pere,  7.  cOn  m*a  ecrit  de  ses  nouvelles, 

Je  tuerais  le  pure  et  la  mere ;  Qu'il  etait  mort  et  enterre, 

J'engagerais  les  trois  enfants.  Et  je  nie  suis  remarie.' 

7.  '.I'iii   mettrais  an  dans  les  trom-   8.  Brave  marin   vida  son  verre, 

pettes,  Sans  remercier,  tout  en  pleurant,. 

Un  autre  dans  la  cavalerie,  S'en  retourna-t-au  regiment. 
Et  l'autre  il  servira  aussi.' 

[Weitere  Fassungen  des  französischen  Liedes  sind  ver- 
öffentlicht durch  V.  Smith ,  Romania  9,  290:  cLe  retour  du 
pere'  (zwei  Texte  aus  Velay  und  Forez) ;  Ch.  Guillon,  Chansons- 
populairesde  rAinl883,  p.  229;Beauquier,  Chansons  populaires- 
de  la  Franche-Comte  1894,  p.  106 ;  Tiersot,  Histoire  de  la  chanson 
populaire  en  France  1889,  p.  18  (unvollständig;  aus  Damas 
in  den  Vogesen)  ;  Pineau ,  Folklore  de  Poitou  1892,  S.  383; 
Revue  des  trad.  pop.  12,  370  (10  Str.  aus  Savoyen.  'Brave 
soldat  venant  de  guerre,  CoucouJ);  ebd.  5,  68  (9  Str.  aus- 
Maine) und  14,  141  (kritischer  Text  von  Doncieux.1)  Bei 
Tiersot  weicht  der  Anfang  ab: 

Trois  jeun'  soldats  rev'nant  de  guerre, 
Bien  equipes,  bien  arranges 
Et  ne  sachant  chez   qui  loger. 


lied  von  Jean  Renaud  in  mehreren  ihm  bekannten  Texten  mitteilt 
und  bespricht.  Infolge  hiervon  haben  in  nr.  33  und  44  der  Revue 
critique  die  Herren  A.  Brächet  und  E.  J.  B.  Rathery  noch  mehrere, 
wertvolle  Varianten  desselben  Liedes  bekannt  gemacht.  [Romania  2V 
141.  10,  372.  581.  11,  97.  12,  15.  Puymaigre,  Chants  pop.  messins  1881  1,  39. 
Ulrich  nr.  28.  Revue  des  trad.  pop.  1,  33.  11,  65.  196.  14,  675  (bretonisch  cLe 
comte  et  la  fee'j.  Child  1.  371,  nr.  42:  'Clerk  Colvill';  dazu  2,  506.3,  506. 
4,  459.  5,  215.  290.]  —  Eine  Anzeige  der  beiden  citierten  Sammlungen 
hat  Felix  Liebrecht  in  den  Göttinger  gelehrten  Anzeigen  1866,  nr.  51 
geliefert  mit  mancherlei  dankenswerten  Bemerkungen  zu  einzelnen 
Liedern. 

')  [Dagegen  gehören  die  unter  gleichem  Titel  in  der  Revue  des- 
trad.  pop.  8,  560  und  12,  613  mitgeteilten  Balladen  zu  einer  anderen 
Gruppe  von  Heimkehrsagen.] 


34.   Der  heimkehrende   Gatte.  !>;;;; 

Die  vollständigste  Fassung  ist  die  erste  der  von  Smith 
abgedruckten:  denn  hier  wird  der  Gang  zum  Pfandleiher 
beschrieben : 

4.  Si  n'a  couru  tonte  la   ville, 
Pour  engager  ses  [üstolets, 

Son  cheval  gris,  ses  manteaux  bleus. 

5.  S'est  retourne:  Dame  l'hötesse, 
Apporte  a  boire  de  vin  blanc, 
Car  ä  present  j'ai  de  l'argent. 

Der  Schluss  lautet: 

11.    Oh!  j'ai  un  frere  dans  les   Landes, 
Me  nourrira  nies  deux  enfants, 
Je  tournerai  au  regiment. 

In  Smiths  zweitem  Texte  stüsst  in  einer  offenbar  nicht 
ursprünglichen  Schlussstrophe  der  Soldat  seiner  Frau  dreimal 
den  Degen  ins  Herz,  nachdem  er  zuvor  die  Kinder  mit  ihr 
geteilt  hat. 

AusPiemont  teilt  Nigra  (Canti  popolari  del  Piemonte  1888, 
nr.  28)  vier  Texte  des  'Ritorno  del  soldato3  mit,  welche  auf- 
fällig, auch  im  Wortlaute,  zu  dem  französischen  Liede  stimmen. 
In  den  Fassungen  B  und  C  lautet  der  Anfang  wie  bei  Tiersot: 
'Tre  soldalin  veno  da  n  gueraJ  und  'Sun  tre  solda  ch'  i  veno 
da  NissaJ;  in  einer  fünften  Version  kommt  der  Refrain  'Cuchin 
cocon  cocot  e  capun'  vor,  welcher  an  den  des  Metzer  Textes 
erinnert.  Die  Fassung  A,  welche  den  Soldaten  seinen  Mantel 
beim  Pfaudleiher  versetzen  lässt  (wie  der  erste  Text  bei 
Smith),  möge  hier  vollständig  wiederholt  werden: 

1.  Pover  solda  ven  da  la  guera 

('un  ün  pe  caussa  [calzato]  e  l'aut  nü. 
Pover  solda  l'e  mal  venu! 

2.  Pover  solda  va  a  l'ostaria. 

Va  a  l'ostaria  sensa  dene  [denari]. 
'Pover  solda,  turne  andare  [indietro]  !' 

3.  Pover  solda  sü  e  giü  per  vila  [citta] 

L'e  andä  angage  [andato  ad  impegnarel   so  mantel  bianc, 
L'e  per  tire  dl'or  e  dl'arzan. 


234  Zur  Volksdichtung. 

4.  Pover  soldä  si  seta  | siede]  <a  tt'iula, 
Si  seta  a  täula  per  mange. 

Madäima  l'osta  s'büta  a  piure  [pianger]. 

5.  cCosa  piure,  madäima  l'osta?'  — 
'Mi   Tan  piuro  del  me  man, 

Ch'a  l'e  set  agn  ch'i  Tai   pi   vi  st.'  — 

6.  'Piure  pa  tan,  madäima  l'osta, 
Piure  pat  tan  del  vost  man, 
Ch'a  l'e  nin  väir  hintan  da  si ! 

7.  Quand  che  mi  na  sun  andäit  via, 
Se  v'un  lassä-ve  ün  eit  anfan : 

Adess  n'ei  düi  e  n'äut  [un  altro]  per  man.'  — 

8.  cS'a  m'e  riivä  die  fäusse  növe, 
Ch'i  j'ere  niort  e  sepeli; 

Mi  sun  piä-me  n'äut  man.'  — 

9.  cS'a  l'e  cozi,  madäima  l'osta, 

Fai-me  ün  bazin   [bacio],  o  düi  o  tre  ; 
Mi  na  turno  a  servir  lo  re. 

10.    Bundi,  bundi,  madäima  l'osta. 
Dispartiruma  i  vostr'  anfan, 
A  vui  i  cit  [piccoli],  a  mi  '1  pi  grand!'] 

Man  sieht,  das  deutsche  Lied  stimmt  mit  Ausnahme 
der  letzten  Strophen  mit  dem  französischen  Lied,  besonders 
mit  der  Metzer  Recension.  wenn  wir  uns  dieselbe  durch  die 
andere  ergänzt  denken,  so  sebr  überein,  dass  eins  die  Über- 
setzung des  anderen  sein  muss;  doch  fühle  ich  mich  ausser 
stände,  welches  das  Original,  welches  die  Übersetzung  sei, 
zu  entscheiden.  Musikverständige  können  vielleicht  aus  der 
Vergleichung  der  Melodien  (bei  Hoffmann,  Erk,  Bujeaud) 
zur  Entscheidung  beitragen.  [Doncieux  hält  das  deutsche 
Lied  für  eine  Übersetzung  des   französischen.] 

Schliesslich  will  ich  noch  erwähnen,  dass  in  dem  Ilmenauer 
Text  die  2.  Strophe  so  lautet: 

Meli  komme  wohl  aus  dem  Kriege  her. 
Frau  Wirtin,  hat  sie  ein  gutes  Glas  Bier?' 
'Soldat,  hat  er  auch  Geld  dafür?' 


35.  Über  Luzel,  Gwerziou   Breiz-Izel  II.  235 

Also  ganz  entsprechend  dem  französischen: 

'Je  reviens  de   la   guerro, 
Hutesse,  avez-vous  du  vin  blanc  ?' 
'Soldat,  avez-vous  de  Pargent?' 

[Vgl.  Splettstösser,  Der  heimkehrende  Gatte  und  sein  Weih 
in   der  Weltliteratur    (Berlin    1899)    S.   9—13.  Auf  die 

Behandlung  des  gleichen  Stoft'es  durch  neuere  Dichter  wie 
Tennyson  (Brown,  Modern  Language  Notes  1897,  333). 
Theuriet,  Richepin,  Zola,  Maupassant  haben  C.  Mendes  und 
Splettstösser  hingewiesen]. 

Weimar,  Januar  1867. 


35.  Ober  Luzel,  Gwerziou  Breiz-Izel  IL 

(Jenaer  Litteraturzeitung  1874,  318b- 319b.) 

F.  M.  Luzel,  Gwerziou  Breiz-Izel.  Chants  populaires  de  la  Basse- 
Bretagne,  recueillis  et  traduits,  Tome  IL  Lorient,  imprimerie 
Corfmat  fils  (Paris,  A.  Franek)   1874.    584  S.  8°.    Preis   10  Francs. 

Mit  Freude  begrüssen  wir  diesen  lange  erwarteten  zweiten 
Band  der  musterhaften  Sammlung  bre-  tagnischer  Volks-  319a 
lieder,  deren  erster  bereits  im  Jahre  1868  erschienen  ist.  Er 
enthält  ebenso  wie  der  erste  nur  Gwerziou,  d.  h.  epische 
Lieder  oder  Balladen.  Die  lyrischen  Lieder,  die  Soniou,  wird 
ein  dritter,  der  die  Sammlung  abschliessen  soll,  bringen.  l) 
'Dans  ce  second  volume3,  sagt  Herr  Luzel  in  der  Vorrede, 
'je  suis  reste  fidele  ä  la  meme  methode,  qui  a  eu  generale- 
ment  l'approbation  des  critiques  et  des  savants,  tant  fran<;ais 
qu'etrangers.  Textes  bretons  donnes  tels  absolumeut  que  je 
les  ai  recueillis  de  la  bouche  des  chanteurs,  ipsissima  verba, 
production  de  versions  differentes  du  meine  chant  et  de 
variantes,  traduction  aussi  litterale  que  possible,  enfiu.  grande 


')  [Luzel    et  Le  Braz,  Soniou  Breiz-Izel,  Chansons  populaires  de  la 
Bretagne.     Paris   1890.     2  Bde.] 


236  Zur  Volksdichtung. 

sobriete  de  commentaires  historiques  et  autres:  voilä  en  quoi 
consiste  cette  methode'. 

Während  der  erste  Band  67  Balladen  enthält,  darunter 
21  in  doppelten,  2  in  dreifachen  Versionen,  l)  bringt  dieser 
74.  darunter  12  in  doppelten  Versionen.  Dazu  kommen  als 
Anhang  noch  drei  Herrn  Lnzel  während  des  Druckes  mit- 
geteilte wertvolle  Varianten  zu  zwei  Balladen  des  ersten 
Bandes.  Auch  in  dem  zweiten  Bande  finden  sich  einige 
Balladen,  von  denen  de  La  Villemarque  in  seinem  Barzaz- 
Breiz  bereits  Versionen  gegeben  hatte,  die,  gewiss  zumeist 
infolge  der  Überarbeitung  durch  de  La  Villemarque, 2)  von 
Luzels  Texten  stark  abweichen.  Der  dichterische  Wert  der 
Balladen  dieses  Bandes  ist  ungleich;  und  wer  nur  dichte- 
rischen Genuss   sucht,   würde    manche   missen   können;    aber 


')  [Zu  dem  Liede  von  der  ilagd,  die  unschuldig  des  Kindes- 
morde  s  angeklagt  wird  (1,  219  cAnne  Cozik':  223;  229),  vgl.  Erk- 
Bühme,  Liederhort  nr.  213  und  1798.  Waling  Dykstra  en  T.  G.  van  der 
Meulen,  Aide  Snipsnaren  S.  82.] 

-)  Herr  Lnzel  sagt  in  seiner  trefflichen  Schrift  cDe  l'authenticite 
des  chants  du  Barzaz-Breiz  de  M.  de  La  Villemarque'  (Saint-Brieuc, 
Paris  (A.  Franck),  Brest  1872.  VI  und  47  S.  8°)  S.  38  und  41:  'Deux 
parts  sont  a  faire  dans  les  pieces  dont  se  compose  le  Barzaz-Breiz.  La 
premiere  est  forme  de  pieces  supposees,  entierement  fabriquees,  et  dont 
on  ne  trouve  rien  dans  la  tradition  populaire,  du  moins  comme  vestiges 

de    chants    ayant   existe La    seconde   se  compose  de  pieces  qui 

existent  reellement  dans  le  peuple,  en  substance  du  moins;  mais  que 
l'editeur  a  arrangees,  remaniees,  en  un  mot,  violentees  de  toutes  les. 
fae.ons,  pour  les  forcer  ä  rentrer  dans  le  cadre  prepare  d'avance  et  a 
servir,  bon  gre  mal  gre,  des  theories  et  des  opinions  preconcues.'  — 
Ich  mache  bei  dieser  Gelegenheit  auch  aufmerksam  auf  das  kleine 
Schriftchen  von  H.  D'Arbois  de  Jubainville,  Encore  un  mot  sur 
le  Barzaz  Breiz.  Lettre  a  M.  .1.  Salaün  (Paris,  J.  B.  Dumoulin,  13 
Quai  des  Augustins,  1873.  8  S.  8°),  in  welchem  der  ausgezeichnete  Ge- 
lehrte, der  schon  mehrfach  gegen  die  Echtheit  des  Barzaz-Breiz  ge- 
schrieben hat,  die  Unechtheit  des  Liedes  'Le  Tribut  de  Xomenoe'  (Barzaz- 
Breiz  S.  112)  aus  sprachlichen  Gründen  darthut,  und  auf  die  lesens- 
werten Aufsätze  von  L.  Havet,  Les  poesies  populaires  de  la  Basse- 
Bretagne,  in  der  Pariser  Revue  politique  et  litteraire,  1.  mars  1873, 
S.  833 — 845,  und  von  G.  Lejean  (f  1871),  La  poesie  populaire  en  Bre- 
tagne, in  der  Revue  celtique  2.  nr.  1   (aoüi   1873),  S.  44 — 70. 


35.  Über  Luzel,  (rwerziou  Breiz-Izel  IL  237 

dein  Forscher  auf  den  Gebieten  der  Volksdichtung  und  der 
Volksüberlieferungen  und  wohl  auch  dem  Sprachforscher  sind 
alle  willkommen. 

Es  ist  hier  nicht  der  Ort,  die  vielen  mir  in  verschiedenen 
Rücksichten  besonders  interessant  erscheinenden  Balladen  zu 
besprechen;  jedoch  möge  es  gestattet  sein,  zu  dreien  einige 
Citate  hier  mitzuteilen,  die  Stoff  zu  anziehenden  Verglei- 
chungen  geben.  Mit  der  Ballade  'Ar  SerrasinedJ  (Les  Sarra- 
sins,  S.  20),  welche  erzählt,  wie  die  geraubte  Louisaig  (la 
petite  Louise)  7  Jahre  bei  dem  'grossen  SarracenenJ  zubringt, 
dann  aber  mit  ihrem  Geliebten,  der  in  Bettlergestalt  zu  ihr 
gelangt,  entflieht,  vergleiche  man  eine  provencalische  Ro-  319  b 
manze  bei  D.  Arbaud,  Chants  populaires  de  la  Provence  2, 
73  und  eine  catalanische  bei  M.  Milä  y  Fontanals,  Romance- 
rillo  catalan  nr.  9  (deutsch  bei  F.  Wolf,  Proben  portugiesischer 
und  catalanischer  Volksromanzen  1856,  S.  121  f.:  'Die  Tochter 
(\e^  Mallorkaners').  [Nigra,  Canti  pop.  del  Piemonte  1888, 
nr.  40:  'II  moro  saracino'  =  Romania  14,  "231.] 

[Zu  S.  30  Isabeau  le  Jean'  vgl.  unten  S.  243  zu  Reiffer- 
scheid  nr.  2.] 

Die  Ballade  cAr  MerdedT  (Les  matelots,  S.  182)  er- 
zählt von  einem  Schiff,  auf  dem  die  Lebensmittel  ausgegangen 
sind,  weshalb  man  ausmacht,  dass,  wer  den  kürzesten  Stroh- 
halm zieht,  getötet  und  von  den  übrigen  gegessen  werden 
soll.  Der  Herr  des  Schiffes  zieht  den  kürzesten  Halm.  Er 
bittet  seinen  kleinen  Pagen,  auf  die  Spitze  des  Mastbaumes 
zu  steigen  und  nach  Land  auszuschauen.  Singend  steigt  der 
Page  hinauf  und  weinend  herab:  er  hat  kein  Land  gesehen. 
Noch  einmal  bittet  ihn  der  Herr  hinaufzusteigen.  Weinend 
steigt  er  diesmal  hinauf  und  singend  herab;  er  hat  den  Turm 
von  Babylon  gesehen  und  seine  Glocken  läuten  hören  u.  s.  w. 
Hiermit  vergleiche  man  ein  proveucalisches  Lied  bei  Arbaud 
1,  127,  ein  französisches  und  ein  baskisches,  welche  Rathery 
im  Moniteur  vom  15.  Juni  1853  mitgeteilt  hat,  die  in  7  Ver- 
sionen bekannte  portugiesische  Romanze  von  dem  Schiff 
Catherineta  bei  Almeida-Garrett,  Romauceiro  1851,  nr.  26 
(daraus    deutsch   bei   F.  Wolf  1856,    S.  89    und   portugiesisch 


238  Zur  Volksdichtung. 

und  deutsch  bei  Bellermann,  Portugiesische  Volkslieder  und 
Romanzen  1864,  S.  117),  Tb.  Braga,  Romanceiro  geral  1867, 
nr.  23  und  Cantos  populäres  do  Archipelago  Acoriano  1S69, 
nr.  37 — 40  [Revista  lusitana  1,  325.  2,  237.  Puymaigre, 
Romanceiro  1881,  p.  17o.  Ein  castilisches  Bruchstück  bei 
F.  Wolf,  Jahrb.  f.  romau.  Phil.  3,  69],  ein  isländisches  Lied 
bei  Grundtvig  und  Sigurdsson,  Islenzk  Fornkvaedi  nr.  6 
(deutsch  bei  R.  Warrens,  Norwegische,  isländische,  füröische 
Volkslieder  1866,  S.  L20  [und  Willatzen,  Altisländische  Volks- 
balladen 1865,  S.  71  1897,  S.  7:  'Die  Kaufherren']),  ein 
norwegisches  bei  S.  Bugge,  Gamle  norske  Folkeviser  1858r 
nr.  17  und  ein  meines  AVissens  im  Original  noch  nicht  ge- 
drucktes und  nur  zum  Teil  von  R.  Warrens  S.  391  deutsch 
mitgeteiltes  dänisches  Volkslied. 

Mit  der  Ballade  endlich  von  'Anna  Ar  Gardien'  (Anne 
Le  Gardien,  S.  448),  welche,  ihre  Ehre  verteidigend.  18  Edel- 
leute  erschlägt,  deshalb  verklagt,  nach  Paris  sich  begiebt  und 
vom  König  begnadigt  wird,  vergleiche  man  Grundtvig,  Dan- 
marks gamle  Folkeviser  4,  96  nr.  189:  cMö  vaerger  Aeren\ 


36.   Über  Reifferscheid,  Westfälische  Volks- 
lieder. 

(Anzeiger  für  deutsches  Altertum  6,  263 — 275.     1880.) 

Westfälische  Volkslieder  in  Wort  und  Weise  mit  Klavierbegleitung-  und 
liedervergleichenden  Anmerkungen  herausgegeben  von  Dr.  Alexander 
Reifferscheid,  a.  o.  Professor  der  deutschen  Philologie  in  Greifs- 
wald. Heilbronn,  Gebr.  Henninger  1879,  XVI  und  192  S.  Lex.-8°. 
8  Mark. 

In  diesem  schön  ausgestatteten  Buch  haben  wir  einen 
willkommenen  Beitrag  zur  Kunde  unserer  Volkslieder  erhalten. 
Der  Herausgeber  hat  darin  aus  der  reichen  Sammlung  deutscher 
Volkslieder,  welche  Mitglieder  der  Familie  von  H axthausen 


36.  Über  Reifferscheid,   Westfälische  Volkslieder.  239 

im  Anfange  dieses  Jahrhunderts  aus  dein  Volksmunde  auf- 
zeichneten,1) die  in  Westfalen,  besonders  im  Paderbornschen, 
im  Corveischen  und  im  Münsterschen  gesammelten  Lieder 
zum  erstenmal  veröffentlicht.  52  Lieder  sind  es,  die  hier 
zugleich  mit  ihren  (von  Herrn  Konzertmeister  Lindner  in 
Hannover  mit  Klavierbegleitung  versehenen)  Melodien  und 
mit  ausführlichen  Anmerkungen  des  Herausgebers  erscheinen. 
Ausserdem  sind  noch  20  Lieder  ohne  Melodien  und  ohne 
Anmerkungen  als  Anhang  beigegeben.  Über  die  'Weisen5 
kann  Ref.  nicht  urteilen.  Was  aber  die  'Worte"  betrifft,  so 
sind  es  fast  sämtlich  Lieder,  von  denen  schon  Texte  bekannt 
waren.  Die  hier  mitgeteilten  Texte  zeichnen  sich  dadurch 
aus.  dass  sie,  wie  der  Hrsg.  S.  XI  versichert,  cohne  die  ge- 
ringste Contamination3  festgestellt  sind,  übrigens  sind  sie,  wie 
nicht  anders  zu  erwarten,  von  sehr  ungleichem  Wert.  Sehr 
schätzbar  sind  die  ausführlichen  Anmerkungen,  in  denen 
hauptsächlich  die  dem  Hrsg.  bekannt  gewordenen  verschiedenen 
Fassungen  der  einzelnen  Lieder,  sowie  auch  Lieder  verwandter 
und  fremder  Völker,  welche  dieselben  oder  ähnliche  Motive 
behandeln,  verzeichnet  und  verglichen  werden.  Leider  sind 
die  zwanzig  (zum  Teil  gerade  sehr  interessanten)  Lieder  264 
des  Anhangs  ohne  solche  Anmerkungen. 

Sowohl  bei  der  Sichtung  und  Ordnung  der  Melodien  als 
auch  bei  der  Ausarbeitung  der  Anmerkungen  hat  sich  der 
Hrsg.  der  Hilfe  des  Herrn  Hermann  K estner  in  Hannover 
zu  erfreuen  gehabt,  von  dem  er  S.  XI  mit  vollstem  Recht 
sagt,  er  sei  wie  wenige  in  Deutschland  durch  jahrelange 
eifrige  Studien  mit  der  Volkspoesie  in  Wort  und  AVeise 
vertraut. 

Es  mögen  nun  ausser  einigen  Berichtigungen  und  Aus- 
stellungen eine  Anzahl  von  Nachträgen  zu  den  Anmerkungen 
folgen,  die  sich  mir  bei  Vergleichung  derselben  mit  meinen 
eigenen  Sammlungen  zur  Volksliederlitteratur  ergeben  haben. 


!)  Näheres  darüber  in  der  Einleitung  und  in  den  vom  Hrsg.  ver- 
öffentlichten Freundesbriefen  von  "Wilhelm  und  Jacob  Grimm  1S7S, 
S.  195  ff. 


240  Zur  Volksdichtung. 

Nr.  1.     Et  w a s e n  t w e i  K  u  n  n  i  g  e  s  k  i  n  n  e  r. 

Dem  Herausgeber  ist  der  Text  des  Liedes  unbekannt 
geblieben,  den  G.W.  Büeren  in  dem  von  ihm  herausgegebenen 
Jahrbüchlein  zur  Unterhaltung  und  zum  Nutzen,  zunächst  für 
Ostfriesland  und  Harrlingerland.  Auf  das  Jahr  1841  (Emden 
1840),  S.  4 — 6,  mitgeteilt  hat  und  den  er,  wie  er  sagt,  cin 
Papenburg  aus  dem  Munde  einer  Amme  auffischte'.  Ich  lasse 
diesen  Text,  da  das  Jahr  buch  lein  sehr  selten  zu  sein  scheint 
und  im  Buchhandel  nicht  mehr  zu  haben  ist,  hier  in  buch- 
stäblich treuem  Abdruck  folgen.  x) 

1.  Der  wassen  twee  Königeskinder, 
Dee  hadden  eenander  so  leew; 

Bi  'n  ander  kunnen  se  nich  komen: 
Dat  Water  wat  völs  to  breed. 

2.  'Du  kanst  ja  good  swemmen,  min  Leve, 
So  swemme  herover  to  mi: 

Van  nagt  sal  een  Fackel  hier  braunen, 
De  See  to  belügten  vor  di.' 

3.  Der  was  ook  en  falske  Nunne, 
Dee  sleek  sück  ganz  sagt  na  de  Stee 
Un  dampte  dat  Lugt  hüm  to  maal  uut: 
De  Königssohn  bleev  in  de  See. 

4.  De  Dogter  sprak  to  de  Moder: 
cMien  Harte,  dat  deit  mi  so  wee, 
Laat  mi  in  de  Lügt  gaan  to  wandeln 
An  de  Kante  van  de  See.' 

5.  cDoo  dat,  min  leeveste  Dogter, 
Doch  dürst  du  alleen  nich  gaan; 
Weck  up  din  jüngste  Broder 

Un  dee  laat  mit  di  gaan!' 

6.  cOch  nee!  min  jüngste  Broder 
Dee  is  so  wild,  dat  Kind, 

De  schütt  na  alle  de  Vogels, 
Dee  an  de  Seekante  sunt; 


x)  Er  ist  auch  abgedruckt,  jedoch  mit  einigen  orthographischen 
Änderungen,  in  Yolckmars  Abhandlung  zur  Stammes-  und  Sagengeschichte 
der  Friesen  und  Chauken  im  Programm  des  kgl.  Gymnasiums  zu  Aurich, 
Ostern  1867,  S.  47,  welches  auch  nur  wenig  verbreitet  sein  wird. 


36.  Über  Reifferscheid,  Westfälische  Volkslieder.  241 

7.  'Un  schütt  he  dann  alle  de  maeken, 
De  wilden  let  he  gaan, 

Dan  sagt  gliek  alle  Lüde: 
Dat  het  dat  Königskind  daanT 

8.  'Doch  Dogter,  leeveste  Dogter, 
Alleen  diirst  du  nich  gaan: 
Weck  up  dien  jüngste  Süster 

Un  dee  lät  nii  di  gaan.'' 

9.  'Och  nee!  min  jüngste  Süster 
Is  noch  een  spölend  Kind, 

Dee  löpt  na  alle  de  Blöömtjes, 
Dee  an  de  Seekante  sunt, 

10.  'Un  plükt  see  dann  alle  de  roden,   | 

De  witten  let  see  staan,  "*,° 

Dan  segt  gliek  alle  Lüde: 
Dat  het  dat  Königskind  daan!' 

11.  De  Mooder  gunk  na  de  Karke, 
De  Dogter  gunk  an  de  See ; 

See  gunk   so  alleen  un  so  trürig, 
Dat  Harte,  dat  dee  hör  so  wee. 

12.  '0  Fisker,  min  gode  Fisker, 
Du  sügst,  ick  hün   so  krank; 
Du  kanst  un  most  mi  helpen: 
Sett  uut  dien  Netten  to  Vank! 

13.  'Hier  hebb'  ik  mien  Leevste  verloren, 
Wat  ik  up  Erden  had, 

Doch  riek  wil  ik  die  maken, 
Kanst  du  uptisken  den  Schat.3 

14.  'Vor  ju  wil  ik  dagelank  fisken, 
Verdeend'  ik  ook  niks,  als  Godslohn.' 
Un  smet  sien  Netten  in  't  Water; 
Wat  vunk  hee?  —  den  Köningssohn! 

15.  'Daar  Fisker,  leeveste  Fisker, 
Daar  nimm  dien  verdeende  Lohn: 
Hier  liest  du  min  goldene  Ketten 
Un  mine  demantene  Kroon.' 

16.  See  nam  hör  Leevst'  in  hör  Armen 
Und  küsde  sin  bleeken  Mund : 

'0  traue  Mund,  kunst  du  spreken, 
Dan  worde  min  Hart  weer  gesund!' 
Köhler,   Kl.  Schriften.  III.  16 


242  Zur  Volksdichtung. 

17.         See  drüktle  liiiin  fast  an  hör  Harte, 
Dat  Haiti',  dat  dee  hör  so  wee, 
Und  langer  kun  see  nich  leeven, 
Un  sprunk  mit  hüm  in  de  See. 

Der  bei  Firmenich  1,  15  ohne  Quellenangabe  mitgeteilte- 
Text  in  costfriesischer  Mundart5  unterscheidet  sich  von  dem 
Buerenschen  nur  sprachlich,  d.  h.  in  einzelnen  Formen,  in. 
einzelnen  Worten  und  Wortstellung  und  in  der  Schreibung. 
[Vgl.  Böhme.  Altdeutsches  Liederbuch  nr.  26.  Erk- Böhme, 
Deutscher  Liederhort  1893 — 94.  nr.  83 — 85.  Köhler-Meier, 
Volkslieder  von  der  Mosel  und  Saar  1896,  nr.  6  mit  den 
Nachweisen.  W.  Alexis,  Über  Balladenpoesie  (Hermes  1824.  1 
=  nr.  21)  S.  96.  Lootens  et  Feys,  Chants  pop.  flamands. 
L879,  nr.  44.  Priebsch,  Deutsche  Hss.  in  England  1,  233. 
Die  Melodie  cElslein,  liebes  Elslein0  wird  in  einer  tschechischen 
Hs.  des  15.  Jahrhunderts  citiert  (Feifalik,  Wiener  Sitzgsber. 
39,  738.  Dreves,  Analecta  hymnica  1,  184).  Kristenseny 
Jydske  Folkeviser  1,  273.  2,  391.  3.  331.  4,  166.  Madsen, 
Folkerninder  S.  83.  Skattegraveren  4,  210.  Noreen  och 
Schuck,  1500  -  och  1600  -  talens  Visböcker  1,  31  (1884). 
Rolland,  Recueil  de  chansons  populaires  de  la  France  3,  68.. 
4.  1 — 20.  Revue  des  trad.  pop.  7,  389.  Almanach  des  trad. 
pop.   1,  65.     Nigra,  Canti  pop.  del  Piemonte  nr.   7.] 

Wenn  R.  die  Einleitung  zu  dem  Lied  mit  folgenden 
Worten  eröffnet:  fDie  diesem  Liede  zu  Grunde  liegende  Sage 
beruht  auf  uralter  Tradition,  die  vielleicht  bis  nach  Indien 
hinaufreicht.  Die  Bewohner  des  Pendshab  sollen  nämlich 
nach  dem  Zeugnis  des  Afsos  (f  1809  in  Calcutta),  dessen 
Glaubwürdigkeit  aber  angezweifelt  wird,  viele  Lieder  über 
die  unglückliche  Liebe  der  Hirunddes  Randsha.  deren  Grab  sich 
am  Ufer  des  Shinab  befinde,  recitieivn  und  ihnen  zu  Ehren 
Klagelieder  singen",  so  ist  dazu  folgendes  zu  bemerken.  Aller- 
dings hat  der  berühmte  Orientalist  Gar  ein  de  Tassy  in 
seiner  Übersetzung  des  hindostanischen  Romans  cLes  aventures 
de  Kämrüp   par   Tahcin-Uddin3  (Paris   1834).  S.  II  l)  gesagt, 

*)  Diese  l'liersetzung,  jedoch  ohne  die  Yorrede,  ist  wieder  ab- 
gedruckt in    Allegories,    recits    poetiques  et    chants    populaires,  traduits 


36.  Über  Reifferscheid,  Westfälische   Volkslieder.  -J43 

das  Liebespaar  Kämrüp  und  Kala  sei  in  [ndien  nicht  weniger 
berühmt  als  Nal  und  Dam  an,  Manahora  und  Madhmälat,  Mir 
und  Ränjha,  und  zu  dem  letztgenannten  Paar  unter  dem 
Text  folgende  Anmerkung  gesetzt:  cAm.ants  celebres  cönnus 
cliez  les  Grecs  sous  les  noms  de  Hero  et  Leandre.  Afsos 
nous  apprend  (Ara'iseh-i  Mahfi]  p.  191)  que  leur  tombeau  est 
sur  la  i-ive  de  Chinäb,  a  quatre  kos  de  Hazära.  Les  habi- 
tants  du  Panjäb,  dit-il.  reeitent  mille  poemes  sur  leurs 
amours,  et  chantent  en  leur  honneur  des  elegies  qui  fönt 
couler  les  larmes  des  auditeurs  sensibles.'  Diese  ]  in  mehrere  266 
deutsche  Bücher  übergegangene  Annahme  de  Tassys,  dass 
die  Sagen  von  Hir  und  Rändscha  und  von  Hero  und  Leander 
eine  und  dieselbe  seien,  ist  aber  eine  irrtümliche,  da  viel- 
mehr beide  Sagen  nichts  miteinander  zu  tliuu  haben,  wie 
derselbe  Gelehrte  in  der  Vorrede  zu  seiner  mehr  als  20  Jahre 
später  erschienenen  Übersetzung  von  Macbül  Ahmads  Roman 
von  Hir  und  Rändscha  M  ausdrücklich  anerkennt,  indem  er 
die  Sage  von  Hir  und  Rändscha  bezeichnet  als  ccette  legende, 
qui,  par  le  nom  de  l'heroine,  nous  rappelle  celle  de  Hero  et 
de  Leandre,  avec  laquelle  eile  n'a  cependant  aucun  rapport'. 
Vgl.  auch  E.  Rohde,  Der  griechische  Roman  S.  137,  Anm.  2,2) 
und  F.  Liebrecht  im  Archiv  für  Literaturgeschichte  6,  602 
[Jellinek,  Hero  und   Leander  in  der  Dichtung,   1890]. 

Nr.  2.     Christinchen  ging  in  "n  Garten. 

Den  deutschen  Fassungen  sind  noch  hinzuzufügen  eine 
von  Hoffmann  von  Fallersieben  im  Deutschen  Museum  1852, 
_.    1(>4    mitgeteilte    aus   Preussisch- Schlesien   (20  zweizeilige 


de  l'Arabe,  du  Persan,  (b2  l'Hindousstani  et  du  Türe  par  M.  Garem  de 
Tassy.  Seconde  edition.  Paris  1876.  [Schwimmersagen :  Knoop,  Hinter- 
pommern 1885,  S.  38.  1 1 S.  Jahn,  Volkssagen  aus  Pommern  1889,  nr.  670. 
Giesebrecht,  Gedichte  2,   161.     1867:  'Der  AVurl'.] 

1)  Zuerst  1857  in  der  Revue  d'Orient,  de  l'Algerie  et  des  colonies 
erschienen,  wieder  abgedruckt  in  den  Allegories,  recits  poetiques  et 
efaants  populaires  p.  481 — 516. 

2)  S.  133  ft'.  dieses  vortrefflichen  Buches  ist  eingehend  die  Sage 
von  Hero  und  Leander  besprochen,  was  dem  Hrsg.  leider  unbekannt 
geblieben  ist. 

16* 


244  Zur  Volksdichtung. 

Strophen)  und  eine  sehr  entstellte  aus  dem  Mühlgau  in  Haus 
Zurmühlen,  Des  Dülkener  Fiedlers  Liederbuch,  Viersen  1875, 
nr.  29  *)  (8  vierzeilige  Strophen).  [Erk-Böhme  nr.  2.  Kühler- 
Meier  nr.  13  mit  Anm.] 

In  dem  S.  132  besprochenen  und  in  der  schwedischen 
Fassung  [Geijer-Afzelius,  Svenska  Folkvisor,  ny  upplaga  1880, 
nr.  i>]  in  deutscher  Übersetzung  mitgeteilten  nordischen  Lied 
von  Herrn  Feder  und  klein  Christel  spielt  ein  Hirsch  mit 
goldenem  Geweih  vor  einer  Brücke,  und  das  Brautgefolge, 
das  ihn  zu  erjagen  sucht,  lässt  deshalb  die  Braut  allein.  Der 
Herr  Herausgeber  bemerkt  dazu:  cDer  Hirsch  mit  goldenem 
Geweih  erinnert  an  die  Unterwelt,  so  dürfen  wir  in  Peder 
einen  Gott  des  Himmels  sehen  und  in  dem  ganzen  Mythus 
einen  nordischen  Orpheusmythus  erkennen  oder  besser  noch 
den  Mythus  vom  Kampfe  des  Frühlingsgottes  mit  dem  Winter- 
gotte  um  die  schöne  Erdgöttin".  Und  alles  dies  nur,  weil 
der  Hirsch  au  die  Unterwelt  erinnert!! 

S.  133  wird  in  deutscher  Übersetzung  aus  Villemarques 
Barzaz-Breiz  das  Lied  von  Baron  le  Jauioz  mitgeteilt:  es 
hätte  aber  vielmehr  aus  Luzels  Chauts  populaires  de  la  Basse- 
Bretagne  2,  30  das  Lied  von  Isabeau  le  Jean  mitgeteilt 
werden  sollen,  von  welchem  H.  d'Arbois  de  Jubainville  in 
der  Bibliotheque  de  l'Ecole  des  chartes  G.  Serie  5,  621 — 32, 
nachgewiesen  hat,  dass  dies  der  echte  ursprüngliche  Text  ist, 
den  Villemarque  in  seiner  Weise  überarbeitet  hat:  crevue  et 
corrigee  suivant  un  Systeme  oü  limagination  et  certains 
267  procedes  litteraires  out  eu  plus  de  part  que  l'erudition;  Tsa- 
belle  le  Jean'  est  devenu  cle  baron  de  Jauioz'  du  Barzaz- 
ßreiz',  sagt  d'Arbois  de  Jubainville. 

Nr.  3.     Ein  Mädchen  von  achtzehn  Jahren. 

Vgl.   auch  H.  Zurmühlen   nr.  25.     [Erk-Böhme   nr.  211 
Köhler-Meier  nr.  12.] 

1)  Eine  zweite  Ausgabe  dieser  Sammlung  ist  betitelt:  Nieder- 
rheinische Volkslieder  im  alten  Mühlgau  gesammelt  von  Dr.  H.  Zur- 
mühlen. 2.  Ausgabe  von  des  Dülkener  Fiedlers  Liederbuch,  Leipzig 
1879.     Es  ist  dies  nur  eine  neue  Titelauflage. 


36.  Über  Reifferscheid,  Westfälische  Volkslieder.  •_>!."> 

Nr.  4.     Kind,  wo  bist  du  denn  henne  west? 

Den  nachgewiesenen  englischen  und  schottischen  Versionen 

habe  ich  noch  folgende  hinzuzufügen: 

1)  0  whare  liae  ye  been  a'  day,  Lord  Donald, 
my  son?  (10  Str.)  zuerst  mitgeteilt  von  G.  R.  Kinloch, 
Ancient  scottish  ballads  S.  11»».  dann  auch  abgedruckt  bei 
Child,  English  and  scottish  ballads  2,  244  [=  Ghild  1882  1, 
L58  nr.  12  B  'Lord  Randal.'  Newell,  Journal  of  American  Folk- 
lore 13,  115].  Diese  Version  schliesst  mit  dem  Vermächtnis 
des  Sterbenden,  während  dies  die  anderen  englischen  und 
schottischen  nicht  thun. 

2)  Ah!  where  have  von  been.  Lairde  Rowlande, 
my  son?  (5  Str.)  mitgeteilt  von  J.  0.  Halliwell  in  seinen 
Populär  rhvmes  and  nursery  tales,  London  1849,  S.  261 
[—  Child  1,  161  nr.   12E] 

3)  Whare  hae  ye  been  a'  the  day, 
AVillie  Doo,  Willie  Doo?  (9  Str.) 

mitgeteilt  in  Peter  Buchans  Ancient  ballads  and  song,s  of  the 
north  of  Scotland.  Reprint  from  the  original  edition  of  1828 
(Edinburgh  1875)  2,  170  [=  Child  1,  164  nr.  12L].  Diese 
Version  hat  eine  überflüssige  erzählende  Schlussstrophe: 

They  made  bis  bed,  laid  bim  down, 

PoorWillie  Doo,  AVillie  Doo; 
He  turn'd  bis  face  to  the  wa',  — 

He  is  dead  now! 

4)  0  whaur  hae  ye  been  a'  the  day, 

My  little  wee  croodlin  doo?  (6  Str.) 

bei  Child  2,  363  [=  1882  1,  1G4  nr.  12  K]  aus  'Chambers, 
Scottish  ballads  p.  324',  die  mir  nicht  vorliegen,  entnommen 
und  nur  unbedeutend  von  der  Version,  die  Chambers  in  den 
Populär  rhymes  gegeben  hat,  abweichend. 

Zu  der  von  R.  S.  136  in  Wilhelm  Grimms  Übersetzung 
mitgeteilten,  zuerst  von  Walter  Scott  in  The  minstrelsy  öf 
the  border'  bekannt  gemachten  Version  sei  bemerkt,  dass  sie 
auch  Freiligrath  (Werke  2,  22G)  sehr  gut.  doch  minder  treu 
übersetzt  hat. 


246  Zur  Volksdichtung. 

R.  hat  die  verschiedenen  deutschen  und  ausserdeutschen 
Versionen  unseres  Liedes,  welches  man  als  das  Frag-  und 
Antwortlied  von  dem  vergifteten  Kind  (Knaben  oder 
Mädchen)  oder  Jüngling  bezeichnen  kann,  in  zwei  Gruppen 
geteilt,  deren  eine  mit  der  Bitte  des  Sterbenden,  ihm  das 
Bett  auf  dem  Kirchhof  zu  machen,  die  andere  mit  dem 
Testament  oder  Vermächtnis  schliesst.  *)  Zu  der  zweiten 
268  gehört  auch  ganz  entschieden  ein  ita-  \  lienisches  Lied  vom 
Comersee  bei  Bolza,  Canzoni  popolari  comasche  nr.  49, 
welches  R.  mit  Unrecht  nur  als  cder  zweiten  Gruppe  ver- 
wandt" bezeichnet  und  mit  einem  catalanischen  Lied  in 
F.  Wolfs  Proben  S.  115  und  einem  tschechischen  in  Waldaus 
Böhmischen  Granaten  2,  109  (1860)  in  eine  Linie  stellt,  ob- 
wohl beide  letztere  inhaltlich  und  formell  (es  sind  nicht  reine 
Frag-  und  Antwortlieder)  weit  abstehen. 

Ausser  der  comasker  giebt  es  noch  andere  italienische 
Versionen,  die  R.  unbekannt  geblieben  sind.  Man  sehe  dar- 
über A.  D'Ancona,  La  poesia  popolare  italiana,  Livorno 
1878,  S.  106  ff.  [Nigra,  Canti  popolari  del  Piemonte  1888, 
S.  31.  Archivio  16,  129.  Im  allgemeinen  vgl.  die  Anmerkungen 
bei  Child,  English  and  scottish  populär  Ballads  1882  f.  nr.  12 
'Lord  RandaP.  Erich  Schmidt  in  Forschungen  zur  neueren 
Litteraturgesehichte,  Festgabe  förHeinzel  1898,  S.  45.  A.  Herr- 
manu,  Vergiftung  (Ethnolog.  Mitt.  aus  Ungarn  1,  89.  203.  292).] 

Nr.  5.     0.  Seh ip mann. 

Eine,  wie  es  scheint,  ganz  vergessene  Fassung  dieses 
Liedes  findet  sich  in  einer  Erzählung  von  Friedrich  Kind, 
welche  'Märthchen'  betitelt  und  zuerst  in  der  Abendzeitung 
auf  das  Jahr  1819  nr.  163 — 173  und  dann  in  Kinds  Erzäh- 
lungen und  kleinen  Romanen,  2.  Bändchen,  Leipzig  1822, 
S.  61 — 140  erschienen  ist.  An  ersterer  Stelle  steht  das  Lied 
in  nr.  164,  an  letzterer  S.  77 — 79.  Das  Lied  wird  in  der 
Erzählung   von   der   Heldin,    die    die    ganze  Erzählung  selbst 


!)  Über  den  in  Volksliedern  häufig  vorkommenden  Zug,  'dass 
Sterbende  in  articulo  mortis  erst  noch  ihr  Testament  machen',  vgl.  jetzt 
auch  F.  Liebrecht,  Zur  Volkskunde  1879,  S.  203. 


36.  Über  Reifferscheid,  Westfälische  Volkslieder.  -_>47 

«erzählt,  als  ein  alter  Dreigesang  bezeichnet,  cden  alle 
Schiffer  dortiger  Gegend  l)  im  Munde  führen,  ohne  dass  jemand 
•dessen  wahren  Ursprung  angehen  kann.  Er  handelt  nämlich 
von  einem  schwarzbraunen  Mädchen,  dem  ans  irgend  einer, 
schwer  zu  begreifenden  Ursache  Gefahr  droht,  ins  Wasser 
versenkt  zu  werden".  Nachdem  die  Erzählerin  das  Lied  ganz 
mitgeteilt  hat.  fährt  sie  fort:  'Bernhard  hatte  bei  dem  Drei- 
gesange,  der  wohl  eigentlich  ein  Fünfgesang  ist,  die 
erste,  ich  die  zweite,  und  Heinrich  die  dritte  Stimme  über- 
nommen'. Es  scheint  mir  nicht  ungerechtfertigt,  diese  Fassimg 
liier  abzudrucken.     Sie  lautet: 

1. 
Schiffmann,  lass  das  Schiffchen  versinken, 
Lass  das  schwarzbraune  Mädchen  ertrinken.  — 

2. 
Halt,  ach  halt,  mein  Schiffmann,  halt! 
Ich  habe  noch  einen  Vater  zu  Haus, 
Der  wird  mich  nicht  verlassen!  — 

Ach  Vater  mein ! 
Verkauf  du  deinen  rothen  Stier 
Und  rett'  das  junge  Leben  mir! 
Ach  Vater  mein ! 

3. 
Meinen  rothen  Stier  verkauf  ich  nicht, 
Dein  junges  Leben  rett  ich  nicht.  — 

1. 
Schiffmann,  lass  das  Schiffchen  versinken, 
Lass  das  schwarzbraune  Mädchen  ertrinken.  — 

2. 
Halt,  ach  halt,  mein  Schiffmann,  halt! 
Ich  habe  noch  eine  Mutter  zu  Haus, 
Die  wird  mich  nicht  verlassen!  — 

Ach  Mutter  mein!  | 
Verkauf  du  deine  Silberzier  269 

Und  rett'  das  junge  Leben  mir, 
Ach  Mutter  mein! 

3. 
Meine  Silberzier  verkauf  ich  nicht. 
Dein  junges  Leben  rett1  ich  nicht.  — 


*)  Die    Erzählung   spielt   in    einem   Fischerdorf    und    dann    in    der 
'.2  Meilen  davon  am  Ausfluss  des  Stromes  gelegenen  reichen  Handelsstadt. 


>2±$  Zur  Volksdichtung. 

1. 

Schiffmann,  lass  das  Schiffchen  versinken, 

Lass  das  schwarzhraune  Mädchen  ertrinken.  — 

2. 
Halt,  ach  halt,  mein  Schiffmann,  halt! 
Ich  habe  noch  einen  Liebsten  zu  Haus, 
Der  wird  mich  nicht  verlassen!  — 

Ach  Liebster  mein! 
Verkauf  dich  selbst  ans  Ruder  hier 
Und  rett'  das  junge  Leben  mir! 

Ach  Liebster  mein! 

3. 

Mein  Blut  und  Leben  setz  ich  dran, 
Wenn  ich  das  deine  retten  kann.  — 

1.  2.  und  3. 

Schiffsmann,  stoss  das  Schiffchen  vom  Lande, 
Lass  das  schwarzbraune  Mädchen  am  Strande, 
Sie  hat  noch  einen  Liebsten  zu  Haus, 
Der  wird  sie  nicht  verlassen! 

Zu  R.'s  Anmerkung  ist  ferner  noch  zu  vergleichen) 
F.  Liebrechts  Aufsatz  cEin  sicilianisches  Volkslied5  in  Zur  Volks- 
kunde S.  222  ff.  (zuerst  in  der  Zs.  f.  d.  Phil.  9,  53  erschienen).. 
Das  von  Liebrecht  S.  234  im  Original  und  in  Übersetzung 
mitgeteilte  schone  färöische  Lied  ist  auch  von  Rosa  Warrens 
in  ihren  Norwegischen,  isländischen,  färöischen  Volksliedern 
S.  215  übersetzt,  trotzdem  aber  von  R.  in  der  Anmerkung 
nicht  berücksichtigt.  [Erk-Böhme  nr.  78.  —  Child  2,  346 
nr.  95  The  maid  freed  from  the  gallows\  3,  516.  4,  480. 
5,  231.  A.  Herrmann,  Ethnolog.  Mitt.  aus  Ungarn  1,  33.. 
106.  Estlander,  Finsk  Tidsskrift  10  (1881).  J.  Krohn,  Journal 
de  la  Societe  finno-ougrienne  10,  111 — 129  (1892).  —  Ander- 
wärts handelt  es  sich  um  Befreiung  des  Mädchens  von  Räubern 
(Wlislocki,  Volksdichtungen  der  Zigeuner  1890,  S.  119.  Zs.  f. 
Volkskunde  2,  318)  oder  von  einer  in  den  Busen  gekrochenen 
Schlange  (Wlislocki  1890,  S.  109.  Derselbe,  Märchen  der 
transsilvanischen  Zigeuner  1886,  S.  108.  Zs.  f.  vgl.  Littgesch. 
n.  F.  1.  250.  Strauss,  Bulgarische  Volksdichtungen  1895,, 
S.  441.     Weigand,  Die  Aromunen  2,  151.  1894.  J 


36.  Über  Reifferseheid,  Westfälische  Volkslieder.  249" 

Nr.  6.     Ich  sah   min  II e e  rn  von  Valkensteen. 

Ich  verweise  dazu  noch  auf  die  Aufzeichnung  bei  Fir- 
menich, Germaniens  Völkerstimmen  1,  263  und  auf  von  der 
Hageus  Bemerkungen  dazu  in  seiner  Germania  8,  216.  [Erk- 
Böhme  nr.  62.] 

S.    143 a,  Z.   7  v.   u.  lies:   Lh   37*. 

Nr.  0.     De  Kuckuck  up  den  Time  satt. 

Man  füge  noch  die  Variante  in  Stöbers  Elsässischem 
Volksbüchlein.  2.  stark  vermehrte  Auflage  1,  7!)  hinzu,  zu 
deren  Zusatzstrophen  7 — 10  mau  meine  Alten  Bergmanns- 
lieder nr.  15  und  15a  und  meine  Anmerkungen  dazu  ver- 
gleiche. [Erk-Böhme  ur.  880.  A.  Baumgarten  1,  96  =  Linzer 
Museumsber.  22.] 

Zu  der  Schlussstrophe  vgl.  man  noch  den  kurzen  Hoch- 
zeitsgesang hei  J.  Spee,  Volkstümliches  vom  Niederrhein 
2.  Heft  (Köln  1*7."))  S.  7. 

R.'s  mit  grösster  Sicherheit  vorgetragene  Erklärung  des 
Liedes  als  Umbildung  eines  uralten  heidnischen,  durchaus 
mythischen  Hochzeitsliedes  wird  wohl  ebensowenig  allgemeine 
Zustimmung  finden,  wie  seine  bei  der  Gelegenheit  ausge- 
sprochene Behauptung,  dass  der  Falke  als  Bild  des  Geliebten 
in  der  altdeutschen  Dichtung  mit  dem  Volksglauben,  nach 
welchem  der  Kuckuck  sich  mit  der  Zeit  in  einen  Sperber 
oder  Falken  verwandelt,  zusammenhänge. 

Nr.  10.     Es  wollt  ein  Mädchen  Wasser  holen. 

Vgl.  noch  A.  Paudler,  Nordböhmisehe  Volkslieder,  ß.Leipa 

1877,  S.  26,  wo  das  Mädchen  drei  Rosen  verlangt:  j 

Die  eine  weiss,  die  andre  blau  270 

Die  dritte  wie  Korallen  — 

und    Zurmühlen   nr.   18  (in  Oberkrüchtener  Mundart).     [Erk- 
Böhme  nr.   117.     Petak,  Festgabe  für  Heinzel  1898,  S.  91.] 

Im  Sommer  1855  habe  ich  das  Lied  von  Bergleuten  aus 
Kammerberg  und  Manebach  bei  Ilmenau  in  folgender  Fassung 
singen  hören: 


250  Zur  Volksdichtung. 

l.Ks  wollt  ein  Madchen   Wasser  holen 
Dorthin  an  jenem  Brunnen. 
Sie  hat  ein  Bchneeweiss  Hemde  an, 

's  war  heller  als  die  Sonne. 

2.  Das  Mädchen  schaut  sich  um  und  um, 
Sie  dacht,  sie  war  alleine, 

Da  kam  ein  Reiter  geritten  her 
Und  küsste  sie  ganz   leine. 

3.  Ich  küsse  dich  ganz  feine, 
Du  bist  ja  hier  alleine. 

Meiu  Schlafgeselle  sollst  du  sein 
Nur  eine  kleine  AVeile. 

4.  Dein  Schlafgesell  kann  ich  nicht  sein, 
Bis  dass  du  bringst  drei  Rosen, 

Die  im  "Winter  gewachsen  sein 
Und  blühen  an  die  Ostern. 

5.  Der  Reiter  ritt  wohl  über  Berg  und  Thal. 
Drei  Rosen  kann  nicht  finden. 

Er  ritt  wohl  hin  vor's  Malers  Haus: 

Frau  Malerin,  gucken  Sie    nur  wenig  'raus! 

6.  Guten  Tag,  guten  Tag  Frau  Malerin, 
Bringen  Sie  mir  nur  drei  Rosen, 

Die  im  Winter  gewachsen  sein 
Und  blühen  bis  an  die  Ostern. 

7.  Und  als  er  nun  die  drei  Rosen  bracht1, 
Da  fing  sie  an   zu  weinen: 

Hab  ich  ein  Wort  zu  viel  gered't, 
So  hab  ich's  nicht  gemeinet. 

Nr.  11.  Wohl  heute  noch  und  morgen. 
Nachzutragen  ist,  dass  in  der  neuen  Bearbeitung  des 
Wunderhoras  von  A.  Birlinger  und  W.  Crecelius  2,  73  ff. 
zwei  Niederschriften  aus  von  Arnims  Nachlass  mitgeteilt  sind. 
die  von  dem  Text  in  dem  Wunderhorn  abweichen.  Wenn 
Crecelius  in  der  Anmerkung  zu  der  ersten  dieser  Nieder- 
schriften bemerkt,  sie  sei  im  Wunderhorn  von  den  Heraus- 
gebern willkürlich  geändert,  so  spricht  gegen  diese  Annahme, 
dass  unser  Böckendorfer  Text  mit  dem  des  Wunderhoras  bis 
auf  ein  paar  unbedeutende  Kleinigkeiten  durchaus  überein- 
stimmt. [Erk-Bühme  nr.  45.").  Wittstock,  Sagen  und  Lieder  aus 
dem Nösner  Gelände  1860,  S.40nr.  10.  Aufzeichnung  von  Auguste 
Pattberg,  Neue  Heidelb.  Jahrb.  6,  112.] 


36.  Über  Reiffer scheid,  Westfälische  Volkslieder.  251 

Nr.  12.  Es  ging  ein  Reiter  spazieren. 
[Erk-Böhme  ur.  65.]  Zu  der  Anmerkung  über  den  Rechts- 
gebrauch, dass  eine  zum  Tode  Verurteilte  frei  wird,  wennsie 
den  Henker  heiratet,  verweise  ich  auf  ein  tschechisches  Lied, 
welches  Michael  Klapp  im  Deutschen  Museum  1854.  2;  287 
und  A.  Waldau,  Böhmische  Granaten  1.  271  übersetzt  haben, 
und  auf  F.  Liebrecht.  Zur  Volkskunde  S.  434  [sowie  Buckel. 
Volkslieder  aus  Hessen  1885,  S.  LH— LIV.  Ferner  Nigra, 
Canti  popolari  del  Piemonte  nr.  11:  cLa  parrieida'.  Överland, 
Fra  en  svunden  tid  1888,  S.  65.  Das  neue  Blatt  1889,  nr.  39 
S.   623   (1793    in    Orange).  Über   die  Sitte,  dass  ein  zum 

Galgen  Verurteilter  von  einem  Mädchen  freigebeten 
werden  kann,  wenn  er  dies  zu  ehelichen  verspricht,  vgl.  noch 
Liebrecht  S.  433  und  Buckel  S.  XLVII— LH.  Kaufmann. 
Mtschr.  f.  d.  Gesch.  West-Deutschland  7.  257—270.  Archiv 
f.  sächs.  Gesch.  1.  236  (1863).  M.  Zeiller,  Centuria  111  var. 
quaestionum  1659,  S.  137  nr.  30.  Abegg,  Versuch  einer  Gesch. 
der  Strafgesetze  8.  115.  129.  Hippel.  Beitr.  101.  Notes 
.and  Queries  1869,  417.  524.  Wright-Halliwell,  Reliquiae 
antiquae  1,  2$X: 

There  is  the  vornan,  here  is  the  galowe  tree; 

Of  boothe  choyce  harde  is  the  parte; 

The  woman  is  the  worsse,  drive  forthe  the  carthe. 

Cintio  dei  Fabrizi  bei  Rua,  Antiche  novelle  in  versi  1893 
S.  67.  Louandre.  Conteurs  fr.  avant  La  Fontaine  p.  314  f. 
IL  Sachs,  Der  Student  Hess  sich  henken  (Meisterlied  1552 
im  Dresdener  Mscr.  M  5,  864:  wohl  nach  Waldis  4,  67). 
Lyrum  Lamm  nr.  330.  Duportus,  Mttsae  subsecisivae  1696, 
p.  199:  'In  furem.  qui  suspendi  maluit  quam  deformen 
uxorem  ducere.3  Grässe,  Sachs.  Sagenschatz  2,  372.  Gredt, 
Sagenschatz  des  Luxemburger  Landes  1883,  nr.  975.  Casti- 
glione,  Hofmann  S.   185  b.] 

Nr.  13.     Es  stand  eine  Linde  im  tiefen  Thal. 
Es    ist    dem    Herausgeber   entgangen,    dass  A.    Birlinger 
das  Liederbuch  der  Ottilia  Fenchlerin    von  Strassburg  in  dem 
1871  erschienenen   1.  Hefte   seiner  Alemannia  publiziert  hat. 


252  Zur  Volksdichtung. 

Unser  Lied  stellt  dort  S.  55.  Den  neueren  Texten  sind 
R.  Sztachovics,  Brautsprüche  und  Brautlieder  auf  dein  Heide- 
boden in  Ungern  (Wien  1867)  S.  234  (fast  durchaus  mit  dem 
271  Text  aus  dem  Ende  des  17.  Jahrh.  in  Erks  |  Liederhort  nr.  Ja 
über  einstimmend)1);  Adam  Wolf.  Volkslieder  aus  dem  Eger- 
lande,  Eger  1869  nr.  2  (eigentümlicher,  leider  mehrfach  ent- 
stellter Text)  2)  und  Zurmühlen  nr.  34  hinzuzufügen. 3)     [Erk- 


*)  Str.   11   und  12  lauten  bei  Sztachovics: 

11  Und  kann  er  mir  nicht  werden 
Der  Liebste  auf  dieser  Erden, 

So  will  ich  mir  brechen  meinen   Mut 
Da  irret  weder  Laub  noch  Gras. 

12  Es  fleugt  den  Winter  so  kühle 
Und  trinkt  das  Wasser  so  trübe 
Es  setzt  sich  auf  ein  dürren  Ast 
Gleichwie  das  Turteltäubchen  thut. 

Natürlich  muss  man  die  vierte  Zeile  der  zwölften  Strophe  und  die  -4. 
der  11.  miteinander  vertauschen;  dann  stimmen  die  Strophen  genau  mit 
den  Text  bei  Erk.  In  dem  Liederbuch  der  Fenchlerin  lauten  die  beiden 
Strophen  arg  entstellt: 

11  Da  hat  man  im  ein  Jüngfrewlin  geben, 
So  will  ich  beweinen  mein  Leben 
Und  mir  nemmen  ein  einigen  Mut, 
Gleichwie  das  Turteltäublein  thut. 

12  Es  fleugt  wohl  auf  ein  dürren  Nast, 
Dringt  uns  ja  weder  Laub  noch  Gras, 
Und  meidet  das  Brünlin  küele, 

Und  trinket  das  Wasser  trüebe. 

2)  Merkwürdig  sind  besonders  Str.  4  und  5: 

4  Da  sah  sie  auf  sechs  ganze  Jahr, 
Bis  sie  hat  verhoffet  gar, 

Da  nahm  sie  ein  glühende  Scheer, 
Sie  gesenget  ab  der  Linden  ihr  Laub. 

5  Ach  Linden,  liebste  Linden  mein, 
Lass  du  dein  Laub  gesenget  sein, 
Mein  feines  Lieb  hat  mein  vergessen, 
Hat  nimmer  an  mi  dacht, 

Hat  mir  mei  Herz  ins  Trauern  bracht. 

3)  Darin  die  Zeilen: 

Er  zog  vom  Finger  ein  Ringelein  rut, 
Woran  sie  ihn  ja  erkennen  thut. 


36.  Über  Reifferscheid,  Westfälische  Volkslieder.  253 

Böhme    nr.    67.      Köhler-Meier    nr.    117.      Obert,    Deutsches 
Museum    1858,   2,   2-20.    Böckel,   Zs.  f.   vgl.  Littgesch.   1,  73. 

Kristensen,  Gamle  Viser  4,  251.     Krejci,  Zs.  d.  V.  f.  Volksk. 
1,  418.] 

Nr.  15.     Es  blies  eiu  Jäger  wohl  in  sein  Hörn. 
Vgl.    über   dies   Lied    W.  Menzel,  Odin  S.  215  f.     [Erk- 
Böhnie  nr.  19.    Frischbier,  Ostpreussische  Volkslieder  nr.  79.] 

Nr.  16 — 18.     Stolz    Syburg,    der   wollt   freien   gebn. 
Und  als  ich  auf  grün  Heide  kam.         Es  zog  ein  Reiter 

wohl  über  den  Rhein. 
Zu  den  in  der  Anmerkung  zu  diesen  Nummern  von  R. 
ausführlich  besprochenen  Liedern  von  dem  Frauen-  oder 
Jungfrauenmörder  [Erk-Bölime  nr.  41 — 42.  195.  Child 
1,  22  nr.  4  cLady  Isabel  and  the  Elf-Knight3]  habe  ich  einige 
hinzuzufügen  und  zwar: 

1.  Zu  der  Gruppe  derjenigen,  welche  mit  der  Erzählung 
von  dem  wunderbaren  Gesang  des  Reiters,  dem  die  Jung- 
frau willenlos  folgt,  beginnen,  und  mit  der  Errettung  der 
Jungfrau  durch  ihren  Bruder  und  mit  der  Drohung  oder  der 
Ausführung  der  Rache  an  dem  Jungfrauenmörder  schliessen, 
noch  die  von  Rochholz,  Schweizersagen  aus  dem  Aargau  1  24,1) 
Lütolf,  Sagen,  Bräuche  und  Legenden  aus  den  fünf  Orten  Lucern, 
Uri,  Schwyz,  Unterwaiden  und  Zug  S.  71  und  Birlinger, 
Schwäbisch-augsburgisches  Wörterbuch  S.  458  mitgeteilten 
Lieder.     [Schlossar  338.] 

2.  Zu  der  Gruppe  derer,  in  welchen  auch  die  zuletzt 
von  dem  Mörder  entführte  oder  geheiratete  Jungfrau  von  ihm 
ermordet,  er  aber  dann  von  ihrem  Bruder  getötet  wird, 
noch  das  in  den  Neuen  preussisclien  Proviuzialblättern, 
andere  Folge,  Bd.  3  (49),  158  aus  Natangen  mitgeteilte  Lied. 
[=  Frischbier,  Ostpreuss.  Volkslieder  1893  nr.  23.  A.  Müller, 
Erzgebirge  S.  92.] 

3.  Zu  der  Gruppe  derer,  in  denen  der  Frauenmörder 
von    der   Jungfrau   überlistet   und    getötet    wird,   die  von 


')  Dies    Schweizer  Lied    hat  Reifferscheid    allerdings  S.  167 b  Z.  2 
angeführt,  aber  bei  einer   anderen  Gruppe,  zu  der  es  nicht  gehört. 


•254  Zur   Volksdichtung. 

J.  Spee,  Volkstümliches  vom  Niederrhein  2.  Heft,  Köln  L875, 

272    S.  3  und  Waling  Dykstra  |  en  T.  G.  van  der  Meulen,  In  Doas- 

fol  aide  Snipsnaren,  Freantsjer  1856,  S.  80  mitgeteilten  Lieder. 

Nr.  19.     Nichts  mehr  was  mich  erfreuen  kann. 

Vgl.  noch  Aus  Herders  Nachlass  1,  156;  Zurmühlen 
nr.  47;  A.  Wolf,  Volkslieder  ans  dem  Egerlande,  nr.  1, 
Haupt  und  Schmaler  1,  nr.  144.  [Erk-Böhme  nr.  48.  Köhler- 
Meier  nr.   18.] 

Nr.  20.     Wach  auf,  wach  auf,  mein  Schatz  allein. 
Vgl.   auch   V.    Pogatschnigg    u.    E.  Herrmann,  Deutsche 
Volkslieder   aus   Kärnten    1    (Graz    1869),   335    nr.  1458  mit 
Nachtrag  2,  22t)1).  [Erk-Böhme  nr.  93.     Frischbier  nr.  2.] 

Nr.  21.     Auf  dieser  AVeit  hab  ich  kein  Freud. 
[Erk-Böhme  nr.  569.     Köhler-Meier  nr.  32.]     Zu  Str.  10: 

Ich  wollt  der  Himmel  war  Papier, 

Und  alle  Sternlein  schrieben  hier 

Sie  schrieben  wohl  mit  siebzig  Hand, 

Und  schrieben  doch  der  Lieb  kein  End'  — 

verweise  ich  auf  meinen  Aufsatz  im  Orient  und  Occident  2, 
546 — 4!)  'Und  wenn  der  Himmel  war  Papier1,  zu  welchem 
ich  seitdem  eine  Menge  Nachträge  gesammelt  habe.  [Unten 
nr.  40.] 

Nr.  23.  Hans  Michel  de  wunt  in  de  Lämtnergass. 
Vgl.  noch  Simrock  nr.  334  [Friedländer.  100  deutsche 
Volkslieder  nr.  99.  Germania  22.  309  nr.  190.  Erk-Böhme 
nr.  1748],  ferner  auch  das  Kinderlied  im  'Anhang"  zum 
Wunderhorn  S.  47,  welches  'Kinder-Konzert,  prima  vista'  be- 
titelt ist  und  anfängt:  'Kleins  Männele,  kleins  Manuele,  was 
kannst  du  machen?"  [2,  756  ed.  Birlinger-Crecelius]  und 
A.  Durieux  et  A.  Bruyelle,  Chants  et  Chansons  populaires  du 
Cambresis  1,  122  (Le  bonhomme  Jean)  und  122  f.  (Mon  per' 
m'envoie  au  inarche).  Kristensen,  Danske  Dyrefabler  189G, 
S.   190.] 


J)  In  der  1879  erschienenen  2.  verbesserten  u.  vermehrten  Auflage 
des  1.  Bandes  ist  das  Lied  weggelassen  und  für  die  zweite  —  noch  nicht 
erschienene  neue  —  Auflage  des  2.  Bandes  zurückgelegt. 


36.  Über  Reifferscheid,  Westfälische  Volkslieder.  255 

Nr.  24.  0  Dannebom,  o  Dannebom. 
Folgende  Zeugnisse  für  die  alte  Beliebtheit  dieses  Liedes 
habe  ich  gelegentlich  gesammelt.  In  einem  Liederquodlibet 
vom  Jahre  1620,  betitelt  Newer  Grillen  Schwann,  kommen, 
wie  Hoffmann  von  Fallersleben  im  Weimarischen  Jahrbuch 
3,   131   mitteilt,  die  Zeilen  vor: 

Du  grünest  uns  den  "Winter, 
Die  liebe  Sommerzeit. 

In  der  Pseudonymen,  angeblich  von  Gottfried  Wilhelm  Sacer 
verfassten  und  1673  erschienenen  Satire:  'Reime  dich,  oder 
ich  fresse  dich'1)  wird  S.  42  neben  vier  anderen  Lieder- 
anfängen auch  genannt:  Tannebaum,  ach  Tannebaum.  In  dem 
Possenspiel:  'Der  visierliche  Exorcist',  welches  dem  gleich  zu 
erwähnenden  'Interim'  angehängt  ist,  singen  Frater  Johannes 
und  Pater  Bernhard  auf  die  Weise  des  Tannenbaums 
(S.  29)  folgende  Strophe: 

Ambo  appropinquamus  jam 
Herr  Aniice,  zu  dir: 
Sagende,  bona  dies  quam, 
Mit  dir,  optamus  wir. 

In  dem  Alamodisch  technologischen  Interim  (Rappers-  273 
weil  1675)2)  sagt  einer  (S.  143),  er  sei  nicht  so  alt,  er  könne 
noch  dt'n  calten  Hildebrand"  und  cGut  Hencheu1  (lies: 
Henschen)  über  die  Heide  naus  reit'  singen  und  nach  dem 
Tannenbaum  eine  Galgenarth  3)  springen.  In  einer  Schrift 
vom  Jahre  1719  wird  als  Beispiel  der  'alten  Stückchen', 
welche  die  Studiosi  in  Altdorf  um  1700  bei  ihren  Schmausen 
sangen,  cO  Tannenbaum,  o  Tannnenbaum'  genannt.  S. 
Weimarisches  Jahrbuch  3,  472.  [Erk-Böhme  nr.  175.  Tobler 
1,  174.  Petrus  Fabrieius  hsl.  Liederbuch  von  1608,  nr.  173 
(Bolte,    Niederdeutsches    Jahrbuch    13.    55).     —    Citiert    von 


J)  Vgl.  Gervinus  3 +,  320;  Goedeke  2,  500  nr.  277  [2  3,  225.  Bolte, 
Die  Singspiele  der  engl.  Komödianten   1893,  S.  37  f.]. 

2)  Vgl.  über  das  Interim  meine  Ausgabe  der  Kunst  über  alle 
Künste  S.  XXVII  ff.  -  -  Die  Grossh.  Bibliothek  zu  Weimar  besitzt  seit 
1868  ein  Exemplar  des  Interim,  welches  mit  desselben  Verfassers  Pedan- 
tischem Irrtum  zusammengebunden  ist. 

3)  D.  i.  eine  Galliarde. 


256  Zur  Volksdichtung. 

Thomasius,  Monatsgespräche  2,  231  (1688):  'Traut  Hedewich 
oder  Tannebaum'.  Chr.  Reuter,  Graf  Ehrenfried  1700  (Zarncke, 
Abh.  der  k.  säehs.  Ges.  d.   Wiss.  21,  574).] 

Nr.  25.     Drüben  auf  grüner  Heid. 

Den  Varianten1)  sind  noch  folgende  hinzuzufügen:  [Erk- 
Böhme  nr.  1746.  Hauffen,  Gottsehee  nr.  1 29.]  Meier,  Deutsche 
Volksmärchen  aus  Schwaben  nr.  84;  Büsching,  Wöchentliche 
Nachrichten  2,  66  (aus  der  Umgegend  von  Stuttgart):  ßir- 
linger,  Nimm  mich  mit!,  Freiburg  im  Breisgau  1862,  S.  121 
(aus  Leuchtenberg-Oberpfalz):  Fiedler,  Volksreime  und  Volks- 
lieder au  Anhalt-Dessau  S.  34:  Pröhle.  Kinder-  und  Volks- 
märchen nr.  57;  Dunger,  Kinderlieder  und  Kinderspiele  aus 
dem  Vogtlande  nr.  88  und  89;  Zurmühlen  nr.  73:  E.  de  la 
Fontaine,  Die  Luxemburger  Kinderreime.  Luxemburg  1877. 
S.  50;  Waling  Dykstra  en  T.  G.  van  der  Meiden,  In  Doas 
fol  aide  Snipsnaren,  Freantsjer  1856,  S.  77;  S.  Grundtvig, 
Gamle  danske  minder  i  folkemunde  3,  191;  Poesies 
populaires  de  la  Lorraine,  Nancy  1854,  S.  148;  A.  Durieux 
et  A.  Bruyelle,  Chants  et  chansons  populaires  du  Cambresis 
1,  119;  Revue  des  langues  romanes  2,  309  und  3.  209; 
(aus  Languedoc);  Melusine,  recueil  public  par  H.  Gaidoz  et 
E.  Rolland,  Paris  1878,  S.  461  (aus  der  Bretagne).  [Luzel 
et  Le  Braz,  Soniou  Breiz-Izel  1,  67  (1890).  Desaivre,  For- 
mulettes  S.  29.  31.] 

Nicht  eigentliche  Varianten,  aber  verwandt  sind  die 
Kindersprüche  bei  Meier,  Deutsche  Volksmärchen  aus 
Schwaben  nr.  89;  B.  Spiess,  Volkstümliches  aus  dem  Fränkisch- 
Hennebergischen  S.  72;  A.  Paudler,  Nordböhmische  Volks- 
lieder S.  35;  Meier,  Kinderreime  aus  Schwaben  nr.  121,  S.  57: 
Fiedler,  Volksreime  S.  44  nr.  47  (als  Rätsel  mit  der  Auflösung: 
Stangenbohnen) ;  Th.  Vernaleken  und  F.  Brauky,  Spiele  und 
Reime  der  Kinder  in  Oesterreich  S.  62;  Stöber,  Elsässisches 
Volksbüchlein  1,  39;  Kehrein,  Volkssprache  und  Volkssitte 
im  Herzogtum  Nassau  2,  294. 


!)  Stöber,  Elsäss.  Volksb.  37  i*t  zu  streichen. 


36.  Über  Reifferscheid,   Westfälische  Volkslieder.  257 

Nr.  26.     Da  droben  auf  jenem  Berge. 

[Erk-Böhme  nr.  419.  Köhler-Meier  nr.  99.]  Peter 
Moser,  Aus  den  Alpen,  Geschichten,  Schwanke  und  Bilder 
aus  dem  Volksleben  (Gera  1874)  S.  203  f.  giebt  2  Strophen, 
die  Varianten  von  Str.  3  und  4  unseres  Liedes  sind,  als  ein 
besonderes  Lied  und  dann  4  Strophen,  deren  beide  erste 
Variauten  von  nr.  1  und  2  unseres  Liedes  sind,  wieder  als 
besonderes  Lied,  j 

Zu   Str.  1  vgl.    man   die  5.  Strophe  eines  ermländischen    274 
Liedes   auf   die    heilige  Maria   in  der  Zeitschrift  für  deutsche 
Mythologie  2,  427,  welche  lautet: 

Dort  auf  jenem  Berge 

Da  steht  ein  hohes  Haus 

Da  fliegt  alle  Abend,  alle  Morgen 

Eine  goldne  Taube  heraus. 

Nr.  27.     Hab  nun     keinen   Schatz  nicht  mehr. 

[Erk-Böhme  nr.  511.  Frischbier  nr.  49.]  Dies  Lied 
habe  ich  im  Sommer  1855  in  Ilmenau  von  Kammerberger 
und  Manebacher  Bergleuten  so  singen  hören: 

1.  Wenn  ich   gleich  kein  Schätzchen  mehr  hab', 
Werd'  ich  schon  eins  kriegen, 

Ging  das  Gässlein  auf  und  ab, 
Bis  ich  kam  zur  Linden. 

2.  Als  ich  zu  der  Linde  kam, 
Stand  mein  Schatz  darneben: 

Grüss  dich  Gott  herztausender  Schatz, 
Wo  bist  du  gewesen? 

3.  Und  wo  ich  gewesen  bin, 
Darf  ich  dir's  wohl  sagen? 

Ich  bin  gewest  in  fremden,  fremden  Land 
Hab'  auch  was  erfahren. 

4.  Und  was  ich  erfahren  hab, 
Darf  ich  dir's  wohl  sagen? 

Ich  hab  erfahren,  heut  diese,  diese  Nacht 
Bei  dir  zu  schlafen. 

5.  Bei  mir  schlafen  darfst  du   wohl, 
Ich  will  dir's  auch  nicht  wehren, 
Aber  nur,  herztausender  Schatz, 
Aber  nur  in  Ehren! 

Köhler.   Kl.  Schriften.  III.  IT 


■_>58  Zur  Volksdichtung. 

6.  Zwischen  Berg  und  tiefen,  tiefen  Thal 
Sassen  auch  zwei  Hasen, 
Frassen  ab  das  grüne,  grüne  Gras 
Bis  auf  den   Rasen. 

7.  Als  sie  sich  satt  gefressen  hatten, 
Setzten  sie  sich  nieder, 
Kam  ein   Jäger  aus  dem  Wald, 
Schoss  sie  beide  nieder. 

8.  Wächst  denn  nun  kein  grünes,  grünes  Gras. 
Gar  nicht  mehr  auf  Erden? 
Bist  zuvor  mein  Schatz  gewest, 
Sollst's  auch  wieder  werden. 

Nr.  33.     Mein  Schatz  der  geht  den  Krebsgang. 
Zu  Str.  6: 

Wer  mit  Katzen  ackern  will, 
Der  spann  die  Maus  voraus, 
Dann  geht  es  alles  wie  der  Wind, 
Die  Katz,  die  fängt  die  Maus. 

vgl.  Wunderhorn,  Erksche  Ausgabe  3,  217  =  Birlinger-Cre- 
celius  2,  118  Str.  3: 

Doch  wer  mit  Katzen  ackern  will, 
Der  spann  die  Maus  voraus, 
So  geht  es  alles  wie  ein  Wind, 
So  fängt  die  Katz  die  Maus. 

Scherer,  Juugbrimnen  nr.  83B,  Str.   3: 

Doch  wer  mit  Katzen  ackern  will, 
Der  spann  die  Maus  voraus, 
So  geht  es  alles  wie  der  Wind, 
So  fängt  die  Katz  die  Maus. 

Mittler  nr.  776,  Str.  3:  | 

275  Und  wer  mit  Katzen  ackern  will, 

Der  schickt  die  Maus  voran, 
Dann  geht  es  allezeit  hoxdebox, 
Die  Maus  die  läuft  voran. 

[Tobler  1,  -JOS  nr.  3.] 

[Nr.  35.     Ich  hab  ein  AVort  geredet. 
Gedichtet  von  Chr.  Weise  1679;  vgl.  Ph.  Spitta,  Musik- 
geschichtliche  Aufsätze  S.  214.     Erk-Bühme  nr.  643.] 


36.  Über  Reiffer6cheid,  Westfälische  Volkslieder.  259 

Nr.  4-1.  Bökendorf,  geliebtes  Örtchen. 
[Erk-Böhme  nr.   773.]     Zu  Str.  2,  3  imd  4  ist  nicht  nur 
auf    Simrock  256    und    Erk,  Lh.  2:21    zu  verweisen,  sondern 
auch  auf  ein  schlesisches  Lied  in  Hoffmanns  von  Fallersleben 

Findlingen  1.  107  (3  Str.,  fast  ganz  mit  Erk  Str.  1 — 3  stimmend), 
ein  Lied  aus  Natangen  und  Samland  in  den  Neuen  preussischen 
Provinzialblättern,  andere  Folge  Bd.  3  (49),  S.  153  (5  Str., 
dem  Erkschen  Text  sehr  nahe  stehend),  und  auf  ein  Lied 
aus  Nordböhmen  im  Deutschen  Museum  1854,  1.  464  (6  Str. 
sehr  abweichend).     [Erk-Bühme  nr.   774.] 

Nr.  45.     Muss  ich  stets  in  Trauren  leben. 

Vgl.  auch  Hoffmann  von  Fallersieben,  Findlinge  1,  112 
und  Zurmühlen  nr.  .'!.">. 

Nr.  46.     De  siden  Schnur  geit  ümme  dat  Hus. 
Zu  Str.  3: 

Wi   wünschen  den  Heern  en  golden  Disch, 
An  allen  veir  Ecken  en  gebacken  Fisch  - 

ist  auf  H.  Pfannenschmid,  Germanische  Erntefeste  im  heid- 
nischen und  christlichen  Kultus,  mit  besonderer  Beziehung 
auf  Niedersachsen  (Hannover  1878)  S.  414  und  416  bis  11» 
zu  verweisen,  wo  ausser  unserem  westfälischen  Lied  auch 
das  fränkische  Neujahrslied  bei  Ditfurth  2.  nr.  379,  und  das 
steirische  bei  Firmenich  2,  747  hinzuzufügen  sind.  In 
ersterem  heisst  es: 

Wir  wünschen  ihm  (dem  Herrn)  einen  goklnen  Tisch, 
Darauf  soll  er  essen  gebackene  Fisch  — 

im  letzterem: 

Mia  wedn   an  (dem  Herrn)   winschn 

an  guldign  Tisch, 

af  an  iaddn  Egg 

an  guldign  Fisch, 

pa  da  Mitt  a  Glasl   Wain, 

dos  suPn  Hausheadn 

sain  Gsunthaid  sain. 

In  dem  langen  Neujahrslied  bei  A.  Wolf,  Volkslieder 
aus  dem  Egerlande  S.  88  ff.  kommt  der  goldene  Tisch  nicht 
vor.     [Erk-Böhme  nr.  1185.     Treichel,  Volkslieder  aus  West- 

17* 


260  Zur   Volksdichtung. 

preussen  nr.  69 — 70.  Lemke,  Ostpreussen  1,  31.  Bartsch, 
Mecklenburg  2,  277.  298—305.  Hrusehka-Toischer  S.  44, 
nr.  64 — 66.] 

Nr.  49.     Hei,  hei,  hei,  hei,  w  e   is  dat  denn? 

Zu  Str.  4  (vgl.  auch  die  Variante  S.  188)  verweise  ich 
auf  Grimm  KHM.  nr.  96  und  Bd.  3,  S.  176. 

[S.   106,  Nr.  1.     Ach  Wunder  über  Wunder. 

Vgl.  Erk-Böhme  nr.  194.  Köhler-Meier  nr.  14.  Child 
1,  177  nr.  15  'Leesome  Brand;3  vgl.  1,  501.  2,  499.  3,  500. 
4,  450.     5,  209. 

Parallelen  zu  den  folgenden  Liedern  führt  Böhme,  Littera- 
turblatt  1880,  250  f.  an.] 


37.  Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  I. 

(Anzeiger  für  deutsches  Altertum  11,  76 — 84.   1885.) 

Schweizerische  Volkslieder ,  mit  Einleitung  und  Anmerkungen  heraus- 
gegeben von  Dr.  Ludwig  Tobler.  (Bibliothek  älterer  Schriftwerke  der 
deutschen   Schweiz  4).      Frauenfeld,     J.    Huber   1882.     CLI  und  234    S. 

8°.  —  5  M.1) 

L.  Tobler  bietet  uns  in  seinen  Schweizerischen  Volks- 
liedern eine  Auswahl  sowohl  schon  gedruckter,  als  bisher 
ungedruckter  Volkslieder.  Die  Mehrzahl  der  schon  gedruckten 
sind  solche,  die  bisher  in  zahlreichen  zum  Teil,  besonders 
ausserhalb  der  Schweiz  schwer  zugänglichen  Büchern  und 
Zeitschriften  zerstreut  und  deshalb  wenig  bekannt  waren. 
Aus  bekannten,  jedermann  leicht  zugänglichen  Liedersamm- 
lungen sind  nur  einige  Lieder  hier  wieder  abgedruckt,  bei 
denen  besondere  Bemerkungen  oder  Textänderungen  anzu- 
bringen waren.  Die  mitgeteilten  bisher  uugedruckten  Lieder 
sind  teils  älteren,  handschriftlichen  Sammlungen  entnommen, 


')  Vgl.  Allgem.  Zeitung  1882,  nr.  353  Beilage.  —  Deutsche 
Litteraturzeitung  1883,  nr.  11  (M.  Heyne).  -  [Einen  zweiten  Band  der 
Volkslieder  gab  Tobler  1884  heraus.] 


37.  Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  I.  261 

teils  erst  in  neuerer  Zeit  aus  dem  Volksmund  aufgezeichnet 
worden.  Die  Lieder  sind  in  'historische'  und  in  'allgemeine' 
eingeteilt,  die  'allgemeinen'  wieder  in  'geistliche'  und  'welt- 
liche", und  letztere  in  'epische'  und  'lyrische',  denen  sich  dann 
noch  als  'Anhang'  einige  Gebete,  Alpsegen,  Nachtwächterrufe 
und  Reimsprüche  anschliessen.  Ausser  diesen  mit  sprachlichen 
und  sachlichen  Anmerkungen  reich  ausgestatteten  'Texten' 
('S.  1 — 218)  enthält  das  Buch  aber  noch  eine  'Einleitung' 
(S.  1 — CLI),  die  in  folgende  Abschnitte  zerfällt:  'Historische 
Volkslieder.  Begriff  und  Quellen  derselben;  Grundsätze  der 
Auswahl  und  Behandlung.  Chronologisches  Verzeichnis.  All- 
gemeine Volkslieder.  Einleitung:  I.  Alter  und  Verbreitung. 
11.  Sprachform.  III.  Metrische  Formen.  IV.  Quellen  und 
bisherige  Sammlungen.  V.  Auswahl,  Behandlung  und  Anord- 
nung der  Texte.  Übersicht:  I.  Geistliche  Lieder:  a.  Epische. 
b.  Lyrische.  IL  Weltliche  Lieder:  a.  Epische,  b.  Lyrische. 
1.  Liebe  und  Kiltgang.     '2.  Hausrat  und  Hochzeit.     3.  Stände. 

4.  Sitte  und  Geselligkeit:  Jahreszeitfeste:  Tierleben.  Anhang. 
Verzeichnis  (1)  der  in  der  Einleitung  angeführten,  aber  nicht 
in  die  Texte  aufgenommenen  allgemeinen  Volkslieder,  welche 
in  der  Schweiz  verbreitet,  aber  meistens  bereits  aus  anderen 
Sammlungen  bekannt  sind.  Verzeichnis  (2)  einiger  in  der 
Einleitung  vorkommender,  in  der  Inhaltsübersicht  nicht  an- 
gegebener Gegenstände  von  allgemein  literarhistorischer  Be- 
deutung. —  Diese  Einleitung  ist  ebenso  wichtig  und  interessant 
als  es  die  Texte  sind,  insbesondere  die  Übersicht  der  Lieder, 
welche  nicht  nur  die  in  der  Sammlung  gedruckten,  sondern 
überhaupt  alle  dem  Verfasser  bekannten  gedruckten  und 
ungedruckten  umfasst.  Beim  Lesen  dieser  Übersicht  bedauert 
man,  dass  der  Verfasser  von  den  ihm  bekannten,  anderwärts 
gedruckten  oder  auch  noch  ungedruckten  Liedern  nicht  noch 
mehr   in  seine  Sammlung  aufgenommen  hat.     Er  sagt  selbst 

5.  X  f :  'Ich  bin  auf  den  Vorwurf  gefasst,  dass  ich  mehr  oder 
gar  alles  Vorhandene  hätte  geben  sollen.  Sollte  das  Begehren 
danach  wirklich  in  weitern  |  Kreisen  laut  werden  und  sollte, 
was  ich  jetzt  noch  nicht  zu  hoffen  wage,  trotz  der  Unvoll- 
ständigkeit   des    jetzt   Gegebenen  eine   zweite    Auflage   nötig 


2ß2  Zur  Volksdichtung. 

werden,  so  könnte  jener  Wunsch  Erfüllung  finden,  indem 
dann  die  Einleitungen  weggelassen  oder  verkürzt  und  dafür 
mehr  Texte  aufgenommen  würden'.  Wir  wünschen  lebhaft, 
dass  eine  zweite  Auflage  nötig  werde  und  dass  dann  die 
Texte  beträchtlich  vermehrt  werden  mögen.  Wir  möchten 
dem  Herrn  Herausgeber  für  eine  zweite  Auflage  aber  auch 
empfehlen,  der  Machweisung  und  Vergleichung  der  nicht 
schweizerischen  Varianten  zu  seinen  Texten  grössere  Auf- 
merksamkeit zuzuwenden  und  deshalb  die  gesamte  deutsche 
Volksliederlitteratur  daraufhin  gründlich  durchzugehen.  In  der 
gegenwärtigen  Auflage  hat  er  sich,  wie  er  selbst  S.  LXXXIX 
gesteht,  fast  nur  auf  Vergleichung  und  Citierung  der  bekannten 
Mittlerschen  Sammlung  beschränkt,  'welche  ihrerseits  die 
meisten  anderen  Sammlungen  citatweise  in  sich  aufgenommen 
haf.  Mittlers  Buch  ist  aber  1855  erschienen,  und  sind  nicht 
seitdem  zahlreiche  neue  wertvolle  Liedertexte  veröffentlicht 
worden?  Übrigens  hätte  Herr  T.  Mittlers  Sammlung  auch 
noch  öfter  zur  Vergleichung  heranziehen  können. 

Es  sei  mir  nun  gestattet,  zu  einer  Anzahl  der  allgemeinen 
(d.  h.  nicht  historischen)  Lieder  Nachweise  anderer  Texte  und 
Varianten,  die  jedoch  keinen  Anspruch  auf  Vollständigkeit 
machen,    und    einige    andere  Anmerkungen  hier  mitzuteilen. 

S.  74  nr.  1.  In  mitten  der  Nacht,  vgl.  H.  Pfannen- 
schmid,  AVeihnachts-.  Neujahrs-  und  Dreikönigslieder  aus 
dem  Ober-Elsass  (Colmar  1884),  S.  5—7,  und  W.  Pailler. 
V\"eihnachtslieder  und  Krippenspiele  aus  Oberösterreich  und 
Tirol,  1.  Bd.  (Innsbruck  1881)  nr.  145  und  die  Nachweise  in 
der  Anmerkung.     [Erk-Böhme,   Liederhort  nr.  1943.] 

S.  77  nr.  3.  Reich  und  Arm  soll  fröhlich  sein. 
Vgl.  Pailler  1,  nr.  84  und  die  Anmerkung.  [Erk-Böhme, 
nr.  1183.] 

S.  81  nr.  5.  Ich  lag  in  einer  Nacht  und  schlief. 
Vgl.  von  Ditfurth,  Fränkische  Volkslieder  1,  nr.  15:  Pailler  1. 
nr.  308  und  die  Nachweise  in  der  Anmerkung,  Pfannen- 
schmid  S.  20.     [Erk-Böhme  nr.  1956.] 

S.  86  nr.  8.  Laz  a  r  u  s  und  seine  Schweste  r  n. 
Vgl.  A.  Paudler,  Nordböhmische    Volkslieder  (B.-Leipa  1877) 


37.  Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  I.  263 

nr.  1  [=  Hruschka-Toischer,  Deutsche  Volkslieder  aus  Böhmen, 
1891,  S.  66  nr.  100]  und  A.  Peter,  Volkstümliches  aus 
Österreichiseh-Sehlesien  1,  353. 

S.  88  nr.  9.  Regina.  Vgl.  Meier,  Schwäbische  Volks- 
lieder nr.  208  (Regina  ging  in  Garten),  K.  J.  Schröder,  Wörter- 
buch der  Mundart  von  Gottschee,  S.  193  (Wan  dort  da  stet 
(»in   gartle,   mit   roasen   ists   angesän  Str.  6:  Main   name 

der  hoisset  Regina),  A.  Schlossar,  Deutsche  Volkslieder  aus 
Steiermark  nr.  308  (Eine  Jungfrau  ging  im  Garten)  und 
C.  Mündel.  Elsässische  Volkslieder  nr.  22  (Christina  ging  im 
Garten).  Unland  S.  1037  bemerkt  zu  dem  verwandten  Lied 
von  der  Jungfrau  und  Jesus,  dem  Tlümelmacher'  (nr.  331): 
'vgl.  Lied  Von  der  heil.  Jungfrawen  Regina  u.  s.  w.D  H.  Bl. 
München  bei  Anna  Bergin  1619,  auch  in  (Auerbachers) 
Anthologie  deutscher  katholischer  Gesänge  aus  älterer  Zeit, 
Landshut  1831.  S.  219.  [Erk-Böhme  nr.  2122.  Bolte,  Zs.  f. 
dtsch.  Altert.  34,  25.  36,  96.] 

S.  90  nr.  10.  Die  heilige  Turtilla.  In  den  'Nach- 
trägen' (S.  228)  bemerkt  der  Hg.  dazu:  'Turtilla  ist  mund- 
artliche Entstellung  von  Ottilia,  Mit  diesem  Namen  ist  das 
Lied  in  Schwaben  bekannt;  s.  Schwab.  Volkslieder,  Frei- 
burg  i.  B.  1864,  S.  50.D  Nicht  nur  in  Schwaben,  sondern  auch 
am  Rhein  und  in  Franken,  s.  die  Nachweise  bei  G.  Scherer, 
Jungbrunnen  zu  nr.  53.  Ich  erinnere  auch  an  einen  Segens- 
sprucli  bei  F.  W.  Schuster,  Siebenbürgisch-sächsische  Volks- 
lieder u.s.w.  S.  311,  der  beginnt:  'Duidelgh  die  ward  blind 
geboren".     [Erk-Böhme  nr.  2113L] 

S.  92  nr.  11.  S'will  eine  Jungfrau  reise.  Vgl.  Meier 
nr.  199:  Es  wollt'  eine  Jungfrau  wandern.  [Erk-Böhrne 
nr.  2126.] 

[S.  93  nr.  12.  Die  drei  armen  Seelen.  Vgl.  Köhler, 
Aufsätze  S.  76.  Erk-Böhme  nr.  217—218.  Meier.  Schwab. 
Volkslieder  nr.  210;  Volksmärchen  aus  Schwaben  nr.  69. 
Bols,  Oude  vlaamsche  Liedereu  1897,  nr.  48. 

S.  102  nr.  19.  Tannhäuser.  Vgl.  auch  A.  Baumgarten. 
Aus  der  volksmässigen  Überlieferung  der  Heimat  9  (Linzer 
Musealjahresbericht  29),  150,  Pogatschnigg  und  E.  Herrmann, 


•_>(J4  Zur  Volksdichtung. 

Deutsche  Volkslieder  aus  Kärnten  S.  434.  [Erk-Böhme 
nr.  17 — 18.  Levissohn,  Zs.  f.  d.  Altert.  35,  439.  Rosegger, 
Ausgew.  Schriften  3,  286  (1884).]  —  Interessant  ist  die 
3.  Strophe  der  von  Tobler  gegebenen  Version  des  Tannhäuser- 
Liedes,  wonach  die  drei  schönen  Jungfrauen  im  Frau- 
Vrenesberg  am  Sonntag  Ottern  und  Schlangen  sind.  Es 
ist  dies  ein  neuer  Beleg  für  den  Glauben,  dass  Feen  oder 
ähnliche  Wesen  in  jeder  Woche  an  einem  gewissen  Tage  oder 
auch  an  mehreren  Schlangen  sind.  Die  Belege,  die  ich  dafür 
beibringen  kann,  sind  folgende:  In  dem  italienischen  Roman 
Guerino  Meschino  (cap.  145)  wird  die  Sibilla  Cumana  in  der 
Höhle  von  Norcia  alle  Sonnabende  eine  Schlange  und  erhält 
erst  Montag  menschliche  Gestalt  wieder;  mit  ihr  verwandelt 
sich  ihr  ganzer  Hofstaat  in  verschiedene  brutti  vermi.  Niccolö 
Eugenico,  einer  der  alten  Kommentatoren  von  Ariostos  Orlando 
furioso,  bemerkt  zu  der  gleich  zu  erwähnenden  Stelle  dieses 
Gedichtes : 

Nelle  montagne  di  Norsia  e  im'  entrata,  dove  si  va,  dopo 
molto  travaglio,  nella  spelonca  abitata  della  Sibilla  Cumana 
con  molte  sue  donzelle,  le  quali  ogni  venerdi  si  cangiano  con 
lei  in  serpenti  (s.  Panizzis  Ausgabe  des  Orlando  furioso  4,  305). 
Ariosto  lässt  nämlich  im  Orlando  furioso  (43,  98)  die  Fee 
Manto  sagen,  es  sei  allgemeines  Los  der  Feen, 

Ch'  ogni  settimo  giorno  ognuna  e   certa 
Che  la  sua  forma  in  biscia  si  converta  — -, 

in  den  Cinque  canti  aber  (2,  117)  erzählt  er  von  der  Fee 
Medea,  die  in  einem  alten  Wald  in  Böhmen  hauste, 

Dove  ogni  ottavo  di  sua  bella  forma 
In  bruttissima  serpe  avea  a  mutarsi.1) 

Giuseppe  Parini  (1729  — 1799)  sagt  in  seinem  Gedicht  II  mattino 

gegen  das  Ende  hin : 

Fama  e  cosi,  che  il  di  quinto  le  fate 
Loro  salma  immortal  vedean  coprirsi  | 
79  Giä  d'  orribili  scaglie,  e  in  feda  serpe 

Volte  strisciar  sul  suolo  u.  s.  w. 


')  Auf  diese  Stelle    der  Cinque    canti    bin   ich    durch   P.  Rajna,  Le 
fonti  dell'  Orlando    furioso  (Firenze  1876)    S.  509    hingewiesen    -worden. 


37.  Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder   I.  265 

Allbekannt  ist  die  Sage  von  der  Fee  Melusine,  die 
alle  Sonnabende  zwar  nicht  ganz,  aber  doch  vom  Nabel  an 
zur  Schlange  wird  und  welcher  Graf  Raimund  vor  seiner 
Vermählung  mit  ihr  das  Versprechen  geben  muss,  sie  nie 
am  Sonnabend  sehen  zu  wollen.  Mit  der  Melusinen-Sage 
stimmt  auffallend  ein  ehstnisches  Märchen  iF.  Kreutzwald. 
Ehstnische  Märchen,  übersetzt  von  F.  Löwe,  Halle  1869,  nr.  16), 
in  welchem  eine  Meermaid  alle  Donnerstage  vom  Nabel 
abwärts  zu  einem  Fisch  wird  und  in  dieser  Gestalt  von  ihrem 
sterblichen  Manu  nicht  gesehen  werden  darf  u.  s.  w.  l)  Ich 
begnüge  mich  hier  mit  dieser  blossen,  meines  Wissens  nach 
nie  gemachten  Zusammenstellung.2) 

S.  118  nr.  15.  Vom  Schützerschmied- Anneli.  Früher 
schon  in  Lütolfs  Sagen  u.  s.  w.  aus  den  fünf  Orten  S.  70  f.,  hier 
aber  mit  Benutzung  einiger  nachträglich  von  Lütolf  dem 
Herausgeber  mitgeteilten  Varianten.  Der  Herausgeber  sagt 
S.  121,  er  habe  zu  dem  Lied  keine  Parallele  finden  können: 
ich  kann  aber  deren  vier  nachweisen,  nämlich  Pröhle,  Welt- 
liche und  geistliche  Volkslieder  nr.  10,  von  Ditfurth,  Fränkische 
Volkslieder  2.  nr.  28.  Peter,  Volkstümliches  aus  Österreichisch- 
Schlesien  1.  278,  und  ein  ostpreussisches  Lied  bei  A.  Schott- 
müller, 'Die  Krügerin  von  Eichmedien'  (Bericht  über  das- 
Königl.  Gymnasium  zu  Bartenstein),  Bartenstein  1875,  S.  18. 
[Erk-Böhme  nr.  11  und  219.  Köhler-Meier.  Volkslieder  von 
der  Mosel  nr.  10.  Häuften.  Gottschee  nr.  122.  Siebenbürg. 
Korresp. -Blatt    1898,   80.]      Es   sind   diese,    soviel   ich  weiss,. 


*)  Sowohl  das  ehstnische  Märchen  als  auch  die  Stellen  über  die 
Sibilla  in  der  Höhle  von  Xorcia,  die  aus  Ariosto  und  Parini  und  dem 
Tannhäuserlied  sind  dem  Verfasser  der  neuesten  Schrift  über  dieMelusinen- 
Sage  unbekannt  geblieben.  Die  Schrift,  die  recht  verdienstlich  ist,  auch 
wenn  man  nicht  alle  Ansichten  des  Verfassers  teilen  kann,  ist  betitelt : 
Le  mythe  de  la  Mere  Lusine  (Meurlusine,  Merlusine,  Mellusigne,  Mellusine, 
Melusine,  Meleusine).  Etüde  critique  et  bibliographique  par  le  dr.  Leo 
Des  ai vre  (Extrait  des  Memoires  de  la  societe  de  statistique,  sciences,. 
lettres  et  arts  des  Deux-Sevres),  Saint-Maixent  1883. 

2)  In  meiner  Anmerkung  zu  Kreutzwald  S.  364  habe  ich  auf 
Melusine,  die  Manto  im  Orlando  furioso  und  die  Sibilla  im  Guerino 
hingewiesen.     [Kohler,  Der  Ursprung  der  Melusinensage   1895.] 


266  Zur  Volksdichtung. 

noch  nicht  zusammengestellten  fünf  Lieder1)  sehr  verderbte 
und  stark  voneinander  abweichende  Varianten  eines  Liedes, 
welches  man  bezeichnen  kann  als  das  Lied  von  der  Schmieds- 
tochter, die  der  Teufel  in  ein  Pferd  verwandelt,  auf  dem  er 
reitet,  und  die  er  von  ihrem  Vater,  dem  sie  sich  dabei  als 
seine  Tochter  zu  erkennen  giebt,  beschlagen  lässt.  Lütolf 
bringt  S.  468  eine  mit  seinem  Lied  im  wesentlichen  überein- 
stimmende Lokalsage:  Lied  und  Prosa  ergänzen  die  Lokal- 
tradition. S.  76  aber  hat  er  als  verwandt  mit  seinem  Lied 
eine  Sage  bei  Vernaleken,  Mythen  und  Bräuche  aus  Österreich 
S.  46,  und  die  ihm  nur  aus  Nork,  Mythologie  der  deutschen 
80  Volkssagen  |  S.  88  bekannte,  seitdem  von  Schottmüller  a.  a.  0. 
ausführlich  behandelte  Sage  von  der  Krügerin  von  Eichmedien 
herangezogen.  Nach  der  österreichischen  Sage  weckte  einst 
in  einer  Winternacht  ein  unbekannter  Mann  einen  Schmied 
und  forderte  ihn  auf,  sein  Ross  zu  beschlagen,  und  als  er 
den  ersten  Nagel  hineinschlug,  sagte  das  Ross:  'Gevatter, 
nicht  so  tief!"  Ob  das  Teufelsross  früher  ein  Mann  oder  ein 
Weib  gewesen  und  weshalb  die  Verwandlung  erfolgt  ist. 
berichtet  die  Sage  nicht.  Nach  der  ostpreussischen,  in 
mancherlei  Versionen  überlieferten  Sage  holte  der  Teufel  die 
betrügerische  Schenkwirtin  von  Eichmedien,  als  sie  sich  eines 
Abends  verschwor,  der  Teufel  solle  sie  holen,  wenn  sie  die 
Zeche  falsch  gemacht  habe,  verwandelte  sie  in  ein  Ross  und 
ritt  auf  ihm  zum  Schmied  in  Schwarzenstein,  den  er  weckte 
und  aufforderte,  sein  Pferd  zu  beschlagen.  Das  Pferd  aber 
sagte  zum  Schmied:  'Nur  sachte,  Gevatter,  ich  bin  die  Krügerin 
von  Eichmedien!3  Ehe  der  erschrockene  Schmied  sie  be- 
schlagen hatte,  krähten  die  Hähne,  und  sie  erhielt  ihre 
menschliche  Gestalt  wieder'.  Viel  näher  unserem  Lied  von 
•der  Schmiedstochter    steht    aber    eine   lateinische    Erzählung, 


])  Bei  Chr.  Petersen,  Hufeisen  und  Rosstrappen  oder  die  Hufeisen- 
sfeine in  ihrer  mythologischen  Bedeutung  (Kiel  186(3)  S.  68  sind  nur 
die  von  Pröhle  und  Ditfurth  veröffentlichten  Lieder  zusammengestellt, 
und  Schottmüller  weiss  nur  von  dem  Schweizer  Lied,  von  dem  er 
jedoch  nur  die  Inhaltsangabe  bei  Henne  am  Khvn,  Deutsche  Yolkssage 
•S.  447  kennt. 


37.   Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder   1.  -J(i7 

die  W.  J.  Thomas  aus  einer  Ils.  des  13.  Jahrb.  in  den  Alt- 
deutschen Blättern  2,  7(3  herausgegeben  und  die  dann 
Th.  Wright  in  seine  Selection  of  latin  stories  nr.  35  auf- 
genommen  hat.  Sie  lautet:  'Contigit  in  Anglia,  quod  daemon 
in  specie  hominis  sedens  super  jumentum  nigrum  venit  aocte 
ad  (lomuni  cuiusdam  fabri,  exitans  eum,  ut  jumentum  suum 
ferraret;  et  eum  clavos  in  pedes  feriret,  exelamavit  animal 
illud,  diceus:  cLeniter  age,  tili,  quia  multum  nie  gravas.3 
Quo  stupefacto  et  dicente:  fQuis  es  tu?'  respondit:  c£go  sum 
mater  tua.  (jiiae  quia  fueram  sacerdotis  fornicaria,  facta  sum 
daemonis  vectura.'  Quo  dicto  disparuit  cum  sessore  suo. 
Merito  enim  fuit  daemonis  jumentum  quae  ad  modum  vixit 
jumentorum/ 

Mit  dieser  Erzählung  vergleicht  sich  wieder  ein  im  ver- 
gangenen Jahr  in  der  Romania  12,  221 — 23  zum  erstenmal 
herausgegebenes  Fabliau,  welches  in  einer  Hs.  aus  der 
2.  Hälfte  des  13.  Jahrh.  steht  und  nach  dem  Jahr  1239  gedichtet 
sein  muss,  da  es  ein  Ereignis  dieses  Jahres  erwähnt.  Nach 
diesem  Fabliau  kommt  ein  Teufel  eines  Nachts  zu  einem 
Schmied  in  der  Normandie  auf  einer  schwarzen  Stute  geritten, 
lässt  sich  von  ihm  das  Pferd  frisch  beschlagen  und  teilt  ihm 
auf  sein  Befragen  mit.  er  sei  der  Teufel  Maquerel,  die  Stute 
aber  sei  früher  eine  Priestersfrau  (prestresse)  gewesen  und 
weide  nun  nach  ihrem  Tod  zur  Strafe  von  ihm  als  Pferd 
geritten.  cNous  amon  mieus',  sagte  er,  ca  chevauchier  prest- 
resses  et  plus  les  avon  chier  que  destrier  a  roi  ne  a  conte, 
por   fere   leur  asez  de  honte."  Die  lateinische  Erzählung 

und   das  Fabliau r)   sind    die    ältesten   mir   bekannten  Belege 
für  den  in  katholischen  Landen  bis  in  die  Neuzeit  verbreiteten 
Glauben,  dass  die  Konkubinen  von  Geistlichen  nach  ihrem  | 
Tod  des  Teufels  Rosse    werden2).         Ferner   vergleiche  man    81 


r)  Der  Herausgeber  des  Fabliaus,  Gr.  Raynaud,  hat  S.  220  die 
lateinische  Erzählung  zur  Vergleichung  mitgeteilt. 

2)  Man  vgl.  F.  Liebrechts  Nachweise  in  der  Germania  18,  ISO 
(auch  von  Tobler  citiert)  und  Petersen  a.  a.  0.  S.  73.  Nach  den  Evangiles 
des  quenouilles  (nouvelle  edition,  Paris,  A.  Jannet  1855),  Journee  6 
chap.     11     —    worauf    Liebrecht    hinweist  soll    man    einem    Pferd, 


2(58  Zur  Volksdichtung. 

eine  Sage  in  den  von  M.  Tscheinen  und  P.  J.  Rnppen 
herausgegebenen  Walliser-Sagen  (Sitten  1872)  S.  255.  Nach 
ihr  kam  einst  ein  Reiter  zu  einem  Schmied  und  forderte  ihn 
auf.  sein  Pferd  zu  beschlagen,  während  er  im  Dorfe  Geschäfte 
zu  besorgen  habe.  Als  er  fort  ist.  hebt  das  Pferd  zu 
sprechen  an  und  sagt,  es  sei  des  Schmiedes  Tochter,  die  er 
verwünscht  habe  und  die  deshalb  der  Teufel  reite.  Es  sei 
heute  der  letzte  Tag,  an  dem  sie  dem  Teufel  entkommen 
könne,  wenn  sie  über  99  Friedhöfe  setze.  Der  Schmied 
lässt  sie  natürlich  frei.  Nach  drei  Tagen  kehrte  die  Tochter 
in  ihrer  wahren  Gestalt  wieder  zurück  und  erzählte,  auf  dem 
99.  Friedhof  sei  der  Teufel  ihr  nachgekommen  und  habe  sie 
am  Schweif  erfasst,  sie  sei  aber,  den  Schweif  in  seinen 
Händen  lassend,  über  die  Mauer  gesetzt  und  so  entzaubert 
und  frei  geworden.  ■ —  Endlich  habe  ich  noch  eine  Sage 
anzuführen,  die  J.  V.  Zingerle,  Sagen,  Märchen  und  Gebräuche 
aus  Tirol  nr.  505  [1891,  nr.  698]  aus  Ulten  mitteilt.  Auf  dem 
Larchenberg,  so  berichtet  diese  Sage,  wohnte  einst  eine 
durch  ihr  ausgelassenes  Leben  berüchtigte  Dirne.  Da  kam 
eines  Tages  der  Teufel  in  Gestalt  eines  Jägers  zu  ihr.  ergriff' 
sie,  führte  sie  durch  die  Luft  herab  zu  einem  Schmied  und 
befahl  diesem,  ihr  Eisen  aufzuschlagen.  Als  dies  geschehen 
war,  setzte  er  sich  auf  sie  und  fuhr  so  durch  die  Lüfte  von 
dannen.  In  dieser  Sage  fehlt,  dass  die  Dirne  in  ein  Pferd 
verwandelt  ist,  aber  es  ist  dies  wohl  nur  vom  Erzähler  ver- 
gessen. Dies  sind  die  mir  bekannten  Erzählungen  von  dem 
Teufelsross,  das  ein  Schmied  frisch  beschlagen  muss  und  das- 
vorher  ein  Mädchen  oder  eine  Frau  —  und  zwar  in  den 
meisten  Erzählungen  des  Schmieds  Tochter  oder  Mutter  oder 
Gevatterin  —  gewesen  war.  Üb  in  unserem ,  wie  schon 
oben  bemerkt,  nur  in  entstellten  Varianten  überlieferten  Lied 


welches  sich  nicht  besteigen  lassen  will,  folgende  Worte  ins  Ohr  sagen: 
'Cheval,  aussi  vray  que  niesine  de  prestre  est  cheval  au  dyable,  tu 
vueilles  souffrir  que  je  monte  sur  toy.'  Dieselbe  Besprechung  deutsch 
findet  sich  bei  K.  Bartsch,  Sagen,  Märchen  und  Gebräuche  aus  Mecklen- 
burg 2,  447  nr.  2056 :  'Pferd,  so  wahrhaftig  als  des  Pfaffen  Magd  des. 
Teufels  Pferd  ist,  so  lass  dich  beschreiten.' 


37.  Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  I.  269 

die  Schmiedstochter  ursprünglich  auch  als  sacerdotis  fornicaria 
Teufelsross    geworden,    muss    dahingestellt    bleiben.      [Oben 

1,  586.  Prätorius,  Glückstopf  S.  507  B.  Anhorn,  Magio- 
logia  1674,  S.  580.  Polivka,  Zs.  f.  österr.  Volkskunde  3,  377. 
Revista  lusitana  2,  322.] 

S.  121  nr.  26.  'Der  Schwanenwirt  sprang  zum 
Thor  hinaus".     Vgl.   Meier  nr.    182.     [Erk-Böhme,   nr.   54.] 

S.  137  nr.  39.  'Untreue'  (Und  das  der  Wald  so  finster 
ist).  Vgl.  Simrock,  Deutsche  Volkslieder  S.  342,  nr.  5;  Pröhle 
nr.  42;  Erk  nr.   229.     [Erk-Böhme  nr.   1042.] 

S.  145  nr.  48.  cKiltspruch'.  Vgl.  H.  Schuchardt, 
Ritornell  und  Terziue  (Halle   1874)  S.  62. 

S.  149  nr.  54.  cUnd  jetz  fängt  das  Frühjahr  an'. 
Vgl.  Scherer,  |  Jungbrunnen  nr.  107  und  die  Nachweise  dazu,  82 
und  ausserdem  v.  Leoprechting,  Aus  dem  Lechrain  S.  272, 
und  C[hristoph]  Weiss,  Aus  dem  Volksleben,  Nürnberg  1863, 
S.  9.  [Erk-Böhme  nr.  686.  Köhler-Meier  nr.  68.  Zs.  f.  österr. 
Volksk.  3,  1.   192.] 

S.  151  nr.  56.  cEi  du  mein  schöne  Margret!  hättest 
du  m i c h.J  Vgl.  die  von  mir  herausgegebeneu  Alten  Bergmanus- 
lieder  nr.  12,  bes.  Str.   10.     [Erk-Böhme  nr.  880.] 

S.  152.  'Wie-n-i  ag'fange  ha  huse'.  Vgl.  dazu 
Rochholz,  Alemannisches  Kinderlied  und  Kinderspiel  S.  156 ff. 
(Der  Mutter  Hausbestand),  worauf  Hr.  Tobler  verweist,  und 
ausserdem  noch  [des  Knaben  Wunderhorn  ed.  Birlinger- 
Crecelius  2,  758;  Alemannia  11,  68]  Münsterische  Geschichten. 
Sagen  und  Legenden  S.  272 ;  L.  Strackerjan,  Aberglaube  und 
Sagen  aus  Oldenburg  2,  81;  Ph.  Wegener,  Volkstümliche 
Lieder  aus  Norddeutschland  nr.  180  und  181;  Fiedler,  Volks- 
reime  und  Volkslieder  in  Anhalt-Dessau  S.  36  nr.  39; 
Firmenich,  Germaniens  Völkerstimmen  3,  65;  T.  Diermissen, 
Ut  de  Musskist  nr.  88  (vgl.  auch  nr.  23  und  201);  Korre- 
spondenzblatt des  Vereins  für  niederdeutsche  Sprachforschung 

2,  58;  4,  22;  8,  20,  Peter,  Volkstümliches  aus  Österreich- 
Schlesien  1,  47;  Schleicher,  Volkstümliches  aus  Sonneberg 
S.  105,  Birlinger,  Schwäbisch-Augsburgisches  Wörterbuch 
S.  453;  Schuster,  Siebenbürgisch-sächsische  Volkslieder  S.  364 


•_>7()  Zur   Volksdichtung. 

und  403;  Schröer,  Wörterbuch  der  Mundart  von  Gottschee 
S.  67;  Hoffmann  von  Füllersleben,  Niederländische  Volks- 
lieder nr.  184;  J.  van  Vloten,  Nederlandsche  Baker-  en 
KinderrijnuMi.  3.  veel  verm.  druk.  Leiden  1874,  S.  116  nr.  24 
und  S.  117  nr.  26,  [ßols,  Honderd  oude  vlaamsehe  Liederen 
1897  nr.  98]  W.  Dykstra  en  T.  G.  van  der  Meulen,  'In 
Doaze  fol  aide  Snypsnaren,  oadre  en  folle  fermeardere  Druk5 
Frjentsjer  1882,  S.  13:  Thiele,  Danske  Folkesagn  3  (1820), 
S.  163:  Grundtvig,  Gamle  danske  minder  i  folkemunde  3,  187; 
J.  Madsen,  Folkeminder  fra  Hanved  Sogn  ved  Flensburg, 
Kjöbeuhavn  1870,  S.  144.  [Böhme,  Kinderlied  und  Kinder- 
spiel 1897,  S.  268 — 270.  Kristensen,  Danske  Dyrefabler  og 
Kjjederemser  1896  S.   168.  178.   182.] 

S.  154  nr.  59.  cNiedersingerliedJ  (Wo  kommt  denn 
au  der  Ehstand  her?)  Vgl.  auch  J.  H.  Schmitz,  Sitten  und 
Sagen,  Lieder  u.  s.w.  des  Eifler  Volkes  1, 132,  undR.Sztachovicsy 
Braut-Sprüche  und  Brautlieder  auf  dem  Heideboden  in  Ungern 
S.  42.     [Erk-Böhme  nr.  867.     Tobler  2,  255.] 

S.  156  nr.  61.  cChan  i  nit  gar  ordeli  tänzele?* 
Vgl.  Simrock,  Kinderbuch,  2.  verm.  Aufl.  nr.  950  =  3.  verm. 
Aufl.  nr.  1043;  Pröhle  nr.  93;  Erk,  Liederhort  nr.  193; 
Zingerle,  Sitten,  Bräuche  und  Meinungen  des  Tiroler  Volkes, 
2.  verm.  Aufl.  S.  239;  H.  Dunger,  Kinderlieder  und  Kinder- 
spiele aus  dem  Vogtlande  nr.  91  und  92.  [Erk-Böhme 
nr.   1002.] 

S.  163  nr.  67.  'Rot,  rot  sind  alli  mini  Chleideli* 
Vgl.  Peter  1.  220;  Pogatschnigg  und  Herrmaim  2,  nr.  598; 
[Erk-Böhme  nr.  1794;  Köhler-Meier  nr.  201;  Treichel,  Volks- 
lieder aus  Westpreussen  1895  nr.  47.]  E.  Lemke,  Volks- 
tümliches in  Ostpreussen  (Mobrungen  1884)  1,   147. 

S.  163  nr.  68.  'Frisch  auf  wohl  in  das  Feld.'  Nicht 
nur  auf  Mittler  nr.  1442,  sondern  auch  auf  nr.  1510  war  zu 
verweisen.  Vgl.  auch  Zurmühlen,  Niederrheinische  Volks- 
lieder nr.  57. 

S.  172  nr.  75.  (Streit  zwischen  dem  Wasser  und 
dem  Wein.)  Vgl.  Schlossar  nr.  317  und  die  dazu  in  der 
Anmerkung   angeführten   Lieder    und    ausserdem   Sztachovics 


37.  Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  1.  "271 

S.  137,  140,  141.  Schuller,  'Das  Todaustragen  und  der 
muorlef  (Hermannstadt  1861)  S.  10  verweist  auf  einen  von  83- 
Schnler  von  Libloi  in  dem  von  Trauschenfels  hg.  Magazin 
für  Geschichte,  Litteratur  und  alle  Denk-  und  Merkwürdig- 
keiten Siebenbürgens  1.  1  S.24  mitgeteilten  Wettstreit  zwischen 
Wein  und  Wasser.  [Erk-Böhme  nr.  1074  — 1077.  Hanffen- 
Gottschee  nr.  137.] 

S.  174  nr.  76.  c0  Tannebaum,  o  Tannebaum1.  Vgl. 
A.  Reifferseheid,  Westfälische  Volkslieder  nr.  24  und  die 
Anmerkung  S.  176  dazu,  nebst  meinen  Nachträgen  im  An- 
zeiger 6,  272  [=  oben  S.  255  Erk-Böhme  nr.   175.] 

S.  176  nr.  77.  'Ich  armes  Häsli  im  wite  Feld.3 
Vgl.  Mittler  nr.  610  und  Erk,  Liederhort  nr.  57  b — e  und 
deren  Nachweise  und  ausserdem  noch  Pröhle  nr.  58.  [Erk- 
Böhme  nr.    169.] 

S.  196  nr.  8  (86).  Miez  wei  in  er  uiedergö,  acht- 
zehn Eu2,eli  mit  is  1Ö.D  Vgl.  meine  Aufsätze  in  der  Germania 
5,  448  und  11,  435  und  im  Jahrbuch  für  romanische  und 
englische  Litteratur  8,  409.    [Unten  nr.  42a — 43.] 

S.  197  nr.  10  (88).  'Heiliger  Andreas,  ich  bitt 
di.  Bettladen,  i  tritt  diJ.  Vgl. H.  Harrys,  Volkssagen  u.s.  w. 
Niedersachsens  2,  26  (Bettspond,  ich  tret  dich.  Sanct  Andreas, 
ich  bitt  dich);  A.  Witzschel,  Sagen,  Sitten  und  Gebräuche 
aus  Thüringen  S.  156  (Bettbret,  ich  tritt  dich,  heiliger 
Andreas,  ich  bitt  dich):  E.  Köhler.  Volksbrauch  u.  s.  w.  im 
Voigtlande  S.  383  (Bettbret,  ich  tret  dich,  heiliger  Andreas, 
dich  bitt  ich).  [Hruschka-Toischer  S.  W  nr.  99.  Schweizer. 
Archiv  f.  Volkskunde  2,  63.  Über  das  Andreaslied  J.  W. 
v.  Beusts  vgl.  Böhme,  Volkstümliche  Lieder  1895,  nr.  683.] 

S.  197  nr.  11  (89).  Alpsegen.  Vgl.  J.  Grimm,  Mvth.1 
Anhang  S.  CXXNV1I,  2  S.  1189,  Zeitschrift  für  deutsche 
Mythologie  4,  26—28;  Germania  20.  437—39;  Mannhardt, 
Der  Baumkultns  der  Germanen  und  ihrer  Nachbarstämme 
S.  274. 

S.  199.  'Jetzt  steh  ich  auf  der  Abendwacht. 
Vgl.  D.  Jecklin.  Volkstümliches  aus  Graubünden  3.  201. 


272  Zur  Volksdichtung. 

S.  200  m\  3.  Losed.  was  ich  euch  will  sage:  die 
Glogg  hat  zehn  Uhr  gschlage!  Lösched  Für  und 
Liecht,  dass  Gott  alli  Mensche  wol  bi  hüt!  Vgl.  Jecklin 
a.  a.  0.  In  Bartholomäus  Krügers  Spiel  von  den  bäurischen 
Richtern  und  dem  Landsknecht  (1580),  hsg.  von  J.  Bolte, 
(Leipzig  1884)  ruft  der  Wächter  die  Stunde  also  aus  (v.  1634): 

Nun   hört,  ihr  Herren,  lasst  euch  sagen, 
Der  Seiger  der  hat  zwölf  geschlagen, 
Bewahrt  das  Feur  und  auch  das  Liecht, 
Damit  der  Stadt  kein  Schad  geschieht. 

Aus  meinen  Knabenjahren  erinnere  ich  mich  des  Nacht- 
wächte rspruches  in  folgender  Fassung: 

Hört,  ihr  Herrn,  und  lasst  euch  sagen : 

'8  hat  ....  geschlagen. 

Bewahrt  das  Feuer  und  auch  das  Licht, 

Dass  kein  Schade  geschieht. 

Lobet  Gott  den  Herrn ! 

[Erk-Böhme  nr.  1582.  —  Die  Stundenrufe  und  Lieder 
<Ier  deutschen  Nachtwächter  hat  J.  Wichner  1897  gesammelt, 
ohne  auf  die  literarhistorische  Seite  seines  Themas  und  auf 
ältere  Zeugnisse  näher  einzugehen.  Deshalb  mögen  hier 
einige  Kollektaneen  über  dies  Thema  eingestreut  werden. 
Dem  Franzosen  Montaigne  fiel  1580  das  Stundenabrufen  der 
"Nachtwächter  in  Deutschand  als  etwas  Ungewohntes  auf. 
ebenso  seinem  Laudsmanne  Mabillon  (Iter  germanicum  1717, 
S.  26.  J.  Beckmann.  Beyträge  zur  Gesch.  der  Erfindungen 
4,  119  — 140:  Nachtwächter.  1799).  — Nachtwächterrufe: 
Nd.  Korrespondenzblatt  18,  66  (P.  Lauremberg  1642).  N.  preuss. 
Prov.-Bl.  11,  442  (1851).  Pröhle,  Volkslieder  und  Volks- 
schauspiele 1855,  S.  219.  Mündel,  Elsäss.  Volkslieder  nr.  200. 
Weckerlin,  Chants  pop.  de  l'Alsace  2.  72  (1883).  Seb.  Baur. 
Denkwürdigkeiten  9,  316.  Wolfram,  Nassau.  VI.  nr.  395. 
Anzeiger  f.  K.  der  Vorzeit  1882,  74.  Alemannia  7,  231. 
22,  259.  26.  76.  Schweizer.  Archiv  f.  Volksk.  2,  40.  Zs.  d. 
V.  f.  Volksk.  9,  212.  Zs.  f.  österr.  Volkskunde  3,  178. 
249.  4,41.  Urban,  As  da  Haimat  1894,  S.  119.  Firmenich, 
Germaniens  Völkerstimmen  2.  22.  103.  172  u.  s.  w.  Über  die 
dänischen    Wächterrufe    vgl.    V.  Fausböll.   Vaegter-Versene 


37.   Über  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  I.  273 

i  deres  seldre  og  yngre  Skikkelse  (2.  Opl.  Kjöbenhaven  1862) 
und  Om  Vsegtere  og  Vaegtersangen  (Kjöbenhavn,  Möller  o.  J.). 

Über  die  satirischen  Nachtwächterlieder  neuerer 
Dichter  von  Fouque  bis  auf  G.  von  Amyntor  handelt  Tardel, 
Zs.  f.  vgl.  Littgesch.  13,  126—131.  134.  Vgl.  ferner  Bertuchs 
Secular-Naelitwächterlied  im  Journal  des  Luxus  und  der 
Moden  1801,  1:  dazu  Matthissons  Litt.  NacMase  4,  121. 
Fessler,  Nachtwächter  Benedict  1809  (W.  Menzel,  Dtsch. 
Dichtung  3,  164).  Ditfurth,  Hist.  Volkslieder  der  Freiheits- 
kriege S.  67:  'Nachtwächter  vor  Paris5.  Epple,  Vermischte 
Gedichte  in  schwäbischer  Mundart  1821,  S.  4:  'Nachtwächter- 
lied\  Rückert,  Gedichte  1841,  S.  549:  'Der  Nachtwächter'. 
C.  B.  Trinius  (1778—1844),  Gedichte  1848,  S.  143: f Der  Nacht- 
wächter-Ruf. E.  Minneburg  (d.  i.  E.  Meier),  Gedichte  1852, 
S.  176:  cZwei  Lieder  eines  Nachtwächters3.  Scheffel,  Gedichte 
aus  dem  Nachlasse  1889,  S.  88:  'Der  Wächter  in  der  Mitter- 
nacht3. Hansjakob.  Schneebällen  3,  218  (1894).  Münchner 
Cod.  germ.  5985,  8:  'Der  Nachtwächter  von  Boxdorf.  Neben 
■den  von  Tardel  erwähnten  Dramen  Körners  und  R.  Wagners 
(Meistersinger)  wäre  etwa  zu  nennen  das  Puppenspiel  vom 
Dr.  Faust,  wo  Kaspar  als  Nachtwächter  das  Ende  des  Helden 
ankündigt  (Engel,  Puppenkomödien  8,  53.  9,  72 f.  10,  37. 
Kralik-Winter,  Deutsche  Puppenspiele  1885,  S.  191.  Zs.  f.  d. 
Alt.  31,  158.  Kraus,  Das  böhmische  Puppenspiel  vom  Dr.  Faust 
1891,  S.  87.  156.  160).  ein  Nicolausspiel  bei  E.  Schnell, 
St.  Nicolaus  4,  67,  ein  hsl.  Puppenspiel  (nr.  46)  der  Weimarer 
Bibliothek  'Der  Nachtwächter  von  Bocksdorf5.  —  Aus  dem 
18.  Jahrhundert:  Schiebeier,  Auserlesene  Gedichte  1773,  S.  257  : 
'Lied  eines  Nachtwächters5.  M.  Claudius,  Asmus  3,  60  (1777) : 
'Wächter  und  Bürgermeister3.  Geliert,  Die  beiden  Wächter 
(Fabeln  und  Erzählungen  2.  Buch).  Kortüm,  Jobsiade  1, 
Kap.  36.     Erasmus,  Lob  der  Narrheit  übers,  v.  Becker  S.  267.] 

S.  200  nr.  4.  'Stönd  uf  im  Name  Jesu  Christ!' 
Vgl.  Jecklin  a.  a.  0. 

S.  202  nr.  8.  'Hört,  ihr  Christen  und  last  euch 
sagen:  unsere  Glock  hat  zehn  geschlagen!  Zehn  Gebote 
schärft  Gott  ein:  last  uns  ihm  gehorsam  sein!3  u.  s.  w.   Vgl.  Erk. 

Kühler,   Kl.  Schriften.  III.  18 


274  Zur  Volksdichtung. 

&±  Liederhort  nr.  196  und  j  Scherer,  Jungbrunnen  nr.  167  und 
deren  Nachweise  und  ausserdem  A.  Birlinger  und  W.  Crecelius, 
Deutsche  Lieder  (Heilbronn  1876)  S.  30  und  Jecklin  a.  a.  0. 
[Erk-Böhme  nr.  1580 f.  Tobler  2,  255.  Simrock  nr.  379. 
Schlossar,  Volkslieder  aus  Steiermark  nr.  352.  Flugblatt  der 
Berliner  Bibliothek  Yd  7912,  nr.  98.  1.  Hamburger  Dreh- 
orgellieder 2,  498.  606  (Sammelband  des  Vereins  f.  Hamburg. 
Geschichte).  Hruschka-Toischer.  Böhmen  1891,  S.  270.  Wolfram,. 
Nassauische  Volkslieder  1894,  nr.  396.  Notes  and  Queries  6. 
Ser.  12,  245  (Herrenhuther  Lied).  Wichner  S.  29,  34  u.  ü. 
Oben  S.  83:  Geliert.  Vgl.  Kirchhof,  Wendunmut  7,  197: 
Nützliche  Betrachtung  der  Stunden-  und  Schlaguhren".  Bernh. 
Schilling,  Vier  Predigten  von  Gewittern  oder  Thüringische 
Wetter-Glocke,  Erfurt  1613,  S.  106—114:  cSchlag-Seyger 
eines  jeden  frommen  krancken,  hochbetrübten,  sterbenden 
Christen,  wessen  er  sich  bey  einer  jeglichen  Stunde  erinnern 
vnd  wie  er  Gott  hertzlich  anruffen  soP  (Gedicht).  Die  gaist- 
lich  Ur:  'Zwelft'  Stundt  im  Thag  siudt,  Christus  spricht' 
(Berliner  Mgq.   1036,  10).] 

S.  208,  3.  cWenn  einmitChatze  z*Acher  will,  so 
spann  er  d1  Mus  vorusJ.  Vgl.  meine  Nachweise  im  Anzeiger 
6,  274  [=  oben  S.  258]. 


38.  Vom  Fortleben  der  Seelen  in  der 
Pflanzenwelt. 

("Weimarisches  Jahrbuch  1,  479—483.     1854.) 

Der  sinnige  und  anziehende  Aufsatz  Kobersteins  über 
die  Vorstellung  von  dem  Fortleben  der  Seelen  in  der  Pflanzen- 
welt [Weimarisches  Jahrbuch  1,  78—99  =  Kobersteim  Ver- 
mischte Aufsätze  zur  Literaturgeschichte  1858,  S.  31 — 62} 
ein  Thema,  auf  dessen  Bedeutung  Jacob  Grimm  schon  in 
den  Altdeutschen  Wäldern  1,  139  hinwies  —  hat  ohne  Zweifel 
bei   den    Lesern   genusr   Interesse    erregt,    um   die   Mitteilung 


38.  Vom  Fortleben  der  Seeleu  in  der  Pflanzenwelt.  275 

einer  kleineu  Nachlese,  wie  sie  uns  gerade  zur  Hand  ist,  zu 
rechtfertigen. 

Dass  auch  in  griechischer  Sage  aus  dem  Blute  Ver- 
wundeter oder  Getöteter  Blumen  oder  Bäume  erwachsen,  da- 
von könnten  noch  mehr  Beispiele  angeführt  werden.  So  sollen 
aus  dem  Blute  des  Adonis  Anemonen  oder  Rosen  (Ovid, 
Metam.  10,  731.  Bion,  Epitaph.  Adon.  66),  aus  dem  des 
Dionysos  der  Granatapfelbaum  (Clemens  Alex.,  Protrept.  8. 
§  19),  aus  dem  des  einen  ermordeten  Kabiren  der  Eppich 
(Clemens  a.  a.  0.)  entsprossen  sein.  Weniger  gehört  die  von 
Nonnus  (Dionys.  12,  292)  erwähnte  Sage  hierher,  wonach  aus 
dem  auf  die  Erde  herabgeflossenen  Götterblute  die  Rebe  erwuchs. 
Näher  aber  liegt  unserem  Thema,  dass  die  Eumeniden  auf 
dem  Grabe  der  feindlichen  Brüder  von  Theben  das  Reis  eines 
Granatbaumes  pflanzten,  welches  fortwuchs,  und  wenn  man 
davon  etwas  abbrach,  |  immer  wieder  blutete  (Philostratus,  480 
Gemälde  "2,  29),  wie  auch  bei  Vergil  (Aeneis  3,  22)  die  auf 
dem  Grabe  des  Polydorus  stehenden  Bäume  bluten,  als  Aeneas 
sie  fällen  will.  Merkwürdig  ist  die  Sage  vom  Grabe  des 
Bebrykeukönigs  Amykos,  jenes  gewaltigen  streitlustigen  Faust- 
kämpfers, den  der  Dioskure  Polydeukes  erschlug.  Auf  seinem 
Grabe  stand  nämlich  ein  grosser  Lorbeerbaum:  brach  jemand 
einen  Zweig  davon  ab,  so  wurde  er  unwillkürlich  zu  Streif 
und  Lästerung  gestimmt  (Seholion  zu  Apollonius  Rh.  2,  159). 
Plinius  (Hist.  nat.  15,  44)  erzählt,  man  habe  diesen  Baum 
'den  tollen"  genannt,  und  sei  etwas  von  ihm  abgerissen  und 
auf  ein  Schiff  gebracht  worden  (ein  Hafen  war  nämlich  in 
der  Nähe  des  Grabes),  so  habe  sich  plötzlich  dort  Streit  er- 
hoben, bis  man  den  Zweig,  oder  was  sonst  abgerissen  war, 
in  das  Meer  geworfen.  Nach  einer  andern  Erzählung  (Ptolemäus 
Hephaest.  187,  23  bei  Westermann)  wuchs  auf  dem  Grabe 
ein  Rosenlorbeer  oder  Oleander,  und  wer  davon  ass,  ward 
zum  Faustkampf  geneigt  und  tüchtig.  Hier  sehen  wir  recht 
das  Bestreben,  zwischen  der  Pflanze  auf  dem  Grabe  und  dem 
Charakter  des  Darunterliegenden  einen  engen  Zusammen- 
hang zu  ersinnen.  Wenn  übrigens  Koberstein  nicht  nur  das 
Wachsen  von  Pflanzen  aus  dem  Blute  und  aus  den  Gräbern, 

18* 


276  Xur  Volksdichtung. 

sondern  auch  die  in  der  griechischen  Mythe  häufigen  un- 
mittelbaren Verwandlungen  von  Menschen  in  Gewächse  sämtlich 
aus  dem  einstigen  Glauben  an  eine  Seelenwanderung  herleitet,  so 
finden  wir  bezüglich  jener  unmittelbaren  Verwandlungen  diese 
Annahme  etwas  gewagt  und  erwarten  eine  endgültige  Ent- 
scheidung erst  von  einer  zusammenhängenden  wissenschaftlichen 
Untersuchung  der  sog.  Metamorphosen,  die  uns  noch  fehlt. 

Auch  in  der  phrygischen  Sage  von  Rhea  und  Attis 
finden  wir  hierhergehörige  Züge.  Der  Mandelbaum  entsteht 
aus  dem  Blute  des  Zwitters  Agdistis  oder  aus  dem  der  grossen 
Göttermutter  selbst  (Movers,  Phönizier  1,  578).  Attis  aber 
entmannt  sich  unter  einer  Fichte,  in  welche  sein  Geist  ent- 
weicht, während  aus  seiuem  Blute  Veilchen  entspriessen,  die 
den  ganzen  Baum  bekränzend  umschlingen  (Preller,  Griechische 
Mythologie  1,  407). 

Wie  ferner  aus  dem  Grabe  des  h.  Dominicus  eine  Rebe 
erwuchs  (Weirn.  Jb.  1,  89),  so  aus  dem  des  Apostels  Johannes 
481    zu  Ephe-  |  sus  'himilbrof  (Benecke-Müller,    Mhd.  Wörterbuch 
unter  'Johannes'). 

Talvj  in  ihrem  hübschen  Buche  'Versuch  einer  geschicht- 
lichen Charakteristik  der  Volkslieder  germanischer  Nationen' 
(Leipzig  1840)  sagt  S.  139  folgendes:  cEine  Hinweisung  auf 
das  Jenseits  liegt  auch  in  dem  Volksglauben,  der  die  Seele 
der  Liebenden  im  Grabe  auf  daraus  emporsprossende  Bäume 
und  Blumen  überträgt  und  die  hier  Getrennten  einander  auf 
diese  Weise  begegnen  lässt,  wie  in  den  bekannten  Balladen 
von  William  and  Margaret  und  Lord  Thomas  and  fair  Anet 
[Child  2,  179  nr.  73—74]: 

In  der  Marienkirche  begruben  sie  ihn 
Und  sie  im  Marien-Chor; 
Aus  ihrem  Grab  ein  rot  Röslein  sprosst, 
Aus  seinem  ein  Weissdorn  hervor. 

Die  neigten  sich,  die  verzweigten  sich. 
"Wär'n  gern  einander  recht  nah; 
Dass  jeder  es  gleich  erkennen  könnt', 
Zwei  Liebende  ruhten  allda.  1) 

')  [Diese  Strophen    sind  für  vierstimmigen  Chor   schön   komponiert 
von  Carl  Loewe  op.  81.] 


38.  Vom  Fortleben  der  Seelen  in  der  Pflanzenwelt.  277 

Ein  Schluss,  der  mit  geringen  Veränderungen  nicht  allein 
fünf  bis  sechs  englischen  und  schottischen  Volksballaden  an- 
gehört [ausser  den  genannten  Child  nr.  7  'Earl  Brand1.  64 
'Fair  Janet',  75  Trince  Robert1,  87  'Lord  Lovel1],  sondern  den 
wir  auch  fast  wörtlich  in  einer  alten  dünischen  und  der  Idee 
nach  in  einer  serbischen  (auch  von  Koherstein  1,  8*2  mit- 
geteilten) Erzählung  wiederfinden.1 

Den  hierher  gehörigen  Schluss  der  Tristansage  behandelt 
Koberstein  weitläufig  und  hält  ihn  mit  Recht  für  echt  keltisch 
(1,  94).  Hierfür  spricht  auch  ein  bretagnisches  Volkslied 
(Volkslieder  aus  der  Bretagne.  Ins  Deutsche  übertragen  von 
A.  Keller  und  E.  v.  Seckendorff,  Tübingen  1841,  nr.  2), 
welches  Lied  wegen  der  dreizeiligen  Strophen,  in  denen  es 
teilweise  abgefasst  ist  und  früher  ganz  gedichtet  zu  sein  scheint, 
und  welche  sich  mit  dem  12.  Jahrhundert  nicht  mehr  finden,  sehr 
alt  ist.  Junker  Nann  (so  erzählt  das  Gedicht)  gerät  im 
Walde  in  eine  Feengrotte;  die  Fee  verlangt  ihn  zum  Gatten, 
sonst  soll  er  am  dritten  Tage  sterben.  Junker  Nann  aber 
verschmäht  die  Fee,  treu  seiner  erst  seit  Jahresfrist  ihm  ver- 
mählten Gattin,  und  stirbt  wirklich  am  dritten  Tage.  Als 
das  seine  Gattin  vernimmt,  | 

Auf  beide  Knie  fiel  sie  drob,  482 

Und  nimmermehr  sie  sich  erhob. 

Da  wars  zu  schauen  wunderbar, 
Als  jener  Tag  vorüber  war, 
In  einem  Grabe  lag  das  Paar. 

Da  wuchsen  aus  der  neuen  Gruft 
Zwei  Eichen  mächtig  in  die  Luft. 

Auf  ihren  Zweigen  wonniglich 
Zwei  weisse  Tauben  schnäbeln  sich. 

Sie  sangen  bis  zum  Morgen  dort, 
Dann  flogen  sie  zum  Himmel  fort. 

Dies  Lied  ist  zugleich  ein  schöner  Beleg  zu  Kobersteins 
Andeutung  (1,  98  Anm.  41),  wie  die  Seelen  Abgeschiedener 
durch  Bäume  aus  dem  Grabe  gleichsam  heraufsteigen  und 
sich  dann  in  Vögel  verwandeln  *). 

')  In  diesen  Vorstellungskreis  gehört  wohl  auch  ein  malayischer 
Pantun,    den    Kertbeny    (Gedichte    aus    fremden    Sprachen,    Jena   184:». 


•_>78  Zur  Volksdichtung. 

Iu  den  Anmerkungen  der  erwähnten  bretagnischen  Lieder- 
sammlung findet  sich  eine  weitere  uns  berührende  Mitteilung 
(S.  242):  cUm  das  Jahr  1513  lebte  in  der  Bretagne  ein  Blöd- 
sinniger Namens  Salaür  in  der  Nähe  von  Lesneveii.  Er  hatte 
sich  in  einen  Wald  zurückgezogen,  wo  er  bei  einer  Quelle 
einen  Stein  als  Kissen,  einen  Baum  als  Dach.  39  bis  40  Jahre 
zubrachte  und  sein  Leben  der  Jungfrau  Maria  weihte.  Er 
ging  Sommer  und  Winter  in  Lumpen  und  barfuss  und  bettelte 
in  der  Umgegend,  keine  andern  Worte  vorbringend,  als  Ave  Maria 
und  Salaür  möchte  Brod.  Wenn  es  stark  fror,  hing  er  sich 
an  zwei  Äste  seines  Baumes,  um  sich  zu  wärmen,  schwang 
sich  so  in  der  Luft  und  sang  zu  Ehren  der  heiligen  Jungfrau. 
Er  starb  an  seiner  Quelle  und  wurde  ebenda  begraben.  Aus 
seinem  Grabe  wuchs  eine  schöne  duftende  Lilie,  auf  deren 
Blättern  mit  goldenen  Buchstaben  Ave  Maria  stand.  Ein 
483  altfran-  |  zösisches  Fabliau  in  einer  Neueuburger  Handschrift 
scheint  einen  ähnlichen  Gegenstand  zu  behandeln  (vgl.  Revue 
suisse  2,  249).  Johann  IV.,  Herzog  von  Bretagne,  liess  an 
der  Quelle  eine  schöne  Kirche  zu  Ehren  unserer  lieben  Frauen 
von  Folgoat  bauen,  die  bald  durch  grosse  Wunder  berühmt 
wurde.'  —  Diese  Erzählung  stimmt  zu  dem  deutschen  Ge- 
dichte bei  v.  d.  Hagen  (Gesamtabenteuer  3,  587),  an  das 
Koberstein  1.  89  erinnert.  In  den  Anmerkungen  erwähnt 
v.  d.  Hagen  auch  unsere  bretagnische  Sage,  indes  nur  kurz  und 
nach  einer  andern  Quelle.  [Leg.  aurea  51,2  p.  221.  Vincentius, 
Spec.  hist.  7,116.  Weber,  Zs.  f.  roman.  Phil.  1,365  nr.  34. 
Mussafia,  Wiener  Sitzber.  105,  63.  91  f.  Lübben,  Progr.  Olden- 
burg 1874;  S.   12.] 

Endlich  müssen  wir  noch  ein  Märchen,  welches  Emil 
Sommer  (Sagen,  Märchen  und  Gebräuche  aus  Sachsen  und 
Thüringen  1846,  S.  92)  erzählt,  erwähnen.  Ein  Schäfer  hat 
mit  einer  Nixe  im  Mansfelder  See  zwei  Jahre  lang  gelebt. 
Nach  einem  dreitägigen  Besuche  bei  seinen  Angehörigen  kann 


S.  55)  nach  der  Mitteilung  eines-  Missionars  giebt.     Eine  Gattin  sagt  da 

von  ihrem  Gatten : 

Stirbt  er,  so  wird  er  ein  Vogel, 

Ich  mach1  mich  als  Zweiglein  zum  Sitz  ihm. 


39.  Das  Lied  von  der  verkauften   Müllerin.  27!) 

<er  sich  nicht  wieder  entschliessen,  in  den  See  zurückzukehren. 
Da  nun  nach  Nixenbrauch  der  kleine  Sohn  des  Schäfers  und 
•der  Nixe,  die  in  dem  See  bleiben  muss,  zwischen  den  Eltern 
geteilt  werden  soll,  so  nimmt  der  Vater  die  untere  Hälfte, 
die  Nixe  aber  warf  die  obere  in  den  See,  wo  alsbald  ein 
munterer  Fisch  daraus  wurde.  Da  grub  der  Schäfer  die  andere 
Hälfte  des  Kindes  am  Ufer  ein,  und  an  der  Stelle  wuchs  eine 
Lilie,  die  neigte  sich  über  das  Wasser:  und  man  sah  oft,  wie  der 
Fisch  in  der  Dämmerung  bei  der  Lilie  auf-  und  niederschwamm. 

Schliesslich  noch  die  Bemerkung,  dass  zu  dem  walachischen 
Märchen,  welches  Koberstein  1,  91  f.  hat  abdrucken  lassen 
[=  Schott  1845,  S.  1*21],  einige  Züge  eines  ungarischen 
(G.  Stier,  Ungarische  Märchen  und  Sagen  1850.  S.  87)  stimmen. 
Ein  schönes,  feenartiges  Mädchen  wird  von  einer  Zigeunerin 
in  einen  Brunnen  gestürzt  und  wird  ein  Goldfischchen.  Dasselbe 
wird  geschlachtet,  doch  aus  einer  in  den  Hof  gefallenen 
Schuppe  entsteht  ein  Baum.  Er  wird  gefällt  und  verbrannt, 
und  nur  ein  Stück  wird  erhalten  und  dient  einem  Holzhacker 
als  Deckel  auf  einem  Topfe.  Aus  diesem  Deckel  entsteht 
endlich  jenes  Mädchen  wieder. 

[Vgl.  Hauffen,  Gottschee  S.  ]78  — 183:  cBlumen  auf 
Gräbern'.  Erk-Böhme,  Liederhort  nr.  93 e.  109.  110.  181. 
740.  Liebrecht,  Zur  Volkskunde  S.  166.  183.  Child,  Ballads  1. 
'.Mi — 98  und  den  Iudex  5,  491  'Plauts  from  gravesJ.  Nigra. 
Canti  pop.  del  Piemonte  zu  nr.  19  cFior  di  tomba'.  Darmesteter. 
Chants  pop.  des  Afghans  p.  117.] 


39.    Das  Lied  von  der  verkauften  Müllerin. 

(Zeitschrift  für  deutsche  Mythologie  4,  180—185.     1859.) 

Ein  viel  verbreitetes  deutsches  Volkslied1)  erzählt,  wir 
ein  Müller  in  einem  Walde  drei  Räubern  uud  Mördern  be- 
gegnet   und    von    denselben    aufgefordert   wird,    ihuen    sein 


*)  Vgl.  die  Xachweise  bei  Simrock,  Deutsche  Volkslieder,  Anmer- 
kung zu  nr.  36,  und  Schade,  Volkslieder  aus  Thüringen  S.  46  (Weima- 
risches Jahrbuch  3,  286),  wozu  seitdem  noch  gekommen  sind  eine  schwä- 


•_>S0  Zur  Volksdichtung. 

schwangeres  Weib  zu  verkaufen.  Er  kanD  der  hohen  Summe, 
die  sie  bieten1),  nicht  widerstehen,  und  verspricht,  ihrem  | 
181  Verlangen  zu  willfahren.  Nach  Hause  zurückgekehrt,  schickt 
er  die  Frau  unter  einem  Verwände  in  den  Wald,  wo  sie  den 
Räubern  in  die  Hände  fällt.  In  fast  allen  Fassungen  des 
Liedes  wird  die  Frau  von  dem  drohenden  Tode  gerettet,  in 
den  meisten  durch  ihren  gerade  herzukommenden  Bruder,  der 
ein  Jäger  ist,  in  den  andern  durch  einen  vorüber  reitenden 
grossen  Herrn  oder  durch  einen  der  Räuber  selbst. 

Dieses  Lied  scheint  bisher  nicht  verstanden  worden  zu 
sein.  Schade  S.  4!»  fragt:  'Warum  kaufen  überhaupt  die 
Räuber  das  Weib?  Aus  purer  Mordlust?  Die  konnten  sie 
doch  billiger  befriedigen.  Es  muss  etwas  anderes  dahinter 
stecken,   das  jetzt  vergessen  ist.' 

Man  bedenke,  dass  die  Räuber  eine  schwangere2)  Frau 
kaufen  und  dass  es  in  einigen  Fassungen  (bei  Meier  nämlich 
und  bei  Ditfurth)  heisst,  dass  sie  die  Frau  aufschneiden 
wollten,  und  das  Rätsel  löst  sich  folgendennassen:  die  Räuber 
kauften  die  schwangere  Frau  nicht  aus  blosser  Mordlust, 
sondern  um  sie  aufzuschneiden  und  die  Händchen  des  in 
ihrem  Schosse  ruhenden  Kindes  als  Diebslichter  zu  be- 
nutzen. Dass  aber  zu  solchem  Zwecke  in  früherer  Zeit  wirk- 
lich schwangere  Frauen  zuweilen  überfallen  und  gemordet 
worden   sind,   dafür  lasse   ich   einige  Belege  folgen,    die    sich 


bische  Fassung  in  Meiers  Schwäbischen  Volksliedern  S.  403  und  zwei 
hessische  in  Mittlers  deutschen  Volksliedern  nr.  94  und  in  Erks  Deut- 
schem Liederbuch  nr.  39  a.  [Erk-Böhme,  Deutscher  Liederhort  1,  193 
nr.  58.  Köhler  und  Meier,  Volkslieder  von  der  Mosel  1896  nr.  19  mit 
der  Anm.] 

*)  In  den  meisten  Texten  werden  erst  300,  dann  600,  endlich  900 
Thaler  geboten;  im  thüringischen  sind  die  Hunderte  zu  Tausenden  ge- 
steigert; im  fränkischen  bieten  die  Räuber  erst  100,  dann  200r 
endlich  1200  Thaler;  im  Liede  aus  dem  Kuhländchen  erst  300  und  dann 
500  Dukaten. 

2)  Dass  die  Müllerin  schwanger  ist,  wird  in  den  besten,  echten 
Texten  (bei  Ditfurth,  Erk  Liederhort  39,  Meier,  Meinert,  Schade)  aus- 
drücklich gesagt  und  muss  auch  in  den  übrigen  dem  ganzen  Zusammen- 
hange nach  angenommen  werden. 


39.  Das  Lied  von  der  verkauften  Müllerin.  281 

wahrscheinlich  vielfach  aus  Chroniken  und  Gerichtsakten  ver- 
mehren lassen. 

Der  Nürnberger  Scharfrichter  Frank  erzählt,  däss  er 
1577  zu  Bamberg  einen  Mörder  gerädert,  der  drei  schwangere 
Frauen  aufgeschnitten  hatte.  1601  richtete  derselbe  zu  Nürn- 
berg einen  Mörder,  der  zwanzig  Personen  ermordet  hatte, 
darunter  auch  mehrere  schwangere  Frauen,  cdie  er  hernach 
aufgeschnitten,  den  Kindern  die  Händlein  abgeschnitten  und 
zum  Einbrechen  Lichtlein  daraus  gemacht.'  (Man  sehe  das 
in  vieler  Beziehung  höchst  interessante  Büchlein:  Meister 
Franken  Nachrichters  alliier  in  Nürnberg  all  sein  Richten  am 
Leben  sowohl  seine  Leibesstraffen,  so  er  ver-|  rieht,  alles  hierin  182 
ordentlich  beschrieben,  aus  seinem  selbst  eigenen  Buch  ab- 
geschrieben worden.  Genau  nach  dem  Manuscript  abgedruckt 
und  herausgegeben  von  1.  M.  F.  von  Endter.  Nürnberg  1801.) 
—  Philo  (Bartholomaeus  Anhorn)  in  seiner  Magiologia  (Au- 
gustae  Rauracorum  1675  [=  Basel  1074])  S.  708  f.  sagt: 
Tmb  Kindshände  bewerbeu  sich  solche  verzweifelte,  Stehlens 
begierige  Bösswicht,  welche  den  Kinde ren  der  von  Mördern 
oder  jhuen  selbst  aufgeschnittnen  schwangeren  AVeibern 
abgehawen  oder  von  aussgegrabuen  ungetaufften  Kinderen  ge- 
nommen sind.  DieDiebshändabernemmen  sie  bey  Nacht  zueiuer 
gwissen  Stund  von  den  an  den  Galgen  hangenden  Dieben. 
Zu  und  mit  diesen  Kinds-  und  Diebshänden  brauchen  sie 
zauberische  Wort  und  Geberden  zu  dem  End,  dass  sie  die 
Leut  in  den  Häuseren,  welche  sie  bey  Nacht  besteigen  und 
bestählen  wollen,  in  so  harten  Schlaff  feilen,  dass  niemand 
erwachen  kan.  Wann  solches  geschehen,  zünden  sie  die 
Finger  dieser  Kinds-  und  Diebs-Händeu  an,  dass  sie  brennen 
wie  ein  Lieht  und  jhnen  leuchten.'  —  In  Heinrich  Ludwig 
Fischers  fBuche  vom  Aberglauben"  (neue  verbesserte  Auf- 
lage. Leipzig  1791)  1,  155  lesen  wir:  'Wenn  Diebe  von  einem 
ungeborenen  Kinde  einen  Finger  anzünden  (und  sie  sollen  wie 
Lichter  brennen),  so  kann,  sagt  der  Abergläubische,  keiner 
im  Hause  aufwachen,  und  sie  können  ruhig  stehlen.  Daher 
ermorden  sie  schwangere  Weiber,  um  von  ihrem  Kinde 
die  Finger  zu  bekommen.'   —   Endlich  berichtet  Montan  us, 


282  Zur  Volksdichtung. 

Die  deutschen  Volksfeste  (Iserlohn  und  Elberfeld  1854)  S.  88: 
'Mit  den  Gliedern  von  ungetauften  Kindern  wurde  mancherlei 
Zauberei  bewirkt.  Es  herrschte  der  Aberglaube,  dass  Diebe 
mit  der  Hand  eines  ungetauften  Kindes  Schlösser  öffnen  und 
unbemerkt  in  die  Häuser  eindringen  könnten.  Weil  aber  in 
katholischen  Gegenden  die  Taufe,  wenigstens  die  sog.  Jäh- 
taufe, vorläufige  Taufe,  gleich  bei  der  Geburt  nicht  versäumt 
wird,  so  wurde  es  schwer,  ein  solches  Heiltum  echt  zu  er- 
halten, woher  das  Diebsgesindel  auf  den  entsetzlichen  Einfall 
kam,  hochschwangere  Frauen  zu  ermorden  und  so  die 
ungetaufte  Kindeshand  zu  erlangen.  In  der  Sage  leben  noch 
viele  solcher  Beispiele.  Vom  Anfange  des  vorigen  Jahr- 
183  hunderts  steht  noch  ein  solches  j  Verbrechen  aus  der  Nähe  von 
Düsseldorf  in  den  Untersuchungsakten  fest.5 

Auch  Grimm,  Mythologie  S.  10*27  berührt  unsern  Aber- 
glauben. Indem  er  von  den  Hexen,  welche  die  Leichen  junger 
Kinder  ausgraben  und  ihnen  die  Finger  abschneiden,  spricht, 
fügt  er  in  der  Anmerkung  hinzu:  'Mit  den  Fingern  unge- 
borener Kinder  kann  gezaubert  werden :  angezündet  geben 
sie  eine  Flamme,  welche  alle  Leute  des  Hauses  im  Schlaf 
erhält.  Ähnlichen  Vorteil  schafft  der  Daume,  welcher  einem 
aufgehängten  Dieb  abgeschnitten  wurde;  vgl.  Schambach.  De 
jure  digitorum  p.  61.  62  und  Praetorius,  Vom  Diebsdaumen. 
Lips.  1677.  Die  Coutume  de  Bordeaux  §  46  handelt  vom 
Zauber  mit  den  Händen  toter  Kinder.'  [Leoprechtiug,  Aus 
dem  Lechrain  1855  S.  78.  Stracker jan  1,  100.  Hartmann- 
Weddigen,  Sagenschatz  Westfalens  1884  S.  178.  Tettau- 
Temme,  Volkssagen  Ostpreussens  1837  S.  266  (neun  Herzen  . 
Wuttke,  Volksaberglaube  1869  S.  126.  Lammert,  Volks- 
medicin  1869  S.  84.  Kamp,  Danske  Folkeminder  1877  nr. 
1366.     Polivka,  Archiv  f.  slav.  Phil.  22,  302.] 

Dem  Volksliede  sehr  ähnlich  ist  die  182.  Geschichte  in 
Harsdörffers  Buche  'Der  grosse  Schau-Platz  jämmerlicher 
Mordgeschichte'  ([1652]  zum  siebenden  Male  gedruckt,  Franck- 
furt  1693).  Harsdörffer  will  die  'unlängst'  vorgefallene  Be- 
gebenheit aus  glaubwürdigen  Briefen  aus  Schweden  erfahren 
haben  und  teilt  sie  mit,  cweil  sie  eine  jämmerliche  und  seltne 


39.  Das  Lied  von  der  verkauften  Müllerin.  283 

Begebenheit  ist,  dergleichen  schwerlich  gelesen  oder  gehört 
worden5.  Zwei  Räuber  nämlich  fallen  bei  Upsala  einen  Bauer 
an  und  nehmen  ihm  sein  Geld.  Der  Bauer  bittet  um  Scho- 
nung und  sagt  dabei,  er  habe  zu  Hause  ein  schwangeres 
Weib.  Als  die  Räuber  dies  hören,  geben  sie  ihm  sein  Geld 
wieder  und  versprechen  ihm  hundert  Thaler,  wenn  er  ihnen 
sein  Weib  liefere.  Der  Bauer  geht  nach  Hause  und  sagt 
seiner  Frau,  er  habe  sein  Häuschen  verkauft;  und  da  die 
Frau  hiermit  unzufrieden  ist,  fordert  er  sie  auf,  mit  ihm  zu 
gehen,  um  mit  den  Käufern  den  Handel  rückgängig  zu  machen. 
Die  Frau  ahnte  Unheil,  und  da  sie  bei  ihrem  Bruder,  der  ein 
Wildschütz  war,  vorbeigehen  musste,  bat  sie  ihn  heimlich,  ihr 
nachzugehen.  Als  der  Bauer  und  seine  Frau  endlich  an  den 
bestimmten  Ort  zu  den  Räubern  gekommen,  empfängt  der 
Bauer  seinen  Lohn  und  entflieht ;  die  Frau  aber  wird  von  den 
Räubern  an  einen  Baum  gebunden,  und  eben  will  einer  ihr 
den  Leib  aufschneiden,  als  der  Bruder  erscheint  und  den 
einen  Mörder  erschiesst,  den  andern  aber  niederschlägt  und 
gefangen  nach  Upsala  führt,  cda  er  mit  glühen-  |  den  Zangen  184 
gebrannt  und  lebendig  gerädert  worden.'  'Bevor  dieser  Räuber 
mit  wohlverdienter  Strafe  angesehen  wurde,  hat  er  bekennet, 
dass  sein  Gesell  und  er  bereits  zweier  ungeborner  Kinder 
Herzen  gehabt  und  vermeinet,  das  dritte  also  dazu  zu  be- 
kommen, mit  welchen  sie  für  allen  Menschen  bestehen,  allen 
obsiegen  und  sich  unsichtbar  machen,  grossen  Reichthum 
zusammenbringen  und  allerlei  Wunder  hätten  thun  können/ 
Durch  diese  Geschichte  erfahren  wir,  dass  also  nicht  bloss 
Arme,  Hände,  Finger,  sondern  auch  Herzen  ungeborener 
Kinder  den  abergläubischen  Räubern  wertvoll  waren. 

Dass  der  Aberglauben  auch  in  Spanien  zu  Hause  war, 
lehrt  eine  catalanische  Räuberromanze  (F.  Wolf,  Proben 
portugiesischer  und  catalanischer  Volksromanzen  S.  146),  wo 
es  von  Räubern,  die  sich  in  ein  Haus  eingeschlichen  haben,  heisst: 

Werfen  einen  Kinderarm  ins  Feuer  da  hinein: 

'"Wer  nun  wach  ist,  schläft  nicht  ein,  und  nicht  erwacht,  wer  schläft.' 

(In  einer  Anmerkung  dazu  verweist  Wolf  auf  das  mir  unzu- 
gängliche ,    auch    von    Grimm    citierte    Buch    von    Praetorius 


284  Zur  Volksdichtung. 

S.  153  f.)  Freilich  geht  aus  der  Romanze  nicht  hervor,  von 
was  für  einem  Kinde  der  Arm  war.  von  einem  ungeborenen 
oder  von  einem  ungetauft  gestorbenen.  Ob  überhaupt  bei  dem 
Aberglauben  das  Hauptgewicht  auf  das  noch  nicht  geboren 
oder  auf  das  ungetauft  gestorben  sein  zu  legen  ist,  lasse  ich 
für  jetzt  dahingestellt,  da  es  mir  genügt  zum  Verständnis 
jenes  Liedes  nachgewiesen  zu  haben,  dass  Räuber  Ursache 
haben  konnten,  eine  schwangere  Frau  teuer  zu  kaufen  und 
dann  zu  töten. 

Die  vorstehenden  Zeilen  waren  längst  niedergeschrieben, 
als  mir  das  neue,  höchst  schätzbare  Buch  von  Roch  holz 
'Alemannisches  Kinderlied  und  Kinderspiel  aus  der  Schweiz5 
(Leipzig  1857)  in  die  Hände  kam  und  ich  bei  Durchsehung 
desselben  fand,  dass  auch  Rochholz  das  Lied  von  der  Müllerin 
richtig  verstanden  hat.  Er  führt  nämlich  S.  344  als  schwei- 
zerischen Aberglauben  folgendes  an:  'Ungetauft  gestorbene 
185  Kinder  muss  man  nachts  nach  Betzeit-  |  läuten  in  aller  Stille 
beerdigen,  damit  Hexen  und  Hexenmeister  das  Grab  nicht  er- 
fahren; sonst  öffnen  sie  es  und  nehmen  des  Kindes  kleinen 
Finger  heraus,  der  ihnen  zum  Schatzgraben  wie  eine  Kerze 
leuchtet."  Rochholz  erinnert  in  der  Anmerkung  dazu  an 
Zaubersalben  aus  Kindesleichen,  verweist  kurz  auf  die  von 
uns  oben  vollständig  mitgeteilte  Stelle  aus  Philos  Magiologie 
und  bemerkt  endlich:  cDas  Volkslied  'Es  ging  ein  Müller 
wohl  übers  Feld'  erzählt,  wie  die  Mörder  Geld  bieten,  damit 
der  Müller  sein  schwangeres  Weib  in  den  Wald  schicke,  dem 
sie  das  Ungeborene  aus  dem  Leib  zu  schneiden  gedenken.'1) 
[Weitere  Nachweise  liefern  Böckel,  Volkslieder  aus  Ober- 
hessen 1885,  S.  XXVI  — XXXIII  und  Bolte  zu  Montanus  1899, 


*)  Dazu  bemerkt  W.  Mannhardt:  'Der  Sinn  des  vorstehend  be- 
sprochenen Aberglaubens  ist  folgender:  Die  Seelen  werden  von  den 
heidnischen  Germanen  bald  als  Windhauch,  bald  als  Feuer  gedacht 
(vgl.  Mannhardt,  Germanische  Mythenforschungen  S.  2B9  f.  310  Anm.  3). 
Die  noch  ungebornen  Kinder  haben  noch  seelische  Natur,  der  Körper 
galt  daher  als  leuchtend.  Dass  man  die  Seele  selbst  unsichtbar  dachte, 
gab  Veranlassung  zu  glauben,  diese  Unsichtbarkeit  gehe  auf  diejenigen 
über,  welche  unter  dem  Schein  jenes  seelischen  Lichtes  einhergehen.' 


39.  Das  Lied  von  der  verkauften  Müllerin.  285 

S.  625.  Von  deu  an  letzterer  Stelle  erwähnten  Flugblättern 
des  16.  Jahrhunderts  mögen  hier  zwei,  deren  poetischer  Wert 
freilich  recht  gering  ist,  eine  Stelle  finden: 

Drey  newer  zeyttung.  Ein  erschreckliche  vnd  erbärmliche  geschieht, 
so  sich  ein  meihvegs  von  der  Statt  Bremen,  in  Nidernsachsen  zuge- 
tragen, wie  daselbst  ein  Mann  sein  schwanger  Weib  verkaufft,  vnd  den 
Mördern  in  einen  Wald  geliffert  hat,  Aber  wunderbarlicher  weiss,  von 
einem  Junckern  der  da  jagen  geritten,  erlöset,  vnd  wie  der  thäter  mit 
Bampt  den  Mördern  darüber  gefangen,  vnnd  nach  jhrer  behauter  übelthat 
zu  Bremen  gerieht  sein  worden  .  .  .  15  79.  jar.  4  Bl.  4°  (München 
P.  0.  germ.  234,  34).  Gedruckt  zu  Königsberg  in  Preussen,  durch  Johann 
Taubmann. 

1.  Ihr  lieben  Christen,  gebt  euch  zu  Rhu, 
Hört  mir  ein  wenig  zu, 

Was  ich  euch  thü  singen 

Von  einer  erschröcklicheu  That! 

Hilff  Gott,  das  mir  gelingen. 

2.  In  Nidersachsen  da  ligt  ein  Stat, 
Bremen  sie  ihm  Summen  hat; 
Ein  Meilwegs   darausse 

Da  ligt  ein  Dorff  zur  Bach  genant, 
Darinn  da  sass  zu  Hause 

3.  Ein  Mann,   der  was  da  wol   bekant, 
Petter  Fisch  war  er  genannt. 
Hört,  was  er  hat  getreiben: 

Er  hat  verkaufft  sein  eygen  Weib 
Mit  ihrem   schweren  Leibe. 

4.  Er  sass  in  eim  Wirtshaus  an  dem  End, 
Drey  Mörder  betten  sich  zu  ihm  gewend, 
Er  thet  sich  zu  ihn  gesellen; 

Drey  hundert  Gulden  für  sein  Frawen 
Die  theten  sie  im  zöhlen. 

5.  Er  nam  das  Gelt  auff  den  Bescheid 
Und  globt  den  darauff  mit  dem  Eydt, 
Er  wolt  sie  liffern  balde, 

Sie  selten  nur  warten  an  einem  Orth, 
Er  wolt  sie  bringen  inn  Walde. 

6.  Der  Bösswicht  geht  bald  hin  zu  Hauss 
Und  bered  sein  Fraw  mit  ihm  hinauss 
Und  sprach:  'Mein  liebe  Frawe, 

Ich  hab  gekauffet  gar  gute  Schwein; 
Gehe  mit,  lass  sie  beschawen.' 


•_>yt)  Zur  Volksdichtung. 

7.  Die  Fraw  hat  sie  bewegen   lahn 
Durch  listige  AVort  von  ihrem  Mann, 
Sie  ging  mit  grosser  G lehre. 

Er  band  sie  im  Holtz  an   einen  Baum 
Mit  ihrem  Leib  gar  schwere. 

8.  Erstlich  verband  er  ihren  Mund, 
Das  sie  gar  nicht  schreyen  kund, 
Den  saumpt  er  sich  nicht  lange, 

Er  Hess  sein  "Weib  bey  den  Mördern  allein 
Unnd  ist  zu  Hauss  gegangen. 

9.  So  hat  der  Bösswicht  inn  dem  Wald 
Sein  "Weib  unnd  Kinnder  geliffert  bald. 
"Wol   zu  den  selbigen  Zeyten 

Spilten  die  Mörder  da  zühauf, 
"Wer  die  Fraw  solt  aufschneiden1). 

10.  Es  begab  sich  wol  zu  der  Stunde, 
Das  ein  Juncker  mit  sein  Hund 
In  den  "Wald  reittet  jagen. 

Die  Hund  kamen  auff  die  Spor, 
Alda  die  Mörder  lagen. 

11.  Die  hetten  schon  mit  Pein  und  Schmertz. 
Die  Frau  geschnitten  umb  jhr  Hertz ; 
Aber  die  Hund  zuhauffe 

Die  bälten  da  mit  grossem  Geschall, 
Die  Mörder  theten  verlauffen. 

12.  Der  Juncker  forcht  der  Ungefehr 
Vnd  entsetzt  sich  von  Hertzen  sehr 
Der  erschröcklichen   Dingen, 
Erlöset  die  Fraw  von  dem  Baum, 
In  sein  Hauss  that  er  sie  bringen. 

13.  So  ist  die  Fraw  durch  Gottes  Gnad 
Von  dem  Juncker  erlöset  tratt, 
Den  selbigen  Tag  gar  schöne 

Ist  sie  ein  Mütter  worden  bald 
An  zweyen  jungen  Söhnen. 

14.  Man  schicket  nach  dem  Mann  hinauss, 
Das  er  solt  kommen  ins  Junckern  Hauss. 
Der  Juncker  sprach  mit  Nammen: 
'Sendet  nach  ewer  Fraw  daheim 

Vnd  lasst  sie  zu  mir  kommen!' 


*)  Druck:  schneiden  auff. 


39.  Das  Lied  von  der  verkauften  Müllerin.  28  < 

15.  Er  sprach  zum  Junckern  mit  falschem  Sitt: 
'31  ein  Fraw  die  ist  daheim e  nit.' 
Der  Juncker  sagt  zu  ihme  : 
'Wann  ihr  dann  ewer  Prawe  schawet, 
Solt  ihr  sie  wol  erkennen  ?' 

L6.  Bald  geleitt  man  jn  hehend 
In  eine  Kamer  an  dem  End, 
Er  kont  es  nit  entlauffen. 

Der  Juncker  sprach  :  cSchaw   Weih  und  Kind, 
Die  du  hast  thun  verkauffen.' 

17.  Er  antwurt  dem  Junckern  tratt: 
'Der  Teufel  hat  mir  geben  den  Raht.' 
Wol  zu  der  selben  Stunden 

Hat  man  ihn  gfängklich  gnommen  an, 
Auff  einen  Wagen  gebunden. 

18.  Und  fürt  ihn    gehn  Bremen   in   die  Statt, 
Da  er  gesagt  vor  dem  Rath 

Und  hat  genent  zühauffe, 

Was  es  für  Leutte  sein  gewesen, 

Den  er  sein  Weib  hat  thun  verkauffen. 

19.  Man  schrieb    bald  Brieffe    ohn  Underlass 
Und  sandte  [Botten]  auff  alle  Strass. 
Darnach  ein  Zeyt  nit  lange 

Fünff  Meil  von  Bremen  ungefehr 
Kriegen  sie  zwen  gefangen. 

20.  Und  seind  zu  Bremen  gefangen  gelegt, 
Gefraget  für  dem  strengen  Gericht; 
Das  was  ihn  kein  Verlangen, 

Ir  übelthat  haben  sie  bekant, 
Die   [sie]  hetten  begangen. 

21.  In  Dennmarck  hätten  sie  gar  schon 

Zwo  schwangere  Frawen  aufschneiden  thun 
Und  ihn  genommen  das  Leben, 
Dem  Hertz  lebendig  genommen  darauss, 
Damit  haben  sie  ihr  Büberey  getriben. 

22.  Noch  will  ich  nun  jetz  zeigen  an, 
Was  sie  weitters  haben  gethan: 
Der  eine  bekant  gar  bald, 

Neun  mordt  het  er  begangen 
Bev  Lübeck  in  dein  Wald. 


r)g#  Zur  Volksdichtung. 

23.  Dem  andern  was  da  wol  bekant, 
Andres  von  F erden  was  er  genant, 
Der  thet  gar  bald  Bagen, 

Zu  Hamburg  het  er  genommen  ein  Fraw, 
Die  het  er  thiin   erschlagen. 

24.  So  haben  die  Übeltheter  alle  drey 
Ihr  Missethat  bekennet  frey; 

Das  Urtheil  wardt  gegeben, 

Das  man  sie  solt  richten  nach  ihrer  Schuld 

Zum  Todt  wol  von  dem  Leben. 

25.  Erstlich  hat  man  gerichtet  schon, 
Der  sein  Fraw  hat  verkauften  thon. 
Die  ander  thet  man  greiften 
Lebendig  auf  ein  Kad, 

Auss  der  Statt  thet  man  sie  schleiften. 

26.  Man  hat  sie  thün  zerstossen  frey 
Arm  unnd  Bein  mitten  entzwey, 

Mit  glüenden  Zangen  thet  man  sie  pfetzen 

Nach  ihrer  grossen  Übelthat, 

Auff  d  Strassen  thet  man  sie  setzen. 

27.  Diss  Liedlein  hab  ich   zum  besten  gemacht, 
Das  sich  ein  jeder  wol  betracht, 

Er  sey  gleich  jung  oder   alte, 

Das  er  sich  besinne  wol, 

Bey  was  Gselschafft  er  thut  halten. 

28.  Dann  jetzt  niemand  zu  trawen  ist, 

Die  Welt  ist  vol  Bossheit  unnd  Argelist, 
In  Sinden  thut  sie  wütten, 
Lasst  uns  bitten  Gott  umb  sein  Gnad, 
Das  er  uns  wöll  behüten. 
Amen. 

Diese  Mordthat  soll  nach  einem  andern  Liede  1575  zu 
Voilland  'ein  Meil  über  Bremen"  durch  einen  Mann  Namens 
Johann  verübt  worden  sein.  Dies  Lied  enthält  20  achtzeilige 
Strophen  und  berührt  sich  im  Ausdrucke  vielfach  mit  dem 
eben  angeführten.  Der  in  Berlin  (Ye  4529)  befindliche  Druck 
ist  betitelt:  'Zwey  erschreckliche  Newe  Lieder,  das  erste  von 
«inem  Kinde,  das  geborn  ist  in  Yfland.  in  der  Stadt  Parnaw. 
Das    andere    von    einem    Manne,    der    seine   Fraw    verkaufft, 


39.  Das  Lied  von  der  verkauften  Müllerin.  289 

welche  schwanger  gieng.    M.  D.  LXXX.J    4  ßl.  8°.     Anfang: 

'Ach  wer  will  hören  singen  Ein  kleglich  newes  Lied.' 

Mehrfach  verändert  sind  die  Nebenumstände  in  folgendem 

1596  gedruckten  Liede,  das  die  That  nach  Kirchen boland  im 

Allgergau  verlegt  und  zwei  Förster  als  Retter  der  bedrängten 

Frau  einführt: 

Zween  Erschreckliche  geschieht,  Gesangs  weise.  Die  Erste,  von 
einem  "Wirt  im  Allgergaw,  Bastian  Schönmundt  genandt,  in  ein  flecken 
Kirehenboland  wonhafftig  gewesen,wieersein  Ehelich  Wieb,  [!]so  schwanger 
Leibs  gewesen,  Dreyen  Mördern  verkaufft,  Geschehen,  im  6.  Januarij 
Anno  1596.  Auch  wie  er  seinen  Lohn  empfangen,  vnd  mit  dem  Rad 
gericht  ist  worden.  In  König  Lassla  Thon.  (Berlin  Ye  5141).  4  Bl.  8°. 
Gedruckt  im  Jahr  Christi,  Anno  1596. 

1.  Ihr  Christen  höret  ein  wenig  zu, 
Was  ich  euch  jetzund  singen  thu, 
"Was  sich  hat  zugetragen 

Gar  ein  wunderlich  Geschieht 
In  kurtz  verschienen  Tagen. 

2.  Als  man  zehleii  thet  fürwar 

Ein  tausent  vnd  fünff  hundert  Jahr, 
Sechs  vnd  !)  neuntzig  darneben, 
Ist  das  ein  gründlicher  Bericht, 
So  sich  da  hat  begeben. 

3.  Ein  Fleck  ist  menniglich   bekandt, 
Kirchenbolandt  ist  er  genandt, 
Darin  ein  "Wirdt  thet  wohnen, 
Bastian  Schönmund  ist  er  genandt, 
Thet  sein   Weib  nicht  verschonen. 

4.  Vnd  er  hat  sich  zuvor  bedacht, 

Mit  dreyen  Mördern  ein  Kauff  gemacht, 
Verkaufft  heimlich  geschwinde 
Vmb  dreihundert  Gülden  sein  Weib, 
Im  Wald  wollten  sie  sieh  finden. 

5.  Vnd  fürwar  auff  einen  Sontag 

Aus  falschem  Hertzen  der  Wirt  sprach 
Zu  seiner  Frawen  balde, 
Sie  wollten  mit  einander  gehn 
Spatzieren  in  den   Walde. 


*)  Druck :  vntz. 

Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  19 


290  Zur  Volksdichtung. 

6.  Er  hat  fürwar  ein  schönes  Weib, 

Vnd  sie  ging  gros  mit  schwangerm  Leib 
Vnd  sie  war  gar  nicht  alte  ; 
Aus  falschem  Gemüth  vnd  Hcrtzen 
Führt  er  sie  in  den  Walde. 

7.  Sie  hat  sich  angelegt  mit  Fleiss, 
Hat  vnterm  Arm  ein  Tüchlein  weiss, 
Da  sie  kamen  in  den  Walde, 

Da  nahm  der  Wirth  das  Tuch  gar  fein 
Vnnd  breitet  auss1)  geschwind  vnd  bald. 

8.  Die  Mörder  das  Geld  von  Silber  weiss 
Zeltens  auff  den  Tuch  mit  Fleiss 
Drey  hundert  Gülden  bare. 

Ein  jeder  Christ  die  That  bedenck 
Vnd  hüt  sich  vor  Gefahre. 

9.  Der  Wirt  das  Geld  thet  nemen  schon 
Vnd  hies  die  Frawen  warten  thun, 
Er  wollt  nach  etwas  sehen, 

Vnd  lies  die  Frawe  gar  allein 
Vnter  den  Mördern  stehen. 

10.  Die  Fraw  stund  da  mit  schwangerm  Leib, 
Das  Herz  erzittert  in  dem  Weib, 
Noch  thet  sie  Gott  vertrawen. 

Die  Mörder  bunden  sie  an  ein  Baum, 
Worffens  Loss  vmb  die  Frawen. 

11.  Vnd  das  Loss  wurffen  sie  gar  schon, 
Welcher  sie  solt  auffschneiden  thun, 
Es  thet  auffn  Jüngsten  fallen, 
Welcher  sein  Leblang  kein  Mord 
Hat  helffen  volbringen. 

12.  Er  nam  das  Messer,  gieng  hinzu, 
Er  kundt  ihr  aber  gar  nichts  thun,. 
Er  kund  nicht  bey  sie  kommen 
Wol  auff  ein  Schrit  oder  drey, 
Wie  ich  doch  hab  vernommen. 

13.  Der  ander  bald  das  Messer  nam: 
cDu  must  dich  nicht  so  stellen  thun, 
Wenn  du  mit  vns  wilt  morden, 

Du  must  sie  wacker  greiffen  an,' 
Sprach  er  mit  trotzigen  Worten. 


l)  Druck:  auff. 


39.  Das  Lied  von  der  verkauften  Müllerin.  291 

14.  Er  gieng  bald  nach  der  Frawen  hinan 
Vnd  wolt  sie  schnell  auffschneiden  thun 
Vnd  kund  nicht  bey  sie  kommen  ; 
Denn  Gott  war  mit  diesem  Weib, 

Wie  ich  hab  vernommen. 

15.  Der  dritte  trat  mit  Hertzen    hinan 
Vnd  wolt  die  Fraw  auffschneiden  thun, 
So  gibt  Gott  seine   Gaben, 

Das  zween  Waltförster  gut 
In  den  Wald  theten  draben. 

16.  Die  Förster  sahen  die  mörderisch  That, 
Ein  jeder  sein  Rohr  gespannet  hat 
Vnnd  die  Hahn    auffgezogen 

Vnd  schoss  den  ersten  durch  das  Hertz, 
Ist  war  vnd  nicht  erlogen. 

17.  Der  andere  Förster    auch  geschwind 
Dem  andern  schoss  durch  die  Seyten  hin, 
Die  zween  theten  todt  bleiben ; 

Denn  dritten  haben  sie  auch  bald 
Mit  Spiessen  thun   entleiben. 

18.  Da  die  Förster  so  ritterlich 
Vnd  manhafftig  gewehret  sich 
Vnnd  sie  alle  entleibet, 

Sind  sie  gelauffen  zu  dem  Bawm, 
Von  Stricken  erlöst  das  Weib. 

19.  Vnd  führten  sie  aus  dem  Wald  hinaus 
In  ihres  Nachbarn  Hauss. 

Der  thet  zum  Schuldtheis  gehen, 
Das  man  etliche  Menner  auffmahnt. 
Bitt,  wollet  mich  recht  verstehen. 

20.  Die  beyde  Förster  ohne  Grauss 
Giengen  hin  in  des  Wirts  Hauss, 
Begerten  ein  Kanne  Weine. 

Der  Wirth  mit  trawrigem  Muth 
Gieng  in  der  Stuben  alleine. 

21.  Die  beyde  allein  haben  sich  bedacht 
Vnd  dem  Wirth  einen  Trunck  gebracht 
Vnd  ihn  zwischen  sich  genommen 

Vnd  haben  gefragt  nach  seinem  Weib. 
Er  sagt:  'Sie  wirdt  baldt  kommen.' 

19* 


292  Zur  Volksdichtung. 

22.  Ein  Strick  der  ein  Förster  hat, 
Weiss[t]   den  vnd  sagt  ihm  von  der  That, 
Ob  er  den  auch  thet  kennen, 

Da  er  sein  ehelich  Weib 
Verkaufft  hat  an  demselben  Enden, 

23.  Vnd  wurft'en  ihm  den  Strick  an. 

Der  Wirth  erschrack  gar  sehr  davon, 
Er  must  sich  gefangen  geben; 
Das  Haus  war  allenthalben   vmbstellt, 
Das  sing  ich  euch  gar  eben. 

24.  Sie  führten  ihn  gefenglich  ein, 
Vnd  allda  must  er  innen  sein, 
Biss  das  Gericht  thet  kommen. 
Da  hat  ihm  das  Gericht  gegeben, 
Das  bracht  ihm  nicht  viel  Frommen. 

25.  Das  Vrtheil  ihm  geben  hat, 
Vnd  das  man  ihn  mit  dem  Radt 
Von  vnten  an  solt  stosäen. 

Es  solt  menniglich  ein  "Warnung  sein, 
Von  den[!]  Bösen  zu  lassen. 

26.  Also  bekam  er  seinen  Lohn, 
Was  er  hat  verdienet  schon 
Allhie  in  seinem  Leben. 

Die  schreckliche  That  bedenckt, 
Die  sich  da  hat  begeben. 

27.  Sehr  wunderbarlieh  Gottes  Sohn 
Die  Seinen  erhalten  kan, 

Vnd  sie  auch  recht  begaben. 
Also  beschert  Gott  diesem  Weibe 
Auch  noch  zween  junge  Knaben. 

28.  Es  verwundert  Weib  vnd  Man, 

Das  sie  keinen  Schaden  empfangen  hau 
In  ihren  grossen  Schmertzen. 
Das  möcht  manch  Mutter  Kind 
Wol  gehen1)  zu  Hertzen. 

29.  Der  allmechtige  Gottessohn, 
Der  die  Seinen  erhalten  kan, 
Der  helft'  vns  alle  sammen 

Vnnd  mach  vns  Erben  in  seinem  Reich 
Durch  .Thesuni  Christum.  Amen.] 


')    Druck:  gegen. 


40  a.  Und  wenn  der  Bimmel  war  Papier.  293 

40a.  Und  wenn  der  Himmel  war  Papier. 

(Orient  und  Occidenl   2,  546—559.     1863.) 

Nicht  nur  Mythen,  Märchen,  Novellen  und  Fabeln.  Lieder, 
Sprüche,  Sprichwörter  und  Rätsel  wandern  von  Volk  zu  Volk 
und  lassen  sich  in  mannigfach  veränderter  Gestalt  über  weite 
Strecken  des  Raumes  und  der  Zeit  verfolgen,  auch  von  einzelnen 
Vergleichungen,  Bildern  und  dichterischen  Formeln  gilt  das- 
selbe. Freilich  wird  man  auch  liier  zuweilen  —  und  noch 
Öfter  als  dort  — ■  geneigt  sein,  keine  Wanderung,  keine  Ent- 
lehnung voneinander,  sondern  selbständige,  unter  sich  unab- 
hängige Erfindung  anzunehmen. 

Ich  erlaube  mir  nun  den  Lesern  dieser  Blätter  eine  viel- 
fach vorkommende  dichterische  Formel,  die  ich  seit  langem 
im  Auge  gehabt  habe,  in  den  mir  bisher  bekannt  gewordenen 
verschiedenen  Gestalten  und  Anwendungen  vorzulegen,  und 
besinne  gleich  mit  den  ältesten. 

Der  berühmte  Rabbi  Rabbi  Jochanan  ben  Zacchai,  der 
zur  Zeit  Vespasians  lebte  und  Lehrer  des  Josephus  gewesen 
sein  soll,  soll  von  sich  gesagt  haben1):  'Wenn  alle  Himmel 
Pergament  wären  und  alle  Söhne  der  Menschen 
Schreiber  und  alle  Bäume  des  Waldes  Schreibfedern, 
sie  könnten  nicht  ausschreiben  was  ich  gelernt  habe'  (Jalkut 
fol.  7,  col.  1.  Chronic.  Sehalscheleth  fol.  26,  2).  Im  Talmud 
aber  (Schabbas  fol.  11,  1)  heisst  es:  'Wenn  alle  Meere 
Tinte  und  alle  Binsen2)  Seh  reib  federn  und  der  |  ganze  547 
Himmel  Pergament  und  alle  Söhne  der  Menschen 
Schreiber  wären,  sie  reichten  nicht  aus  zu  beschreiben 
die  Tiefe  des  Herzens  der  Könige1. 

Hiermit  stimmt  ziemlich  genau  überein  eine  Stelle  eines 
noch  heute  üblichen  hebräisch  -  aramäischen  Pfingstliedes, 
welches  der  im  elften  Jahrhundert  lebende  Rabbi  Meir  ben 
Isaak  gedichtet  hat.     Sie  lautet: 


')  Diese  und  die  folgende  Stelle  des  Talmud  finden  sich  hebräisch 
und  lateinisch  in  Johannis  Buxtorfii  Lexicon  chaldaicum,  talmudicum  et 
rabbinicum,  Basileae  1640,  p.  2042,  vgl.  p.  22. 

2)  Hebräisch  agaraini,  von  Buxtorf  'junci'  übersetzt. 


294  Zur  Volksdichtung. 

'Wären  die  Firmamente  Rollen  und  Federn  alles 
Röhricht  x),  wären  alle  Meere  und  alle  Gewässer  der 
Seen  Tinte,  wären  alle  Bewohner  der  Erde  Schrift- 
gelehrte  und  geübte  Schreiber,  so  wäre  doch  unbe- 
schreiblich die  Majestät  des  Himnielsherren  und  des  Erdball- 
fürsten". 2) 

Aus  dem  Koran  gehören  zwei  Stellen  hierher.  Die  eine 
(Sure  31,  V.  26)  lautet  nach  Ulimanns  Übersetzung  (Crefeld 
1842,  S.  352):  'Wären  auch  alle  Bäume  auf  der  Erde 
Schreibfedern  und  würde  auch  das  Meer  zu  sieben 
Tinten  in  eeren  anschwellen,  so  würden  die  Worte  Gottes 
doch  noch  nicht  erschöpft  sein,  denn  Gott  ist  allmächtig  und 
allweise.'3)  Die  andere  (Sure  18,  V.  109,  bei  IJllmann  S.  250): 
'Wenn  selbst  das  Meer  Tinte  wäre,  das  Wort  meines  Herren 
ganz  nieder  zu  schreiben,  so  würde  doch  das  Meer  noch  eher 
als  das  Wort  meines  Herrn  erschöpft  sein,  und  wenn  wir  auch 
noch  ein  ähnliches  Meer  hinzufügten5. 4)  In  einem  türkischen 
Traktat,  der  sich  handschriftlich  auf  der  Dresdener  Bibliothek 
befindet  und  den  Ebert  in  den  Kuriositäten  (Weimar  1818) 
7,  335  ff.  übersetzt  hat,  lesen  wir,  dass  nach  der  eigenen  Er- 
zählung des  Propheten,  die  sein  Vertrauter  Ans  Ebn  Malek 
überliefert  hat,  der  Engel  Gabriel  den  Propheten  die  Kraft 
548  eines  gewissen  mystischen  Gebe-  |  tes  also  geschildert  habe: 
'Wenn  alle  Meere  Tinte,  alle  Bäume  Schreibfedern, 
alle  Menschen  Schreiber  wären,  so  würden  sie  dennoch 
von   nun  an  bis  zur  Auferstehung   die  Kraft   dieses   Gebetes 


1)  kene  kol  churschata. 

2)  Auf  die  Existenz  dieser  Stelle  bin  ich  durch  den  Anonymus  in 
Frommanns  Deutschen  Mundarten  6,  223  aufmerksam  gemacht  worden, 
der  sie  jedoch  nicht  wörtlich  mitteilt.  Diese  Mitteilung  in  Original  und 
Übersetzung  verdanke  ich  Herrn  Professor  Paulus  Cassel  in  Berlin. 

3)  Ullmann  bemerkt  zu  der  Stelle :  'Eine  ganz  ähnliche  Stelle  be- 
findet sich  im  Talmud,  und,  wenn  ich  nicht  irre,  im  Tr.  Sabbath.  Vgl.  auch 
Sure  18,  S.  250.' 

4)  "Wenn  in  der  Zeitschrift  für  die  deutschen  Mundarten  a.  a.  0. 
Koran  Sure  31,  26;  18,  109;  16,18  citiert  werden,  so  ist  das  letzte  Citat 
ungehörig,  da  an  jener  Stelle  nur  ganz  allgemein  gesagt  wird:  Gottes 
"Wohlthaten  seien  nicht  zu  zählen. 


40a.   Und  wenn  der  Himmel  war  Papier.  295 

nicht  beschreiben  können.'1)  Es  ist  kaum  notwendig  daran 
zu  erinnern,  dass  in  allen  drei  Stellen  der  Himmel  als 
Pergament  fehlt. 

Indem  ich  mich  nun  nach  Europa  wende,  beginne  ich 
zunächst  mit  Griechenland. 

In  einem  neugriechischen  Lied  klagt  ein  Liebender, 
wie  in  der  Zeitschrift  für  die  deutschen  Mundarten  a.  a.  0. 
ohne  Quellenangabe  mitgeteilt  ist: 

Tor   ovgavo  xäfivco   "/aqxl,  xtjv  fiüXaooa  fxeXävrj, 
Na  ygäyco  zä  Tieiofiauxa  xai~jräX.n>  Skr  fik  qpßävei, 
•d.  h.  Den  Himmel  nehm  ich  zum  Papier,  zur  Tinte  nehm  das  Meer  ich, 
Um  auszuschreiben  all   mein  Leid,  doch  reiche  nimmermehr  ich. 

Im  Gedanken  ganz  gleich,  in  den  Worten  etwas  anders 
gewandt  hörte  Edward  Dodwell  von  Atheniensern  singen: 

Na  ijzarE  6  ovgavo.;  y.aori]  y.al  ?)   ßäXaooa  fieXai'v>], 
Aia  va  ygäcfsn'  rovg  novovg  fiov  axofii  der  sar&aivs 

d.  h.  Wenn  der  Himmel  Papier  wäre  und  das  Meer  Tinte, 
es  würde  doch  uichtausreicheu,um  meine  Leiden  auszuschreiben. 
Dodwell  (A  classical  and  topographical  tour  through  Greece, 
London  1819,  II.  S.  18)  findet  dies  übrigens  csingularly 
hyperbolical  and  ridiculousT2) 

Endlich  gehört  hierher  noch  der  Anfang  eines  jener  Lieder, 
mit  denen  am  ersten  Januar,  dem  Feste  des  heiligen  Basilios, 
die  einzelnen  Glieder  eines  Hauses  angesungen  werden.  |  Das  549 
uns  hier  berührende  Lied  gilt  einem  erwachseneu  Sohne,  der, 
wie  Müller  in  seiner  Übersetzung  der  Faurielschen  Sammlung  2, 
127    sagt,    dem  Inhalte    nach    einen  Anstrich    von    gelehrter 

*)  Ebert  vergleicht  in  einer  Anmerkung  S.  339  Koran  21,  26, 
Buxtorfs  Lexikon  a.  a.  0.  und  zwei  unten  anzuführende  Stellen,  die  eine 
von  Chaucer  oder  vielmehr  von  Lydgate,  die  andere  aus  Des  Knaben 
Wunderhorn. 

2)  Mit  den  Yersen  bei  Dodwell  müssen  die  von  Hobhouse,  Journey 
through  Albania  p.  1091  mitgeteilten  wohl  genau  stimmen.  Hobhouse 
ist  mir  nicht  zur  Hand,  Talvj  in  ihrem  Versuche  einer  geschichtlichen 
Charakteristik  der  Volkslieder  germanischer  Nationen,  Leipzig  1840, 
S.  450  citiert  Hobhouse,  giebt  aber  nur  eine  deutsche  Übersetzung: 
Wenn  all  das  Weltmeer  Tinte  war'  der  Himmel  all  Papier, 
Wollt'   ich  beschreiben  meinen  Schmerz,  nicht  Gnüge  thät'  es  mir. 


296  Zlu"  Volksdichtung, 

Bildung   haben   müsste.     Der   Anfang  lautet  (Fauriel  2,  252, 
daraus  Passow,  Popularia  carmina  Graeciae  recentioris  nr.  303): 

rgattftUTtxs,  yoctftfianxE,  ygaii/tarixt:  xul  xpakrrj, 

Tor  ovqolvov  e%eis  "//toxi,  ri]v  ßulaooav  fieXävi, 

K*  av  syQCupes,  x    uv  ^eyoafpsg,  ri/r  döXaiav  rl/r  uyä.-n/v. 

il.  h.     0  Schreiber  du,  o  Schreiber  du,  o  Schreiber  du  und  Sänger ! 

Du  nimmst    den  Himmel   zum  Papier,    das  Meer  zu  deiner  Tinte, 
So    oft   du    schreibst    und  wieder  schreibst    an  deine  arme  Liebe. 

(Müller  2,  109.) 

Von  den  Griechen  wenden  wir  uns  zu  den  ihnen  be- 
nachbarten Serben.  In  einem  Liede  (Talvj,  Volkslieder  der 
Serben  2,  87)  spricht  eine  Liebende: 

All  der  Himmel  wenn's  ein  Blatt  Papier  war', 
All  der  Wald  wenn  es  Rohr  federn  wären, 
All  das  Meer  wenn's  schwarze  Tinte  wäre, 
Und  wenn  ich  daran  drei  Jahre  schriebe, 
Nicht  ausschreiben  könnt1  ich  meine  Schmerzen. 

Gehen  wir  nun  nach  Italien  über.  Hier  habe  ich 
zunächst  einen  mittelalterlichen  Dichter  anzuführen,  der  freilich 
in  lateinischer  Sprache  schrieb.  Henricus  Septimellensis, 
von  seinem  Geburtsort  Settimello  im  Florentinischen  so  ge- 
nannt, dichtete  im  Jahre  1191  oder  1192  eine  Elegia  de 
diversitate  fortunae  et  philosophiae  eonsolatione,  von  deren 
Beliebtheit  auch  eine  alte  italienische  Prosa-Übersetzung  zeugt 
(vgl.  Tiraboschi,  Storia  della  letteratura  ital.,  sec.  ediz.  4, 
449;  Grässe,  Litterärgeschichte  2,  o,  825).  In  diesem  Gedicht 
(liber  1,  v.  232,  bei  Leyser,  Historia  poetarum  medii  aevi 
p.  464)  klagt  der  Dichter: 

Tot  mala,  tot  poenas  patior,  quod  si  quis  arenam 
Conferat  in  numero,  cedat  arena  meis. 

Pagina  sit  coelum,  sint  frondes  scriba,  sit  unda 
Incaustum:  mala  non  nostra  referre  queant. 

In  italienischer  Sprache  kann  ich  mehrere  neuerdings 

gesammelte  und  bekannt  gemachte  Volkslieder  anführen.  Ein  | 

550    toscanisches  Volkslied    bei    Tommaseo,   Canti  popolari   1,   97 

danach    bei  Tigri,    Canti    popolari   toscani    S.   76,    nr.    268) 

lautet : 


40a.  Und  wenn  der  Himmel  war  Papier.  29  i 

Se  gli  alberi  potesser  favellare, 

Le  foglie  che  c'  e  su,  baren  le  lingue,  l) 

E  fusse  inchiostro  l'acqua  dello  mare, 

La  terra  fusse  carta,  e  l'erba  penne, 

Tanto  ci  mancherebbe  qualche  foglio 

A  scrivere,  amor  mio,  '1  ben  che  vi  voglio. 

Ein  anderes   bei  Tommaseo   1,  08  ist  zum  Teil  wörtlich 
gleich,  zum  Teil  wieder  abweichend: 

Se  gli  alberi  potessan'  favellare, 
Le  fronde  che  son  su  fossano  lingue, 
L1  inchiostro  fosse  l'acqua  de  lo  mare, 
La  terra  fusse  carta  e  l'erba  penne, 
E  in  ogni  ramo  ci  fusse  im  bei  foglio, 
Ci  fusse  scritto  il  bene  che  ti  voglio! 
E  in  ogni  ramo  ci   fasse  un  bei  breve, 
Ci  fusse  scritto  quanto  ti  vo'  bene! 

Ein  venezianisches  Lied  bei  Dalmedico,  Canti  del  popolo 
veneziano.  seconda  edizione,  Venezia  1857,  S.  70  lautet: 

Vorave  che  qu'i  albori  parlasse, 

Le  fogie  che  xe  in  cima  fusse  lengue, 

L'  aqua  che  xe  nel  mar  el  fusse  ingiostro, 

La  tera  fusse  carta  e  l'erba  pene, 

Ghe  scrivaria  una  letera  al  mio  Bene. 

Ma  chi  fusse   quel  can  che  la  lezesse, 

Sentir  le  mie  passion  e  no  pianzesse?2)  | 

In    einer    corsischen    Tütenklage    bei  Tommaseo    2,    158    551 
rühmt  die  Klägerin  die  Thaten  des  Ermordeten  und  sagt  von 
ihnen : 


1 )  Vgl.  im  deutschen  Märchen  'Vom  treuen  Johannes'  (Grimm  nr.  6) 
die  Worte  :  Meine  Liebe  ist  so  gross,  wenn  alle  Blätter  an  den  Bäumen 
Zungen  wären,  sie  könnten's  nicht  aussagen. 

'-)    Nach  Paul  Heyses  Übersetzung  (Italienisches  Liederbuch  S.  77): 

Ich  wollte  dass  die  Bäume  sprechen  könnten, 

Die  Blätter  an  dem  Gipfel  Zungen  wären, 

Das  Meer  zu  Tinte,  zu  Papier  die  Erde, 

Die  Flur  soll  statt  der  Gräser  Federn  treiben, 

Dann  würd'  ich  meinem  Schatz  ein  Briefchen  schreiben. 

Wo  wäre  dann  der  Hund,  der  all  mein  Sehnen 

Geschrieben  sah'  und  las'  es  ohne  Thränen? 


298  Zur  Volksdichtung. 

S'ejo  l'avessi  da  scrive, 
S'ejo  l'avessi  da  stampane, 
D'argentu  buria  la  piumma, 
E  d'oru  lu  calamane, 
Per  inchiostru  ci  vuria 
Tutta  l'acqua  di  lu  mare. 
Per  papere  ci  vuria 
La  piana  di  Mariana.  ') 

Hervorzuheben  ist,  dass  in  allen  angeführten  italienischen 
Volksliedern  als  Papier  nicht  der  Himmel,  sondern  stets  die 
Erde  (im  corsischen  Liede  Marianas  Ebene)  gedacht  wird, 
was  uns  später  auch  im  Englischen  begegnen  wird. 

Es  bleibt  noch  ein  toscanisches  Lied  zu  erwähnen,  wo 
die  Erde  als  Papier  fehlt,  als  Schreiber  aber  die  Sterne  ge- 
dacht werden,  was  sonst  nur,  wie  wir  gleich  sehen  werden, 
in  der  deutschen  Poesie  vorkommt: 

Se  l'acqua  dello  mare  fosse  inchiostro 
D'ogni  Stella  ci  fusse  uno  scrivano, 
Non  scriveressi  il  bene  ch'  io  vi  voglio. 

(Tigri  S.  240,  2.  Ausg.  S.   131. 

In  französischer  Sprache  ist  mir  nur  eine  Stelle  bekannt 
geworden,  und  zwar  ein  Erzeugnis  der  altfranzösischen  Kunst- 
lyrik. In  einem  Lied  eines  ungenannten  Dichters  (Wacker- 
nagel, Altfranzösische  Lieder  und  Leiche  S.  64)  wird  gesagt, 
die  Güte  des  Erlösers  könne  keiner  aussprechen,  auch  wenn 
er  alle  Sprachen  verstände  und  wenn  Meer  und  Himmel  in 
Tinte  und  Pergament  verwandelt  wären,  j 


l)  Nach  Paul  Heyses  Übersetzung  ä.  a.  O.  S.  240  : 

Wenn  ich  es  zu  schreiben  hätte, 
Wenn  in  Druck  ich's  geben  sollte, 
Müsste  silbern  sein  die  Feder 
Und  das  Schreibzeug  ganz  von  Golde, 
Tinte  müsste  sein  die  Meerflut 
Alle  die  ans  Ufer  rollte, 
Und  Papier  Marianas  Ebne, 
Drauf  ich  alles  schreiben  wollte. 


40  a.  Und  wenn  der   Himmel  war  Papier.  299 

meir  et  ciels  fuissent  muei  552 

en  encre  et  en  parchamin.  ') 

Ehe  ich  Stellen  in  deutscher  Sprache  mitteile,  schicke 
ich  zwei  Stellen  in  lateinischer  Sprache  voraus,  die  aber  von 
Deutschen  herrühren. 

Ein  sonst  unbekannter  Adolphus  dichtete  im  Jahre  1315 
in  elegischem  Masse  zelin  fabulae  mit  Prolog  und  Epilog, 
sämtlich  auf  List  und  Trug  der  Weiber  sich  beziehend,  die 
Leyser  in  seiner  Historia  poetarum  medii  aevi  p.  2007  ff. 
herausgegeben  hat,  und  sagt  darin  v.  575  ff. 

Si  stellaa  scribaä,  pelles  coelum,  maris  unda 

Esset  ineaustnm,  nee  eifra  cum  soeiis 
Sufficerent  plene  mulierum  seribere  fraudes, 

Cum  quibus  illaqueant  corda  modo  juvenum. 

Sehr  ähnlich  ist  der  von  Mone  im  Anzeiger  für  Kunde 
deutscher  Vorzeit  1834,  Sp.32  aus  einer  Handschrift  des  15.  Jahr- 
hunderts  in   der   Heidelberger  Bibliothek   mitgeteilte  Spruch: 

Si  membrana  polus  foret,  encaustum  mare,  stellae 
Penna?,  non  possent  mulierum  seribere  velle. 

In  diesen  beiden  lateinischen  Stellen  haben  wir  wie  in 
fast  allen  folgenden  deutschen  die  Sterne  als  Schreiber. 

In  dem  anmutigen  mittelhochdeutschen  Gedicht  (das 
Rädlein' von  Johann  von  Freiberg,  welches  wahrscheinlich 
dem  13.  Jahrhundert  angehört  (von  der  Hagen,  Gesamt- 
abenteuer 3,  111  ff.),  sagt  eine  Jungfrau,  nachdem  sie  das 
erste  Mal  der  Liebe  genossen,  v.  435  ff.: 

Und  waere  das  mer  tinte 

Und  der  himel  perminte 

Und  alle  sterne  daran, 

Beide,  sunne  unde  man, 

Gras,  grie3  unde  loup, 

Darzuo  der  kleine  sunnen  stoup, 

Da3  da3  wreren  pfaffen  und  schribsere, 

Den  waere  e3  allen  ze  swsere  | 

Da3  sie  vol  schriben  und  vol  lesen 

Künden,  wie  sanft  mir  ist  gewesen. 


l)  Die  Handschrift  des  Liedes  bat  cterre  et  ciels',  Wackernagel 
bessert  aber  S.  177  mit  Recht  cmeir'  und  vergleicht  dann  cvon  vielen 
Stellen  ähnlicher  Art'  die  oben  angeführte  des  Henricus  Septimellensis 
und  die  gleich  anzuführende  des  Johann  von  Freiberg. 


553 


300  Zur   Volksdichtung. 

In  der  Schrift  von  der  ewigen  Weisheit  des  Mystikers 
Heinrich  Suso  (-J-  1365),  den  Wackernage]  in  seiner  Literatur- 
geschichte S.  336  cüberschwänglich  in  Bildern  der  Phantasie 
und  den  Ergüssen  der  Empfindung,  einen  Minnesinger  in  Prosa 
und  auf  geistlichem  Gebiete'  nennt,  linden  wir  folgende  Stelle 
(Wackernagel,  Altdeutsches  Lesebuch  2.  Aufl.,  S.  873.  29): 
'Wer  git  mir  des  himels  breit  bermit,  des  meres  tiefe 
ze  tineten.  lob  und  gras  zu  vedren,  das  ich  vol  schrib 
min  herzeleid  und  da,3  unwiderbringlich  ungemach  das  mir 
da3  leitlich  scheiden  von  mineni  geminten  hat  getan?' 

Andere  mittelhochdeutsche  Stellen  bieten  die  Formel  nur 

unvollständig    und    entstellt.     Reinbot    von    Dum    sagt    in 

seiner  Dichtung  vom  heiligen  Georg,  die  zwischen  1231 — 1253 

verfasst  sein   muss,   einmal  (V.  3041   ff.<: 

Wsere  der  grie3  gar  gezalt, 
Der  bi   allen   wa"s~sern  lit, 
Und  wsere  da3  allis  permit 
Und  bie  darzu  wsere 
Iglicher  stern  ein  schribsere, 
Die  mohten  von  der  godis  kraft 

Noch  von  aller  siner  geschaft 

Vol  ahten,  aoeh  vollen  schriben. 

Und  schon  vorher,  V.   1013: 

AVior  allis  laub   permit, 

Daran  mohte  man  geschriben  niht 

Die  froeude  die  man  an  in  beiden  siht  - 

nämlich  an  Christus  und  seiner  Mutter  im  Himmel. 

In  dem  1293  verfassten  Gedicht  von  den  Martern  der 
heiligen  Martina  des  Bruders  Hugo  von  Langenstein  lesen 
wir  81,  13  ff. 

YYasre  e3  so  geschaffen 

Da3  alle  steinen  pf äffen 

AVieren  wol  geleret  .  .  . 

Die  mohten  niht  den  anevanc 

Machen  kunt,  der  äne  wanc 

Ze  diner  (Gottes)  wislieir  pfuhtet. 

Der  Dichter  einer  Marienklage  (bei  Mone,  Schauspiele 
des  Mittelalters  1.  245)  singt:  I 


40a.  Und  wenn   der   Himmel   war  Papier.  ;-)01 

Wim  war  der  himel  bermlt  \vi3  554 

Unt  leite  ich  allen   lniiien   vli"s 

Unt  schribe  ich  alle  niliie  tage 

Die  vil  bitterlichen  Klage 

Marien  unt  die  augehabe, 

Die  sie  tet  an  ir  Kindes  grabe, 

Ich  mühte  e3  niht  geschriben. 

In  einem  Fastnachtspiele  des  15.  Jahrhunderts,  wahr- 
scheinlich von  Hans  Rosenplüt  (Keller  S.  134),  sagt  ein 
Ehemann: 

Nu  hört,  ir  frauen   und  ir  man, 

Wie  ich  mein  weip  so  recht  liep  han. 

Wenn  das  mer  eitel  tinten  wer, 

Das  schrieb   man  alle  auss  trucken   und  1er, 

Dass  nindert  kein  tropf  darin  belieb, 

Ee  man  mein  lieh  nur  halbe  gesclirieb, 

Die  ich  hab  tag  und  nacht  zu  ir: 

So  unausprechlich  liebt  sie  mir.1) 

In    einem   handschriftlichen   gereimten    Liebesbriefe   vom 

Jahre  1548  (Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1858, 

S.  216)  schreibt  der  Liebende: 

Ich  hett'  euch  geren  mer  geschriben, 

Mich  hat  die  Inbrinstigkeit  der  Lieb  vertriben. 

Und  wan  der  Himel  war'  Papier, 

Und  ein  jeder  Steren  ein  stolzer  Schreiber  war1, 

So  kund  ich  euchs,  Herzlieb,  nit  alls  erschreiben. 

Um  die  unaussprechliche  Grösse  der  Liebe  anzudeuten, 
kommen  Himmel  und  Sterne  als  Papier  und  Schreiber  in 
deutschen  Volksliedern  sehr  häufig  vor.  Das  Meer  als  Tinte 
wird  im  Volkslied  nie  erwähnt. 

Wenn  glai  dar  Hiemmel  popiren  weär' 
Onn  ides  Stanle  a  Schraiberle  weär1 
Onn  schrieben  a'n  ides  meit  sieve  Hend', 
Se  queme  ni  meit  niai'r  Liv  zu  End'. 

Alte  teutsche  Volkslieder  in  der  Mundart  des  Kuh- 
ländchens,  hsg.  von  J.  G.  Meinert  (Wien  u.  Hamburg  181?) 
1,  253.  I 


')  Ich  folge  in  der  4.  und  6.  Zeile  der  Münchner  und  Wolfenbüttler 
Handschrift. 


302  ^ur  Volksdichtung. 

555  U  wenn  der  Himmel  papyrige  war' 
Und  e  jede  Sterne-n-e  Schryber  war' 

U  jedere  Schryber  hätt  siebe  siebe  Hand1, 
Sie  schriebe  doch  all!  mir  Liebi  kes  End'. 

Schweizerisch,  Wunderhorn,  neue  Ausg.   1,  334. 

Und  wenn  der  Himmel  war'  Papier 
Und  jeder  Stern  ein  Schreiber  war' 
Und  schrieben  all  mit  tausend  Hand', 
Sie  schrieben  doch  der  Liebe  kein  End'. 

Fränkisch,  Wunderhorn  4,  138. 

Wenn  all  der  Himmel  war'  Papier 
Und  jeder  Stern  ein  Schreiber  schier 
Und  beschrieben  das  ganze  Firmament, 
Sie  schrieben  der  Liebe  ja  noch  kein  End'. 

Aus  Rheindorf  bei  Bonn,  Simrock,  Deutsche  Volkslieder  S.  605. 

Und  wann  der  Himmel  war'  Papier 
Und  jeder  Stern  könnt'  schreiben  hier 
Und  schreiben    die  Nacht  bis  wieder    an  Tag, 
Sie  schreiben  die  Liebe  kein  Ende,  ich  sag! 

Aus  Schwaben  in  Böckhs  und  Gräters  Bragur  1  (1791), 
S.  275,  daraus  in  Biischings  und  von  der  Hagens  Sammlung 
deutscher  Volkslieder  'S.  147. 

Und  wenn  der  Himmel  Papiere  war' 

Und  alle  die  Sterne  die  Schreiber  wär'n, 

Schreiben  thäten  sie  die  liebe  lange  Nacht, 

Sie  könnten  nicht  beschreiben  was  Liebe  ausmacht. 

v.  Ditfurth,  Fränkische  Volkslieder  2,  73. 

Und  wenn  der  Himmel  papieren  war' 
Und  alle  Sternlein  Schreiber  wär'n 
Und  schrieben  von  Morgen  bis  in  die  Nacht, 
So  schrieben  sie  uns  beide  die  Liebe  nicht  ab. 
Aus  Thüringen  im  Weimarischen  Jahrbuch  3,  300. 

Derartiger  Volkslieder  oder  Liebesbriefe  erinnerte  sich 
ohne  Zweifel  der  Dichter  der  1799  zum  erstenmal  erschienenen 
Jobsiade,  Konrad  Arnold  Kortüm,  als  er  darin  (Buch  3, 
Kap.  20,   Strophe  13)  Esther   an   den  Baron   schreiben  liess: 

Wenn  der  ganze  Himmel  Papier  wäre 
Und  alle  Sterne  Schreiber  und  Sekretäre  | 

556  Und  schrieben  fort  bis  zum  jüngsten  Gericht, 

So  kleckten  sie  doch  zur  Beschreibung  meiner  Liebe  nicht. 


40  a.  Und  wenn  der  Himmel  war  Papier.  303 

Abweichend  von  den  bisher  mitgeteilten  Stellen  deutscher 
Volkslieder  sind  zwei  andere.  Nach  der  einen  (Altrhein- 
ländische  Märlein  und  Liedlein,  Coblenz  1843,  S.  106)  sollen 
die  Wolken  das  Papier  sein: 

Waren  alle  Sterne  Schreiber  gut 

Und  alle  AVolken  Papier  dazu 

Und  sollten  sie  schreiben  der  Liebsten  mein, 

Sie  brächten  die  Lieb'  in  den  Brief  nicht  hinein. 

Nach  der  anderen  (Wunderhorn  3,  107)  sollen  die 
Felder  Papier  sein,  wie  in  dem  oben  erwähnten  corsischen 
Liede  Marianas  Ebene: 

Ich  wollt'  dass  alle  Felder  wären  Papier 

Und  alle  Studenten  schrieben  hier, 

Sie  schrieben  ja  hier  die  liebe,  lange  Nacht, 

Sie  schrieben  uns  beiden  die  Liebe  doch  nicht  ab. 

Aber  nicht  bloss  zur  Anzeigung  massloser  Liebe  wird 
unsere  Formel  gebraucht.  In  einem  Volkslied  aus  der  Eifel 
(Schmitz,  Sitten  und  Sagen  des  Eitler  Volkes  1,  130)  klagt 
eine  arme  Seele: 

Allwann  der  Himmel  Papier  nur  war1 
Und  jedes  Sternlein  ein  Schreiber  war', 
Sie  könnten  nicht  beschreiben  zumal, 
"Was  ich  muss  leiden  für  Pein  und  Qual. 

In  einem  Schwank,  den  die  Sachsen  in  Siebenbürgen  er- 
zählen (Haltrich,  Deutsche  Volksmärchen  aus  dem  Sachsen- 
lande in  Siebenbürgen  S.  252)  sagt  ein  aufschneidender 
Student:  cIch  habe  soviel  gelernt,  dass  mans  nicht  nieder- 
schreiben könnte,  wenn  das  Meer  lauter  Tinte  und  der  ganze 
Himmel  Papier  wäre.5  Der  sächsische  Student  spricht  also 
ganz  ähnlich  dem  eingangs  erwähnten  jüdischen  Rabbi. 

Und  jetzt  kommen  wir  zum  Schluss  unserer  Sammlung 
deutscher  Stellen  zu  einem  Spruch,  der  die  Formel  in  ihrer 
Dreiheit  (Himmel.  Wasser,  Sterue)  bietet: 

Ja  wenn  gleich  war'  das  Firmament 

Lauter  Papier  und  Pergament, 

Und  alle  Wasser  samt  dem  Meer 

Nichts  denn  lauter  Tinten  war',  | 

Die  Stern  am  Himmel  allzumal,  557 

Deren  doch  seind  ohne  Zahl. 


304  Zur  Volksdichtung. 

Ein  jeder  sich  zum  Schreiben  rieht, 
Könnten  sie  docli  die  Bosheit  nicht 
Beschreiben  eines  bösen  Weibs: 
Der  Teufel  in  der  Höll  beschreibs. 

So  ist  der  Spruch  im  Jahre  1644  zweimal  in  ein  Stamm- 
buch eingezeichnet,  welches  damals  einem  Buchbindergesellen 
aus  Hall  in  Tirol  gehörte  und  sich  jetzt  in  der  Grossherzog- 
lichen Bibliothek  zu  Weimar  befindet  (Stammbücher  nr.  34). 
Denselben  Spruch,  nur  mit  ein  paar  kleinen  sprachlichen 
Varianten,  führt  der  Anonymus  in  der  Zeitschrift  für  die 
deutschen  Mundarten  a.  a.  0.  aus  dem  Rosetum  Historiarum  .  .  . 
durch  Matthaeum  Hammerum,  Zwickau  1654,  S.   165  an. 

Aus  England  kann  ich  zwei  Stellen  beibringen.  In  einem 
Gedicht  (A  balade  warning  men  to  beware  of  deceitfnll 
women),  welches  in  älteren  Ausgaben  Chaucers  (so  z.  B.  auch 
in  Robert  Andersons  The  works  of  the  British  Poets,  Vol.  1, 
p.  586,  London  1795)  ihm  beigelegt  wird,  aber  nach  einer 
Harleianischen  Handschrift  von  John  Lydgate  herrührt  und 
deshalb  aus  den  neueren  Ausgaben  Chaucers  verschwunden 
ist  (vgl.  The  Canterbury  Tales  of  Chaucer:  with  an  essay 
upon  his  language  and  versification,  an  introduetory  discourse 
notes,  and  a  glossary,  by  T.  Tyrwhitt,  Vol.  1,  London  1822, 
S.  LV)  heisst  die  letzte  Strophe : 

In  soth  to  saie,  though  all  the  yerth  so  wänne 
"Wer  parchiment  smoth,  white  and  scribabell, 
And  the  gret  se,  that  called  is  the  Ocean, 
Were  tournid  into  ynke  blackir  than  sabell. 
Eche  sticke  a  pen,  eche  man  a  scrivener  abel, 
Not  coud  thei  writin   woman's  trechirie, 
Beware  therefore,  the  blind  eteth  many'  a  flie. 

Ein  mir  befreundeter  Engländer  erinnert  sich  folgender 
Zeilen,  die  er  in  seiner  Jugend  auswendig  gelernt  hat: 

Could  I  with  ink  the  ocean  fill, 

Were  the  whole  earth  of  parchement  made, 

Were  every  blade  of  gras  a  quill 

And  every  man  a  scribe  by  trade  .... 

(Gottes  Grösse  könnte  nicht  ausgeschrieben  werden).   | 

558  Er   vermutet,  dass  die   Zeilen  aus  einem  geistlichen  Ge- 

dichte des  übrigens  sonst  sehr  poesielosen  Dr.  Isaac  Watts  sind. 


40a.  Und   wenn  der  Himmel   war  Papier.  305 


Das  sind  die  mir  bekannt  gewordenen  Gestalten  derselben 
Formel.  Wir  sind  ihr  —  um  das  Bisherige  zusammenzu- 
fassen —  bei  Juden,  Arabern,  Neugriechen,  Serben,  Italienern, 
Franzosen.  Deutschen  und  Engländern1)  begegnet,  und  ich 
glaube,  wir  haben  ihren  Ursprung  bei  den  Juden  zu  suchen 
und,  solange  kein  älteres  Vorkommen  nachgewiesen  wird, 
den  Rabbi  Jochanan  als  ihren  Vater  zu  betrachten.  Der  Koran 
hat  ohne  Zweifel  aus  dem  Talmud  entlehnt;  für  die  spätere 
Verbreitung  der  Formel  aber  im  Abendland  ist  wahrscheinlich 
das  oben  angeführte  jüdische  Pfingstlied  von  Wichtigkeit, 
welches  seit  dem  11.  Jahrhundert  in  den  Synagogen  alljährlich 
gesungen  ward.  Keine  der  von  mir  beigebrachten  abend- 
ländischen Stellen  ist  nachweislich  älter  als  das  jüdische 
Pfingstlied.  Natürlich  braucht  nicht  bei  jedem  europäischen 
Volke  die  Entlehnung  direkt  aus  dem  jüdischen  stattgehabt 
zu  haben. 

Dass  aber  eine  Stelle  eines  religiösen  jüdischen 
Liedes  Christen  bekannt  geworden  ist  und  auf  ihre  Dichtung 
Einfluss  gewonnen  hat,  wird  uns  um  so  weniger  wundern, 
wenn  wir  bedenken,  dass  ein  ganzes  jüdisches  Osterlied  unter 
den  Christen  bekannt  geworden  und  natürlich  in  modifizierter 
■Gestalt  grosse  Verbreitung  gefunden  hat.  Es  ist  dies  das 
Lied,  welches  beginnt  'Ein  Zicklein,  ein  Zicklein,  das  hat  ge- 
kauft mein  VäterleinJ  und  welches  in  Griechenland,  Ungarn, 
Deutschland,  Frankreich,  England  und  Schottland  mannigfache 
Nachahmungen  veranlasst  hat.  Vgl.  die  Nachweise  vou  Rocli- 
holz,  Alemannisches  Kinderlied  S.  153  ff.,  Stöber,  Elsässisches 
Volksbüchleiu  1,  S.  129  ff.,  von  einem  Ungenannten  in 
Frommanns  Deutschen  Mundarten  6,  223  und  von  mir  in 
Pfeiffers  Germania  5,  463  ff.  [=  unten  nr.  45.]. 

Auch  von  einem  anderen  jüdischen  Osterliede  cEins  das 
weiss  ich,  einig  ist  unser  Gott5  nimmt  man  an  (Erk,  Deutscher 
Liederhort  S.  407  ff.,  Rochholz  a.  a.  0.  S.  267  ff.,  Stöber 
a.  a.  0.  S.  147  ff..  Frommanns  Mundarten  6,  224).  dass  es 
das  Original  für  zahlreiche  ganz  ähnliche,  aber  christlich  um- 


*)  Auch  bei  den  Indern;  s.  Nachtrag.    (Anm.  der  Red.) 
Köhler,   Kl.  Schriften.  HI.  20 


306  Zur  Volksdichtung. 

gedichtete  Lieder  sei.  Nur  konnte  vielleicht  ein  altes  bretag- 
559  nisches  |  Lied,  welches  Villemarque,  Barzaz-Breiz,  4.  ed.  lr 
S.  1  ff.  mitteilt,  dem  jüdischen  die  Originalität  streitig  machen.1} 
Kiii  sicheres  Beispiel  jüdischen  Einflusses  auf  nicht- 
jüdische Poesie  sind  endlich  noch  die  von  mir  in  Pfeiffers- 
Germania  2,  481  [oben  2,  47]  mitgeteilten  Reime  'Zehn  Dinge 
in  der  Welt  stark  sind',  die  ich  damals  nur  aus  dem  'Neu- 
vermehrten Rathbüchlein' kannte,  seitdem  aber  auch  mit  einigen 
Abweichungen  in  dem  1668  erschienenen  'kurtzweiligen  Zeit- 
vertreiber von  C.  A.  M.  v.  W.D  S.  582  gefunden  habe.  Diese 
Reime  und  der  von  mir  mit  ihnen  zusammengestellte  äthiopische- 
Spruch  finden  ihre  Quelle  in  dem  Talmud  (Baba  bathra  10a), 
wie  ich  aus  Landsberger  Einleitung  zu  den  Fabeln  des 
Sophos,  Posen  1859,  S.  LIII  sehe. 


Nachtrag  von  Theodor  Benfey. 

Wie  oben  zu  S.  558  bemerkt,  erscheint  diese  Ausdrucks- 
weise auch  bei  den  Indern,  nämlich  in  dem  von  Subandhu. 
abgefassten  Roman  Väsavadattä,  dessen  Zeit  zwar  nicht  ge- 
nauer zu  bestimmen  ist,  der  aber  doch,  nach  der  Ansicht 
des  Herausgebers  Fitz  Edward  Hall,  wohl  vor  zwölfhundert 
Jahren  geschrieben  sein  möchte  (s.  dessen  Einleitung  zu  der 
Ausgabe  in  der  Bibliotheca  Indica,  Calc.  1859,  S.  24).  Hier 
sagt  S.  238  die  Vertraute  der  Heldin  zu  dem  Geliebten  der- 
selben: tvatkrte  yänayä  vedanänubhütä  sä  yadi  nabhali  paträ- 
yate  sägaro  melänandäyate  brahmäyate  lipikaro  bhujagarä- 
jäyate  kathakas  tadä  kim  api  katham  apy  anekayugasahasrair 


')  Die  deutschen  Lieder  sehe  man  bei  Erk,  Rochholz  und  Stöber 
an  den  angeführten  Stellen  und  bei  Schmitz,  Sitten  und  Sagen  des  Eitler 
Volkes  1,  113.  Neugriechisch  bei  Sanders,  Volksleben  der  Neugriechen 
S.  328,  mährisch  bei  Wenzig,  "Westslawischer  Märchenschatz  S.  293, 
wendisch  bei  Haupt  und  Schmaler,  Lieder  der  Wenden  2,  150,  spanisch. 
bei  Segarra,  Poesias  populäres  (Leipzig  1862)  S.  131,  schottisch  bei 
Chambers,  Populär  rhymes  of  Scotland,  3.  ed.,  S.  199,  dänisch  bei 
Grundtvig,  Gamle  danske  Minder,  ny  Sämling,  S.  68  und  endlich  in. 
lateinischer  Sprache  bei  Erk  a.  a.  0.  S.  409  und  Villemarque  a.  a.  0- 
S.  25. 


-tob.  Und  wenn  der  Himmel  war'  Papier.  307 

abhilikhyate  kathyate  vä.  Das  ist  'Welch  Leid  diese  deinet- 
wegen ertragen,  das  Hesse  sich.  — wenn  der  Himmel  sich 
in  Papier  verwandelte,  das  Meer  zum  Tintenfass 
würde,  der  Schreiber  (an  Ewigkeit  des  Lebens)  zu  Brahma 
der  Erzähler  (an  Vielfältigkeit  der  Zungen)  zum  Schlangen- 
könig, nur  zum  Teil  und  mit  Mühe  in  vielen  Tausenden  von 
Weltaltern  niederschreiben  und  erzählen.'  Aus  der  wahrhaft 
kolossalen  Übertreibung,  welche  mit  dem  übrigen  Charakter 
des  Romans  in  Harmonie  steht,  dürfen  wir  schliessen,  dass 
die  naivere  Form  in  Indien  allgemein  bekannt  war. 


40b.  Nachträge  zu  meinem  Aufsatz  '  Und  wenn 
der  Himmel  war'  Papier3.1) 

(Ethnologische  Mitteilungen  aus  Ungarn  1,  312—318.     1889.) 

Den  Wunsch  des  Herrn  Herausgebers  dieser  Blätter,  die 
von  mir  zu  dem  in  der  Überschrift  genannten  Aufsatz  ge- 
sammelten Nachträge  hier  zu  veröffentlichen,  erfülle  ich  gern. 
Ich  bin  aber  nicht  im  stände,  jetzt  gleich  alle  auf  einmal 
mitzuteilen,  muss  vielmehr  die  Mitteilung  der  Nachträge  aus 
der  Volksliederlitteratur,  sowie  einiger  anderer  auf  das  nächste 
Heft  verschieben. 

1. 

Einem  Aufsatz  von  S.  Logiotatidis  in  der  Athenischen 
Zeitschrift  Ilao&evojr,  "Eros  H  (1872),  'Ajrgi/jog,  S.  741  ent- 
nehme ich.  dass  ein  von  dem  Verfasser  leider  nicht  genannter 
byzantinischer   Schriftsteller,   ein  Zeitgenosse   des  Photios 


J)  Diese  auf  unsere  Bitte  vom  hochgeehrten  Verfasser  uns  zur 
Veröffentlichung  gütigst  überlassene  reiche  Zusammenstellung  gehört 
unmittelbar  zwar  nicht  in  den  Rahmen  unserer  Zeitschrift,  doch  er- 
Bcheint  die  Mitteilung  durch  das  wichtige  Moment  der  Yergleichung  mit 
unseren  eigenen  einschlägigen  Beiträgen  (Heft  1,  12—19;  2.  211—213; 
3,  319     323)  wohl  völlig  berechtigt.     (Die  Red.) 

20* 


308  z>"-  Volksdichtung. 

(9.    Jahrhundert),     im    Prolog     einer     seiner    Schriften    also 
schreibt: 

Kai  idv  6  ovoavög  öXoxXrjQog  juereßd/J.eTO  etg  ~/Aqj))v>  öbzavra 
de  rd  devöga  r>/c  yfjg  elg  xovdvha,  1)  xa)  ÖXoxXrjQog  fj  ddXaooa 
eis  fiekdv)p\2)  xa\  ndXiv  (biavxa  tavra  ouov  6ev  da  i^/joxovv 
Troog    ovvjak'ir    xazaXöyov    r(7n>    eoyoyv    /uov    xa\    rcov    Trooreorj- 

linTOiV   jUOV. 

•2. 

In  dem  die  Ordnung  des  Paradieses  beschreibenden  An- 
hang oder  vielmehr  Schlnss  der  Geschichte  des  Rabbis  Josua. 
des  Sohnes  Levis,  wird  von  dem  berühmten  Rabbi  Johanan 
(gestorben  am  Ende  des  3.  Jahrhunderts)  berichtet,  er  habe 
zu  sagen  gepflegt: 

'Wenn  alle  Himmel  Pergament  wären  und  alle  Menschen 
Schreiber  und  alle  Wälder  Schreibrohre,  sie  könnten  nicht 
schreiben,  was  ich  von  meinen  Lehrern  gelernt  habe,  und 
wovon  ich  nur  so  viel  vergessen  habe,  als  ein  Hund  aus  dem 
Meere  trinken  kann'. 

Man  sehe:  Storia  di  Rabbi  Giosne  figliuolo  di  Levi. 
Leggenda  talmudiea,  tradotta  dall"  ebraico  da  Salvatore  De 
Benedetti  (Estratto  dall*  Annuario  della  Societa  Italiana  per 
gli  Studi  Orientali,  Anno  I,  1872)  S.  11. 

3. 

In  der  ungefähr  am  Anfang  des  12.  Jahrhunderts  ver- 
fassten  Schrift  Megillat  Taanit,  d.  h.  Fastenrolle, 3)  kommt 
folgende  Stelle  vor: 

'Wenn  alle  Meere  Tinte  wären  und  alle  Binsen  Schreib- 
rohre und  alle  Söhne  Adams  Schreiber,  sie  würden  nicht 
hinreichen,  um  die  Missgeschicke  aufzuschreiben,  die  jedes 
Jahr  über  sie  (nämlich  die  Israeliten)  kommen". 4)  | 


a)  Schreibrohre,  Schreibfedern. 
2)  Tinte. 


3)  Eine  Art  Kalendarium  der  Tage,  an  denen  es  erfreulicher 
geschichtlicher  Erinnerungen  wegen  verboten  ist  zu  fasten,  und  der. 
an  denen  man  fasten  muss. 

4)  Mitteilung  des  Herrn  Professors  Salvatore  De  Benedetti  in  Pisa. 


40b.  Und  wenn  der  Himmel  war'  Papier.  309 

4. 

Hieran   schliesse  ich  eine  Stelle  an,  die  Max  Grünbaum    313 
in    seiner    Jüdisch -deutschen    Chrestomathie,    Leipzig    1882, 
S.  '245.    aus   dem    170(>   zu   Frankfurt   am  Main  und   1718  zu 
Sulzbach    gedruckten    Buch    Simchas    hannefesch,    d.    h. 
Seelenfreude,  mitteilt   [oben  1,  579]: 

'Wenn  alle  die  Himmel  Parmit  weren.  im  all  die  Gemu- 
sich  Rohrenfedern  weren,  im  all  die  Wasser  Tint  weren,  is 
nit  zu  derschreiben  die  grosse  Wunder  un  Achperkeit  (Acht- 
barkeit)  Gottes0. 

5. 

In  dem  spanischen  Libro  de  los  engannos  et  los 
asayamientos  de  las  mugeres  J),  der  1253  verfassten  Über- 
setzung einer,  wie  es  scheint,  verloren  gegangenen  arabischen 
Redaktion  des  Sindibad  -  Buchs,  sagt  ganz  am  Ende  der 
Infante  zum  König: 

cSenor  non  te  di  este  enxenplo  sinon  que  non  creyas  ä 
las  mageres  que  son  malas.  Et  dise  el  saldo  que  aunque  se 
tornase  la  tierra  papel.  la  mar  tinta,  et  los  peces  della 
pendolas,  que  non  podrian  escrevir  las  maldades  de  las 
mugeres.' 

Ich  habe  schon  1871  im  Jahrbuch  für  romanische  und 
englische  Litteratur  12,  108  auf  diese  Stelle  aufmerksam 
gemacht.  Ich  bemerkte  dabei,  dass  die  Fische  als  Schreib- 
federn sonst  nicht  vorkommen;  seitdem  aber  ist  mir  eine 
spanische  Copla  bekannt  geworden,  in  der  es  der  Fall  ist. 
Die  Copla  wird  in  der  zweiten  Abteilung  der  Nachträge  mit- 
geteilt werden. 


J)  Zum  erstenmal  herausgegeben  von  D.  Comparetti  als  Anhang 
leiner  im  Jahre  1869  in  den  Memorie  del  R.  Istituto  Lombarde-  di 
Science  e  Lettere,  Vol.  11,  2  della  serie  III,  und  in  einem  Sonderdruck 
erschienenen  Ricerche  intorno  al  Libro  di  Sindibad,  wiederholt  und 
von  einer  englischen  Übersetzung  begleitet  in  der  von  der  Londoner 
Folk-Lore  Society  1882  herausgegebenen,  von  H.  Ch.  ('oote  verfassten 
englischen  Übersetzung  der  Ricerche  (Researches  respecting  the  Book 
of  Sindibad)  [p.  114.  164]. 


310  Zur  Volksdichtung. 

6. 

In  Adam  Kellers  De  officiis  juridico-politicis  chiragogiei 
libri  tres  (Constantiae  16U8)  S.  217  ist  zu  lesen:  cCrede 
mihi,  inquit  Augustinus,  si  totum  coelum  esset  papyrus, 
et  totum  mare  atramentum,  et  omnes  stellae  pennae,  et  omnes 
Angeli  scriptores:  non  possent  describere  astutias  mulierum. 
Refert  Nicol.  Reusn.  in  Imperat.  symbolo  45.  class.  2.' 

Es  findet  sich  aber  in  Nicolaus  Reusners  Symbolorum 
Imperatoriorum  Classis  Secunda,  Francoforti  ad  Moenum 
1588,  im  XLV.  Symbolum  S.  272  eine  ganz  andere  Stelle 
Augustins  angeführt:  'Recte  argumentatur  sie  Augustinus  in 
Quaestionibus:  Mulier,  inquit.  nee  docere  potest,  nee  testis 
esse,  nee  fidem  dicere,  nee  iudicare :  quanto  magis  non  potest, 
aut  non  debet  imperare." 

Finden  sich  die  von  Keller  angeführten  Worte  wirklich 
bei  Augustinus? 

7. 

Ein  von  Thomas  Wright  in  seinem  Werke  The  Anglo- 
Latin  Satirical  Poets  and  Epigramuiatists  of  the  Twelfth 
Century'  (London  1872)  2,  157  herausgegebenes  Epigramm, 
betitelt  'Reprehensio  superfluitatis  in  epitaphio  Johannis 
abbatis',  schliesst  mit  den  Versen:  | 

314  Si  fiat  calamus  stans  omnis  in  arbore  ramus, 

Fiat  et  incaustum  quod  suggerit  omnibus  haustum, 
Si  pro  membrana  sint  omnia  Corpora  plana, 
Vivi  vel  funeti  si  scribant  talia  euneti, 
Yivos  vel  funetos  lassabunt  talia  eunetos. ') 

8. 

Eine  Haud  des  14.  Jahrhunderts  hat  auf  den  Rand  eines 
älteren  Haudschriftenbruchstücks  im  Besitz  von  Alwin  Schultz 
nach  dessen  Mitteilung  im  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen 
Vorzeit  1869,  Sp.  45  nachstehende  Zeilen  geschrieben: 

Si  membranum  polum  incaustum  foret  stelleque  mare 
Nemo  possit  scribere  mulierum  malarum  velle. 


1)  Auf  diese  Stelle  hat  0.  Böckel,  Deutsche  Volkslieder  aus  Ober- 
Jiessen,  Marburg  1885,  S.  LXXXVI  hingewiesen. 


40b.  Und  wenn  der  Himmel   war1  Papier.  311 

Es  liegt  hier  eine  sinnlose  Entstellung  der  in  meinem 
Aufsatz  S.  552  [oben  290]  abgedruckten  Verse  vor: 

Si  membrana  polus   foret,  encaustum  mare,  stellse 
Pennee,  non  possent  mulierum  scribere  velle. 

9. 

In  einer  Papierhandschrift  der  Bibliothek  des  Halber- 
städter Domgymnasiums  aus  dem  15.  Jahrhundert  steht  folgen- 
der von  W.  Wattenbach  im  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen 
Vorzeit  1878,  Sp.  315  mitgeteilte  Spruch: 

Si  foret  incaustum  mare  totum  vel  quod  ad  haustum 
Pertinet,  at  calami  penne  vel  robora  trunci, 
Et  scribe  populus  omnis,  si  cutis  Olimpus, ') 
Non  possent  omnes  mulierum  scribere  fraudes. 

10. 

In  dem  Promptuarium  Exemplorum  Discipuli  secundum 
ordinem  alphabeti,  welches  von  dem  in  der  ersten  Hälfte 
des  15.  Jahrhunderts  lebenden  Dominikaner  Johannes 
Herolt  aus  Basel  verfasst  ist,  findet  sich  in  dem  Artikel 
<Gaudium  virginum  in  celoJ  ein  Exemplum,  in  welchem  eine 
verstorbene  Nonne  einer  noch  lebenden  Nonne  erscheint  und 
zu  ihr  sagt: 

cSi  totus  numdus  esset  pergamenum  et  mare  incaustum 
et  omnia  folia  arborum  et  gramina  scriptores  cum  omnibus 
hominibus,  qui  fuerunt  et  sunt  et  erunt  futuri,  prius  omnes 
deficerent  quam  immensitatem  praemii  caelestis  exprimerent.'2) 

Das  Exemplum  ist  auch  deutsch  zu  finden  in  dem 
Plenarium  oder  Ewangely  buoch,  Basel  1514,  S.  CXXXIIII. 
b — c  (mit  der  Quellenangabe:  Des  haben  wir  ein  exempel 
in  Promtuario  discipuli)  und  in  Casparus  Finckius,  Legen- 
dorum  Papisticorum  Centuria,  d.  i.  Hundert  auszerlesener, 
alter,  verlegener,  Papistischer  Unwarheiten,  Giessen  1614 
=    Frankfurt   1618,    S.    58    (mit    der    Quellenangabe:    [Pel- 

*)  Hierzu  macht  Wattenbach  die  Anmerkung:  'Das  heisst  wohl: 
wenn  der  ganze  Himmel  eine  Pergamenthaut  wäre'. 

2)  Mitteilung  meines  verstorbenen  Freundes  Anton  Schiefner  in 
St.  Petersburg. 


312  Zur  Volksdichtung. 

bartus]   Dominic.   4.  post  Pascha  sermon.  4.  ex    discipulo   in 
Promptuario). 

Die  Übersetzung  unserer  Stelle  lautet  im  Plenariuin : 
315  'Wenn  es  mü glich  wer  das  di  gantz  weit  papiren  wer, 
und  das  mer  tinten, x)  und  als  laub  und  gras  Schreiber  mit 
sarapt  allen  menschen  die  yetz  leben  und  gelebt  haben  und 
kummen  werden  in  dise  weit,  die  alle  samen  möchten  nit 
beschreyben  noch  an  den  tag  bringen  den  grossen  übertreft'en- 
lichen  Ion  den  got  bereyt  hat  seinen  liebhabern.' 

Höchst  wunderbar  ist  zum  Teil  die  Übersetzung  von 
Fiuckius:  'Wann  die  gantze  Welt  Pergament,  und  das  gantze  Meer 
incaustum,  und  alle  Bletter  der  Beum  Feder  und  Dinten, 
alle  Menschen  wie  viel  jr  seynd,  werden  werden,  und  gewesen 
seyn,  noch  stunden,  so  würden  sie  doch  die  hohe  Gaben, 
die  wir  im  Himmel  sollen  haben,  nit  genugsam  an  tag  geben 
können." 

11. 

Die  folgende  Strophe  eines  Marien-Liedes  eines  un- 
genannten altfranzösischen  Dichters,  welches  im  Archiv  für 
das  Studium  der  neueren  Sprachen  43  (1868),  244  gedruckt 
ist,  hat  schon  K.  Bartsch  in  der  Germania  17  (1872),  128  als; 
Nachtrag  zu  meinem  Aufsatz  mitgeteilt.     Sie  lautet: 

Se  roches  et  caillo  bix 

ierent  frait  et  destrerapeit 

dou  Rin  et  dou  Rone  et  dou  Lis 

et  d'airement  atenprei, 

en  parehemin  conreie 

fuissent  ciel  et  terre  mis, 

et  chascuns  tust  ententis 

d'escrire  la  veriteit, 

jai  sui  bien  per  ces  escris 

ne  seroient  recordeit. 

D.  h.:  Wenn  Felsen  und  schwärzliche  Kiesel  zerbrochen 
und  eingeweicht  wären  vom  Rhein  und  von  der  Rhone  und 
vom  Lys  und  tintenartig  zubereitet,  und  wenn  in  gegerbtes 
(zubereitetes)  Pergament  Himmel  und  Erde  verwandelt  wären, 


a)  Die  Worte  cund  das  mer  tinten1,    die    im  Plenarium    geAviss  nur 
aus  Verseilen  fehlen,  habe  ich  eingeschoben. 


40b.  Und  wenn  der  Himmel  war1  Papier.  313 

und  jeder  bemüht  wäre,  die  Wahrheit  zu  schreiben,  so  würden 
ihre  (der  Maria)  guten  Eigenschaften  (Tugenden)  durch  diese 
Schriften  doch  nicht  aufgezählt  werden. 

12. 

In  dem  von  A.  Jubinal,  Jongleurs  et  Trouveres,  Paris 
1835.  S.  182 — 87  herausgegebenen  Gedicht  'Le  Sort  des 
Dam  es  selonc  les  cheanzes  des  iij  dez' wird  zu  einer  schönen 
Dame  gesagt  (S.  186): 

Se  quanqu'il  a  desouz  le  ciel, 

Di  ci  jusqu'au  mont  Saint-Michiel, 

Devenait  enque  et  parchemin, 

Et  tuit  eil  qui  sont  par  ehemin 
Xe  finoient  james  d'escrire, 
La  moitie  ne  porroient  dire 
De  vostre  gent  cors  la  faoon. 

13. 
Inder  mittelhochdeutschen  Erzählung  'Der  Schüler  zu 
Paris'  (nr.  14  in  von  der  Hagens  Gesamtabenteuer)  heisst 
es  nach  der  Handschrift  M  (Gesamtabenteuer  1,  305)  von 
der  Geliebten  des  Schülers,  der  eben  in  ihren  Armen  ge- 
storben ist:  | 

Si  stuont  in  soliohen  liden,  316; 

man  möht'  ez  niht  volle  geschriben, 

allez  ir  leit  und  ire  swaer', 

und  wser'  itel  tinten  daz  raer 

und  der  liimel  bermentin, 

dar  an  möht'  ez  allez  niht  geschriben  sin. 

14. 

In  dem  von  A.  Jeitteles  in  der  Germania  31  (1886), 
•_'(.'l — 310  herausgegebenen  Lobgesang  auf  Maria  lauten 
V.  -215—246  also: 

215     sweime  also  manic  schriber  wsere, 

als  tropfen  sint  in  dem  mere, 

und  als  vil  griez  daz  mer  hat, 

und  als  manic  stern  am  himel  stät, 

und  also  vil  die  erde  breit 
220     bluomen  unde  gras  treit 


314  Zur  Volksdichtung. 

in  dem  meien  über  al, 

und  als  vil  aller  vogel  schal 

in  dem  sumer  wirt  volant, 

und  als  vil  loubes  ist  bekant 
225     an  allen  boumen  unde  zwigen, 

und  als  vil  sträzen  unde  stigen 

die  erde  hat  und  dar  zuo  steine, 

und  als  vil  Hute  gröz  und  kleine, 

daz  mac  ich  sprechen  wol  vür  war: 
230     der  schriber  ein  so  michel  schar, 

die  schriber  solden  al  gemeine 

äne  sünde  wesen  reine, 

und  so  daz  mer  wsere  tinte 

und  «also  breit  daz  berminte, 
235     als  himel  und  erde  hat  begriffen: 

die  schriber  al  ir  sinne  versliffen, 

solden  si  din  lop  beschriben, 

daz  bi  dir  muoz  an  ende  bliben, 

si  wurden  ouch  an  sinne  mat, 
240     e  halp  si  ksemen  an  die  stat, 

da  din  lop  entspriuzet, 

daz  himel  und  erde  umbfliuzet ; 

der  tinten  müeste  ouch  gebrechen, 

des  mac  din  lop  nieman  yolrechen, 
245     daz  bermint  wurde  in  ouch  ze  smal. 

des  ist  din  lop,  frow,  äne  zal. 

15. 

In  der  Münchener  Fr  ei  dank -Handschrift,  die  eine 
ziemliche  Anzahl  von  Stellen  hat,  die  in  den  anderen  Frei- 
dank-Handschriften nichtvorkommen,  findet  sich  (104,  11,  g — m 
der  zweiten  Freidank-Ansgabe  von  W.  Grimm)  folgende  Stelle: 

wsere  der  himel  permit  J) 
und  da  zuo  daz  ertrich  vvit, 
und  alle  sternen  pfaffen 
die  got  hat  geschaffen, 
sie  künden  nit  geschriben 
daz  wunder  von  den  wiben.  I 


*)  Die  Handschrift  hat  'pennet'  statt  'permit'  und  'lief  statt  Vit*. 
Franz  Sandvoss  hat  in  seiner  Freidank-Ausgabe  geändert  'permint'  und 
'tint'.  'Ich  dächte  doch',  schreibt  er  S.  252,  'zu  dem  unendlichen  Perga- 
ment .  .  .  gehört  auch  einige  Tinte.'  Ich  verweise  Herrn  Sandvoss  auf 
meinen  früheren  Aufsatz  S.  554  [oben  301[  und  nr.  2  und  19  dieser  Nachträge. 


40b.  Und  wenn  der  Himmel  war1  Papier.  315 

16.  317 

Graf  Hugo  von  Montfort  spricht  im  vierten  seiner 
Gedichte,  Vers  25 — 33,  von  Gott  also: 

Weren  alle  wasser  timpten, 

Darus  geschriben  mit  worten  gekrimpten, 

Der  fürin  himel  ')  papir  f  in, 

Alles  mergries  subtil  2) 

Schriber,  und  scbribent  tusent  jar, 

Als  lob,  gras  vedreu  clär, 

Nieman  möcht  es  volsehriben, 

Die  hoch,  die  tieff  durch  triben, 

Die  breit,   die  leng  durchgründen. 

17. 

Ein    Stammbuchvers   von    1590    lautet   nach   der  Mit- 
teilung von  K.  Bartsch  in  der  Germania  *24,   128: 
Wenn  der  Himmel  eitel  Papier  war1 
Und  lauter  Dinte  das  Meer 
Und  alle  Sterne  Schreiber, 
So  beschrieben  sie  doch  nicht  die  List  der  Weiber. 

18. 

Der  vonmirinmeinem  Aufsatz S.556f.  [oben  303]  mitgeteilte 
Spruch  cJa  wenn  gleich  war'  das  Firmament'  ist  von  H.  Frisch- 
bier in  den  Wissenschaftlichen  Monats-Blättern,  herausgegeben 
von  0.  Schade,  Jahrgang  1878,  S.  174  nach  einer  Nieder- 
schrift des  Königsberger  Licentiaten  der  Medizin  Caspar  Stein, 
der  in  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  lebte,  veröffent- 
licht und  lautet  hiernach: 

Wenn  gleich  das  gantze  Firmament 
Wer  lauter  Papier  und  Pergament, 
Alle  Wasser  und  das  grosz  Meer, 
Nichts  dann  nur  lauter  Dinte  wer, 


')  Dazu  bemerkt  K.  Bartsch  in  seiner  Ausgabe  Hugos  von  Mont- 
fort: Der  fürin  himel  ist  ohne  Zweifel  das  Empyreum,  der  äusserste  und 
daher  grösste  der  neun  Himmel. 

2)  Die  Handschrift  hat  'subtil  schin\  Bartsch  hat  'schin'  ge- 
strichen, er  nennt  es  mit  Recht  unsinnig  und  sieht  es  als  Zusatz  des 
Reimes  wegen  an.  Vgl.  seine  Anmerkung  zu  der  Stelle  und  seine  Be- 
merkung in  seiner  Anzeige  von  J.  E.  Wackernells  Ausgabe  des  Hugo 
von  Montfort  in  den  Göttinger  gelehrten  Anzeigen  1882,  1,  472. 


316  Zur  Volksdichtung. 

Darzu  die  Sterne  allzumal. 
Welcher  doch  viel  sind  ohne  Zahl, 
All  ihr  Thun  zum  Schreiben  gericht, 
Könnten  sie  doch  die  Bosheit  nicht 
Beschreiben  eines  bösen  Weibs, 
Der  Teufel  in  der  Hell  beschreibs. 

In  cRecueil  von  allerhand  Collectaneis  und  Historien,  auch 
moral-curieux-critic-  und  lustigen  Satyrischen  Einfällen  zu 
Entretenirung  einer  galanten  Conversation\  12.  Hundert, 
o.  0.   1719,  S.  24,  steht  folgender  Text:1) 

Und  wenn  schon  war  das  Firmament 
Lauter  Papier  und  Pergament, 
Und  alle  Wasser  samt  dem  Meer 
Nichts  dann  lauter  Dinten  war, 
Die  Stern  am  Himmel  allzumahl, 
Derer  doch  viel  seyn  an  der  Zahl, 
Ein  jeder  sich  zum  Schreiben  rieht,  | 
318  Konten  sie  doch  die  Bosheit  nicht 

Beschreiben  eines  bösen  Weibs, 
Der  Teufel  in  der  Höll  beschreibs! 

Fast  ganz  derselbe  Text  ist  auch  in  der  Sammlung 
'Poetischer  Schnap  -  Sack',  1.  Band,  Franckfurth  und  Leipzig 
1756,  S.  71,  mit  der  Überschrift  'Beschreibung  eines  bösen 
Weibes5  zu  finden.  Die  Abweichungen  vom  Text  in  Recueil 
sind  folgende:  Z.  1.  Und  wenn  gleich  —  3  Auch  alle  — 
4  Nichts  denn  nur  lauter  —  6  Deren  doch  viel  sind  ohne 
Zahl  —  8  Konten  sie  doch  beschreiben  nicht  —  9  Die  Bosz- 
heit  eines. 

19. 

*  Johann  Riem  er  lässt  in  seinem  anonym  unter  der  Chift'er 
R.  R.  R.  R.  erschienenen  satirischen  Werke  'Lustige  Rhetorica, 
oder  Kurtzweiliger  Redner"  (Merseburg  1681),  S.  604  einen 
verliebten  Schüler  in  einem  Liebesbrief,  der  übrigens  in  Prosa 
geschrieben  ist,  schreiben: 


*)  In  A.  Birlingers  Alemannia  9  (1881),  163  ist  der  Spruch  auch 
aus  dem  Recueil  abgedruckt,  aber  mit  folgenden  wohl  unabsichtlichen. 
Änderungen:  Z.  4  Nichts  als  lauter  —  Z.  5  Die  Sterne  —  Z.  8  Kanten. 


40b.  Und  wenn  der  Himmel  war1  Papier.  317 

Sie  glaube  sicherlich, 

Und  wenn  der  Himmel  Babbir  war, 

Und  alle  Sterne  Schreiber, 

Und  schrieben  die  Nacht  bisz  an  den  Tag, 

So  schrieben  sie  doch  meiner  Liebe  kein  Ende  ab ; 

Und  alle  Wasser  wären  Wein, 

Und  alle  Berge  Edelgestein, 

Und  ich  darüber  Herr  solte  sein, 

Wolte  ich  doch  nicht  verlassen  die  Liebste  mein. 

20. 

Dem  von  A.  Birlinger  in  seinem  Schwäbisch-Augsburgi- 
schen Wörterbuch,  München  1864,  S.  456  mitgeteilten  zwölf- 
zeiligen  cDoadalied3  (Totenlied),  welches  früher  in  Birkach 
und  Klimnach  in  und  ausser  der  Kirche  gesungen  wurde, 
folgen  die  nachstehenden  prosaischen  Zeilen: 

'Wenn  der  Himel  babbeire  war  und  die  Steara  Schreiber 
wäre,  so  kont'  sie  it  schreiba,  was  mei  arme  Seal  im  Feagfnir 
leida  muess.' 

21. 

In  einer  der  von  J.  F.  Vonbun  veröffentlichten  'Volks- 
sagen aus  Vorarlberg'  (Wien  1847)  S.  58  sagt  eine  alte 
Bettlerin  zu  einem  Burgfräulein: 

cIhr  thätet  's  it  gloube,  g'streng  Freile,  was  i  miner 
Leabtag  ho  glitte!  Keak  darf  i  säge:  war  der  Himmel  an 
Böge  Papier,  und  d'  Sterne  dob  d'  Schriber,  und  der  Bodesee 
dunda  mithalb  an  Hafa  voll  Dinte:  schouet,  sie  kintet's  it 
verschribe,  was  i  ho  glitte." 

22. 

Victor  Jagic  teilt  in  seinem  Archiv  für  slavische  Philo- 
logie 2,  402  als  Nachtrag  zu  meinem  Aufsatz  eine  Stelle  aus 
einem  bosnischen  Schriftsteller  des  16.  bis  17.  Jahrhunderts, 
Namens  Divkovic,  im  Original  und  in  Übersetzung  mit, 
welche  in  der  Übersetzung  also  lautet: 

'Wenn  all  der  Himmel  von  Papier  wäre,  wenn  all  das 
Meer  Tinte  wäre,  wenn  alle  Strohhalme  uud  Stengel  Federn 
wären  und  wenn  alle  Sterne  Schreiber  und  Gelehrte  wären, 
wie   es   die   Gelehrten  von  Paris   sind,    alle    diese    Gelehrten 


318  Zur  Volksdichtung. 

und  Schreiber  wären  nicht  im  stände  auszusprechen  und  zu 
beschreiben  selbst  den  geringsten  Teil  der  Freude,  welche  die 
Heiligen  durch  den  Anblick  des  Gottesantlitzes  gemessen.5 

Jagic  bemerkt  dazu:  'Unzweifelhaft  hat  Divkovic  diese 
Stelle  aus  einem  italienischen  oder  lateinischen  Predigtbuche 
ausgeschrieben,  darauf  führt  schon  die  Erwähnung  der  Ge- 
lehrten, Doktoren  von  Paris/ 

(Ein  weiterer  Aufsatz  folgt.) 


41  Sehwalbenspraehe. 

(Zeitschrift  für  deutsche  Mythologie  2,  114—116.    1855.) 

Die  Bd.  1,  S.  239  der  Zeitschrift  aus  der  Wetteraii 
mitgeteilten  Reime,  welche  man  im  Zwitschern  der  rück- 
kehrenden Schwalbe  zu  hören  meint,  stimmen  fast  wörtlich 
mit  den  in  den  Altdeutschen  Wäldern  2,  88  mitgeteilten: 

Wenn  ich  wegzieh,  wenn  ich  wegzieh, 
Sind  Kisten  und  Kasten  voll.   | 
115  Wann  ich  wiederkomm,  wann  ich  wiederkomm, 

Ist  alles  verzehrt. 

Sehr  ähnlich  sind  auch  die  Reime,  die  Rückert  nach 
Jugenderinnerungen  seinem  wunderschönen  Gedichte  'Aus  der 
Jugendzeit'  als  Schwalbengesang  zu  Grunde  gelegt  hat: 

Als  ich  Abschied  nahm ,    als  ich  Abschied  nahm, 
Waren  Kisten  und  Kasten  schwer; 
Als  ich  wieder  kam,  als  ich  wieder  kam, 
War  alles  leer. 

Claus  Harms  hörte  in  seiner  Jugend,  wie  er  S.  11  seiner 
Lebensbeschreibung  erzählt,  in  Süderdithmarschen  als 
Schwalbengesang: 

Als  ick  hier  letztmal  war, 

Do  wer  dit  Fatt  voll,  do  wer  dat  Fatt  voll ; 

Nu  is  et  all  verte-e-ret. 


41.  Schwalbensprache.  3 1  *  ► 

Bei  Salzwedel  lautet  nach  II.  Masius,  Naturstudien, 
Leipzig  1852,   S.   143  der  Gesang  der  Schwalbe: 

As  ik  uttog,  as  ik  wegflog, 
Waren  Kisten  un  Kasten  villi. 
As  ik  wedderkam,  wedderkam, 
War  niseht  mehr  darinnen. 
De  Sperling,  de  Spitzbov, 
Hat  alles  verterrrrd. 

Bei  Soest  singt  die  Schwalbe,  welche  im  Bauernhause  an 

den  Balken  der  Tenne  ihr  sorgsam  geschontes  Nest  hat,  dem 

schlechten  Wirte  zu   (Firrnenich,    Germaniens  Völkerstimmen 

1,348): 

Äss  iek  wiäg  genk, 

Was  diäte  un  schuier  un  alles  füll ; 

Äss  iek  wuier  kam, 

Was  alles  verquickelt,  verquackelt,   verdüäräst1). 

Man  wird  gewiss  aus  den  verschiedensten  Gegenden 
Deutschlands  noch  reiche  Variationen  dieser  Schwalbenreime, 
die  an  die  Klage  der  Naemi  im  Buche  Ruth:  Toll  zog  ich 
aus,  |  aber  leer  hat  mich  der  Herr  wieder  heimgebracht!5  116 
erinnern,  sammeln  können.  Dass  man  übrigens  auch  Reime 
ganz  anderen  Inhaltes  der  Stimme  der  Schwalbe  unterlegt, 
zeigen  drei  von  Masius  a.  a.  0.  angeführte  Beispiele. 

[Vgl.  Böhme.  Deutsches  Kinderlied  1897,  S.  218,  nr. 
1071—1080.  Wossidlo,  Mecklenburgische  Volksüberlieferungen, 
2,  93  nr.  613—632;  dazu  S.  379  f.  H.  Menges  (Rückerts 
Schwalbenlied.  Zs.  f.  d.  dtsch.  Unterricht  13,  826—9)  ver- 
weist noch  auf  Simrock,  Kinderbuch  3,  S.  184,  Stöbers  Alsatia 
1852,  105  und  Alemannia  16,  71.  Wackernagel,  Voces  variae 
animantium  1869,  S.  16f.  128.  Haltrich ,  Zur  Volkskunde 
1885,  S.  154.  N.  Peucker,  Wohlklingende  Paucke  1702, 
S.  385  =  1880,  S.  15  (gedichtet  1654).  Kristensen,  Jyske 
Folkeminder  9,  83  nr.  43  und  Danske  Dyrefabler  1896,  S.  202 
nr.  487—491.] 

l)  Bei  Firrnenich  erklärt:  durch  den  Hintern  gejagt;  bei  Masius,. 
der  den  Spruch  auch  anführt:  durch  die  Gurgel  gejagt. 


.320  Zur  Volksdichtung. 

42  a.  Ein  altes  Kindergebet. 

(Germania  5,  448—456.  1860.) 

Johannes  Agricola  (1492 — 1566)  hat  uns  in  seinen 
deutschen  Sprichwörtern  hei  Erklärung  der  sprichwörtlichen 
Redensarten  cGot  gebe  euch  ein  gute  nacht,  ein  fröhlichen 
morgen  gebe  uns  GotJ  (nr.  547)  neben  einem  andern  auch 
folgendes  Kindergebet  mitgeteilt: 

cUns  kinder  lernten  unsere  eitern  also  beten,  wenn  wir 
schlafen  giengen: 

Ich  will  heint  schlafen  gehen, 
Zwölf  engel    sollen1)  mit  mir  gehen, 
Zwen  zur  haupten, 
Zwen  zur  Seiten, 
Zwen  zun  Füssen,  | 
449  Zwen  die  mich  decken, 

Zwen  die  mich  wecken, 
Zwen  die  mich  weisen 
Zu  dem  himlischen  paradeise.  Amen.' 

Es  ist  dies  die  älteste  bekannte  Aufzeichnung  eines  noch 
heute  vielfach  in  Deutschland  verbreiteten  Gebetes2). 
Indem  man  aber  gern  an  jeder  Seite  zwei  Engel  sich  wünschte, 
erscheint  in  den  meisten  Fassungen  des  Gebets  die  Vi  er  zehn- 
zahl der  Engel.    [So  schon  in  der  Umarbeitung,  die  Joachim 


*)  So  hat  die  Ausgabe  von  1529,  in  der  Hagenauer  von  1537  fehlt 
'sollen'.  Eben  sehe  ich,  dass  "W.  Wackernagel  in  die  neueste  Ausgabe 
seines  Altdeutschen  Lesebuchs  S.  1330  dies  und  das  andere  von  Agricola 
mitgeteilte  Gebet  aufgenommen  hat. 

2)  [Eine  politische  Parodie  dieses  Gebetes  entstand  1548,  als 
'des  gefangenen  Landgrafen  Philipp  von  Hessen  Schlafsegen'  (Voigt, 
Raumers   Histor.  Taschenbuch  3.  F.  2,  336.  1851): 

Des  Abends,  wenn    ich  zu  Bette  Zwei    die   mich    weisen    nach    dein 

gehe,  spanischen  Paradeise; 

Sechzehn  Hispanier  um  mich  stehen,  Allda  will  ich  mich  hinkehren, 

Zwei  zu  Häupten,  zwei  zu  Füssen,  Gut  Spanisch  will  ich  lehren 

Zwei  zur  Rechten,  zwei  zur  Linken,  Und  will  nit  wiederkommen; 

Zwei    die    mich  decken ,    zwei    die  Denn  es  bringt  Deutschland  keinen 

mich  wecken,  Frommen.] 

Zwei    die    mich    kleiden    mit    dem 
spanischen  Herzeleide, 


42a.  Ein  altes  Kindergebet.  321 

Löisentinus  (Christliche  Hausszucht   Dantzig    1655,    S.  55 
Wunderhorn  ed.  Birlinger-Crecelius  2,  781)  liefert: 

Wi'im  Ich  mich  niederleg  und  Schiart'*, 
Auff  dich  mein'n  Gott  ich  allzeit  hoff. 
Vierzehn  Engel  las  mit  mir  gehn: 
Zween,  die  zu  meinen  Füssen  stelin, 
Zween,  Herr,  zu  meinem  Haupte  stell, 
Die  mich  schützen  für  Ungefell, 
Zween  stell  zu  meiner  Rechten  Seit, 
Zween  sein  die  Linck'  zu  b'wach'n  bereit, 
Zween,  lieber  Herr,  die  mich  zudeek'n. 
Zween,  die  mich  wieder  früh  auffweck"n, 
Zween,  die  zu  deinem  Lob  und  Preiss 
Mich    führ'n   ins  Himlisch  Paradeiss.     Amen.] 

So  ist  in  der  ersten  Ausgabe  des  Wuuderhorus  im  An- 
hange S.  27  (neue  Ausgabe  3,  383;  [2,  781  ed.  Birlinger- 
Crecelius];  Simrock,  Deutsches  Kinderbuch  nr.  167)  das  Gebet 

also  zu  leseu: 

Abends   wenn  ich  schlafen  geh, 

Vierzehn  Engel  bei  mir  stehn. 

Zwei  zu  meiner  Rechten, 

Zwei  zu  meiner  Linken, 

Zwei  zu  meinen  Häupten, 

Zwei  zu  meinen  Füssen, 

Zwei  die  mich  decken, 

Zwei  die  mich  wecken. 

Zwei   die  mich  weisen 

In  das  himmlische  Paradeischen1). 


')  Der  Vollständigkeit  wegen  verweise  ich  auf  Zingerles  Sitten 
etc.  des  Tiroler  Volkes  (Innsbruck  1857)  S.  149  und  die  dort  gegebenen 
Hindeutungen  auf  Müllenhoff  S.  520.  Schmitz  78.  Baslerische  Kinder- 
reime S.  2.  —  Pfeiffer.  [Ferner  Brentano,  Gesammelte  Schriften  4,  24. 
Erk-Inner,  Volkslieder  1,  5,  nr.  69.  Erk-Böhme,  Liederhort  nr.  199. 
Böhme,  Deutsches  Kinderlied  1897,  S.  313.  Dunger,  Kinderlieder  aus 
dem  Vogtland."  1874,  nr.  115  =  1894  nr.  129.  Hruschka-Toischer,  D.  Volks- 
lieder aus  Böhmen  1891,  S.  398,  nr.  99c  und  S.  6,  nr.  6a  mit  Anm.  Wegner. 
Vnlkstüml.  Lieder  aus  Norddeutschland  1879.  S.  18,  nr.  65.  Sachse,  Über 
Volks-  und  Kinderdichtung,  Progr.  Berlin  1869,  S.  10.  Vjschr.  f.  d. 
Gesch.  v.  Glatz  9,  27.  Meier,  Ostfriesland  S.  212.  Jörres,  Sparren  1888, 
S.  41.  De  la  Fontaine,  Luxemburg.  Kinderreime  1877,  S.  14.  Eskuche, 
Siegerländische  Kinderliedchen   1897,   nr.  372.  Fränkel,  Zs.  d.  V.  f.  Volks- 

Köhlrr,  Kl.  Schriften.    I!l  21 


322  Zur  Volksdichtung. 

Ebenso  in  kölnischer  Mundart  bei  Ernst  Weyden,  Kölns 
Vorzeit  S.  226.  In  Holstein  lautet  das  Gebet  nach  Joh. 
Fr.  Schützes  Holsteinischem  Idiotikon  1,  7(5.  wo  es  nicht 
bloss  als  Kindergebet,  sondern  als  'Gebet  der  Bettlerinnen 
und  anderer  Beterinnen  zur  Abendzeit'  bezeichnet  ist: 

In  dem  Bedd  ik  trede, 

Veertein  Engel  neein  ik  mede, 

Twee  to  minen  Höven, 

Twee  to  minen  Föten, 

Twee  to  miner  rechten  Sied, 

Twee  to  miner  luchter  Sied, 

Twee  de  mi  decken, 

Twee  de  mi  wecken, 

Twee  de  mi  den  Weg  wisen 

To  dem  himmlischen  Paradisen.  | 

450  In  der  Grafschaft  Mark  nach  Wöste,  Volksüberlieferungen 

S.  4    (daraus    bei    Firmenich,  Germaniens   Völkerstimmen  2« 
179)  ebenso: 

Awens  wann  wi  te  Bedde  gatt, 

Vertien  Engelkes  bi  mi  statt, 

Twe  ten  Höften, 

Twe  ten  Fäuten, 

Twe  ter  Hechten, 

Twe  ter  Linken, 

Twe  da  mi  decket, 

Twe  da  mi  wecket. 

Twe  da  mi  wist 

Int  hillige  Paradis. 

Desgleichen  in  Trier  nach  Firmenich  1,  535: 

Owens  wemmer  schlofen  giehn, 

Verzehn  Engel  met  mer  giehn. 

Zwai  zu  Kopp, 

Zwai  zu  Füss, 

Zwai   zu  rechter  Seit, 

Zwai  zu  lenker  Seit, 


künde  9,  356.  —  Der  Aufsatz  von  P.  J.  Müntz  in  den  Annalen  des  V.  für 
Nassauische  Altertumskunde  9,  177 — 186  (1868)  sucht  die  Zahlen  der 
Engel  aus  der  mittelalterlichen  Symbolik  abzuleiten;  er  fusst  auf 
Köhlers  Material,  dessen   Namen  er  gleichwohl  nicht  nennt.) 


42a.  Ein  altes  Kindergebet.  323 

Zwai   sollen  mich   decken, 
Zwai  sollen  mich  wecken, 
Zwai  sollen   mich   weisen 
Zu  den  himmlischen  Paradeisen. 

Ebenso  hochdeutsch  in  der  Eifel:  Schmitz,  Sitten  etc. 
des  Eifeler  Volks  1,  78. 

Im  Elsass  nach  Stöbers  Elsässischeru  Volksbüchlein  1, 
S.  34  (bei  Firmenich  2,  527  nach  S.  62  der  1.  Auflage  des 
Volksb.): 

Z1  Nachts  wenn  i  schlofe  geh, 

Vierzeh1  Engele  bi  m'r  stehn, 

Zwei  zuer  Rechte, 

Zwei  zuer  Linke, 

Zwei  ze  Haupte, 

Zwei  ze  Fiesse, 

Zwei  di  mich  decke, 

Zwei  di  mich  wecke, 

Zwei  di  m'r  zaje 

Das  himmlische  Barrediss.1)  j 

Eigentümlich  erweitert  ist  das  Gebet  im  Osnabrückschen    45] 
nach  Firmenich  1,  246: 

's  Avends  wenn  'k  to  Bedde  gaae, 

Legg  'k  mie  in  Mariens  Schaut. 

Marie  is  mien  Mooder, 

Johannes  is  mien  Brooder, 

Jesus  is  mien  Geleidesmann, 

De  mie    n  Weg  wohl  wisen  kann. 

Waar  ick    ligg  und  waar   ick  staae, 

Folg  't  mie  veertein  Engel  na: 

Twee  to  mienem  Koppe, 

Twee  to  mienen  Föten, 

Twee  to  miener  rechten  Sit, 

Twee  to  miener  linken  Sit, 

Twee  de  mi  decket, 

Twee  de  mi  wecket, 

Un  twee  de  mie'n  We»  tom  Hemel  wist. 


J)  Hier  steht  'zeigen'  statt  des  in  den  andern  Texten  vorkommenden 
weisen.  Die  Bindung  der  Reime  paradise  und  wisen  ist  sehr  alt,  vgl. 
Diemer,  Gedichte  7,  19  'idi  wil  dich  wisen  in  daz  paradise1  und  die  An- 
merkung dazu. 

21* 


324  Zur  Volksdichtung. 

Ganz  ähnlich  im  Münsterschen  [Mi'mstersche  Geschichten 
S.  222.    Bahlmanu,  Müusterische  Lieder  1896.  S.  45]  Firmenic 
1,  295: 

Aowens  wenn  ick  in  min  Bettken  triäde, 

Triäd  ick  in  Marias  Schaut. 

Mai'ia  is  min   Moder, 

Johannes  is  min  Broder, 

De  leiwe  Här  is  min  Geleitsmann, 

De  mi  den  Weg  wull   wisen  kann. 

Twiälf  Engelkes  gaot  mit  mi, 

Twee  Engelkes  an  den  Kopp-Eml, 

Twee  Engelkes  an  den  Föten-Eml, 

Twee  an  de  rechte  Siet, 

Twee  an  de  linke  Siet, 

Twee  de  mi  decket, 

Twee  de  mi  wecket, 

Jesus  in  min  Hiätken, 

Maria  in  minen  Sinn, 

Im  Namen  Gaodes  slap  ick  in. 

Hier  sind  zwar  auf  jeder  Seite  zwei  Engel,  aber  die  zwei, 
welche  zum  Paradies  leiten  sollen,  fehlen,  und  so  ist  die 
Zwölfzahl  herausgekommen. 

Zwölf  Engel  kommen  auch  in  einer  schwäbischen 
Fassung  vor,  die  Schmid  in  seinem  Schwäbischen  Wörterbuche 
452  S.  211  mit  folgen-  |  den  Worten  erwähnt:  cIn  einem  dem  von 
Schütze  im  Holst.  Id.  1,  67  mitgeteilten  vollkommen  ähnlichen 
Kindergebete  wird  um  zwölf  beschützende  Engel  gebeten 
und  zwar  um  zwean  z  Kopfnet  (am  Kopfende),  zwean  z 
Fussnet.'  [Hruschka-Toischer  S.  6,  nr.  6  b  und  S.  398,  nr.  99  b. 
Athenaeum  16,  185.] 

Die  Verminderung  der  Zwölfzahl  oder  der  Vierzehen 
ist  Entstellung,  und  man  darf  annehmen,  dass  in  allen  Texten, 
wo  uns  eine  geringere  Zahl  begegnet,  diese  nicht  ursprünglich 
ist.     Derartige  Entstellungen  sind  folgende. 

Zunächst  das  Gebet,  wie  es  Rochholz  in  der  Zeitschrift 
für  deutsche  Mythologie  und  Sittenkunde  4,  137  aus  dem 
Dorf  Frick  im  Aargau  mitteilt: 


42  a.  Ein  altes  Kindergebet.  325 

In  Gottes  Name  niedergange, 
Zwee  Engel  mit  üs  gange, 
Zwee  zu  der  Chopfete, 
Zwee  zuer  Fuessete, 
Zwee  dasse  üs  leeke, 
Zwee  dasse  üs  decke. 

[Die  Zehnzahl  auch  bei  A.  Wolf,  Volkslieder  aus  dem 
Egerlande  LIV,  1;  Hruschka-Toischer  S.  398.  or.  99a.] 

Aus  Niederösterreich  linden  wir  zwei  sehr  ähnliche  Ge- 
staltungen in  Frommanns  deutschen  Mundarten  3,  387  und 
6,   113.     Die  eine  lautet : 

In  Gods  Nöm  güs  i  schloffa, 

Wean  sex  Engel  bai  mia  wochtn, 

Zwen  z"  Happn, 

Zwen  z'  Fiessn, 

Zwen  ne'm  main, 

God  und  unse  liawi  Frau  wird  ah  bai  mia  sain. 

Die  andere: 

In  Gotts  Xom  leg  i  mi  schlaffn, 
Sex  Engerln  san   mer  bschaffn, 
Zwa  z'  Häuptn, 
Zwa  z'  Füessn, 
Zwa  nebn  meiner. 

Wie  bin  i  unsern  Herrgod  so  freuud, 
Dass  er  mi  alli  Nacht  deekt 
Und  zu  der  rechtn  Zeit  aufweckt. 

Bis  auf  drei  ist  endlieh  die  Zahl  der  Engel  herabgesunken 
iu    dem    Gebete     in    der    Mundart    von    Ghiazza,    einer    der 
deutschen  Gemeinden   in   den  Venedischen  Alpen  (Schindler 
in  den  |  Abhandlungen  der  Münchener  Akademie,  philosophisch-    453 
philologische  Klasse  2,  S.  650,  daraus  Firmenich  2,  830): 

Haint  gen  -  i  -  niader  suaze 

Bit  drai  Enghiler  a'  de  Fuaze: 

Oaz  decka-bbi 

Un  oaz  dorbecka-bbi 

Un  oaz  huata-bbi  von  alljen  poasen  Tromen, 

Derwai  der  habe  Machte  Tac  kint. 

[Dazu  erscheint  in  dem  anonymen  Aufsatze  'Ein  Besuch 
bei  den  Cimbern  der  alten  13  deutschen  Veroneser  Gemeinden' 


326  Zur  Volksdichtung. 

in    der    Allgem.   Zeitung    1875,    Beil.   zu    nr.   287,    S.   4491 

folgende  Variante: 

Ganiader  fuasse  (1.  Ga  koffe?) 

Dar  Got  der  hearre, 

Gan  fuassan 

Drai  engilar ; 

Oans  decke  mi, 

Oans  darwecke  mi, 

Oans  b'huate  mi 

Vun   allen  boasen  dingern 

Und  allen  boasen  tröumen 

Vunze  (bis)  an  den  liaben  Machten  Tak!| 

Dieses  sind  die  Variationen,  in  denen  mir  unser  Gebet 
in  deutscher  Sprache  begegnet  ist:  wir  finden  es  aber  auch 
ferner  im  skandinavischen  Norden.  Sophus  Bugge  in 
seinen  Gamle  Norske  Folkeviser,  Kristiania  1858,  S.  132  teilt 
uns  das  Gebet  norwegisch  also  mit: 

E  gjee  me  te  sengjin1 

Ma?  tolv  Gussengle, 

Tvo  te  bände  aa  tvo  te  tot, 

Tvo  te  kvart  eitt  lidemot ; 

Tvo  ska'  min  sengjastokk  vere, 

Tvo  ska'  me  te  Gussheim  bere, 

Tvo  ska'  me  tekkje, 

Tvo  ska'  me  vekkje. 

Kors  i  Jeses  navn  !  Kors  i  Jeses  navn! 

Kors  i  Jeses  navn  ! 

Dazu  verweist  Bugge  auf  Pontoppidanus ,  Everriculiim 
ferm.  vet.  S.  64  und  Sv.  Grundtvig,  Gamle  danske  Minder 
i  Folkem.,  2den  Saml.,  S.  153,  wo  sich  das  Gebet  dänisch 
finde,  welche  Citate  ich  leider  nicht  nachschlagen  kann,  und 
auf  Erik  Fernow,  Beskrifning  öfvef  Wärmeland,  Göthebora 
1773,  S.  251,  wo  das  Gebet  schwedisch  so  lautet: 

Nu  gär  jag  te  sängje, 
Med  mig  bar  jag  Guds  angle, 
Tolf  te  band  och  tolf  de  fot, 
Tolf  te  hwar  ledamot1). 


l)  Bugge    citiert    auch    mehrere    der  obigen   deutschen  Texte    und 
bemerkt  in   Beziehung   auf  den    des  WunderbornB:   'Det   er    vel    en  Be 


42  a.  Ein  altes  Eindergebet.  327 

Endlich  finden  wir  auch  in  England  Ähnliches.    James 

0.  Halliwell  giebt   uns  in  The   aursery   rliymes   of   England' 

(5.  edition.   London    1853),   S.   136    unter    den   ccharms'  auch 

folgenden:  | 

Matthew,  Mark,  Luke  and  John,  454 

Guard  the  bed   that  I  lay  on  ! 

Four  corners  to  my  bed, 

Four  angels  round  niy  head; 
One  to  watcb,  one  to  pray, 
And  two  to  bear  my  soul  away1)! 

Robert  Chambers  erwähnt  dieselben  Reime  in  seineu 
Topular  rhymes  of  ScotlancP,  3.  edition,  Edinburgh  1847, 
S.  '283  aus  Somersetshire,  wo  die  Kinder  mit  ihnen  ihre  Betten 
segnen.  Statt  'guard"  hat  Chambers  'blessJ.  In  der  Zeitschrift 
für  christliche  Archaeologie  und  Kunst  von  Otte  und  Quast  1, 
S.  36  führt  Otte  aus  Paley's  Manuel  of  gothic  architetucre, 
London  1846,  S.  300  das  'wunderschöne,  unter  der  ländlichen  Be- 
völkerung noch  gegenwärtig  gebräuchliche  Abendgebet'  also  au: 

Matthew,   Mark,  Luke  and  John, 
Bless  the  bed  that  1  lay  on: 
Four  corners  to  my  bed, 
Four  angels  round  my  head, 
God  within  and  God  without, 
Blessed  Jesus  all  about. 

In  dieser  Fassung  fehlen  die  beiden,  die  Thätigkeit  der 
vier  Engel  näher  bestimmenden  Zeilen,  und  es  sind  zwei 
andere,  allgemeinere  an  ihre  Stelle  getreten2). 

arbeidelse  af  denne  tydske  Optegnelse  som  findes  i  "Wergelands  saml. 
Skr.  2.  155\  [Fernows  Spruch  ist  abgedruckt  bei  Grimm,  D.  Mythologie1, 
CXLVII  =  4  3,  506,  nr.  52.  Vgl.  ebd.  nr.  53  (aus  Nyerup,  Morskabs- 
lgesning  S.  200):  ctolv  engle'.] 

1)  Dazu  bemerkt  Halliwell:  'a  charm  somewhat  similar  may  be 
seen  in  the  Townley  Mysteriös,  p.  91*,  die  mir  leider  nicht  zu  Gebote 
stehen. 

2)  Otte  führt  dies  Gebet  nur  wegen  der  E  va  nge  li  s  ten  an,  weil 
man  häufig  in  den  Ecken  spätmittelalterlicher  Grabsteine  die  Symbole 
der  vier  Evangelisten  angebracht  finde  und  die  englischen  Ekklesiologen 
in  jenem  Gebete  eine  Beziehung  darauf  sehen.  "Wenn  Otte  fragt,  ob 
es  ein  ähnliches  deutsches  oder  lateinisches  Gebet  gebe,  so  ist  mir 
ebenso   wenig   wie    ihm  eins  bekannt,    ausser  dem  seitdem  im  Anzeiger 


328  Zur  Volksdichtung. 

In  romanischen  Sprachen  kann  ich  unser  Gebet  bis 
jetzt  nicht  nachweisen,  doch  stillte  es  mich  wundern,  wenn 
es  sich  nicht  auch  da  fände.  Einigermassen  ähnlich  ist  ein 
Gebet,  welches  uns  Fernan  Caballero  in  einem  seiner  an 
Volksüberlieferungen  aller  Art  so  reichen  Romane  (Clemencia, 
novela  de  costumbres,  Madrid  1857,  Tom.  1,  182)  mitteilt. 
455  Ein  junges  Zigeunermädchen  gefragt,  |  ob  es  auch  beten  könne, 
bejaht  die  Frage  und  erzählt,  dass  sie,  wenn  sie  auf  freiem 
Felde  sich  schlafen  lege,  eine  Knoblauchs wurzel  unter  ihr 
Haupt  lege,  um  das  giftige  Gewürm  abzuhalten,  und  dabei 
also  bete: 

A   la  eabecera  pongo  la  luz, 

A  los  pies  de  la  Santa  Cruz, 

AI  lado  derecho  ä  Adan, 

AI  lado  izquierdo  ä  Eva, 

Para  que  no  lleguen  sapos  ni  culebras, 

Ni  sarabandija  ni  sarabandeja, 

Sinö  que  vayan   donde    va   esta   piedra, 

worauf  sie  einen  Stein  wegwirft1). 

Dass  unser  Gebet  sehr  alt  sein  wird,  ist  wahrscheinlich, 
aber  eine  ältere  Aufzeichnung  als  die  Agricolas  ist  noch  nicht 
nachgewiesen.  Denn  wenn  Sehmelier  a.  a.  0.  S.  650  —  und 
ihm  nachschreibend  Firmenich  2,  830  und  Stöber  1,  136  — 
von  dem  von  ihm  mitgeteilten  Gebete  bemerkt:  'Mahnt  an 
die  Verse,  die  nach  W.  Menzel,  Deutsche  Geschichte  1834, 
S.  388  auf  dem  Grabsteine  Friedrichs  mit  der  gebissenen 
Wange,  j  13192),  zu  sehen:  Ich  will  heynt  schlafen  gehn, 
etc.  etc.  [ganz  wie  bei  Agricola]3,  so  hat  er  ohne  eigene 
Prüfung  einen  Irrtum  Menzels  angenommen.  Von  Menzels 
Irrtum  ist  vielleicht  Wilhelm  Ernst  Tentzel  die  unschuldige 
Ursache.     In    Tentzels   Leben  Friedrichs   mit  der   gebissenen 


für  Kunde    der   deutschen  Vorzeit   1854,   Sp.  18    aus    einer  Handschrift 
des  14.  Jahrhunderts  unter  andern  Segensprüchen  mitgeteilten: 

Johannes,  Lucas,  Mattheus,  Marcus,  die  vier    evangelisten, 
Die  müssen  unser  end  fristen. 

])   Vgl.  auch  F.  Wolf,  Beiträge  zur  spanischen  Volkspoesie  aus  den 
Werken  Fernan  Caballeros.     Wien   1859,  S.  52. 
-)  Vielmehr  1324. 


42  a.  Ein  altes  Kindergebet.  329 

"Wange  nämlich  (Fridericus  fortis  redivivus,  hoc  est  vita  et 
t'ata  Friderici  fortis  sive  admorsi)  bei  Mencken,  Scriptores 
rerum  germanicarum ,  praecipue  saxonicarum  (Lipsiae  1728 
2,  990  ff.  findet  sieh  eine  Abbildung  und  Beschreibung  jenes 
ursprünglich  im  Katharinenklöster  zu  Eisenach,  jetzt  aber  an 
der  Kapelle  zu  Reinhardsbrunn  befindlichen  Grabsteins.  Der 
Landgraf  liegt  ausgestreckt  da,  sein  Kopf  auf  einem  Kissen, 
welches  von  vier  Engeln  umgeben  ist,  von  denen  zwei  das 
Kissen  halten,  zwei  Rauchgefässe  schwingen.  Zu  Füssen  des 
Landgrafen  sind  zwei  Schildhalter  mit  dem  thüringischen  und 
meissnisehen  Wappen.  In  der  Inschrift  des  Grabes  ist  durch- 
aus kein  Bezug  auf  jene  Engel,  wohl  aber  sagt  Tentzel 
S.  993:  Tulvinari  caput  impositum  et  sub  eiborio  quasi  |  ex  456 
antiquo  ritu.  Quatuor  circumdatur  angelis,  quorum  duo 
thuribulis  ad  malos  dsemones  arcendos;  duo  pulvinar  tenent: 
cui  prineipis  caput  impositum  est.  Forte  eo  jam  tempore 
cogniti  erant  rhythmi  veteres  apud  Joannem  Agricolam 
Islebium  P.  II.  explicationis  proverbiorum  Germanicorum:  Ich 
will  heint  schlafen  gehen  ..."  Diese  Stelle  wohl  hat  Menzel 
oder  ein  anderer,  dem  Menzel  gefolgt,  flüchtig  angesehen 
und  die  Verse,  an  welche  Tentzel  durch  die  Engelgestalten 
erinnert  wurde,  ohne  viel  Besinnen  auf  den  Grabstein 
selbst  versetzt.1) 

Weimar.  April  1860. 


*)  Die  neuem  Hand-  und  Lehrbücher  der  thüringischen  Geschichte 
berühren  Friedrichs  Grabstein  kaum;  nur  Herzog  (Geschichte  des 
thüringischen  Volkes,  Hamburg  1827,  S.  339)  beschreibt  ihn  und  sag! 
bei  Erwähnung  der  vier  Engel:  'wahrscheinlich  nach  dem  damals  und 
lange  noch  unter  dem  Volke  gebräuchlichen  Kindernachtgebetlein  :  Ich 
will  heut  schlafen  gehen  .  .  .  .'  [Der  Irrtum  wird  wiederholt  Alemannia 
14.  214,  bei  Dunger  1874,  nr.  ll.r>,  bei  Erk-Böhme  3,  621,  bei  Eskuche 
1897,  S.  127  u.s.  w.] 


830  Zur  Volksdichtung. 

42  b.    Ein  altes  Kindergebet. 

(Germania  11,  4:55 — 445.      1866.) 

Seit  der  Veröffentlichung  meines  Aufsatzes  über  das  alte 
Kindergebet  von  den  hütenden  Engeln  (Germania  5,  448 — 456) 
haben  sich  mir  so  viele  und  anziehende  Nachträge,  zumeist 
aus  damals  mir  unzugänglichen  oder  noch  nicht  erschienenen 
Büchern,  ergeben,  dass  es  an  der  Zeit  sein  dürfte,  sie  einmal 
zusammenzustellen. 

Ich  beginne  mit  Deutschland  und  den  Niederlanden. 

Mit  der  alten  Zwölf  zahl  der  Engel  hat  A.  Birlinger 
(Nimm  mich  mit!  Kinderbüchlein.  Freiburg  im  Breisgau  1862, 
S.  18)  das  Gebet  aus  Ellwangen  mitgeteilt: 

Jetzt  gang  i  ins  Bett 

Und  nimm   12  Engele  mit, 

Zwei  zur  Kopf'net, 

Zwei  zur  Fussnet, 

Zwei  neben  mi, 

Zwei  decket  mi, 

Zwei  wecket  mi, 

Zwei  führet  mi  ins  Himmelsparadeis 

In  meines  Vaters  Himmelreich. 

In  Tirol  hat  I.  V.  Zingerle  (Sitten,  Bräuche  und  Meinungen 
des  Tiroler  Volkes,  Innsbruck  1857,  S.  149)  das  Gebet  genau 
436  so  gefunden,  [  wie  es  im  Wunderhorn  steht :  nur  heisst  es  bei 
ihm :  czwei  zu  meinem  Kopfe0. 

Die    von    Müllenhoff    (Sagen,   Märchen    und   Lieder    der 

Herzogtümer  Schleswig,   Holstein  und  Lauenburg,  Kiel  1845, 

S.  520)   gegebene  Fassung    weicht   fast  nur  im  Eingang  von 

der  früher  von  Schütze  aus  Holstein  gegebenen  ab  und  lautet: 

Herr  Jesu,  ik  will  slapen  gaen: 

Laet  veertein  Engel  by  my  staen! 

Twee  to  mynen  Höevden, 

Twee  to  mynen  Föten, 

Twee  to  myner  rechter  Hant, 

Twee  to  myner  luchter  Hant, 

Twee  de  my  decken, 

Twee  de  my  wecken, 

Twee  de  my   wysen 

In  dat  himmlische   Paradiesen. 


42b.  Ein  altes  Kindergebet.  331 

In  Jauernig  in  Österreichisch-Schlesien  lautet  das  Gebet 
(A.  Peter,  Volkstümliches  aus  Österreichisch-Schlesien,  Band  1. 

Troppau  1865,  S.  34): 

Eaite  wiil  icb  schloffa  giin, 

Ferza  Äng-1  sella  bainm*r  schtiin, 

Zweene  zur  Rächta. 

Zweene  zur  Lenka, 

Zweene  zun  Fissa, 

Zweene  zun  Haipta, 

Zweene  di  mich  däcka, 

Zweene  di  mich  wäcka, 

Zweene  di  nrr  zaigha  a  huucha  Schtaig 

Ai  das  eewighe  Himm'lraicb.     Amen. 

Das  'zeigen'  statt  'weisen'  haben  wir  schon  in  der  elsässischen 
Fassung  gehabt: 

Zwei  di  m  'r  zaje 

Das  himmlische  Barrediss.   - 

Es  werden  nuu  aber  auch  mehr  als  vierzehn  Engel  ge- 
nannt, wovon  ich  früher  noch  keine  Beispiele  aufführen  konnte 
nämlich  sechzehn  und  achtzehn.  Zunächst  sechzehn  in 
der  Basier  Fassung  (Baslerische  Kinder-  und  Volksreime, 
Basel  1857,  S.   2): 

Ich  will  e  Gottsname  niedergoh 

Und  seehzeh1)  Engeli  mit  mer  lo:  |  437 

Zwei  z1  Kopfede 

Und  zwei  z'  Füessede, 

Zwei  uf  der  rechte  Syte 

Und  zwei  uf  der  linke  Syte, 

Zwei  wäm  mi  decke 

Und  zwei  wäm  mi  wecke, 

Zwei  wäm  mi  spyse 

Und  zwei  wäm  mi  wyse 

Ins  lieb  herrlig  Paradys.     Amen. 

Dass  zwei  Engel  das  Kind  speisen  sollen,  werden  wir  nachher 
noch  in  dem  Schaffhauser  Gebet  finden. 

In  Hämischen  Fassungen  des  Gebetes  finden  sich  auch 
sechzehn  Engel2):   sie  kommen   aber  dadurch  heraus,   dass 

')  Gedruckt  steht  cvierzeh\  was  aber  zur  Aufzählung  s<-H>>t 
nicht  stimmt. 

2)  [Sechzehn  begegneten  un>  schon  oben  S.  320  im  Schlafsegen 
des  Landgrafen  von  Hessen.] 


332  Zur  Volksdichtung. 

zwei  Engel  den  Weg  des  Herren  lehren.  Flämische  Auf- 
zeichnungen sind  mitgeteilt  von  [Wolf,  Wodana  S.  !>1]  Reins- 
berg  -  Düringsfeld,  Calendrier  beige.  Bruxelles  1862,  Vol.  2, 
p.  .-541  (flandrische  Mundart).  Firmenich,  Germaniens  Völker- 
stimmen Rand  3,  S.  661  und  679  (Mundart  von  Brabant 
und  von  Antwerpen)  und  von  Emile  de  Borchgrave,  Histoire 
des  colonies  beiges  <jui  s'etablirent  en  Allemagne  pendant 
le  12öme  et  le  13feme  siecle.  Bruxelles  1865.  pag.  292  (Mund- 
art von  Gent).  Sie  weichen  nur  mundartlich  von  einander 
ab,  und  ich  darf  mich  daher  mit  der  Mitteilung  einer  be-- 
gnügen.     In  Gent  also  lautet  das  Gebet: 

T's  aeves  aes  ik  slaepe  gae, 

Der  volge  my  zestien  engelkes  nae, 

Twee  an  myn  koofdende, 

Twee  an  myn  voetende, 

Twee  an  myn  rechte  zye, 

Twee  an  myn  's  linke  zye, 

Twee  die  my  decke. 

Twee  die  my  wecke, 

Twee  die  my  leere 

De  weg  des  Heere, 

Twee  die  my  wyze 

Naer  't  Hemels  Paradyze. 

[In  dem  1740  approbierten  Buche  fHet  dobbel  Kabinet 
der  Christelyke  Wysheyd3  (Gend,  J.  Begyn  o.  J.)  steht  unter 
den  ( Kinder- Gebedekens'  folgende  Variante: 

Yrage:  Wat  peyst  gy,  als  gy's  avonds  slaepen  gaet? 
Antw.:     'S  avonds  als  ik  slaepen  gae, 

Dan  volgen  my  zestien  Engelen  nae: 

Twee  aen  myne  regte  zyde, 

Twee  aen  myne  slinke  zyde, 

Twee  aen  mijn  hoofd-eynde, 

Twee  aen  mijn  voet-eynde, 

Twee  die  my  dekken, 

Twee  die  my  wekken, 

Twee  die  my  leeren,  den  weg  des  Heere, 

Twee  die  my  wyzen.  ten  hemelschen  Paradyze. 

Ebenso  bei  J.  von  Vloten,  Nederlandsche  Baker- en 
Kinderrijmen  1874,  S.  163  =  1894,  S.  171.  Boekenoogeu. 
Onze  Eijmen  in  cDe  Gids1  1893,  4.  14.     Mit  einer  Komposition 


42b.  Ein  altes  Kindergebet.  :;;J3 

von  J.  J.  Verhulst  (14  Engel)  bei  D.  de  Lauge,  J.  vanRiems- 

dijk   eu     G.    Kalff,     Nederlandsch    Volksliederenboek    1898, 

nr.    136    und    im  Nederlandsch    Liederboek    uitg.    door    het 

Willems-Fonds  2,  183  nr.  86  (Gent  1892).] 

Auf  achtzehn  Engel  hat  es  das  Gebet  in  Scbaffhausen 

gebracht  (Der  Unoth.  Zeitschrift  für  Geschichte  und  Altertum 

des  Standes  Schaffhausen.    Hsg.   von  Johannes  Meyer,  1.  Heft. 

Schaffhausen  1863,  S.   45)    [ähnlich    bei  Tobler  1,   196  nr.  8 

und  Herzog,  Alemannisches  Kinderbuch   1885,  S.   15] : 

Ich  wil  e  Gotsnaine  nider  gü 

Und  achzehen  Engili  mitmer  lü:  j 

Zwei  z  Hoppete,  4:;> 

Zwei  z  Füessete, 

Zwei  uf  der  rechte  Site, 

Zwei  uf  der  lingge  Site, 

Zwei  die  mi  tecked, 

Zwei  die  mi  wecked, 

Zwei  die  mi   wised, 

Zwei  di  mi  spised, 

Zwei  die  mi  is  ewig-  Lebe  füered 

Und  zwei  die  mi  füered  is  himlisch  Baredis.     Arne  ! 

[Achtzehn  Engel    auch    bei    Hruschka-Toischer  1891,  S.   398, 

nr.  99  d.J 

Verminderungen  der  Zwölf-  oder  Vierzehnzahl  zu  Zehn, 

Sechs   und  Drei  in   deutschen   Fassungen   konnte   ich   bereits 

früher  nachweisen:  jetzt  kommt  dazu  die  Siebenzahl1)   bei 

den  Sachsen  in  Siebenbürgen  (F.  W.  Schuster.  Siebenbürgisch- 

sächsische   Volkslieder,   Sprichwörter,   Rätsel,   Zauberformeln 

und  Kinder-Dichtungen,   Hermannstadt  1865,    S.  359).     Eine 

Aufzeichnung  aus  Bistritz  lautet: 

Des  Obesst  sin  mer  schlöfe  giü, 
Sibn  Angel  sin  mäd  ess  ku, 
Zwe  ze'n  Hebn, 
Zwe  ze'n  Saitn, 
Zwe  ze'n  Fäessen, 
Der  sibnt  säl  ess  däken, 
Onser  Här  Jesus  säl  ess  mörn  fräe  fräsch 
gesond  ofwäken. 


')  [Vgl.  Frommanns  D.  Mundarten  6,  502. | 


334  Zur   Volksdichtung. 

Eine  zweite  aus  Mühlbach: 

Gotess  Nume  schlöfe  g<*m! 

Siwen  Ainjel  mät  mer  gon! 

Zwin  zä  meinjen  Hiwden, 

Zw  in  zä  meinje  Sekten, 

Zwin  zä  meinje  Fessen, 

Däd  in  dät  säl  mich  däken, 

Got  der  Här  säl  mich  gesangd  afwaken. 

Wir  werden  der  Siebenzahl  weiter  unten  noch  auf  romanischem 
Gebiete  begegnen. 

Auf  S.  451  meines  früheren  Aufsatzes  stehen  zwei 
Versionen  unseres  Gebetes  aus  dem  Osnabrückschen  und  aus 
dem  Münsterschen,  in  welchen  das  ursprüngliche  Engelgebet 
eigentümlich  erweitert  worden  ist.  Beiden,  die  sie  zum  Teil 
vereint,  ähnlich  ist  eine  dritte,  von  F.  W.  Lyra  (Plattdeutsche 
Briefe,  Erzählungen,  Gedichte  u.  s.  w.  Osnabrück  1845,  S.  187) 
aufgezeichnete:  | 

439  'Auwends,  wann  'k  na  Bedde  gaae, 

Legg'k  mi  in  Mariggens  Schaut: 
M'rigge  is  miin  Mooder, 
•Tannes  is  miin  Brooder, 
Jesus  is  miin  G'leidesmann, 
De  mi  'n  Weg  wual  wiisen  kann. 
Waar  ick  ligge,  gaae  un  staae, 
Sind  mi  veerteen  Engel  naae: 
Twee  to  miinen  Koppe, 
Twee  to  miinen  Fööten, 
Twee  to  miiner  rechten  Siit, 
Twee  to  miiner  linken  Siit, 
Twee  de  mi  decket, 
Twee  de  mi  wecket, 
Un  twee  de  mi'n  Weg  na'n  Hiemel  wüst. 
Jesus  is  miin  Hätken, 
J'annes  is  miin  Scliätken, 
M'rigge  ligt  mi   in  'n  Sinn. 
Met  de  dree  schlaup  ick  in. 

Rine  andere  Erweiterung  zeigt  das  Gebet  im  Bremischen 
(F.  Köster,  Altertümer,  Geschichten  und  Sagen  der  Herzog- 
tümer Bremen  und  Verden.  Stade  1856,  S.  113): 


42b.  Ein  altes  Eindergebet.  335 

Des  Abends,   wenn   ik   to  Beeide  ga, 

Veertein  Engel  mit  my  ga'n: 

Twee  to  mynen  Hö'ten, 

Twee  to  mynen  Föten. 

Twee  to  nivner  rechten   Sict, 

Twee  to  myner  linken  Siet, 

Twee  de  my  decken, 

Twee  de  my  wecken, 

Twee  de  my  den  rechten  Weg  wiest 

In  dar  himmlische  Paradies. 

Paradies,  Paradies  is  upslaten, 

De  Himmel  is  apen. 

Wat  seh  ik  dort  hangen? 

Slötter  un  Tangen. 

Da  slap  ik  so  söt 

Achter  leben  Herrgott  syn  Föt. 

Un  wenn  de  bittre  Dod  kummt 

Un  will  my  besluten,  j 

So  kummt  de  lebe  Jesu,  440 

De  den   Himmel  upslut!     Amen.1) 

Ganz  ähnlich  ist  die  Erweiterung  in  dem  Gebet,  wie  es 
[Willems,  Belgisch  Museum  7.  80  und]  E.  de  Borchgrave  a.  a.  0. 
S.  291  im  Dialekt  der  Umgegend  von  Brügge  giebt: 

'Sen  aevens  als  ik  slaepen  gaen, 

Daer  volgen  min  zestien  engeltjes  naer. 

Twee  aan  min  hofdende, 

Twee  aan  min  voetende. 

Twe  aan   min  rechter  zide, 

Twe  aan  min's  linker  zide, 

Twe  die  min  dekken, 

Twe  die  min  wekken, 

Twe  die  min  leren 

De  weg  des  Heren, 

Twe  die  min  wizen 

Naer  d1  hemelssche  Paradizen. 

T  hemels  Paradis  staet  oopen; 

D'  Ell2)  is  geslooten 


')  Herr  Prot.  Adalbert  Kuhn  in  P>erlin  hatte  die  Güte,  mich  zuerst 
auf  dies  Gebet  aufmerksam  zu  machen.  Seitdem  habe  ich  es  auch  bei 
Borchgrave  a.  a.  0.  citiert  gefunden. 

2)  d.  i.  die  Hölle. 


:!.'$(j  Zur  Volksdichtung. 

Mit  izers  en  banden  ; 

'K  vouwe1)   biede  min'  handen, 

Met  Jesus  in  min  mond, 

Met  Jesus  in  min  herte-grond. 

Endlich  das  plattdeutsche  Gebet  aus  Wohlde  in  Schleswig 
<I>-  R-  Tuxen,  Det  plattydske  Folkesprog  i  Angel,  Kjöbenhavn 

1857,  S.  90): 

Des  Abens,  wenn  ik  to  Bett  gä, 
Nehm  ik  vertein  Engeln  mit : 
Twe  tum  Hüten, 
Twe  tum  Föten, 
Twe  an  min   reckte  Sid, 
Twe  an  min  linke  Sid, 
Twe  de  mi  decken, 
Twe  de  mi  wecken, 
Twe  de  mi  de  "Weg  wiest 
Nä  dat  bimmliscbe  Paradies. 
De  Himmel  is  äpen. 
De  Höll  is  fesläten.   | 
441  O  slutt  ein,  o  slutt  em  un  binn  em  doch  fass, 

Dat  he  nich  nä  min  arme  Sei  hentracb! 

Hiermit  gehen  wir  nach  Dänemark  über.  In  meinem 
frühem  Aufsatz  S.  453  konnte  ich  nur  auf  Bugges  Ver- 
weisungen auf  Pontoppidanus  und  Grundtvig  hinweisen:  jetzt 
kann  ich  die  dort  stehenden  Gebetsformeln  selbst  mitteilen. 
Erich  Pontoppidanus  (Everriculum  fermenti  veteris  seu  residuaj 
in  danico  orbe  cum  paganismi  tum  papismi  reliquiae  in 
apricum  prolatae,  Hafnise  1736,  pag.  64)  führt  als  eine 
'vespertino  tempore  orandi  formulam  nondum  plane  obsole- 
tam'  an: 

Xaar  jeg  til  min  Seng  monne  gaae, 
Tolv  Guds  Engle  hos  mig  staae. 
Een  ved  min  höjre  [Haand], 
Een  ved  min  venstre  Haand, 
To  ved  mit  Ho  ved, 
To  ved  mine  Födder, 


x)  d.  i.   ich  falte. 


42  b.  Ein  altes  Kindergebet.  337 

To  mig  dekke, 
To  mig  na-kke, 
To  mig  Yejen  viise 
Ind  i  Paradiis  '). 

Die  Form,  die  Svend  Gründtvig  ^Gamle  dauske  Minder 
i  Folkemunde,  ny  Sämling,  Kjöbenhavn  1857,  S.  153)  [auch 
bei  Firmenich  3,  804]  nach  der  Überlieferung  eines  im  Jahr 
1731  verstorbenen  Pastors  in  Ensted  bei  Aabenraa,  dessen 
alte  jütländische  Magd  es  allabendlich  betete,  giebt,  steht  der 
deutschen  noch  näher.     Sie  lautet: 

Hwar  Awten,  a  til  Ssenge  gär, 

Fjowten  Gudsengler  om  mse  stär 

Tow  ve  mi  Hojem, 

Tow  ve  mi  Fojem, 

Tow  ve  mi  hywer  Si, 

Tow  ve  mi  venster  Si; 

Tow  mae  vsekk! 

Tow  mse  d.ekk! 

Tow  mee  Vej   vis1 

Te  den  evi<r  Paradis  !     Amen. 


o 


[Madsen,  Folkeminder  fra  Hanved  Sögu  S.  158.  Moe  og 
Mortenson,  Norske  Fornkvaede   1877   1,  52.] 

In  den  Schriften  des  norwegischen  Dichters  Henrik 
Wergeland  findet  sich,  wie  Bugge  ebenfalls  bemerkt  hat,  auch 
unser  Gebet,  offen-  |  bar  vom  Dichter  kunstmässig  bearbeitet,  442 
aber  nach  welcher  Grundlage?  Die  Fassung  im  Wunderhorn 
als  solche  anzunehmen,  wie  Bugge  meint,  scheint  mir  ungerecht- 
fertigt. Wergelands  Bearbeitung  (Skrifter.  Christiania  1852 
2,  155)  lautet: 

Bö  rne  sauge. 
1.    Afte  n  b  on  (1840). 

Naar  jeg  la?gger  mig  til  Hvile, 
Tretten  Engte  om  mig  staae: 
Tvende  ved  min  Höjre  smile, 
Tvende  til  min  Venstre  gaae, 

l)  Herr  Professor  Dr.  Theodor  Möbius  in  Kiel  hat  mir  auf  meine 
Bitte  diese  Stelle  aus  dem  seltenen  Buch  Pontoppidans,  sowie  die  später 
ausgeführte   Wergelands  freundlichst  mitgeteilt. 

Köhler,  Kl.  Schriften.   III.  22 


338  Zur  Volksdichtung. 

To  paa  Vagt  ved  Hovedpuden, 
To  ved   Foden  desforuden, 

To  mig  deekke, 

To  mig  vfekke, 

En  inig   viser 
Alle  Himlens  Paradiser. 

Aus  England  kann  ich  diesmal  zu  den  zwei  früher 
(S.  454)  mitgeteilten  Gebeten  ein  drittes  aus  East  Norfolk 
fügen  (Choice  Notes  from  'Notes  and  Queries.3  Folk  Lore. 
London  1859,  S.   179).     Es  lautet: 

Matthew,  Mark,  Luke,  and  John, 
Bless  the  bed   that  I  lie  on ! 
Four  corners  to  my  bed, 
Five  angels  there  lie  spread; 

Two  at  my  hend, 

Two  at  my  feet, 
One  at  my  heart,  my  soul  to  keep. 

Durch  die  beiden  Zeilen  'Two  at  my  head,  Two  at  my  feet" 
steht  diese  englische  Variante  den  deutschen,  flämischen  und 
skandinavischen    weit    näher   als  die   früher  mitgeteilten  1). 

[Vgl.  Halliwell,  Populär  rhymes  p.  210.  Notes  and  Queries 
1.  Series  6,  480.  11,  206.  474.  12,  90.  1G4.  7.  Series  8, 
208.  275.  414.  494.  9,  36,  wo  auch  verwiesen  wird  auf 
L.  Sharp,  Arclueologia  27,  253  und  Ady,  Candle  in  the  dark 
1660,  p.  58.  Unten  S.  349] 
443  Dass  unser  Gebet  auch  in   romanischen  Sprachen  vor- 

kommen möge,  vermutete  ich  bereits  in  meinem  frühern  Auf- 
satz,  und    es   hat  sich   diese  Vermutung  bestätigt;    ich  kann 


')  In  einer  davon  hatte  Halliwell,  wie  ich  S.  -454  erwähnt  habe,, 
bemerkt:  ca  charm  somewhat  similar  may  be  seen  in  the  Towneley 
Mysteries  p.  9]'.  Die  von  Halliwell  angezogene  Stelle,  die  ich  damals 
nicht  nachschlagen  konnte,  befindet  sich  in  einem  Weihnachtsspiel,  wo 
einer  der  Hirten,  die  sich  eben  zum  Schlaf  niederlegen  wollen,  sagt: 
For  ferde  we  be  fryght  a  cross  let  us  kest, 
Cryst  Crosse,  benedyght,  ecst  and  west 

For  dreed. 
Jesus  o'  Nazorus 
Crucyefixus 
Marcus,  Andreas, 
God  be  our  spede! 


42b.  Ein  altes  Kindergebet.  339 

es  jetzt  in  französischer  und  provencalischer  Sprache  nach- 
weisen. [Sauve,  Folk-lore  des  Hautes-Vosges  1889,  {>.  277.] 
Ribault  de  Laugardiere  teilt  in  seiner  kleinen  Schrift 
'Lettres  snr  quelques  prieres  populaires  du  Bern  (Bourges 
1856)  S.  l(i  ein  Abendgebet  mit,  welches  'Credo-le-Petit5 
genannt  wird  und  also  lautet1): 

Je  le  crois  coum'  je  le  dis2), 
Sept  bell's  anges  dans  nion  lit, 
Trois  aux  pieds,  quatre  au  clieveu, 
Le  bon  Dieu  par  le  melieu, 
Qui  nie  dit:  Moun  emi,  coueh'  toi, 
>~"aie  donc  point  crainte  de  moi. 
Appelle  Saint  Jean  ton  pee, 
Ton  parrain,  le  grand  seint  Piee: 
Mais  si  la  mort  te  surprenne, 
Tappellevas  ta  marraine. 

Ganz  ähnlich  ist  das  pro vencalische  Gebet  bei  Damase 
Arbaud.  Chants  populaires  de  la  Provence,  Aix  18(52.  S.  11* 

Au  liech  de  Diou 
Me  couche  iou, 

Sept  angis  n'en  trove  iou, 

Tres  es  peds, 

Quatre  au  capet, 
La  Boueno  Mero  es  au  mitan, 
Uno  roso  blanco  a  la  man, 
Me  dit:  2\**  endouerme  te, 
Agues  pas  poou  se  n'as  la  fe, 
N'en  cregnes    ren  doou  chin,   dou  loup, 

De  la  ragi  que  vai  partout, 
De  l'aigeo  courrent,  doou  fuee  lusent, 

Ni  de  toutes  marides  gens3).  | 


')  Ich  selbst  habe  das  Büchlein,  auf  welches  ich  durch  einige 
Citate  in  Jauberts  Glossaire  du  Centre  de  la  France,  2eme  ed.,  Paris  1864, 
aufmerksam  geworden,  nie  gesellen.  Ks  scheint  gar  nicht  oder  nur  in 
kleiner  Auflage  in  den  Buchhandel  gekommen  zu  sein.  Ein  Pariser 
Freund  hat  die  Güte  gehabt,  mir  aus  dem  Exemplar  der  Kais.  Bibliothek 
in  Paris  ,las  Gebet  abzuschreiben. 

-)  Variante:  Coum'  je  le  sais  je  le  dis. 

3)  Ein  anderes  in  demselben  Buch  S.  12  mitgeteiltes  Gebet  möge 
wegen  des  Anfangs  der  englischen  Fassungen  unseres  Gebetes  auch 
hier  einen  Platz  finden: 


340  Zur  Volksdichtung. 

[Ein  catalanisches  Gebet  bei  Maspons  y  Labrös,  Jochs 
de  la  infancia  1874,  S.  61  =  Germania  22,  188  =  Liebrecht, 
Zur  Volkskunde  1879,  S.  391  —  Über  portugiesische  Ge- 
staltungen vgl.  Coelho,  Oracäo  dos  anjos  da  guarda  (Revista 
lusitana  1,  326—331.  1887—89).] 
444  Die  Siebenzahl  der  Engel  haben  wir  schon  in  dem  sieben- 

bürgisch-sächsischen   Gebet    gefunden,    wo    aber    die    sieben 
Engel  vierfach  geteilt  waren. 

Endlich  habe  ich  noch  eine  französische  Variante,  die 
durch  lose  aneinander  gereihte  Zusätze  ausserordentlich 
erweitert  ist,  anzuführen,  in  welcher  die  Engelzahl  auf  drei 
herabgesunken  ist.  Ich  entnehme  sie  Victor  Hugos  berühmtem 
Roman  cLes  Miserables'  (Leipziger  Ausgabe  1862,  Band  4, 
S.  107).  Bis  zum  Jahr  1827  staud  über  der  Thür  des  Refek- 
toriums eines  Pariser  Nonnenklosters  in  grossen  schwarzen 
Lettern  folgendes  Gebet1)  geschrieben: 

Petite   patenotre    blanche,    que  Dieu   fit,    que  Dieu  dit,  que 

D  i  e  u  mit  e n  p  a r  a d i  s. 

Au  soir  m'allant  coucher. 

je  trouvis  trois  anges  ä  raon  lit  couches, 

un  aux  pieds,  deux  au  chevet, 

la  bonne  vierge  Marie  au  milieu, 

qui  nie  dit  que  je  m'y  couchis, 

que  rien  ne  doutis. 

Le  bon  Dieu  est  mon  pere, 

la  bonne  Vierge  est  ma  mere, 

les  trois  apotres  sont  mes  freres, 

les  trois  vierges  sont  mes  soeurs. 

La  chemise  oü  Dieu  fiit  ne, 

mon  corps  en  est  enveloppe; 

la  croix  Sainte-Marguerite 

ä  ma  poitrine  est  ecrite: 

Madame  la  Vierge  sen  va  sur  les  champs, 


Sant  Jean,  Sant  Luc,  Sant  Marc,  Sant  Mathiou, 

Les  quatre  Evangelistos  de  Diou, 
Sieguetz  toujours  ben  eme  iou, 
Coumo  eme  toutes  les  mious. 
Man  vgl.  die  zweite  Anmerkung    auf  S.  454  meines  früheren  Aufsatzes. 
')  [Vgl.  Folk-Lore  Record  1,  151.     2,  127.] 


43.  Italienische  Nachtgebete.  341 

Dieu  pleurant,  rencontrit  M.  saint  Jean. 

Monsieur  saint  Jean,  d'oü  venez-vous! 

Je  viens  d'Ave  Salus. 

Vous  n'avez  pas  vu  le  hon  Dieu,  si  est  ? 

II  est  dans  l'arbre  de  la  Croix, 

les  pieds  pendants, 

les  mains  clouans,    | 

un  petit  chapeau  d'epine  blanche  sur  la  tete.  145 

Qui  la  dit  trois  fois  au  soir,  trois  fois  au  matin, 

gagnera  le  Paradis  a  la  fin. 

Die  Zeilen 

lla  bonne  Vierge  est  ma  raere, 
les  trois  apötres  sont  mes  freres' 

fanden  wir  in  den  osnabrückischen,  und  münsterschen  Versionen 
entsprechend: 

'Maria  ist  meine  Mutter, 
Johannes  ist  mein  Bruder.' 

[Vgl.  Altdeutsche  Blätter  2,  268: 

God  sij   mijn  vader,  Maria  mijn  moeder, 
De  heileghe  Evangelisten  mijn  broeder.] 

Weimar,  April  1866. 


43.  Italienische  Nachtgebete. 

(Jahrbuch  für  roman.  Litt.  8,  409-417.     1867.) 

Die  nachfolgenden  acht  aus  dem  Mund  des  toscani- 
schen  Landvolkes  gesammelten  Nachtgebete  verdanke  ich 
der  entgegenkommenden  Güte  des  Herru  Professor  P.  Pagaliini 
in  Pisa,  der  durch  meinen  Aufsatz  über  cein  altes  Kinder- 
gebet'  in  Fr.  Pfeiffers  Germania  5,  448 — 56  und  11,  435 
bis  45) x)   sich    veranlasst  gefunden  hat    sie   mir   mitzuteilen. 

l)  Einen  dankenswerten  Nachtrag  [aus  dem  Flateyjarbok  2,  400 
=  Fsereyinga  saga  cap.  56,  S.  257  ed.  Rafn:  'Gangat  ek  aeinn  ut  |  fiorir 
mer  fylgia  |  lim  guds  »einglar  |  ber  ek  been  firir  mer  |  bsen  firir  Kristi  | 
syng  ek  salma  VII  J  siai  gud  hluta  minn']  hat  K.  Maurer  in  der  Ger- 
mania 12,  234—236  geliefert.    [Vgl.  zu  diesem  Credo  des  neunjährigen 


U'2 


Zur  Volksdichtung. 


I. 

(A  Monte  Ami  ata.) 

A  letto.   a  Letto  nie  ne   vo, 
L'anima  a  Dio  la  do, 

La  do  a  San  Michele 
Ch'  ha  le  chiavi  d'aprire  il  eielo. 
5  Croce  santa  e  croce  degna, 
Tu  mi  salvi  e  tu  mi  segna. 
Segnami  che  son  mortale, 
Segna  il  letto  e   il   capezzale, 
Segna  la  casa  d'ogni  canto, 

10     Padre,  Figlio  e  Spirito  Santo. 
Yieni  a  tutte  Tore, 
Vieni  a  visitar  l'anima  mia, 
Che  sono  buono  servo  del  Signore 
E  devoto  della  Vergine  Maria. 

15     Ecco  posata    la  faceia  nel  letto, 
M'arraccomando,  o  Gesü  buono, 
M'arraccomando,  o  Gesü  benedetto, 
Di    tutti  i  peccati  vi  chieggo  perdono. 
Acqua  santa.  tu  mi  bagni, 

20     Gesü  caro  m'accompagni, 
M'accompagni  quando  mojo. 


410 


II. 

(  N e  1 1  a    campagna   p i  s  t  o j  e s e.) 

A  letto,  a  letto  nie  ne  vo, 
L'anima  mia  a  Dio  la  do, 
E  la  do  a  San  Giovanni, 
Che  mi  liberi  dagl'  inganni; 
5     E  la  do  a  San  Miehele, 

Che  la  guardi  e  pesi  bene ;  ') 


Knaben  Lyngby  bei  Hagerup.  Om  det  danske  sprog  i  Angel,  2.  udg. 
S.  VIII  f.  und  180.  Harland  and  Wilkinson,  Lancashire  folk-lore  S.  114 
=  Choice  notes  p.  111:  'Little  Creed\] 

*)  S.Michael  wägt  bekanntlich  die  Seelen.  Vgl.  G.  Zappert,  Vita 
beati  Petri  Acotanti,  Wien  1839,  S.  88  f.;  Grimm,  D.  Myth.  S.  819; 
W.  Menzel,  Christi.  Symbolik  2,  130  f.  [Heider,  Die  roman.  Kirche  zu 
Schöngrabern  S.  235  ff.  Mila  y  Fontanala  p.  128.]  Ausser  dem  Seelen- 
wägen  ward  von  S.  Michael  auch  angenommen,  dass  er  die  Seelen  der 
Frommen   in  Empfang  nehme  und  ins  Paradies    geleite  [Heider,  S.  230. 


43.  Italienische   Nachfgcbete.  .",(:; 

E  la  do  a  San  Antonio, 

Che  mi  liberi  dal  demonio; 

E  la  do  alla  A'ergine  Maria, 
10     Che  mi  assista  nel   punto  della  morte  inia. 

Gesü  mio,  mi  butto  giü, 

Non  so  se  mi  rizzerb  piu. 

Ecco  posata  la  faccia  sul  letto, 

Mi  raccomando  a  Gesü  benedetto, 
15     Mi  raccomando  a  Gesü  santo  e  buono, 

Di  tutti  i  miei  peccati  vi  chiedo  perdono. 

0  cuore  di  Gesü  che  mi  ha  redento. 

In  pace  mi   riposo  e  mi   addormento. 


111. 
(Xella    campagna   fiorentina.) 

Gesü  mio,  entro  giü, 

Non  so  se  mi  leverö  piü. 

L'anima  a  Dio  la  do, 

La  do  a  San  Giovanni. 
5     Gesü,  Giuseppe  e  Maria, 

Vi  dono  il  cuore  e  Taninia  mia. 

Gesü,  Giuseppe  e  Maria, 

Assistetemi  nell'  ultima  agonia. 

Gesü,  Giuseppe  e  Maria, 
10     Spiri  in  pace  con  voi  l'anima  mia. 

A  letto  nie  ne  vado 

Colla  Madonna  al  petto, 

Con  Santa  Margherita,  411 

Gesü  ci  benedica. 
15     Angelo  bello, 

Pien  di  sapienza. 

Che  sempre  vedi 

La  faccia  di  Dio, 

Guardimi  e  scampimi 
20     Colla   tua  potenza. 

Stai  meco,  caro  fratel  mio  *), 


'Sente  Michahele,  der  meister  ist  der  sele',  Heinrich  v.  Krolewiz  \.  2765J, 
ja  er  wird  sogar  in  einer  Urkunde  (s.  Grimm,  D.  Myth.  S.  1226)  'prsepositus 
paradisi'  genannt.  Wenn  er  aber  nach  I,  4  die  Himmelssehlüssel  führt, 
so  ist  dies  bekanntlich  eigentlich  nur  das  Amt  des  S.  Petru>. 

*)  In  einem  spanischen  Kinderreim  (bei  F.  Caballero,  Cosa  cum- 
plida  .  .  solo  en  la  otra  vida  \>.  11)  heisst  es:  Los  ängeles  mi~  hermanos 
Me  cogieron  por  la  raano.    Vgl.  auch  Legenda  aurea,  ed.  Grässe,  p.  649 


344  Zur  "Volksdichtung. 

Non  mi  abbandonare, 
Ne  di  di,  ne  di  notte, 
Fino  al  punto  della  morte. 


IV. 

(Nella   campagna  sanese.) 

A  letto,  a  letto  me  ne  vo, 
L'anima  mia  a  Dio  la  do, 
La  do  a  Dio  e  a  San  Giovanni, 
Che  il  nemico  non  m'inganni, 
5     Ne  di  di,  ne  di  notte, 

Manco  al  punto  della  morte» 
Ne  di  notte,  ne  di  di, 
Manco  al  punto  del  morir. 
A  letto  a  letto  ce  n'andiamor 

10     Gesü  Cristo  rincontriamo» 
Rincontriamo  San  Silvestre, 
Che  ci  ha  fatto  questo  letto, 
Che  lo  ha  fatto  a  quattro  canti, 
Che  ci  dorme  quattro  Santi; 

15     Due  da  piedi,  due  da  capo, 

La  Vergine  Maria  sarä  al  mio  lato. 
Gesü  mio,  ho  da  morire, 
Gesü  mio,  non  so  dove, 
Gresü  mio,  non  so  quando, 

20     Gesü  mio,  mi  raccomando. 

Angiol  mio  bello,  pien  di  sapienza, 
Tu  che  risguardi  la  faccia  di  Dio, 
Guardimi  e  scampimi  la  tua  gran  potenza. 
Sta  con  me,  dolce  fratel  mio, 

25     Sta  con  me,  non  mi  abbandonare, 

Acciocche  non  cada  in  peccato  mortale.  | 
412  La  mia  lingua  non  possa  dir  del  male, 

II  mio  cuore  non  possa  mal  pensare. 
Sta  con  me,  con  la  Vergine  pura, 

30     Sta  con  me,  che  non  avrö  paura. 
Guardami  oggi,  guardami  domani, 
Guardami  in  eterno, 
Scampami  dalle  pene  eterne  dell'inferno. 


und  Grimm,  D.  Myth.  830.  ['Los  niiios  son  mis  hermanos  y  mis  seme- 
jantes',  sagt  der  Schutzengel  bei  Trueba,  Cuentos  de  vivos  y  muertos- 
S.  10.] 


43.  Italienische  Nachtgebete.  34» 

V. 

(Xella   eampagna   lucchese.) 

Mi  pongo  giü 

Col  norae  di  Gesü, 

Xon  so  della  levata, 

Xon  so  della  posata. 
5     L'anima  mia  sia  raccomandata 

A  Dio  e  a  San  Giovanni. 

Xon  nemico  non  m'inganni. 

In  qnesta  notte  tenebrosa  e  oscura 

II  corpo  dorma  e  l'anima  sia  sicura. 
10     A  letto,  a  letto  nie  n1  andai, 

E  quattr1  angioli  'ncontrai; 

Due  da  piedi  e  dne  da  capo, 

Gesü  Cristo  dal  mio  lato; 

Gesü  Cristo  che  mi  disse, 
15     Ch'  io  posassi,  ch1  io  dormissi, 

E  paura  non  avessi 

Ne  di  lancia,  ne  di  ferro, 

Xe  dell'  ombre  dell'  inferno, 

Ne  di  quella  brutta  cosa, 
20     Giorno  e  notte  mai  non  posa. 

Aivo  o  morto  ch'  io  sia, 

Gesü,  vi  raccomando  l'anima  mia. 


VI. 

(Xella   campagna  pisana.) 

10  nie  ne  vado  a  letto, 

11  mio  Gesü  aspetto, 
II  mio  Gesü  verra, 
II  mio  letto  segnerä, 

5     Segnerä  la  camera  in  canto  in  canto, 

Gesü  m'  accompagni  e  lo  Spirito  Santo. 

A  letto,  a  letto  me  ne  vo, 

L'anima  mia  a  Dio  la  do, 

La  do  a  Dio  e  a  San  Giovanni,  | 
10     Xon  nemico  non  m'  inganni,  41$ 

Ne  di  giorno,  ne  di  notte, 

Fino  al  punto  della  morte. 

Voi  siete  in  cielo,  io  sono  in  terra, 

Per  vostro  amore  bacero  la  terra; 
15     Terra  bacio  e  terra  sono, 

Gesü  mio,  vi  chiedo  perdono; 


:J>4ti 


Zur  Volksdichtung. 


Terra  sono  e  terra   bacio, 

Gesü  mio,  vi  ringrazio. 

A  letto,  a  letto  nie  n'andavo, 
20     E  quattr'  angioli  incontravo ; 

Due  da  piedi,  (lue  da  capo, 

Gesü  Cristo  dal  mi'  lato, 

E  mi  disse, 

Che  vegliasse,  che  dormisse 
25     E  paura  non  avesse 

Ne  di  lance,  ne  di  ferro, 

Ne  dell'  ombra  dell'  Inferno, 

Ne  di  quella  mala  cosa, 

A  voler  che  la  notte  riposa. 
30     Gesü  mio,  rai  nietto  giü, 

Non  so  se  m'arrizzerö  piü. 

Tre  cose  vi  arr accomando : 

La  Confessione,  la  Comunione  e  TOlio  Santo. 

Mi  raccomando  a  Dio, 
35     All'  Angel  custode,  al  Padre  Eterno,  allo 

Spirito  Santo. 


414 


VII. 

(Nella    campagna    pisana.) 

A  letto,  a  letto  me  ne  vo, 
L'anima  mia  a  Dio  la  do, 
La  do  a  Dio  e  a  San  Giovanni, 
Non  nemico  non  m'inganni, 
5     Ne  di  di,  ne  di  notte. 
Ne  pel  punto  della  morte. 
San  Giovanni  e  San  Yincenzo 
Ha  giä  fatto  questo  letto, 
Con  quattr'  angioli  di  Dio 

10     Tutt1  intorno  al  letto  mio; 
Due  da  piedi.  due  da  eapo. 
La  Vergine  Maria  sia  al  mio  lato. 
La  Vergine  Maria  mi  disse, 
Che  vegliasse  o  che  dormisse, 

15     Che  paura  non  avesse 

Ne  di  lancia,  ne  di  ferro,   | 
Ne  di  ombra,  ne  d'inferno. 
Mi  pongo  nel  letto 
Con  la  Madonna  al  petto, 

20     Sempre  pensando  d'avere  a  morire, 


4.;.  Italienische  Nachtgebete.  347 

E  tre  chose  vi  chiedo: 

La  Confessione,  la  Comunione  e  l'Olio  Santo. 

Mi  raccomando  a  voi 

E  a  vostro  Fielio  Santo. 


VIII. 

(N e  11  a   c am p ag n a    pistojese.) 
Quando  a  lettu  vo   la  sera, 
Viene   d'angeli   una   sehiera  : 
Due  si  stan  del  letto  appie, 
Due  dal  capo  presso  a  nie : 
5     Due  ne  vamio  al  destro  fianco, 
Due  ne  vanno  al  lato  manco: 
Due  mi  copron  jüan  pianino, 
Due  mi  svegliano  al  mattino: 
Due  mi  mostran  dolci  in  viso 
10     II  cammin  del  paradiso. 

Die  Gebete  IV  —  VII  haben  nicht  wenige  Verse,  wenn 
auch  mit  kleinen  Abweichungen  im  Wortlaut,  gemeinsam,  aber 
auch  1 — III  haben  wenigstens  einige  Verse,  die  in  IV — VI [ 
■wiederkehren.     Es  stimmen  nämlich  ü berein: 


I. 

II. 

III. 

IV. 

V. 

VI. 

VII. 

1. 

1. 

, 

1. 

. 

i. 

1. 

2. 

2. 

3. 

2. 

. 

8. 

2. 

3. 

4. 

3. 

6. 

9. 

3. 

4. 

. 

4. 

7. 

10. 

4. 

•23. 

5. 

. 

11. 

5. 

•24. 

6. 

• 

12. 

6. 

9. 

10. 

19. 

(9.) 

10. 

11. 

20. 

(10.) 

15. 

12. 

21. 

11. 

16. 

13. 

22. 

12. 

14-20.   23-29.   13-17. 

I    und   II    haben    ausser    den    erwähnten    beiden    ersten    4l."> 
Zeilen  noch   die   Zeile   "la   do    a    San    Michele'    und   die    vier 
Zeilen  cEcco  posata  —  perdono'  gemein. 

Mit  I,  9.  10  vergleiche  man  VI,  5.  6. 


348  Zur  Volksdichtung. 

II,  11.  12  kehren  fast  gleichlautend  wieder  III.  1.  2  und 
VI.  30.  31. 

III  und  IV  haben  auch  die  Anrede  an  den  Schutzengel 
gemeinsam  (III,   15—22  ==  IV,  21—25). 

Mit  IV,  11.  12  vergleiche  man  VII,  7.  8. 
Von  VI   und  VII    sind   auch   die   vier  Schlusszeilen  zum 
Teil  wörtlich  gleich. 

[Aus  Sardinien  bringt  H.  v.  Maltzan  (Reise  auf  der  Insel 
Sardinien  1869,  S.  412)  folgendes  Gebet  bei: 

Su  lettu  meu  est  de  battor  contones 

Et  battor  anghelos  si  bei  ponen, 

Duos  in  pes  et  duos  in  cabitta. 

Nostra  signora  a  costazu  ni'ista, 

E  a  mie  narat:  Dormi  e  reposa, 

No  hapas  paura  de  mala  cosa, 

No  hapas  paura  de  mala  fine. 

S'Anghelu  Seranne, 

S'Anghelu  biancu, 

S'Ispiridu  santu, 

Sa  Virgine  Maria, 

Totu  siant  in  cumpagnia  mia. 

Vgl.  Gianandrea.  Canti  pop.  marchigiani  1875,  p.  292  f. 
Finamore,  Trad.  pop.  abruzzesi  2,  126,  nr.  627  (1886).  Vigor 
Canti  pop.  siciliani  nr.  3665.  Rivista  di  lett.  pop.  1,  167. 
Archivio  delle  trad.  pop.  16,  379.] 

Soviel  über  das  Verhältnis  der  italienischen  Gebete  zu 
einander,  jetzt  noch  einige  Bemerkungen  über  ihr  Verhältnis- 
zu  nichtitalienischen  Gebeten. 

Wenn  in  IV,  V,  VI  und  VII  der  zu  Bett  Gehende  vier 
Engel  um  sich  hat,  zwei  zu  Füssen,  zwei  zu  Häupten,  und 
Jesus  Christus  oder  die  Jungfrau  Maria  zur  Seite,  die  ihm 
sagen,  er  möge  keine  Furcht  haben,  so  sind  hierin  drei 
französische  Gebete  ganz  ähnlich,  die  ich  in  Pfeiffers  Ger- 
mania 11,  443  f.  mitgeteilt  habe.    Das  eine  aus  Berry  lautet: 

Je  le  crois  coura'  je  le  dis, 
Sept  bell's  anges  dans  mon  lit, 
Trois  aux  pieds,  quatre  au  cheveu, 
Le  bon  Dieu  par  le  melieu, 
Qui  nie  dit:  Moun  emi,  couch'  toi, 
N'aie  douc  point  crainte  de  moi. 


43.  Italienische  Nachtgebete.  349 

Das  andere  aus  der  Provence : 

Au  liech  de  Diou 

Me  eouche  iou, 
Sept  angis  n'en  trove  iou, 

Tres  es  peds, 

Quatre  au  capet, 
La  Boueno  Mero  es  au  mitan, 
Uno  roso  blanco  ä  la  man, 
Me  dit :  N.  endouerme  te, 
Agues  pas  poou  se  n'as  la  fe, 
N'en  cregnes  ren  doou  chin,  dou  loup  u.  8.  w. 

Ein  drittes  aus  Paris: 

Au  soir  m'allant  coucher, 

Je  trouvis  trois  anges  ä  nion  lit  couches,  | 

un  aux  pieds,  deux  au  chevet,  416 

la  bonne  vierge  Marie  au  milieu, 

qui  nie  dit  que  je  m'y  couchis, 

que  rien  ne  doutis  u.  s.  \v. 

Wie  in  nr.  IV  die  vier  Ecken  des  Bettes  erwähnt 
werden,  so  fehlen  diese  auch  nicht  in  den  verwandten  eng- 
lischen Gebeten,  die  ich  in  der  Germania  5,  454  und  11,  442 
[oben  S.  327  und  338]  angeführt  habe  und  denen  ich  noch 
folgendes  aus  J.  Harland  u.  T.  T.  Wilkinson,  Lancashire  Folk- 
lore, London  1867,  S.  69  hinzufügen  muss: 

Mathew,  Mark,  Luke,  and  John, 
Bless  the  bed  that  I  lie  on; 
There  are  four  corners  to  my  bed, 
And  four  angels  overspread, 
Two  at  the  feet,  two   at  the  head. 
If  any  ill  thing  me  betide, 
Beneath  your  wings  my  body  hide. 
Matthew,  Mark,  Luke,  and  John, 
Bless  the  bed  that  I  lie  on.     Amen. 

Vgl.  auch  Halliwell,  Populär  rhymes  and  nursery  tales, 
London  1849.  S.  210.     [Revue  des  trad.  pop.  4,  622.] 

Nr.  VII,  das  Gebet  von  den  vierzehn  Engeln,  findet 
sich  gauz  übereinstimmend  in  deutscher  und  in  dänischer 
S()rache.  Ich  habe  mehrere  deutsche  Fassungen  in  der  Ger- 
mania 5,  449—451  und  11,  436,  439  und  440  und  eine 
dänische    daselbst  11,  441   mitgeteilt.     Seitdem  ist  mir  noch 


350 


Zur  Volksdichtung. 


eine  dänische  aus  Angeln  bekannt  geworden  (E.  Hagerup, 
Om  det  danske  sprog  i  Angel.  Anden  forögede  udgave  af 
K.   J.    Lyngby.      Köbenhavn    1867.   S.    180),   die    hier   folgen 


möge: 


Om  Avtne   von  so  i  Seng  gf»r, 

Sä  manne  ( injs  Engle  tu  me  stser: 

To  ve  mit  Hoj, 

To  ve  min   För'r, 

To  ve  min  hyr  Si, 

To  ve  min  vinstr  Si, 

To  te  ä  dff'k  me, 

To  te  ä  vaek  me, 

To,  de  me  se  Vej   vis 

Uri  den  himmelsk  Paradis. 


417  Vielleicht  ist,  wie  Prof.  Paganini  in  einer  mir  so-  i  eben 

freundlichst  zugeschickten,  nicht  für  den  Buchhandel  be- 
stimmten kleinen  Gelegenheitsschrift r)  wahrscheinlich  zu 
machen  sucht,  das  Gebet  von  einem  pistojeser  Franziskaner 
verfasst  und  durch  Franziskaner  über  die  Alpen  gebracht 
worden. 

An  die  vorstehenden  toscanischen  Nachtgebete  möge  sich 
noch  eins  aus  Welschtirol  reihen.  Es  findet  sich  in  dem 
kürzlich  erschienenen  wertvollen  Buche  'Märchen  und  Sagen 
aus  Welschtirol.  Gesammelt  von  Christian  Schneller',  Inns- 
bruck 18(57,  S.  249  und  lautet: 

Vado  'n  lett 

Con  domine  che  m'  aspett, 

Con  domine  maggior, 

Con  Cristo  Salvator, 

Con  la  croce  benedetta, 

Con  santa  Maria  stessa, 

Con  dieci  mila  vergini, 

Con  quaranta  mila  santi, 

Raccomando  l'anima  mia  a  tutti  quanti. 


')  'Ai  gentili  giovani  Alessandro  Morelli  e  Antonietta  Pierantoni 
i'atti  sposi  lettera  di  P.  Paganini',  datiert  Pisa  15  dicembre  1867  (LuccaT 
coi  tipi  di  B.  Canovetti  1868,  8°,  12  S.). 


4-1.  Über  Dunger,  Kinderlieder  und   Kinderspiele.  351 

Der  Anfang  dieses  Gebetes  ist  dem  des  (J.  toscanischen 
sehr  ähnlich.  Herr  Schneller  übersetzte  die  zweite  Zeile 
'Mit  dem  Herrn,  der  mich  sieht'  und  fügt  selbst  in  Parenthese 
ein  Fragezeichen  hinzu.  Ich  glaube,  dass  nach  Anleitung  des 
toscanischen  Gebetes  zu  übersetzen  ist;  'Mit  dem  Herrn,  den 
ich  (mir)  erwarte'. 


44.    Über  Dünger,  Kinderlieder  und 
Kinderspiele. 

(Litterarisches  Centralblatt  1875,  121  —  123.) 

Dr.  Herrn.  Dunger,  Kinderlieder  und  Kinderspiele  aus  dem  Yoigt- 
lande.  Plauen  i.  V.,  1874,  Neupert.  (X.  203  S. ,  2  Bl.  kl.-8°.) 
1  Mk.  20  Pf. 

Diese  recht  dankenswerte  Sammlung  enthält  in  14  Ab- 
teilungen (Wiegenlieder,  Koseliedcheu,  Verkehr  mit  der  Na- 
tur. Allerlei  Lieder,  Kinderpredigten,  Kindergebete,  Aus  der  122; 
Schule.  Neckereien,  Zuchtreime,  Nachahmungen,  Kinderphilo- 
logie, Abzählreime.  Rätsel)  365  Nummern.  Ausser  dem  ein- 
leitenden Vortrage,  der  mit  dem  Ref.  zwar  nicht  in  allen  Einzel- 
heiten übereinstimmen  kann,  der  aber  im  ganzen  seinem 
Zwecke,  unter  dem  gebildeten  Publikum  Teilnahme  für  die 
volkstümliche  Kinderpoesie  zu  erwecken,  gut  entspricht,  be- 
stehen die  Zuthaten  des  Herrn  Herausgebers  in  einigen  er- 
klärenden sprachlichen  Anmerkungen  und  in  zahlreichen 
kurzen  Verweisungen  auf  andere  Sammlungen  deutscher 
Kinderreime.  Diese  Verweisungen  lassen  sich  allerdings  noch 
bedeutend  vermehren,  und  zwar  teils  aus  den  von  dem  Verf. 
benutzten,  aber  nicht  vollständig  ausgebeuteten,  teils  aus  an- 
deren, von  ihm  nicht  benutzten  Sammlungen1).  Soweit  es 
der  beschränkte  Raum  dem  Ref.  gestattet,  mögen  hier  einige 


')  [Die   2.  vermehrte   Auflage   von  Dungers  Büchlein  (Plauen    1894) 
lässt  die  Verweisungen  ganz  fallen.] 


352  Zur  Volksdichtung. 

Nachträge  zu  den  Verweisungen  und  vorher  eine  sprachliche 
Bemerkung  folgen. 

[S.  59,  nr.  9:  Der  weitverbreitete  Eingang  der  Wiegen- 
lieder 'Heia  popeia',  der  z.  B.  bei  Firmenich,  Germaniens 
Völkerstimmen  1,  163.  2(55.  346.  361.  461.  2,  65.  403.  521, 
Woeste  S.  1,  Schleicher  S.  95,  Böhme,  Kinderlied  S.  12 
wiederkehrt,  hat  schon  ehedem  schnurrige  etymologische  Deu- 
tungen hervorgerufen.  Job.  Conr.  Wack  (Kurtze  Anzeigung, 
wie  nemlich  die  uralte  Teutsche  Sprache  meistentheils  ihren 
Ursprung  aus  dem  Celtisch-  oder  Clialdäischen  habe,  und  das 
Beyrische  vom  Syrischen  herkomme.  Kegenspurg  1716, 
S.  23)  sagt:  'Wer  deut  die  Wörter  Haje  bobajo,  womit  die 
Kinderwärterinnen  den  unruhigen  Kindern  den  Schlaff  ein- 
gingen, wenn  er  nicht  Syrisch  kan?  .  .  .  und  heist  das  Ge- 
sang von  Wort  zu  Wort,  ohne  nur  das  geringste  zu  ändern: 
sey  ein  Trost,  oder  besser  Teutsch:  sey  getrost.']  —  Wenn 
S.  60  das  csuseJ  oder  'sause'  in  den  Wiegenliedern  als  dia- 
lektische Nebenform  von  'süss5  erklärt  wird,  so  verweisen 
wir  dagegen  auf  die  Stelle  aus  Konrad  v.  Megenberg  (224,  7) 
im  Mittelhd.  Wörterb.  II,  2,  759  b.  auf  Weigands  Worterb. 
unter  'SusaninneJ  und  auf  Sanders  Wörterbuch  unter  'sausen1, 
2.  [Böhme,  Deutsches  Kinderlied  und  Kinderspiel  1897,  S.  13.] 
—  Nr.  69  c Unk,  Unk,  UnkJ  findet  sich  fast  wörtlich  ebenso 
in  Simrocks  Deutschem  Kinderbuche  nr.  537.  [Böhme 
S.  182.  Wossidlo  2,  141  nr.  1055.]  -  -  Von  nr.  90  'Wenn  der 
Topf  aber  nu  ä  Loch  hat,  lieber  Heinrich,  lieber  Heinrich' 
geben  folgende  Bücher  niederdeutsche  Texte:  Erk,  Neue 
Sammlung  deutscher  Volkslieder,  4.  u.  5.  Heft  (Berlin  1844) 
nr.  40  u.  41;  Firmenich,  Germaniens  Yölkerstimmen  1, 
187;  De  lüttje  Strohoot  (Kiel  1847)  S.  77;  Pröhle,  Weltliche 
und  geistliche  Volkslieder  und  Volksschauspiele,  nr.  92;  Dörr. 
Plattdütscher  Volkskalenner  för  1859,  S.  111;  Commers-Bucli 
für  den  deutschen  Studenten,  19.  Stereotypaufl.  (Leipzig 
1874)  S.  169.  [Erk- Böhme,  Liederhort  nr.  1741.  Kinder- 
und  Ammenreime  in  plattdeutscher  Mundart  1836,  S.  15. 
Zurmühlen,  Des  Dülkener  Fiedelers  Liederbuch  nr.  105.] 
Eine  hochdeutsche  eigentümliche   Variante,  die  Ref.  gelegent- 


44.   Über  Dünger,  Kinderlieder  und  Kinderspiele.  353 

lieh  anderswo  mitteilen  wird1),  enthält  das  in  der  ersten 
Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  in  Sachsen,  vielleicht  in 
Freiberg  gedruckte  'Neu- vermehrte  vollständige  Berg-Lieder- 
Büchlein'  [nr.  42],  und  diesem  Texte  steht  ein  wendisches 
Lied  in  Haupts  und  Schmalers  Sammlung  (1,  207,  nr.  ('('11 
[Komm,  schön  Hannchen  auf  das  Grummet])  zum  Teil  sehr 
nahe.  Endlich  findet  sich  ein  niederländisches  Seitenstück  in 
der  vom  Ref.  in  d.  Bl.  kürzlich  (1874,  nr.  43)  angezeigten 
Sammlung  von  Van  Vloten  (Nederlandsche  Baker-  en  Kinder- 
rijmen,  S.  124).  —  Zu  nr.  91  und  92  cBin  ich  net  a 
•schöner  Russbutten  buJ  vgl.  Zingerle,  Sitten,  Bräuche 
und  Meinungen  des  Tiroler  Volkes,  2.  verm.  Aufl.,  S.  239 
(oben    S.  270  zu  Tobler   1,    156].  Zu  nr.   95    'Wer    im 

Himmel,  sockt  er,  will  nei  kumma,  sockt  er"  vgl.  Verna- 
leken  und  Branky.  Spiele  und  Reime  der  Kinder  in  Österreich, 
S.  121,  nr.  38.  -  Zu  nr.  9G  '10  Jahr  ein  Kind.  20  Jahr 
ein  Jüngling'  war  auf  Goedekes  Pamphiius  Gengenbach  S.  574 
[Böhme  S.  713.  Zacher,  Zs.  f.  dtsch.  Phil.  23,  385.  24, 
161]  zu  verweisen,  und  in  nr.  115  'Abends  wenn  ich  zu 
Bette  geh,  vierzehn  Englein  mit  mir  gehn3  auf  des  Ref. 
Aufsätze  in  der  Germania  5,  448  und  11,  435,  und  im  Jahr- 
buch für  romanische  und  englische  Litteratur  8,  408  [=  oben 
S.  320].      In  der  Anmerkung   zu   nr.  115   hat   der    Verf.  die, 


')  [Sie  möge  hier  in  gereinigter  Rechtschreibung  folgen: 

1.  Meine  liebe  Liese   wolte  wandern,  erbarme  dich  :j: 
Was  wird  sie  mir  mitbringen? 

Ein  Beiz,  meine  liebe  Liese,  komm  schlaf  bei  mir  :|: 

2.  Wenn   der  Beiz  ein  Loch  hat,  u.  s.  w. 
Stop  es  zu,  meine  liebe  Liese,  u.  s.  w. 

8.     Womit  soll  ich  es  zustopfen  ? 
Mit  Stroh,  meine  liebe  Liese. 

4.  Wenn  das  Stroh  zu  lang  ist. 
Hack  es  ab,  meine  liebe  Liese. 

5.  Womit  sol  ichs   abhacken? 

Mit  dem  Beil,   meine  liebe  Liese, 
li.     Wenn  das  Beil  zu  stumpf  ist? 

Lass  schleifen,  meine  liebe  Liese. 
7.     Worauf  soll  ich  es  schleifen,  erbarme  dich  :|: 

Auf  dem  Stein,  meine  liebe  Liese,  komm  schlaf  bei  mir. | 
Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  23 


,°,.")4  ^ul*  Volksdichtung. 

wie  es  scheint,  unaustilgbare  irrige  Angabe,  dass  die  von  J. 
Agricola  mitgeteilte  Form  dieses  Kindergebetes  schon  auf  dem 
Grabsteine  Friedrichs  mit  der  gebissenen  Wange  sich  finde, 
aus  Stöbers  Elsässischem  Volksbüchlein  leider  auch  wieder- 
holt. Zu  nr.  197  'Es  war  ein  runder  bunter  Mann3 
vgl.  auch  Simrock  nr.  921  [Böhme  S.  238  f.].  —  [S.  138  zu 
den  Geheimspracheu  vgl.  Köhler,  Am  Ur-Quell  2,  98  f. 
(1*91):  In  meiner  Knabenzeit  war  unter  uns  Kindern  die  F- 
Spraehe  beliebt,  z.  B.  'Dunerfu  bististerh'st  eineinerfein 
Schafaferfaf  =  Du  bist  ein  Schaf.]  —  Zu  nr.  245  'Ich 
ging  einmal  nach  Gitterlitz3  vgl.  Mannhardt,  Germa- 
nische Mythen.  S.  659,  nr.  12  [Böhme  S.  400].  —  Zu  nr. 
285  'Ich  ging  einmal  nach  England"  vgl.  Frischbier 
Preussische  Volksreime  nr.  453  und  454  und  die  Citate  da- 
selbst; ausserdem  aber  noch  [Böhme  S.  312.  405  f.]  Schmitz, 
Sitten  und  Sagen  des  Eitler  Volkes  1,  77;  Peter,  Volkstüm- 
liches aus  Österreichisch-Schlesien  1,  39,  nr.  121  und  122; 
Zingerle  a.  a.  0.  S.  238,  nr.  58  und  S.  254.  nr.  135.  —  Von 
nr.  301  'Der  Kirmessbauer'  finden  sich  auch  Texte  im 
Allgemeinen  deutschen  Liederlexikon,  Leipzig  1847,  1,  nr.  602; 
bei  Pröhle,  a.  a.  0.  nr.  85;  Frischbier  a.  a.  0.  nr.  660  und 
123  Köhler,  Volksbrauch  im  Voigt-  |  lande,  S.  203  [Böhme  S.  673]. 
[Im  Rätsel  vom  Feuer  im  Ofen  nr.  365  =  2.  Aufl.  nr. 
414  begegnet  die  alte  Formel:  's  is  kein  Fuchs,  's  is  kein 
Has;  Grossmutter,  was  ist  denn  das?  Vgl.  dazu  Agricolar 
Sprichwörter  nr.  353;  'Ist  es  Fuchs  oder  Hase';  diese  Ge- 
schichte von  der  Losung  des  verbuhlten  Edelmanns  stammt 
ans  Bebel,  Facetiae  2,  69.  Grimm  DVVb.  4,  1,  1,  336  und 
339  nr.  11.  In  Kammerberg  und  Manebach  hörte  ich  fol- 
gendes Lied  singen: 

1.  Ist  das  ein  Fuchs  oder  ists  ein  Has,  Kukuk, 
Oder  ists  ein  Mädchen  auf  der  "Wiese   und  grast?     Kukuk,   Kukuk, 

Kukuk. 

2.  Ach,  Mädchen,  lass  du  dein  Grasen  sein, 
Ich   bin  ja  der  Jäger,  und  du  Inst  mein. 

:'..     Und    wann    ich    nicht    mehr    schiessen    kann, 
So  nehm  ich  mir  einen  Burschen  an. 


45.  Der  Bauer  schickt  den  Jacke]  aus.  355 

4.  Mein  Bursche,   der  ist  schon  exerciert, 

Bat  auch  schon   manches  Mädchen   verführt. 

.">.     Mein   Bursche,  der  ist  schon   rasch    und  Hink, 
L'bers  Jahr  hat  sie  ein  kleines  Kind. 

Vgl.  dazu  Arnim -Brentano ,  Wnnderhorn  1.  385  ed.  Birlinger- 
Crecelius.     Alemannia  12,  72.    Meier.  Schwäbische  Volkslieder 

5.  4(»7.  J.  Domans  Lied  von  den  Hansestädten  (Wacker- 
nagel, Lesebuch  2,  24:2):  'So  kann  man  doch  nicht  wissen, 
obs  Fuchs  oder  Hase  sev.'  Endlich  die  Volksrätsel  bei  Peter. 
Österr.-Schlesien  1,  11!»  (Floh)  und  Zeynek?  N.  Lausitz.  Ma- 
gazin 42.  331  (Feuer).]  —  Dies  sind  nur  einige  der  Nachträge, 
die  bei  einmaligem  Durchgehen  der  Sammlung  dem  Ref.  ein- 
gefallen sind.  Zum  Schlüsse  sei  mich  erwähnt,  dass  nach 
dem  Vorworte  den  Kinderliedern  und  Kinderspielen  bald  die 
Rundas  [erschienen  1876]  und  die  grösseren  Volkslieder,  die 
Herr  Dünger  im  Voigtlande  gesammelt  hat,  folgen  sollen. 
Wir  heissen  diese  Sammlung  im  voraus  willkommen.1) 


45.  Der  Bauer  schickt  den  Jäckel  aus. 

(Germania  5,  463—467.   1860.) 

1.  Der  Bauer  schickt  den  Jäckel  naus, 
er  solt  den  Haber  schneiden, 
Jäckel  wolt  nicht  Haber  schneiden, 
wolt  lieber  zu  Hause  bleiben. 

2.  Der  Bauer  schickt  den  Knecht  hinaus, 
er  solt  den  Jäckel  holen, 

der  Knecht  der  wolt  nicht  Jäckel  holen, 
Jäckel   wolt  nicht  u.  s.  w. 


])  [Köhler  hat  sie  1880  im  Archiv  für  Literaturgeschichte  9,  96  f. 
anerkennend  besprochen.  Zu  Dungers  Äusserung  (S.  IX)  jedoch,  dass 
da-  deutsche  Volk  in  seinen  Volksliedern  ein  poetisches  Erbe  aus  seiner 
Väter  Zeit  besitze,  dem  keine  andere  Nation  ein  würdiges  Gegenstück 
an  die  Seite  setzen  könne,  bemerkt  er  einschränkend:  'Ohne  irgendwie 
Gewicht  auf  meine  eigene  Ansicht  legen  zu  wollen,  nach  der  allerdings 
verschiedene  Nationen,  deren  Volkslieder  ich  einigermassen  zu  kennen 
glaube,  uns  darin  ebenbürtig  sind,  möchte  ich  nur  fragen,  ob  der  Heraus- 
geber, ob  überhaupt  irgend  jemand  die  Volkslieder  aller  anderen 
Nationen  genau  genug  kennt,  um  sich  erlauben  zu  dürfen,  so  kurzweg 
über  alle  zu  Gunsten   von  uns  Deutschen  abzuurteilen.'] 

23* 


356  ^U1*  Volksdichtung. 

3.  Der  Bauer  schickt  den  Hund  hinaus, 
er  solt  den  Knecht  beissen. 

der  Hund  der  wolt  den  Knecht  nicht  beissen 
der  Knecht  der  wolt  nicht  u.   s.   w. 

4.  Der  Bauer  schickt  den  Klippel  naus, 
er  soltc  den  Hund  schlagen, 

der  Klippel  wolte  den  Hund  nicht  schlagen 
der  Hund  der  wolt  u.  s.  w. 

5.  Der  Bauer  schickt  das  Feuer  naus, 
es  solt  den  Klippel  brennen, 

das  Feuer  wolt  nicht  Klippel  brennen, 
der  Klippel  wolt  u.  s.  w. 

6.  Der  Bauer  schickt  das  Wasser  naus, 
es  solt  das  Feuer  löschen, 

das  Wasser  wolt  nicht  Feuer  löschen, 
das  Feuer  wolt  nicht  u.  s.  w. 

7.  Der  Bauer  schickt  den  Ochsen  naus, 
er  solt  das  Wasser  saufen, 

der  Ochse  wolt  nicht  Wasser  saufen, 
das  Wasser  wolt  nicht  u.  s.  w. 

8.  Der  Bauer  schickt  den  Fleischer  naus, 
er  solt  den  Ochsen  schlachten, 

der  Fleischer  wolt  nicht  Ochsen  schlachten, 
der  Ochse  wolt  nicht  u.  s.  w. 

9.  Der  Bauer  schickt  den  Geier  naus, 
er  solt  den  Fleischer  holen, 

der  Geier  wolt  nicht  Fleischer  holen,  | 
464  der  Fleischer  wolt  nicht  u.  s.  w. 

10.  Der  Bauer  schickt  die   Hexe  naus, 
sie  solt  den  Geier  bannen, 

die  Hexe  wolt  nicht  Geier  bannen, 
der  Geier  wolt  nicht  u.  s.  w. 

11.  Der  Bauer  schickt  den  Henker  naus, 
er  solt  die  Hexe  verbrennen, 

der  Henker  wolt  nicht  Hexe  brennen, 

die  Hexe  wolt  nicht  Geier  bannen, 

Geier  wolt  nicht  Fleischer  holen, 

Fleischer  wolt  nicht  Ochsen  schlachten, 

Ochse  wolt  nicht  Wasser  saufen, 

Wasser  wolt  nicht  Feuer  löschen, 

Feuer  wolt  nicht  Klippel  brennen, 

Klippel  wolt  den  Hund  nicht  schlagen, 

der  Hund  der  wolt  den  Knecht  nicht   beissen, 

der  Knecht  der  wolt  nicht  Jäckel  holen, 


45.  Der  Bauer  schickt  den  Jäckel  au*.  ;;;, 7 

Jäckel  wolt  nicht  Haber  schneiden, 
wolt  lieber  zu  Hause   bleiben. 
12.  Der  Bauer  schickt  den  Doctor  naus, 
er  solt  den  Henker  tödten: 
'Und  eh   ich  mich  wil   tödten  lassen, 
wil  ich  die  Hexe  verbrennen  lassen.' 
'Eh  ich  mich   wil  verbrennen  lassen, 
wil  ich  den  Geier  bannen.' 
'Eh  ich  mich  wil   bannen   lassen, 
wil  ich  den  Fleischer  holen.' 
'Eh  ich  mich  wil  holen  lassen, 
wil  ich  den   Ochsen  schlachten.' 
'Eh  ich  mich  wil  schlachten  lassen, 
wil  ich  Wasser  saufen.' 
'Eh  ich  mich  wil  saufen  lassen, 
wil  ich  Feuer  löschen.' 
'Eh  ich  mich  wil  löschen  lassen 
wil  ich  Klippel  brennen.' 
'Eh  ich  mich   wil  brennen  lassen, 
will  ich  den  Hund  schlagen.' 
'Eh  ich  mich  wil  schlagen  lassen, 
wil  ich  den  Knecht  beissen.' 
'Eh  ich  mich  wil  beissen  lassen, 
wil  ich  Jäckeln  holen.' 
cEh  ich  mich  wil  holen  lassen, 
wil  ich  Haber  sehneiden, 
wil  ich  Haber  schneiden.' 

Die  vorstehenden  Reime  sind  dem  in  der  ersten  Hälfte 
des  achtzehnten  Jahrhunderts  in  Sachsen  gedruckten  'Neu 
vermehrten  Berg-Lieder-Büchlein5,  über  welches  man 
meine  rAlten  Bergmannslieder'  (Weimar  1858),  S.  VI  und 
VII  vergleiche,  entnommen.  Wir  haben  hier  die  bis  jetzt 
älteste  Aufzeichnung  der  noch  heute  überall  in  Deutschland 
bekannten  Kinderreime  von  Jäkel,  Jokel,  Jokele,  Joggeli  oder 
Gepel,  den  der  Herr  oder  der  Bauer  ausschickt,  um  Hafer 
zu  schneiden  oder  Birnen  zu  schütteln.  Ausführlich  haben  über 
(li-se  aus   einem  jüdischen   Osterlie de1)  entstandenen  und 


l)  Das  jüdische  Lied  hat  auch  Heinrich  Heine  in  seinem  'Rabbi 
von  Bacherach'  im  4.  Bande  des  Salons  (Hamburg  1840)  S.  63  mitge- 
teilt.    [Erk-Böhme,    Liederhort  nr.  2133.     Recueil   von  allerhand  Colli. ■_ 


:i;,s  Zur  Volksdichtung. 

in  mannigfachen  Gestaltungen  nicht  bloss  in  Deutschland, 
sondern  auch  in  Frankreich,  England,  Schottland,  Ungarn  und 
Griechenland  verbreiteten  Reime  Rochholz  in  seinem  Aleman- 
nischen Kinderlied  und  Kinderspiel  S.  140  ff.  und  Stöber  im 
Elsässischen  Volksbüchlein,  2.  Auflage  1,  129  ff.  und  193  ge- 
handelt; vgl.  auch  Frommanns  Deutsche  Mundarten  6,  223. 
Zu  den  von  Rochholz  und  Stöber  angeführten  deutschen 
Texten  kommen  aber  ausser  dem  vorstellenden,  bisher  unbe- 
kannten des  Berg-Lieder-Büchleins  noch  folgende,  die  von 
ihnen  teils  übersehen  waren,  teils  erst  seitdem  veröffentlicht 
sind.  [Erk-Böhme,  Liederhort  nr.  1743—45.  2133.  Böhme, 
Kinderlied  1897,  S.  203.  Grimm,  KHM  1812  1,  338  nr.  72: 
'Der  Herr  will  das  Birnli  schütteln'  (Schweiz:  Jockli,  Hündli. 
Prügeli,  Fürli.  Wässerli,  Kälbli,  Metzger,  Schinder);  vgl.  Gräter. 
Altertumszeitung  1812.  nr.  40 — 41.  Herrigs  Archiv  19,  358 
(Würzburg:  schliesslich  Metzger,  Teufel,  lieber  Gott).  Firmenich. 
Germaniens  Völkerstimmen  2.  (12  (Frankfurt.  Frau,  Säuche. 
Hundche,  Stecken,  Feuer,  Wasser,  Ochs,  Metzger,  Schinder): 
3,  22.  688.  Birliuger,  Nimm  mich  mit  1871,  S.  122.  124- 
Alemannia  11,  64.  Curtze,  Volksüberl.  aus  Waldeck  186»». 
S.  287.  G.  de  la  Fontaine.  Die  luxemb.  Kiuderreime  S.  51. 
Aus  dem  Kinderleben.  Oldenb.  1851,  S.  64  (Schwein,  Hund, 
Knecht,  Feuer,  Wasser,  Ochs,  Reep,  Maus.  Katze).  Vema- 
leken-Branky,  Spiele  der  Kinder  in  Österreich  1876,  S.  113. 
Peter,  Oesterr.  Schlesien  1,  45.  Kehrein  2,  137.  Frischbier, 
Preuss.  Volksreime  1867,  S.  107.  109.  Schuster,  Siebenbürg, 
sächs.  Volkslieder  S.  372.  374.  Sachse,  Volks-  und  Kinder- 
dichtung 1869,  S.  20.  Wegener,  Volkstüml.  Lieder  aus  Nord- 
•deutschland  1879 — 80  nr.  1044.  Münsterische  Geschichten 
1825,  S.  273.1 

Ein  westfälischer,  iu  Mones  Quellen  und  Forschungen 
zur  Geschichte  der  teutschen  Litteratur  und  Sprache  (Aachen 
1830)  1   156:  | 


taneis  18,  52  (1720).  Xotes  and  Queries  5.  ser.  1,  426  f.  G.  Paris  1872; 
Foä  1879;  Clouston  1887  (s.  unten).  P.  Cassel,  Aus  dem  Lande  des  Sonnen- 
aufganges 1887.] 


45.  Der  Bauer  schickt  den  Jäckel  aus.  359 

De  Ilaer  de  schickt  den  Jähen  üt.  in." 

he  soll  den    Hawer   nieien, 

de  .Iahen  meit  den    Hawer  nich 

im  kämt  auk  nich  te  Hüse. 

Die  Reihenfolge  ist  dann:  Pudel,  Prügel.  Feuer.  Wasser, 
Ochse.  Schlächter,  Strick.  Maus: 

de  Mus  terbit  dat  Strick,  dat  Füer  brennt  den   Prügel, 

dat  Strick  dat  hangt  den  Schlächter,    de  Prügel  prügelt  Pudel, 
■de  Schlächter  schlacht   den  Ossen,     de  Pudel  bit  den  Jähen, 
de  Osse  siipt  dat  Water,  de  Jähen  meit  den  Hawer 

de  Water  löskt  dat  Füer.  und  aolles  kümt  te  Hüse. 

Dies  stimmt  ziemlieh  mit  dem  Oldenburger  Texte  bei 

Firmenich  3,  '2'2,    wo    noch    die   Katze  kommt  und  das  ganze 

verständiger  schliesst : 

Do  sgickd  de  Herr  de  Katt  ütt,  dat  Water  gunk  aohter't  Fier, 

de  sgull  de  Mus  wol  fräten:  dat  Fier  gunk  achter'n  Knüppel. 

<ie  Katt  gunk  achter  de  Mus,  de  Knüppel  gunk  achter'n   Hund, 

de  Mus  gunc  achter't  Tau,  de  Hund  gunk  achter'n  Knecht, 

dat  Tau  gunk  achtern'n  Ossen,  de  Knecht  de  maid  den  Hafer  wol 

de  Oss  gunk  achter't  Water,  Und  kein  so  wedder  to  Hüs. 

Der  Waldecker  Text  in  L.  Curtzes  Volksüberlieferungen 
aus  dem  Fürstentum  Waldeck  (Arolsen  1860),  S.  287  beginnt: 

De  Heere  de  schikked  den  Jochen  ut, 
de  sali  den  Hawer  mäggen, 
de  Knecht  de  mägged  de  Hawer  nit 
un  kam  auk  nit  no  Heime, 

und    hat   die   Folge:   Pudel,   Knüppel,   Feuer,   Wasser,  Ochse. 
Schlächter,  Strick,  ohne  eigentlichen  Schluss. 

Aus  Nordfriesland  (s.  den  Lappenkorb  des  Gabe 
Schneider  aus  Westfriesland  mit  Zuthaten  aus  Nordfriesland. 
Bearbeitet  und  herausgegeben  von  K.  J.  Clement,  Leipzig 
1846,  S.  319)  gehört  hierher  ein  Märchen  von  Hühnchen 
und  Hahn.  Der  Hahn  bittet  deu  Bauer,  dem  Hühnchen  zu 
helfen,  und  als  dieser  nicht  will,  den  Hund,  den  Bauer  zu 
beissen  und  so  fort  Stock,  Feuer.  Wasser.  Ochs,  Seil,  Maus, 
Katze.  cJa,  sagte  die  Katze.  Und  dann  die  Katze  nach  der  Maus, 
und  die  Maus  nagt  das  Seil,  und  das  Seil  bindet  den  Ochs,  und  der 
Ochs  schwelgt  das  Wasser,  und  das  Wasser  löscht  das  Feuer. 
und  das  Feuer  brennt  den  Stock,  und   der  Stuck  schlägt    deu 


360  Zur  Volksdichtung. 

II  und,  und  der  Hund  beisst    den  Bauer,  und  der  Bauer  hilft 
dem  Hühnchen,  und  .so  ward  dem  Hühnchen  geholfen.3 
166  Ein    Sonneberger   Text   (s.  Schleicher,  Volkstümliches- 

aus  Sonneberg  im  Meininger  Oberlande,  Weimar  1858,  S.  102) 


beginnt: 


Der  Her  der  schickt  den  Peter  hin 
er  soll  den  Haber  schneiden 


und  hat  dann:  Pudel,  Prügel,  Feuer,  Wasser.  Ochsen,  Metz- 
ger. Henker,  welcher  letzte  aber  auch  des  Herrn  Willen  nicht 
nachkommt. 

[Niederländisch:  J.  van  Yloten,  Xederlandsche  Ba- 
ker-en  Kinderrijmen  1894,  S.  141  f.  (a:  Ferkel,  Hund,  Stock,. 
Feuer.  Wasser,  Ochs,  Mann,  Galgen,  b:  Keutje  will  nicht 
zur  Schule  gehn  etc.  Galgen,  Ratte,  Katze).  Dykstra,  Uit 
Frieslands  Volksleven  2,  140  (1895):  'Van  het  oude  vrouwtje, 
dat  den  houten  duit  vond.'] 

Flämisch  finden  wir  das  Kinderlied  in  Louis  de  Baeckers 
Buche  'De  la  religion  du  nord  de  la  France  avant  le  ehristi- 
anisme,  Lille  1854°,  S.  122. 

Pouledinnetje  en  Pouledannetje 

gingen  te  gaer  houtje  raepen; 

als  zy  verre  kwamen,  Pouledinnetje  wilt  naer  huys  niet  gaen, 

zonder  gedregen  te  zyn. 

Daer  kwam  een  groote  hond: 

Hond,  hond,  bit  Pouledinnetje; 

den  hond  wilt  Pouledinnetje  niet  bitten, 

en  Pouledinnetje    wilt  naer  huys  niet  gaen, 

zonder  gedregen  te  zyn. 

Dann  kommt  Stock,  Feuer,  Wasser,  Ochse,  Tau.  Ratte,  Katze. 

Daer  kwam  een  groot  katte: 

Katte,  katte,  vangt  dien  rat; 

de  katte  wilt  den  rat  niet  vangen, 

de  rat  wilt  de  touw  niet  knaesen, 

de  touw   wilt  den  os  niet  binden. 

den  os  wilt  't  water  niet  drinken, 

't  water  wilt  't  vier  niet  Wuschen, 

't  vier  wilt  den  stok  niet  branden, 

't  stok  wilt  den  hond  niet  slaen, 

den  hond  wilt  Pouledinnetje  niet  bitten, 

en  Pouledinnetje  wilt  naer  huys  niet  gaen. 


45.  Der  Bauer  schickt  den  Jäckel  aus.  361 

zonder  gedregen  te  zyn. 

Daer  kwam  een  oud  mannetje: 

oud  mannetje.  mannet  je.  gript  die  katte; 
*t  out  mannetje  liep  naer  de  katte, 
de  katte  naer  den  rat, 
den  rat  naer  de  touw. 
de  touw  naer  den  os, 
den  os  naer  't  water. 
t  water  naer  't  vier, 
't  vier  naer  den  stok, 
den  stok  naer  den  hond, 
den  hond  naer  Pouledinnetje, 
en  Pouledinnetje  liep  zoo  zeer,  zoo  zeer  naer  het  huys. 

[Lootens,  Kindervertelsels  18G8,  S.  39:  Tietji  eu  Jantji' 
(Germ.  14,  89).  Joos,  Vertelsels  van  het  vlaamsche  Volk 
1,  113  nr.  69:  'Van  Tippen'.  Mont-Cock,  Vlaamsche  Vertelsels 
1898,  S.  10  nr.  2:  Tan  Tippen".  Teirlinck,  Contes  flamands 
1896,  S.  106.  Bols,  Onde  vlaamsche  Liederen  1897,  nr.  94: 
'Dar  kwam  een  mnis  geloopen,3  mit  Anm.]  Wenn  Baecker 
hierzu  bemerkt  'Dans  ce  recit,  les  elements  et  les  etres  sont 
conjures.  II  sont  sons  l'empire  d'un  sortilege;  ils  n'en  sont 
delivres  qne  par  rintervention  dun  petit  vieillard  <ini  rap- 
pelle  le  dien  du  Nord.  Woden,  le  grand  eonjurateur3,  so  ist 
das  ein  Einfall,  wie  sich  in  dem  an  trefflichem  Material  reichen 
Bache  nicht  wenige  finden.  In  ähnlicher  Weise  erklärt  Am- 
pere, der  ebenso  wenig  wie  Baecker  Ursprung  und  Verbrei- 
tung dieser  Dichtung  kennt  (s.  Stöber  S.  193),  die  französischen, 
auch  von  Rochholz  S.  1 5*2  und  Stöber  S.  105  mitgeteilten 
Reime  '11  y  a  im  loup  dedans  un  bois\  j 

Ein    anderes    französisches,    in    diesen    Kreis    gehöriges    46T 
Liedchen    findet   sich    bei    Du   Mersan,    Chansons   et   Rondes 
enfantines,  Paris  1846,  S.  122: 

Biquette  ne  veut  pas 
Sortir  du  chou; 
Ah !  tu  sortiras 
Biquette,  Biquette, 
Ah!  tu  sortiras 
De  cc  chou-lä. 


362  Zur  Volksdichtung. 

On  v:i  chercher  le  einen  pour  manger  biquette: 
Le  chien  ne  veut  pas  manger  biquette, 
Biquette  ne  veut  pas  sortir  du  cliou. 
Ah!  tu  sortiras  etc. 

On   vii   chercher  le  loup  pour  manger  le  chien; 
Le  loup   ne   veut  pas   manger  le   chien, 
Le  chien  ne  veut  pas  manger  biquette, 
lüquette  ne  veut  pas  etc. 

On  va  chercher  le  boeuf  pour  manger  le  loup; 
Le  boeuf  ne  veut  pas  manger  le  loup, 
Le  loup  ne  veut  pas  etc. 

Und  so  fort,  bis  endlich 

On  va  chercher  l'eau  pour  eteindre  le  feu; 

L'eau  veut  bien  eteindre  le  feu, 

Le  feu  veut  bien  brüler  le  bäton, 

Le  bäton  veut  battre  le  boeuf, 

Le  boeuf  veut  bien  manger  le  loup, 

Le  loup  veut  bien  manger  le  chien, 

Le  chien  veut  bien  manger  biquette, 

Biquette  veut  bien  sortir  du  chou. 

[G.  Paris,  La  chanson  du  chevreau:  Romania  1,  218 — 225. 
4,  23-2.  Revue  des  trad.  pop.  2,  131.  203.  5,  545.  598.  6, 
102.  371.  501.  7,  311.  394.  8,  19.  429.  10,  304.  662.  12, 
679.  14,  47.  Bujeaud  1,  46.  Daymard,  Vieux  chants  pop. 
de  Quercy  1889,  p.  21:  'Bichette  est  dans  les  choux\  Beau- 
quier,  Chansons  pop.  de  Franche-Comte  1894,  p.  117:  cLe 
biquet  qui  ne  veut  par  sortir  du  bois\  Marelle,  Eva  Affen- 
schwanz etc.  1888,  S.  63  =  Archiv  f.  n.  Spr.  81,  277.  Rous- 
sey,  Contes  pop.  rec.  ä  Bournois  1894,  p.  107  nr.  11.  Cos- 
quin,  Contes  pop.  de  Lorraine  nr.  34  Toutin  et  Poutot'  mit 
Anm.  Meyrac,  Traditions  (W*  Ardennes  1890,  p.  452:  'Le 
coq  et  la  poule3  (Schuster,  Schwein,  Kuh,  "Wiese,  Bach).  Mon- 
tet,  La  chanson  de  Briouc:  Revue  de  l'hist.  des  religious  21, 
216  (aus  Languedoc).  Revue  des  langues  rom.  3.  ser.  6,  277 
(1881.  Le  bouc  de  Boulaud).  Luzel  et  Le  Braz,  Chansons 
pop.  de  la  Basse-Bretagne  1890  1,  61:  cLe  jeune  coq  et  la 
poulette3  (Kohl,  Ziege.  Wolf,  Flinte,  Feuer.  Wasser.  Ochse, 
Strick,  Fett,  Maus,  Katze).     Durieux   et  Bruyelle,   Chants  du 


45.  Der  Bauer  echickl   den  Jacke]  aus.  :\i\:, 

Cambresis  1.  116  (mouche,  rat,  ehat,  chien,  loup,  ours,  Iion, 
bomme,  ferame,  abbe,  pape,  diable).  Monseur,  Folk-lore 
walloii  1892,  S.  47:  Totais  et  Frasais1.  Wallonia  1.  31.  — 
Vinson,  Folklore  du  pays  basque  p.  215  f.  386.  -  Spanisch: 
Bibl.  de  las  trad.  espaii.  4.  123.  Folk-lore  andaluz  1883, 
p.  208.  La  Enciclopedia  1880,  622  f.  Coelho,  Jogus  e  rimas 
infantis  (Porto  Ins:;,  s.  59:  'Castello  de  ChuchurameF.  — 
Alcover,  Rondayes  mallorquines  1,  299  (1896):  \'ir  will  nicht 
aufstehn.  .Märchen  aus  Mallorea  1895,  S.  27:  'Das  .Mäuschen. 
Italienisch:  Corazzini,  I  componimenti  niinori  p.  139. 
Rivista  della  lett.  pop.  1.  173.  282.  Archivio  3,  69  (Petazze 
will  nicht  Kohl  holen).  Bernoni,  Tradiz.  pop.  veuez.  1875, 
p.  72  (Petin-Petele  will  nicht  in  die  Schule  gelin).  Pelliz- 
zari,  Fiabe  1.  45  (Schäfchen  will  nicht  nach  Hause).  Im- 
briani,  Conti  poraigl.  nr.  i>  und  Novellaja  fior.  ur.  4:  Tetruzzo'. 
Papanti,  Novelline  pop.  livornesi  1S77,  p.  22.  Gradi,  Saggio 
di  letture  varie  p.  175.  Pitre,  Fiabe  pop.  sie.  3.  s~)  ur.  131  : 
'PitiddaJ.  Vigo,  Canti  pop.  sie.  nr.  4251.  C.  Foa,  Un  canto 
popolare  piemontese  e  un  canto  religiös«»  popolare  israelitico, 
Padova  1S71>  (aus  Vita  nuova  nr.  11).  —  Skandinavisch: 
Madsen,  Folkeminder  S.  146.  Kamp.  Danske  Folkeminder 
S.  241;  Danske  Folkea-ventyr  1.  130  nr.  12  (Ziege,  Stock. 
Axt,  Feuer.  Wasser.  Kuh.  Strick,  Maus,  Katze.  Milch.  Alte 
Frau).  Kristensen.  Danske  Dyrefabler  og  Kja?deremser  1896, 
S.  183  f.  Berntsen,  Folke-Aeventyr  2,  56  nr.  6:  'Dreugen,  der 
vogtede  Lam  for  Kongen'.  Asbjörnsen  nr.  81.  Bondeson, 
Svenska  folksagor  nr.  27:  'Pälle.  som  inte  ville  gä  frani  om 
kvälleiC.      Sv.    laudsmälen   5,    1.    13.  Englisch:    Jacobs. 

English  fairy  tales  nr.  4:  'The  old  woman  and  her  pigJ.  Folk- 
lore Journal  1,  8.  2,  277.  319.  Clouston.  Populär  tales  1.  289: 
'Cumulative  storiesJ.  Notes  and  Queries  7.  ser.  8,  321.  '.». 
163.  461.] 

Wie  das  jüdische  Lied  auch  in  Ungarn  und  bei  den 
Xeu-Griechen  ähnliche  Volkslieder  hervorgerufen  hat.  kann 
man  in  Stiers  Ungarischen  Volksmärchen.  Pest  1857,  S.  204  ff., 
welche  auch  Stöber  citiert.  und  in  Sanders  Volksleben  der 
Neugriechen.    Mannheim    ls44.    S.    56    und    !>4  [Passow,   Tga- 


364  Zur  Volksdichtung. 

yovdia  gco/uaixd  nr.  •273—275],  welches  Rochholz   und  Stöber 

nicht  beachtet  haben,  finden. 

[Rumänisch:  Staufe,  Zs.  d.  V.  f.  Volksk.  !».  180;  vgl. 
88.  -  Slavisch:  Schulenburg,  Wend.  Volkstum  1882,  S.  150: 
Der  Müller  schickt  den  Martin  raus'.    Waldau,  Böhm.  Granaten. 

1.  nr.  255.  2,  nr.  320.    Glinski  4,  143.    Veckenstedt,  Zamäiten 

2.  170.  Gubernatis,  Die  Tiere  1874,  S.  316  (nach  Afanasjew 
4,  16).  Ein  litauisches  Lied  bei  A.  Juskevic  (Lietüvis- 
kos  dajnos,  Kasan  1880,  nr.  82)  lautet  deutsch: 

1.  Ich  hatte  eine  Ziege, 

Und  sie  ging  aus  Nüsse  zu  sammeln. 
Die  Ziege  kommt  nicht  aus  den  Nüssen. 

2.  Na,  warte,  du  Ziege, 

Ich  werde  den  Wolf  schicken, 

Dass  er  dich   frisst. 

Der  Wolf  geht  nicht  die  Ziege  zu  fressen, 

Die  Ziege  geht  nicht  Weiden  nagen, 

Nicht  ist  die  Ziege  aus  den  Nüssen. 

3.  Ich  hat  den  Schützen, 
Dass  er  den  Wolf  schiesse. 

Der  Schütze  geht  nicht  den  Wolf  schiessen, 
Der  Wolf  geht  nicht  u.  s.  w. 

4.  Ich  hat  das  Feuer, 

Den  Schützen  zu  verbrennen. 
Das  Feuer  geht  nicht  u.  s.  w. 

5.  Ich  bat  das  Wasser, 
Dass  es  das  Feuer  lösche. 
Das  Wasser  geht  nicht  u.  s.  w. 

6.  Ich  bat  den  Ochsen, 
Das  Wasser  zu  saufen. 
Der  Ochse  geht  nicht  u.  s.  w. 

7.  Ich  bat  den  Juden, 
Den  Ochsen  zu  schlachten. 
Der  Jude  geht  nicht  u.  s.  w. 

8.  Ich  bat  den  Teufel, 
Den  Juden  zu  erwürgen. 
Der  Teufel  geht  den  Juden  zu  würgen. 
Der  Jude  geht  den  Ochsen  zu  schlachten, 
Der  Ochse  geht  das  Wasser  zu  saufen, 
Das  Wasser  geht  das  Feuer  zu  löschen, 
Das  Feuer  geht  den  Schützen  zu  brennen, 


46.  Gosht-i  Fryäno  und  der  kirgis.  Büchergesang  'Die  Lerche'.   365 

Der  Schütze  geht  den  Wolf  zu  schiessen, 
Der  Wolf  geht  die  Ziege  zu  fressen, 
Die  Ziege  geht  die  Weiden   zu  nagen, 
Sieh,  da  ist  die  Ziege  aus  den  Nüssen. 

Zigeunerlieder  teilt  Wlislocki,  Zs.  f.  vgl.  Littgesch.  n. 
F.  1.  357  und  Zs.  f.  Volkskunde  1.  430  Volksdichtungen 
der  Zigeuner  1890,  S.  91  mit.  —  Afrikanisch:  Riviere, 
Contes  pop.  de  la  Kabylie  p.  137  (Kind  will  nicht  essen. 
Stock,  Feuer.  Wasser,  Ochse,  Messer,  Schmied.  Riemen,  Ratte. 
Katze).  Basset,  Nouveaux  contes  herberes  1897.  p.  168  cLe 
rat  et  la  vieille'  (Maus  stiehlt  Milch,  Ziege,  Feigenbaum. 
Wasserrinne,  Maurer,  Schaf,  Hund):  vgl.  Contes  herberes  18*7. 
p.  95  mit  Anm.  Stumme.  Märchen  und  Gedichte  aus  Tripolis 
1898.  S.  180  (Wolf.  Hund,  Stock.  Feuer,  Wasser,  Ochse.  Zug- 
ring, Schmied).  Steere  p.  287  (oben  1.  517  f.).  Bleek,  Reineke 
Fuchs  in  Afrika  1870,  S.  26:  'Des  Pavians  UrteiP  (Maus.  Katze. 
Hund,  Holz.  Feuer,  Wasser.  Elefant,  Ameise).  —  Asiatisch: 
Steel-Temple  nr.  25.  Cosquin  2,  39  f.  Notes  and  Queries 
7.  ser.  9,  461  (siamesisch.  Kind,  Jäger,  Maus,  Katze,  Hund 
Ohrlöffel.  Feuer,  Wasser,  Strand,  Elefant,  Mücke).] 

Um  noch  einmal  auf  das  von  uns  aus  dem  Berglieder- 
büchlein mitgeteilte  Lied  zurückzukommen,  so  ist  die  Reihen- 
folge in  demselben:  Fleischer,  Geier,  Hexe.  Henker.  Doktor 
ihm  eigentümlich.  Am  nächsten  kommt  ihm  der  Text  in 
Erlachs  Volksliedern  4,  439,  wo  den  Schlächter  der  Teufel 
holen  und  dann  der  Pf  äff  den  Teufel  bannen  soll.  Auch  die 
Art  des  Schlusses  findet  sich  in  keinem  andern  Texte  so. 

Weimar.  Juni  1860. 


46.  Die  Pehlevi-Erzählung  von  Gösht-i  Fryäno 
und  der  kirgisische  Büchergesang  cDie  Lerche  \ 

(Zeitschrift  derdeutschenmorgenländisehenGesellschaft29,633 — 636. 1876.) 

Es  scheint  bisher  noch  nicht  bemerkt  worden  zu  sein. 
dass  die  Pehle  vi -Erzählung  vou  Gösht-i  Fryäno  und  ein 
kirgisischer  fdie  Lerche'  betitelter  Büchergesang,  welche  beide 
Dichtungen  erst  seit  einigen  Jahren  bekannt  gemacht  worden 


366  Zur  Volksdichtung. 

sind1),  in  ihrem  Inhalte  der  Art  miteinander  übereinstimmen, 
dass  ein«'  aus  der  andern   herzuleiten  sein  wird. 

Nach  der  Pehlevi -Erzählung  sandte  einst  der  Zauberer 
Akht,  welcher  sich  vorgenommen  hatte,  die  Stadt  der  Rätsel- 
löser zu  zerstören  und  ihre  Einwohner  zu  töten,  an  Gösht-i 
Fryäno,  einen  frommen  Einwohner  dieser  Stadt,  die  Botschaft: 
'Komm  zu  mir.  damit  ich  dir  33  Rätsel  aufgeben  kann,  und 
wenn  du  keine  Antwort  giebst  oder  sagst:  Ich  weiss  nicht, 
dann  werde  ich  dich  sofort  töten."  Gösht-i  Fryäno  folgte 
der  Aufforderung  und  löste  sämtliche  Rätsel  auf.  Hierauf 
gab  er  nun  seinerseits  dem  Zauberer  drei  Rätsel  auf,  und  da 
dieser  sie  nicht  beantworten  konnte,  vernichtete  er  ihn  durch 
eine  gewisse  heilige   Formel. 

In  dem  kirgisischen  Gesang  wird  erzählt,  wie  der  Prophet 
Aesrät  Ali,  der  die  Schuld  eines  armen  Gläubigen  zu  bezahlen 
versprochen  hat  und  deshalb  auszieht,  das  Geld  zu  suchen, 
von  einer  Lerche  in  eine  von  Ungläubigen  bewohnte  Stadt 
getragen  wird.  Als  er  sich  dort  als  einen  der  Propheten  zu 
634  erkennen  giebt,  |  soll  er  getötet  werden,  wenn  er  nicht  zehn 
Fragen  des  Mullas  der  Ungläubigen  beantwortet.  Er  be- 
antwortet alle  zehn  Fragen  und  richtet  darauf  seinerseits  drei 
Fragen  an  den  Mulla.  Der  Mulla  beantwortet  sie  gleichfalls 
richtig  und  bekennt  sich  dadurch  zum  Islam,  und  mit  ihm 
werden  sämtliche  Bewohner  der  Stadt  Gläubige.  Ali,  reich 
mit  Gold  und  Silber  von  ihnen  beschenkt,  wird  von  der  Lerche 
wieder  zurückgetragen    und    bezahlt    die    Schuld  des  Armen. 

In  beiden  Dichtungen  findet  also  ein  Rätselkampf  um 
Leben  und  Tod  zwischen  einem  Gläubigen  und  einem  Un- 
gläubigen statt,  und    in  beiden  giebt  der  Gläubige,  nachdem 


])  Die  Pehlevi-Erzählung  ist  von  E.  "W.  "West  im  Original  und  in 
englischer  Übersetzung  herausgegeben  in  M.  Haugs  Ausgabe  des  'Book 
of  Ardä-Viräf  (Bombay  und  London  1872),  S.  205 — 66.  Den  kirgisischen 
Gesang  hat  W.  Radioff  im  Original  und  in  deutscher  Übersetzung  mit- 
geteilt in  seinem  Werke  'Die  Sprachen  der  türkischen  Stämme  Süd- 
Sibiriens  und  der  Dsungarischen  Steppe.  I.  Abteilung.  Proben  der 
Yolkslitteratur.'  3.  Teil  (St.  Petersburg  1870),  S.  693  ff.,  Übersetzung, 
3.  Teil,  S.  7SO  ff. 


4ti.  Gusht-i  Fiyano  und  der  kirgis.  Büchergesang  'Die  Lerche'.    367 

er  die  Rätsel  des  Ungläubigen  beantwortet,  nun  seinerseits 
dem  Ungläubigen  drei  Rätsel  auf.  Zu  diesen  Überein- 
stimmungen klimmt  aber  nun  noch  eine  wichtige  Überein- 
stimmung in  den  Rätseln  der  beiden  Dichtungen,  indem 
nämlich  die  zehn  Rätsel  des  Mullas  auch  unter  den  drei- 
unddreissig  des  Zauberers  Akht  vorkommen:.  Die  zehn  Rätsel 
des  .Mulla  siud  die  folgenden: 

1)  Was  ist  nur  eins  und  Dicht  zwei?     Was  meine   ich? 

2)  Was  sind  nur  zwei  und  nicht  drei'/    Was  meine  ich? 

3)  Was  sind  nur  drei   und  nicht  vier/    Was  meine   ich? 

4)  Was  sind  vier  und   nicht  fünf?    Was  meine  ich/ 

5)  Was  sind  fünf  und  nicht  sechs?    Was  meine  ich? 

6)  Was  sind  sechs  und  nicht  sieben'/     Was  meine  ich? 

7)  Was  sind  sieben  und  nicht  acht?    Was  meine  ich? 

8)  Was  sind  acht  und  nicht  neun'/    Was  meine  ich? 

9)  Was  sind  neun  und  nicht  zehn/    Was  meine  ich? 
10)  Was  sind  zehn  und  nicht   elf?    Was  meine  ich? 

Und  unter  den  dreiunddreissig  Rätseln  des  Zauberes  Akht 
kommt  als  dreizehntes1)  folgendes  vor: 

Was  ist  das  Eine?  und  was  die  Zwei'/  und  was  die  Drei'/  und 
was  die  Vier"/  und  was  die  Fünf?  und  was  die  Sechs'/  und  was  die 
Sieben'/  und  was  die  Acht?  und  was  die  Neun?  und  was  sind 
die    Zehn "/ 

Die  Antworten  auf  die  Fragen  über  die  Zahlen  von 
Eins  bis  Zehn  sind  in  beiden  Dichtungen  verschieden.  In 
der  Pehlevi-Erzählung  wird  geantwortet:  Das  Eine  ist  die 
gute  Sonne,  die  die  ganze  Welt  erleuchtet;  und  die  Zwei  sind 
das  Einatmen  und  das  Ausatmen;  und  die  Drei  sind  die  guten 
Gedanken  und  guten  Worte  und  guten  Thaten;  und  die  Vier 


')  Auf  dies  13.  Rätsel  ('Das  dreizehnte  Rätsel,  welches  er  fragte,. 
war  dieses :  Was  ist  u.  s.  \v.')  folgt  gleich  darauf  das  23.  (cDas  dreiund- 
z.wanzigste  Rätsel,  welches  er  fragte,  war  dieses:  Was  ist  u.  s.w.')  und 
in  mehreren  Handschriften  ist  ausdrücklich  eine  Lücke  angedeutet.  West 
bemerkt  dazu  (S.  223):  cIt  is  not,  however.  absolutely  certain  that  there 
iE  ; i i i y  Omission;  for  the  lotli.  enigma  contains  ten  questions  which,  if 
counted  separately,  would  exactly  correspond  with  the  missing  number; 
on  the  other  band,  it  must  be  admitted  that  some  of  the  other  enigmas 
contain  several  questions,  which  are  not  counted  separately  as  here 
Buggested.' 


368  Zur  Volksdichtung. 

635  sind  Wasser  und  Erde  und  Bäume  |  und  Tiere;  und  die  Fünf 
sind  die  fünf  guten  Kaianiden  [Kai-Kabäd,  Kai-Kanus,  Kai- 
Khüsröv,  Kai-Loräsp,  Kai-Gushtäsp];  und  die  Sechs  sind  die 
sechs  Zeiten  der  Gähanbärs;  und  die  Sieben  sind  die  sieben 
Erzengel;  und  die  Acht  sind  die  acht  guten  Berühmtheiten: 
und  die  Neun  sind  die  neun  Öffnungen  im  Körper  des 
Menschen1);  und  die  Zehn  sind  die  zehn  Finger  an  den  Händen 
des   Menschen. 

In  der  kirgisischen  Dichtung  sind  die  Auflösungen,  die 
in  Antworten  von  je  vier  Zeilen  gekleidet  sind,  die  folgenden: 
1)  Gott,  2)  Sonne  und  Mond,  3)  das  Oturashyp2),  4)  die  vier 


*)  J.  Perles,  Zur  rabbinischen  Sprach-  und  Sagenkunde,  Breslau 
1873,  S.  99,  bemerkt,  dass  'die  neun  Offnungen  (Augen,  Ohren, 
Nasenlöcher,  Mund,  After,  Glied)  auch  Sabbat  108  b  aufgezählt  und  im 
täglichen  Ritual  erwähnt  werden,  vgl.  Berach  60  b.'  Ich  erinnere  noch 
an  die  Verse  im  altdeutschen  Freidank  (21,  11  f.): 
Niun  venster  ieslich  mensche  hat, 
von  den  lützel  reines  gät, 
die  sich  in  Hugos  von  Trimberg  Renner  V.  23153 — 54  wiederholen. 
[Holland,  Orient  und  Occ.  1,  196.  Chr.  Weise,  Erznarren  S.  330:  'einen 
jeglichen  bei  seinen  neun  Augen  lassen'.  'Neunthorige  Städte'  heissen 
die  Menschenleiber  bei  Krishna-Micja,  Prabodha-Chandrodaya  (Kgsb. 
1842,  S.  53;  übers,  von  B.  Hirzel  1846,  S.  13),  vgl.  Long,  Eastern  Proverbs 
p.  48.  Grisebach,  Kin-ku-ki-kuan.  Novellen  der  chines.  1001  Nacht  1880, 
S.  34.  —  Häufiger  werden  die  sieben  Löcher  des  Kopfes  erwähnt; 
Genesis  und  Exodus  ed.  Diemer  5,  12.  Rochholz,  Alemannisches  Kinder- 
lied S.  250,  nr.  79  f.  Basler  Kinder-  und  Volksreime  1857,  S.  79.  Curiosites 
theologiques  317.  Ahlquist,  Mordwinische  Grammatik  S.  144.  Ausland 
1884,  71  (armenisches  Rätsel :  Wassermelone  mit  7  Offnungen).  Hammer- 
Zinserling,  1001  Nacht  1,  235  (1823);  Rosenöl  2,  289  (Dschami).  Johannes- 
Album  2,  64  (persisch).  —  Mone,  Hymnen  1,  367  V.  81 :  'Tege  totum 
me  cum  quinque  sensibus  et  cum  decem  fabrefactis  foribus.'  Thomasin 
v.  Zirklaere  V.  9450  (fünf  Sinne  =  fünf  Thüren).  —  Zwölf  Tliore: 
Ahmedis  Iskendername  bei  Weismann,  Lamprechts  Alexander  2,  601. 
Gespräch  des  Esels  Avider  Bruder  Anshelmen  von  Turmedan,  Mümpelj 
gardt  1606,  S.   166. J 

2)  Die  ganze  Antwort  lautet: 

Ich  will  sagen,  was  ich  weiss,  viele  sind  versammelt, 

AVird  es  richtig  sein,  wenn  ich  so  sage? 

Was  sollen  es  vier  sein,  du  feindlicher  Ungläubiger, 

Auf  das   Xachtgebet  folgt  das  Oturashyp. 


46.  G6sht-i  Fryänö  und  der  kirgis.  Büchergesang  'Die  Lerche'.   ,-369 

Chalifen  Omar,  Osman,  Hasret  Ali  und  Abu  Bekr.  5)  die  fünf 
•Gebete  mit  den  Waschungen.  6)  die  sechs  Worte  des  Inians 
(iottes,  7)  die  sieben  Höllen,  <s)  die  acht  Paradiese,  9)  die 
neun  Söhne  des  Propheten  Ibrahim.  10)  die  zehn  Monate  der 
Sr  hwangerschaft. 

Fragen  wir  nun  nach  dem  Alter  der  beiden  verglichenen 
Dichtungen,  so  ist  die  kirgisische  Dichtung  als  solche  höchstens 
einige  Jahrhunderte  alt.  da  die  Kirgisen  erst  "seit  mehreren 
Jahrhunderten3  (Radioff  a.  a.  0.,  Übersetzung  3,  S.  XVI). 
Mohammedaner  sind;  aber  es  ist  wohl  anzunehmen,  dass  dem 
kirgisischen  Gesaug  eine  ältere  muhammedanische  Über- 
lieferung zu  Grunde  liegt.  Vielleicht  ist  eine  solche  sogar 
noch  vorhanden,  und  Leser  dieser  Zeitschrift  können  sie  nach- 
weisen. Diese  Überlieferung  würde  aber  immer  jünger  sein 
als  die  von  Gösht-i  FryänÖ,  über  deren  Alter  West  (S.  LXXVI, 
vgl.  auch  S.  2-49.  Anmerkung  1)  sich  also  äussert: 

'Since  the  subject  matter  of  the  tale  of  Gösht-i  Fryänö 
is  already  mentioned  in  the  Zand  texts,  we  may  presume 
that  a  book,  containing  the  enigmas  of  Akht,  the  sorcerer. 
and  those  of  bis  Opponent,  Gösht-i  Fryänö.  was  in  existenee 
even  long  before  the  Sasanian  times,  perhaps  as  early  as 
the  latter  end  of  the  Achamienian  period.  Whatever  may  be 
the  age  of  the  present  work,  it  is,  ou  the  main,  certainly 
liased  on  ante-Sasanian  sources.3 

Hiernach  darf  man  wohl  annehmen,  dass  die  Geschichte 
von  dem  Rätselstreit  zwischen   dem  Propheten   Ali  und  dem 
I  ungläubigen  Mulla    aus    der    von   Gösht-i   Fryänö    und    dem 
Zauberer  Akht  entstanden  ist.  I 

Auf  das  Verhältnis  der  beiden  Dichtungen,  insbesondere    636 
der   Fragen    über    die    Zahlen   von  Eins   bis  Zehn1),   zu  dem 
bekannten  jüdischen  Osterliede  über  die  Zahlen  von  Eins  bis 
Dreizehn  und   zu  den  vielen   über  ganz  Europa   verbreiteten 


M  [Kraus,  Gesch.  der  christl.  Kunst  2,  441.  Erk-Böhme,  Liederlmrt 
nr.  2130—2132.  Prato,  Le  dodici  parole  della  veritä  in  Pitrcs  Archivio 
10 — 15.  Coelho,  Revista  lusitana  1,  246-  254.  Kristensen,  Dyrcl'aMcr 
.1896,  S.  165  f.] 

Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  24 


370  Zur  Volksdichtung. 

christlichen  Seitenstücken  desselben1),  sowie  zu  einiger* 
europäischen  Volksmärchen2),  einzugehen,  unterlasse  ich  vor- 
läufig, indem  ich  erst  abwarten  will,  ob  mir  nicht  eine  ältere 
Fassung  der  Erzählung  vom  Propheten  Ali  nachgewiesen  wird. 

[In  den  Khuddaka  Pätha  (a  Pali  Text  ed.  by  R.  C.  C. 
Childers.  Journal  of  the  R.  Asiatic  Soc.  new  ser.  4,  311  f. 
1870)  stehen  folgende  Schülerfragen:  1)  die  Hauptursache  des- 
Lebens Nahrung,  2)  Wesen  und  Form,  3)  Gefühle,  4)  Haupt- 


')  Bereits  in  meiner  Besprechung  des  dritten  Teils  der  Über- 
setzungen von  Radioffs  Proben  im  Litterarischen  Centralblatt  1870,  nr.  52 
habe  ich  auf  diese  Lieder  hingewiesen,  und  Perles  a.  a.  0.  S.  98  f.  hat: 
bemerkt,  die  dreizehnte  Frage  des  Zauberers  Akht  'laute  wie  in  dem 
Responsorium  der  Pessach-hagadah:  J?"TV  ''D  TIN  (d.  i.  eben  jenes  auch 
von  mir  gemeinte  jüdische  Lied).  -  "Wenn  Perles  S.  99  sagt,  die  ein- 
unddreissigste  Frage  des  Zauberers  Akht  beziehe  sich  auf  Rauch  und 
Gras,  so  hat  er  die  Worte  in  "Wests  englischer  Übersetzung  'du  st 
und  'grease'  missverstanden. 

2)  von  Hahn,  Griechische  und  albanesische  Märchen,  2,210:  ['Der 
Mann  mit  der  Erbse.'  Die  Fragen  des  Drachen  beantwortet  eine  kluge 
Alte  für  den  Helden:  'Der  Eine  ist  Gott,  zwei  "Worte  sind  die  Gerechten, 
drei  Füsse  hat  der  Dreifuss,  vier  Euter  hat  die  Kuh,  fünf  Finger  hat 
die  Hand,  sechs  Sterne  das  Siebengestirn,  Tanz  der  sieben  Jungfrauen, 
acht  Füsse  hat  der  Seepolyp,  neun  Monat  trug  dich  deine  Mutter,  zehn, 
ist  dein  eignes  Wort,  und  nun  zerplatze,  Drache!'  —  Neosll.  'Avähy.za 
2,  28.  —  Haltrich,  D.  Volksmärchen  aus  Siebenbürgen  1885,  nr.  33:  'Der 
Erbsenfinder.' —  Kremnitz,  Rumänische  Märchen  1882,  S.  196:  'Der  Erbsen- 
kaiser.' —  Müllenhoff,  Sagen  von  Schleswig  1845,  S.  303,  nr.  415:  'Die 
Zahlen  eins  bis  sieben.'  Ein  Fremder  hilft  dem  Bauern  die  Fragen  des 
Teufels  beantworten :  'Eins  ist  eine  Schiebkarre,  2  eine  Karjole,  3  ein 
Dreifuss,  4  ein  Wagen,  5  die  Finger  an  der  Hand,  6  die  Werkeltage  in. 
der  Woche,  7  das  Siebengestirn'!  —  Bondeson,  Halländska  Sagor  1880,. 
nr.  19  =  Svenska  Folksagor  1882,  nr.  54:  'Der  Bauer,  der  sich  dem 
Teufel  gelobte.'  Die  Antworten  sind:  1)  Glockenklöppel,  2)  Augen, 
3)  Topffüsse,  4)  Wagenräder,  5)  Finger,  6)  Krüge  bei  der  Hochzeit  zu 
Kana,  7)  Bitten  im  Vaterunser.  Vgl.  Nyrop,  Svenska  Landsmälen  2,  CVIII. 
—  Cerquand  2,  26.  -  -  Dazu  Prato,  Archivio  11,  267.  305.  —  In  einem 
Luccheser,  einem  sardinischen  und  einem  calabresischen  Märchen  (Archivio 
7,  493.  12,  378.  532)  schlägt  der  als  Bettler  verkleidete  h.  Martin  den 
ins  Haus  eindringenden  Teufel  auf  gleiche  Weise  in  die  Flucht;  in 
einer  Erzählung  aus  Messina  (Archivio  1,  416)  tritt  der  h.  Nicolaus 
ebenso  auf.] 


47.  Um  Städte  werben.  371 

Wahrheiten  des  Buddhismus,  5)  Elemente  des  Seins,  G)  Sinnes- 
organe, 7)  Wissenszweige,  8)  der  achtfache  Weg  des  Nirwana, 
9)  Wohnorte  vernünftiger  Wesen,  10)  ein  mit  den  zehn  Arten 
der  Heiligkeit  ausgestatteter  Heiliger.  -  -  Eine  von  Wesselofskv, 
Archivio  2,  230  angeführte  kaukasische  Tradition  giebt 
wieder  andere  Antworten:  1)  Gott,  2)  Tag  und  Nacht,  3)  Ehe- 
scheidungen, 4)  göttliche  Bücher,  5)  Arten  des  Islam,  6)  Regeln 
bei  der  Erfüllung  des  Nizam,   7)  Himmel.] 


47.    Um  Städte  werben 

in  der  deutschen  volkstümlichen  Poesie  besonders  des 
siebzehnten  Jahrhunderts. 

(Archiv   für  Literaturgeschichte  1,    228—251.  1870.) 

A.  F.  v.  Sc  hack  sagt  in  seinem  anziehenden  und  lehr- 
reichen Buch  'Poesie  und  Kunst  der  Araber  in  Spanien  und 
Sicilien'  (Berlin  1865),  Band  2,  S.  117: 

'Eine  altspanische  Volksromanze,  die  sich  in  der  Romanzen- 
sammlung von  1550  und  auch  schon  in  der  noch  älteren 
ohne  Jahreszahl  gedruckten  findet,  führt  den  König  Don  Juan 
vor,  wie  er  angesichts  von  Granada  sich  durch  den  Mauren 
Abenämar  Auskunft  über  die  Prachtgebäude  der  Stadt  geben 
lässt.     Darauf  heisst  es  weiter: 

Also  sprach  Don  Juan,  der  König, 
Wohl  vernehmt  es,  was  er  sprach: 
cO  Granada,  wenn  du  wolltest, 
Nahm'  ich  dich  zum  Ehgemahl; 
Cordova  mitsamt  Sevilla 
Brächt'  ich  dir  als  Mitgift  dar, 
Ja,  und  wenn  du  mehr   verlangtest, 
Mehr  noch  gilb1  ich  dir  fürwahr.'  — 
Antwort  gab  dem  guten  König 
Drauf  Granada  dergestalt : 
'Schon  vermählt,  o  König,  bin  ich, 
Trage   noch  nicht  Witwentracht, 
Und  gar  wohl  verteidgen  wird  mich, 
Glaub,  der  Mohr,  mein  Ehgemahl.'1) 


')  Wolf,  Prima vera  1,  252. 


24* 


372  Zu1'  Volksdichtung. 

Dass  eine  Stadt,  welche  ein  Eroberer  einzunehmen  hofft, 
als  eine  Braut  aufgefasst  wird,  um  deren  Hand  er  wirbt,  ist 
gewiss  höchst  auffallend  und  befremdet  um  so  mehr  iu  einer 
Romanze  von  ganz  volksmässigem  Charakter.  Nicht  leicht  | 
229  wird  man  diese  Vorstellung  in  einem  anderen  abendländischen 
Gedichte  aus  dem  Mittelalter  treffen,  und  wo  sie  sich  fände, 
würde  ich  auf  einen  fremden  Ursprung  schliessen.  Dem  Orient 
dagegen  und  den  spanischen  Arabern  ist  das  Bild  höchst  ge- 
läufig.    So  lautet  eines  ihrer  Gedichte  auf  Granada: 

Dass  mit  Granada  nichts  im  weiten  Weltbereiehe, 
Aegypten,  Syrien  nicht,   noch  Irak  sich  vergleiche! 
Sie  prangt  wie  eine  Braut  im  Schmuck  der  Festgewänder, 
Und  ihre  Mitgift,  scheint's,  sind  alle  jene  Länder.1) 

Ibn  Batuta  nennt  dieselbe  die  Braut  oder  Neuvermählte  unter 
den  Städten  Andalusiens2),  und  AI  Motamid  sang,  als  er 
Cordova  erobert  hatte: 

Seht!  wie  die  schöne  Cordova,  die  mit  dem  Speer,  dem  Schwerte 

Jedweden  Werber  von  sich  wies,  mir  ihre  Hand  gewährte ! 

Sonst  immer  stand  sie  schmucklos  da;  allein  mit  goldnen  Spangen 

Und  prächtigem  Gewand  geschmückt  hat  sie  mich  heut  empfangen. 

Des  Königs  Gattin  ward  sie  nun,   wir  halten  Hochzeitfeier 

In  ihrem  Schloss,   indes  vor  Wut  vergehn  die   andern  Freier.3) 

Auch  Muhammed,  der  Sohn  Abdurrahmans  IL,  stellt  in  dem 
Gedichte,  das  er  auf  der  Rückkehr  von  einem  Kriegszuge  ver- 
fasste,  seine  Hauptstadt  unter  dem  Bilde  einer  Geliebten  vor: 

Wirst  du,  Cordova,  vergönnen,  dass  ich  mich  dir  nahen  kann? 
Darf  auf  dir  mein  Auge  ruhen?  wirst  du  nicht  vor  mir   entfliehn?4) 

Auch  von  Sevilla  heisst  es  in  einem  Gedicht:  'Sevilla  ist  eine 
Braut:  ihr  Gatte  ist  Abbad,  ihre  Krone  das  Hügelland  (das 
Ajarafe)  und  ihr  Halsband  der  Fluss"5),  und  der  persische 
Geschichtsschreiber  Mirchond  drückt,  wo  er  sagen  will,   dass 


1)  Makkari   1,  94. 

2)  Ibn  ßatuta  4,  368. 

3)  Scriptorum  arabum  loci  de  Abbadidis.  ed.  Dozy,  4fi. 

4)  AI  Hollat  65. 

5)  Makkari  2,  143. 


47.   Um  Städte   werben.  373 

ein  Fürst  seine  Residenz  verlasse,  dies  nach  seiner  schwül- 
stigen Weise  in  den  Worten  ans:  'er  heftete  der  Gattin  des 
Reiches  eine  dreifache  Ehescheidung  an  den  Saum  ihres 
Schleiers."1) 

Wer  kann  nun  an  der  orientalischen  Herkunft  der  er- 
wähnten Stelle  zweifeln?  Man  verstehe  mich  recht;  ich  sage 
mit  nichten,  die  spanische  Romanze  sei  aus  dem  Arabischen 
übersetzt  oder  ihrem  ganzen  Inhalte  nach  entlehnt;  aber  ich 
glaube,  mau  kauu  mit  Zuversicht  annehmen,  deren  Verfasser  | 
habe  ein  arabisches  Gedicht  gehört,  das  er  möglicherweise 
gar  nicht  durchgehends  verstand,  aus  dem  er  aber  dies  eine 
frappante  Gleichnis  auffasste  und  iu  das  seinige  übertrug/ 

Soweit  v.  Schack  Er  mag  recht  haben,  dass  die  Auf- 
fassung einer  belagerten  Stadt  als  einer  Braut,  um  deren  Hand 
der  Belagerer  wirbt,  ausserhalb  Spaniens  in  keinem  abend- 
ländischen Gedicht  aus  dem  Mittelalter  getroffen  wird.  Um 
so  merkwürdiger,  dass  dieselbe  im  17.  Jahrhundert  plötzlich 
in  Deutschland  als  ganz  geläufig  erscheint.  Möge  es  mir  ge- 
stattet sein,  die  betreffenden  Gedichte  hier  teils  gauz  mitzu- 
teilen, teils  auf  sie  zu  verweisen.2) 

Das  älteste  hierher  gehörende,  mir  bekannte  Gedicht  be- 
zieht sich  auf  die  Belagerung  Magdeburgs  durch  Wallen - 
stein  im  Jahre  1629.  Es  ist,  von  einer  gleichzeitigen  Hand 
aufgezeichnet,  in  einer  Handschrift  der  Grossherzogl.  Bibliothek 
zu  Weimar3)  erhalten  und  bereits  von  0.  L.  B.  Wolff  in  seiner 
Sammlung  historischer  Volkslieder  und  Gedichte  der  Deut- 
schen (Stuttgart  u.  Tübingen  1830),  S.  442  ff.  bekannt  ge- 
macht worden,  jedoch  mit  so  manchen  Fehlern  und  Änderungen, 
dass  ich  es  hier  noch  einmal  mitteile. 


')  Mirchondi  Historia  Seldschuckidarum  ed.  Vullers  16. 

2)  Schon  Soltau  in  seinen  Deutschen  Historisellen  Volksliedern  S.  509 
und  R.  Hildebrand  in  seiner  Fortsetzung  der  Soltauschen  Sammlung 
S.  93  und  372  haben  diese  Vorstellung  berührt  und  mehrfach  nachge- 
wiesen. 

3)  Es  ist  die  von  A.  v.  Keller,  Fastnachtsspiele  3,  1453  ff.  näher 
beschriebene  Handschrift  [Q.  565,  Bl.  56  b]. 


230 


374 


Zur   Volksdichtung. 


Werbung     Herzogen    Albertj    von     Friedtlandt     an 

Jungkfrau    Magdeburg    zusambt    der    abschlägigen 

antwort    vnd    zugestellter    Corbeto,     resolvirt    den 

15.  Septembr.  A.  1629.  r) 


231 


1. 


Herzog  von  Friedland. 


Magdeburg,  aller  Damen  Zierd, 

Princessin  deiner  Landen, 
Wann  wirstu  dich  nun  der  Gebühr 

Ergeben  unsern  Händen? 
Durch  Capitain  und  Colonell 

Haben  wir  umb  dich  geworben, 
Wirstu  dich  nicht  resolviren  schnell, 

Bistu  warlich  verdorben. 

2.     Jungfrau   Magdeburg. 

Wol  hab  ich,  hochgeborner  Herr, 

Die  Werbung  längst   verstanden, 
Und  wundert  mich   noch   eins    so    sehr, 

Dass  ihr  mit  Liebesbanden 
Einer    schlechten  Magd   gefangen    seid, 

Da  doch,  wie  man  berichtet, 
Straalsundt  die  Nyniph  ihr  habt  gefreit, 

Euer  Lieb  mich  nicht  anflehtet.  | 

3.     Friedland. 

Dama,  das  macht  die  Schöne  dein, 

Die  uns  also  verführet; 
Dass  wir  dir  höchst  geneiget  sein, 

Dein[er]  Höflichkeit  gebühret, 
Straalsundt  war  gar  von  grober  Sitt, 

War  schlecht  qualificiret, 
Wust  sich  ins  Bulen  zu  schicken  nicht, 

Uns   gar  nicht  respectiret. 

4.     J.    Magdeburg. 

Hochwolgeborner,   wie  man  sagt, 
Seid  ihr  wol  recht  von  Flandern, 

Nun  ihr  nach  vielen  Damen  fragt, 
Liebt  eine  nach  der  andern. 


*)  Die  Überschrift  genau  mit  der  Orthographie  der  Handschrift, 
die  ich  im  Gedicht  selbst  hier  und  da  vereinfacht  und  verbessert  habe. 
Auch  die  Interpunktion  rührt  von  mir  her.  'zugestellter  Corbeto'  ist 
deutlich  zu  lesen. 


47.  Um  Städte  werben.  37-5 

Fürwar  die  Weis  mir  nicht  gefällt, 

Hier  werdt  ihr  nicht  gewehret, 
Euer  Werbung  ist  nur  um  das  Gelt, 

Wie  man  diss  wol  erfähret. 

5.     Friedland. 
Umbs  Gelt,   o  schöne   Venusin, 

Wir  ganz  und  gar  nicht  freien, 
Das  Römisch  Reich  thut  uns  vorhin 

Ihre  Schätz  all  herleihen. 
Die  Kaiserliche  Maiestat 

Wegen  unser  dapferer  Thaten 
Vor  andern  uns  erhoben   hat, 

Mit  Land  und  Leut  berathon. 

6.     J.  Magdebur  g. 
Hochwoledlester  Cavallier, 

Diss  thut  gar  nichts  zur  Sachen. 
Hettet  ihr  Straalsundt  beredt   darfür, 

Möcht  ihr  euch  dapfer  machen. 
Kein  Heldenherz  hierin  besteht, 

Wann  durch  Tyrannenwaffen 
Ein  keusche  Dam  zu  Grunde  geht, 

Durch    Nothzwang    wird    beschlaffen. 

7.     Friedland. 
Dama,  deiner  Ehr  zuwider  nicht 

Wollen  wir  uns  dir  vermählen, 
Die  Werbung,  so  an  dich  geschieht, 

Wollen  wir  dir  nicht   verheelen. 
Dein  stolzer  Leib  eine  Ursach  ist, 

Und  deine  stolze  Sinnen, 
Macht  uns  ein  Muth  zu  dieser  Frist, 

Bis  wir  dich  mögen  gewinnen. 

8.     J.  Magdeburg. 
Cavallier,  habt  ihr  gehöret  nicht, 

Wie  vor  ein  hundert  Jahren 
Das  ganze  Reich  mich  auch  bestritt, 

Wollt  mich  fast  bei   [den]  Haaren 
Zu  Carolo,  dem  edlen  Held, 

Zwingen  und  zu  ihm  tragen, 
Noch  thet  ich  ihnen  im  freien  Feld 

Den  Tanz  höflich  abschlagen.1)   | 


')  Das  bezieht  sich  auf  die  Belagerung  durch  Karl  V.  1553,  welche 
er  gleich  der  von  Metz  aufheben  musste.  Damals  entstand,  wie  Soltau 
bemerkt,  der  Reim: 


37<i  Zur  Volksdichtung. 

232  9.     Friedland. 

Dama,  diss  ist  uns  wolbekant, 

Das    mehret    unser    Verlangen, 
Wann  du  nun  geriühst  in   unser  Hand, 

Können  wir  desto  bass  brangen. 
Wir  sind    hie   auch   ans   Kaisers    Statt, 

Unser  Hilf  wir  ihm   verleihen, 
Weil  er  dich  uns  versprochen  hat, 

So  mustu  an  den  Reihen. 


Die  Metze  und  die  Magd 
Haben  Kaiser  Karl  den  Tanz  versagt. 
Auf  dem  Titel  einer  katholischen  Flugschrift  vom  Jahre  1631,  welche 
die  Zerstörung  Magdeburgs  als  die  'verdiente  Strafe  wegen  ihres  vor 
<sO  Jahren  verübten  grossen  Muthwillens'  auffasst,  stehen,  wie  G.  Droysen 
in  den  Forschungen  zur  Deutschen  Geschichte  3,  599  mitteilt,  folgende 
Keime  : 

Vor  Jahren  hat  die  alte  Magd 
Dem  Kaiser  einen  Tanz  versagt, 
Jetzt  tanzt  sie  mit  dem  alten  Knecht, 
So  geschieht  dem  stolzen  Mädgen  recht. 
Es  war  nie  kein  Xuss  so  hart, 
Die  endlich  nicht  aufbissen  ward. 

Das  Tanzabschlagen  einer  belagerten,  als  Jungfrau  gedachten  Stadt 
findet  sich  auch  in  einem  'Lied  dem  Churfürsten  zu  Ehren,  dem  Schweden 
zum  Spott'  (1632),  bei  Ph.  M.  Körner,  Historische  Volkslieder  S.  323  ff.„ 
in  welchem  Str.  15  und  16  so  lauten: 

Die  Jungfrau,  so  ich  meine, 
ist  gar  eine  feste  Statt, 
vil  Feind  seind  vor  ihr  glegen, 
keiners  bemächtigt  hat; 
Ingolstatt  heisst  ihr  Name, 
ganz  weit  und  breit  bekant, 
man  darf  sich  ihr  nit  schämen, 
zieret  das  ganz  Bairland. 

Darfür  der  Schwcd  sich  lagert, 

begert  der  Jungfrau   bald, 

aber  man  sie  ihm  wehret  (lies:  wegert), 

denn  sie  ward  schon  gar   alt, 

das  thet  dem  Schweden  Zoren, 

wolt  sie  austilgen  ganz, 

aber    sie    wolt    nit    tanzen, 

er  hett  kein  schönen  Kranz. 


47.  Um  Städte   werben.  377 

10.     J.  Magdeburg. 
Seid  niebt  so  hitzig  vor  der  Stirn, 

Ihr  Friedland  boebgeboren. 
leb  müst  doch  sein  ein   schlechte  Dirn, 

"Wann  ihr  mich  wollt  bethoren. 
Diss  Jahr  nemb  ich  noch  keinen  Mann, 

Und  sollt  mir  einer   werden, 
Möcht  ich  doch  kein  Soldaten  hau, 

Als  lang  ich  leb    auf  Erden. 

11.     Friedland. 

"Wolan,  so  sei  dir  abgesagt, 

"Weil  du  uns  tbust  beschämen, 
All  unser  Gnad  dir,  stolze  Magd; 

Mit  Gewalt  wollen  wir   dich  nehmen. 
Können    wir    nicht    mit    Freundlichkeit 

Die  Liebe  dein  erwerben, 
Mustu  durch    unsre  Dapferkeit 

Dich  in  denn  Blute  färben. 

12.     J.   Magdeburg. 

Cavallier,  ihr  unhöflich  seid, 

"Wollt  ihr  mit  Damen  fechten, 
Bin  ich  dazu  ganz  wol  bereit, 

"Will  gebrauchen   meiner  Rechten. 
Nembt  darauf  hin  zu  eim  Present, 

Lasts  euch  aber  nicht  verdriessen, 
Pulver  und  Plei  von  meiner  Hand, 

Courtesirn  zu  gemessen. 

13.     Friedland. 

Bistu  dann   ein  Amazonin, 

Zum  Kriegeslist  erzogen, 
Scind  wir  doch  solches  in  unserm    Sinn 

Noch  genzlich  nicht  betrogen. 
Ein  solch  Martialisch  Mann, 

Wie  man  uns  rühmlich  preiset, 
Bellonam  muss  zum  Weibe  hau, 

Gleich  man  zu  gleichem  weiset. 

14.     J.   Magdeburg. 

An  meiner  Stärk  bangt  meine  Ehr, 

Mein  Burg  die  muss  mir  bleiben. 
Ich  hab  der  Favoriten  mehr, 

Die  werden  dich  abtreiben. 


37S  Zur  Volksdichtung. 

Friedland,  du  schlechter  Cavallier, 

Dein  Hofnung  mich  zu  gewinnen 
Fass  ein  "Weil  in  diss  Körblein    hier, 

Dass  sie  dir  nicht  zerrinne. 

15.     Fr  i  e  d  1  a  n  d. 

So  seind  wir  abermal    schabab 

Und  will  uns  nicht  gerathen, 
Das  Unglück  all  zu  Lohn  dir  hab, 

Du  Bestia  reuchst  den  Braten. 
Es  mag  drumb  sein,    doch   in  der    Still 

Wir  uns  von  hinnen  machen, 
Dass  man  davon  erfahr  nicht  viel, 

Man  dürft  uns  sonst   auslachen. 

16.     J.  Magdeburg. 

Adieu,  Friedland,  fahr  immerhin, 

Lern  besser  courtesirn, 
Es  geht  dir  nicht  nach   deinem  Sinn, 

Man  thut  dich  korbisirn. 
Gen  Halberstatt  auf  die  Comiss 

Thu  dich  zum  Ofen  setzen, 
So  bistu  deines  Quartiers  gewiss. 

Hiemit  wolln  wir  uns  letzen. 

[Von    diesem    Liede    sind    noch   drei    weitere    Aufzeich- 
nungen1)  zum    Vorschein   gekommen:    B)   in   einem   Berliner 


*)    [Die    hauptsächlichsten    Varianten   dieser   Texte    sind:    1,2    denn 
in  Gebühr  B;  doch  in  G.  C;    eins  mit  G.  D  „  Habn  BD;  Han  C  — 

-  Wirst  dich  BCD  —  2n  newgeniachter  Herr  D  —  3  einst  B  — ■  +  mit] 
umb  B  ;  in  CD  —  5  Umb  einer  Magt  D  —   3,!   Madam  D  (so  immer)  — 

3  Dein  BC;  Deinr  D  —  gespüret  C  —  5  groben  Sittn  D  —  7  in  Bossen 
C  —  zschikhen  nit  BC;  zuschickn  gantz  nit  D  —  3  Hat  uns  nicht  D  - 
4,i    Hochgeborner    wie    man    itzt  D  —  2  Iflr    seyd    D  —    3  Weil    D    — 
6  Der  Bitt  man  nicht  D —  8  es  woll  B;  hieraus  D  —  5,3  Wir  alle  C  — 

4  Ihr  Schätze  D  —  6  unsre  D    —   tapfern  B;   tapffer  D  —  7   erhebet  D 

—  6„  Hochedlester  B;  Mein  hochgeborner  D  —  2  dient  gar  nit  B  — 
3  bereidt  D  —  6  tyrannisch  B ;  Spännische  C ;  Tyrannsche  D  — 
7,!  Dam  B  —  deiner  Zucht  C  —  3  so]  die  BD  —  5  ein  BD  —  6  Sitten  D 

7  Machn  B  —  Wir  lassn  nicht  ab  D  —  3  mögen]  noch  BCD  —  er- 
bitten D  —  8,j   gehört  B  —    nit  BCD  —  3  auch]   da  D  -  ,    ihm  BCD 

3  künlich  versagen  BCD  —  9,2  Diss  mehrt  BD  —  3  nur  D  —  4  Kontn 
D  —  dess  bass  B ;  dest  besser  C  ;  nicht  besser  D  —  5  auch  hie  C  — 
„  Unsr  Trew  wir  dir  zusagen  D  —  7  uns  dich  D  —  e  Mustu  itzt  BC  ;    Müssn 


47.  Um  Städte   werben.  37») 

Exemplar  von  Opitz'  Teutscheo  Poemata  1(124,  von  Nicolaus 
Rittershausen  (1597 — 1670)  eingetragen;  abgedruckt  von  M. 
Rubensohn,  Geschichtsblätter  f.  Magdeburg  29,  137  (1894). 
Die  Überschrift  lautet  wie  in  A;  nur  ist  'd.  18.  Sept.J  aus 
'15'  korrigiert,  und  es  folgt  der  Zusatz:  'In  seira  aygnem  thon. 
ALLeln  Gott  In  Der  hohe  eVVlg  ehr  fVr  Ynsern  trlVMph. 
WaLsteln  Vor  MagDebVrg  ein  korb  Iezt  Ist  erbVhLet. 
Anno  CIOIO  XXIX'.  —  C)  in  dem  Berliner  Mscr.  germ.  qu. 
749,  Bl.  14a:  'Hertzogens  von  Fridlandt  Werbung  an  die 
Statt  Magdeburg.  Im  Thon:  Mein  Gott  vnd  Herr  nun  steh 
mihr  bey\  —  D)  in  einem  Einzeldrucke:  Hoff-  und  zier- 
liche |  Werbung  Hertzog  |  Albrechten  von  Friedlandt,  |  An  j 
Jungfraw  Magdeburg.  |  Aussm  Niederländischen  ins  Teutsch 
versetzt  entleihet.  |  Uff  Rosswurms  weise  oder  Melodey.  |  Nach- 
gedruckt |  Anno  |  MDCXXX1.  |  8  Seiten  4°  (Halle).  Ab- 
gedruckt von  E.  Neubauer,  Geschichtsblätter  f.  Magdeburg 
24,  133  (1889).] 

Hiernächst   habe   ich   ein  Lied   mitzuteilen,    welches   ich    233 
mich  nicht  erinnere  irgendwo  erwähnt  gefunden  zu  haben  und 

wir  den  Reyen  wagen  D  —  10,2  Ihr  von  Friedland  geboren  D  —  4  solt 
CD  -  -  7  Mag  BD  —  doch]  fehlt  B  Tyrannen  D  —  8  Als]  So  D  — 
11,3  du  BD  —  4  Gwalt  woln  BCD  —  g  In  deinem  Blut  verderben  D  — 
12n  ihr  gar  CD  —  3  darzu  auch  bereit  C;  So  mag  es  seyn  ich  bin  be- 
reit D  4  brauchen  meine  C  —  8  Nehmet  drauff  D  —  6  es  euch  nit 
BD;  euchs  nur  nit  C  —  7  Hendt  BC  —  g  Courtoisisch  B;  CortesischC; 
Couirtosi  I)  —  13,!  Du  bist  doch  ein  C  —  2  Zu  würgen  bist  B;  Und  in 
Kriegen  C;  In  Kriegen  C  -  3  So  sein  wir  BC  —  doch]  des  C;  doch 
dann  D  —  t  Genzlich  noch  nit  begniegen  C  —  5  solcher  Martialscher 
D  —  g  Gleichs  man  zum  C  —  14,t  Stärk]  Burg  BCD  —  4  werdn  dich 
schon  D  -  9  gwinnen  CD  —  8  Fass  fein  hier  in  B;  Fass  ein  hie  in  C ; 
zerrint,  nimb  hin  D    —   hier]    dir  BCD  g    zerrinnen  B;  Krieg  durch 

•odr  heng  dich  drinnen  D  —  15,8  Dis  D  -  dir]  ich  D  —  4  merckst 
BC;  Ich  rieche  schon  den  Braten  D  -  -  8  doch  drumb  sein  C  —  7  er- 
fehrt  D  —  16,4  Den  Schiver  (d.  i.  Ärger)  lest  du  spüren  D  —  5  die] 
dein  D  —  7  deins  BCD. 

Hieraus  ergiebt  sich,  dass,  während  A  Beim  (Str.  3,7.  8„)  und  Silben- 
zahl öfter  vernachlässigt  und  D  häufig  bedeutend  von  ABC  abweicht, 
B  den  besten  Text  bietet.  Ob  der  Schreiber  von  B  zugleich  auch,  wie 
Rubensohn  annimmt,  der  Verfasser  des  Gedichtes  war.  bleibe  dahin- 
gestellt.] 


;;,S|)  Zur  Volksdichtung. 

welches  daher  ziemlich  selten  sein  mag.  Es  liegt  mir  in 
einem  Einzeldruck  in  Quart  vor1)  und  führt  folgenden  Titel: 
Ein  Schön  Lied.  |  Von  des  Durchlauchti-  |  gen  Printz  Hein- 
rich Friedrichs  von  Vranien  Werbung,  an  die  Vor- 
nehme vnd  feste  Stadt  |  H  ertzogenpusch.  |  Im  Thon:  ]  Wil- 
helmus  von  Nassaw  bin  ich  von  |  Deutschem  Blut.2)  |  Gedruckt 

im  Jahr,  MDCXXX.  |  3) 

1.     Uranien. 

Herzogenpusch,  erwehlte  Liebe, 

Sage  mir,  o  du  werthe  Magd, 
Warumb  es  dich  so  sehr  betrübe, 

Dass  Uranien  nach  dir  fragt? 
Wollestu  dich  recht  besinnen, 

Bessere  Werber  findest  nicht, 
Als  Uranien  mag  beginnen, 

Trau  dem  Helden  deine  Pflicht. 


')  In  einem  7,  2:  40  gezeichneten  Sammelband  der  GrossherzogL 
Bibliothek  zu  "Weimar. 

-)  Das  Lied  'Wilhelmus  von  Nassau'  sehe  man  bei  Soltau  nr.  68. 
['Erk-Böhme,  Liederhort  2,  107.     Ensohede,  Oud  Holland  12,  172.] 

3)  Herzogenbusch,  in  spanischem  Besitz,  ward  von  Prinz  Friedrich 
Heinrich  von  Nassau-Oranien,  Statthalter  der  Niederlande,  am  17.  Sep- 
tember 1629  erobert. 

In  einem  weiter  unten  zu  erwähnenden  Lied  auf  die  Zerstörung 
Magdeburgs  bei  Hildebrand  S.  374  sagt  die  Stadt  Herzogenbusch,  bei 
Erwägung  des  Unglücks  von  Magdeburg : 

So  hab  ich  ja  in  diesem  Fall, 

Gott,  deinem  Guberniren 

Zu  danken  viel,  dass  dazumal 

Mein  Kranz  ich  must  verlieren, 

Prinz  Heinrich  doch,  der  edle  Held, 

Noch  wie  ein  Christ  verfahren, 

Und,  ungeacht  mein  Gut  und  Geld, 

Mein  Schönheit  thet  bewahren. 

Damals  die  Gottesfurcht  so  weit 

Die  in  dem  Helden  wohnet, 

Vermehret  seine   Tapferkeit, 

Dass  er  Gewalts  verschonet, 

Dadurch  er  mir  mein  Herz  gewann, 

Meiner  Lieb  zu  gemessen, 

Das   thut    noch    manch    gottlosen  Mann, 

Manchen  Tyrann  verdriessen. 


47.  Um  Städte  werben.  ;;s] 

2.     Herzogen  pu  seh. 

^Nimmermehr  es  kan  geschehen, 

0  du  edles  Heldenherz, 
Dass  ich  solches  soll    verjehen, 

Ist  nur  eitel  Schimpf  und  Scherz, 
Viel  der  Werber  wolten  freien, 

Viel  der  "Werber  ist  verjagt, 
Die  der  Werbung  thet  gereuen, 

Zogen  ab  mit  schlechtem  Pracht. 

3.     Uranien. 

Lieber  solt  es  mich  gereuen, 

Lieber  solt  ich  sein  zu  schlecht, 
Deine  Jungfrauschaft  zu  freien, 

Bleiben  ein  unwürdiger  Knecht, 
Muss  ich  bass  dein  Schön   beschauen 

Und  du  meinen  Heldenmut, 
So  wird  dir  an  mir  nicht  grauen, 

Wirst  mich  deiner  achten   gut. 

4.     He  rz  ogenpusc  h. 

Edler  Held  so  hoch  geboren, 

Deinen  Mut  veracht  ich   nicht, 
Aber  weil  du  bist  erkoren 

Aller  Staaden  Zuversicht, 
Kanstu  meiner  nicht  geniessen, 

Lieb  allein  der  Staaden  Art. 
Ob  es  dich  schon  thut  verdriessen, 

Bleibt  mein  Jungfrauschaft  bewart.  | 

5.     U  ra  n  ien.  234 

So  will  ich  so  lieblich  tanzen 

Vor  den  [?der]  schönen  Liebsten  Thür, 
Dass  du  solt  alsbald  die  Schanzen 

Deiner  Treu  ergeben  mir. 
Mit  Trometen  und  Schallmaien 

Will  ich  dir  bohren  auf, 
Dass  es  soll  dein  Herz  erfreuen, 

Zu  beschliessen  diesen  Lauf. 

6.     Herzogenpusch. 

Teurer  Heide,  kein  Hofiren 

Meine  Zucht  verdienen  kan, 
Denn  ich  acht  ganz  kein  Pravieren, 

Zu  vertrauen  mich  einem  Mann. 


382  ^ur  Volksdichtung. 

Hab  dir  deinen  Tanz  und  Flöten, 
Hab  dir  dein  Gesang  und  Lust, 

Lieber  wolt  ich  mich  lahn  tödten, 
Als  dass  mein  Ehr  werd  verwüst. 

7.     Uranien. 

Dein  Ehr  wird  dir  nicht  genomben, 

Noch  dein  züchtig  Herz  beraubt, 
Wann  du  mich   zum  Mann    bekomben, 

Zum  Regenten  und  Oberhaupt, 
Das  dich  mächtig  wird  erheben 

Ueber  Wasser,  Land  und  Leut, 
Wie  ein  Göttin  machen  leben, 

Jetzund  und  in  Ewigkeit. 


*o ' 


8.     Herz  o  g  en  p  usch. 

Ja  ich  hör  rühmen  die  Thaten 

Von  den  teuren  Rittern  dein, 
Wie  ihnen  das  Glück  gerathen, 

Besonders  des  Petri   Hayn: 
Hab  die  Flott  und  Schiff  gewonnen, 

Auch  das  Indianische  Geld: 
Aber  ich  bin  nicht  gesonnen, 

Ein  zu  freien  in  der  Welt. 

9.     Uranien. 

Petro  Hayn  dem  ists  gelungen, 

Hat  erlangt  unsterbliche  Ehr. 
Wann  du  wirst  von  mir  bezwungen, 

Hab  ich  noch  viel  Ruhmes  mehr. 
Eine  Jungfrau  zu  erwerben 

Lass   ich    kosten   Blut    und  Schweissr 
Dama,   lieber  wolt  ich  sterben, 

Als  verlieren  diesen  Preis. 

10.     Herzogen  p  usch. 
Teurer   Held,    mein    Herz    thust   nagen, 

Weil    es   hört    die    Werbung    dein, 
Aber  was  wird  darzu  sagen 

Der  grossmächtigste  Vater  mein, 
König  Phillipua  in  Spanien, 

Wann  ich  wider  seinen  Will 
Dir,  dem  Prinzen  von  Uranien, 

Mich  soll  treuen  in  der  Still? 


47.  Um  Städte  werben.  383- 

11.     Uranien. 

Freulein,  lass  dich  das  nicht  irren, 

Es  muss  dieser  Vater  doch 
Endlich  darein   consentiren, 

Ihm,  nicht  dir  ein  verdriesslich  Sach. 
Nimber  will  ich  dich  verlassen, 

Ximber  soll  dir  mangeln  Schutz, 
Sicher  sein  zu   allen  Strassen, 

Dem  Missgönner  bieten  Trotz. 

12.     Herzogenpusch. 

Werther  Herr,  es  ist  vergebens, 

Lasset  fahren  eure  Bitt! 
Ich  verzeih  mich  meines  Lebens, 

Ehe  ich  lerne  Stadische  Sitt, 
Ehe  mich  soll  Armeni  lehren, 

Einem  Mann  gehorsam  sein. 
Mein  Gespielen  mir  es  wehren, 

Besser  ists,  ich  schlaf  allein. 

13.     Uranien. 

Dein  Gespielen,  die  es  wehren, 

Der  Gespielen  müssen  all 
Zu  Uranien  wieder  kehren, 

Hohe  Berg  und  tiefer  Thal 
Solln  dir  dann   zu  Dienst  aufwarten, 

Deine  Knecht  und  Diener  sein, 
Auch  mit  Helm  und  Hellebarten 

Schützen  beide  Seiten  dein. 

14.     Herzogenpusch. 

Held,  du  rühmest  dein  männlich  Leben, 

Wie  du  zwingest  Berg  und  Thal, 
Aber  soll  ich  mich  ergeben, 

Mustu  komben  noch  einmal. 
Ich  der  Vesta  hab  geschworen, 

Vesta  meine  Zucht   bewahrt, 
Die  ich  meinet  hab  verloren, 

Wird  noch  bestehen  fest  und  hart.   [ 

15.  Uranien.  235 

Vesta  kann  dich  nicht  erretten, 

Ja  du  must  mir  werden  hold, 
Must  in  Frauenorden  trotten, 

Ob  du  dich  schon  wegern  solt. 


3,^4  Zur  Volksdichtung. 

So  will  ich  doch  all  mein  Tag 

Dich  zu  lieben  nicht  lassen  ab, 
Bis  du  komhst  zu  meinem  Haag, 

Dass  ich  Freude  an  dir  hab. 

[Diese  Dichtung  ist  einem  niederländischen  Originale 
nachgebildet,  welches  in  dem  'Nieuw  Geuzenliedboek3  ed. 
H.  J.  van  Lümmel  1871,  S.  50(i  nr.  203  nach  einem  Drucke 
von  1G45  wiederholt  ist:  'Van  de  Bossche  maegt,  daer  so 
menigen  minnaer  naer  heeft  ghejaegt;  op  de  wijze:  Albertus 
goedertierich  hebt".  Der  Übersetzer  hat  die  16.  Strophe 
fortgelassen  und  das  Metrum  abgeändert;  im  Niederländischen 
haben  nämlich  die  vier  letzten  Zeilen  iambischen  Gang  und 
andere  Reimstellung,  z.  B. 

12,r>     Ick  denck,  dat  mijn  ghespeelen, 
Met  my  sullen  krackeelen, 
Dat  ick  een  maegt,         seer  out  bedaegt, 
Mijn  eer  heb  laten  steelen. 

14,5    AI  ben  ich  nu  beladen, 

Het  is  noch  niet  te  spaden. 
Hiermee  adieu;         een  jaer  of  twec 
Moet  ick  my  noch  beraden. 

Im  Deutschen  dagegen  gleicht  die  zweite  Hälfte  der 
Strophe  völlig  den  Trochäen  der  ersten  Hälfte  mit  der  Reim- 
Stellung  abab.  Die  aus  Strophe  14  angeführte  Stelle  zeigt 
uns  auch,  dass  die  antike  Göttin  Vesta  eine  Zuthat. des  Über- 
setzers ist,  der  auch  in  Str.  5  die  hübsche  Anspielung  auf 
den  Beginn  der  Belagerung  (am   1.  Mai  1629)  verwässert  hat : 

Ick  moet  eerst  den  Mey  eens  planten, 
Lustig  voor  mijn  soetliefs  deur, 
Speien  fray  van  allen  kanten 
Sonder  snaren  met  soeten  geur. 

Es  entsteht  nun  die  Frage,  ob  nicht  auch  das  Gespräch- 
lied zwischen  Magdeburg  und  Friedland,  das  in  dem  Drucke 
von  1631  geradezu  als  eine  Entlehnung  aus  dem  Nieder- 
ländischen bezeichnet  wird,  durch  das  Lied  auf  Herzogenbusch 
und    den    Prinzen    von    Oranien    angeregt    worden    ist.     Die 


47.  Um  Städte  werben.  ;;S,'> 

historischen  Verhältnisse  widersprechen  einer  solchen  Annahme 
keineswegs.  Wie  Neubauer  (Geschichtsbl.  1889,  128)  darlegt, 
spiegelt  das  Magdeburger  Gedicht  die  Situation  im  August 
1629  wieder:  da  jedoch  in  A  und  B  der  lö.  oder  18.  Sept. 
1629  genannt  wird,  wäre  dies  der  früheste  Zeitpunkt  der 
Abfassung.  Damals  aber  konnte  das  niederländische  Gedicht 
auf  Herzogenbusch  schon  ganz  gut  in  Deutschland  bekannt 
.sein,  da  es  noch  gar  nicht  die  am  17.  Sept.  erfolgte  Er- 
oberung der  Stadt  voraussetzt;  auch  die  l(i.  Strophe  des 
Geuzenliedboeks,  die  im  deutscheu  Texte  fehlt,  spricht  nur 
die  Hoffnung  auf  baldigen  Sieg  aus. 


Ein  weiteres  Argument  für  den  niederländischen  Ursprung 
dieses  ältesten  deutschen  Dialoges  zwischen  dem  werbenden 
Belagerer  und  der  jungfräulichen  Stadt  bietet  eine  andere 
Nummer  des  Geuzenliedboeks:  'Van  de  Bosse  maeght,  hoe 
sy  aen  den  coninck  van  Spaengien  klaegt,  op  de  wyse: 
Maximilianus  de  Bossiv"  (nr.  200).  Dies  in  IG  siebenzeiligen 
Strophen  verlaufende  Gespräch  der  belagerten  Stadt  Herzogen- 
busch mit  dem  Könige  von  Spanien  stellt  zwar  keine  AVerbungs- 
bder  Buhlschaftsscene  dar,  beruht  aber  durchaus  auf  denselben 
Anschauungen  wie  das  erwähnte,  wohl  etwas  spätere  Lied 
von  'Maegt'  und  'Minnaer'  und  gehört  wahrscheinlich  demselben 
Dichter  zu.  Die  'Maeght"  ruft  jammernd  den  König  Philipp 
zu  Hilfe  gegen  einen  Liebhaber,  der  sie  zu  vergewaltigen 
trachte,  indes  der  König  sie  zur  Standhaftigkeit  mahnt  und 
seine  Heerführer  zu  senden  verheisst.  Zwei  Strophen  der 
'Maeght5  hebe  ich  hervor: 


Jn 


3.  't  Is  waer,  den  graef  von  Holocli  [Hohenlo  15S4]  kloeck 
Quam  eens  tot  my  wat  praten, 

Graef  Maurits  deed  ooek  eens  [1601  und  1603]  versoeck, 
Hy  most  my  maget  taten. 
Maer  im  komt  Prins  Hendrick  vaillant, 
Die  heeft  my  hier  den  Mey  geplant  |oben  S.  3S4] 
Weinig  tot  mynder  baten. 

9.  Ick  ben  een  maeght  seer  out  bedaecht, 
Maer  weet  van  geen  at'wycken; 
Die  't  my  soo  dickwyls  heeft  gevraegt, 
Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  25 


38(i  Zur  Volksdichtung. 

Die  komt  inv  du  bekycken. 
Il\    nacht  en  dag,  ja  t'  aller  uur 
Soo  komt   liv   Bpelon  voor  myn  deur; 
Ick  Bag  ooyt  sijns  gelycken.1) 

Zum  Schlüsse  treten  die  Liebhaber  auf;  das  zweite  Auf- 
gebot ist  schon  erfolgt,  die  Hochzeit  wird  bald  gefeiert 
werden.  —  Auch  in  andern  niederländischen  Gedichten  des 
Jahres  1629  wird,  wie  Herr  Dr.  W.  P.  C.  Knüttel  im  Haag 
dem  Herausgeber  schreibt,  Herzog  Friedrich  Heinrich  als 
Bräutigam  und  Herzogenbusch  als  seine  Braut  bezeichnet. 
Dass  diese  Vorstellung  aber  längst  in  den  Niederlanden  gang 
und  gäbe  war.  ersieht  man  aus  einer  Stelle  des  Historikers. 
Pieter  Bor,  auf  die  Herr  Dr.  J.  A.  Worp  in  Groningen 
freundlichst  aufmerksam  machte.  Im  'Nederlandse  Oorlogen5  3, 
574  erzählt  Bor,  dass  1591  die  spanische  Garnison  von 
Nymegen  dem  sie  zur  Kapitulation  auffordernden  Prinzen 
-Moritz  von  Oranien  zur  Antwort  gab,  'Prinz  Maurits  was 
nog  een  jong  vrijer.  en  Nymegen  een  vrijster,  die  hij  zoo 
ligt  niet  zou  aanraken,  of  hij  behoorde  meer  moeite  en 
arbeid  te  doen.'  Ahnlich  erwiderte  am  29.  Mai  1594  Wolpherfc 
Prengher.  der  die  Spanier  in  der  Schanze  von  Groningen 
befehligte,  auf  die  Androhung  des  Sturmes,  chy  wildet  wagen 
als  een  meysgien  van  vijfthien  jarenJ  (Bor,  Bd.  4,  Buch  31, 
Bl.  25  a  1  ed.  1630).  Und  in  Piccardts  Chronyck  der 
Landtschop  Drendt  (1660)  heisst  es  nach  Dr.  Knüttels  Angabe 
von  den  Jahren  1580  —94:  'Drenthia  en  was  de  Bruydt  niet, 
om  welcke  man  danste,  maer  Frisia,  Gruninga,  Omlandia. 
Drenthia  evenwel  moeste  den  aenstoot  van  al  dese  Vrijers 
uytstaen  en  lijden  somtijdts  van  haere  eygene  SustersJ.2) 

Über  das  Gespräch  zwischen  Tilly  und  Magdeburg  v.  «L 
L632  vgl.  unten,  S.  399 f. 



')  Ferner  vgl.  Str.  11,  3:  'En  helpt  my  doch  in  desen  staet,  Of 'k 
moet  myn  maegdom  laten\  Str.  13,  6:  cMyn  raaechdom  sal  in 
prijckel  staen'. 

-)  Ebenso  erzählt  z.  H.  Wendelin  Schildknecht  (Harmonia  in  forta- 
litiis  construendis  1652  3.  Teil,  S.  3),  dass  Spinpia  1622  von  der  belagerteu 
Stadt  Berg  op   Zoom  'den  Korb  bekam'. 


47.  Um  Städte   werben.  .'IS? 

An  vierter  Stelle  reihen  wir  ein  gereimtes  Gespräch  über 
die  TJapitulatio  StetinT  am  14.  Dezember  1677  ein, 
dessen  15  Strophen  Dach  der  Melodie  des  Liebesliedes: 
'Amarillis  sage  mir,  warum  willst  du  dich  nicht  geben' 
gedichtet  sind.  Ditfurth  hat  es  nach  einer  1829  von  Dr.  Grossheim 
in  Kassel  erhaltenen  Abschrift  in  seinen  100  historischen 
Volksliedern  drs  Preussischen  Heeres  1869,  S.  2  und  in  den 
Histor.  Volksliedern  von  1648  bis  1756  (1877)  S.  53  drucken 
lassen.  Die  Jungfrau  Stettin  weist  des  Grossen  Kurfürsten 
Werbung  ab,  weil  sie  dem  Schvvedenkünige  Carolus  Treue 
halten  wolle.  Aber  sie  muss  hören,  dass  dieser  seit  der 
Niederlage  bei  Fehrbellin  sich  nicht  zu  Felde  wagen  könne: 

1 2.  Drum  stell  dein  Besinnen  ein, 
Komm  in   meine  Liebesarme! 
Heute  giebts  noch  Hochzeitsreihn, 
Morgen  findst  du  kein  Erbarmen. 

Stettin. 

13.  Wie!  Ist  Carolus  ungetreu, 

Hat  mich  also  schwach  verlassen? 
Da  bin  ich  auch  von  ihm  frei, 
Und  darf  gehen  meiner  Strassen. 


&v 


14.  Weil  denn  falsch  nun  ist  sein  Sinn, 
Will  ich  von  ihm  ab  mich  kehren, 
Euch  als  Schatz  mich  geben  hin 
Und  hinfiiro   angehören. 

Unter  den  durch  die  Übergabe  Strassburgs  au  Frankreich 
(1681)  veranlassten  Dichtungen  befindet  sich  auch  ein  ziemlich 
unbedeutender  Dialog  zwischen  Montclas  und  Strassburg, 
14  Str.  im  Ton  wie  man  den  Coridon  singt  (zwei  Flugblätter 
in  Berlin  Ye  7921  und  7922:  danach  Ditfurth,  Histor.  Volks- 
lieder von   1648  bis  1756,  S.  76).   Montclas  beginnt: 

Nun  will  ich  in  dir  leben, 
Strassburg,  du  schöne  Stadt, 
Weil  du  dich  übergeben, 
Wie  mirs  befohlen  hat, 
Mein  König  gross  von  Macht: 
I cli  soll  dich  thun  angreifen 
Inmitten  in  der   Nacht. 

25* 


388  /au'  Volksdichtung. 

Die  Jungfrau  Stra  s  sb  u  rg  fügt  sich  mit  einigem  Bedauern 
in  ihr  Los  und  ergeht  sich  in  Lahmen  und  matten  Betrachtungen 
über  das  Geschehene: 

4.  Ach  ja,  ich  nmss  bekennen, 
Mein  Kränzlein   ist  dahin; 
Man  wird  mich  fort  nicht  nennen 
Ein  zarte  Jungfrau  rein. 
Mein  lieber  Herr  Montclas, 
Du  hast  zur  Beut  gewunnen 
Die  Jungfrau  von  Elsas.  — 

12.  Was  wird  der  Kaiser  sagen, 
Dass  ich  so  gschwinder  Eil 
Ohn  einigs  Adieusagen 
Gefallen  von  dem  Seil  !  —  — 

Montclas. 

13.  Den  Kaiser  lass  nun  sitzen, 
Er  hat  dich  nit  beschützt.]' 

Drittens  [vielmehr  sechstens]  ist  ein  Lied  auf  die  Be- 
lagerung der  Stadt  Lille  durch  den  Prinzen  Eugen 
(1708)  anzuführen,  welches  in  drei  verschiedenen  Redaktionen 
vorliegt,  von  12,  13  und  18  Strophen.  In  der  zwölfstrophigen 
Redaktion,  die  in  des  Knaben  Wunderhorn,  erste  Ausgabe  2, 
100  [=  2,  597  ed.  Birlinger  und  Crecelius],  mit  der  Quellen- 
angabe 'mündlich3  mitgeteilt  ist,  sprechen  der  Prinz  und  die 
Stadt  je  eine  Strophe.  In  der  achtzehnstrophigen  in  der 
neuen  Erkschen  Ausgabe  des  Wunderhorns  2,  97,  mit  der 
Quellenangabe  'Fliegendes  Blatt.  A.  v.  Arnims  Sammlung', 
sind  nach  der  5ten,  8ten  und  lOten  Strophe  der  zwölfstrophigen 
Redaktion  je  zwei  Strophen  eingeschoben,  und  der  Prinz  um 
die  Stadt  sprechen  die  Strophen  1 — 14  abwechselnd,  dann 
spricht  der  Prinz  die  drei  Strophen  15 — 17  hintereinander, 
und  Lille  schliesst  mit  Strophe  18  (=  Strophe  12  der  zwölf- 
strophigen Redaktion).  Die  dreizehnstrophige  Redaktion  ist 
mitgeteilt  von  J.  P.  Kaltenbäck  in  seiner  Austria  1846.  S.  (!4. 
leider  ohne  Quellenangabe,  und  danach  in  der  von  I, 
M.  Wagner  besorgten  Sammlung  'Prinz  Eugenius  der  edle 
Ritter   in  den  Kriegs-   und    Siegesliedern    seiner  Zeit.     Eine 


47.   Um  Städte  werben.  389 

Festgabe  zur  feierlichen  Enthüllung  des  Prinz-Eugen-Monu- 
mentes von  Franz  Haydinger.  Wien,  1865.  (Selbstverlag 
des  Herausgebers)'  S.  10.  Sie  möge,  da  sowohl  Kaltenbäcks 
Austria  als  vollends  die  'in  150  Exemplaren  als  Geschenk 
für  Freunde  gedruckte5  Haydinger- Wagnersche  Sammlung 
wenigen  zur  Hand  sein  werden,  auch  hier  wieder  abgedruckt 
werden.  Sie  verhält  sich  zur  achtzehnstrophigen  Redaktion 
folgenderweise:  Strophe  1 — 6  =  Erk  1 — 6,  7  =  Erk  13, 
8—10  =  Erk  8—10,  11—13  =  Erk  16—18,  natürlich  die 
einzelnen  Strophen  beider  Redaktionen  in  Einzelheiten  des 
Textes  vielfach  voneinander  abweichend.  [Ditfurth,  Die 
histor.  Volkslieder  1648—17.36  (1877)  S.  247.  Erk-Böhme, 
Liederhort  2,  132,  nr.  323.] 

Euge  n.  236 

1.  Lüge,  du  allersehönste  Stadt, 
Du  bist  so  schön  und  glatt, 
Schaue  meine  Liebesflammen, 
Ich  liebe  dich  vor  allen  Damen, 
Mein  herzallerliebster  Schatz, 

Lüge. 

2.  Mein  Herr  Prinz,  was  saget  ihr, 
"Wer  seid  ihr,  was  macht  ihr  hier? 
Was  bedeuten  die  Soldaten, 
Eure  tapfern  Kameraden? 
Lieber,  das  erzählet  mir! 

Eug  en. 

3.  Ich  bin   der  östreichsche  Held, 
Bin  bekannt  in  aller  Welt, 
Prinz  Eugenius  genannt, 
Bin  zu  dir  in  Lieb  entbrannt, 
Mein  herzallerliebster  Schatz! 

Lüg  e. 

4.  Lieber  Herr,  nun  packet  euch, 
Ich  gehör  nicht  deutschem  Reich, 
Denn  ich  habe  zum  Galanten 
Einen  hohen  Karrassanten,1) 
Ludewig  aus  Frankereich. 


*)  Wunderhorn :  Zum  Gemahl   und  Caressanten. 


390  Zur  Volksdichtung. 

K  u  gen. 

5.  Liebste,  nicht  so  stolz  und  frech, 
"Weist  mich  nicht  von  euch  hinweg, 
Banget  hier  vor  meinen  Waffen, 
Will  in  deinem  Bette  schlaffen, 
Du  magst  sagen,  was  du  willst.1) 

Lüge. 

6.  Lieber  Herr,  nicht  dergestalt 
Wollt  ihr  handeln  mit  Gewalt, 
Ludewig  bin  ich  vermählet, 

Den  ich  mir   zum  Schatz  erwählet, 
Dem  ich  treu  bis  in  das  Grab. 

Eugen. 

7.  Sa,  Konstabier,  immer  dran, 
Feuere,  wer  da  feuren  kann, 
Blitz  und  Donner,  Erz  und  Flamme, 
Spielet  auf  die  lilg'sche  Dame, 
Auf  das  wetterwendsche  Weib  ! 

Lil  ge. 

8.  Thut,  was  ihr  nicht  wollt. 
Ob  ihr  nichts  gewinnen  sollt. 
Habe  Werk  und  Bastionen, 
Habe  schöne  Halbemonden, 
Und  ich  mag  verspotten  euch. 

Eugen. 

9.  Schweige,  Schwätzerin,  nur  still, 
Höre,  was  ich  sagen  will: 
Machte  ich  im  Ungarlande 
Alle  Türken  nicht  zu  Schande 
Und  noch  hundert  tausend  mehr? 

Lüge. 

10.  Lieber  Herr,  das  glaub'  ich  wohl, 
Damals  wäret  ihr  so  toll, 
Aber  mit  den  Türkenwaffen 
Habet  ihr  jetzt  nichts  zu  schaffen, 
Sondern  mit  Franzosenblut. 


')  Der  Anfang    dieser    Strophe    ist    aus  Strophe    11     bei    Erk,    das 
übrige  aus  Strophe  5. 


47.   um  Städte  werben.  39] 

Eugen. 

11.  Lüge,  allerschönstes  Kind, 
Warum  bist  du  denn  so  blind, 

Dass    du    mich     nicht     liier    willst  nehmen? 
Tbuest  wohl  dich  meiner  schämen, 
Oder  sag,  was  fehlet  dir? 

12.  Du  mein  allerschönstes  Lamm, 
Ich  weiss  dir  'neu   Bräutigam, 
Karl  heisst  er,    ein  Weltbekannter, 
Ich  bin  hloss  sein  Abgesandter, 
Bin  des  Kaisers  Mareschall. l)  | 

Lüge.  2Bri 

13.  Nun  wohlan!  so  lass  es  sein, 
Karl  sei  nun  der  Liebste  mein, 
Denn  der  Ludwig  ist  veraltet, 
Ist  im  L[i]eben  ganz  erkaltet: 
Karl,  so  heisst  mein  junger  Held. 

Man  bemerke,  dass  in  diesem  Lied  Lille,  wie  in  der 
spanischen  Romanze  Granada,  bereits  einen  Gemahl  hat,  den 
sie  zuletzt  als  alt  und  kalt  anfgiebt.  Eigentümlich  ist  es, 
dass  Prinz  Engen  sich  zuerst  als  Liebhaber  ansgiebt,  später 
aber  mir  als  Brautwerber  seines  Kaisers  auftritt. 

AVie  beliebt  dies  Lied  seiner  Zeit  gewesen  sein  muss, 
geht  auch  daraus  hervor,  dass  es  -  und  zwar  die  achtzehn- 
strophige  Redaktion  einige  Jahre   später   (1717)    auf  die 

Eroberung  von  Belgrad  durch  denselben  Ritter  Engen  um- 
gedichtet worden  ist.2)  Diese  Umdichtnng  hat  L.  Bechstein 
aus  einem  alten  handschriftlichen  Liederbüchlein  in  seinem 
Deutschen  Museum  für  Geschichte,  Litteratur,  Kunst  und 
|  Altertumsforschung  1  (Jena  1842),  '201  ff.  bekannt  gemacht, 
und  daraus  ist  sie  auch  von  L.  Erk  in  den  vierten  Band  des 
Wunderhorns  S.  243  ff.  und  von  J.  M.  Wagner  in  seine  eben 
erwähnte  Sammlung  8.  26  ff.  aufgenommen  worden.    Natürlich 


')  Wunderhoin:    Und  des  Kaisers  General. 

2)  [Auch  in  einem  Liede  auf  die  Schlacht  bei  Malplaquet  1709 
(Ditfurth,  110  Volkslieder  1875,  S.  G2)  heisst  es:  'Eugenius  geht  itzt  nach 
Mons,  So  ihn  erwählet  zum  GesponsV] 


392  Zur  Volksdichtung. 

ist  in  dieser  Umdichtung  der  Sultau  ('Soldan')  der  Gemahl 
Belgrads.  [Ditfurth,  Histor.  Volksl.  von  1648  bis  1756, 
S.  275.] 

[In  einem  Alexandrinerdialoge  auf  die  Belagerung 
Danzigs  durch  die  vereinigten  Kursachsen  und  Russen  (1734). 
den  R.  F.  Arnold  in  der  Zeitschrift  des  Westpreuss.  Geschichts- 
vereins 39,  139  nach  einer  Berliner  Handschrift  herausgegeben 
hat,  erscheint  der  Befehlshaber  der  Belagerer  Graf  Münnich 
als 'Monachus5,  von  Mercurius  angemeldet,  vor  Madam  Megunda 
(=  Gedauum)  und  freit  um  ihre  Gunst.  Megundas  Tapa', 
d.  h.  wohl  die  polnische  Nation,  rät  der  Zögernden,  den  An- 
trag anzunehmen.  Die  Belagerung  selber  wird  unter  dem 
Bilde  eines  Kartenspieles,  in  dem  Megunda  verliert,  dargestellt. 
Als  Probe  mögen  die  Verse  26 — 42  hier  stehen: 

Monachu  s. 

Glück  zu,  Madam!  Wie  gehts?  Wie?   Wolt  ihr  mich  nicht  lieben? 
Soll  euer  Wiedersinn  noch  lenger  mich  betrüben? 
Bedencket,  wer  ich  bin,  und  wer  da  mein  Patron ! 
Ich  bin  der  München  Ehr,  der  grossen  Czarin  Sohn. 

Megunda. 

Das  Compliment  ist  gut,  die  Gnadenthür  steht  offen. 
Wass  aber  habt  ihr  woll  bey  meiner  Gunst  zu  hoffen? 
Wass  meinen  Kindern  ist  bissher  von  euch  geschehn, 
Das  werdt  ihr  auch  gar  offt  von  mir  erfüllet  sehn. 

Papa. 
Nicht  so,  mein  Kindt,  nicht  so  !  Du  must  dein  Hertze  lencken 
Zu  diesen  Cavalier.    Er  kan  viel  Gaben  schencken  —  — 

Megunda. 

Das  glaub  ich  woll,  Papa;  doch  geht  es  mir  zu  Hertzen, 
Dass  ich  desswegen  soll  die  Freyheit  so  verschertzen. 

Ferner  führt  J.  M.  AYaguer  in  seinem  Archiv  1,  160  (1874) 
an:  cDer  verlohrne  Cranz  der  gewesenen  Jungfer  Berg  op 
Zoom.  Ein  Lust-Spiel  Nebst  einem  Nachspiel.  Darinnen 
in  dem  ersten  die  Belagerung  dieser  Stadt,  in  dem  andern 
aber  Ihre  unvermuthete  Übergabe  vorgestellet  wird.  1747.* 
78  S.  8°. 


47.  um  Städte  werben.  39;; 

Die    Einnahme    Belgrads    durch    den    österreichischen 

General    Laudon    am    9.   Oktober    1789    schildert    ein    acht- 

Strophiges  Gesprächlied  im  Tone  'Prinz  Engen  der  edle  Ritter' 

(Ditfurth,    Histor.   Volkslieder    von    1763    bis     1812    (1872) 

S.  63  =  W.  v.  Janko.    Laudon  1881,   S.  53).     Laudon  freit 

für    seinen    Kaiser    Joseph    um    die    Stadt,    die    schliesslich 

einwilligt: 

Nun  so  will  ich  es  dann  wagen, 
Gleich  dem  Soldan  Abschied  sagen 
Und  zu  euch  hinübergehn; 
Nehm  Josephus  zum  Galanten, 
Zum  Gespons  und  Caressanten: 
Also  kann  die  Sach  bestehn.) 

Während  die  bisher  mitgeteilten  Lieder  Dialoge  zwischen 
der  Stadt  und  ihrem  Belagerer  sind,  wenden  wir  uns1)  jetzt 
zu  einem  Lied  auf  die  Belagerung  Breisachs  durch 
Herzog  Bernhard  den  Grossen  von  Weimar  (1638),  welches 
kein  blosses  Zwiegespräch,  sondern  zugleich  erzählender 
Form  ist.  Ich  gebe  das  Lied  nach  einer  offenbar  gleichzeitigen 
Handschrift  der  Kgl.  Berliner  Bibliothek  [Ms.  germ.  oct.  240; 
steht  auch  im  Ms.  germ.  qu.  749,  Bl.  17  b].  früher  in  K.  Heyses 
Besitz  (s.  Bücherschatz  der  deutschen  National-Litteratur  des 
XVI.  n.  XVII.  Jahrhunderts  S.  160),  von  welcher  Herr 
Bibliothekar  Dr.  Julius  Sehrader  mir  mit  bekannter  Gefälligkeit 
eine  Abschrift  mitgeteilt  hat.  Nach  einer  andern,  wahrscheinlich 
jüngeren  und  bedeutend  abweichenden  Handschrift  hatte  schon 
Vulpius  in  seinen  Curiositäten  5,  493  ff.  das  Lied  mit  der 
handschriftlichen  Überschrift  'ßreisacher  Bulschaft,  als 
Herzog  Bernhard  vor  dieser  Festung  lag,  dieselbe  zu  bezwingen' 
abdrucken  lassen,  |  und  den  Curiositäten  entnahm  sie  v.  Soltau  238 
in  seine  Sammlung  nr.  81  [und  Ditfurth,  Die  histor.  Volks- 
lieder des  dreissigjähr.  Krieges  1882,  S.  281.  Erk-Böhme  2, 
122,  nr.  313.    Unten  S.  413].     Aber  das  Lied  ist  auch  schon 


')  [Vgl.  das  bei  Tobler,  Schweizer.  Volkslieder  1,  LV  citierte  Lied 
auf  das  1633  belagerte  Rheinfelden  und  Ditfurth,  Volkslieder  des 
dreissigjähr.  Krieges  1682,  S.  259:  'Gelt  AVa  lle  nst  ein.  du  hast  die 
Braut?'] 


394  Zur   Volksdichtung. 

im  17.  Jahrhundert  wiederholt  gedruckt  worden,  wie  Emil 
Weller  in  seinen  Annalen  der  Poetischen  National-Litteratur 
•der  Deutschen  im  XVI.  u.  XVII.  Jahrhundert  2,  423.  nr.  1238 
und  1243,  nachgewiesen  hat,  nämlich  in  den  Jahren  1646, 
1651,  1669,  1695  und  in  einem  ungenannten  Jahr.1)  Der 
Druck  von  1646  (Berlin  Ye  6906)  und  der  undatierte  (Ye  6911) 
sind,  wie  mir  Herr  Dr.  Seh  rader  mitteilt,  sehr  korrumpiert 
und  mangeln  der  Strophen  9  und  12;  die  drei  andern  Drucke 
(Ye  6916.  6921.  6926),  'Breysachische  BulschafftJ  betitelt,  sind 
fast  ganz  übereinstimmend  mit  der  Heyseschen  Handschrift. 
Nach  letzterer  lautet  aber  unser  Lied,  ohne  Überschrift 
beginnend,  also: 

1.  Ein  schöne  Dam  wohnt  in  dem  Land, 
Von  grossen  Qualiteten, 

Am  Reinstrom  ist  sie  wol  bekannt, 

In  hohen  Digniteten, 

Realisch  ist  sie  anzusehen, 

Viel  prawer  Helden  nach  ihr  stehen, 

JVlit  List  sie  zu  bereden. 

2.  Unlängst  ein  prawer  Cavalier 
Aus  fernem  Land  herreiset, 

Er  kam   vor  ihres  Stiefvaters2)  Thür, 
Sein  Reverenz  erweiset, 
Und  sprach  ihn  um  die  Tochter  an, 
Er  sei  von  gutem  Ritterstamm, 
Vor  Alters  hoch  gepreiset. 

3.  Der  Stiefvater  sprach:  'Die  Tochter  mein 
Will  ich  nit  verheurathen 

Und  weil  ihr  thut  ein  Fremder  sein, 


l)  [Ferner  in  zwei  Liederbüchern  des  17. — 18.  Jahrhunderts:  Tugend- 
haftster Jungfrauen  und  Jungengesellen  Zeitvertreiber  (um  1680.  Berlin 
Yd  5111)  nr.  31  und  Gantz  neuer  Hans  Guck  in  die  Welt  (um  1710. 
Berlin  Yd  5116)  nr.  5.]  —  Ein  Lied  auf  die  Belagerung  von  Philippsburg 
vom  Jahre  1679  cim  Thon  des  Bre  y  sa  c  h  er-Lie  ds:  Ein  schöne  Dam 
-wohnt  in  dem  Land',  welches  Weller  2,  530,  nr.  1025,  anführt,  hat, 
wir  mir  Herr  J.  M.  Wagner  in  Wien  schreibt,  mit  dem  Breisaeher 
Lied    nur    das  Metrum  gemein. 

*)  Yulpius    und  die  Drucke  haben  immer  'Vater'  statt  'Stiefvater'. 


47.  Um  Städte  werben.  395 

Zwar  Held  von  guten  Thaten. 
Behalt  ich  sie  in  meinem  Reich, 
Geht  ihr  hin  und  freit  eures  gleich, 
Ich  warne  euch  vor  Schaden.' 

4.  Der  Held  heiind  sich  offendiert, 
Es  thet  ihm  sehr  missfallen, 
Sein  Herz  war  doch  veramorirr. 
Ging  der  Dam  zu  gefallen, 

Und  kam  zu  ihr  selbst  in  Person 
Mit  höflicher  Diskretion, 
Trotz  ihren  Bulern  allen. 

5.  Er  sprach:  'Mein  allerschönste  Dam, 
I>r's  möglich  zu  erlangen 

Die  Gunst,  so  jemands  haben  kann, 
Der  mit  Lieb  ist  umfangen? 
Ich  bin  ein  junger  Rittersheld. 
Mein  Lust  und  Freud  hab  ich  im  Feld 
Mit  Feuer,  Rauch  und  Flammen'. 

6.  cSo  werft  ihr  euer  Liebesgunst 
Bloss  auf  mein  Schild  und  Waffen, 
Mein  Herze  durch  die  harte  Brunst 
Sonst  ihm  kein  Ruh  kann  schaffen, 
Von  euch  will  ich  nicht  ziehen  hin, 
So  wahr  ein  Cavalier  ich  bin, 
Allein  kann  ich  nichts  schaffen.'1)  | 

7.  Vor  ihm  das  schöne  Jungfräulein  239 
Thet  sich  ganz  höflich  schämen, 

Sie  sprach:  'Herr,  ohn  den  Yater  mein 
Darf  ich  kein  Mann  nicht  nehmen, 
Kein  Cavalier  veracht  ich  nicht, 
Wer  nur  erst  meinen  Vater  anspricht, 
Er  mögt  sich  um  mich  grämen.' 

8.  'Den  Stiefvater  hab  ich  längst  schon 
Persönlich  angesprochen, 

Er  gab  mir  Resolution, 

Die  nicht  bleibt  ungerochen. 

Wenn  meine  Lieb  nur  hndet  statt, 

Was  frag  ich  nach's  Stiefvaters  Rath, 

Ich  wollt  nur  seiner  lachen.' 


*)  Vulpius:   Ich   kann  allein  nicht  schlafen,    die  Drucke:  Allein 
kann  ich  nicht  schlafen. 


396  Zur  Volksdichtung. 

9.  'Seht  da  ein    frischen  Rautenkranz, 
Den   will   ich  eueh  aufsetzen, 
Mit  Freuden    führen  an   den  Tanz, 
In  Lieh  uns  zu  ergötzen. 
Viel  Gold  und  Silber  solt  ihr  hau, 
In  grosser  Ehr  und  Würden  stahn, 
Erfüllt  mit  vielen   Schätzen'. 

10.  Die  Dam  die  liess  ein  Seufzerlein, 
Wolt  sich   aecomodiren, 

Sie  sprach:  'Es  muss  gewaget  sein, 
Den  Held  zu   caresi  en.' 
Als  sie  wolt  reichen  ihm  die  Hand, 
Sieh  da  so  kommt  ganz  unbekannt 
Einer  und  will  sie  verfüren. 

11.  Er  traf  den   Breutgam  bei  ihr  an. 
Der  hat   sie  hart  umfangen, 

Die  Braut  wolt  er  nicht  von  ihm  lan, 
Blieb  stetig  an  ihr  hangen, 
Der  Buler  kamen  noch  viel  mehr, 
Der  Breutigam  stellt  sich  zur  Wehr, 
Und  wartet  mit  Verlangen. 

12.  Er  thets  den   Bulern  zum  Verdruss, 
Liess  seine  Pfeifen  krachen, 

Grab  der  Braut  manchen  Liebeskuss, 
Die  Spielleut  mussten  machen 
Ein  angenehmen  Liebestanz, 
Der  Bräutigam  ging  in  sein  Schanz, 
Liess  seine  Braut  bewachen. 

13.  Die  Buler  dringen  auf  ihn  dar, 
Sie  wolten  ihn  umbringen. 

Der  Bräutgarn  sprach:  'Seid  ihr  der  Haar 
Mit  euch  will  ich  umspringen'. 
Der  eine  trat  ihm  auf  den  Leib, 
'Ein  andermal  nimm  mehr  ein  Weib,' 
Die  Sach  wolt  schier  misslingen. 

14.  Der  Bräutgam  seinen  Dienern  rief, 
Die  kamen  dar  mit  Haufen, 

Ein  jeder  sein  Gewehr  ergriff, 

Die  Buler  mussten  entlaufen, 

Man  schlug  sie  nieder  ohne  alle  Gnad, 

Der  Bräutgam  segnet  ihn  das  Bad, 

Theils  mussten  gar  ersaufen. 


47.  Um  Städte  werben.  ;;;  17 

15.  Die  andern  gingen  traurig  fort, 
Die  Dam  sie  mussten  lassen, 

Der  Bräutgam  nah  ihr  gute  Wort, 
Thet  sie   wieder  umhfassen. 
Jetzt  wird  die  Hochzeit  bald  angehn, 
Die  Braut  die  schmücket    sich  gar  schön, 
Trutz  Stiefvaters   Neid   und   Hassen. 

Dichter. 

16.  Wer  will  des  Liedes  Dichter  sehen, 
Nit  weit  von  dieser  Damen 

Thu  er  auf  einen  Berg  nur  gehen 
Und  frag  nach  seinem  Namen, 
Vier  Pfeifen  stehn  vor  seinem  Haus, 
Den  Bulern  hat's  davor  gegrausst, 
Ist  Zeit  dass  sie  sich  stramen.  | 

Die  Leser  werden  bemerkt  haben,  dass  unser  Lied  mit  240 
dem  auf  die  Belagerung  der  Stadt  Herzogenbusch  insofern 
eine  besondere  Ähnlichkeit  hat,  als  in  beiden  der  Vater  oder 
Stiefvater  der  Stadt  vorkommt,  der  gegen  die  Bewerbung  um 
seine  Tochter  ist.  In  dem  Lied  auf  die  Stadt  Herzogenbusch 
ist  er  ausdrücklich  genannt:  es  ist  der  König  Philipp  von 
Spanien ;  im  Breisacher  Lied  ist  kein  Name  genannt,  natürlich 
aber  der  deutsche  Kaiser  gemeint.  Die  Buhler,  welche  die 
Verbindung  von  Braut  und  Bräutigam  in  unserm  Lied 
hindern  wollen,  sind  die  zum  Entsatz  heranrückenden  kaiser- 
lichen Heere,  welche  Bernhard  schlug,  worauf  Breisach  sich 
ihm  ergab. 

Wie  unser  Lied  die  'Breisacher  Buhlschaft'  betitelt  ist, 
so  giebt  es  auch  zwei  verschiedene  Lieder  auf  die  Belagerung 
von  Rapperschwyl  i.  J.  1656  unter  dem  Titel 'die  Bulschaft 
mit  RapperschwyT,  welche  Weller  in  seinen  Annalen  1,  182, 
nr.  977:  183,  nr.  981,  982,  984  und  2,  530  anführt,  ich  aber 
nicht  näher  kenne.  [Berlin  Ye  7731.  7736.  Abgedruckt  bei 
Ditfurth,  Volks-  u.  Gesellschaftslieder  1872,  S.  83  =  Die 
histor.  Volkslieder  von  1648  bis  1756  (1877)  S.  18  aus  dem 
Cgm.  4088,  Bl.  115a.  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  2, 
130  (1884):  'Ein  reine  Magd  ihr  Kranz  noch  tragt'  15  Str.: 
vgl.  ebd.  1,  LDL]    Derselbe  führt   1,  194,  nr.   1053   ein  Lied 


398  Zur  Volksdichtung. 

'Bulschaft.  Einnahm  und  Uebergab  der  Vestnng  Landau' 
(o.  J.  17.  Jahrb.)  an  und  1,  189,  nr.  1020  ein  Gedicht  vom 
Jahr  1 6 7 <  1  'Bulschaft  der  sich  representierenden  Eidtgnössi- 
schen  Dam,  welche  einer  hochlöblichen  Eidtgnoschaft  ihre 
Herzensgedanken  in  treuen  eröffnet,  mit  vermelden,  dass  sie 
Ihr  verlobte  tragende  Jungfrauschaft  gegen  allen  ihren  auss- 
ländischen  Buhlen  rein  behalten,  sich  in  Ehestand  nit  eiulassenT 
sonder  by  ihrem  bis  dahin  tragenden  Kranz  ihr  Leib,  Ehr, 
Gut  und  Blut  aufsetzen,  darbey  leben  und  sterben  wolle5, 
welches  Gedicht  nach  Weller  nur  in  Anreden  der  Dame  be- 
steht.   [Vgl.  Fränkel,  Zs.  f.  d.  Phil.  22,  336.] 

In  dem  Lied  cein  Gespräch  Gesang  zwischen  Ihr  KayserL 
Majestätt  vnd  der  Statt  FreyburgJ  (Freiburg,  1678),  auf- 
geführt von  Weller  2,  425,  nr.  1254  (Berlin  Ye  7866)  ist  nach 
gütiger  Mitteilung  des  Herrn  Dr.  Schrader  die  Stadt  Freiburg 
auch  als  Dame  personifiziert,  welche  von  dem  römischen 
Kaiser  und  vom  König  Ludwig  umworben  wird.  Nachdem 
sie  sich  dem  letzteren  ergeben,  wünscht  Breisach  ihr  Glück, 
Strassburg,  Philippsburg  u.  a.  tadeln  sie,  und  zuletzt  ermahnt 
das  römische  Reich  die  Städte,  sie  sollten  nur  einen  Mann 
nehmen,  mit  dem  sie  ihre  Sprache  reden  könnten. 

[Der  wackere  Baumburger  Chorherr  I.  A.  Poysel  ruft 
1681  der  französisch  gewordenen  Stadt  Strassburg  ent- 
rüstet zu: 

Eine  Jungfrau  wärest  du, 

Hast  ghabt  den  edlen  Namen. 

Pfui,  pfui,  jetzt  musst  dich  schämen; 

Scham  dich,  truck  d'  Augen  zu 

Und  ruf:  O  weh,  o  weh, 

Hab  d'  Jungfrauschaft  verloren. 

(Ditfurth,  Histor.  Volkslieder  von  1648—1756,  S.  74.  Vgl. 
ebd.  S.  67.  Bolte,  Jahrb.  f.  Gesch.  Elsass-Lothr.  6,  80. 
Pfeiffer,  Altenburger  Progr.  1889.  —  Ähnlich  Ditfurth  S.  64: 
'Warst  ein  unbefleckte  Magd;  Jetzt  zu  dir  man  H —  sagt.5)] 
In  einem  Triumphlied  auf  den  Kurfürsten  Maximilian 
241  Emanuel  von  Bayern,  welcher  1686  Ofen  eroberte,  bei  Körner, 
Historische  Volkslieder  S.  336  ff.,  lautet  die  7.  Strophe: 


47.   Um  Städte   werben.  .'l'l'.i 

Nun.  mein  Ofen,  rüste  dich, 
Must  ein   Braut  nun   altgeben, 
Gar  ein  junger   lütter  sich  ') 
Wird  dir  sehr  nach  thun  streben. 
Zu  der  Tafel  sei  bereit, 
Kr  wird  dir  eins  zubringen, 
Es   werden  bei  der  Mahlzeit 
Stuck  und  Chartaunen  singen. 

Während  die  Belagerungen,  auf  welche  wir  bisher  Ge- 
dichte mitgeteilt  haben,  entweder  wie  die  Magdeburgs  durch 
Wallenstein  damit  endeten,  dass  der  Belagerer  abzog,  der 
Brautwerber  also  einen  Korb  erhielt,  (»der  wie  die  anderen 
damit,  dass  die  Stadt  kapitulierte  und  sich  ergab,  die  spröde 
Schöne  also  doch  endlich  den  Antrag  des  Freiers  annahm, 
endete  bekanntlich  die  Belagerung  Magdeburgs  durch 
Tilly,  die  wir  hier  noch  zu  besprechen  haben,  mit  der  ge- 
waltsamen Erstürmung  und  Zerstörung  der  unglücklichen 
Stadt,  und  die  Belagerung  tritt  hier  vor  der  furchtbaren 
Zerstörung  ganz  in  den  Hintergrund.  In  den  zahlreichen 
zeitgenössischen  Dichtungen  auf  dieses  Ereignis,  in  welchem 
die  Stadt  als  Jungfrau  erscheint,  wird  daher  auch  viel  weniger 
der  Brautwerbung,  als  vielmehr  der  blutigen  Hochzeit  oder 
der  gewaltsamen  Schändung2)  oder  des  Raubes  des  Jungfern- 
kranzes gedacht.  Ob  in  dem  Lied 'Gespräch  zwischen  dem 
General  Tylli  vnd  der  Stadt  Magdeburg'  (1632),  welches 
Weller  Annalen  1,  163,  nr.  837  anführt.  Tilly  als  Bewerber 
um  die  Braut  Magdeburgs  auftritt,  weiss  ich  nicht:  aus  dem 
Titel  ist  dies  keineswegs  zu  schliessen,  denn  'Ein  Liedlein, 
darinne  Christen  Arnheim  und  die  Stadt  Stralsund  mit  ein- 
ander Gespräch  halten'  (Stettin  1629),    wieder  abgedruckt  in 


1)  'sich'  ist  wohl  nicht  das  Pronomen,  sondern  der  Imperativ  von 
'sehen',  und  es  wäre  dann  zu  interpungieren : 

Gar  ein  junger  Ritter,  sich! 

2)  Selbst  der  Titel  einer  prosaischen  Relation  der  Zerstörung 
Magdeburgs,  welchen  Gr.  Droysen  in  den  Forschungen  zur  deutschen 
Greschichte  3,  585  anführt,  spricht  von  der  'Schendung  oder  Verderbung 
der  alten  löblichen  Jungfrau  und  Stadt  von  deroselbigem  tyrannischen 
L  i  e  b  habe  r\ 


400  Zur  Volksdichtung. 

Hildebrands  Sammlung  irr.  50,  enthält  nichts  von  Braut- 
werbung. 

[Das  seither  bei  Ditfurth  (Volkslieder  des  30jährigen 
Krieges  1882,  S.  L52)  abgedruckte  Lied  stellt  in  50  Strophen, 
die  nach  der  Melodie  des  englischen  Singspiels  von  Roland 
(Bolte,  Singspiele  1893,  S.  8.  167)  gehen,  die  Werbung  Tillys 
recht  lebendig  dar;  Magdeburg  antwortet  auf  seine  zuerst 
förmlichen,  dann  dringenden  und  endlich  drohenden  Reden 
in  niederdeutscher  Mundart  spöttisch: 

Och,  min  Heere,  dit  Jahre 
Nehm  ick  noch  nenen  Mann; 
Ick  blieve  de  ick  wäre. 
Hier  segt  mi  nichts  mehr  van! 

Er  tauge  als  Mönch  nicht  zur  Ehe,  besser  schon,  wenn 
ja  gefreit  werden  solle,  der  Schwedenkönig.  Der  zweite  Teil 
(4'2  Str.)  schildert  in  gleicher  Form  die  Eroberung  der  Stadt. 
Der  siegreiche  Tilly  ruft: 

Wie  nun,  Madona?  Thust  geben 
Dich  in  mein  Lieb  und  Gunst? 
Wo  nicht,  kost  dirs  das  Leben, 
leb.  muss  leschen  mein  Brunst  .  .  . 
Geschwind  still  meinen  Willen. 
Od'r  du  must  sterben  bald! 

Magdeburg. 
Mit  Will'n  will  ick  en  nicht  stillen, 
Ick  tho't  nicht  dergestalt. 
Vell  lever  will  ick  sterven, 
Glick  wie  Lucretia  that, 
Und  in  der  Asch  verderven, 
Eh  ick  min  Kränzlin  lat. 

Nachdem  sie  vergeblich  an  den  Kaiser  appelliert  hat.  ruft 
sie  König  Gustav  und  den  Kurfürsten  von  Sachsen  zur  Rache 
auf,  prophezeit  dem  Schänder  übers  Jahr  die  Vernichtung 
durch  den  Löwen  aus  Mitternacht  und  schliesst  mit  dem 
weithin  tönenden  Aufrufe: 

Wack  up,  o  dütsches  Land! 
Din  Frieheit  defendere, 
Streck  daran  diene  Hut. 
Dat  men  nicht  körtlick  höre, 
Dat  dütsche  Riek  si  ut!] 


47.  Um  Städte  werben.  401 

Dagegen  j  findet  sich  Tilly  als  Freier  Magdeburgs  dar-  242 
gestellt  in  dem  wunderlichen  historisch- allegorischen  Schau- 
spiel von  J.  Micraelius,  welches  zugleich  mit  den  Ereignissen 
im  Norden,  in  Pommern  und  in  Mecklenburg,  die  Eroberung 
und  Zerstörung  Magdeburgs  durch  Tilly  und  Tillys  darauf- 
folgende Niederlage  durch  Gustav  Adolf  durchweg  unter 
mehr  oder  weniger  veränderten  Namen,  wie  Contilius  für 
Tilly,  Lastlevius  für  Wallenstein,  Agathander  für  Gustav  Adolf, 
Jolola  für  Lojola,  Parthenia  für  Magdeburg  u.  s.  w.  be- 
handelt, Der  Titel  des  Schauspiels  lautet:  CJ,  M.  Parthenia, 
Pomeridos  Continuatio:  Ein  New  Co  moedien  Spiel,  Darin  ab- 
gebildet wird  Die  blutige  Hochzeit  der  schönen  Parthenia. 
Vnd  drauff  folgende  Straffe  des  vngütigen  vermeinten  Bräuti- 
gams Contilij,  Nebeust  des  tapffern  Agathanders  Helden- 
thaten,  die  er  der  hochbedrengten  Nymphen  im  Alemannischen 
Lande  zu  gute  in  schneller  Eyl  verrichtet  hat.  Exhibieret 
im  Wintermond  des  anderen  Jahres  nach  der  befreyung 
Pomeris,  Vom  Philalethe  Parrhesiaste.  Gedruckt  im  Jahr  1632.D 
4°.  [Vgl.  Th.  Vetter.  Wallenstein  in  der  dramatischen  Dichtung 
1894.  S.  7.  Krickelberg,  Göttinger  Diss.  1897. j  Im  ersten 
Akt  verwundet  Eros,  der  Sohn  der  'Hedona,  der  Lustfraue3 
(fjdovrj),  auf  Anstiften  der  'Anomia,  der  Lasterfraue'.  mit 
seinem  vergifteten  Pfeile  den  Greis  Contilius,  so  dass  er  in 
Liebe  zur  Parthenia  entbrennt  und  seine  Glut  in  einem 
Monolog  schildert.  Er  bringt  der  Schönen  ein  'Ständichn' 
(Ständchen),  indem  er  ein  Lied  singt,  dessen  erste  Strophe 
hier  folgen  mag: 

Steh  endlich  auf,  du  stolze  Magd, 

Und  hör  deim   Baien  zu, 
Vernim,  wie  er  sein  Liebe  klagt 

Und  seine  neu  Unruh. 
Du  bist  allein     die  Liebste  Bein 

Für  andern  allen, 
An  der  er  hat     beid  früh   und  spat 

Sein  Wolgefallen. 

Steh  auf,  du  stolze  Maujd. 

Nach  gesungenem    Lied   erscheint   Falcomontius,    Parthe- 
niens  Vormund,  worunter  der  Verteidiger  Magdeburgs  Dietrich 

Köhler,   Kl.  Schriften.  III.  26 


402  Zur  Volksdichtung. 

von  Falkenberg  gemeint  ist,  und  weist  den  Liebhaber  ab,  der 
denn  auch  endlich  geht. 

Nun   hie  ist  meines  bleiben 8  nicht, 
Da  mirs  an  Macht  widr  sie  gebricht. 

Bliiit  Gott,  womit  begeust  man  mich? 
Rech'  ich  dis  nicht,  so  sterbe  ich.  I 

248  Im  'Argumentum'  des  ersten  Aktes  ist  das,  womit  Con- 

tilins  begossen  wird,  mit  genügendster  Deutlichkeit  bezeichnet: 

Abr  er  muss  sein  schabab.    Man  schütt  auf  ihn  heraus, 
Was  untr  dem  Bette  pflegt  zu  stehn  in  unserm  Haus. 

Im  dritten  Akt  Zwiegespräch  zwischen  Parthenia  und 
Contill,  der  von  ihr  höhnisch  abgewiesen  wird.  Durch  Ver- 
rat des  Lalemannus, l)  der  aber  nachher  seinen  Verrat  bereut, 
bricht  er  hierauf  in  Partheniens  Haus  und  erfüllt  an  ihr 
seinen  AVillen.    Parthenia  klagt: 

Ach  Contill,  heisst  denn  das  geliebt, 
Wenn  man  so  grossen  Muthwilln  übt. 
Hastu  ein  Lust  an  meinem  Tod, 
Gefeit  dirs  so,  dass  ich  leid  Not? 
Ist  das  ein  frölich  Hochzeitmal, 
Wenn  mans  verdirbet  überall  ? 
Du  speisest  lauter  Menschenblut 
Die  Feursbrunst  alls  verzehren  thut. 
Du  nimbst  mir  auch  meinn  Jungfraunkranz 
Und  führst  mich  an  ein  blutign  Tanz, 
Ach  alle  meine  Hausgenossen 
Wilstu  dem  Tod  in  Rachen  stossen   u.  s.  w. 
Der  Leib  ist  zwar  zuschandn  gemacht 
Und  in  die  grösst  Unehr  gebracht, 
Aber  der  Seelen  Jungfrauschaft 
Noch  unverletzt  im  Herzen  haft  u.  s.  w. 

Parthenia  stirbt,  wird  aber  von  Astraea  wieder  belebt 
und  von  Agathander  an  Contilius  gerächt.  —  Ein  fliegendes 
Blatt  aus  dem  Jahre  1631,  mit  einem  Kupfer,  worauf  Tilly 
und  die  Jungfrau  Magdeburg  sich  gegenüberstehen,  beschrieben 
und  wieder  abgedruckt  von  L.  Bechstein  in  seinem  Deutschen 
Museum  2,  257,  auch  auf  der  Grossh.  Bibliothek  zu  Weimar 


l)  D.  i.  des  Ratsherrn  Johann  Alemann,  der  gegen  das  Bündnis  der 
Stadt  mit  Gustav  Adolf  war  und  daher  bei  den  Freunden  des  letzteren 
als  Vorräter  galt;  s.  Hoffmann,  Geschichte  der  Stadt  Magdeburg  3,  141. 


47.  Um  Städte  werben.  403 

vorhanden,1)  hat  die  Überschrift:  'Klägliches  Beylager 
der  .Magdeburgischen  Dame,  so  sie  den  10.  Maij  dieses 
1631.  Jahrs  mit  ihrem  Blutdürstigen  Gemahl,  dem  Tilly  ge- 
halten.3 Das  Gedicht,  fast  ganz  der  Dame  in  den  Mund 
gelegt,  beginnt: 

Ach  Gott,  ach  höchster  Gott!    Jetzt  ist  der  Tag  aufgangen, 
Da  sich  das  Hochzeits-Mahl  hat  kläglich  angefangen  - 

und    hat  Stellen,   welche    den    eben   aus   der   Parthenia   mit-    244 

geteilten  sehr  ähnlich  sind: 

Die  Hochzeit-Speisen   sind  das  rothe  Menschen-Blut 
Und  ihr  verstorben    Fleisch;   wer  kan  sein   wolgemuth? 


Du  hast  dem  Leibe  nach  mich  zwar  gemacht  zu  Schanden, 
Doch  ist  die  Jungfrauschaft  der  Seelen  noch  vorhanden. 

Zwei  andere,  ebenfalls  hierhergehörige  fliegende  Blätter 
beschreibt  Bechstein  a.  a.  0.  S.  258  u.  259.  Das  'Magde- 
burgische Hochzeitlied1  welches  auf  einem  derselben 
steht,  hat  er  in  der  ersten  Auflage  seines  'Deutschen  Diehter- 
biichi's.  Leipzig  1844,  S.  133  ff",  abdrucken  lassen.  Das 
Gedicht  hat  22  Strophen,  deren  jede  ihren  Sprecher  als  Über- 
schrift trägt.  Die  Soldaten  sprechen  die  erste  Strophe  und 
erklären,  sie  hätten  ein  Mägdlein  fein  erworben  und  wollten 
es  mit  einem  Bräutigam  gut  versorgen.  Die  Kurfürsten  sind 
bereit,  zwischen  ihr  und  Graf  Tilly,  der  zu  ihr  Lust  und 
Willen  hat.   Hochzeit  zu    machen.     Magdeburg   aber  erklärt: 

G'mach  g'raach,  ihr  lieben  Soldaten, 

Zu  freien  g'lüst  mich  nit, 
Ich  hab  bisher  erhalten 

Mein  Jungfrauschaft  damit, 
Dass  ich  kein   andern  Herren 

Ohn  Schwed'n  zu  liebn  bedacht, 
Darvon  soll  mich   nicht   kehren 

Ku'r  Drohen,  Trutz   und   Macht. 

Hierauf  sprechen  teils  für  sich  werbend,  teils  der  Jung- 
frau zn-  oder  abredend  Pappenheim,  Tilly.  der  vermeinte 
Bischoff   zu   Hall,   Falckenberger,   Schwed,  Niedersächsischer 


')  Eine  andere  Ausgabe  des  Gedichtes  führt  Droysen,  Forschungen 
3,  597  an.    Vergl.  auch  S.  600. 

26* 


404  Zur   Volksdichtung. 

Kreis,  Pommern,  Leipzigische  Union.  Holland.  Engelland,  Däne- 
mark. Türk,  Kaiser.  Liga.  Kaiserliche  Armada.  Die  19.  Strophe 
sprechen  die   Bürger  zu  Magdeburg: 

O  weh  ihr  Herrn  und  G'sellen, 

\Y;i-   solln   wir  klagen  euch? 
Die  Hochzeit,  so  wir  anstellen, 

Ist  worden    zu   einer  Leich. 
Die  Jungfrau  ist  verblichen, 

Zerbrochen  ist  der  Kranz, 
Alle  Zier  von  ihr  gewichen. 

All  Hochmuth,  all  ihr  Glanz. 

Die  "Reichsstädte"  fürchten  dasselbe  Schicksal,  das  'Reich' 
beklagt  den  Ungehorsam  Magdeburgs  gegen  den  Kaiser,  "ihren  | 
245    Bräutigam  und  Herren", 1)  und  Gott  sagt  in  der  letzten  Strophe, 
dass  ohne  ihn  keine  Macht  bestehe. 

Ein  Folioblatt  mit  Kupfer  CC apit ulationes,  Was  ge- 
stalt  .  .  .  Gräften  von  Tilly  .  .  die  alte  Junckfrau  zu 
Magdeburg  verheirat  worden  .  .  .,  1631D  führt  Weller, 
Annalen  1,  147,  nr.  741  an  [;  reproduziert  bei  Winter, 
Gesch.  des  dreissigjährigen  Krieges  1893,  S.  367].  Derselbe 
1;  161,  nr.  827  nennt  auch  ein  Gedicht  'Heimführung  des 
Magdeburgischen  Hoch  zeiters,  Herrn  Grav  Tilly  .  .  .  Ge- 
druckt zu  Magdeburg  durch  der  Braut  noch  hinderlassene 
Befreunde.  1632. 5  In  einem  Spottlied  auf  den  bei  Leipzig 
geschlagenen  Tilly  Tyllische  Confect-Gesegnung'  (Weller,  Die 
Lieder  des  dreissigjährigen  Krieges  S.  193  ff.)  heisst  es,  Tilly 
habe  sich  in  Sachsen  eine  Braut  auslesen  wollen,  die  ihn  in 
seinem  Alter  wärmen  solle,  sie  habe  sich  aber  lange  gewehrt. 

Bis  er  sie  endlich  mit  Feuer  zwang 
Und  auszog  ganz  nackend  und  bloss. 
Da  sasse  sie  zwar  in  seim  Schoss, 
Doch  nichts  als  Unwilln   war  bei  ihr, 
Weil  sie  verloren  all  ihr  Zier. 
Drauf  Tylli  sie  fein  trösten  kund 
Mit  seinem  List  vergiften  Mund: 


')  In  der  Strophe,    die   der  Kaiser  selbst  spricht,   nennt  er  Magde- 
burg 'seine  älteste  Tochter'. 


47.  Um  Städte  werben.  405 

'Wir   wolln   uns  wo]   wider  schmückn, 
Mir  unserm  Heer  in  Meissen  rückn, 
l'iuli    Leipzig   wolln   wir   uns  kleiden 
Und  versehn  mir  vilen  Gschmeiden, 
Auch  Confect  zu  unser  Hochzeit 
Daselhs   spendiren  solin   die  Leut, 
Zu  Dresden  alles   unser  Leid 
Verkehrt  soll  werdn  in  grosse  Freud.1 
Diss  alles  aber  ihm   fehl  schlug  u.  s.  w. 

In  einem  andern  Spottlied  (Hildebrand,  Historische  Volks- 
lieder nr.  56)  wird  der  geschlagene  Tilly  also  angeredet, 
Strophe  4.  .">  und  6 : 

Sag,  was  bringstu  für  Ruhm   darvon, 
Dass  du  Magdeburg  gewonnen? 
Pfui  ewig  ist  dies  Spott  und  Hohn. 
Uu  bist  mir  aus  Furcht  entronnen. 
Tvlli,  du    werest  doch  ein  Hanrei, 
Die  Magd  ist  dir  nicht  nütze. 
Ich   rath  dir.   deines  gleichen  frei, 
Eine  alte  Klosterpfütze. 

Tvlli,  du  Ligistischer  General, 

Wo  seind  nun  deine  Thaten? 

Viel  Schlachten  ohne  Feind  überall, 

Vor  "Werben  wolt  dirs  nicht  gerathen, 

Das  macht,  du  hast  ein  Jungfrau  geschwächt, 

Ihr  Brüder  und  Schwester  erstochen, 

Ihr  Statt  verbrant,  drum  geschieht  dir  recht, 

Unschuld  muss  sein  gerochen.  | 

Tvlli,  du  hast  dich  hochvermessen,  246 

Zu  Leipzig  woltstu  sie  kleiden, 

Zu  Wittenberg  halten  die  Brautmesse, 

Zu  Dresden  die  Hochzeitsfreuden  u.  s.  w. 

In  einem  Lied,  betitelt  'Romanisch  Jubilate,  Spanisch 
Cantate  über  Magdebnrgisch  EjulateJ  (Hildebrand  nr.  52),  dessen 
einzelne  Strophen  verschiedene  Personen  und  Personifikationen 
sprechen,  sagt  Tilly: 

Ein  stolze   Magd,  ein  ketzrisch  Dirn, 
Die  sonst  von  Wall  und  Steinen 
Unüberwindlich  war  vorhin, 
Durch   mich   bethört,   muss   weinen. 


4()G  Zur  Volksdichtung. 

In  den  folgenden  Strophen,  welche  Magdeburg  selbst, 
die  Elbe,  Herzogenbnsch  und  die  'aufrichtigen  Favoriten1, 
womit  die  schwedisch  gesinnten  Fürsten  gemeint  sind,  sprechen, 
wird  Magdeburg  als  eine  keusche,  aber  verräterischerweise 
geschändete  Dame  dargestellt.  Eine  'erbärmliche  Klage  .  .  . 
der  Magdeburgischen  Damen5  bei  J.  Opel  und  A.  Colin, 
Der  dreissigjährige  Krieg  S.  217  [Ditfurth,  Volkslieder  des 
30 jähr.  Krieges  1882,  S.  150]  beginnt: 

Ach  ich  elende  Dama, 

Wie  hab  ichs  so  versehn, 
Um  meine  Zucht,   Ehr  und  Schäme 

Ist  es  nun  ganz  geschehn. 
Mein  Buhl  hat  mir  zerrissen 

Mein  Ehren-Kränzelein 
Viel  Wunden  mir  geschmissen, 

Das  mag  eine  Liebe  sein ! 

Ein  Lied,  welches  Weller,  Annalen  1,  157,  nr.  790  an- 
führt, ist  betitelt:  'Schwanen-Gsang  der  Nohtgezüchtigten 
Jungfrawen  Magdenburg.3  Dagegen  in  einem  Gedicht 
Tropemticon  Tillycum5  bei  Opel  und  Cohn  a.  a.  0.  S.  261 
wird  die  Jungfrau  nicht  als  wirklich  entehrt  betrachtet.  l)  Es 
heisst  da  (V.  36  ff.): 

Freu  dich,  du  edle  Magd,  du  bist  noch  ungeschändet. 

Den  alten  geilen  Bock  hat  zwar  die  Lieb  geblendet, 

Die  Lieb,  ein  Huren-Lieb,  begehret  dein  in  Unehr, 

Drum  hast  mit  Ruhm  und  Ehr  dich  gesetzt  zu  der  Wehr. 

Was  hat  er  nun  von  dir?  Hat  dir  zwar  abgenommen 

Dein  Kränzlein  mit  Gewalt,  nichts  mehr  hat  er  bekommen  .   .  . 

Man  führt  nicht  stracks  die  Braut,  wenn  man  bei  einem  Tanz 

Einem  Mägdlein  mit  Gewalt  abnimmt  ihren  Kranz.  | 


')  [So  verantwortet  sich  auch  die  1655  von  Karl  Gustav  ein- 
genommene Stadt  Elbing  in  einem  von  Toppen  (Zs.  des  westpreuss. 
Geschichtsv.  39,   168)  abgedruckten  Liede: 

Man  gibt  mir  Elbing  Schuldt,  das  ich  die  schönste  Zierde 
Der  keuschen  Jungfrauschafft  sambt  meiner  hohen  Würde 
Willig  vcrlohren  hab ;  ich  aber  sag  hierbey, 


Ob  die  Xohtzüchtigung  freywillig  Huhren  sey.j 


47.   Um  Städte  werben.  407 

Freu  dich,  du  edle  Magd,  lass  deinen   Kummer  schwinden,  l'17 

Es  wird  in   kurzer  Zeit  ein   ander   Kränzlein    winden 
Ein  hochgeborne  Frau  und  krönen  dich  aufs  neu, 
Sie  ist  schon   auf  dem  Weg,  du  edle  Magd,  dich  freu! 

Ja  nach  einem  Liedtitel  bei  Weiler  2,  419,  nr.  1213  ist 
der  Jungfrau  nicht  ihr  Kranz  geraubt  worden,  sondern  man 
hat  ihn  ihr  nur  rauben  wollen:  'Ein  Newes  Lied,  Welches  die 
Juugfraw  zu  Magdeburg  in  ihrer  bedrengnus,  da  man  sie  vmb 
jhr  wolerworbenes  Kräntzlein  gewaltsamlich  bringen  wolte, 
mit  traurigem  Muth  gesungen'  [Berlin  Ye  6613:  'Könnet  jhr 
Nymphen  denn  noch  ewre  Stimm  erzwingen',  56  Str.  —  Auch 
ein  nach  der  Schlacht  bei  Breitenfeld  entstandenes  Gedicht 
in  Alexandrinern  Tyllischer  Nachklang"  1631.  4°  (Archiv  für 
Littgesch.  6,  58.  84)  führt  die  Vergleichung  Magdeburgs  mit 
einer  Braut   durch.  Bei    Ditfurth   1882,  S.  199  wird  Tilly 

augeredet:  'Weil  hast  die  Magd  geschändet'.]  So  viel  von 
Dichtungen  in  deutscher  Sprache  auf  Magdeburg  und  Tilly, 
denen  sich  einige  in  lateinischer  anreihen  mögen.  Martin 
Opitz  dichtete  ein  lateinisches,  aber  von  ihm  selbst  auch  ins 
Deutsche  übersetztes  Epigramm,  welches  M.  E.  Neumeister 
in  seinem  Specimen  dissertationis  historico-criticae  de  poetis 
germanicis  p.  77  bekannt  gemacht  hat  l)  und  welches  so 
lautet: 

lila  diu  Yirgo,  temerati  nescia  lecti, 

Mille  petita  procis,  inille  negata  procis, 
Quam  Carolus  quondam,  quam  Marchio  nuper  amavit, 

At  nunquam  duxit  ille,  nee  iste  diu: 
Quippe  maritus  erat  Caesar,  sed  Episcopus  hie  est, 

Et  vetitum  timuit  cauta  puella  torum; 
Tillyadi,  morosa  licet,  nunc  jungitur:  hoc  est, 

Casta  probo,  innupto  virgo,  vetusta  seni. 


')  Ohne  dass  Opitz  als  Verfasser  genannt  wird,  teilt  es  J.  Yulpius, 
Magnificentia  Parthenopolitana,  Magdeb.  1702,  S.  2G4  aus  'Gregor. 
Winterm.  Histor.  Leipzig.  Relat.  Contin.  VIII'  mit.  Aus  Xeumeister  hat 
•es  Triller  in  seine  Ausgabe  des  Opitz  2,  824  aufgenommen.  Trotzdem 
brachte  es  Ebert  in  seinen  Überlieferungen  1,  27  als  'ungedrucktes 
Epigramm  von  Opitz1  aus  einem  deutschen  Reisejournal  aus  dem  An- 
fange des  vorigen  Jahrhunderts.  [Vgl.  Rubensohn  im  Beiblatt  zur 
Magdeburgischen  Zeitung  1897.   13.  Dezember.] 


40-  Zur  Volksdichtung. 

Die    stets  alleine  schlief,  die  alte  keusche  Magd, 
Von  tausenden  gehofft,  und  Tausenden  versagt, 
Die  Carl  zuvor,  und  itzt  der  Marggraf  hat  begehret, 
Und  jenem  nie,  und  dem  nicht  lange  ward  gewähret, 
Weil  jener  ehlich  war,  und  dieser  .Bischof  ist *), 
Und  keine  Jungfrau  nicht  ein  frembdes  Bett  erkiest, 
Kriegt  Tilly.    Also  kömmt  itzt  keusch  und  keusche  Flammen, 
und  Jungfrau  und  Gesell,  und  alt  und  alt  zusammen,    j 

248  Von   Paul    Fleming  haben   wir  zwei    hierher    gehurige 

lateinische  Epigramme,  eins  davon  auch  von  ihm  verdeutscht 
(Paul  Flemings  Lateinische  Gedichte,  herausgegeben  von 
J.  XI.   Lappenberg,  S.   195): 

Mag  d  ebur  gum. 
Passa  torum,  non  passa  virum,  de  nocte  triumfo, 

quae  suprema  meae  visa  pudicitiae. 
Visa  fuit,  sed  visa  fuit,  non  laesa  reveni. 

Quei  pote,  virgineum  jus  violare  senem  ? 
Jam  mihi  solicubae  redeunt  cum  tempore  lunae, 

dum  meus  ex  merito  vulnera  raptor  habet. 
Non  mihi  dedecori  subigi  potuisse.     Perennat 

laudes  innocuam  posse  redire  meas. 


')  Man   vergleiche   in   dem  besprochenen  'Magdeburgischen  Hoch- 

zeitlied'  die  sechste  Strophe: 

Vermeinter   Bischoff   zu   Hall. 
Mir  zwar  bei  solchen  Ehren 

Kein  "VVeib  zu  freien  ziemt, 
So  will  mich   doch  beschweren, 

Dass  sie  ein'n  Andern  nimt. 
Hab  ich  ohn'  Recht  mit  Vortheil 

Ein  Bisthum  g'nommen  an, 
So  hoff'  ich  auch  ohn1  Nachtheil, 

Die  Magd  zu  führ'n  darvon. 

Gemeint  ist  der  Markgraf  Christian  Wilhelm  von  Brandenburg,  Erz- 
bischof  von  Magdeburg,  seit  1614,  in  welchem  Jahr  er  sich  zu  vermählen 
beschloss,  Administrator  des  Erzbistums,  zu  Halle  residierend.  1628  war 
er  vom  Kaiser  geächtet  und  vom  Domkapitel  abgesetzt  worden,  im 
Juli  1630  erschien  er  plötzlich  in  Magdeburg  und  wurde  von  der  Bürger- 
schaft freudig  aufgenommen.  Bei  der  Eroberung  Magdeburgs  geriet  er 
in  kaiserliche  Gefangenschaft. 


47.    Tili   Städte  wcrl. en.  409 

L  i  ]>  s  i  a. 
Qui  modo  se  uudae  jactabat  nähere  sponsae 

atque  indotato  concubuisse  torc-, 
Lipsia,  restitues,  ait,  hujus  taedia  damni, 

hinc  venict  dominae  dos  sat  opima  meae. 
Dixerat  et  voti  plenus  veniebat  habendi, 

jani  procus  ipse  tarnen  nudus  inopsqüe  fugit. 
Nunc  redit  atque,  o  si,  dioit,  mea   nupta  uianeres, 

pauperiem  reproho  nullus,  am  ata,  tuain. 

Von    dem    ergebenen    und   wieder   abgenommenen    Leipzig. 

Der  newlich  sieh  vermass,  er  habe  sich   vertraut 
nur  einer  naeketen   und   unbegabten  Braut, 
sprach:  Leipzig  sol  mir  schon  den  Mangel  bald  ersetzen,1) 
daran   wir   Liebenden   uns  wollen   wol   ergetzen,   | 

kam   drauf  Begierde   voll   und  meint1,  er  hett'  es  schon.  249 

Itzt  fleucht  der  Freiersmann   selbst  bloss  und  arm  darvon; 
nun  läuft  er  zu  ihr  zu   und  spricht:   Ich   wil  sonst  keine; 
ich  würfe  dir  nichts  vor,  bliebst  du  nur,  Arme,  meine. 

In  Georg  (1  logers,  des  Freundes  von  Paul  Fleming, 
Decas  latino-germanicorum  Epigrammatum  (o.  0.  1631)  ist 
das  siebente  überschrieben  Triga  virtutum  Tyllianarum  in  vitia 
degenerata3.  Man  habe  bisher  an  Tilly  dreierlei  gerühmt, 
nämlich  dass  er  nie  ein  Weib  berührt,  nie  sich  berauscht  und 


')   Vgl.  in   den  oben  mitgeteilten  Stellen  aus  Spottliedern  auf  Tilly 
die  Verse  des  einen  [Archiv  f.  Littgesch.  6,  58]: 

Umb  Leipzig  wolln   wir  uns  kleiden 

Und  versehn   mit  vilen  Gschmeiden  — 
und   des  andern : 

Tylli,  du   hast  dich  hoch   vermessen, 

Zu  Leipzig  wolstu  sie  kleiden. 
Ein  Folioblatt  mit  Kupfer  vom  Jahre  1631,  im  Besitz  der  Grossherzogl. 
Bibliothek  zu  Weimar  (s.  auch  Weller,  Annalen  1,  151,  nr.  764)  enthält 
unter  der  Überschrift  'Der  zornige  frantzösische  Schneider'  ein  ge- 
leimtes Gespräch  zwischen  Tilly  und  einem  französischen  Schneider, 
welchen  Tilly  'vor  kurzer  Zeit,  als  er  zu  Magdeburg  gefreit',  nach 
Leipzig  bestellt  hat,  um  dort  für  seine  Braut  die  Hochzeitskleider  zu 
machen,  dem  er  aber  nun  erklären  muss,  es  seien  'viel  Hindernisse,  wie 
fast  bei  allen  Heiraten  pflegen  fürzufallen',  eingetreten,  weshalb  er  die 
Hochzeit  etwas  aufschieben  müsse:  dann  seien  auch  in  Leipzig  die 
Waren  zu  teuer.     [Abgedruckt  Archiv  für   Littgesch.   <i,   66.] 


410  Zur  Volksdichtung. 

nie  eine  Schlacht  verloren  habe;  nun  aber  habe  er  die  Magde- 
burgische Jungfrau  geschändet,  sich  in  Blut  berauscht  und 
sei  geschlagen. 

Toto  nunc  audit  in  orbe 

Helluo,  scortator,  Tylliadesque  fugax. 
Ein  Pseudonymes  Gedicht  Xessus  honori  et  immortali- 
tati  inclytae  Viraginis  Magdeburgicae  10.  Maii  A.  MDCXXX1 
immaniter  vitiatae  sacratus  a  Musa  Aretii  de  Franchise  ex 
antiquissima  Acestae  familia',  dreimal  im  J.  1631  gedruckt, 
wie  G.  Droysen  a.  a.  0.  3,  597  nachweist,  auch  bei  Vulpius, 
Magnificentia  Parthenopolitana  S.  265  f.,  redet  die  unglück- 
liche Stadt  unter  anderem  so  an: 

O  felix  virgo  !  sed  dum  innuba  virgo  manebas, 
Aurea  fulgebant  dum  fiavo  vertice  serta: 
Nupta  jaces  inter  ferrum   cineresque  cruentos, 
Horrida,  languida,  squallida,  pallida,  tabida  stupro,  - 

und  dann  den  Tilly: 

Sic  sponsas  tractare  soles?     Hoc  pignus  amoris, 
Has  arrhas  tradis?     Sic  tu  sponsalia  pangis? 
Trux,  torve,  immanis,  crudelis  et  eifere  amator!   j 

250  Deutsch   findet  sich    dasselbe    Gedicht    in    einem   Druck 

von  163*2,  welchen  Opel  und  Cohn  a.  a.  0.  S.  220 ff.  wieder 
abgedruckt  haben,  ohne  Verweisung  auf  das  lateinische  Original, 
welches  sie  nicht  gekannt  zu  haben  scheinen.  [Der  Verfasser 
ist  Dietrich  von  dem  Werder;  vgl.  Witkowski,  D.  v.  d.  Werder 
1887,  S.  124  und  Fränkel,  Zs.  f.  d.  Phil.  22,  349.]  Soviel 
über  Magdeburg  und  Tilly. 

Das  bisher  Mitgeteilte  gehörte  bis  auf  das  Lied  auf  die 
Belagerung  von  Lille  und  seine  Umdichtung  auf  die  von 
Belgrad  dem  17.  Jahrhundert  an.    Aus  dem  18.  Jahrhundert1) 


')  [Ein  dänisches  Lied  (Nyerup-Rasmussen,  Udvalg  af  danske 
Viser  1,  99.  1821.  Svend  Grundtvigs  Nacblass  auf  der  Kgl.  Bibl.  in 
Kopenbagen  nr.  32  b,  II  C,  nr.  5)  schildert  die  1718  von  Karl  XII.  be- 
lagerte Festung  Friedrichshall  als  die  hübscbe  Jungfer  im  Xorden, 
die  König  Friedrich  liebt  (Kehrzeile:  cDet  haver  man  vel  hört,  Kong 
Friderik  hau  elsker  hende'),  um  die  aber  auch  König  Karl  wirbt.  Sie 
lÜHst  ihn  jedoch  durch  ihren  Kammerdiener,  den  Kommandanten,  ab- 
weisen. —  Auch  schwedische  Dichtungen  verwerten,  wie  uns  Prof. 
Iv  Wrangel  in  Lund  freundlich  mitteilt,  dasselbe  Motiv.    So  die  auf  den 


47.   Uni   Stallte   werben.  -1  ]  1 

kenne  ich  ausser  dem  erwähnten  Lied  nur  noch  ein  hierher 
gehöriges  Gedicht,  nämlich  die  'Unterredung  zwischen 
dem  Könige  und  der  Stadt  Breslau  und  den  Oest- 
reichern,  so  bey  der  letzten  Uebergabe  den  19.  Dec.  IT.'iS 
[vielmehr  1757]  geschehen',  welche  C.  G.  Kühn  in  seiner 
kleinen  Sammlung  Treussische  Soldatenlieder  und  einige 
andre  Volkslieder  und  Zeitgedichte  aus  dem  Siebenjährigen 
Kriege  und  der  Campagne  in  Holland  von  1787J  (Berlin  1852), 
S.  1 1  nach  einem  fliegenden  Blatt  wieder  abgedruckt  hat 
j[=  Ditfurth,  Die  histor.  Volkslieder  des  siebenjährigen  Krieges 
1871,  S.  50]. 

Das  in  Alexandrinern  verfasste  Gedicht  ist  teilweise  offen- 
bar sehr  korrumpiert.  Die  Stadt  stellt  sich  auch  hier  als 
reine  Jungfrau  dar,  die  sich  dem  preussischen  Kriegshelden, 
der  sich  in  der  Liebe  zu  ihr  'that  ganz  und  gar  versenken0, 
anfangs  nicht  ergeben  will  und  ihren  Jungfernkranz  zu  be- 
haupten hofft,  sich  endlieh  aber  doch  ergiebt,  Die  drei  vor- 
letzten Strophen  sprechen  die  Preussen,  sie  schildern  die 
'Hochzeit',  die  letzte  ist  den  klagenden  Österreichern  in  den 
Mund  gelegt. 


.Sieg  von  Narva  1700  gedichtete  'Giötha  Kiäinpa  Wisa  oni  Koningen 
och  Herr  Päder*,  die  Hanselli  (Sainlade  vitterhetsarbeten  af  svenska 
författare  6,  81.  1863)  unter  die  "Werke  von  Gunno  Eurelius  (Dahlstierna) 
stellt,  während  Schuck  sie  Israel  Holmström  zuschreibt: 

Herr  Päder  han  drömde  en   dröm  om  a  Xatt, 

Da  var  alt  om  sä  veener  ena  Möja  etc.  (116  Str.) 
Ferner    das    bei    demselben    Anlass    entstandene    Lied    bei    Arwidsson, 
Svenska  Fornsänger  2,  382  (1837).     Hier  lautet  Str.  5: 

Czar  Petter  han  beddes  af  Narva  en  dans; 

Men  Narva  tä  munde  sig  vägra. 

cAldrig',  sad'  hon,  'Ryssen  bekommer  min  krans'. 
1709  stellt  Andreas  Kydelius  Schonen  und  ihre  Tochter  Elsa  (Helsing- 
borg)  bedrängt  von  einem  dänischen  Courtisan  dar,  wie  auch  ein  anderes 
Lied  eine  "Werbung  von  Trideman  Danske'  (Friedrich  von  Dänemark) 
um  die  dem  König  Karl  allzeit  getreue  Frau  Skänilla  in  einem  halb 
dänischen,  halb  schwedischen  Gespräche  schildert  (E.  Wrangel,  Skänsk 
«likt  och  visa  under  Carl  XII s  krig,  Lund  1894,  S.  27—30.  Abdruck  aus 
Lunds  Weckoblad).  Schweden  erscheint  als  gefangene  Jungfrau  1 7:5 4 
bei  Olof  von  Dalin  (Witterhetsarbeten  4,  236.   1767).] 


412  Zur  Volksdichtung. 

Aus  dem  19.  Jahrhundert  kann  ich  nur  Rückerts 
cBrauttanz  der  Stadt  Paris'  [Poet,  Werke  1868  1,  20s] 
anführen.  Offenbar  durch  das  im  Wunderhorn  stehende  Lied 
auf  Prinz  Eugen  und  die  Stadt  Lille,  in  dessen  Strophenform 

es  auch  gedichtet  ist.  angeregt,  hat  es  dabei  doch  viel  Origi- 
nelles. Die  Stadt  Paris  ist  als  Frau  dargestellt,  deren  'Kebs- 
mann3 Napoleon  sich  von  ihr  'geschieden"  hat.  Die  Alliierten 
kommen,  ihr  'einen  neuen  zu  freien3,  und  wollen  ihr  den 
Brauttanz  tanzen.  Nach  anfänglichem  Widerstreben  ist  Paris 
bereit,  den  König  Ludwig  zu  nehmen. 

Ob  das  zuerst  mitgeteilte  Gedicht  auf  die  Belagerung 
Magdeburgs  durch  Wallenstein  in  der  That  das  älteste  deutsche 
ist,  in  welchem  eine  Belagerung  ausführlich  als  eine  Braut- 
werbung dargestellt  worden,  wer  will  das  sicher  zu  behaupten 
wagen?  Jedenfalls  lag  gerade  bei  Magdeburg  wegen  seines  | 
i''">l  Namens  und  wegen  seines  Wappens,  welches  eine  Jungfrau 
mit  einem  Kranz  in  der  Rechten  darstellt,  und  weil  die  Stadt 
noch  niemals  erobert,  also  gleich  einer  Jungfrau  noch  unbe- 
rührt war,1)  der  Gedanke  doppelt  nahe.  Den  Reim,  den 
ihre  Belagerung  durch  Karl  V.  veranlasste,  haben  wir  oben 
erwähnt,  und  auf  dieselbe  Belagerung  dichtete  Erasmus 
Alberus  (f  1553)  das  folgende  Epigramm  (s.  Joh.  Vulpius 
a.  a.  0.   157): 

Teutonicas  urbes  inter  clarissima  virgo, 
Jure  tuum  cingit  parta  corona  Caput; 

Nam  neque  blanditiae  potuere  dolique  minaeque, 
Nee  tibi  virgineum  vis   vitiare  decus. 

Non  bomini  tribueuda,  Deo  sed  gloria  soli  est, 
Ineolumi   per  quam  salva  pudere  Dianes.2) 


')  In  einer  prosaiseben  'Zeitung'  über  die  Tillysche  Eroberung 
Magdeburgs  bei  Droysen  a.  a.  0.  3,  601  heisst  es:  'die  feste  Stadt 
Magdenburg,  welche  bis  daher  noch  eine  Jungfrau  ist  gewesen'. 

2)  [Rubensohn  weist  noch  auf  die  lateinische  Elegie  des  1560  ver- 
storbenen Petrus  Lotich  ius  'De  obsidione  urbis  Magdeburgensis'  (Opera 
1603,  p.  42)  bin,  die  1631  verschiedentlich  verdeutscht  wurde.  Hier 
wird,  mit  deutlicher  Anspielung  auf  das  Magdeburger  Wappen,  die  über 
ihren  dereinstigeu  Untergang  klagende  Jungfrau  Magdeburg  eingeführt: 


Tili  Städte   werben. 


•t  l  3 


.M;iu  bemerke  übrigens  noch  den  Unterschied,  dass,  während 
Magdeburg  gern  als  Jungfrau  gedacht  wird,  weil  es  noch  nie 
erobert  wurden  war,  wie  wir  es  denn  auch  oben  konsequent 
als  'alte  Jungfrau3  bezeichnet  fanden,  die  anderen  Städte  ganz 
ohne  Rücksicht  darauf,  ob  sie  schon  früher  erobert  worden, 
nur  für  den  einzelnen  eben  vorliegenden  Belagerungsfall  als 
Jungfrau        oder  auch,  wie  Lille,  als  Frau     -  gedacht  werden. 

Nacht  rag. 

Die  beiden  ersten  Strophen  des  S.  238  [hier  894]  mitgeteilten 
Liedes  auf  die  Eroberung  von  Breisach  sind  auch  geistlich  um- 
gedichtet worden  als  Anfang  eines  Liedes  über  den  englischen 
Gruss.     (v.  Ditfurth,  Fränkische  Volkslieder  1,  '21.) 


1.  In   Galiläa  ein  Jungfrau   wohnt 
Von  grossen  Qualitäten, 
In  Nazareth  ganz  wohl  bekannt. 
Von  hohen  Dignitäten. 
Etealisch   ist  sie  anzusehn, 
All  Engel  Gottes  nach  ihr  stehn, 
Mit  Lieb1  sie  zu  bereden. 


2.  Von  Gott  der  Engel  Gabriel 
Gesandt  zur  Jungfrau  reiset, 
Und  vor  derselben  niederfällt, 
Sein  Reverenz  beweiset. 
Er  sprach:  Maria,  sei  gegrüsst! 
Von  Gott  allein  bist  auserkies't, 
Von  Engeln  hoch  gepreiset. 


[Vgl.  noch  L.  Fränkel,  Um  Städte  werben  und  Verwandtes. 
Zeitschr.  f.  deutsche  Phil.  22,  336—354  (1890),  der  jedoch 
auf  viele  mit  unserem  Thema  nur  in  losester  Verbindung 
.stehenden  Stelleu  eingeht.] 


Stabat  arenoso  vetus  urlis  in  margine  ripae, 

Omne  cruentato  niilite  cincta  latus. 
Castraque  spectabat  virgo  de  moenibus  altis, 

l'allor,   an  in  laeva  serta  füere   manu. 
Flebat  et  invitis  miscebat  fletibus  iram, 

Turrigero  longas  vertice  scissa  comas:  .   .  . 
'Hei  mihi,  qualis  erit  (quod  abominor)  exitus   urbis, 

Concidet  hostili  si  reserata  manu? 
Quis  fcenerum  pavidae  latus  hauriet  ense  puellae, 

Virginitas  cuius  praeda  latronis  erit?'] 


414  Zur  Volksdichtung. 

48.  Über  Toppen,  Volkstümliche  Dichtungen, 

(Göttingische  gelehrte  Anzeigen   1873,  1241-1250.) 

Volkstümliche  Dichtungen  zumeist  aus  Handschriften  des  15., 
1(1.  und  17.  Jahrhunderts  gesammelt.  Ein  Beitrag  zur  Geschichte  der 
schönen  Litteratur  der  Provinz  Preussen  von  Dr.  M.  Toppen,  Direktor 
des  Gymnasiums  zu  Marienwerder.  Königsberg.  Gedruckt  in  der  Albert 
Rosbach'schen  Buchdruckerei.  1873.  8°.  108  S.  (Besonderer  Abdruck 
aus  der  Altpreussischen  Monatsschrift,  Band  9,  Heft  4 — 7) 

Diese  Dichtungen  zerfallen  in  drei  Abteilungen.  Die 
erste  (S.  1 — 71)  enthält  historische  Lieder  und  Sprüche, 
von  denen  die  Mehrzahl  hier  zum  erstenmal  gedruckt  ist, 
Sie  haben  nur  geringen  oder  keinen  dichterischen,  wohl  aber 
sprachlichen  und  geschichtlichen  Wert,  und  letzterer  besonders- 
wird von  dem  Herausgeber  in  Einleitungen  und  Anmerkungen 
zu  den  einzelnen  Stücken  ins  Licht,  gesetzt.  Wenn  es  S.  6, 
Strophe  7  heisst:  cden  schätz  haben  sie  warlich  vorsehen', 
so  war  hier  zu  bessern  rdie  schantz\  Vgl.  Frisch,  Wörter- 
1242  buch  2,  161f7  und  Schade,  Satiren  und  Pasquille  aus  |  der 
Reformationszeit  1,  235  (z.  V.  528).  —  Der  Ausdruck  cgute 
treuge  schlage'  (S.  35)  wird  manchem  Leser  nicht  gleich 
verständlich  sein.  Man  vgl.  Vilmars  Idiotikon  von  Kurhessen 
S.  417  und  Frommanns  Deutsche  Mundarten  6,  65,  und  wegen 
der  Form  ftreuge'  Weinholds  Beiträge  zu  einem  schlesischen 
Wörterbuche  S.  100.  Merkwürdig  und  mir  unerklärlich 
gebraucht  ist  das  Wort  ankleiben  auf  S.  39,  Str.  4: 

Solchs  thäten  sie  dem  könige  schreiben, 

sein  gnad  wolt  ihn  geben  rat, 

wie  sie  es  möchten    ankleiben, 

dass  bei  solch  einer  mächtigen  Stadt 

kein  Geld  nicht  wäre  vorhanden. 

Eine  niederdeutsche  Recension  des  Liedes  bei  Liliencron,  Die 
historischen  Volkslieder  3,  553,  hat  dafür: 

Solk  dedens  dem  koninge  schriven, 
sin  gnade  wolde  en   geven  rad, 
wo  se  et  mochten  erkleren, 
dat  bi  sulkere  mechtigen  stad 
kein  Geld   was  vorhanden. 


- 


48.  Über  Toppen,   Volkstümliche  Dichtungen.  415 

Was  bedeutet  S.  65,  Z.  7  das  Wort  barsem?  Die  Stelle 
lautet:  .  .  .  'kartaunen  und  notschlangen,  valckenet,  feld- 
geschutz,  kurze  und  langen,  sambt  barsem,  hacken  und  ander 

gewehr\  Bei  Frisch  1,  67»  linde  ich:  'Barsen,  Goldast  in 
Constit.  Imper.  in  Lehens:  Empfahung  Ferdinandi  I.  An.  L530 
in  dem  Ritter-Turnier  dabey:  Es  sind  bey  drey  Rossen  ver- 
büget  und  schadhaft  ig  worden,  dann  sie  haben  kein  Barsen 
oder  Geliger  geführt,"  An  beiden  Stellen  haben  wir  wohl  in 
Barsem  und  Barsen  ein  und  dasselbe  Wort,  aber  in  ver- 
schiedenen, mir  nicht  j  klaren  Bedeutungen.  [Barse  =  kleines  1243. 
Last-  und  Kriegsschiff;  kleines  Geschütz.  Schiller- Lübben, 
Mnd.  Wtb.  1,   154  und  Nachtr.  31.]  Das  Wort    osmund 

iS.  66:  stein,  osmundt,  pulver  und  schrodt)  wird  den  wenigsten 
Lesern  bekannt  sein.  Frisch  2,  34c  hat:  cO sein  und,  Schwe- 
disches Eisen,  von  einer  Stadt  dieses  Namens',  und  bringt 
dann  einen  Beleg  aus  Coleri  Haus-Buch.  P.  Albinus  in  der 
Meissnischen  Bergk-Chronica,  Dresden  1590,  S.  122  sagt:  'Das 
allerbeste  Eisen  wird  in  Schweden  gemacht,  so  man  Osemuth 
nennet'.  S.  67  durfte  der  Leser  eine  Erklärung  der  dort  vor- 
kommenden polnischen  Worte   erwarten. 

Die  zweite  Abteilung  (S.  72— 97)  bietet  über  130'Sprüche, 
enthaltend  Lebenswahrheiten  und  LebensregelnJ.  Der 
grösste  Teil  derselben  ist  einer  von  dem  Danziger  Michael 
Hancke  um  1629  angelegten  Handschrift  entnommen,  welche 
ausserdem  noch  Lieder,  Rätsel,  Glückwünsche,  Schwanke, 
historische  Auszüge  und  Kalenderbetrachtungen  enthält.  Sehr 
viele  der  mitgeteilten  Sprüche  sind  in  gleicher  oder 
doch  ähnlicher  Form  schon  anderwärts  her  bekannt,  und  der 
Herausgeber  selbst  hat  manche  derartige  Nachweise  gegeben. 
Der  Raum  dieser  Blätter  gestattet  mir  nicht,  alle  die  Nach- 
weise, die  mir  zur  Hand  sind,  hier  mitzuteilen,  nur  auf  einige 
wenige  muss  ich  mich  beschränken.  Zu  dem  Spruch  nr.  6: 
'X  jar  ein  kint,  XXjar  ein  Jüngling  u.  s.  w.'  vgl  .man  Goedeke, 
Pamphilus  Gengenbach  S.  559  ff.,  besonders  S.  584.  Der 
Spruch  nr.  15:  'Wuchs  Laub  und  Gras  als  Geiz,  Neid  und 
Ilass,  so  ässe  manche  Kuh  desto  bass\  findet  sich  in  einer 
Handschrift   des   15.  Jahrhunderts   (von   der  Hagen,  Gesamt- 


416  Zur   Volksdichtung. 

abenteuer  1,   188),  also:  'Wuchs  laub  und  gras  als   neid  und 
1244    liass.    es    äss   oft  ein    ros    dester  |  bass'.     Vgl.    auch    Mones 
Anzeiger   L839,  Sp.   5  16.  —  Der  Spruch  ur.    16: 


Wenn  wir  betten  einen   rechten  Glauben, 
•  i'itt  und  gemeine    Nutz  vor  Augen, 

Einerlei  .Mass,  Ellen  unde  Gewichte, 
Gut   Friede   und  rechte  Gerichte, 

Einerlei  Münz  und  gut  Geld, 

So   stunde   es  wol   in  dieser  Welt  — 

findet    sich    auch    aus   einer   älteren  Quelle    vom   J.  1577   bei 
HoffmanD   von  Fallersieben,  Spenden  1,  151,  also: 

Hätten   wir  Alle  einen  Glauben, 

Gott  und  den  gemeinen  Nutz   vor  Augen, 

Guten  Fried  und  Gericht, 

Ein  Ellen,   Mass  und  Gewicht, 

Eine  Münze  und  gut  Geld, 

So   stünde   es   wol  in  aller  Welt. 

[Bruun,  Aarsber.  2, 121.  Goedeke,Reinfritv.  Braunschweig  S.  110 
Germania  19,  98.]  Mit  letzterer  Fassung  stimmt  die  nieder- 
ändische  aus  der  zu  Campen  1550  gedruckten  Sammlung 
'Ghemeene  Duytsche  Spreekwoorden"  bei  Meijer,  Oude  neder- 
landsche  spreuken  en  spreekwoorden,  Groningen  1836,  S.  16. 
Mone  vergleicht  damit  in  seinem  Anzeiger  1837,  Sp.  324 
folgenden  Spruch  aus  einer  Handschrift  des  16.  Jahrhunderts 
in  Karlsruhe: 

Carolus,  spar  dich  got  gesunt, 
Mach  ain  glouben,  ain  niass,  ein  müntz,  ein  pfunt, 
Thu   warhait   und  gerechtigkait    beschirmen, 
So   wirt  dich  gewislich  niemant  stirmen. 

Zu  dem  Spruch  nr.  22:  'Ich  lebe  und  weiss  nicht,  wie 
lang  u.  s.  w.3  verweise  ich  auf  meinen  Aufsatz  in  Pfeiffers 
Germania  6,  368—372  [unten  241].  —  Die  Sprüche  nr.  44  und 
1245  50  sind  vielmehr  |  sog.  apologische  Sprichwörter.  Das 
erste,  welches  in  E.  Höfers  bekannter  Sammlung  derartiger 
Sprichwörter  (Wie  das  Volk  spricht.  Sprichwörtliche  Redens- 
arten. Siebente,  neu  durchgesehene  und  vermehrte  Auflage. 
Stuttgart  1873)  nicht  vorkommt,  lautet:  'Wechseln  ist 
kein  Raub,  sagte  der  Landsknecht,  da  er  ein  Pferd  von  der 


48.  Über  Toppen,  Volkstümliche  Dichtungen.  417 

Weide  stahl  und  eine  Laus  an  die  Stelle  setzte'.  [Vgl.  Mon- 
tanus,    Schwankbücher  1899,   S.  282  nr.  24.]  Das  zweite 

'Das  lieisst  Schweine  baden,  sagt  der  Teufel  und  erseuft 
einen  Wagen  voll  Münch  und  Nonnen3  findet  sieh  auch  in 
Luthers  Tischreden  nach  Höfer  nr.  L833:  'Das  lieisst  Sau 
geschwemmt,  sprach  der  Teufel  und  ersäufte  einen  Wagen 
voll  Mönche'.  —  Zu  nr.  51:  'Wer  vor  20  Jahren  nicht 
hübsch  wird  und  vor  30  Jahren  nicht  stark  u.  s.  w.1  ver- 
weise ich  auf  Goedeke,  P.  Gengenbach  S.  590  f.  -  -  Der  Spruch 
nr.  79  lautet: 

Wer  ein   böses  Weib  hat  am  Sontage, 

Der   fahre   ins  Holz   am   Montage, 

Hawe   Prügel  am  Dienstage, 

Schlage  tapfer  darauf  am  Mitwoeh, 

Do  lieget  sie  krank   am  Donnerstage, 

Stirbt  endlieh    am  Freitage, 

Lest  sie  begraben   am  Sonnabend, 

So  bekompt  hernach  der  Mann  ein  frölichen  Sontag. 

In  einem  Stammbuch  des  17.  Jahrhunderts  auf  der  Grossh. 
Bibliothek  zu  Weimar  (nr.  34)  findet  sich  der  Spruch  in 
folgender  Fassung: 

Wann  dein   Weib  ist  zornig   am  Sonntag, 

So  gehe  ins  Holz  am  Montag, 

Haw  ein  Brigel  am  Erechtag, 

Schmier  sie  ab  am  Mittwoch . 

Legt  sie   sich  krank   am   Pfinstag, 

Macht  das  Testament  am  Freitag,  1246 

Holts  der   Teufel  am  Samstag, 

Hast  darauf  ein  ruhigen  Sonntag. 

In  Christoph  Andre  Hörls  von  Wättersdorflf  Bacchusia  oder 
Fastnacht-Land  (München  1677)  S.  24  findet  sich  folgende 
Variante  des  Spruches  ("jenes  Soldaten -Recept  für  die  bos- 
haftigen  Weiber  '): 

Hast  ein  bös  Weih   am   Montag, 
Tractiere   sie  freundlich    am   Erchtag, 
Wills  nicht  helfen  am  Mittwoch, 
Gib  ihr  guet  Stöss  am  Donnerstag, 
Thuts  kein    gut   am  Freitag, 
Hols  der  Teufel    am  Sambstag, 
So  hat  der  Mann  einen  guten  Sontag. 
Kohl  er.    Kl.  Schriften.  Jil  27 


418  Zur  Volksdichtung. 

[Vgl.  Bolte,  Archiv  f.  neuere  Spr.  98,  298  f.  —  Der  Spruch 
nr.  58  'Amor  vincit  omnia;  das  leugstu,  spricht  Pecunia5 
weist  auf  den  im  Mittelalter  öfter  behandelten  Streit  zwischen 
Minne  und  Pfenning  zurück,  vgl.  Bolte  zu  Schumanns  Nacht- 
büchlein S.  400  f.  und  zu  Freys  Gartengesellschaft  S.  282.]  — 
In  dem  Spruch  nr.  112:  'In  der  Kirchen  andechtig' u.  s.  w., 
von  dem  sich  Varianten  bei  Keil.  Ein  denkwürdiges  Gesellen- 
Stammbuch  S.  29  und  bei  Keller,  Gute  alte  Schwanke  nr.  54 
finden,  lautet  eine  Zeile:  bei  Potentaten  sitzig.  Sitzig  ist 
natürlich  falsch,  und  es  wird  witzig  oder  sittig  zu  lesen  sein. 
—  Der  Spruch  nr.   117  lautet: 

O  wie  ich  lachte, 

Da  mir  der  Wirt  Bier  brachte, 

O  wie  ich  sangk, 

Da  ich  Bier  trank, 

O  wie  ich  fluchte, 

Da  ich  Geld  suchte, 

O  wie  ich  mich  kram, 

Da  mir  der  Wirt  den  Mantel  nam. 

Zu   kram    bemerkt    der   Herausgeber:  'grämte?'    Mau   ver- 
gleiche   jedoch    das    Grimmsche   Wörterbuch   5,   2308.     Eine 
1247    Variante    dieses  Spruches  |  findet  sich  als  Wirtshausinschrift 
bei  Haltrich,  Deutsche   Inschriften    aus   Siebenbürgen   S.  45 

Ach  wie  ich  lachte, 

Wie    mir  der  Schenker   den  Wein  brachte ; 

Ach  wie  ich  fluchte, 

Als  ich  das  Geld   suchte. 

Aber  wie  schwer  kam  es  mich  an, 

Wie  der  Schenker  mir   den   Rock  nahm. 

Zu  dem  Spruch  nr.  120:  'Ein  schöne  Jungfrau,  darvon 
ich  sage,  Die  sol  haben  ein  He  übt  von  Präge'  u.  s.  w.  ver- 
gleiche man  ausser  den  Sprüchen,  auf  welche  der  Herausgeber 
in  seiner  Anmerkung  hinweist,  einen  von  Massmann  in  den 
Heidelberger  Jahrbüchern  1827,  S.  357  aus  einer  Müncheuer 
Handschrift  mitgeteilten  Spruch  und  die  Nachweise  Liebrechts 
in  diesen  Anzeigen  1868,  S.  1919  [oben  S.  32].  —  Zu  nr.  133, 
dein  Sprucli  von  der  Ewigkeit  und  von  dem  Vöglein,: 
welches    alle   1000  Jahr    ein   Körnlein    von    einem   Sandberg' 


48.  Über  Toppen,  Volkstümliche  Dichtungen.  419 

furtträgt.  verweise  ich  auf  meinen  Aufsatz  'Ein  Bild  der  Ewig- 
keit' in  der  Germania  8,  305 — 307  [oben  2,  47].  zu  dem  sich 
mir  seitdem  eine  Menge  Nachträge  ergeben  haben.  --  Zu  nr.  134 
'Ich  bin  ein  kolmischer  Bauer.  Mein  Leben  wird  mir 
sauer  n.  s.  w.J  vergleiche  man  die  im  Grimmsehen  Wörterbuch 
1.  1141»  (unter  Bast)  ohne  Quellenangabe  mitgeteilten  Verse: 
'Ich  bin  ein  liefländisch  Bauer'  u.  s.  w.  [E.  Pabst,  Das  alte  auf 
unsere  Undeutschen  gedichtete  Liedlein,  Reval  1848.  Leyer- 
Matz  lt>(>8,  nr.  297.  Toppen  und  Arnold,  Zs.  des  westpreuss. 
Geschichtsv.  39,  135.  40,  2.]  —  Hervorzuheben  ist,  dass  unter 
den  Sprüchen  nr.  61 — 78  und  108 — 111  sog.  Leberreime 
(vgl.  W.  Wackernagel,  Geschichte  der  deutschen  Litteratur 
S.  429)  sind,  darunter  recht  sinnige  und  anmutige.  [Bartsch, 
Sagen  2,  86.  Erk-Böhme  nr.  1750.  Nd.  Jahrb.   10,59.  14,92.] 

Die  dritte  Abteilung  endlich  ( S.  98—108)  bringt  noch 
<!  'vermischte  Gedichte' aus  |  der  oben  genannten  Hancke-  1248 
sehen  Handschrift.  Das  erste  und  längste  ist  überschrieben 
'Taf  fei  und  Gastrecht,  wie  sich  ein  jeder  in  der  Herberge 
verhalten  soll,  durch  Daniel  Brodacht,  Buchhaltern  und 
Rechenmeistern  der  Altenstadt  Königsberg  in  Preussen".  Es 
ist  sittengeschichtlich  von  erheblichem  Wert.  So  kommt  z.  B. 
darin  die  Sitte  des  Anbinden s  beim  Namenstag  vor  (vgl. 
J.  Grimms  Kleinere  Schriften  2,   192): 

Wann   du  anlegest  ein  neues  Kleid, 

Und  komt  eben  einmal  die  Zeit, 

Dass  man  dich  binde  laut  deinem  Namen, 

Den  du  in  der  Taufe  genomen  au, 

So  soltu  u.  s.  w. 

Wenn  in  demselben  Gedicht  (S.  10*2)  unter  den  'unnutzen 
Gästen"  auch  solche  genannt  werden,  welche  'bescheiden  Tisch. 
Kann,  was  da  sei',  so  ist  offenbar  beschneiden  zu  lesen: 
es  sind  Gäste,  welche  mit  dem  Messer  in  die  hölzernen  Tische 
und  Kannen  und  was  sonst  da  ist,  schneiden.  —  Das  zweite 
Gedicht  hat  an  seiner  Spitze  folgenden  Spruch: 

Armut  macht  Demut, 
Demut   macht    Forderunge, 
Forderunge  macht  Reichtumb, 

27* 


420  Zur  Volksdichtung. 

Reichtumb  macht  Ubermuth, 
Übermuth   macht     Krieg. 
Krieg   macht   Armut. 

Jede  Zeile  dieses  Spruches  wird  nun  in  je  zwei  vierteiligen 
Strophen  von  einem  Sohn  und  dessen  altem  Vater  besprochen. 
Ich  werde  nächstens  an  einem  andern  Ort  [oben  2,  66. j  über 
den  seit  dem  15.  Jahrhundert  in  Deutschland  und  in  der 
1249  Schweiz,  in  Frankreich  und  in  England  bekannten  Spruch 
handeln.  Die  nun  folgenden  vier  Lieder  sind,  was  dem 
Herausgeber  entgangen  zu  sein  scheint,  sämtlich  schon  ander- 
wärts her  bekannt,  Das  Lied:  'Hätte  ich  die  sieben 
Wünsche  in  meiner  Gewalt'  stimmt  genau  mit  dem  nieder- 
deutschen Lied  in  Unlands  Volksliedern  ur.  5,  B.  [Erk-Böhme, 
Liederhort  nr.  1081.  Bolte,  Nd.  Jb.  13,  63.]  —  Das  folgende 
Lied:  'Sag  (an),  was  hilft  alle  Welt  mit  allem  Gut  und 
Geld?'  ist  ein  bekanntes,  in  zahlreichen  altern,  evangelischen 
und  katholischen  Gesangbüchern  stehendes  Lied  des  Thüringers 
Johann  Matthäus  Meyfart  (f  1642).  [Erk-Böhme  nr.  2147. 
Bäumker,  Das  kath.  Kirchenlied  2,  317.  Nicht  von  Meyfart.] 
Hancke  hat  übrigens  die  zwei  letzten  Strophen  des  Liedes 
weggelassen.  —  Das  dritte  Lied:  'Der  Wächter  an  der 
Zinnen  stand  und  hub  an  und  sangJ  findet  sich  in  einem 
vollständigem  und  bessern  Text  bei  U bland  nr.  98.  Str.  1  und 
6  und  7  des  letztern  Textes  fehlen  im  Hanckeschen  Texte, 
wie  Str.  6  und  7  auch  in  dem  niederdeutschen  Texte  fehlen, 
s.  öhlands  Schriften  4.  109.  Wenn  es  im  Hanckeschen  Texte 
oder  wenigstens  in  Töppens  Abdruck  heisst: 

Sobald  sprach  da  ein  Greif fer, 
Ein  alter  greisser  Mann  — , 

so  liegt  hier  ein  Fehler  vor,  sei  es  ein  Schreibfehler,  oder 
ein  Lesefehler,  oder  ein  Druckfehler.  Bei  Unland  lautet 
die  Stelle : 

Zuhand  sprach  sich  ein  altgreise. 
Ein   alter  greisgrawer  man. 

Endlich  das  letzte  Lied:  'Ich  fuhr  mich  über  Rhein,  auf 
einem  Lilgenblatte'  ist  eine  Variante  zu  Unland  nr.  260 


49  a.  Mich   wundert,  dass  ich    fröhlich   hin.  4'Jl 

die,  wie   es  scheint,    mit  dem    Text   eines    fliegenden    Blattes 
vom  An-I fang   des  17.  Jahrhunderts  übereinstimmt,   der   von    1250 
Unland  in  den  Anmerkungen  (Schriften  4.  240)  angeführt  wird. 
[Erk-Böhme  nr.  157  b.] 

Ich  schliesse  diese  Anzeige  mit  dem  Wunsche,  dass  sie 
zur  Verbreitung  der  dankenswerten  schätzbaren  Sammlung 
einiges  beitragen  möge. 


49  a.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin. 

(Germania  6,  368—373.   1861.) 

Unter  den  vielen  schönen  deutschen  Sprüchen,  die  in 
rechter  Stimmung  einmal  gelesen  sich  für  immer  dem  Ge- 
dächtnis einprägen,  scheint  mir  in  erster  Reihe  der  folgende 
zu  stehen: 

Ich  leb  und  weiss  nit  wie  lang, 
Ich  stirb  und  weiss  nit  wann, 
Ich  far  und  weiss  nit  wohin: 
Mich  wundert,  dass  ich  froelieh  bin. 

So  findet  er  sich  mit  der  Unterschrift  'Hsec  magister  Marti  uns 
in  ßi  brach  14983  auf  einem  Buchdeckel,  wonach  ihn  Mone 
abgeschrieben  und  im  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen 
Vorzeit  1X35,  Sp.  207  bekannt  gemacht  hat1). 

In  derselben  Form  findet  der  Spruch  sich  gegen  vierzig 
Jahre  später  in  einer  Schrift  Luthers,  der  es  für  der  Mühe 
wert  hielt  ihn  zu  bestreiten,  ein  Beweis,  wie  beliebt  er  damals 
sein  musste.  Die  Stelle  findet  sich  in  der  Schrift  'Das  XIII I. 
und  XV.  capitel  Johannis  gepredigt  und  ausgelegt.  Witten- 
berg 1538,  4°,  Bl.  Jiij1'  [Werke,  Erlanger  Ausgabe  49,  54  f.]. 
Nachdem  Luther  nämlich  Christi  Wort  'Ich  bin  der  Weg' 
erklärt,  fährt  er  also  fort:  'Sihe,  so  haben  wir  uu  dises  Spruchs 
und    des   herren   Christi   meinung,   wie   er  uns  wil  füren  von 


!)  In  sinniger  "Weise  hat  W.  Wackernagel  mit  dem   Spruche  sein 
Altdeutsches  Lesebuch  (2.  Aufl.)  geschlossen. 


422  z"r  Volksdichtung. 

allen  andern  umbschweifenden,  weitleuftigen  und  fliegenden 
gedanken  und  allein  an  sich  zihen,  auf  dass  er  uns  gewehne 
diesen  weg  zu  gehen,  damit  wir  darauf  erfunden  werden, 
wenn  alle  ander  wege  aufhören,  denn  er  wil  hiemit  seine 
jünger  und  Christen  dazu  rüsten  und  bereiten,  dass  sie 
immerdar  gewarten  des  ganges  zu  jenem  leben,  als 
369  solt  er  sagen:  |  Es  wird  im  viel  anders  mit  euch  werden,  weil 
ich  von  euch  scheide.  Der  tod  wird  euch  täglich  unter  äugen 
stossen  und  werdet  alle  stunden  warten  müssen,  dass  man 
euch  wird  martern,  würgen  und  aus  der  weit  jagen,  dass  ir 
auch  müsset  den  weg  gehen,  den  ich  izt  gehe  aus  diesen 
leben.  Darumb  sehet  zu,  dass  ir  alsdenn  wisset  wohin  ir 
den  fuss  zum  ersten  setzen  sollet,  und  den  weg  treffet,  der 
euch  tragen  kau,  das  ist,  dass  ir  fest  an  mir  hanget  etc. 
Dass  ir  nicht  also  zappelt  und  zaget  wie  die  so  von  mir  nichts 
wissen  und  iren  reim  füren: 

Ich  lebe  und  weiss  nicht  wie  lange, 
Ich  sterbe  und  weiss  nicht  wenn, 
Ich  fare  und  weiss  nicht  wohin : 
Mich  wundert,  dass  ich  frölich  bin. 

So  sollen  die  sagen,  so  diese  lere  nicht  wollen  hören,  noch 
den  weg  annemen  und  ir  leben  laug  vergeblich  ander  wege 
suchen,  denn  also  stehet  und  muss  stehen  des  menschen 
herz,  so  es  on  Christo  ist,  dass  es  immerdar  hanget  und  pam- 
pelt  in  solchem  ewigen  zweivel,  schrecken  und  zagen,  wenn 
es  des  tods  gedenkt,  dass  es  nicht  [weiss?]  wo  aus,  wolt 
gerne  dem  tod  und  der  hellen  entfliehen,  und  weiss  doch 
nicht  wie,  wie  sie  selbs  mit  diesem  reim  bekennen.  Aber  • 
ein  Christ,  als  der  diesen  weg  kennet  und  schon  augefangen 
hat  darauf  zu  gehen,  sol  das  blat  umbwenden  und  fröhlich 
also  sagen:  Da  behüt  mich  Gott  für,  dass  ich  solt  sterbeu  i 
und  von  hinnen  faren  und  nicht  wissen  wo  hin,  denn  ich  bin 
ja  in  Christum  getauft  und  gleube,  dass  er  mein  heiland  ist 
und  der  weg  dadurch  ich  gen  himel  komen  sol.  Darumb 
ob  ich  wol  nicht  weiss  wie  lang  ich  hie  bin,  oder  wenn  ich 
diesen  madensack  ablegen  sol,  doch  weiss  ich,  dass  ich  mit 
im  ewiglich  leben   werde.     Ob   im    der   alte    sack   die   äugen 


49  a.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin.  423 

und  alle  sinne  zuthut  und  nicht  weiss    wo  er  bleibt,   da    ligt 

nicht  an,  denn  er  sols  auch  nicht  wissen  noch  füllen,  sondern 

sich  auf  dem  rücken  zum  kirchhof  tragen  und  unter  die  erden 

scharren   lassen   und  zu    pulver   werden    bis  so  laug"  in  Gott 

wider  auferwecken  wird.     Aber  doch   als   ein   Christen  weiss 

ich,  Gott   lob.   wol,   wo   ich    hin  faren  und  bleiben  sol,  denn 

es  ist  mir  zugesagt  durch  taufe  und  absolutio,  item  im  sacra- 

ment.     Darumb  sol   ein  Christ  nur  getrost  diesen  reim  umb- 

keren  und  also  sagen: 

Ich  lebe  und  weiss  wol  wie  lang, 

Ich  sterbe  und  weiss  wol  wie  und  wenn 

(nemlich  alle  tage  und  stunden  für  der  weit).  | 

Ich  fare  und  weiss  wol  wohin:  370 

Mich  wundert  dass  ich  noch  traurig  bin.' 

Mit  fehlender  erster  Zeile  bringt  Stöber,  Elsässisches 
Volksbüchlein  (2.  Aufl.  1859)  1,  146  den  Spruch  bei  aus 
JVIaternus  Berler,  von  Ruffach  [1510—20],  Chronik  Bl.  246  a 
im  Code  diplomatique  de  Strassbourg  1.  129: 

Ich  stirb  und  wais  nitt  wan, 
Ich  far  und  wais  nitt  wohin, 
Mich  niempt  wunder  das  ich  frelich  bin. 

Ebenfalls  mit  fehlender  erster  Zeile,  auch  sonst  entstellt 
und  mit  dem  Zusätze  eines  andern  Spruches  fiudet  sich  unser 
Spruch  in  einer  Tübinger  Handschrift,  wohl  aus  dem  15.  Jahr- 
hundert, mitgeteilt  von  Keller  in  seinen  Altdeutschen  Gedichten 
S.  242: 

Ich  stirb  und  weiss  nicht  wem  (!) 
Ich  var  und  weiss  nicht  wohin, 
Mich  wundert  dass  ich  so  frolich  bin 
Das  ich  hab,  das  mag  ich  nicht, 
Das  ich  mag,  das  hab  ich  nicht, 
Herzen  lip,  vergiss  mein  nicht! 

Vollständig,  aber  mit  Hinzufügung  zweier  neuen  Zeilen 
steht  der  Spruch  auf  einem  Gemälde,  das  sich  über  dem 
westlichen  Eingange  der  Franziskanerkirche  zu  Heilbronn 
befunden  hat,  wie  E.  Meier  in  seinen  Schwäbischen  Volks- 
liedern S.  268  mitteilt,  ohne  jedoch  über  das  Alter  der  In- 
schrift etwas  zu  bemerken,  nämlich  also: 


424  Zur  Volksdichtung. 

Irh  Lebe  und  weiss  nicht  wie  lang, 

[ch   Bterbe   und   weiss  nicht   wann, 

Ich   fahr   und   weiss  nicht  wohin: 

Such  nimmt   wunder  dass  ich   so   fröhlich  bin. 

Wenn   ich  bedenke  den  Tod  und  die  ewige  Pein, 

So  sollt  ich   nicht  so  fröhlich  sein. 

In  Elsass  schreiben  die  Kinder  nach  Stöber  (a.  a.  0.  1, 
62)  noch  heutzutage  hantig  in  ihre  Schulbücher: 

Durch  Christi  Blut  bin   ich  erkauft 
X.   bin  ich   getauft 
N.  beiss  ich 

Gott  ist  mein  Trost,  das  weiss  ich, 
Ich  leb  und  weiss  nicht  wie  lang, 
Ich  sterbe  und  weiss  nicht  wann,  | 
371  Ich  reise  und  weiss  nicht  wohin, 

Mich  wundert  dass  ich  noch  fröhlich  bin. 

In  einer  eigentümlichen  tiefsinnigen  Fassung  las  Heinr. 
v.  Kleist,  der  im  Jahre  1801  eine  Zeitlang  am  Thimer  See 
in  einem  kleinen  Landhanse  lebte,  nnsern  Spruch  an  einem 
Hause  jener  Gegend.  Er  schrieb  damals  an  Heinrich  Zschokke 
in  Bern,  wie  dieser  in  seiner  Selbstschau  1,  205  mitteilt: 
'Wenn  Sie  mir  einmal  mit  Gessner  die  Freude  Ihres  Besuches 
schenken  werden,  so  geben  Sie  wohl  Acht  auf  ein  Haus  an 
der  Strasse,  an  dem  folgender  Vers  steht: 

Ich  komme,  ich  weiss  nicht  von  wo. 
Ich  bin,  ich  weiss  nicht  was, 
Ich  fahre,  ich  weiss  nicht  wohin, 
Mich  wundert   dass  ich  so  fröhlich  bin. 

Der  Vers  gefällt  mir  ungemein  und  ich  kann  ihn  nicht  ohne 
Freude  denken,  wenn  ich  spatzieren  gehe5. 

Es  scheint  mir  nun  nicht  unwahrscheinlich,  dass  dieser 
Spruch  nicht  ohne  Einfluss  auf  eine  Scene  der  Hermanns- 
schlacht Kleists  gewesen  ist.  In  diesem  Drama  nämlich  Iässt 
der  Dichter  im  vierten  Auftritte  des  letzten  Aktes  den  Varus 
im  Teutoburger  Walde  nachts  einer  Alraune  begegnen  und 
sie  also  fragen: 

Auf  diesen  Weg,  den  ich  im  Irrthum  griff, 

Stammmütterchen  Cheruska's,  sag  mir  au: 

Wo  komm  ich  her?  Wo  bin  ich?  Wohin  wandr'  ich? 


49b.  Zu  Arihiv  8,  133  und  12,  474.  425 

Die  Alraune     Varus,  o  Feldherr  Roms,  <las  sind  drei  Fragen! 

Auf  mehr  nicht  kann   mein  Mund  dir  Rede  stehn ! 
V  a  r  u  s.     Sind  deine  Worte  so  geprägt, 

Das*  du  wie  Stücke  Goldes  sie  berechnest? 

Wohlan,  es  sei,  ich  bin  damit  zufrieden! 

W  o  k  o  in  in  i  e  h  h  e  r  ? 
Die  Alraune.     Aus  Nichts,  Quintilius  Varus! 
Varus.     Aus  Nichts?  —  Ich  komm  aus  Arkon  heut 

—  Die  römische  Sybille,  seh  ich  wol, 

Und  jene  Wunderfrau  von  Endor  bist  du  nicht. 
Lass  sehen,  wie  du  die  andern  Punkt'  erledigst! 

Wenn  du  nicht  weisst,  woher  des  Wegs  ich  w andre: 

Wenn  ich  südwestwärts,  sprich,  stets  ihn  verfolge, 

Wo  geh  ich  hin?  | 
Die  Alraune.     Ins  Nichts,  Quintilius  Varus.  372 

Varus.     Ins  Nichts?  —  Du  singst  ja,  wie  ein  Rabe! 

Von  wannen  kommt  dir  diese  Wissenschaft  ? 

Eh   ich  in  Charons  düstern  Nachen  steige 

Denk'  ich,  als  Sieger  zweimal  noch 

Rom  mit  der  heitern  Quadriga  zu  durchschreiten! 

Das  hat  ein  Priester  Jovis  mir  vertraut. 

—  Triff,  bitt'  ich  dich,  der  dritten  Frage, 
Die  du  vergönnt  mir,  besser  auf  die  Stirn! 

Du  siehst,  die  Nacht  hat  mich  Verirrten  überfallen: 
Wo  geh'  ich  her?  Wo  geh'  ich  hin? 
Und  wenn  du  das  nicht  weisst,  wohlan : 
Wo  bin  ich?  sag'  mir  an,  das  wirst  du  wissen; 
In  welcher  Gegend  hier  befind  ich  mich  ? 
Die  Alraune:     Zwei  Schritt  vom  Grab',  Quintilius  Varus, 

Hart  zwischen  Nichts  und  Nichts!  Gehab  dich  wol! 
Das  sind  genau  der  Fragen  drei: 
Der  Fragen  mehr  auf  dieser  Haide 
Gibt  die  cheruskische  Alraune  nicht. 

Weimar,  Juli  1861. 


49  b.    Zu  Archiv  8,  133  und  12,  474. 

(Archiv  für  Literaturgeschichte  12,  640.     18S4.) 

Im  8.  Bande  des  Archivs.  S.  133,  hat  Ph.  Kohlmann  zu 
der  Stelle  in  Heinrieh  von  Kleists  Hermannsschlacht  (Akt  V, 
Auftritt  4).  wo  Varus  die  Airanne  fragt:  cWo  komm*  ich 
her?    wo    hin    ich?    wohin  wandr"   ich?J    bemerkt,    dass  dem 


42G 


Zur   Volksdichtung. 


Dichter  hier  ohne  Zweifel  jener  Spruch  vorgeschwebt  habe, 
der  an  einem  Hause  am  Thuner  See  stand  und  den  er 
seinem  Freunde  Heinrich  Zschokke  in  einem  Brief  mitgeteilt 
hat.  Ich  habe  damals  unterlassen,  in  dieser  Zeitschrift  an 
einen  bereits  1861  von  mir  in  der  Germania  6,  368 — 72, 
unter  dem  Titel  'Mich  wundert  dass  ich  fröhlich  bin'  ver- 
öffentlichten Aufsatz  zu  erinnern,  in  welchem  ich  (S.  371) 
erklärte,  es  scheine  mir  nicht  unwahrscheinlich,  dass  jener 
Spruch  nicht  ohne  Einfluss  auf  die  Stelle  der  Hermanns- 
schlacht gewesen  sei.  Jetzt  aber  veranlasst  mich  die  Miscelle 
im  letzten  Hefte  des  Archivs  S.  474  auf  meinen  Aufsatz  hin- 
zuweisen, da  ich  in  demselben  sieben,  teilweise  voneinander 
abweichende  Aufzeichnungen  jenes  Spruchs  zusammengestellt 
und  die  oben  nur  kurz  erwähnte  Erörterung  Luthers  über 
den  Spruch  vollständig  gegeben  habe.  Nachträge  zu  dem 
Aufsatz  werde  ich  nächstens  in  der  Germania  veröffentlichen. 


49  e.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin. 

(Germania  33,  313—332.     1888.) 

Unter  obiger  Überschrift  habe  ich  vor  vielen  Jahren  in 
dieser  Zeitschrift  (6,  368 — 72)  einen  Aufsatz  über  den  Spruch 
veröffentlicht,  den  Mone  von  einem  alten  Buchdeckel  ab- 
geschrieben und  in  seinem  Anzeiger  für  Kunde  der  teutschen 
Vorzeit  4  (1835),  Sp.  207  x),  also  herausgegeben  hatte: 

Ich  leb  und  waiss  nit  wie  lang', 
ich  stirb  und  waiss  nit  wann, 
ich  far  und  waiss  nit  wahin, 
mich  wundert,  das  ich  freilich  bin. 

ha?c  magister  Marti nus  in  Bibrach.    1498. 

Ich  erklärte  in  jenem  Aufsatz,  der  Spruch  scheine  mir  unter 
den  vielen  schönen  deutschen  Sprüchen,  die  in  rechter  Stimmung 
einmal  gelesen  sich  für  immer  dem  Gedächtnis  einprägen,  in 
erster  Reihe  zu  stehen,  und  wies  darauf  hin.  da.ss  W.  Wacker- 


')  Nicht  307,   wie   in   meinem  Aufsatz  verdruckt  ist. 


4!tc.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich   bin.  427 

nagel  in  sinniger  Weise  mit  ihm  sein  Altdeutsches  Lesebuch 
geschlossen  habe.  Dann  teilte  ich  eine  längere  Stelle  mit 
ans  Luthers  Schrift  'Das  14.  und  15.  Capitel  Johannis 
gepredigt  und  ausgelegt5,  in  der  der  Reformator  den  'Heini' 
anführt,  bekämpft  und  abändert,  und  wies  hierauf  den  Spruch 
mit  unwesentlichen  Abweichungen  aus  zwei  Handschriften  des 
15.  und  IG.  Jahrhunderts  und  als  Inschrift  eines  Gemäldes 
einer  Kirche  in  Heilbronn  nach,  ferner  als  Elsässer  Kinder- 
spruch und  endlich  in  eigentümlich  veränderter  Fassung  als 
Inschrift,  die  Heinrich  von  Kleist,  als  er  1801  eine  Zeit- 
lang am  Thuner  See  lebte,  an  einem  Hause  jener  Gegend 
fand  und  über  die  er  an  seinen  Freund  Heinrich  Zschokke 
schrieb,  der  'VersJ  gefalle  ihm  ungemein,  und  er  könne  ihn 
nicht  ohne  Freude  denken,  wenn  er  spazieren  gehe.  Mein 
Aufsatz  schliesst  mit  dem  Abdruck  des  Gesprächs  zwischen 
Varus  und  der  cheruskischen  Alraune  in  Kleists  Hermanus- 
schlacht, da  ich  es  für  nicht  unwahrscheinlich  hielt  und  noch 
halte,  dass  der  von  Kleist  so  belobte  Vers  nicht  ohne  Einfluss 
auf  dies  Gespräch  gewesen  ist1). 

Mein  Aufsatz    ist,    wie    es   scheint,   wenig    beachtet    und    314 
bald  vergessen  worden:  es  hätte  so  manches  Mal  auf  ihn  hin- 
gewiesen   werden    sollen,    aber    es    ist    meines    Wissens    nie 
geschehen. 

Ich  dagegen  habe  ihn  nicht  vergessen  und  den  Gegen- 
stand desselben  nicht  aus  den  Augen  verloren.  Ich  habe 
daher  im  Laufe  der  langen  Jahre  viel  über  Verbreitimg  uud 
Beliebtheit  des  Spruches,  sowie  über  seine  Herkunft  gesammelt, 
und  ich  glaube,  dass  es  an  der  Zeit  ist,  alles  dies  hiermit 
einmal  zu  veröffentlichen,  wie  ich  bereits  vor  fast  vier  Jahren 
im  Archiv  für  Literaturgeschichte  12,  640  versprochen  habe. 

')  Viel  später  hat  auch  Ph.  Kohlmann  im  Archiv  für  Litteratur- 
geschichte  8  (1878),  133  bemerkt,  es  könne  keinem  Zweifel  unterliegen, 
dass  bei  den  drei  Fragen  des  Varus  an  die  Alraune  dem  Dichter  der 
Vers  vorgeschwebt  habe.  Kohlmann  hat  von  meinem  Aufsatz  nichts 
gewusst,  ebensowenig  Schnorr  von  Carolsfeld,  der  im  genannten  Archiv 
12,  474,  an  Kohlmanns  Bemerkung  anknüpfend,  die  oben  erwähnte 
Luther-Stelle  mitteilt  und  auf  Wanders  Sprichwörter-Lexikon  2,  1849 
verweist. 


4-28  Zur  Volksdichtung. 

Ich  mache  zunächst  auf  einen  Irrtum  aufmerksam,  der 
mir  zuerst  bei  J.  von  Radowitz,  Die  Devisen  und  Motto 
des  späteren  Mittelalters,  Stuttgart  und  Tübingen  1850,  S.  86, 
begegnet,  aber  in  neuerer  Zeit  mehrfach  wiederholt  wurden 
ist.  Radowitz  sagt  a.  a.  0.:  'Kann  das  Rätsel  des  Lebens 
und  Sterbens  eigentümlicher  ausgesprochen  werden  als  in  der 
Grabschrift  des  Magisters  Martinus  von  Biberach  zu  Heil- 
bronn aus  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts?'  —  und  giebt 
dann  den  Spruch  so,  wie  ihn  Mone  a.  a.  0.  mitgeteilt  hat, 
nur  in  V.  1  und  3  ohne  'und5  und  mit  einigen  ortho- 
graphischen Abweichungen.  Radowitz  hält  also  den  von 
'Magister  Martinus  in  Biberach1  1498  in  einen  Buchdeckel 
geschriebenen  Spruch  für  des  Magisters  Grabschrift  in 
Heilbronn.  Ebenso  führt  0.  Sutermeister,  Schweizerische 
Haussprüche,  Zürich  1860,  S.  70,  zur  Vergleichung  mit  einem 
Hausspruch  aus  Turbenthal1)  die  'Grabschrift  des  Magisters 
Martinus  von  Biberacb  zu  Heilbronu  14983  an,  und  zwar 
auch  wie  Radowitz  ohne  cund°  in  V.  1  und  3.  Aus  Suter- 
meisters  Büchlein  ist  die  fGrabschriftD  in  eine  Miscelle  A.  Kuhns 
in  seiner  Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachwissenschaft  14 
(1865),  457 2)  und  daraus  wieder  in  einen  kleinen  Artikel 
Max  Müllers  in  der  Londoner  Wochenschrift  'The  Academv  . 
23.  August  1884,  S.  12*2.  übergegangen3).     Endlich    bezeichnet 


r)  Der  Mensch  gar  lichtlich  falt  zu  Grund, 

Muss  sterben  und  weiss  nicht  in  welcher  Stund. 

2)  Kuhn  hat  auf  die  Übereinstimmung  der  angeblichen  Grabschrift 
mit  einem  englischen  Spruch  in  den  Altdeutschen  Blättern  2,  142,  den 
ich  weiter  unten  mitteilen  werde,  hingewiesen. 

3)  M.  Müller  kannte  damals  auch  nur  die  'Grabschrift'  und  den 
englischen  Spruch,  und  vermutete  eine  gemeinsame  lateinische  Quelle 
beider.  CI  should  be  glad1  —  schrieb  er  -  'if  one  of  your  [i.  e.  the 
Academy's]  readers  could  point  out  the  probably  Latin  source  from 
which  the  Englisli  poet  of  the  thirteenth  Century  and  the  Svviss  [lies: 
'Suabian'!]  poet  of  the  fifteenth  Century  have  both  derived  their  in- 
spiration'.  Erst  in  der  Academy  vom  24.  Januar  1885,  S.  63,  erfolgte 
der  erhoffte  Nachweis  durch  Fr.  Novati,  der  einen  Spruch  aus  seinen 
•Carmina  latina  medii  aevi'  und  eine  Stelle  eines  dem  Walther  Mapes 
zugeschriebenen  Gedichtes  beibrachte  (siehe  unten  S.  326  und  328). 


49  c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin.  429 

auch  |  II.  Draheim  (Deutsche  Keime,  Inschriften  des   lö.  Jahr-    315 
hunderts  und  der  folgenden.  Berlin  1883,  S.  20  .  der  Radowitz. 
aber    auch   Mone    citiert,   ihn    dennoch    als  cGrabschrift\     Ich 

weiss  nicht,  ob  Radowitz  den  Irrtum  einem  Vorgänger  nach- 
geschrieben oder  ihn  selbst  zuerst  begangen  hat;  alter  wer 
auch  der  Urheber  des  Irrtums  sein  mag,  wie  kam  er  dazu. 
den  Spruch  für  eine  Grabschrift  zu  halten,  wozu  er  sich  doch 
gar  nicht  eignet,  und  die  Grabschrift  nach  Heilbronn  zu  ver- 
legen? An  letzterem  ist  vielleicht  die  oben  erwähnte  Inschrift 
eines  Gemäldes  in  einer  Kirche  zu  Heilbronn,  auf  die  ich 
auch  weiter  unten  noch  zurückkomme,  schuld  gewesen. 

Ich  teile  nun  mit,  was  mir  seit  meinem  ersten  Aufsatz 
vom  Vorkommen  des  Spruches  in  Handschriften  und  Büchern 
des  15.   bis  17.  Jahrhunderts  bekannt  geworden  ist. 

Auf  dem  zweiten  Vorsetzblatt  einer  Mai  hing  er  Hand- 
schrift ist  er,  wie  G.  Schepss  im  Anzeiger  für  Kunde  der 
deutschen  Vorzeit  1878,  Sp.  88,  mitgeteilt  hat1),  wohl  im 
Anfang  des  16.  Jahrhunderts  folgendergestalt  niedergeschrieben 
worden : 

Ich  leb  vnd  ways  nit  wie  lang 

Ich  stirb  ich  wais    nit  wan 

Ich  far  vnd  wais  nit  wohin 

Mich  nimpt  wunder  das  ich  so  frolich  bin. 

Nach  A.  von  Keller,  Fastnachtspiele  aus  dem  15.  Jahr- 
hundert. Nachlese  (Bibliothek  des  litterarischen  Vereins  in 
Stuttgart.  XL  VI),  S.  326,  findet  sich  der  'Spruch  Martins 
von  Biberach '  auch  in  einer  Augsburg  er  Handschrift  aus 
dem  zweiten  Jahrzehnt  des  16.  Jahrhunderts. 

Luther  hat  den  Spruch  nicht  nur  an  der  in  meinem 
ersten  Aufsatz  mitgeteilten  Stelle,  sondern,  wie  mir  seitdem 
bekannt  geworden,  noch  an  zwei  anderen  Stellen  citiert  und 
bekämpft.      In    seiner    Predigt    aus    dem    Jahre    1526:    'Die 


J)  Maihinger  cod.  lat.,  in  folio  (nicht  wie  im  Anzeiger  stellt:  in  4") 
mim.  lo:J>.  Herr  Dr.  Schepss  hatte  die  Freundlichkeit,  mich  auf  Beine 
Veröffentlichung  des  Spruches  hinzuweisen  und  zugleich  diese  Be- 
richtigung beizufügen. 


4H()  Zur  Volksdichtung. 

Epistel    des   Propheten  Jesaia,    so    man    in    der   Christmesse 
316    lieset,  ausgelegt  und  gepredigt")  sagt  Luther:  j 

'Wir  fahren  aus  diesem  Leben  in  die  Hände  des  Vaters, 

ja   dem   Vater  in    den   Schooss Darumb    ist   der   Reim 

und  Spruch    bei    den  Christen    nicht    wahr,    da  man  spricht: 

Ich  lebe  und  weiss  nicht,  wie  lange; 
Ich  sterbe  und  weiss  nicht,  wenne  ; 
Ich  fahre  und  weiss  nicht,  wohin: 
.Mich   wundert,  dass  ich  so'-)  fröhlich  bin. 

Sölchs  sollen  sagen  alle  Ungläubigen,  bei  welchen  solchs 
alles  wahr  ist.  Aber  ein  Christ  weiss  wohl,  wo  er  hinfähret, 
nämlich  in  eines3)  Vaters  Schooss;  so  weiss  er  auch  wohl, 
wie  lange  er  lebt,  und  wenn  er  stirbet;  denn  er  ist  schon 
todt  und  der  AVeit  abgestorben,  und  acht  das  Lehen  für  nichts. 
Darum  ists  Wunder,  wo  er  nicht  fröhlich  ist,  und  ist  so  gross 
Wunder,  als  dass  der  Gottlose  fröhlich  kann  sein.  Aber  wie 
des  Gottlosen  Freude  das  Herz  nimmer  recht  erfähret,  also 
ist  das  Trauren  eines  Christen  auch  nimmer  recht  im  Grunde 
des  Herzen3. 

Luthers  dritte  Äusserung  über  unseru  Spruch  ist  zuerst 
in  Druck  erschienen  in  der  von  Georg  Rörer  (Rorarius) 
herausgegebenen  Schrift  'Vieler  schönen  Sprüche  aus  Gött- 
licher Schrifft  auslegung,  daraus  Lere  vnd  Trost  zu  nemen, 
Welche  der  ehnrwirdige  [sie!]  Herr  Doctor  Martinus  Luther 
seliger,  vielen  in  jre  Biblien  geschrieben.  Dergleichen  Sprüche 
von  andern  Herrn  ausgelegt,  sind  auch  mit  eingemenget\ 
(Wittemberg,  Hans  Lufft  1547,  4°.)  In  dieser  Schrift,  die 
mehrfach  einzeln  gedruckt  und  auch  in  die  Gesamtausgaben 
der  Werke  Luthers  aufgenommen  worden  ist,  findet  sich  von 


')  M.  Luthers  sämtliche  Werke,  15.  Bd.,  2.  Aufl.  [=  Luthers 
Eirchenpostille.  II.  Evangelienpredigten.  Herausgeg.  von  E.  L.  Enders, 
6.  Bd.]  Frankf.  a.  M.  1870,  S.  108.  —  J.  A.  Heuseier,  Luthers  Sprich- 
wörter, Leipzig  1824,  hat  S.  30,  nr.  117  diese  Lntherstelle  benutzt, 
sowie  S.  109,  nr.  370  die  der  Predigt  über  das  14.  Kapitel  des  Johannes. 

2)  cso'  fehlt  in  einem  der  ältesten  Drucke. 

s)  Zwei  der  ältesten  Drucke  haben  'seines'. 


19c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin.  4.">1 

dem    Spruch  'So  jemand   mein    Wort   wird    halten,   der    wird 
den  Tod  nicht  sehen  ewiglich'  folgende  Auslegung1): 

'Wie  gros  vnd  mechtig  ding  ists,  vmb  einen  Christen, 
der  da  glaubt.  Dem  raus  auch  der  Tod.  Sunde  vnd  Teufel, 
weichen.  Vnd  er  fehet  auch  hie  in  dieser  zeit  das  ewige 
Leben  an.  Das  macht  Christus  Gottes  son.  an  welchs  Wort 
er  gleubt. 

Drumb  solte  ein  Christ  in  diesem  Reim. 

Ich  lebe,  vnd  weis  nicht  wie  lang, 
Ich  mus  sterben,  weis  auch  nicht  wann. 
Ich  far  von  dann,  weis  nicht  wo  hin, 
Mich  wundert,  das  ich  so  frolich  bin.  | 

die  letzten  zweii  Vers  endern,  vnd    mit  fröTichem   mund  vnd    317 

hertzen  so  reimen. 

Ich  far  vnd  weis,  Gott  lob,  wo  hin, 
Mich  wundert,  das  ich  so  trawrig  bin2). 

Gut  wers,  das  vnbusfertige  sichere  Leute  diesen  Reim, 
wie  er  von  Alters  laut,  jmer  für  äugen  hetten,  Ob  sie  der 
mal  eins  da  durch  erinnert,  klug  wolten  werden,  das  ist,  in 
sich  schlagen  vnd  bedencken.  das  sie  sterblich  vnd  keins 
augenblicks  jres  Lebens  sicher  weren,  Vnd  also  bewegt 
würden.  Gott  zu  fürchten.  Busse  zu  thun  vnd  sich  zu  bessern. 
Wie  denn  Mose  in  seinem  Psalm,  alle  Adams  kinder,  zu  Gott 


1 )  Ich  gebe  die  Stelle  genau  nach  der  Originalausgabe  (S.  x  iij1' 
und  x  iv).  In  der  Frankfurt-Erlanger  Luther-Ausgabe  steht  die  Stelle 
Bd.  52,  S.  362.  Ygl.  auch  'Dichtungen  von  D.  Martin  Luther.  Herausgeg 
von  K.  Goedeke',  Leipzig  1883.  S.  139.  —  In  Johannes  Aurifabers 
Schrift  'Auslegung  etzlicher  Trostsprüche,  so  der  Ehrwirdige  Herr, 
Doctor  Martinus  Luther,  jnn  seiner  lieben  Herrn,  vnd  guten  Freunden 
Bibeln  vnd  Postillen,  mit  eigener  handt  (zu  seinem  gedechtnis)  ge- 
schrieben' (o.   O.   u.  J.  -1°)  kommt  die  Auslegung   nicht  vor. 

2I  Luthers  Änderung  des  Reims  in  der  in  meinem  ersten  Aufsatz 
vollständig  mitgeteilten  Stelle  aus  seiner  Predigt  und  Auslegung  des 
14.  und  15.   Kapitels  Johannis  lautet: 

Ich  lebe  und  weiss  wol  wie  lang, 

Ich  sterbe  und  weiss  wol  wie  und  wenn. 

Ich  fahre  und  weiss  wol  wohin, 

Mich  wundert,  dass  ich  noch  traurig  bin. 


432  Zu'1  Volksdichtung. 

also  zu  beten,  ernstlich  vermanet.   Lere  vns,  HERR,  bedencken, 
das  wir  sterben  müssen,  Auff  das  wir  klug  werden. 

Mart.   Luth'. 

Mit  der  hier  von  Luther  vorgeschlagenen  Änderung  steht 
der  Spruch  in  einer  Handschrift  der  Grossherzoglicheu  Bibliothek 
zu  Weimar  (0.67,  S.  HO1'),  welche  am  Ende  des  16.  Jahr- 
hunderts geschrieben  ist  und  besonders  geistliche  Lieder  und 
Sprüche  enthält ').  Ebenso  führt  ihn  A.  Paudler,  Nordböhmische 
Volkslieder  (B.-Leipa  1877)  S.  44  an  als  cvon  Bartholomäus 
Schürer  auf  Grünwald  im  Jahre  1625  niedergeschrieben"2), 
und  steht  er  nach  M.  Toppen,  Volkstümliche  Dichtungen, 
zumeist  aus  Handschriften  des  15.,  16.  und  17.  Jahrhunderts 
gesammelt  (aus  der  Altpreussischen  Monatsschrift,  Bd.  9, 
besonders  abgedruckt.  Königsberg  1873),  S.  77,  nr.  '2)3,  mit 
der  Unterschrift  'Lutheri  rythmusJ  in  einem  Stammbuch  der 
Gymnasialbibliothek  zu  Tliorn  (R.  octavo  14)3).  | 

[Der  dänische  Dichter  B.  S.  Inge  mann,  der  durch  den 
Prediger  F.  Fenger  auf  Luthers  oben  abgedruckte  Äusserung 
hingewiesen  worden  war,  wurde  dadurch  kurz  vor  1855  zu 
folgendem  Liede  angeregt,  das  1872  im  Tillaeg  til  Psalmebog 
for  Kirk-  og  Hus-Andagf  nr.  810  Aufnahme  fand  und,  wie 
Herr  Rudolf  Schmidt  mir  schrieb,  häufig  gesungen  wird: 

1.  Jeg  lever  og  ved,  hvorlsenge  fuldtröst , 
Jeg  lever,  til  Herren  mig  kalder; 

Jeg  lever  og  venter  den  kaldende  Rost; 
Jeg  lever  som  Gj festen  paa  fremmed  Kyst, 
Til  Faderen  Barnet  hjemkalder. 

2.  Jeg  dör,  og  jeg  ved,  hvad  Time  det  sker, 
Det  sker  i  Beskikkelses-Stunden; 

Jeg  dör,  naar  mit  Oje  Fuldendelsen  ser, 
Jeg  dör,  naar  ej  Döden  truer  mig  mer, 
Men  Kilden  til  Livet  er  funden. 


')  Z.  2  lautet  hier:  Ich  mus  sterben,  weis  nicht  wann. 

2)  Die  beiden  ersten  Zeilen  lauten  hier: 

Ich  lebe   und  weiss  doch  nicht  wie  lang, 
Ich  muss  sterben  und   weiss  nicht  wen. 

3)  Z.  2  lautet  hier:  Ich  sterbe  undt  weiss  nicht  wan.  —  In  Z.  4 
fehlt  cso\  -  -  Toppen  verweist  auf  die  Wittenberger  Ausgabe  der  Samm- 
lung 'Viel  schöner  Sprüche  ....  Auslegung'   vom  Jahre   1559,  S.  135h. 


49  c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin.  433 

3.  Jeg  rejser  og  ved,  hvor  Itejsen  gaar  hen, 
Den   gaar  til  Gruds  evige  Rige; 

Jeg  rejser  til   Aandernes  Fader  og  Yen. 
Til  Landet,  hvor  aldrig  med  Sorg  igjen 

Fra   Sjivlene  Sjadene   vige. 

4.  Jeg  lever  et  saligt  Liv  alt  i  (unl. 
Jeg  dör  kun  for  evigt  at  leve  ; 

Jeg  rejser  med  Glsedens  det  evige  Bud, 
llvi   aander  jeg  ikke  den  Gla?de  ud 
Hver  Stund,  jeg  i  Verden  mon  leve!] 

In  einer  Handschrift  des  15.  Jahrhunderts,  welche  Gebete  318 
und  Minieres  enthält,  steht,  wie  mir  ihr  Besitzer  Dr.  Oswald 
Zingerle  freundlichst  mitgeteilt  hat,  auf  einem  ursprünglich 
leergelassenen  Blatt  von  einer  Hand  des  17.  Jahrhunderts 
nebst  anderen  Versen  auch  unser  Spruch,  von  Magister 
Martins  Niederschrift  nur  orthographisch  und  durch  'Ich  far 
•dahin'  und  'so  frelich'  abweichend. 

Auch  in  der  Sprichwörtersanimlung  'Der  Teutschen  Weiss- 
heit von  Fridericus  Petri\  Hamburg  1605.  dritter  Teil,  Seite 
Put  viija,  weicht  der  Spruch  von  Magister  Martin  nur  durch 
die  Rechtschreibung  und  durch  'nicht'  und  'sterb'  ab. 

Dagegen  lautet  er  in  Christoph  Lehmanns  Tlorilegium 
Politicum'  nach  Hoffmann  von  Fallersleben,  Spenden  zur 
deutschen  Literaturgeschichte  1  (Leipzig  1844),  S.  77  (vgl. 
auch    des  letzteren  Findlinge  1,  463): 

Ich  lebe,  weiss  nicht  wie  lang, 

Ich  sterbe,  weiss  nicht  wann, 

Ich  fahre,  weiss  nicht  wohin, 

Mich  wundert,   dass   ich  noch  so  fröhlich  bin. 

Ebenso,  nur  mit  'leb',  csterb\  'fahr'  und  Weglassung  von 
''so',    giebt    ihn   K.   F.    W.    Wander,    Deutsches  Sprichwörter- 
Lexikon  2,  Sp.  1849,  nr.  56,  und  verweist  dazu  auf  (i ruter 
(Flori  legi  uiii     ethico-politicum,    Frankf.     1610 — 12)     3,     52; 
Petri    (Der    Teutschen    Weisheit)    3,     7;    (Simon)    Pauli. 
Postilla  •_'.  235a;    Heuseier  (Luthers  Sprichwörter)   117  und 
370;    Simrock   (Die  deutschen  Sprichwörter)   2811.     Sodann 
1  giebt  Wander  noch  Luthers  Änderung  des  Spruches  aus  dessen 
;  Predigt  über  das   14.   Kapitel  Johaniiis   und  schliesst  mit  fol- 
!  gendem  Citat,    das   ich   leider  nicht  nachschlagen  kann:  'Vor 

Köhler,  Kl.  Schriften.  HI.  28 


^34  Zur  Volksdichtung. 

Zeiten  haben  die  Klosterleute  gesagt:  Ich  lebe,  und  weiss 
nicht  u.  s.  w.'  Herberger  (Hertz,  Postille,  Leipzig  1612)  2,  210. 
[In  Jacob  Funckelins  Tragödie  vorn  reichen  Mann  und 
armen  Lazarus  (Bern  1551.  Akt  5,  Sc.  1)  ruft  der  reiche 
Mann  sterbend  aus: 

O   solt    ich    ewig   syn    vff  erden! 

Ich  bsorg,  mir  werd   vil  würss  dort  werden. 

Ich  stirb  vnd  far,  weiss  nit  wohin, 

Wie  künd  ich  jmmer  frölich  syn! 

Joh.  Chr.  Rinder,  Deutliche  Merkmaale,  dass  dem  Herrn  Dr. 
Gaar  sein  Gewissen  müsse  geschlagen  haben  (Jena,  um 
1755)  S.  50: 

Ich  fahre,  ach!  ich  fahr'  und  weiss  doeli  nicht   wohin, 
Weil  meiner  Seligkeit  ich  nicht  versichert  bin.] 

Zu  dem  Vorkommen  des  Spruches  mit  fehlender  erster 
Zeile  (Germania  6,  370)  habe  ich  jetzt  folgendes  nach- 
zutragen. In  einer  ohne  Ort  und  Jahr  (wahrscheinlich  zu 
Tübingen  1501)  erschienenen  Sammlung  von  Schriften  Heinrich 
Beb  eis,  welche  der  'Liber  hymnorum  in  nietra  noviter  redac- 
torura3  eröffnet,  befinden  sich  auch  cVersiculi  quidam  Henrici 
Bebelii  lustingensis  egregias  sententias  in  se  coutinentes', 
d.  h.  in  lateinischen  Hexametern  und  Distichen  verfasste  Über- 
setzungen von  zehn  deutschen  Reimsprüchen,  welche  letztere 
immer  der  Übersetzung  nachfolgeu.  Darunter  lesen  wir,  nach 
319  G.  W.  |  Zapf,  H.  Bebel  nach  seinem  Leben  und  SchriftenJ 
Augsburg  1802,  S.  1361)  an  zweiter  Stelle: 

Cur  ego  mortalis  possum  letarier  unquam  ? 

Tempus  enim,  quo  sum  vel  moriturus,  erit. 
Sed  quando  immineat,   nunquam  cognoscere  possum, 
Et  quo  perveniam,  nescius  atque  miser, 
Ich  stirb  vnd  waiss  nit  wan, 
ich  far  vnd  waiss  nit  wa  hin, 
mich  nempt  wunder,  das  ich  frelich  bin. 

Genau  dieselben    drei  Zeilen    und    mit    der  Unterschrift 
'Heinrich  Bebel    in    Tübingen    1497'    giebt    Wilhelm    Krühne 
unter  anderen  'deutschen  Volksdevisen  aus  dem   14.,  15.,  16 
und  17.  Jahrhundert  aus  handschriftlichen  Stammbüchern'  in 


')  Vgl.  auch  W.  H.  D.  Snringar,  H.  Bebeis  Proverbia  Germanica, 
Leiden  1879,  S.  164.. 


49c.  Mich  wundert,  ilass  ich  frülilich   bin. 


435 


Westermanns    [llustrirten    Deutschen    Monatsheften    nr.    78, 
März  1863,  S.  620. 

Ich  wende  mich  nun  zu  dem  Vorkommen  unseres  Spruches 
als  Inschrift. 

Schon  im  ersten  Aufsatz  (S.  370)  konnte  ich  nach  E.  Meier, 
Schwäbische  Volkslieder  S.  268,  mitteilen,  dass  er,  um  zwei  Verse 
vermehrt,  früher  sich  als  Gemälde-Inschrift  in  der  1688  von  den 
Franzosen  verbraunten  Franziskanerkirche  in  Heilbronn  be- 
funden hatte.    Hierzu  habe  ich  folgende  interessante  Nachträge. 

Die  königliche  öffentliche  Bibliothek  in  Stuttgart  besitzt 
zwei  Exemplare  einer  handschriftlichen,  1729—31  von  Friedrich 
Ludwig  Kunze!  verfassten  Geschichte  Heilbronns,  das  eine 
(Cod.  histor.  4°.  134)  in  lateinischer  und  deutscher,  das  andere 
(Cod.  histor.  fol.  528)  nur  in  deutscher  Sprache.  In  letzterem 
findet  sich  (Bl.  40)  eine  Zeichnung  des  Gemäldes  mit  unserem 
Spruch,  von  der  ich  hier  eine  Wiedergabe1)  nebst  dem,  wasKiinzel 
dazu  schreibt,  folgen  lasse:  c0b  dem  Eingang  der  kirchen  gegen 
westen  war  in  eben  diesem  gewölb  (d.  h.  in  dem  mit  bemalten 
Brettern  beschlagenen  Decken-  |  gewölbe)  ein  besonders  gemählt  320 
zu  seilen,  umb  welche  [sie!]  diesse  reimen  zu  lesen  waren: 


f  4{ftaX]]pßtfrWL<?M 


l)  Sie  ist  nach  einer  Durchzeichnung  gefertigt,  die  Herr  Bibliothekar 

Dr.  Hermann  Fischer  in  Stuttgart  (jetzt  Professor  in  Tübingen),  nach- 
dem er  mir  von  Künzels  Handschrift  freundlichst  Nachricht  gegeben 
und  ich  ihn  um  ein  Facsimile  der  Abbildung  gebeten   hatte,    die  grosse 


Gefälligkeit  gehabt  hat  selbst  zu  machen. 


28* 


436 


Zur  Volksdichtung. 


Ess  sind  zwar  diesse  reimen  wohl  in  der  gantzen  Christen- 
heit bekand,  wenige  aber  auch  von  den  Gelehrten  wissen, 
dass  diese  Kirch  der  ortli  gewessen,  von  welchen  [sie]  sie 
ursprünglich  hergekommen  sind'. 

Kanzel  verweist  dann  noch  auf  den  andern  Theil  der 
Memorabilinm  des  Johannes  Wölfin  s  pag.  822,  d.  h.  auf 
Johannes  Wolf,  Lectionum  memorabilium  et  reconditarum 
tomus  II,  Lauingae  1600,  mit  dem  Bemerken,  dass  die  von 
Wolf  beigefügte  Figur  völlig  nicht  aecordire  und  die  zwei 
letzten  Verse  ausgelassen  seien.  Die  Worte  Wolfs,  der  seine 
letzten  Lebensjahre  in  Heilbronn  verbrachte  und  daselbst  im 
Jahre  1600  starb,  mögen  hier  als  Seitenstück  zu  den  obigen 
Äusserungen  Luthers  einen  Platz  finden,  ebenso  wie  der 
allerdings  von  Künzels  Abbildung  sehr  abweichende  Holz- 
schnitt.    Wolf  schreibt: 

Dubia  salus  Concilii  Tridentini. 
De  salute  jeterna  et  redemtore  suo  dubitandum  esse 
Christianis,  huc  usque  docuerunt  Papistae :  immemores  statuti, 
quod,  dubius  sit 
habendus  pro  in- 
fideli:  et  haue 
doctrinam  suam 
eos  non  puduit 
tarn  verbis  quam 
publicis  scriptis 
et  picturis  passim 
exprimere:  ut  in  j 
321  exemplum  huius 
reperitur  in  qua- 
dam  primaria  ad 
Neccararn  urbe 
figura  cum  rhvtli- 
mis  sequentibus, 
in  templo  Francis- 
canorum  ad  sup- 
rema  laquearia 
depieta.       Sed 


4'.ir.  Mich   wundert,  dass  ich  fröhlich  bin.  437 

huius   blasphemi   in  Salvatorem,  et  quod  a  quibusdam  etiam 
[esuitis  improbatur,   commenti  causas  mox  audiemus.3 

Auch  in  der  von  dem  königlichen  statistisch -typo- 
graphischen Bureau  in  Stuttgart  herausgegebenen 'Beschreibung 
des  Oberamts  Heilbronn3  (Stuttgart  1865)  ist  des  Bildes  und 
seiner  Inschrift  gedacht,  und  letztere  mitgeteilt.  Es  heisst 
da  S.  182:  'Am  westlichen  Portal  waren  Christi  Marter-  322 
Werkzeuge  dargestellt  mit  der  Inschrift:  Ich  leb.  und  weiss 
nicht  wie  lang, 


Eine   Inschrift,  die  später  weithin  verbreitet  worden  ist'. 

Nach  der 'Beschreibung3  a.  a.  0.  hatten  die  Mönche  1">17 
die  Kirche  mit  Deckengemälden,  acht  Heilige  darstellend, 
versehen  lassen.  Man  wird  wohl  annehmen  dürfen,  dass 
auch  unser  Gemälde  damals  gemalt  worden  ist.  also  zu  einer 
Zeit,  wo  der  Spruch  schon  lange  bekannt  und  verbreitet  war. 

Im    Schlosse    Tratzberg    in   Tirol,    und    zwar    in    dem 

ältesten  Zimmer,    das    von    alters    her,    auch   in  Inventarien, 

das   Maximilianszimmer   geheissen    hat.   ist   unser   Spruch   an 

das  Wandgetäfel  mit  Kreide  also  geschrieben: 

ICH  Leb  Waiss  Nit  Wie  Lang 

Und  Stürb  Waiss  Mt  Wan, 

Muess  Fahren  Weiss  Nit  Wohin, 

MICH  Wundert  Dass  Ich  |  So  Freiich  Bin. 

Die  Tradition  schreibt  die  Inschrift  dem  Kaiser  Maximilian 
zu.  der  oft  in  Tratzberg  geweilt  hat,  und  die  Schrift  ist  des- 
halb vor  etwa  vierzig  Jahren  sorgfältig  erneuert  worden. 
Nach  Herrn  Dr.  Oswald  Zingerle  kann  aber  der  Spruch  von 
Kaiser  Maximilian  nicht  geschrieben  sein,  da  der  Charakter  der 
Schrift  vielmehr  auf  das  Ende  des  IG.  Jahrhunderts  hinweist1). 


M  Mein  Freund  Professor  Dr.  Ernst  Kuhn  in  München  hat  mich 
zuerst  auf  die  Inschrift  in  Tratzherg  hingewiesen.  Er  hatte  in  einem 
Exemplar  der  Germania  zu  meinem  ersten  Aufsatz  die  handschriftliehe 
Notiz  eines  Unbekannten  gefunden,  dass  Kaiser  Maximilian  den  Spruch 
in  einem  Zimmer  des  Schlosses  Tratzberg  mit  Kreide  an  die  Wand 
geschrieben  habe.  Das  Nähere  erfuhr  ich  dann  durch  gütige  Yermitte- 
lung  des  Herrn  Professors  Dr.  Ignaz  Zingerle  von  Herrn  Graten  Hugo 
von  Enzenberg,  einem  der   Besitzer  von  Tratzberg,  und  von  dem   Sohne 


438  Zur  Volksdichtung. 

Mehrfach  hat  man  in  neuerer  Zeit  den  Spruch  als 
Inschrift  an  Häusern  nachgewiesen.1) 

So  erzählt  Karl  Blind  in  The  Acaderny'  vom  30.  August 
1884,  S.  139,  dass  er  ihn  vor  mehr  als  vierzig  Jahren  an 
einem  Bauernhaus  in  der  Rheinpfalz  in  folgender  Fassung 
gefunden  habe: 

Ich  leb,  ich  weiss  nicht  wie  lang, 
Ich  sterb,  ich  weiss  nicht  wann, 
Ich   fahr,  ich  weiss  nicht  wohin, 
Mich   wundert,  dass  ich  sc  fröhlich  bin. 

In  der  gleichen  Fassung,  nur  mit  der  Variante  'und 
weiss'  statt  'ich  weiss'  und  mit  der  Unterschrift  'Michael 
323  Dengel.  Anno  1766J  ist  j  der  Spruch  von  einem  Haus  in 
Kelling  in  Siebenbürgen  mitgeteilt.  (Zur  Volkskunde  der 
Siebenbürger  Sachsen.  Kleinere  Schriften  von  Josef  Haltrich. 
In  neuer  Bearbeitung  herausgegeben  von  J.  "Wolf.  Wien  1885, 
S.  437.) 

Nach  K.  Mündel,  Haussprüche  und  Inschriften  im  Elsass, 
Strassburg  1883,  S.  21,  steht  an  einem  Haus  in  Sulzern  im 
Kreis  Colmar: 

0  Mensch,  o  Mensch,  bedenk  Dein  Eud.  denn  Du  wisse, 
dass  Du  sterben  musst. 

Ja  ich  lebe  und  ich  weiss  nicht  wie  lang, 
Ich  muss  sterben  und  weiss  nicht  wann, 
Ich  fahr  und  weiss  nicht  wohin, 
Mich   wunderts,  dass  ich  so  freudig  bin. 

Die  kleine  Sammlung  'Deutsche  Haussprüche  aus  Tirol, 
gesammelt  von  W.  0.',  Innsbruck  1871,  S.  28 2)  bringt  den 
Spruch  vom  Domanig-Wirtshaus  vor  dem  Schönberg  und 
aus  Telfes  in  Stubai  also: 


Ignaz  Zingerles,  Herrn  Dr.  Oswald  Zingerle,  welcher  letztere  die  grosaj 
Güte  hatte,  sich  eigens  nach  Tratzberg  zu  begeben  und  den  Sprue! 
mir  abzuschreiben. 

')  [Nach  Hörmann,  Eaussprüche  aus  den  Alpen  1892  S.  131  stellt  er 
';im  Domanig  Wirtshaus  auf  dem  Schönberg;  Var.  Grasboden  nr.  5:'>  am 
Schönberg;  Schloss  Tratzberg  (IC.  Jahrb.);  Teiles  in  Stubai'.] 

-)  Aus  bester  Quelle  weiss  ich,  dass  die  Buchstaben  W.O.  die  Ge- 
brüder Wolfram   und  Oswald  Zingerle  bedeuten. 


49c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich   bin.  43'.* 

Ich  leb',   weiss  nicht  wie  lang, 

Ich   sterb1   und  weiss  nicht   wann. 

Ich  fahr",  weiss  nicht  wohin, 

Mich    wundert,   dass  ich   so   fröhlich  hin. 

Ganz  ebenso,  nur  mit  'Wie  kommts"  statt  "Mich  wundert1  hat 
H.  Dralieim  a.a.O.,  S.  20,  den  Spruch  mit  der  Bemerkung: 
'Noch  heutzutage  an  Häusern  in  Schwaz  und  im  StubaithaU 
[Graf  Enzenberg  erinnert  sich,  den  Spruch  auf  einem  jener 
Prunksiebe  gelesen  zu  haben,  welche  die  Tiroler  Fuhrleute 
am  Vordergiebel  ihrer  Lastwagen  da,  wo  sich  die  Leinendecke 
schloss,  zu  führen  pflegten.  —  Nach  Alois  Menghins  Bericht 
lautet  ein  bei  den  Landleuten  im  Etschlande  (Tramin,  Kaltem, 
Neumarkt)  übliches  Nachtgebet:  'Ich  muss  sterben.  Ich  weiss 
nicht  wie.  ich  weiss  nicht  wo,  ich  weiss  nicht  wann:  aber 
•das  weiss  ich,  wenn  ich  in  einer  Todsünd  stirb,  bin  ich  ver- 
loren auf  ewig.'] 

Endlich  findet  sich  in  der  Sammlung  'Deutsche  Inschriften 
an  Haus  und  Geräth',  Berlin  1865,  S.  9,  fünfte  verbesserte 
Auflage,  Berlin   1888,  S.  16,  der  Spruch  in  folgender  Gestalt: 

Ich  lebe  und  weiss  nit  wie  lang, 
Ich  sterbe  und  weiss   nit  wan, 
Ich  fahre   aus  und  weiss  nicht    wohin, 
Darum  ich  stets   in  Sorgen  bin. 

Ein  Fundort  dieser  Fassung  des  Spruches  ist  in  der  1. 
und  2.  Auflage  nicht  angegeben,  aber   in  der  5.    (die  3.  und 

4.  sind  mir  nicht  zugänglich)  steht  Heilbronn  unter  dem 
Spruch1). 

Dem  Eisleber  am  13.  März  1616  gestorbenen  Buchdrucker    324 
Jacob  Gaubisch  schrieb  ein  Johannes  Ende  eine  längere,  dem 
Verstorbenen  in  den  Mund  gelegte  Grabschrift,  die  so  beginnt: 

*)  In    derselben    Sammlung     rindet    sich    zuerst    in    der  '_'.  Auflage 

5.  14  (=  5.  Aufl.  S.  16)  nachstehende  Umänderung  des  Spruches,  die  mit 
der  einen  Luthers  (s.  oben  S.  317)  fast  ganz  übereinstimmt: 

Ich  lebe  und  weiss  wo!   wie  lang, 

Ich  sterbe  und  weiss   wohl   wann, 

Ich  fahre   aus  und  weiss  wol  wohin, 

Mich   wundert,  dass  ich   noch  traurig  bin. 
Als  Fundort  ist  Eisenach  genannt,  aber  ich    habe    bisher   vergeblich  zu 
ermitteln  gesucht,  wo  der  Spruch   in   Eisenach   zu  finden  ist. 


440  Zur  Volksdichtung. 

Icli   leb   und   weiss  je  nicht  wie  lang, 
Muss  sterben  zwar  und  weis  nicht  wann. 
A.ch  wie  gehts  doch  so  elend  zu, 
Hab  ich  doch  weder  Rast  noch    Ruh. 

S.  die  Zeitschrift  des  Harz-Vereins  für  Geschichte  und  Alter- 
tumskunde 19  (1886),  373. 

In  neuerer  Zeit  hat  Franz  Hirsch  unsern  Spruch  recht 
hübsch  als  Refrain  in  einem  Gedicht  verwendet,  welches  in 
der  Deutschen  Dichterhalle,  Bd.  5  (Leipzig  1876)  nr.  14,  S.  221 
veröffentlicht  worden  ist  und  hier  wiederholt  werden  mag. 

Der    Yagant   vor   Mailand. 

(Mit  Benutzung  eines  alten  Refrains.) 

Sie  fragten  mich,  warum  ich  so   froh. 
Wann  ich  geboren  und  wie  und  wo; 
Woher  mein  Brot,  wohin  mein  Weg, 
Wohin  mein  müdes  Haupt  ich  leg! 
Pfaffen  und  Laien,  Ritter  und  Knecht 
Hören  mein  Lied,  es  ist  ihnen  recht; 
Walther  bin  ich,  der  Erzpoet. 
Wi>st  ihr,  wie  mir  der  Glaube  steht  V 
Ich  leb',  ich  weiss  nicht  wie  lang, 
Ich  sterb',  ich  weiss  nicht  wann, 
Ich  fahr1,  ich  weiss  nicht  wohin, 
Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin. 

König  Friedrich,  ruhmreicher  Kriegesheld, 
Italiens  Sonne  bestrahlt  dein  Zelt; 
Mailandbezwinger,  ich  folge  dir; 
Eia,  wie  flattert  dein  staulisch  Panier! 
Lombardische  Mädchen,  schwarz  und  weiss, 
Euch  tönt  mein  Sang  laut  und  leis. 
Laut  in  den  Zelten  bei  Würfel  und  Wein, 
Leise  tönt's  nächtlich  im  Kämmerlein: 
Ich  leb',  ich  weiss  nicht  wie   lang  u.  s.  w., 

Doch  Eins  in  Welschland  hat  mich   gekränkt: 
Dass  man  den  Wein  mit   Wasser  vermengt, 
Und  dass  bei  den  Frauen  zu  jeder  Frist 
Süsszüngelnd  ein  gelblicher  Pfaffe  ist. 
Dich  grüss'  ich,  deutsches   Geländ'  am  Rhein. 
Wo  man  den  Roten  rein  schenkt  ein. 
Fort   Heimweh!  Töne  Vagantenlied, 
Das  sehnend  über  die  Alpen  zieht: 
Ich  leb',  ich  weiss  nicht  wie  lang,  u.  s.  w. 


49c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  l>in.  441 

[Auch  bei  Franz  v.  Kohell  (Gedichte  in  oberbayerischer 
Mundart,  5.  Aufl.  1855,  S.  81)  klingt  in  dem  Gedichte  'Ge- 
dankV  der  alte   Spruch   durch: 

Ja,  ja,  es  is  bsunders  dees  Lehn  dahier, 
Dass  oana  gern  da  waar,  was  kann  er  dafür, 
Und  do1  inuss  er  fürt,  muss  gar  gschwindi  dahi', 
Oft  wunderts  mi',  dass  i'  so  tusti'  b'i'.] 

Ich  lasse  nun  einige  alte  Umbildungen  unseres  Spruches 
folgen. v) 

In  der  München  er  Handschrift  Clm.  9804  aus  dem 
15.  Jahrhundert  hat  mein  Freund  Dr.  Franz  Weinkauff  in  Köln 

folgenden  Spruch  gefunden: 

Ich  leb  ich  wais  nicht  wie  ignis 

vnd   arhait  ich   wais  nit  wann  terra 

vnd  stirb  ich   wais  nicht  wen  aer 

vnd  var  ich   wais  nich  wo  hin  aqua 

Welt  der  nach  rieht  dein   sinn.  ] 

Was  die  Beischrift  der  lateinischen  Worte  für  die  vier  Elemente    325- 
bedeuten  soll,  darüber  unterlasse  ich  Vermutungen  zu  äussern, 
dagegen  kann  ich    die    Vermutung   nicht   unterdrücken,    dass 
Z.  2  'wem'   (statt  'wann')   und   Z.   3  'wann'  (statt  cwenJ)   ge- 
lesen werden  muss. 

In  der  oben  S.  317  [hier  432]  erwähnten  we  im  arischen 
Handschrift  folgt  S.  llla,  unmittelbar  nach  dem  Spruch  mit 
Luthers  Änderung  der  beiden  letzten  Verse,  nachstehende 
Umarbeitung: 

Du  lebst  dahin,  weist  nicht  wie  lang, 
Must  auch  sterben,  vnd  weist  nicht  wan, 
Du  iehrst,  weist  kaum,  wro  ein, 
Schau  zu,  wie  führst  das  leben  dein. 

In  einer  Heidelberger  Handschrift  des  15.  Jahrhunderts 
steht  nach  K.  Bartsch,  Die  altdeutschen  Handschriften  der 
Universitätsbibliothek  in  Heidelberg,  S.  26,  nr.  62,  61a: 


l)  [Ohne  Quellenangabe  citirt  II.  K.  v.  M[eltzl],  Goethe  und  das 
Monstrum  oder  Hochzeit  von  Sonne  und  Mond  (Klausenburg  1886)  S.  IT 
'den  alten  deutschen  Spruch'  mit  einer  neuen  zwischen  dein  2.  und  3. 
Verse  eingeschobenen  Zeile:  'Ich  komm,  ich  weiss   nit  woher.'] 


1  [~2  Zur  Volksdichtung. 

Kin   gar  gute    kurtze    nütze   lere. 
Wirp  uinli  gut  du    enweist    weine      Stirp  du    enweist  wenne     Var 
du   enweist   alter  nit   war. 

Endlich  ist  noch  zu  erwähnen,  dass  an  einem  Haus  in 
dem  Tiroler  Dorf  Schupfe  (nr.  97)  folgender  Spruch  steht 
(Deutsche  Haussprüche  aus  Tirol,    S.  28): 

Ich  stirb  und  reis',  weiss  nicht  wohin, 

Das  kommt,  weil  ich  nicht  wachtbar  bin.  — 

Dies  ist  es,  was  ich  über  die  Verbreitung  und  mannig- 
fache Verwendung  unseres  Spruches  gesammelt  habe.  Jetzt 
wende  ich  mich  zu  seiner   Herkunft. 

Es  war  mir.  als  ich  meinen  ersten  Aufsatz  schrieb,  ent- 
gangen, dass  W.  Wackernagel  in  der  1853  erschienenen  zweiten 
Abteilung  seiner  Geschichte  der  deutscheu  Litteratur,  S.  288 
(§  81),  Anm.  37,  ganz  kurz  bemerkt  hat:  'Auch  der  Spruch 
M.  Martins  von  Biberach  LB.  1,  1071  aus  dem  Lateinischen: 
Aufsess  und  Mones  Anzeiger  3,  32,  12. J 

An  genannter  Stelle  hat  nämlich  Mone  unter  anderen 
lateinischen  Versen  caus  dem  16.  Jahrhundert  von  Buchdeckeln" 
folgende  leoninische,  der  lateinischen  Prosodie  Hohn  sprechende 
Hexameter  mitgeteilt : 

Tria  sunt  vere,  quae  faciunt  nie   semper  dolere, 
primum  est  durum  ,  quia  scio  me  niorituruni, 
secundum  timeo,  quia  nescio  tempus  quando, 
tertium   hinc  flebo,  quia  ignoro,  ubi  manebu1).    j 

:32b  Von  diesen  lateinischen  Hexametern  kann  ich  jetzt  noch 

sechs    andere,    unter    sich    in    einzelnen  Worten    und  Wort- 
stellungen abweichende  Texte  beibringen. 

In  der  englischen  Übersetzung  der  Gesta  Romanoruin, 
welche  in  einer  Handschrift  des  15.  Jahrhunderts  (British 
Museum.  MS.  Harl.  7333)  erhalten  ist.  liest  man  in  der  diesem 


*)  Suringar,  a.  a.  O.  S.  598,  bemerkt  zu  diesen  Versen:  'Violato 
metro,  quo  singuli  versus  laborant,  si  quis  mederi  volet,  scribere 
poterit: 

Sunt  tria   nain   vere,    faciunt    quae  me  usque  dolore: 

Est  primum  durum,  quoniam  scio  nie  moriturum; 

Tum  sequitur,  timeo,  quia  nescio  tempora  quando; 

Postremum,  flebo,   quod  nescio  tum  ubi  manebo.' 


49  c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  hin.  443 

englischen  Texte  eigentümlichen  'Moralite5  zur  Geschichte  von 

den  drei  Kästchen1)  nachstehendes: 

And    perfore    saide   a  certayne   saynt,    in    vitis    patruni, 

this  in  verse, 

Sunt  tria,  que  vere  me  faciunt  sepe  dolere. 
Est  primum  durum,  quoniam  scio  me  moriturum: 
Est  magis  addendo  moriar,  set  [sie!]  nescio  quando; 
Inde  magis  flehe-,  quia  nescio  quo   remaneho. 

This  is  to  say. 

Thre  thinges  ben,  in  fay, 
That  makith  me  to  sorovve  all  way: 
On  is  that  I  shall   henne; 
An  othir,  I  not  neuer  when ; 
The  thirde  ist  my  most  eare, 
I   wot  not  whethir  I  shall  fare. 

Secundum  illud  in  vitas  patrum,  Ther  ben  iij.  thingis  pat  l 
drede;  On  is,  pat  I  shall  passe;  anoper  is,  I  not  when.  and 
eome  afore  pe  dorne;  the  third  is,  I  not  whedir  pe  sentence 
shall  go  for  me  or  agenst  me. 

Zu  dieser  Stelle  bemerkt  der  neueste  Herausgeber  der 
englischen  Übersetzungen  der  Gesta  Romandrum,  dass  sich  in 
einer  Handschrift  der  Cambridger  Universitätsbibliothek 
<'MS.  Ii,  VI.  4,  lf.  153,  backJ)  folgende  cslightly  different 
Version3  der  lateinischen  Verse  finde: 

Sunt  tria,  que   vere  me  faciunt  sepe  dolere. 
Est   primum   durum,   quia  nosco  me  moriturum, 
Est  aliud  dando  planctum,  quia  nescio  quando; 
Et  tercium  flebo,  quod  nescio  quo  remaneho. 

Eine  vierte  Version  hat  Francesco  Novati  in  den  cCarmina 
medii  aevf,  Firenze  1883,  S.  43  aus  einer  Handschrift  der 
Stadt  Siena  veröffentlicht,     Sie  lautet: 

Sunt  tria,  quae  vere   faciunt  me  sepe  dolere:  327 

Est  primum  durum,  quod  scio  me  moriturum; 
Est  gemitus  dando,  quod  moriar  nescio  quando; 
Posterius  flebo,  quod  nescio  quo  remaneho. 


a)  The  Early  English  Versions  of  the  Gesta  Romanoruin.  Formerly 
edited  hy  Sir  F.  Madden  for  the  Roxburghe  Club,  and  now  re-edited  .... 
by  S.J.  H.  Herrtage.  London   1879,    S.  304. 


■  14  1  Zur  Volksdichtung. 

Einen  fünften  Text  enthält  ein  im  Britischen  Museum  be- 
findlicher Holzschnitt  des  15.  Jahrhunderts,  der  die  sieben 
Lebensalter  nebst  der  crota  vite  que  fortuna  vocatur0  darstellt1). 
Am  Fusse  dieses  Holzschnittes  stehen  folgende  Verse: 

Est  hominis  Status  in  floro  significatus, 
Flos  cadit  et  periit,  sie  liomo  cinis  erit. 
Si  tu  sentires,  quis  eases  et  unde  venires, 
Nunquam  rideres,  sed  omni  tempore  fleres. 
Sunt  tria,  que   vere   faciunt  me  sepe  dolere: 
Est  primum  durum,  quod  scio  me  moriturum; 
Secunduni  timeo,  quia  hoc    nescio  quando; 
Hinc  tercium  flebo,  quod  nescio  ubi  manebo. 

Eine  sechste  Fassung  ans  dem  16.  Jahrhundert  steht  au 
dem  Chorgestühle  der  Schässburger  Bergkirche  und  lautet 
(J.  Haltrich,  Zur  Volkskunde  der  Siebenbürger  Sachsen,  S.  "274): 

Sunt  tria  vere  que  faciunt  me  sepe  flere: 
Est  primum  durum,  quod  scio  me  moriturum, 
Gemo  seeundo,  quod  morior  nescio  quando, 
Tertio  magis  fleho,  quod  nescio  ubi  manebo. 

Endlich  eine  siebente  Fassung  kenne  ich  nur  aus  Julius 
We geler,  Philosophia  patrum,  versibus  praesertim  leoninis, 
rhythmis  gennanicis  adiectis,  iuventuti  studiosae  hilariter 
tradita,  ed.  III  (Confluentibus  1874)  nr.  2824,  —  ed.  IV  (1877) 
nr.  3280.  Leider  hat  Wegeier  nicht  angegeben,  wo  er  die 
Verse  her  hat.     Sie  lauten : 

Tria  sunt  vere,  quae  me  faciunt  flere: 
Primum  quidem  durum,   quia  scio.    me  moriturum; 
Seeundo  me  plango,  quia  morior  et  nescio  quando; 
Tertiuni  autem  flebo.  quia  nescio,  ubi  manebo. 

[Novati  hat  seitdem  die  Verse  auch  in  einer  Pergament- 
handschrift des  14.  Jahrhunderts  auf  der  Turin  er  Universitäts- 
bibliothek (I.  V.  31,  Bl.  34b  'Proverbia  Sapientum3)  gefunden: 


*)  John  Winter  Jones  hat  in  seiner  Abhandlung  'Observations  on 
the  division  of  man's  life  into  stages  prior  to  the  cSeven  Ages'  of 
Shakspere',  London  1853  (Separatabdruck  aus  cThe  Archseologia',  Vol.  35j 
p.  167 — 189),  S.  22  tf.  den  Holzschnitt  besprochen  und  ein  Facsimile 
gegeben. 


49c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin*  -44") 

Sunt  tria,  que  ucre  faciunt  me  sepe  dolore  [!]: 
Est  primum  durum,  quia  scio  me  moriiurum, 
Kr  magis  attendo  [!]  moriar,  sed   uescio  quando, 
Inde  magis  flebo,  quia  nescio  quo  remanebo. 

Demselben  Gelehrten  verdanke  ich  die  genaue  Be- 
Schreibung  eines  im  Museo  Civico  zu  Cremona  befindlichen 
allegorischen  Holzschnittes,  der  im  17.  Jahrhundert  von  einem 
Joh.  Fortuna  Fort  nni ns  zuSiena  angefertigt  wurde.  Den  Mittel- 
punkt der  mit  Figuren  und  Symbolen  überladenen  Darstellung 
bildet  ein  mit  Inschriften  geziertes  Rad.  Auf  dem  Radkranze 
liest  man:  'Statutum  est  hominibus  semel  mori,  post  hoc 
autem  iudicium":  die  acht  Speichen  enthalten  acht  Verse, 
deren  gemeinsame  Endsilbe  MVS  nur  einmal  im  Mittelpunkt 

geschrieben  ist: 

ünde  superbimus? 
Quid  est  homo  nisi  limus? 
De   limo  homo  priraus. 
Morte[m]  uitare  nequimus, 
Cum  nos  terra  simus. 
Terra  est  quasi  fimus. 
Et  ideo  studeamus, 
Ut  deo  placeamus. 

Darunter  steht  auf  zwei  Schildern: 

Tria  sunt  vere,  quae  me  faciunt  flere. 
Primum  quidem  durum,  quia  scio  me  moriturum, 
Secundum  uero  plango,  quia  moriar  et  nescio  quando. 
Tertium  autem  Üebo,  quia  nescio   ubi  manebo.] 

Dies  sind  die  mir  bisher  bekannt  gewordenen  verschie- 
denen Texte  der  lateinischen  Hexameter  von  den  drei  Dingen, 
die  den  Sprecher  der  Verse  oft  traurig  machen.  Nach  der 
obigen  Stelle  der  englischen  Gesta  Romanorum  liegt  ihnen 
der  daselbst  in  englischer  Prosa  mitgeteilte  Ausspruch  der 
Vitae  Patrum  zu  Grunde,  den  ich  leider  bis  jetzt  nicht 
aus  dem  Original  nachweisen  kann1).  | 


')  [Hieronymus,  Vitae  patrum  (Ulm.  Zainer  o.  J.)  Bl.  244b  =  Migne, 
Patrol.  lat.  73,  861 B :  'Dixit  abbas  Helias:  'Ego  tres  res  timeo,  vnam 
quaudo  egressura  est  anima  mea  de  corpore,  aliam  quando  oecursurus 
Bum  deo,  terciam  quando  aduersum  me  proferenda  fuerit  sententia*. 
Pauli,  Schimpf  und  Ernst   nr.  266.] 


44<>  Zur  Volksdichtung. 

328  Hier  möge  gleich    noch  eine  Stelle  aus  einem  lateinischen 

Gedicht  rde  mundi  miseria',  welches  dem  Walter  Mapes 
beigelegt  wird,  folgen1).  Sie  ist  ebenfalls  auf  den  Spruch 
der   Vitae   Patrum  zurückzuführen   und   lautet: 

Qui  de  niorte  cogitat,   niiium  quod  laetatur, 
cum  sie  genus  hominum  morti  deputatur. 
quo  post  mortem  transeat  bomo,  dubitatur, 
unde  quidam  sapiens  ita  de  se  fatur: 
Cum   de  niorte  cogito,  eontristor  et  ploro ; 
unum  est  quod  moriar,  et   tempus  ignoro, 
tertium  est  quod  nescio  quorum  jungar  choro, 
sed  ut  suis  merear  jungi,  Deum    oro2). 

Kehren  wir  zu  den  leoninischen  Hexametern  zurück.  Zu 
ihnen  verhält  sich,  wie  man  auf  den  ersten  Blick  sieht,  der 
deutsche  Spruch  nicht  wie  eine  eigentliche  Übersetzung, 
sondern  wie  eine  Nachdichtung  oder  vielmehr  IJmdichtung, 
in  der  nicht  nur  die  Form  eine  andere  geworden,  sondern 
auch  der  Gedanke  geändert  ist;  denn  dort  sagt  der  Dichter, 
die  drei  Dinge  machten  ihn  oft  traurig,  hier:  er  wundere  sich, 
dass  er  trotzdem   fröhlich  sei. 

Eine  wirkliche  Übersetzung  der  Hexameter  in  hoch- 
deutsche Sprache  findet  sich  als  Anfang  einer  1614  zu 
München    gedruckten,  S.  M.  unterzeichneten  Dichtung  'Klag 


*)  The  Latin  Poems  commonly  attributed  to  "Walter  Mapes,  collected 
and  edited  by  Th.  Wright,  London  1841,  S.  150.  [Grillnberger,  Germania 
36,  318  verweist  auf  den  dem  h.  Bernhard  von  Clairvaux  (Migne,  Patro- 
logia  lat.  84,  1313)  zugeschriebenen  'Rhythmus  de  contemptu  mundi',  in 
welchem  dieselben  Verse  vorkommen.  Vgl.  ferner  S.  Bernardi  Floretus 
(Col.  1501  u.  a.)  cap.  de  modo  evitandi  peccata  p.  29: 

Scis  quod  obibis  liomo ;  nescis,  ubi.  quomodo,  quando.] 

-)  Die  letzten  vier  Verse  hat  auch  Wegeier  a.  a.  0.  ed.  III, 
nr.  2825  =  ed.  IV,  nr.  3281  ohne  Quellenangabe  und  mit  den  Varianten: 
'De  morte  dum  cogito'  —  csed  tempus  ignoro'  —  'tertium  quod  nescio'. 
Dazu  folgende  wohl  entstellte  unvollständige  Übersetzung,  in  Gänse- 
füsschen  eingeschlossen  zum  Zeichen,  dass  es  eine  alte  ist: 

'Das  eine  das  ich  sterben  sal 
Und  nit  en  weis  der  zite  val, 
Das  dritte  ist  mir   gar  unkund 
Wa   hin  min  vart  den  werde  kundt.' 


•i9c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin.  447 

Menschliches  Lebens:  Samt  treuhertziger  Warnung,  wie 
sich  ein  Christ  darinne  solle  verhalten3  in  Emil  Wellers 
Annalen  der  Poetischen  National- Litteratur  der  Deut  scheu  im 
16.  und   17.  Jahrhundert  2,  217').   Sie  lautet: 

Auif  dieser   Erden  in  geinain, 

Drev  ding  ich  furnemblich  bewain: 

Das  erst  ist  hart,  gewiss  kein  spott. 

Dass  mich  hinnemen  wirdt  der  Todt.  | 

Das  ander  krankt  mir  mueth  vnd  sinn,  329' 

Weil  ich  kein  stundt  nicht  sicher  bin. 

Das  dritt  bekümmert  mich  darumb, 

Dass  ich  nit  waiss  wohin  ich  kumb. 

Diese  Übersetzung  wird  doch  wohl  eigens  für  das  Gedieht, 
dessen  Anfang  sie  bildet,  gemacht  und  nur  wenig  bekannt 
geworden  seiu. 

Dagegen  gab  es  bereits  im  15.  Jahrhundert  eine  Über- 
setzung der  leoninischen  Hexameter  in  niederdeutsche 
Reime,  die  sich  bis  ins  17.  Jahrhundert  erhalten  hat  und  von 
der  mir  vier  Texte  bekannt  geworden  sind.  Zweier  Texte 
Kenntnis  verdanke  ich  dem  vortrefflichen  Werke  C.  M.  Wiech- 
mauns  cMeklenburgs  altniedersächsische  Literatur',  '2  (Schwerin 
1870)  S.  131.  Daselbst  sind  aus  Nicolaus  Gryses,  Predigers 
zu  Rostock,  'Spegel  des  Antichristischen  Pawestdoms,  vnd 
Luttherischen  Christendoms',  Rostock  1593,  einige  Stellen  zur 
Probe  abgedruckt  und  darunter  auch  die  folgende  (Bl.  120a): 

Im  40.  Kap.:  eres  Bokes,  welckes  se  einen  Spegel  der 
Christen  Minschen  nömen,  tho  Lübeck  dorch  Georgiuin  Rickhoff 
Anno  1501.  gedrucket,  im  Titel,  van  viff  Teken,  darby  men 
einen  guden  Christen  erkennen  schal,  befehlen  de  vortwy- 
feleden  Papisten  einem  yderen  Minschen  also  twyfelhafftigen 
thosprekeude. 

Dre  dinge  weth  Ick  vorwar, 
De  vaken  niyn  Herte  maken  swar. 
Dat  erste  besweret  mynen  moedt, 
Wente  Ick  jummer  steruen  moeth. 


J)  Karl  Lucä  in  Marburg  hat  die  Freundlichkeit  gehabt,  mich  auf 
diese  Stelle  in  Wellers  Annalen  hinzuweisen. 


448  '/Air   Volksdichtung. 

hat  ander  besweret  myn  Herte  mehr, 
hat  Ick  nicht   weth   wenelir. 
Dat  drüdde  besweret   niy  bauen  all, 
Ick  weth  nicht  wor  ick  varen  schal1). 

Dazu  bemerkt  Wiechmann:  'Man  findet  diesen  Spruch 
häufiger  in  Gebet-  und  Beichtbüchern  aus  dem  Ende  des 
15.  Jahrhunderts,  z.  B.  in  dem  Lübecker  Druck:  Van  dem 
steruende  mynsschen,  Vnde  dem  gülden  seien  tröste,  4". 
Bl.  lla;  Geffcken,  Bilderkatechismus  des  15.  Jahrhunderts 
(1855)  1,  110'. 

In  dem  genannten  Büchlein  Tan  dem  steruende  mynsschen 
etc.",  welches  mir  in  dem  von  Geffcken  nachgewiesenen 
Exemplar  der  Leipziger  Universitätsbibliothek  vorgelegen  hat, 
steht  der  Spruch  ganz  unvermittelt  am  Ende  des  14.  Kapitels 
und  lautet: 

Dre  dynck  weeth  ick  vorwaer 
De  vaken  maken  myn  herte  swaer.  | 
•330  Dat  erste  beswaret  my  minen  moeth, 

Wente  ick  iummer  steruen  moth. 
hat   ander  beswaret  myn  herte  seer, 
Wente  ick  nicht  enweet  wanneer. 
Dat  derde  beswaret  my  bouen  al, 
Ich  enweit  nicht  war  ickhen  varen  schal2). 

Dieser  Text  ist  nur  darin  minder  gut  als  der  zuerst  mit- 
geteilte, dass  er  V.  5  'seer'  statt  cmehrJ  und  V.  2  die  unschöne 
Aufeinanderfolge  cvaken  maken'  hat.  Im  übrigen  unterscheiden 
sich  beide  Texte  nur  durch  die  Schreibung  und  das  (en  in 
V.  6  und  8  und  das  'hen'  in  V.  8. 

Mehr  abweichend  ist  die  folgende  Stammbucheinzeichnung 
einer  Frau  cAnna  Margryt  Elven,  Wedtwe  Ryckel  von 
Bullekoum'  vom  Jahre  1622  (A.  M.  Hildebrandt,  Stamm- 
buchblätter des  norddeutschen  Adels,  Berlin  1874.  S.  99): 


1)  Diese  Verse  sind  auch  abgedruckt  in  cDe  Lüttje  Strohoot',  Kiel 
1847,  S.  85,  mit  der  Überschrift:  Ut  dem  Speegel  der  Christen.  Von 
Georg  Rickhoff.    Lübeck  1501. 

2)  Die  Interpunktion  rührt  von  mir  her.  Der  Druck  hat  weiter 
keine  Interpunktion  als  ein  Punktum  am  Ende  der  3.  und  7.  Zeile. 


49c.  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  bin.  449 

Drey  dyngen  weys  ych   vorwaer 

dey  mier  mein  hertz    machen  Bwaer 

das  ehrst  en  wan  ych  gedeynek  an  den  doet 

den  ich  weys  das1)  ych  sterwen  moedi 

das  zweyde  noch  wll  ine2) 

das  ych  nicht  weys  wann  e 

das  drytte    boeffen  all 

das  ych  neit  weys  waer  ych  faeren?)  sali. 

Ist  schon  diese  Fassung  etwas  entstellt,  so  ist  dies  noch 
viel  mehr  der  Fall  mit  derjenigen,  welche  F.  Schnorr  von 
Carolsfeld  im  Archiv  für  Literaturgeschichte  14,  224  ans 
Georgias  Barts.  Predigers  za  Lübeck,  sehr  seltenem  cGe- 
spreke  van  der  vnstarfflicheit  der  Seele"  (Lübeck  1552)  mit- 


geteilt hat: 


Dre  dinge  weit  ick  vorwar, 

De  my  myn  herte  maket  swar. 

Dat  erste,  dat   ick  steruen  modt, 

Tho  dem,  weit  nicht  wen  kumpt  de  dot. 

Dat  leste  beswert  my  auer  all, 

Ick   weit  nicht  wor  ick  faren  schal. 

Schon  oben  S.  326  sind  wir  auch  einer  englischen 
Übersetzung  der  leoninischen  Hexameter  in  sechs  gereimte 
Verse  begegnet.  Von  dieser  Übersetzung  kenne  ich  noch 
zwei,  zum  Teil  abweichende  Texte,  beide  ans  Handschriften 
des  13.  Jahrhunderts.  Die  eine  ist  |  von  Th.  AVright  in  den  331 
Altdeutschen  Blättern  2  (1840),  142  und  in  seinen  und  J.  0. 
Halliwells  Reliquise  Antiquar  1  (1841),  235  aus  Ms.  Arundel 
n r.  292  des  British  Museum4),  die  andere  von  R.  Morris  in 
seinem  'An  Üld  English  Miscellany\  London  1872,  S.  101  ans 
M.  21)  der  Jesus-College-Bibliothek  zu  Oxford  herausgegeben. 
Erstere   lautet: 


')  So  ist  zu  lesen  statt  'den1. 

2)  So  ist  zu   lesen  statt  'dyll  mek\ 

3)  So  ist  zu  lesen   statt   'farren'. 

4)  Auf  die  Altdeutschen  Blätter  hat,  wie  (dien  S.  314  erwähnt, 
A.  Kuhn  in  seiner  Zeitschrift  14,  457  hingewiesen,  auf  die  Reliquise  An- 
tiqua;, sowie  auf  'Maddens  Gesta  Romanorum  p.  245',  auf  Kuhns  Zeit- 
schrift a.  a.  0.  und  auf  das  Archiv  für  Literaturgeschichte  12,  474, 
F.  J.  C.  in  der  Zeitschrift  'Notes  and  Queries5,  6.  Series,  Vol.  10  (1884),  239. 

Kühler,   Kl.  Schriften.  III.  29 


4,">0  Zur  Volksdichtung. 

Wanne  i   denke  dinges  dre, 
Ne  mai  hi  nevre  blide  ben ; 
de   ton  is  dat  i  sal   awai, 
de  toder  is  i  ne  wot  wilk  dei, 
de  dridde  is  mi  moste  kare, 
1   ne   wot  wider  i  sal  faren1). 

Die  andere : 

Vyche   day  nie  cumeb  tydinges  breo. 

For  wel  swibe  sore  beob  heo. 

he   mi   is   jiat  ich  schal  heonne. 

bat  Oper  J>at   ich  noth  hwenne. 

jie   bridde  is  my  meste  kare. 

bat  ich  not  hwider  ieli  scal  fare2). 

Man  wird  bemerkt  haben,  dass  cubi  (quo)  raanebo  (re- 
manebo)J  im  Niederdeutschen  und  Englischen  übereinstimmend 
'wohin  ich  fahren  werde"  übersetzt  ist,  und  dass  auch  im 
hochdeutschen  Sprach  die  dritte  Zeile  lautet: 

Ich   fahre   und   weiss  nicht  wohin. 

Diese  Übereinstimmung  ist  aber  wohl  nur  ein  zufälliges  Zu- 
sammentreffen. Jedenfalls  ist  es  sehr  unwahrscheinlich,  dass- 
die  niederdeutsche  Übersetzung  nach  der  englischen  oder  die 
englische  nach  der  niederdeutschen  gemacht  sei;  es  werden 
vielmehr  beide  ganz  unabhängig  voneinander  und  unmittelbar 
aus  dem  Lateinischen  gemacht  sein.  Weniger  unwahrschein- 
lich dagegen  wäre  es,  dass  der  Dichter  des  hochdeutschen 
Spruches  die  niederdeutsche  Übersetzung  der  lateinischen 
Hexameter  gekannt  habe ;  doch  halte  ich  diese  Annahne  nicht 
332  für  notwendig,  auch  er  kann  unabhängig  vom  Niederdeutschen 
ganz  von  selbst  auf  das  Wort  'fahren5  gekommen  sein. 

In  der  Tragödie  des  Haus    Sachs    'Der  hürnen  SeufritPI 
(V.  298    in   E.  Götzes    Ausgabe    nach    der    Handschrift   des 


')  D.  h.:  "Wenn  ich  drei  Dinge  bedenke,  mag  ich  nimmer  fröhlich 
sein;  das  eine  ist,  dass  ich  hinweg  soll;  das  andere  ist:  ich  weiss  nicht 
welchen  Tag;  das  dritte  ist  meine  meiste  Sorge:  ich  weiss  nicht,  wohin 
ich  fahren  werde. 

'-)  D.  h.:  Jeden  Tag  kommen  mir  drei  Zeitungen,  gar  sehr  schmerz- 
lich sind  sie.     Die  eine  ist,  dass    ich  von    hinnen    soll,  die  andere,  dassi 
ich  nicht  weiss  wann,   die  dritte    ist  meine  meiste  Sorge,  dass  ich  nichtj 
weiss,  woliin  ich  fahren   werde. 


49c  Mich  wundert,  dass  ich  fröhlich  l>in.  451 

Dichters)  schreit  Crimhilt,  als  sie  der  Drache  entführt:  'Ich 
far  und  wais  doch  nit  wo  hin'.  Ob  Hans  Sachs  dabei  wohl 
an  unserrj  Spruch  gedacht  hat? 

Zum  Schluss  ooch  eine  Bemerkung.  Vergleicht  man  die 
verschiedenen  Fassungen  unseres  Spruches,  so  ergiebt  sich, 
dass    sie  abgesehen    von    sonstigen    vereinzelten    kleinen 

Abweichungen  —  sich  hauptsächlich  dadurch  unterscheiden, 
dass  in  den  drei  ersten  Zeilen  entweder  'und  weiss'  oder  'ich 
weiss'  oder  'weiss'  oder  'und  ich  weiss',  und  in  der  vierten 
entweder  'fröhlich5  (»der  'so  fröhlich  oder  'noch  so  frühlich' 
steht,  Ich  halte  es  für  das  natürlichste  und  einfachste,  dass 
es  'und  weiss'  und  'fröhlich'  heisst.  und  möchte  daher  glauben, 
dass  so  auch  der  Spruch   ursprünglich  gelautet  hat. 

Weimar.  Januar   ISNS. 


N  a  c  h  t  r  ä  g  e. 

Meinem  Freunde  Jakob  Bächtold  in  Zürich  verdanke  ich 
den  überraschenden  Nachweis,  dass  unser  Spruch  auch  als 
Inschrift  an  einem  Richtschwert  augebracht  worden  ist.  In 
Castans  Panoptikum  in  Berlin  findet  sich  das  Richtschwert 
von  Ettlingen  aus  dem  Jahre  1550  mit  der  bildlichen  Dar- 
stellung einer  Hinrichtung  und  eines  Gehängten  und  mit  der 
Inschrift: 

Ich  leb,  weis  nit  wie  lang-, 

Ich  -^Tärl)  und  weis  nit   wan, 

Ich  far,   nit  weis  wohin, 

Xinibt  mich  wunder,  dass  ich  so  frelich  bin. 

Vgl.  'Führer  durch  Castans  Panoptikum',  Berlin  o.  J..  S.  31, 
nr.  406,  wo  die  Inschrift  'teilweis  nur  leserlich"  genannt  und 
mit  den  Lese-  oder  Druckfehlern  'gar1  (statt  'far").  'nimb', 
'grelich5  gedruckt  ist, 

M.  Grünbaum  hat  kürzlich  in  der  Zeitschrift  der  Deutschen 
Morgenländischen  Gesellschaft  4:2.  277  (vgl.  auch  S.  275) 
bemerkt,  dass  eine  Stelle  indes  im   1 1.  Jahrhundert  lebenden 

29* 


452  Zur  Volksdichtung. 

spanisch-jüdischen  Dichters  1  bn  Ga  birol  Gedichte  cdieKönigs- 

krone'  an  unseren  Spruch  erinnert.     Sin  lautet: 

Kr  (der  Mensch)  kommt  auf  die  Welt   und  weiss   nicht 

wozu,  er  freut    sich  und   weiss    nicht    worüber,  er    lebt    und 

weiss   nicht   wie  lange/ 

[Vgl.  noch  Kr.   Nyrop,  Dania  •_'.  .'333—337.  1894.] 

Weimar.    September  1888. 


50  a.    Weidsprüche  und  Jägerschreie. 

(VYeimarisehes  Jahrbuch  3,    329—358.    1856.) 

Die  Weidsprüche  und  Jäger-  oder  Weidschreie  waren 
Erzeugnisse  des  dichterischen  Geistes  der  deutschen  Jäger 
und  verdienen  demnach  auch  heute  noch,  wie  jede  andere 
volksmässige  poetische  Schöpfung,  unsere  Teilnahme  und  Be- 
achtung. Wohl  seit  dem  Anfange  des  achtzehnten  Jahrhun- 
derts begannen  sie  mehr  und  mehr  ausser  Übung  zu  kommen, 
und  die  Verfasser  der  bekanntesten  Jagdbücher  aus  der 
ersten  Hälfte  jenes  Jahrhunderts,  Fleming  und  Döbel,  be- 
klagen dies  aufrichtig.  Ich  teile  die  Stellen,  die  in  mehr- 
facher Hinsicht  interessant  sind,  hier  mit. 

Hans  Friedrich  von  Fleming.  Burg-  und  Schloss-Ge- 
sessen  auf  Böcke.  Martentin  und  Zebin.  Erbherr  auf  Weissaeh 
und  Gahro,  schreibt  in  seinem  'Vollkommenen  teutschen  Jäger, 
Leipzig  1719',  Teil  1,  Seite  281  f.:  fZum  Beschluss  der  Anti- 
quität muss  ich  annoch  etwas  von  einigen  Weyde-Sprüchen 
gedencken,  deren  sich  die  alten  Jäger  vor  diesem  sehr  ött'ters 
bedienet  haben,  wann  sie  einen  Frembden  unbekanten  in  Ge- 
sellschafft bey  dem  Gelack  gehabt,  der  sich  vor  einen  Weyde- 
mann  ausgegeben.  Knute  dieser  nun  nicht  antworten,  so  setzte 
es  denn  grossen  Streit,  oder  gar  Schläge,  es  bestunden  aber 
solche  Weyde-Sprüche  uugefehr  darinn  u.  s.  w.  [Es  folgei 
nun  eine   Reihe    Sprüche.     Dann  fährt   Fleming  fort:]     Der-jl 


Weidsprüche  and  Jägerschreie.  45-> 

gleichen  Dinge  sind  mehr  so  mir  nicht  alle  beyfallen,  auch 
anjetzo  nicht  mehr  gebräuchlich  sind.  Ja  sie  haben  sogar 
zu  Kaysers  Friderici  Barbarossae  Zeiten  den  Tag  jägerlich 
angeschrien,  ihre  Herrschafft,  sämbtliche  Hoffstatt,  Koch  und 
Keller  zur  Jagd  auffge-  wecket,  ist  alter  zu  weitläufftig  hier  330 
alles  anzuführen.  Und  habe  ich  nur  dieses  wenige  der  lieben 
Antiquität  zu  Gefallen  hier  mit  wenigem  beyfügen  wollen, 
woraus  wenigstens  zu  ersehen,  wie  unsere  Vorfahren  vor  die 
Jägerey  oder  das  Weydwerck  einen  vielen  höheren  Estini  und 
eine  grössere  Hochachtung  gehabt,  als  leyder  vorjetzo 
geschiehet.J 

Ausführlicher  äussert  sich  Heinrich  Wilhelm  Döbel  in 
seiner 'Neu  eröffneten  Jäger-Practica3,  1.  Auflage  1746,  2.  Auf- 
lage. Leipzig  1754,  Teil  3,  S.  107:  'Ich  weiss  mich  von  meiner 
Jugend  her  zu  entsinnen,  dass  wir  die  AYeide-Sprüche  hatten, 
da,  wir  denn  bey  vorfallenden  Gelegenheiten,  sowohl  bey  dem 
Vorsuch  als  Zusammenkünften,  einander  mit  Weide-Sprüchen 
complimentierten ,  begegneten  und  anredeten,  auch  hierbey 
öffters  examinierten,  lud  es  war  eben  nicht  genung,  dass  ich 
einen  "Weide-Spruch,  als  gesetzt,  von  de^  Hirsches  Wechsel. 
Wandel  und  Zeichen,  hab  her  beten  können:  sondern  es 
wusste  auch  einer  den  andern  hierdurch  auszuforschen,  ob  er 

würeklich  was    verstünde Vorjetzo   aber  sind  die 

Weide-Sprüche  nicht  im  Gebrauch,  welches  man  fast  bedauern 
sollte.1  Und  weiter  spricht  Döbel  S.  151:  'Es  nahmen  ehe- 
mals auch  die  grossen  Herren  alle  Weidmännische  Terminus. 
Weid-Sprüche  und  Verordnungen,  gleich  denen  Jägern,  mit 
an.  Woraus  zu  schliessen,  dass  solches  dem  Weidwerke  eine 
grosse  Hochachtung  und  Zierde  gegeben:  allermassen  bey 
allen  Vornehmungen  <\^^  Weidwercks  die  Herren  mit  den 
Jägern,  wie  auch  die  letztern  mit  und  unter  einander  selbst, 
nach  zierlicher  (obschon  nicht  nach  jetziger  ausgekünstelter) 
poetischer  Art.  zur  Aufmunterung,  Anfragung,  Fortsetzung 
und  Beendigung,  vor,  bey,  in  und  nach  der  Jagd  Reimen- 
weise gesprochen,  folglich  selbiges  sowohl  vergnüglich,  als 
ordentlich,  hieran  auch  ein  geschickter  und  gelernter  .läger 
zu    erkennen    gewesen,    wie    denn    auch    zugleich    ein  junger 


454  Zur  Volksdichtung. 

Weidmann  mehr  Hochachtung  für  das  Weidwerck  bekommen, 
und  auch  durch  die  fleissige  Lernung  und  Begreiffung  der 
Weide-Sprüche  die  Fundamente,  so  zum  Weidwerck  gehören, 
besser  ins  Gedächtniss  gefasset  worden.  Denn  es  war  nicht 
genug,  dass  mau  die  Weide-Sprüche  nur  herbeten  lernte: 
sondern  es  wurden  die  jungen  von  den  alten  Jägern,  oder 
auch  Fremde,  welche  sicli  für  .läger  ausgaben,  besonders  in 
Jäger-Compagnien  oder  Zusammenkünften ,  auch  bey  Be- 
hengungs-  und  Jagens-Zeiten,  examinieret,  wie  sie  diesen  oder 
331  jenen  Weide-  |  Spruch  verstünden,  und  im  Wercke  selbst  er- 
weisen könnten.  Überhaupt  war  es  eine  sehr  löbliche  und 
nützliche  Einrichtung,  und  zeigete  auch,  wie  oben  gedacht: 
hiermit  einen  würcklich  gelernten  und  exercierten  Jäger  an; 
inmassen  mancher,  so  sich  für  einen  Jäger  hat  ausgeben 
wollen,  und  sich  in  der  That  etwan  so  nicht  verhalten,  oder 
aber  in  seinem  Exercitio  faul  und  nachlässig ,  etwas  zu  be- 
greifen, gewesen,  sodann  aber,  da  er  unter  rechtschaffene 
Jäger  iu  Gesellschafft  oder  bey  Jagen  gekommen,  von  Weid- 
Sprüchen  gar  wenig,  oder  die  darinn  enthaltenen  Fundamente 
nicht  gewust,  schamroth  gemacht  oder  da  er  sich  etwan  dar- 
über offendirt  befunden,  mit  andern  Extremitäten  von  der 
Gesellschafft  der  Weide-Leute  abgewiesen   wurde." 

So  sagt  ferner  der  churfürstlich  bayrische  Forstmeister 
Christian  Wilhelm  von  Heppe  in  seinem  cWohlredenden 
Jäger,  Regenburg  1763'  unter  dem  Wort  'Weidsprüche'':  'Diese 
waren  in  alten  Zeiten  bei  dem  edlen  Weidhaufen  in  Übung 
und  bestehen  aus  gewissen  Fragen  und  Autworten.  Es  war 
dieses  wohl  ein  guter  Gebrauch,  indeme  ein  hirschgerechter 
Jäger  den  andern  sogleich  erkennen  konnte  ob  er  ein  oder 
kein  Jäger  sei,  zumalen  da  die  Weidsprüche  sonsten  niemand 
dann  denen  hirschgerechten  Jägern  bekannt  waren,  mithin 
konnten  die  Jäger  hierdurch  einander  prüfen/  —  Justus 
Moser  lässt  in  der  44.  patriotischen  Phantasie  [sie  erschienen 
1774]  einen  alten  Edelmann  über  die  Abnahme  der  Jagdlust 
klagen  und  unter  andern  auch  sagen:  clch  habe  noch  eine 
Sammlung  von  achtehalbhundert  Weidsprüchen  und  einen 
dicken  Band  voller  Fuchshistorien,   welche    von  meinen  Vor- 


50a.  Weidsprüche  und  Jägerschreie.  4.").") 

fahren  gesamlet  sind:  damit  konnte  man  sich  Jahr  aus  Jahr 
ein  auf  die  angenehmste  Art  in  Gesellschäften  ergötzen. 
Alter  jetzt  ist  die  ewige,  und  allezeit  fertige  Karte  der  ein- 
zige   Behelf.' 

Dass  Männer,  die  dein  Weidwerk  fern  standen,  sich  da- 
mals nicht  um  Weidsprüche  bekümmerten,  versteht  sich  von 
selbst;  erfuhren  sie  zufällig  etwas  davon,  so  mochten  sie  die- 
selbe Ansicht  halicu.  wie  Johann  Leonhard  Frisch,  der  in 
seinem  Teutsch-lateinischen  Wörterbuche  (Berlin  1741)  schreibt: 
cWeid-Spruch,  ein  gewisser  heut  zu  Tag  alber  lautender  Spruch 
und  Reimen  der  alten  Jäger.3 

Die  Forstmänner  und  Jäger  selbst  wandten  sieb  natürlich 
bei  der  immer  zunehmenden  wissenschaftlichen  Bildung  ihres 
Standes  um  so  vornehmer  von  den  Weidsprüchen  ab,  und  so 
lesen  wir  z.  B.  in  dem  Handbuche  für  praktische  Forst-  und  332 
Jagdkunde.  Leipzig  175)7.  unter  dem  Artikel  cWeid Sprüche' 
mich  einer  Definition  derselben  folgendes:  'Dergleichen  Sprüche 
hier  anzuführen  wäre  anjetzt  für  Jagd-  und  Forstleute  er- 
niedrigend, da  sie  längst  aus  der  Mode  gekommen  sind,  zu- 
mal auch  ein  ächter  Förster  und  Jäger  nicht  mehr  handwerks- 
mässig,  sondern  wissenschaftlich  gebildet  wird." 

Jakob  Grimm  war  es.  der  zuerst  wieder  auf  die  ver- 
gessenen und  verachteten  Weidsprüche  aufmerksam  machte. 
indem  er  1816  im  dritten  Bande  der  Altdeutschen  Wälder1) 
S.  97  — 148  eine  grosse  Anzahl  mitteilte  und  ihre  Be- 
deutung erörterte.  81  Sprüche  entnahm  Grimm  einer 
gothaischen  Handschrift  vom  Jahre  1589,  die  übrigen 
1  — * >  druckte  er  aus  Bechers  Jäger-Cabinet,  Leipzig  1701. 
und  aus  den  obenerwähnten  Büchern  Flemings  und  Döbels 
wieder  ab.  —  Die  von  Becher  verzeichneten  'alten,  doch 
lustige  Jäger-Geschrey  und  Weidsprüche,  welche  an  etzlichen 
Orten  annoch  gebräuchlich3,  finden  sich  übrigens  schon  in 
Meurers  Jag-  und  Forstrecht,  Frankfurt  1576,  S.  71  ff  (vgl. 
Grimms  Wörterbuch  1,  Sp.   LXXXI),   als  'alte    lustige  Weyd- 


'l    Es    ist    ein    hübscher    Zufall,     dass    gerade    die    'Altdeutschen 
Wälder5  die  vollständigste  Sammlung  der  J übersprudle  enthalten. 


456  ^m*  Volksdichtung. 

geschrei  Sprüche  und  jägerische  Dialogi,  durch  weyland 
Keyser  Friderichs  III.  Forstmeister  beschrieben.* 
Eine  zweite  Ausgabe  des  Meurerschen  Buches,  Marpurg  1618, 
wo  die  Sprüche  S.  78  ff.  stehen,  enthält  von  S.  242  au  als 
Anhang:  Mägerkunst:  Das  ist.  Wie  mau  Weydmännisch  von 
allem  Weydwerck  reden  sol.  was  für  Personen.  Hund.  Höltzer 
und  Garn  dazu  gehören.  Sampt  so  schönen  alten  und  uewen 
lustigen  Weydsprüchen  oder  Weydgeschreyen,  und  Jägerischeo 
Dialogis.  Beneben  einem  Appendice,  darinnen  28  bewehrte, 
nützliche  jägerische  Kunststück,  welche  nohtwendig  zu  wissen, 
begriffen  sind.  Hier  stehen  merkwürdiger  Weise  S.  26J  ff. 
noch  einmal  dieselben  "Weidsprüche,  die  schon  S.  78  ff.  stünden. 
nur  mit  ein  paar  unerheblichen  Varianten,  und  dazu  noch: 
cEin  ander  Jäger-Geschrey  wie  du  auff  der  Hirschjagt  mit 
Hörn  und  Stimm  deinen  Gesellen  ein  Zeichen  geben  solt." 
Bechers  Büchlein  ist  zum  grössten  Teil  aus  dieser  Jäger- 
kunst, von  der  vielleicht  noch  andere  Ausgaben  existieren,  ab- 
333  geschrie-  |  ben  und  somit  auch  die  Weidsprüche1).  Aus  Becher 
alier  siud  sie  wieder  in  die  Fürstadliche  neuersounene  Jagdlust 
(Frankfurt  und  Leipzig  1711)  1,  417  ff.   übergegangen. 

Seit  Jakob  Grimm  sind  meines  Wissens  keine  weitem 
Weidsprüche  bekannt  gemacht  worden.  [1874  hat  J.  M. 
Wagner  in  seinem  Archiv  f.  d.  Gesell,  deutscher  Sprache 
1,  133 — 160  über  Weidsprüche   und  Jägerschreie  sachkundig 


!)  Grimm  hat  einigemal  Becher  nicht  genau  abgedruckt ;  so  ist  zu 
lesen  nr.  84:  wolauf,  wolauf,  wolauf,  die  Faulen  und  die  Trägen  heul 
Zeit  gern  länger  legen.  —  92  auch.  —  104  auch  ein  hast  vernommen. 
—  108  also  jägerlich  reden,  wie  hernach  folgtt,  aber  zu  dem  Hirsch 
schreien:   Kehrn   herzu,    kehrn    herzu.  110   Spür  :  für.   —    138    Am 

Schluss:    ho    ho  do  o  o!    — ■    139    wehr    Jäger.  140    Jägerwerts. 

1 47  über  die  Strass  mit  .  .  .  —  160  kehrn  herzu!  —  Bei  Meurer  stebt 
nr.  92  heller,  99  etwa  heut  las-  sehen,  107  wils  wol,  138  dhotz,  153  Haut. 
Von  der  der  Meurer>cln'n  Schrift  angehängten  Jägerkunst  weicht  Becher 
nur  in  der  2.  Überschrift,  bei  Grimm  vor  nr.  93,  ab.  Becher  schreibt: 
und  so  des  Jägers  muic  Geselle,  die  mit  ihm  gen  Holz  wollen,  fürsuchen, 
anbinden,  den  Zeug  richten,  oder  die  "Wart  besetzen,  und  Keller  etc.; 
.Mciucr  aher  und  die  Jägerkunst:  und  so  der  Jäger  seine  Gesellen, 
die  ....  besetzen,  aufgeweckt  hat,  und  Keller  u.  s.  w. 


50a.   Weidsprüche  und  Jägerschreie.  |."i, 

gehandelt  und  einen  seltenen  Druck:  Mägerkunst  und  Waid- 
geschrey3  (Nürnberg,  Georg-  Leop.  Fuhrmann  1610.  L6  Bl.  8°) 
mit    Parallelennachweisen    wiederholt.     Unland,   Schriften  3, 

200.  30*2.]  Um  so  willkommener  dürfte  die  .Mitteilung-  di'v 
folgenden  Sammlung  sein,  die  teils  bisher  ganz  unbekannte 
Sprüche,  teils  beachtenswerte  Varianten  schon  bekannter  ent- 
hält. Sie  sind  aus  einer  Papierhandschrift  dt'^  17.  Jahrhunderts 
entnommen,  die  in  meinem  Besitz  ist.  [Jetzt  auf  der  Wei- 
marer Bibliothek.]  Die  Handschrift  ist  von  mehreren  Händen, 
alter  wohl  ziemlich  aus  einer  und  derselben  Zeit  geschrieben 
und  enthält  ausser  den  Sprüchen  noch  Notizen  über  Spuren 
und  Zeichen  des  Wildes,  jägerische  Rezepte  und  dergl.  Die 
Sprache  weist  auf  Bayern  als  Heimat  der  Sprüche. 

Ich  gebe  die  Sprüche  in  der  heute  üblichen  Orthographie, 
natürlich  ohne  die  mundartlichen  Eigenheiten  dadurch  zu 
verwischen.  Daher  habe  ich  ue  und  üe.  wo  die  Handschrift 
so  für  u  und  ü  schreibt,  gelassen.  Nur  beim  Wort  'Hirsch', 
das  in  der  Handschrift  meistens  Hüersch,  Hürsch  oder  Hiersch 
geschrieben  wird,  bin  ich  ihr  nicht  gefolgt.  Ebenso  bin  ich 
von  ihr  abgewichen,  wenn  sie  zuweilen  ö  für  e  hat;  z.  B. 
Wog,  Sprüchen,  wöcken  u.  dgl.  neben  Weg,  sprechen,  wecken. 
Den  einzelnen  Sprüchen,  die  ich  unbekümmert  um  ihre 
willkürliche  Folge  in  der  Handschrift  nach  ihrem  Inhalte  in 
eine  gewisse  Ordnung  zu  bringen  gestrebt  habe,  habe  ich 
einige  Erläuterungen  beigegeben  und  die  ähnlichen  Sprüche 
in  Grimms  Aufsatz  entweder  vollständig  hinzugefügt  oder, 
wo  dies  überflössig  erschien,  nur  auf  sie  verwiesen. 

1.     Sag  an.  Weidmann,  wol  schon:  334 

wo  willt  auf  den  fruen  Morgen  dran'.' 
Antwort.     Hinaus  über  die  Weit, 

wo   heint  der  edle  Hirsch  an  mich  schleicht. 
Heint,  heute;  Schmeller,  Bayrisches  "Wörterbuch  2.  217  und  673. 

Bei   Grimm  findet  sich  unter  nr.  so  mit  der  Bemerkung  'den  Jäger  zu 
fragen,  so  er  mit  dem  Leithund  anzeigt.'  unser  Spruch  in  folgender  Gestalt : 

Sag  an,  Weidmann: 

wo  willt  du  heut  frühe  dran? 
A.  Gen   Holz  unter  ein  grünen   Buchen, 

da   will  ich  den  edlen  Hirsch  mit  Freuden   suchen. 


-1  58  Zur  Volksdichtung. 

2.  So  mit  Heil,  mein  lieber  Weidmann! 
Es  wird  dir  heint  dein  Lohn  darvon. 

A.    Ich  lauf  heint  aus  über  Weg  und  Steg, 

wo!  auf  ein  grüene  Heid, 

dem  Hund  zu  Lieh,  dem  Hirsch  zu  Leid. 

v.  Hoppe  bemerkt  im  'Wohlredenden  Jäger':  'Weidmanns  Heil  oder 
Glückauf!  ist  der  Zuspruch,  den  die  Jäger  einander  geben,  wenn  sie 
zusammentreffen.  In  alten  Zeiten  hiess  es  nur  'Weidmanns  Heil'  und 
die  Antwort   war 

'Auch  dieses  Heil    werde  dir  zu  Teil, 
im  Thal  und  Bergen   droben: 
jo,  jo,  so  recht,  so  können  wir  Gott  loben.' 
Heut  zu  Tage  heisst  es  aber  nur  'Glück  auf  und  in    der  Gegenantwort 
'Wieder  Glück  auf,  aber  vom  Lobe  Gottes  hört  man  selten  mehr  etwas, 
und  wird  ein  solcher  Jäger  als  eine  Betschwester  betrachtet.     Ein  bissgen 
geflucht   und    sacramentiert,    dass    der   Himmel   herunter    fallen   möchte, 
das   ist  gut  jägerisch,    wie  auch  ein  kurz    daurender   Gottesdienst 
und  eine  langwierige  Jagd,  diss  einen  guten  Jäger  macht.     Ja,  ja,   wer 
so  denkt,  trifft  es  zum  Vergnügen   des  Satans  aber   nicht   zur  Ehre    des 
höchsten  Gottes.' 

3.  Sag  an,  Weidmann: 

was  wittert  dich  und  deine  Leithund  an? 
A.    Der  Hirsch  mit  den  vierzehen  Euden  wittert  heut  meine 

Leithund  an. 
Ich  hoff,  er  werde  sich  kuerz  umbwenden; 
der  Hirsch  von  den  vierzehen  Enden, 
vor  meinen  Jaghunden  behenden. 

Jaghund,  noch  heute  bayrisch;  mittelhochdeutsch  jagehunt. 

Bei    Grimm   nr.    1.       Lieber  Weidmann, 

was  wittert  dich  heut  an? 
A.       Ein  edler  Hirsch  und  ein  Schwein. 
was  mag  mir  besser  gesein? 
.Mau  vergl.  auch  nr.  34  u.  40  Lei  Grimm.  | 

335         4.     Sag  an.   Weidmann: 

wo  hastu  deine  jagende  Hund  hin  gethan? 

A.    Ich  habs  versendt 

mit  einem  edlen  Hirschen  ins  Elend. 

Vor  dem  Spruche  steht:  AYillstu  ein  Wild  bestatten    [d.  h.  bestäten,  be- 
.    stätigen,  im  Lager  aufspüren],  so  sollstu  in  das  Holz  gehen,  da  das  Wild 
stehet,  und  also  sprechen. 


50a.   Weidsprüche  und  Jägerschreie.  4f>(.) 

Bei  Grimm  nr.   IT   lautet  die   Antwort: 
Ich  liuh  sii'  versendt 

mit  einem  jagbaren  Hirsch  in  das   Elend; 
Ich  weiss  nicht,  wo  sie  hin  sind, 
ich  hoffe,  ich  wol  sie  bald  wieder  find. 
[Jägerkunst  1610  nr.  52;   Wagners  Archiv   1,  151.] 

5.     Sag  an,  lieber  Weidmann: 

wo  seind  dir  kumben  meine  wollautende  Hund  schon? 

A.    Über  Berg  und  tiefe  Thal 

laufen  deine  wollautende  Hund   überall. 

G.     Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wo  bindestu  deinen   Leitliund  an? 

A.    Lieber  Weidmann,   das  will  ich  dir  wol  sagen: 
wenn  ich  den  edlen  Hirschen  thue  aufwecken, 
so  kann  ich  mit  ihm  und  meinem  wollautenden Leithund, 
mitten  auf  dem   Bett,   mein  lieber  Weidmann, 
da  bind  ich  meinen   Leitliund  an. 

Bett  ist  das  Lager  des  Hirsches,  Grimms  DWB.  1,  Sp.  1725.  Übrigens 
ir-t  der  Spruch  entschieden  verdorben  und  unverständlich.  [Jägerkunst 
1610    nr.  32;    Wagners    Archiv    1,    147.] 

7.  Lieber  Weidmann,  sag  an  : 

was  hat  sich   vor  deinen  Leithunden  umwenden  gethan? 

A.    Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 

ein  edler  Hirsch   von  zehn  Enden, 

der  thuet  vor  meinen  Leitbunden  wenden. 

ich  hoff,  sie  werden  mit  ihme  kämpfen, 

und  werden   mir.   ho,  ho,  guet  auf  den  Zank  renken. 

Renken  ist  ziehen,  zerren,  Schindler  3,  112.  'Auf  den  Zank  renken 
verstelle  ich  nicht.  Schindler  4,272  hat:  der  Zanken,  Zacken,  Spitze. 
Die  Zanken  der  Hirschgeweihe.  [Jägerkunst  1610  nr.  15;  Wagners 
Archiv    1,    143.] 

8.  Sag  an,  lieber  Weidmann: 

wo  lauft  der  edle  Hirsch   hindan? 
A.    Er  lauft  über  Berg  und  Thal. 

so  hat  er  heint  den  rechten  Aufall. 

Hindan,  öfter  dan  hin,  hinweg,  weg,  Schindler  1,  374.     Den  rechten     336 
Anfall    haben    wird   sowohl    vom    Hirsch    als    vom    Hunde   gesagt,    vgl. 
I  bei  Grimm  nr.  43,  77,   165,   189. 


460  Zur  Volksdichtung. 

!•.     Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wo  lauft  der  edle  Hirsch  hindan? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 

der  lauft  über  die  Strassen 

und   muss  mir  die  Haut  und   Haar  lassen. 

Bei  Grimm  nr.  29.     Mein  lieber  Weidmann,  sag  mir  an: 

wo  lauft  der  edle   Hirsch   hinan? 
A.     Er  lauft   über  Berg  und  Thal   und  über  die  Strassen, 
er  muss  uns  Jägern  der  Jäger  Recht  hie-   lassen. 
[Jägerkunsi    1610  nr.  26;   Wagners  Archiv  1,  145.] 

10.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wo  lauft  der  edle  Hirsch   hindan? 
Ho  ho,  kannstn   mir  das  gesagen, 
so  will  ich  dich,   hoho,  heut  mich   weiter  fragen. 
A.    Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wohl  sagen: 
er  lauft  über  Berg  und  tiefe  Thal, 
über  Stock.  Stauden  und  über  alle  Flächt. 
ho  ho,  der  edle  Hirsch  hindan. 
Da  fleucht  er  über  die  Stigl. 

Ich  hetz  heut  den  edlen  Hirschen  lieber  als  ein  [gl. 
Er  fleucht  über  die  Strassen: 
er  muss  mir.  hoho,   guet  die  Haut  und  Haar  lassen. 

Flucht  ist  mir  nicht  klar;  vielleicht  Schreibfehler  für  Schlucht. 
Stigl  ist  ein  Pflock,  Baumstock,  erhöhtes  Bret  und  dgl.,  an  einem  Zaun 
angebracht,  um  dem  Darübersteigenden  zur  Stufe  zu  dienen,  Schmeller 
3,  624. 

An  einer  anderen  Stelle  meiner  Handschrift  finden    sich    als   beson- 
derer Weidspruch   die  Zeilen  : 

Du  hast  recht,  lieber  Weidmann, 

üher  Zäun  und  über  Stigl: 

ein  edlen  Hirschen  jag  ich  lieber  als  ein  Igl. 
Darunter  steht:  Antwort  nichts. 
Der  26.  Weidspruch   bei   Grimm   schliesst: 

Ich  zog  ihm  nach   lus  über   ein  Stiegel, 

ich   jag  den  edlen   Hirsch  lieber,  denn  ein  Igel. 

1 1.  Sag  an.   Weidmann: 
warumben  ist  der  Hirsch   heut   über  den  Weg  gangen'.' 

A.    Das  macht,   dass   ihm   unten   hin   steht  sein  Verlangen,  [j 


50a.  Weidsprüche  und  Jägerschreie.  461 

12.  LiebtT  Weidmann,  sag-  an:  337 
was  hastu  dem  edlen  Hirschen  zu  Leid  gethan? 

A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will   ich  dir  wo]  sagen: 
als  ich  ihn  jaget  mit   meinem   Leithund,   dunket  mich 

gar   frei, 
dass  dem  edlen  Hirschen   leid  sei. 
Bei  Grimm  nr.  49  lautet  die  Antwort: 
Das  will  ich  dir  wol  sagen  : 
aus  frischem  freien  Mut 

liab  ich  ihn  aufgejagt,  den  edlen  Hirsch  gut. 
mit  meinem  Leitlmnd, 
und  hab  drangehetzt  die  Jagdhund. 
Es  dünkt  mich   frei, 

sie  haben  ihn  gejagt,  er  habe  kein  Ruh  dabei. 
[Jägerkunst  1610  nr.  157;   Wagners  Archiv  1,  148.] 

13.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 

was  hat  der  edle  Hirsch  mir  und  dir  zu  Leid  gethan? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,    das  will  ich  dir  wol   sagen: 
gar  manich  Widergang,  gar  maniche  Widerfahrt, 
darbei  der  edle  Hirsch  vom  Feld  gen  Holz  trat. 

Einen  Widergang  thut  der  Hirsch,  wenn  er  auf  seiner  hingegangenen 
Spur  wieder  zurückgeht,  im  besonderen,  wenn  er  zu  Holz  zieht  und 
am  Holz  noch  einmal  umwendet  und  ein  Stück  Wegs  zurückkehrt. 
"Widergang  in  weidmännischer  Bedeutung  kommt  schon  in  Hadamars 
Jagd  vor,  vgl.  Str.  80.  81.  87.  89.  101.  266.  305.  436.  Für  gen  schreibt 
die  Handschrift  immer  gehn,  der  bayrischen  Aussprache  gemäss. 
Bei  Grimm  nr.  59  lautet  unser  Spruch: 
Sag  an,  lieber  Weidmann: 

was  hat  der  edle  Hirsch  dir  zu  Leid  gethan? 
A.    Das  will  ich   dir    sagen:    schon    manchen   Widergang,   manche 

Widerfahrt, 
die  heut  der  edle  Hirsch  vom  Feld  gen  Holze  trat, 
die  haben  mir  viel  zu  Leid  gethan, 
da  sich    auch    mancher  Jäger    nicht   daraus    richten    kann. 

14.  Sag  an,  Weidmann: 

was  hat  dir  der  Hirsch  nuten  und  oben  gethan? 
A.    Unten  und  oben 

hat  der  Hirsch  mauichen  gueten  Jäger  betrogen. 

Bei  Grimm   nr.   15  und  192  wird  geantwortet: 

Er  hat  unten   geblendt  und  oben  gewendt, 
darbei  hat  ihn  der  Jäger  erkennt. 


4(')-_'  Zur  Volksdichtung. 

Der  Hirsch  blendet  nämlich,  wenn  er  wieder  in  die  vorderste  Fährte 
tritt,  und  wendet,  wenn  er  mit  seinem  Gehörn  das  Laub  an  den 
Asten    umkehrt.  | 

338      ];,.     Weidmann,  sag  au: 

\\<»  hast  den  edlen  Hirschen  lau? 
A.    Zu  Holz, 

da  lauft  manich  Hirsch  stolz. 

Man  vergl.  nr.  107  bei  Grimm,  wo  die  Antwort  etwas  dunkel  ist.  [Jäger- 
kunst 1610  nr.  '21;  Wagners  Archiv   1,   144.     Ayrer  3,  1634,  10.] 

16.  Sau'  au.  lieber  AYeidmann: 

wo  hastu  heut  den  edlen  Hirschen  lassen  stahn? 
A.    Dort  an  einem  gueten  End, 
ich  weiss  wol  welches  End. 
Dank  hab,  lieber  Weidmann,  hab  Dank! 
es  ist  heint  ein  gueter  Anfang. 

Vergl.  bei  Grimm  nr.  26. 

17.  Sag  an,  lieber  Weidmann: 

wie  sprichstu  den  edlen  Hirschen  an? 
A.    Es  ist  ein  Hirsch  von  vielen  Enden: 

ich  hoff,  er  muss  sich  noch  heint  gar  kuerz  urnbwenden. 

Ansprechen  heisst  (nach  Döbel)  die  Fährte  judizieren,  oder  ansagen, 
wie  ein  Hirsch  am  Leibe  oder  Gehörne  zu  rechnen  sei.  Schon  bei 
Hadamar  Str.  88  steht : 

man  mag  e3  wol  ansprechen 

für  aller  bände   wilde. 
Man  vergl.  auch  Grimms  DWB.  1,  Sp.  468. 

\*.     Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wobei  sprichstu  den  edlen  Hirschen  an? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
bei  seiner  edlen  Krön  und  bei  seinem  zerspaltnen  Fuss, 
darbei  ein  jeder  Jäger  den  edlen  Hirschen  erkennen  muss. 

Eine  Krone  hat  ein  Hirsch,  wenn  er  drei,  auch  mehr  Enden  oben  auf 
einer  Stange  hat,  oder  wie  v.  Heppe  sich  ausdrückt,  wenn  er  oben 
auf  denen  Stangen  ein  Zwissel  von  Enden  hat.  (Zwisel  ist  Gabel, 
Schindler   4,   309.) 

Bei  Grimm   nr.   liT :   .Mein  lieber  Weidmann,    sag  mir  an: 

worbei  sprichst  du  den  edlen  Hirsch  im  Feld  an? 
A.    Das  will  ich  dir  wol    sagen    an: 

darbei    sprich    ich    den    edlen    Hirsch    an, 


50  a.  Weidsprüche  und  Jägerschreie.  4<i.'> 

bei    seinem    zerspaltenen    Fuss, 
darbei  ich  und  ein  jeder  Jäger  den  edlen  Hirsch 
erkennen   niuss. 

Vergl.  auch  Grimms  nr.  30,  wd  auch  von  der  Kiene  nichts.  [Jäger- 
kunst 1610  nr.  4;  Wagners  Archiv  1,   141.  | 

19.     Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wie  sprichstu    den  edlen  Hirschen  zwischen  Himmel  und 

Erde  an?  | 
A.     Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen:  33$ 

wann  der  edle  Hirsch  thuet  sein  Gehörn  schlagen, 
dankt  mich  gar  fein, 
das  mag  das  beste  Zeichen  sein. 

Der  Hirsch  schlägt  oder  fegt  sein  Gehörn,  d.  h.  er  reinigt  an  den  Bäumen 
sein  Gehörne  von  dem  rauhen  Baste.  Man  nannte  dies  auch  die  Himmels- 
spur,  Döbel  1,  5  und  9.    [Jägerkunst  1610,  nr.  17;  Wagners  Archiv  1,  144.] 

20.  Lieber  Weidmann,  sag  an  rund 
und  thne  mir  kund: 

wodurch  wird  der  edle  Hirsch  verwandt? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
Der  Jäger  und  sein  Leithund, 
so  blieb  der  edle  Hirsch  unverwundt. 

Rund  bedeutet  hurtig,  flink,  Schmeller  8,  108.  Was  in  der  vorletzten 
Zeile   ungefähr  zu  ergänzen  ist,  zeigt  Grimms  nr.  167: 

Weidmann,  rund 

thu  mir  kund  : 

wodurch  wird  der  edle  Hirsch  verwundt? 
A.    Das  kann  ich  dir  wol  sagen: 

tliuts  nicht  der  Jäger- und  sein  Leithund, 

so  bleibt  der  edle  Hirsch  unverwundt. 
Andere  Variationen  des  Spruches  siehe  bei  Grimm  unter  nr.  20  und  203. 
[Jägerkunst  1610  nr.   7;  Wagners  Archiv  1,   141.] 

21.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wie   lang  leit   der  edle  Hirsch   in  Muetter  Leib,  ehe  er 

erwachen  kann? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  es  dunkt  mich  gar  fein: 

achtzehen  Wochen  und  einen  Tag 

leit  der  edle  Hirsch  in  Muetterleib  gefangen,  ehe  er 

erwachen  mag. 


464  Zur  Volksdichtung. 

Bei  <>riiii!ii  in-.  58:    Mein  lieber  "Weidmann,  sag  mir  an: 

wie  lange  liegt  der  edle  Hirsch  in  seiner  Mutter  Leib 
ehe  denn  er  erwachen  kann? 
A.    Da  liegt  er  achtzehn  Wochen, 

da    hat    sich    der  edle  Hirsch    in    seiner  Mutter  Leib 

verkrochen. 
[Jägerkunst  1610  nr.   13;  Wagners  Archiv  1,  143.] 

22.    Lieber  Weidmann,  sag  (an): 

wie  lang  leit  der  edle  Hirsch  in  Muetterleib, 
ehe  er  sein  erstes  Zeichen  inachen  kann? 

A.    Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 

ein  und  dreissig  Tag  leit  der  edle  Hirsch  in  Muetterleib, 
ehe  er  sein  erstes  Zeichen  machen  kann.  | 
-340      23.    Lieber  Weidmann,  sag  an: 

was  hat  der  edle  Hirsch  in  Muetterleib  gethan? 

A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
in  Muetterleib  ist  der  edle  Hirsch  geschloffen, 
gar  manchen  schmalen  Steg  ist  die  Hindin  mit  ihm  ge- 
loffen. 

Geschloffen  d.  i.  geschlüpft.  Die  Antwort  ist  verwirrt,  besser  ist  sie 
bei  Grimm  nr.  57:       Im  Mutterleib  ist  der  edle  Hirsch  geschlichen 

viel  manchen  schmalen  Steig, 

und  ist  darnach  von  seiner  Mutter  Leib  gewichen. 
[Jägerkunst   1610  nr.   16;AVagners  Archiv   1,   143.] 

24.  Sag  an,  Weidmann  : 

wo  mag  der  edle  Hirsch  liegen,  wann  man  nit  weiss,  ob 

er  jung  oder  alt  ist? 
A.    Wann  er  liegt  in  seiner  Muetter, 

weiss  niemand,  ob  er  jung  oder  alt  ist. 

25.  Sag  an,  lieber  Weidmann: 

was  trägt  den  edlen  Hirschen  über  den  Weg  hindau? 
A.    Sein  edle  Muetter  in  dem  Bauch 

trägt  heint  den  edlen  Hirsch  über  den  Weg  hinaus. 

Schöner  ist  Grimms  nr.   31: 

Hör,  Weidmann,  kannst  du  mir  sagen: 

was  hat  den  edeln  Hirsch  vor  Sonne  und  Mond  über  den  Weg 

getragen  ? 
Wie  kann  er  über  den  Weg  sein  kommen, 
hat  ihn  weder  Sonn  noch  Mond  vernommen ? 


50 a.  Weidsprüche  und  Jägersehreie.  4<>"> 

A.    Das  will  ich  dir  wol  sagen  schone: 
die  liebste  Mutter  Bein 

trug  den  edeln   Hirsch  über  den  Weg  hinein. 
Interessant  ist,   dass    auch    in   dem   Spiel    von   dem    Freiheit  (Keller,  Fast- 
nachtspiele  nr.  63),  welches,  dem  Traugemnndslied  ähnlich,  aus  Rätsel- 
fragen und  Antworten  besteht,  eine  Variation  unserer  Frage  vorkommt. 
Der  Frager  fragt : 

Xu  sag  mir  eins  mit   unterschaid! 
was  tregt  den  wolf  über  die  haid? 

Freiheit: 
Das  wil  ich  dir  gar  pald  hie  sagen. 
Die  wulfin  tut  in   über  die  heid  tragen. 

26.  Lieber  Weidmann  unveracht: 

was  hat  der  edle  Hirsch  auf  grüener  Heid  gemacht? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
Er  ist  von  seiner  Mutter  leib  kumben 
und  ist   über  die  grüene  Heid  hinein  gesprungen.  | 

27.  Lieber  Weidmann,  sag  an:  341 
was  hat  der  edle  Hirsch  zu  Feld  gethan? 

A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
er  hat  ein  Weid  an  sich  genommen, 
ist  wieder  von  dem  Feld  gen  Holz  kommen. 

Bei  Grimm  nr.  62  wird  geantwortet: 

Er  hat  gerungen 

und  gesprungen, 

und  hat  die  Weid  zu  sich  genommen, 

und   ist  wieder  gen  Holz  kommen. 
Tgl.  auch   Grimm    nr.    28   (44),    74.    105,    199.     [Jägerkunst    1610   nr.  2; 
Wagners  Archiv   1.   140;     Schmidlins    unten    S.   497    abgedruckter    Lob- 
spruch 1 6(52,   75.] 

Diese  Frage,  sowie  die  unter  nr.  82  und  15  --  bei  Grimm  nr.  105, 
106, 107  —  stellt  nach  Meurer  der  Jägerknecht  an  den  Jäger,  'wenn  dieser 
aus  dem  Versuch   herzeucht  und  Hirsch  abgericht  hat'. 

28.  Sag  an.  lieber  AVeidmann: 

was  hat  der  edle  Hirsch  bei  dem  Ameishaufen  gethan'.' 
A.    Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 

er  zerschlägt  den  Ameishaufen  nach  seinem  alten  Gebrauch, 
damit  ihm  sein  Hörn  ward  rauch. 

29.  Lieber  Weidmann,  sag  an : 

was  hat  der  edlt  Hirsch  zwischen  Wasser  undGries  gethan? 

Köhler,  Kl.  Schriften.   III.  30 


4c.i; 


Zur  Volksdichtung. 


342 


A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
zwischen  dem  Wasser  und  zwischen  dem  Gries 
da  wuesch  der  edle  Hirsch  seine  Füess. 

Siehe  nr.  4  hei  Grimm.    |Jägerkunst  1610  nr.  9;  Wagners  Areliiv  1,  142.] 
—  Gries  ist  sowohl  der  Ufersand  als  das  Ufer  selbst. 

30.  Lieher  Weidmann,  sag  an: 

was   hat   der   edle   Hirsch    bei    dem   fliessenden  Wasser 

gethan? 
A.    Er  that  ein  frischen  Trunk, 

damit  ward  sein  stolzes  Herz  gesund. 

Bei  Grimm  nr.  66:     Weidmann  sag  mir  an: 

was  hat  der  edle  Hirsch  bei  einem  reinen  fliessenden. 

Wasser  gethan? 
A.    Er  that  einen  frischen  Trunk, 

darvon   wird  sein  junges  Herze  gesund. 

31.  Sag  an,  Weidmann: 

was  hat  der  Hirsch  im  Laub  und  Gras  gethan? 
A.    Er  hat  sich  umbkehret  nach  einem  jungen  Jäger  frumb:. 
den  Hirsch  gedünkt,  der  Jäger  sei  ihm  viel  zu  jung.  | 
Er   ist    dort   hinausgangen    durch  den    grüenen  Anger: 
ich  hoff",  er  werde  heut  gefangen. 

32.  Sag  an,  lieber  Weidmann  : 

wie    viel  hat  der   edle   Hirsch   heut  Widergäng  gethan? 
A.    Sechs  oder  sieben, 

da  hat   der  edle  Hirsch    heint   sein  Weil   und  Zeit  ver- 
trieben. 

Bei  Grimm  nr.   181:     Jo  ho,  mein  lieber  Weidmann: 

wie  viel  hat  der  edle  Hirsch,  ho  ho,  woit  gut,  heut 

Widergänge  gethan? 

A.    Jo  'ho,   mein    lieber  Weidmann,  sechs  oder  sieben: 
damit   hat  der  edle  Hirsch,  ho  ho,  woit  gut,  seine 

Zeit  vertrieben. 

Nr.  106:    Sag  mir,  Weidmann,  sag  mir,  Weidmann  : 

wie  viel  hat  der  Hirsch  heut  Widergäng  gethan? 
A.    Sechs  oder  sieben,  sechs  oder  sieben 

hat  der  edle  Hirsch  heut  Widergäng  getrieben. 

[Jägerkunst  1010  nr.  1;  Wagners  Archiv    1,  140.     Ayrer  3,  1634,   4.   ed. 

Keller.    Schmidlin  V.  80.] 


50a.  Weidsprüche  und  Jägerschreie.  4t)7 

33.  Mein  lieber  Weidmann,  sag  an: 

wie   viel  hat   der  edle  Hirsch  Widergäng  von  Feld  gen 

Holz  getlian? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wo]  sagen: 
Sechs  oder  sieben 
haben  den  edlen  Hirschen  vom  Feld  gen  Holz  getrieben. 

Bei  Grimm  nr.  '-'4:     Sag  an,  mein  lieber  Weidmann : 

Wie  viel  Widergäng  hat  heut  der  edle  Hirsch  vom 

Feld  gen  Holz  gethan  ? 
A.    Einen   um  den   andern 

hat  der  edle  Hirsch  getrieben  von  einem  Wald  zum 

andern. 

34.  Sag  an,  lieber  Weidmann: 

wo  hat    der   edle  Hirsch   sein  ersten   und  lesten  Wider- 
gang gethan? 
A.    Den  ersten  von  seiner  Muetter, 
den  andern  in  der  Brunst, 
da  der  edle  Hirsch  sein  Muetter  bestieg: 
so  sag  ich  dir,  lieber  Weidmann, 
das  ist  der  erst  und  leste  Widergang. 

Lest,  bayrisch  für  letzt.     Man  vergleiche  bei  Grimm  nr.  53: 
Weidmann,  sag  mir  an  : 

Wo  hat  der  Hirsch  seinen  ersten  Widergang  gethan  ?  | 
A.    Wenn    er  kommt    aus  Mutterleib    und  fröhlich  um  sie  springt,     343 
das  dünkt  mich  frei, 
dass  es  sein  erster  Widergang  sei. 
>."icht  in  der  Ordnung  scheint  Grimms  nr.  37  zu  sein,  wo  es  heisst: 
Lieber  Weidmann,  sag  mir  an  : 

wo   hat    der   edle    Hirsch    sein    ersten   und   letzten  Widergang 

gethan  't 
A.    Wenn  er  liegt  in  Mutterleib  umfangen, 

so   hat    der    edle    Hirsch    sein    ersten    und    letzten  Widergang 

begangen. 

35.  Mein  lieber  Weidmann,  sag  an: 
wann   hat   der  edle  Hirsch  sein  Himmelzeichen  gethan? 

A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
wie  er  heut  vom  Feld  gen  Holz  ist  gangen, 
so  hat  der  edle  Hirsch  mit  seiner  langen  Stangen 
herabgeschlagen  die  Zeigen  und  die  Ast  von  den  Bäumen, 
da  hat  der  edle  Hirsch  sein  Zeichen  vollbracht. 

30* 


468  ^ur  Volksdichtung. 

Zeig,   Ast,    Zweig,   Schmeller   4,    255.  —  Bei   Grimm    nr.  36    lautet    die 
Antwort: 

Wann  er  heut  vom  Feld  gen  Holz  Ur  gegangen, 

hat  der  edle  Hirsch  mit  seiner  Langen  Stangen 

herabgeschlagen  die  Zehr  und  Aste 

von  den  Bäumen  und  Stauden  und  bat  sein  Weid  empfangen; 

ist  mir  anders  eben, 

so  hat  er  das  Himmelszeichen  daran  geben. 

36.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wo   hat   der  edle  Hirsch   sein  höchstes    und  niedrigistes 

Zeichen  gethan? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
mit  seinem  zerspalten  Fuess,  mit  seiner  edlen  Krön 
hat  der  edle  Hirsch  sein  höchstes  und  niedrigistes  Zeichen 

gethan. 
Und  niedrigistes  habe  ich  in  der  Frage  hinzugefügt,  in  der  Hand- 
schrift fehlen  die  Worte.  [Jägerkunst  1610  nr.  29;  Wagners  Archiv  1,  146.] 

37.  Sag  an,  lieber  Weidmann : 

wo  hat  der  Hirsch  sein  erstes  Zeichen  gethan? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
Da  er  leit  in  Muetterleib  und  wachst, 
bat  der  edle  Hirsch  sein  erstes  Zeichen  vorbracht. 

[Jägerkunst  1610  nr.  33;  Wagners  Archiv  1.  147.] 

38.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wo  hat  der  edle  Hirsch  seinen  letsteu  Bschluss  gethan?  | 
344      A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 

als  ich  ihn  jaget  den  grünen  Wald  hinein  über  die  enge 

Strassen, 
da  mueste  der  edle  Hirsch  sein  letsten  Bschluss  lassen. 

39.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 
wo  hat  hent  zu  Tag  der  edle  Hirsch  seinen  lesten  Be- 

schluss  gethan? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen : 
er  lief  durch  den  grüenen  Wald  auf  der  weiten  Strassen, 
da  hat  er  der  edle  Hirsch  seinen  Beschluss  gelassen. 

Was  Beschluss  in  beiden  Sprüchen  bedeutet,  weiss  ich  nicht. 

40.  Bistu  ein  Weidmann,  so  sag  an: 
was  trägt  der  edle  Hirsch  unten  und  oben  an. 


50  a.  Weidsprüche  und  Jägerschreie.  469 

A.    Unten  die  Ballen  und  oben  die  Krön 

trägt  der  edle  Hirsch  unten  nml  oben  an. 

41.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 

was  trägt  der  edle  Hirsch  unten  und  oben  an? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wo!  sagen: 
die  Schale  und  die  Krön 
trägt  der  edle  Hirsch  unten  und  oben  an. 

Schalen,  die  unten   hornichten  Teile  am  Laufte  (Dübel).     [Jägerkunst 
1610  nr.  28;  Wagners  Archiv   1,  146.] 

42.  Lieber  Weidmann  fein: 

wann  mag  der  edle  Hirsch  am  leichtisten  zu  spüeren  sein? 
A.    Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
wann  der  edle  Hirsch  thuet  kein  Gehörn  tragen, 
dunkt  mich  gar  fein, 
so  mag  der  edle  Hirsch  am  besten  zu  spüeren  sein. 

[Jägerkunst   1610   nr.   12:  Wagners  Archiv   1,   143.] 

43.  Lieber  Weidmann  fein: 

was  treibt  den  edlen  Hirschen  vom  Feld  gen  Holz  hinein? 
A.    Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
der  helle  Morgen  und  Tageschein 
treibet    den  edlen  Hirschen   vom  Feld  gen  Holz  hinein. 

Bei  Grimm  nr.  25  :    Lieber  Weidmann,  sag  mir  hübsch  und  fein: 

was  bringet   den  edlen  Hirsch   vom  Feld   gen  Holz 

hinein? 

A.    Der  helle  lichte  Tag  und  der  helle  Morgenschein 

bringt   heut   den   edlen  Hirsch    vom  Feld   gen  Holz 

hinein  j 
oder:  ;j45 

der  helle  lichte  Tag, 

welches  thut  den  Hirsch  verjagen  (oder:   verraten). 

[Jägerkunst  1610  nr.  ä;  Wagners  Archiv   1,   141.] 

44.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 

was  ist  das  lest  und  das  best  an  dem  edlen  Hirsch? 
A.    Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
der  Zemer  der  ist  guet, 

darbei  da  nehmen  Fürsten  und  Herren  ein  gueten  Muet; 
das  Gescheid  ist  nicht  gnet. 
das  wirft  man  für  die  Jaghund. 


470  Zur  Volksdichtung. 

Lest  steht  hier  für  'das  schlechteste',  wie  hei  Schmeller  2,  530: 'weder 
der  best  noch  das  löst.'  'Das  best'  habe  ich  geschrieben,  obwohl  in  der 
Handschrift 'das  bösst' steht,  wie  öfters:  Wog,  Stög  u.  dgl.  Leicht  denkt 
man  daran,  ob  es  nicht  ursprünglich  geheissen  hat:  'was  ist  das  beste 
und  das  böste  an  dem  edlen  Hirsch',  da  die  Verbindung  dieser  beiden 
Superlative  bekanntlich  im  Mittelhochdeutschen  sehr  beliebt  war. 
Bei  Grimm  nr.  39  heisst  es: 

Lieber  Weidmann,  sag  mir  an: 

welches  ist  an  dem  edlen  Hirsch  das  best  und  auch  das  letzt? 
A.    Das  will  ich  dir  wol  zeigen  an:  der  Zemmel  ist  gut, 

Darüber  tragen  Fürsten  und  Herrn  einen  guten  Mut; 

darum  dünket  mich   frei, 

ilass  es  das  beste  und  letzte  sei. 
Hier  scheint  das  letzte  für  synonym  mit  dem  besten  genommen  zu  sein, 
oder   sollte    es   das   hinterste    bedeuten,   weil    der   Zemmel    oder    Zemer, 
gewöhnlich  Ziemer,  das  hintere  Stück  des  Hirschrückens  genannt  wird? 
[Jägerkunst  1610  nr.  11;  Wagners  Archiv   1,   142.] 

Das  Gescheid  ist  das  Eingeweide,  die  Gedärme. 

45.    Lieber  Weidmann,  sag  an: 

was  gehet  dem  edlen  Hirschen  vor. 

A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
der  Athem  und  sein  Natur 
gehet  dem  edlen  Hirschen  vor. 

Bei  Grimm  nr.  G5:     Lieber  Weidmann,  sag  mir  fein: 

was  gehet  vor  dem  edlen  Hirsch  gen  Holz  hinein? 
A.    Sein  warmer  Athem  fein : 

gehet  vor  dem  edlen  Hirsch  gen  Holz  hinein. 
[Jägerkunst  1610  nr.   23;  Wagners  Archiv  1,   143.]     Noch   dichterischer 
und    durch    die    Dreiheit    höheres    Alter    verratend  nr.   162: 

Weidmann,  lieber  Weidmann  hübsch  und  fein: 
was  gehet  hochwacht  vor  den  edlen  Hirsch 
von  den  Feldern  gen  Holz  hinein? 
A.    Das  kann  ich  dir  wol  sagen: 

der  helle  Morgenstern,  der  Schatten  und  der  Athem  sein 
gehet  vor  den  edlen  Hirsch  von  Feldern  gen  Holze  ein.  | 

346       li».    Lieber  Weidmann,  sag  an: 

wie  spricht  der  Wolf  den  edlen  Hirschen  im  Winter  au  ? 

A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
der  Wolf  spricht  cdu  dürrer  Knecht, 
du  rnuest  durch  meinen  Kragen  sein  gerecht, 
da  will  ich  dich  den  grüenen  Wald  ein  Ende  jagen5. 


50a.  Weidsprüche  und  Jägerschreie.  471 

Bei  Grimm  nr.  22  spricht  der  Wolf: 

Wol   auf.  wol   auf,  du   dürrer  knab,  du   must   in   meinen  Magen, 
da   will   ich  dich   wol  durch  den   rauhen  Wald  hintragen. 

47.  Lieher  Weidmann,  sag  au: 

wie  spricht  der  Fuchs  den  Hasen  an? 
A.    Der  Fuchs  spricht  zu  dem  Hasen 
'ich  hör  die  Jäger  blasen: 
mach  dich  auf  und  lauf  darvon! 
seine  schnelle  Wind  laufen  dich  an'. 

[Jägerkunst  1610  nr.    63;  Wagners  Archiv    1,   153.  -      Ein    pommerscher 
Yolksreim  lautet:      Auf,  sprach  der  Fuchs  zum  Hasen; 
Hörst  du  nicht  die  Hörner  blasen?] 

48.  Lieber  Weidmann,  sag  an: 

was  mag  des  .lägers  sein  Lohn  sein? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
der  Hals  und  die  Haut,  dünkt  mich  gar  fein, 
mag  des  .lägers  sein  Lohn  sein. 

49.  Sag  an.  Weidmann  fein: 

was  mag  des  .lägers   Lohn  sein? 
A.    Der  Hals  und  die  Haut,  gedünkt  mich  gar  fein, 
mag  wol  des  Jägers  Lohn  sein : 
das  Eisbein  und  Inslet  gleichsfall  alles  allein 
soll  des  Jägers  Belohnung  sein. 

Eissbein  wird  (nach  v.  Heppe)  benennet  dasjenige  Bein,  welches  die 
hinteren  Läufe  oder  Schlegel  zusammenhält  und  den  Schluss  macht, 
v.  Fleming  fasst  es  enger:  Eissbein  wird  ein  halber  Teil  von  dem  Schlosse 
eines  Tiers  [d.  i.  einer  Hindin]  genannt,  wann  aber  beide  noch  bei- 
sammen, so  heisset  es  das  Schloss.  (Schluss  nämlich  'werden  die  Knochen 
an  den  Tieren  genannt,  durch  welche  sie  die  Jungen  gebären,  die  sich 
dann  von  einander  thun\)  Frisch  1,  229a  hat:  'Schloss-  oder  Eiss-Knochen, 
im  ano  eines  Hirschen.  Holl.  Isbeen,  Ischbeen,  Ysbeen,  vom  latein. 
ischia  coxendix;  es  inferius  circa  nates'.  Die  Etymologie  lasse  ich 
dahingestellt. 

Man  vgl.  Grimms  nr.   168: 

Weidmann,  lieber  Weidmann,  sag  mir  fein: 
was  mag  doch  das  Jägerlohn  sein? 
A.    Das  kann  ich  wol  sagen: 

der  Kopf,  der  Hals  und  die  Haut,  dünkt  mich  fein, 
intiss  wol  des  Jägers  Lohn   sein. 
[Jägerkunst   1610  nr.  62;  Wagners  Archiv   1,   153.] 


i 


472  Zur  Volksdichtung. 

347      50.    Lieber  Weidmann,  sag  an,  du  mein  lieber  Jäger: 
wann  wird  das  wager? 
A.    Lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 

wann    der    Hund    nimmer   jagt    und    der    edle    Hirsch 

nimmer  staht. 
so  wird  dem  Jäger  bass. 

Wäger,  bosser.     Vgl.  Grimm  nr.  3:  Lieber  Weidmann,  sag  mir  an: 

wann   ist  dir  dein  Sach  wäger? 
A.  Auf  dem  Schnee  und  auf  dem  Eber 
wird  mir  mein  Sache  weger. 

Für  das  werden  wir  wohl  dir's  lesen  müssen. 

51.  Lieber  Weidmann,  sag  an  gar  guet: 
warumb  haben  die  Jäger  ein  gueten  Muet? 

A.    Lieber  Weidmann,  das  macht  der  hohe  Muet 
und  der  Keller  mit  den  Flaschen, 
darbei  sie  Lungl  und  Leber  waschen. 

Lungl,  bayrisch  die  Lunge  [Jägerkunst  1610  nr.  27;  "Wagners  Archiv 
1.  146]. 

52.  Lieber  Weidmann,  sag  an  mit  Muet: 

aus  welchem  Glas  schmeckt  der  küele  Wein  guet? 
A.    Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 
aus  dem  weiten  und  aus  dem  engen 
will  ich  dir  heint  eins  brengen. 

53.  Sag  an,  Weidmann: 

wann  bistu  aufgestanden  von  deinem  Fräulein? 
A.    Heint  in  aller  Frühe  bin  ich  aufgestanden  ab  dem  Bett 

meines  Herzenlieb  fein. 
Gott  grüess  mirs  in  das  Herz  hinein! 

54.  Lieber  Weidmann,  sag  ein: 

welches  sein  der  höchsten  Farben  drei? 
A.    Lieber  Weidmann 

ein  weisser  A — ,  das  grüene  Gras,   ein    schwarze    F — t 

darbei, 
dunkt  mich  gar  frei, 
seind.  hoho,  wol  die  höchsten  Farben  drei. 

Für  wol  hat  die  Handschrift  wolt,  wahrscheinlich  Schreibfehler  für 
woll,  wie  gewöhnlich  die  IIs.  schreibt.  Bei  v.  Fleming  1,  282  (Grinnn 
hat  den   Spruch  nicht  mitgeteilt)  lautet  der  Spruch: 


50a.   Weidsprüche  und  Jägerschreie.  173 

Weidmann,  lieber  Weidmann,  sag  mir  fein: 
welches  sind  doch  wol  die  schönsten   Farben  drei? 
A.  Das  kann  ich  dir  wol  sagen  frei:  34S 

ein  grünes  Gras,  ein  weisser  A —  und  eine  Bchwarze  !■'     z  darbei, 
das  sind  die  schönsten   Farben  drei. 

.">."».    Lieber  Weidmann,  sag  an: 

was  ist  weisser  dann  der  Schnee, 

was  ist  grüener  dann  der  Klee« 

was  ist  schwärzer  dann  der  Rab, 

was  ist  seliüner  dann  der  Jägerknab? 
A.     Mein  lieber  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  sagen: 

der  lichte  Tag  ist  weisser  dann  der  Schnee. 

Laub  und  Gras  grüener  dann  der  Klee, 

die  Federn  sein  schwarzer  dann  der  Rah. 

die  schönen  jungen  Mägdlein   sein    hübscher   denn    der 

Jägersknab. 

Bei  Grimm  nr.  165:  Weidemann,  lieber  Weidemann,  sag  mir  an: 

was   ist  weisser  dann   der   Schnee, 

was   ist  grüner  dann   der  Klee, 

schwarzer  dann  der  Rab 

und  kluger  dann  der  Jägerknab ? 
A.   Das  kann   ich  dir  wol  sagen: 

Der  Tag  ist  weisser  als  der  Schnee, 

die  Saat  ist  grüner  dann  der  Klee, 

die  Nacht  schwärzer  als  der  Rab, 

schöne  Mädchen  klüger  dann  der  Jägerknab. 
[Jägerkunst  1610  nr.  55;  Wagners  Archiv  1,  152.]  Im  Traugenmnds- 
lied  wird  auf  die  Frage  'was  ist  wijer  denne  der  sne  ?'  geantwortet: 
'die  sunne'.  In  dem  oben  erwähnten  Spiel  von  dem  Freiheit  ist  der 
Schwan  weisser  als  der  Schnee,  das  Laub  (nach  einer  andern  Lesart: 
der  Lauch)  grüner  als  der  Klee,  das  Pech  schwärzer  als  der  Rabe  und 
die  Maid  stolzer  als  der  Knabe.  In  einem  Rätsellied  bei  Uliland 
(nr.  3)  ist,  wie  bei  uns.  der  Tag  weisser  als  der  Schnee  und  das 
Merzenlaub  grüner  als  der  Klee  [Unland,  Schriften  3,  191;  Bolte,  Zs.  f. 
Volkskunde  7.  :;st   V.  82]. 

5G.    Lieber  Weidmann,  sag  an: 
was  macht  den  Wald  weiss, 
was  macht  den  Wolf  greis, 
was  macht  die  See  breit, 
wer  weiss  alle  Kluegheit? 


474  Zur  Volksdichtung. 

A.    Lieher  Weidmann,  das  will  ich  dir  wol  .sagen: 

der  Schnee  macht  den  Wald  weiss, 

das  Alter  macht  den  Wolf  greis, 

das  Wasser  macht  den  See  breit, 

schüne  Jungfrauen  wissen  alle  Klnegheit. 

Man  vgl.  bei  Grimm  nr.  68 ;    wo  nur  die  erste  Frage  abweicht,    indem 
sie  lautet:  woher  kommt  alle  Klugheit?  | 
349     Die  Antwort  ist :  Vom  schönen  Jungfräulein  kommt  alle  Klugheit  [Jäger- 
kunst  1610  nr.  56;  Wagners  Archiv   1.   153]. 

Im  Traugemundslied  kommen  die  Fragen  vor: 
Durch  wa3  ist  der  walt  so  grise  ? 
durch  wa3  ist  der  wolf  so  wise? 
A.  Von  manigem  alter  ist  der  walt  so  grise, 
von  unnützen  gangen  ist  der  wolf  so  wise. 
Im    Spiel    von     dem    Freiheit    finden    sich    die    unsern    Fragen    näher 
stehenden  Rätsel : 

Warumb  ist  der  wald  weiss, 
und  warumb  ist  der  wolf  auch  greis? 
A.  Vor  ungewitter  ist  der  weiss, 
vor  alter  ist  der  wolf  auch  greis. 

Alle  die  bisherigen  Weidsprüche  bestanden  aus  einer 
Frage  und  Antwort.  Wir  haben  nun  andere  mitzuteilen,  bei 
denen  dies  nicht  der  Fall  ist.  Es  sind  dies  Sprüche,  die 
teils  an  die  Teilnehmer  an  der  Jagd;  um  ihnen  den  Anbruch 
des  Tages  und  den  Beginn  der  Jagd  anzukündigen,  teils  an 
die  Hunde,  namentlich  an  die  Leithunde  gerichtet  sind.  Auf 
diese  Sprüche  scheinen  besonders  die  Benennungen  'Weidseh reie 
oder  Jägerschreie"  Anwendung  gefunden  zu  haben.  luden  an  den 
Leithund  gerichteten  Sprüchen  ist  das  innige  Verhältnis 
hervorzuheben,  in  welches  sich  der  Jäger  zu  dem  Hund 
stellt.  Gesell,  Gesellmann,  Waldmann,  Knecht,  oft  mit  Hin- 
zufügen von  'lieb1  oder  'traut3  sind  die  gewöhnlichen  Anreden 
für  den  Hund.  Heppe  sagt:  'Manche  danken  den  Leithimd 
also  ab:  Haha  höcht,  Kniächtel,  hoast  Riäeht,  hob  Dank; 
Hierschel,  riacht  Hierschel,  hob  Dank!"  Schon  in  Hadamars 
Jagd  nennt  der  Jäger  seinen  Leithund  'lieber  Geselle5,  z.  B. 
hl  Wa3  witert  dich  nü  an,  geselle?  60  Schönä,  geselle 
lieber,  bite!  67  Hin  hin  mit  guotem  heile,  das  wünsch  ich 
dir,  geselle.     70  Hin  hin.  geselle,  gelücke  helf    uns    heideu! 


50a.   Weidsprüche   und  .läyvrschreio.  475 

98  Ker  zuo  mir  her.  geselle,  kerä  her.  Ebenso  in  der  Magd 
der  Minne"  (Lassberg.  Liedersaal,  Band  2,  nr.  126)  wird  der 
Leitlmnd  'Geselle'  und  'Herzens  traut3  genannt,  v.  6,  34, 
384,  401,  und  'getröstet'  d.  i.  ermuntert.  Im  Teuerdank 
(Ausgabe  von  Haltaus  S.  47.  v.  50)  lesen  wir: 

Der  jeger  schrei  'wolhin  von   hinnen, 
liehen  jaghund,   nun   nun  jagt  nach  heil! 
so  wird  euch  heut  noch  euer  teil'. 

Grimm  hat  viele  Jägerschreie    mitgeteilt,    meine    Hand- 
schrift ist  weniger  reich    daran:    was    sie    enthält,    lasse    ich 
hier  folgen.  | 
.">7.   Wolauf,  Kellner  und  Koch!  350 

Schlaft  ihr  denn  noch? 

Gebt  uns  die  Suppen  und  ein  Kandl  mit  Wein! 
darbei  wollen  wir  frisch  und  freilich  sein. 

"Wolauf.  Grafen  und  Freiherrn  recht, 

edlen  Ritter  und  Knecht 

und  alle  guete  Gesellen, 

die  heint  mit  uns  an  das  Gejaid  wollen! 

In  der  Handschrift  steht  mit  Unrecht  über  der  zweiten  Strophe  'Ant- 
wort'.    Man  vergleiche  bei   Grimm: 

Nr.  70.     Ein     Weidschrei     damit     man     Morgen     zur    Jagd     auf- 
wecken soll. 

"Wolauf,   wolauf,  Keller  und  Koch! 

schafft  ihr  denn  heut  noch 

ein  gut  Suppen,  ein  Kandel  Wein, 

so  möchten   wir  alle   fröhlich  sein. 
Nr.  71.     Die  Herren  aufzuwecken. 

Wolauf,  Grafen,  Freien  und  Herrn  recht, 

alle  Edel,  darzu  Ritter  und  Knecht, 

auch  alle  gute  Gesellen, 

so  heut  mit  ins  Gejaide  wollen! 

58.    Wolauf,  wolauf! 

ein  seliger  Morgen  gehet  heut  auf. 
Wolauf,  wolauf.  ihr  Weidleut  jung  und  alt! 
dass  sein  heut  der  liebe  Gott  wall. 

Wolauf,  wolauf,  ihr  Weidleut, 
wie  gar  ein  schöner  Tag  ist  heut! 


476  Zur  Volksdichtung. 

Wolauf,  wolauf,  ihr  Fürsten  und  Herrn! 

lass  uns  heint  einem  edlen  Hirschen  naelikelirn! 

Wolauf,  wolauf.  willicli  und  frölich! 

es  stehet  heut  gar  jägerlich. 

Wolauf,   ihr   Fürsten    und    Herrn   und    all    meine    guete 

Gesellen, 
die  mit  mir  heint  an  die  Jagd  wollen! 

Man  vgl.  die  zum  Teil  ganz  ähnlichen  nr.  82  ff'.  Grimm,  mit  der  alten 
Überschrift:  'Wie  man  jägerlich  Morgens  den  frühen  Tag  soll  ausschreien 
und  die  mit  jagen  wollen,  wecken.' 

59.  Wann  der  Jäger  den  Leithund  an    die  Hand    nimbt, 
soll  er  sprechen:  j 

351  Nun  wolan  hin,  trauter  Gesell, 

dass  der  liebe  Gott  wöll! 
Mit  Lust  und  grossen  Freuden 

wollen  wir  heint   dem    edlen  Hirschen   gen  Holz   nach- 
schleichen. 

Gueter,  trauter  Gesellmaun  hin  hin  gen  Holz! 
da  schleicht  manicher  Hirsch  stolz. 
Gesellmann,  hin  wieder  wo  er  her  sei  gangen, 
lieber  trauter  Hund,  Gesell,  hinwieder! 
da  schleicht  der  edle  Hirsch  herwieder. 

Vgl.  dazu  bei  Grimm  nr.  96.  98.   126. 

60.  Item  wann  du  den  Leithund  zu  den  neuen  Geförten 
[d.  h.  Fährten]  führest,  so  sprich 

Voran,  lieber  Gesellmann,  fornachin! 

da  kumbt  der  edle  Hirsch  hin. 

Nun,  trauter  Hund,  nun 

da  nimb  der  neuen  Spuer  eben  wahr! 

So  der  Hirsch  fleucht,  so  fleucht  er  Wasser  und  Griesi 

meines  Buelens  hab  ich  keinen  Verdries. 

Fornachin,  bei  Grimm  115,  116,  117:  fornahin.  Der  Verdriess,. 
Überdruss,  Sehmelier  1,  415.  Zu  den  beiden  letzten  Zeilen  vgl.  Grimm 
nr.   146: 

da  lauft  er  AVasser  und  Grios: 

wie  gern   der  edel  Hirsch  heut  geness,  wer  ihn  liess : 


50a.  "Weidsprüche  und  Jägerschreie.  177 

61.  (Ohne  besondere  Überschrift.) 

Da  lauft  der  Hirsch  Berg  und    Thal. 
Gott  grüess  mir  meinen  Buelen  überall. 

Da  lauft  er  umb  die  Rick, 
das  thuet  er  oft  und  dick. 

Da  lauft  er  über  Hain. 

den  Hunden  zu  lieb  und  ihm  selbst  zu  Sehaden. 

Da  lauft  der  Hirsch  zu  dem  Zeug: 
Gott  geb  dass  es  ihn  nit  gereue. 

Der  Rick  oder  Rück  ist  eine  Wildgasse,  Schindler  3,  43,  kommtauch 
hei  Grimm  nr.  23  (und  147?)  vor,  wurde  aber  von  Grimm  mit  Unrecht 
für  Bergrücken  genommen  [Jägerkunst  1610  nr.  54;  Wagners  Archiv  1, 
152].  Zeug,  die  Tücher  und  Netze.  —  Zu  dem  ersten  Zeilenpaar  vgl. 
nr.  148  bei  Grimm,  fast  wörtlich  gleich  [Schmidlin  Y.  165].  Das  vor- 
letzte Paar  ist  verdorben,  man  vgl.  Grimms  nr.   151: 

da  lauft  der  edle  Hirsch  über  diese  Heide,  352 

den  Hunden  zu  Lieb,  ihm  selbst  zu  Leide. 

62.  (Ohne  Überschrift.) 

Hinnach,  trauter  Gesellmann,  hinnach! 
dann  er  leit  schon  auf  der  Seit, 
der  uns  heint  hat  alle  erfreut. 

Nach  Lust  und  Verlangen 

ist  es  dem  edlen  Hirschen  leider  ergangen. 

Nun  hin  umb  ein  anders! 

dem  Hirschen  ist  es  wol  ergangen. 

Der  Ausdruck  'auf  der  Seite  liegen'  kommt  auch  bei  Grimm  nr.  81  vor: 
habt  Fleiss,  ihr  Weidleut! 
bis  dass  der  Hirsch  auf  der  Seiten  leit. 

Zu  dem  letzten  Reimpaar  vgl.  Grimm  nr.   161: 

um  ein  andern,  um  ein  andern  ! 
dem  ist  heut  leids  ergangen. 

63.  Wiltu  den  Hirsch  sueehen: 

Gesellmann,  trauter  Hund,  greif  hinfür  zu  den  Eichen! 
da  findestu  des  edlen  Hirschen  Zeichen. 


478  Zur  Volksdichtung. 

Geselliiiaiin.  binfür  zu  den  Buechen! 
da  sollstu  ihn  suechen. 

Vgl.  Grimms  nr.   111   und  112.     Wie  hier    vom    Hunde    'greifen'    eigen- 
tümlich gebraucht  ist,  so  schon   in   der  'Jagd  der  Minne'  v.  17: 
do  kam   ich  üf  ein   fart: 
min   leithund  darnach   grifen   wart, 
als  einer  art  wol  gezam  — 

und  bei  Grimm  nr.   125: 

greife  fürbass  zu  der  rechten  Hand! 

wart,  wo  schleicht  der  edel  Hirsch  hin  an  ein  ander  Land  1 

64.   Denk  oft  an  Gott, 
so  liastu  Glück! 
ich  und  meine  Augen 
haben  oft  ein  Guets  gesehen  uud  vertrauen. 

Ein  guets  vertrautes  Herz  ist  guet, 
und  hab'  ein  gueten  Muet 
und  vergiss  Gott  nicht  darneben! 
so  wirstu  lang  leben,  j 
353       65.   Wie  der  Jäger  sollte  Fürsten  und  Herrn  aufwecken: 
Wolauf!  der  lichthelle  Tag  scheinet, 
ho,  ho,  guet  heut  über  den  Berg  herein. 
Wolauf,  ihr  Faulen  und  ihr  Trägen, 
die,  ho  ho,  heut  noch  lange  lägen!  (vgl.  Grimm  nr.  84. 

[Schmidlin  V.  49].) 
Wolauf,  frisch  und  frölich! 
das  stehet,  hoho,  guet  heut  jägerlich  (vgl.  Grimm  nr.  91). 

Wolauf,  ihr  Kellner  und  ihr  Koch, 
schlaft  ihr  denn  noch?  [vgl.  Schmidlin  V.  59.] 
Gebt  uns  ein  Suppen,  darzue  eine  Kandl  mit  Wein! 
so  mögen  wir  heut   frölicher   auf   der    Jagd    sein    (vgl. 

Grimm  nr.   70). 

Wolauf,  ihr  wolgeborneu  Fürsten  und  Herrn, 

mit  ihrem  ganzen  Hofgesind!  (vgl.  Grimm  nr.  93.) 

Wolauf,  Herrn  und  Frauen. 

auch  Fräulein.  Grafen,  Ritter  und  Knecht, 


50a.  Weidsprüohe  und  Jägerscbreie.  4  711 

und  alle  schöne  Jungfrauen, 

lasst  uns  den  edlen  Hirsch  anschauen!  [Wagners  Archiv  1, 
158.     Ayrer  3,  1633,  29.     Schmidlin  V.  53.] 
VVolhin  mit  Lust  und   Freude, 

Herrn  und   Kraun  zu   Lieb,  dem  edlen  Hirsch   zu  Leide 

(vgl.  Grimm  nr.  97). 

66.    Wie  man  den  Leithunden  das  Gehörn  soll  türtragen: 


&' 


Geselle  guet, 

du  bist  heut  wolgemuet. 

Heut  gieng  zu  Holz 

der  edle  Hirsch  stolz 
5     und  trug  sein  edle  Krön  [vgl.  Schmidlin  V.  G5]. 

Hoho,  Gesell,  ich  zu  dir,  du  zu  mir, 

ich  trag  das  edle  Gehörn  von  dem  Hirschen  für. 

Dass  dir  nimmer  Leid  geschieht  vor  des  Waldes  Reis, 

dabei  man  den  edlen  Hirschen  suecht  mit  Fleiss! 
10      Rieht  dich  auf,  Geselle, 

dass  dich  kein  Reis  uit  schnelle! 

lass  von  dem  Reis 

und  suech  den  edlen  Hirschen  ganz  mit  Fleiss! 

Geselle  dich   her  zu  mir  und  ich  zu  dir: 
15      ich    trag    dir,    hoho,    das    Gehörn    von    dem    edlen 

Hirschen  für.  | 

Lass  dich  nit  verdriessen!  354 

du  sollst  vor  Fürsten  und  Herrn  gemessen. 

Geselle  mein,  bist  wolgemuet, 

dass  sich  der  edle  Hirsch  mit  dir  jagen  muss! 
20     Durch  die  Dicke, 

wills  Gott,  auf  dem  rechtem  Ricke 

lauft  er  über  Berg  und  tiefe  Thal. 

Hüete  dich,  lieber  Gesell,  dass  dir  kein  Leid  widerfahr! 

Der  edle  Hirsch  mit  seiner  Leng, 
25      sollstu  dein  Lohn  empfangen, 

wie  er  da  leit  über  den  Blan, 

greif  darnach  in  die  edlen  Pfau, 

das  sollstu  zu  Lohn  haben! 


480  ^'ur  Volksdichtung. 

Mein  trauter  Hund,  lass  dichs  nit  verdriessen! 
30      du  sollst  heint  von  den  edlen  Hirschen  gemessen. 

.Munter  auf.  mein  trauter  Hund, 

munter  dich.  hoho,  wol  guet! 

Heut  frölich  auch  frolocke, 

dass  der  Wald  schallt. 
35      dass  es  morgen  zum  Tag.  hoho,  widerschallt! 

Lass  dich  nicht  verdriessen! 

du  sollt,  hoho,  des  edlen  Hirschen  gemessen. 

Hochte  Gesell,  richte  dich  auf, 

mein  trautes  Männlein. 
40      ich  zu  dir.  du  zu  mir! 

Trag  ein.  hoho,  ein  guetes  Gemüet, 

trag  auch  das  Gehörne  dir 

von  dem  edlen  Hirschen  für. 

Da  kumbt  er  hergeschritten 
45     mit  seinen  sieben  Tritten, 

hat,  hoho,  der  edle  Hirsch  den  Tod  gelitten. 

Zeile  5 — 13  scheinen  auf  die  üble  Eigenschaft  mancher  Leithunde  zu 
gehen,  welche  die  Spur  des  AVildes  an  den  Reisern  der  Büsche,  mehr 
als  die  Fährte  auf  der  Erde  beachten,  vgl.  Döbel  S.  95  f.  —  Zeile 
24 — 27  sind  unverständlich  und  jedenfalls  verdorben.  Ist  'Blan'  so  viel 
als  Plan  oder  gar  die  'Blähen',  Schmeller  1,  235.  Grimm  DWB.  2,  61  ? 
-  Zeile  38,  Hochte,  nach  Meurer,  der  Jägerkunst  und  Becher  liebt 
man  den  Hund  mit  den  Worten:  Hoich  ta,  nur  Mann  recht!  Bei 
Heppe  hiess  es:  Huha  bucht!  Nach  der  Jägerkunst  p.  266  (Becher  123) 
ist  Hoch  da!  ein  Ruf  an  Jäger  und  Hunde.  Bei  Döbel  2,  43  Jo  ho, 
hoch  do,  ho!  | 

355  Grimm  hat  unter  nr.  187 — 190  aus  Döbels  Jägerpraktica 

Sprüche,  die  beim  Gehörnvortragen  angewandt  wurden  (und 
die  man  bei  ihm  vergleiche),  mitgeteilt:  dagegen  hat  er  die 
bei  Fleming  1,  280  erwähnten  Sprüche  nicht  abdrucken  lassen, 
obgleich  sie  es  sehr  wohl  verdienten.  Wir  lassen  daher  die 
ganze   hierhergehörige  Stelle  aus  Fleming  folgen: 

'Vnm  Gehörn  vortragen  und  Weydegescbrey. 
Dieses  ist  abermahl  ein  uhraltes  Herkommen,  so  vor  diesem 
gebräuchlich  gewesen,  wann  ein  Jäger  sein  bestätigtes  Jagen 
gemachet  hat  und  er  den  stärcksten  Hirsch  darbey  nach  der 


50  a.  "Weidsprüche  und  Jägerschreie.  481 

Geführt!  angesprochen.  So  es  nun  nach  geendigter  Jagd  richtig 
eingetroffen;  ist  dem  Hirsch  alsbald  sein  Gehörn  ausgeschlagen 
und  in  Gegenwart  der  Hohen  Herrschafft  dem  Leith-Hunde 
mit  besonderer  Art  vorgetragen,  auch  darbey  nachfolgende 
Weyde-Sprüche  zu  ihm  von  hellem  Halse1)  gesprochen  worden:. 

Waldmann  hin  hin,  zu  der  Führd, 

die  der  edle  Hirsch   von  Feldern  gegen  Holze  eintliät: 

gegen  Holz 

kam  der  edle  Hirsch  stolz 

mit  seiner  edelen  Krön. 

Gott  hat  sie  ihm  aufgethon, 

mit  seinen  stolzen  Tritten, 

hat  heute  den  Tod  erlitten. 

Waldmann  hin,  du  hast  recht. 

Hahe  Dank! 

das  ist  heute  ein  guter  Anfang. 

Waldmann,  du  hast  den  edlen  Hirsch  verfangen, 

nach  ihm  trägst  du  gross  Verlangen, 

mach  dich  frisch  und  frölich, 

du  geneust  zur  Stund 

des  edlen  Hirsches  Wildpräth  fein:  356 

Ehre  soll  mein  Jäger-Recht  sein. 

Da  kam  er  hergeschritten 

mit  seinen  sieben  Tritten, 

Waldmann  halte  dich  zu  mir, 

wie  ich  zu  dir! 

So  trag  ich  hier 

des  edlen  Hirsches  Gehörn  dir  für. 

Heute  gieng  er  durch  Haber  und  Korn, 

obs  gleich  dem  Bauer  thäte  Zorn, 

und  musste  seinen  Sclnveiss  vergiessen, 

dass  du  dessen  kannst  gemessen. 

Waldmann,  du  hast  Recht,  habe  Dank, 

ist  ein  guter  Anfang. 


1)  Vgl.  Hadamar  446  von  hals  und  mit  dem  hörne  iag  ich  ze 
mangen  stunden.  334  ich  bin  an  hellem  iagen  worden  heiser. —  Bei 
Meurer  S.  71  und  danach  in  der  Jägerkunst  und  bei  Becher  heiss 
es:  'Dem  Leithund  wird  Bein  Tlieil  im  Jägerrecht  von  dem  Jäger  ge- 
reicht mit  lauteren  schönen  Weidsprüchen  von  hellem  Hals  und  Horn- 
schellung,  Hou,  Hou,  Hou.'  Laut  ist  der  Jäger  von  Hals  und  Hörn, 
wenn  er  wohl  schreien  und  blasen  kann.  Man  beachte  die  Allitterationen 
in  "hellem  Hals'  und  'Hals  und  Hörn'. 

Köhler    Kl.  Schriften.    III.  31 


482  ^ur  Volksdichtung. 

Dieses  wird  nun  heutiges  Tages  nicht  mehr  gehalten,  sondern 

vor  altvaterisch  gescholten3. 

Auf  nr.  66  folgt  in  der  Handschrift 
67.     Ein  anders. 
Über  die  Rick 

da  schleicht  der  edle  Hirsch  oft  und  dick, 
auf  einem  alten  Weg  gehet  er  zu  Holz, 
wie  bald  thuet  er  seinen  Absprung  stolz, 
doch  niuess  er  daher,  hab  Recht, 
mein  trauter  Knecht,  du  hast  Recht, 
hab  Dank,  lieber  Gesell,  hab  Dank! 

Dieser  Spruch  wird,  wie  frühere,  zum  Leithund,  wenn  er  die 

Fährte  verfolgt,  gesprochen  worden  sein. 

Den  Schluss  meiner  Haudschrift  macht  endlich 
68.     Wenn  du   Fürsten   und   Herrn   umb   das  neue  Jahr 
anschreist: 

Umb  ein  andres  wollen  wir,  hoho,  heut  zu  Tag 

von  unserm  gnädigen  Fürsten  und  Herrn 

ein  glückseliges  neues  Jahr  empfaugen. 

Gott  geb  unserm  gnädigen  Fürsten  und  Herrn 

viel  Glück  und  Heil, 

dass  er,  hoho,  guet  heut  zu  Tag 

ein  glückseliges  neues  Jahr  mit  uns  teilen  mag! 

In  der  Handschrift  fehlt  cgeb'  und  cGott'  und  am  Ende  cmag\  j 

357  Zum   Schlüsse    noch    einige   Nachweisungen    über    ältere 

Erwähnung  von  Weidsprüchen.     Hadamar  von  Laber  sagt  in 

der  56.  Strophe  seines  allegorischen  Gedichtes  'die  Jagd'  (aus- 

dem  14.  Jahrhundert),  als  er  schildert,  wie  er  mit  dem  Herzen,. 

seinem   Leithunde,  die  Fährte  der  Geliebteu  verfolgt: 

mit  weidesprüchen  kosen 

ich  ouch  aldä  begunde. 

bluomen,  gras,  loub,  rösen, 

von  ferre  man  ir  farw  erkennen  künde  — 

und  in  der  76.  Strophe   vom   Herzen,    als  seinem  Leithunde: 

ich  darf  eg  wenig  streichen 

durch  willen  nach  der  ferte, 

noch  hiut  mit  Sprüchen  smeichen. 


50a.  Weidsprüche  und  Jägerschreie.  483 

Während  die  erst  angeführte  Strophe  sehr  dunkel  ist, 
ist  die  zweite  ganz  einfach:  es  handelt  sich  hierum  Sprüche,  wie 
unter  nr.  59  aus  meiner  Handschrift  mitgeteilt  sind.  Solche 
Sprüche  werden  auch  gemeint  sein  in  'der  Jagd  der  Minne' 
v.  309  f.: 

dem  Jäger  was   wol  ze  müt, 
er  tröst  sieh  siner  hunt  gut. 
sin  sprüch  wären  meisterlich 
und  jagt  im  hörn  weidenlich. 

In  einem  dritten  allegorischen  Gedichte,  'die  verfolgte  Hindin', 
welches  Keller  im  3.  Bande  der  Fastnachtspiele  S.  1392  ff. 
mitgeteilt  hat.  erblickt  der  Dichter  eine  schöne  Hündin  und 
sagt: 

ich  reit  fürhass  leise 

und  gedacht,  in  welche  weise 

ich  möcht  angefallen, 

dadurch  ich  würd  nahen. 

Ich   gedacht,  dass  ich  nach  meiner  gir 

ein  weidespruch  Sprech  zu  ir. 

Begund  sie  den  zu  hören, 

so  wollt  ich  fürbass  sporen 

und  ganz   on  rewen 

jagen  mit  ganzen  trewen. 

Hier  haben  wir  also  einen  an  die  Hündin  gerichteten  Spruch. 
Noch  heutzutage  wird  liier  und  da  jeder  andere  Kun st- 
und Kernspruch,  wie  sich  Schindler  4.  28  ausdrückt.  Weid- 
spruch genannt.  Adelung  sagt:  'Im  figürlichen  Verstände 
nennt  man  wohl  überhaupt  alle  Arten  von  eingeführten  For- 
meln in  verächtlichem  Verstand  Weidesprüche.'  Ebenso 
Campe:  cUneigentlich  |  nennt  man  die  Leih-  und  Kernsprüche,  358 
die  man  verächtlich  bezeichnen  will,  Weidesprüche.'  Diese 
allgemeinere  Anwendung  muss  schon  frühzeitig  stattgefunden 
halien.  natürlich  ohne  die  'verächtliche'  Bedeutung.  So  findet 
sich  ein  Druck  des  16.  Jahrhunderts.  Priameln  enthaltend, 
r  den  Titel  hat:  'Die  hoff  liehen  Weydsprüch,  inn  Reimen 
gestelt'  (Bücherschatz  der  deutschen  National-Litteratur  1854, 
r.  1610  [jetzt  Berlin  Yd  32 11]).  Darum  steht  auch  auf  dem 
ersten  Blatte  meiner  Handschrift:  Allerhand  jägerische 
Weidsprücb.'     Wenn    in    dem    bekannten    Verzeichnisse    von 

31* 


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\S[  Zur  Volksdichtung. 

- < xllschaft liehen  Spielen  und  Unterhaltungen  im  25.  Kapitel 
der  Geschichtklitterung  Fischarts  [S.  265  ed.  Alsleben]  auch 
mit  aufgeführt  werden  'die  grössten  Weidsprüeh5,  so  lässt  sich 
hier  an  Weidsprüche  in  engerer  und  weiterer  Bedeutung 
denken. 

[Schilderung  einer  Jagd  in  Georg  Rolls  Gomoedia  von 
Kitter  Pontus,  Danzig  1576,  Bl.  F3a  (Bolte,  Das  Danziger 
Theater  1895,  S.  16)  und  in  Ayrers  Drama  Melusina  3.  1631 
ed.  Keller.  Abbildungen  einer  Hirschjagd,  Schweinshatz, 
Gemsjagd,  Hasenhetze  u.  s.  \v.  beschreibt  ausführlich  Wickram, 
Der  irr  reittend  Bilger  1556,  Bl.  17a — 21b.  Eine  lateinische 
Jagdpredigt  in  Schönbachs  Miscelleu  aus  Grazer  Hand- 
schriften 3  (Mitt.  des  histor.  V.  f.  Steiermark  48.  1900). 
Über  die  epischen  Darstellungen  Schmidlins  (1662)  und  Lorbers 
(1670)  s.  unten  S.  496  und  486.] 


50b.  Aus  Lorbers  Gedichte   Die  edle  Jägerei'. 

(Weimarisches  Jahrbuch  3,  477 — 482.     1S55.) 

Als  Nachtrag  zu  meinem  Aufsatze  über  Weidsprüche  und 
Jägerschreie  teile  ich  noch  mit.  dass  einige  jener  kunstlosen 
Keime  doch  die  Ehre  gehabt  haben,  in  einem  Gedichte  eines 
kaiserlichen  gekrönten  Poeten  über  die  Jägerei  Aufnahme  zu 
finden.      Der  Titel  des  Gedichtes,  das  ich  meine,  lautet  voll- 
ständig: cDie  adle  Jägerei.    Welche  dem  Durchlauchtigsten 
Fürsten  und  Herrn  Herrn  Johann  Ernsten,  Hertzoge  zu  Sachsen 
u.  s.  w.,  Seinem  gnädigsten  Fürsten  und  Herrn  zu  untertähnigsten ! 
Ehren    Poetisch    fürsteilig    gemacht    und    übereignet    Seiner  I 
Hochfürstl.Durchl.  gehorsamster  Diener  Johann  Kristoff  Lorber. 
D.  R.  B.     Weinmar,  im  Jahre  1670/    31/*  Bogen  4°. -Indem 
ich  mir  vorbehalte,  wieder  einmal  auf  Lorber,  der.  wie  gesagt,  | 
Poeta  laureatus  war,  in  Weimar  die  Stelle  eines  Hofadvokaten 
bekleidete  und  Verschiedenes  in  Prosa  und  Versen  geschrieben 


50b.   Aus  Lorbers  <iedichte  "Die   edle  .Jägerei'.  4^.") 

hat1),  zu  kommen,  genügt  es  mir  jetzt,  an  (lies  eine  Gedieht 
von  ihm  zu  erinnern  und  die  Weidsprüche  enthaltenden  und 
einige  ändert'  Stellen  daraus  hier  vorzuführen. 


■- 


Zuerst  erzählt  der  Dichter  im  allgemeinen  einiges  von 
den  ältesten  mythischen  Erfindern  der  Jagd,  von  Karls  drs 
Grossen  Wildhahn,  von  der  Einführung  der  Feuergewehre, 
von  verschiedenen  Arten  der  Jagd,  und  dann  schildert  er 
eine    Jagd,    die    Diana    mit  ihren    Nymphen    in  Gesellschaft 


J)  [J.C.  Lorber  ward  (nach  Zediere  Universallexicon  18,  445)  am 
L9.  April  1645  geboren  und  starb  am  16.  April  1722.  Er  unternahm 
1671 — 1681  eine  Reise  nach  Indien,  von  der  eine  1629  Quartseiten 
starke  hsl.  'Ostindische  Land-  und  Reisebeschreibung''  auf  der  Weimarer 
Bibliothek  (Q.  326)  Kunde  giebt;  darin  S.  329  ein  vierstimmiges 
Eottentottenlied.  In  dem  eingeklebten  Exlibris  heisst  er  'Unterschiedi. 
Landes-Stände  bestallter  Gerichts-Director  und  Stad-Syndicus  zu 
Arnstad'.     Seine   übrigen  Schriften  sind: 

2.  Bismillarrahhmannirrahmimi.  Grammatica  malaica,  tradens 
Praecepta  brevia  Idiomatis  Lingvae  in  India  orientali  celeberrimae  ab 
Indigenis  dictae  Malayo,  Succincte  delineata  Labore  Johannis  Christophori 
Lorberi,  Poet.  Laur.  Cses.  Illustriss.  Regim.  Sax.  Vin.  Advoc.  Extr. 
Vinariae,  Impensis  Job.  Andreae  Mülleri,  Typogr.  Aul.  Anno  1688. 
2  Bl.  -f-  48  S.  8°.  (Nach  S.  1  übersetzt  aus  Jan  Roman,  Grondt  ofte 
körte  Bericht  van  de  Maleysche  Tale,  Amsterdam  1674.) 

3.  Sonnenstrahlen  der  Wahrheit  Dem  Schatten-Risse  der  Welt 
entgegen  gestellet  Von  Job.  Christoph  Lorber,  Kaiserl.  gekr.  Poet. 
Frankforth  am  Mäyn,  In  Verlegung  Tobias  Oehrling.  Anno  1684.  81  S.  12°. 

4.  Johan  Kristof  Lorbers,  Keiserl.  gekr.  Poetens  und  Fürstl. 
gächs.  Weimar.  IIof-Advocati  ordinarii  LOB  der  edlen  Musik.  Weimar, 
Johann  Andreas  Müller.  1696.  8  Bl.  -f-  112  S.  8°.  (In  Alexandrinern; 
S.  67  folgen  Anmerkungen.) 

5.  Johan  Kristof  Lorbers  Keiss.  gekr.  Poetens  und  Fürstl. 
Bächss.  Weim.  Hof-Advoc.  ord.  Verteidigung  der  edlen  Musik  wieder 
einen  angemassten  Musik-Verächter  aussgefertiget  1697.  Weimar,  Job. 
Andreas  Müller.  40  S.  8  °.  (Wider  Gottfried  Vockerods  Gothaer  Schul- 
programm über  die  Kaiser  Caligula,  Claudius  und  Nero.) 

6.  Teütscher  Proteus,  Durch  Siebenzehnhundertmahlige  Ver- 
pnderung  eines  einzigen  in  zwölf  "Wörtern  bestehenden  sechsfüssigen 
steigenden  Verses,  nach  der  leztern  Jahrzahle  des  zu  ende  laufenden 
Biebenzehnden  Jahrhunderts  auf  dem  unzählichmahl  verwechselten 
Bchauplaze  der  verkehrten  Welt  aufgeführet  von  Johann  Kristof  Lo  rbe  r, 
Keiserl.    gekr.    Poeten,    und    Fürstl.    Sächss.   Hof-Adv.  ord.    zu    Weimar. 


486  Zur  Volksdichtung. 

Apollons    und    seiner  .Jägersleute    angestellt.      Da    heisst    es 
denn   [Bl.  B3a]: 

Mit  bunten  Bluhmen  war  der  grüne  Platz  geputzt, 

280  Darunter  Ancraon'  und  Hiazinthus   stutzt;  | 
17>  Auf  einer  Seiten  prangt  ein  Wald  mit  stoltzen  Eichen. 

Die  ihnen  einen  Kuss  selbst  pflegten  zuzureichen. 
Wann  sich  ein  sanfter  Wind  in  ihre  Blätter  schlug 
Und  die  fruchtbaren  Aest1  also  zusammen  trug: 

285  Recht  gegenüber  war  ein  frischer  Brunn  entsprungen 
Mit  murmelnden  Geschwätz'  und  lispelender  Zungen, 
Um  seine  Röhrenkunst  wuchss  ein  betautes  Moss, 
Das  pflantzte  sich  hinab  biss  auf  der  Erden  Schoss: 
Nicht  ferner  rieselte  von  seinen  reinen  Kwellen, 

290  Und  spielt'  ohn  Unterlass  mit  sachterhobnen  Wellen 
Ein  kristallinner  Fluss:  die  heitre  Morgenluft 
War  rein  und  unverfälscht  von  giftgem  Nebelduft, 
Sie  wehte  durch  sich  hin  die  süssen  Lieblichkeiten 
Des  niedlichen  Geruchs,  die  durcheinander  streiten 

295   Und  köstlich  unter  sich  vermenget  musten  sein, 
Kein  Ambra,  kein  Zibeht,  kein  geiler  Augenstein 
Blässt  solch'  anmuhtge  Luft  aus  seinen  trukknen  Kräften  : 
Es  hatte  nichts  verfehlt  in  ihren  Amtsgeschäften 
Die  künstliche  Natur:  der'göldne  Sonnenschein, 

300  Der  von  dem  dunkeln  Wald'  umschattet  muste  sein, 
Durchschönerte  den  Ohrt:  die  lieblichen  Najaden 
Die  konten  hier  mit   Lust  im  kühlen  Wasser  baden, 
Die  Hamadriaden.  und  die  Satirsche  Rott', 
Der  Bokkgehörnte  Pan,  der  Wald-  und  Felder-Gott 

305  Bewohnten  diesen  Ohrt:  des  Frühlings  Abgesandten, 
Die  hatten  hier  ihr  Zelt:  des  Sommers  Musikanten 


Weimar,  Jo.  Andr.  Müller  1700.  1  -f-  71 8  Bogen  8°.  (Der  permutierte 
Vers  lautet:  Welt,  kehr  dich,  wie  du  wilst,  mein  Herz  traut  dir 
deich  nicht.) 

7.  Die  aufgewachsene  Zedern  Des  .  .  .  Herrn  Niklas  Christofs, 
Des  Heil.  Rom.  Reichs  Freyherrn  von  Lynker,  auf  Fluhrstedt  und 
Kötschau  .  .  .  aus  unterthäniger  Obliegenheit,  in  Poetische  Betrachtung 
genommen,  von  Johann  Kristof  Lorbern  .  .  .  Jena,  Jon.  Phil.  Lindner. 
1707.     2  Bl.  +  48  S.  4°. 

8.  Johannes  Christophorus  Lorberus  Vimariensis  P.  L.  C.  Jubilum 
Seculare  Festi  Jubilaei  evangelici  seeundi  anno  1717  solemni  Christianorunf 
ritu  Yimariae  celebrati  Omnibus  et  singulis  D.  D.  I).  Vimariae,  Litteriij 
Mumbachianis.  0  Bl.  4°.] 


50b.  Aus  Lorbers  Gedichte  'Die  edle  Jägerei'.  J  s7 

j[B3bj  Erbauten  auf  die  Ast1  ihr  Lust  und   Wohnungs  Ilauss 
Der  Gukguk  rief  und  schrie  hier  Beinen  Nahmen  aus: 
Die   muntre  Nachtigall  phf  ihre  Morgenlieder. 

310  Bald  war  die  Stimme  hoch,  bald  hei  sie  wieder  nieder, 
Bald  drehte  sie  den  Laut,  bald  schwebte  der  Gesang, 
Der  wieder  aus  der  Gruft  des  Wiederschalles  klang' 
Und  sich   verdoppelte:  man  hörte  da  verführen 
Hoch  in  der  freien  Luft  der  Lerchen  tireliren, 

315  Ihr  Schall  fiel  lieblich  ab:  Der  Finke  sang  auch  früh 

Sein  schönes  Reitschwa  Lied,  sein  Ritzseh-  und  Zitzschkewi: 
Der  andern  Vögel  Häuf  erfreute  sich  mit  Zwitzwern, 
Man  hörte  lauter  nichts,  als  Zitzsehern,  "Witzschern,  Klitzschern. 
Die  bunte  Wachtel  sprach'  in  ihrer  eignen  Sprach' 

320  Und  schlüge  sonder  Ruh'  im  Walde  wakker   nach. 
So  ein  lustreicher  Ohrt,  den  kein'  Unzier  vernichtet, 
Gefiel  Dianen  wohl.    Die  Garn  sind  da  gerichtet, 
Der  Schirm  ist  auch  gemacht;  man  fing  hier  nach  der  Reih' 
Also  zurufen  ahn  mit  altem  Waldgeschrei:   ')  | 

325  'Wohlauf,  wohlauf,  wohlauf,  ihr  Herren  und  ihr  Frauen,  479 

Lasst  einen  ädlen  Hirsch  Uns  heute  noch  beschauen ! 
Wohlauf,  wohlauf,  wohlauf,  ein  ieder  stelle  sich 
Frisch,  frölich,  hurtig,  fro,  das  stehet  Jägerlich'. 
Drauf  sagt'  ein  Jägersmann:  cKom,  ädler  Hund,  lass  sehen, 

330  Ob  dir  werd'  etwas  guts  vom  Hirsche  heut  geschehen ! 
Hier  fragt'  ein  Jägersknecht:  'Mein  lieber  Jägermann! 
Wie  viel  hat  heut  der  Hirsch  doch  Wiedergäng  gethan?' 
Die  Antwort  wäre  diess' :  'Er  hat  sechs  oder  sieben, 
Sechs  oder  sieben  hat  Er  Wiedergäng  getrieben'.    — 

335  'Was  macht  der  Hirsch  zu  Feld?'—  'Zu  Feld,  zu  Feld,  zu  Feld, 
Da  hat  der  adle  Hirsch  heut  sein  geweidet  Zelt'. 
Drauf  ging  Er  zu  der  Fahrt:  'Wohlhin   zu  jener  Buchen, 
Da  wollen  wir  mein  Hund?  den  ädlen  Hirsch  heut  suchen. 
|B4a]  Herzu,  mein  lieber   Hund!   herzu,   kehr  doch  herzu, 

340  Dass  man  dem  ädlen  Hirsch  auch  heute  Leides  tuh'! 

Wohlan,  mein  trauter  Hund!  wohl   hin  zu  jener   Eichen, 
Da  findest  du  gewiss  des  ädlen  Hirsches  Zeichen. 


!)  Eine  Anmerkung  Lorbers  sagt  uns,  dass  er  die  Weidsprüche  aus 
■dem  Meurerschen  Buche,  über  das  wir  oben  S.  332  [=  455]  gesprochen 
haben,  entlehnt  hat,  wie  er  diesem  Buche  auch  die  Kenntnis  der  weid- 
männischen Ausdrücke  überhaupt  zu  danken  haben  wird.  -  |Zu  V.  325 
vgl.  Schmidlins  Lobspruch  1662  V.  53  ;  329  :  Schmidlin  69 ;  331  :  Schmidlin 
180;  335:  Schmidlin  75;  337:  Schmidlin  97;  347:  Schmidlin  127;  350: 
•Schmidlin  155;  363:  Schmidlin  183.] 


488  Zur  Volksdichtung. 

Nur  fornahin,  Gesell!  nur  fornaliin  zur  Spuhr, 
Allwo  dem  ädlen  Hirsch1  oft  Leides  wiederfuhr: 

345  Wohlan,  mein  trauter  Hund  !  wohlhin  zu  jener  Linden, 
Da  wollen  Ich  und  Du  den  ädlen  Hirsch  heut  finden'. 
Indess  geschah  der  Bruch.     'Nun   standa,  standa  still, 
[ch   weiss   nicht,  wo  der  Hirsch,  der  adle  Hirsch  hin  will. 
Kehr  hieher,  hieher  kehr'.    Dann  schrihn  die  Jägers  Jungen: 

350  'Hetz,  hetz  die  Hunde  her',  mit  hell  gestimmten  Zungen, 

Hetz  fürther,  jun,  jun,  jun,  hetz  her,  schenk  Schirm  und  Schall,. 
Hetz  dem  nach,  hetze  her  die  guten  Hund'  heut  all', 
Hetz,  hetz  die  Hunde  her,  die  jungen  zu  den  alten, 
Hier  ist  der  adle  Hirsch,  drum  lass  Gott  heute  walten'. 

355  Der  Jäger  jagt  ins  Hörn  :   cda  lauft  Er    wanks  und  schwanks,. 
Und  seiner  Mutter  Sohn  erfahre  heut  Undanks. 
Doho,  doho,  der  Hirsch  läuft  über  diese  Heide 
Den  Hunden  zwahr  zu  Lieb',  ihm   aber  selbst  zu  leide, 
Doho'  da  lauft  er  noch,  mein  YVeidman,  sicherlich, 

360  Es  ist  ein  ädler  Hirsch,  mein  AV eidmann,  das  weiss  ich'. 
Drauf  ritt  der  Jägersmann  zum  Zeug'  und  wolt'   erfahren, 
Wie  viel  der  ädlen  Hirsch1  alda  gefangen  waren, 
Fing1  an  und  fragt1  also:  'Sag  mir  doch,  Weidman  mein! 
Sag.  sind  die  Hunde  nicht  gelaufen  hier  darein?' 

365  Des  Weidmans  Antwort  war:  'Ich  sah  in  dieser  Stunde, 

Mein  Jäger!  glaub  es  mir,  hier  weder  Hirsch  noch  Hunde, 
Denn  heute  morgen  früh,  als  ich  kaum  aus  der  Ruh1, 
Da  lief  ein  ädler  Hirsch  mir  gar  behende  zu'. 

Nim  wird  die  Jagd  weiter  beschrieben.  Eiii  Reh,  ein; 
Hirsch,  ein  Schwein  werden  erlegt,  dann  zieht  man  zurück 
zur  Ruhstatt,  einem  grünen  Thal  mit  einer  Höhle  '  [Bl.  C  1  b] : 

480  435  Die  um  und  um  bebäumt,  von  keiner  Hand  erbauet, 

Doch  wurde  die  Natur  für  Kunst-Fleiss  angeschauet, 
Der  Bims-  und  Toffstein  schlung'  in  seinen  Adern  sich 
Zusammen  sonder  Kiss1  und  schloss'  ein  eigentlich 
Sr-lhwachsendes  Gewölb1,  auf  dessen  rechter  Seiten 
44<i  Entsprang1  ein  kühler  Brunn  und  rieselte  von  weiten, 
Durchlieblichte  die  Luft,  betöhrte  das  Gehör, 
Als  ob  man  gantz  entzükkt  und  wie  bezaubert  wer'. 

Hier  lagerten  die  Jäger  sich  und  assen  und  tranken.. 
Dann  heisst  es  weiter: 

Sie  brachten  zum   Versuch'  auf  Weidmanns  Ahrt  viel  Dinge 
Und  Rähtsel  auf  die  Bahn,   wie   diss   und  das  zuginge. 


50b.  Aus  Lorbers  Gedichte  '  1  >i<*  <■<!  1.-  Jägerei'.  \s\\ 

l>a  war  von  nichts  gefragt  als  von  der  Jägerei; 
.Man  fing  oft  also  an:  '.Mein  Weidman,  sag  mir  frei; 

455  Sag,  lieber  Weidman   mein:    mein  Weidman  tuh    mir  sagen, 
Wenn  mag  wohl  sein  Geweih  der  Hirsch  am  höchsten  tragen?' 
Ein  ieder  wolte  hier  nicht  der  geringste  sein. 
Bracht1  eine   Mahnung  für;  doch  traf  sie  niemals  ein. 
Der  eine  sagte  drauf:  '"Wenn  ihn  die  Hunde  jagen'. 

460  Ein  andrer  wüste  hier  was  anders  her  zu  sagen, 
lli-s  endlich  einer  hat  die  Antwort  so  gereimt 
Nach  lustger  Jägerahrt,  die  keinem  nie  geträumt: 
'O  lieber  Weidman   mein!     ich  tuh  dir  itzo  sagen. 
Der  Hirsch  tuht  sein  Geweih  am  allerhöchsten  tragen, 

465  AVenn  er  geht  auf  die  Brunft1.  —  Man  kont'  alsbald  hier  sehn, 
Dass  seinen  Beifall  gab'  ein  ieder  zu  verstehn. 
[('  2a]  Zuletzt  wolt'  einer  sich  hierin  auch  sehen  lassen 
Und  seine  stoltze  Kunst  in  diesse  Reime  fassen: 
'Sag',  lieber  Weidman!  mir,  ich  frage  sonder    Scheu, 

470  Wenn  doch  des  Hirsches  Bluth  am  hitzigsten  wohl  sei? 
Da  finge  sich  bald  an  ein  lautendes  Gelächter 
Ob  diesem  Jägersmann7,  ob  diesem  Federfechter, 
Der  einen  Streich  bekahm:  man  hat  mit  ihm  geschertzt, 
Dass  es  die  Nachbarschaft  des  Rükkens  kaum  verschmertzt. 

175  Ein  Jäger  hat  ihn  bald  mit  sieh  bei  seit  genommen, 
Da  Er  von  dessen  Hand  drei  Pfund  also  bekommen: 
Für  Fürsten  und  für  Herrn,  für  Ritter  und  für  Knecht', 
Und  diss  (hier  schlug  Er  scharf)  fürs  adle  Jäger  Recht. 
So  war  des  Hirsches  Blüht  ihm  damahls  angestrichen, 

480  Dass  ihm  Blüht,  Muht  und  Geist  fast  gantz  und  gar  entwichen. 
Drüm,  wer  in  Schimf  und  Ernst  auch  unbeschimft  sein  wil, 
Der  schweige,  wann  ers  nicht  gar  wohl  verstehet,  still. 

Den  letzten  Teil  des  Gedichtes  bildet  die  Schilderung 
der  Heimkehr  von  der  Jagd.  Dabei  ist  ein  Jägerlied  ein- 
geschaltet, dem  man  eine  gewisse  Frische  nicht  wird  ab- 
sprechen können,  und  dus  wir  zum  Schluss  hier  noch  mit- 
teilen |  [Bl.C2b]: 

1.  Wohlauf,  du  adle  Jägerei!  481 

Sei  freudig,  hurtig,  munter, 
Dein  helles  Hift  und  Waldgeschrei 
Das  gehet  nimmer  unter. 
Hift,  hift,  hift,  hift. 
So  lang  ein  Hirsch   noch   springt. 
So  lang  ein  Vogel  sich  aufschwingt, 
So  lang  dein  Lob  auch  klingt. 


490  Zur  Volksdichtung. 

2.  Was  fragst  du  Dach  dem  grossen  Pracht, 
Der  Gold  und  Silber  führet  P 

Ein  grüner  Bruch  in  grüner  Tracht 

Der  ist's,  so  dich   bezieret, 

Rift,  hift,  hift,  hift. 

Das  ist  dein  Freuden   Klang. 

Der  adle  Hirsch  krigt  seinen  Fang: 

Das  ist  dein  Lustgesang. 

3.  Ein  kühles  Tahl,  ein  grüner  Wald, 
Und  wo  du  sonst  magst  wohnen, 

Das  ist  dein  steter  Aufenthalt, 

So  muss  der  Neid  dich  schonen. 

Hift,  hift,  hift,    hift. 

Das  ist  das  allerbest1, 

Wer  sich  in  seinem  Glükkes  Rest' 

Allzeit  vergnügen  last. 

4.  Früh  eh  der  Tag  die  Nacht  verjagt, 
Und  eh  Aurora  pranget, 

Eh  sie  sich  an  den  Himmel  wagt, 

Hast  du  schon  Beut'  erlanget. 

Hift,  hift,  hift,  hift. 

Wenn  der  in  Federn  liegt 

Und  jener  erst  den  Rükken  biegt, 

Hast  du  schon  obgesiegt. 

5.  Kein  Hirsch,  kein  Tihr,  kein  Wolf,  kein  Schwein 
Kan  auch  nicht  eine  Stunde 

Für  deiner  Macht  gesichert  sein. 

Die  Schar  der  wakkren  Hunde 

Hift,  hift,  hift,    hift. 

Brennt  für  Begierigkeit, 

Wenn  sie  das  helle  Hift  zum  Streit' 

Im  grünen  Wald  anschreit. 

6.  Und  wenn  der  adle  Jägersmann 
Sein  unverlohrnes  Glükke 

Für  dissmahl  nicht  erlangen  kau, 
Ziht  Er  doch  nicht  zurükke. 
482  Hift,  hift,  hift,  hift. 

Es  muss  das  Hoffnungs-grün 

Doch  endlich  noch  durch  viel  Bemühn 

Auf  seinem  Huhte  blühn. 


50c.  Über  Grässes  .Jägerbrevier.  4'M 


7.  Drüm   wird,  o  adle  Jägerei! 
Dein  grosser  Ruhm  nicht  fallen. 
1  .;i>s   nur  mit  Lust  dein   Waldgesrhrei 
Die  beitre  Luft  durchschallen, 
Hift,  hift,  bift,  hift. 
So  ruft  auch  allemahl 
Dein  Hift  zurükk  in  gleicher  Zahl 
Das  tiefoesenkte  Tabl. 


50  e.  Über  Grässes  Jägerbrevier. 

(Germania  3,  251-253.  1858.) 

•Jägerbrevier.  Jagdaltertümer:  Waidsprüche  und  Jägerschreie,  Jagd- 
calender,  Jägerkünste  und  Jägeraberglauben,  Jägersagen.  Dresden. 
G.    Schönfelds   Buchhandlung    (C.    A.    "Werner),    1857.    8°.    IV    u.    180  S. 

d1,  Thlr.) 

Das  vorstehende  wohlausgestattete  Buch  soll  laut  Vorrede 
S.  I)  nicht  bloss  Unterhaltung  gewähren,  sondern  zugleich 
'einige  nicht  unwichtige  Beiträge  zur  deutschen  Sittengeschichte 
und  vergleichenden  Sagenkunde  liefern",  und  hiernach  wird 
eine  kurze  Anzeige  desselben  in  der  Germania  am  Platze 
sein.  | 

Zunächst  giebt  der  ungenannte  Verfasser  [Th.  Grässe]  252 
eine  Sammlung  von  Weidsprüchen  und  Jägerschreien,  d.  h.  die, 
welche  Jacob  Grimm  in  den  Altdeutschen  Wäldern  aus  einer 
Handschrift  und  verschiedenen  Büchern  herausgegeben  hat.  und 
die.  welche  ich  aus  einer  früher  mir  gehörenden,  jetzt  im  Besitze 
der  Grossherzogl.  Bibliothek  zu  Weimar  befindlichen  Handschrift 
im  Weimarischen  Jahrbuche  (3,  329  ff.)  bekannt  gemacht  habe. 
An  der  Schreibung  der  Sprüche  nicht  nur,  sondern  hier  und 
da  auch  an  grammatischen  Formen  ist  vom  Verfasser  geändert. 
Einzelne  Druckfehler  sind  nicht  berichtigt,  einige  neue  hin- 
zugekommen. Die  spärlichen  Anmerkungen  enthalten  nichts 
eigenes,  neues;  alles,  was  sie  bieten,  ist  aus  Grimms  und 
meinen  Bemerkungen  ausgeschrieben.  Was  wir  gelegentlich 
nur  vermutet  hatten,  ist  ohne  weiteres  als  sicher  angenommen 


492  Zur  Volksdichtung. 

wordeD,  und  die  Erklärung  dunkler  Stellen,  auf  deren  Schwierig- 
keit wir  hingewiesen,  die  aber  hier  ohne  alle  Deutung  stehen, 
als  wären  sie  leicht  und  selbstverständlich,  ist  durchaus  nicht 
-(fördert.  Man  sieht  überall,  dass  dem  Verfasser  eigentliche 
Sprachkenutnis  abgeht. 

Während  nun  sämtliche  337  Weidsprüche  des  Jäger- 
breviers, mit  Ausnahme  des  einzigen  nr.  "201,  sich  in  den  Alt- 
deutschen Wäldern  und  im  Weimarischen  Jahrbuche  finden, 
hebt  der  Verfasser  in  der  Vorrede  hervor,  dass  weder  Grimm 
noch  ich  auf  die  Weidsprüche  und  Schreie  in  Schnurr  von 
Lensidels  Hausbuche  und  in  Feyerabends  Jagdbuche  Rück- 
sicht genommen  hätten,  und  teilt  dann  diese  Sprüche  unter 
nr.  121 — 200  mit,  indem  er  bemerkt,  dass  sie  auch  in  Bechers- 
Jägercabinet  und  in  Erlachs  Volksliedern  ständen;  die  Hummern 
der  letzteren  Sammlung  sind  beigefügt.  Es  ist  unbegreiflich, 
wie  der  Verfasser  vergessen  konnte,  obwohl  er  doch  die  Alt- 
deutschen Wälder  vor  sich  hatte,  dass  die  sämtlichen  Sprüche 
von  nr.  121 — 200  bereits  von  Grimm  aus  Bechers  Jägercabinet 
mitgeteilt  sind  und  dass  Erlach  sie  erst  aus  den  Altdeutschen 
Wäldern  entlehnt  hat;  die  Zahlen  der  Erlachschen  Sammlung 
sind  eben  die  der  Grimmscheu.  Im  Weimarischen  Jahrbuche 
3,  332  hatte  übrigens  auch  ich  bemerkt,  dass  die  von  Grimm 
aus  Becher  mitgeteilten  Sprüche  sich  schon  im  16.  Jahrhundert 
gedruckt  vorfinden. 

Den  Weidsprüchen  folgen  im  Jägerbrevier  cTierversleinJ, 
d.  h.  Reime  auf  verschiedene  Tiere,  aus  Feyerabends  Jagdbuch. 
Ich  kann  im  Augenblicke  das  Jagdbuch  nicht  vergleichen 
und  weiss  daher  nicht,  ob  sie  genau  abgedruckt  sind:  das 
aber  weiss  ich,  dass  sie,  wie  sie  im  Jägerbrevier  stehen,  aller- 
hand falsche  und  unverständliche  Stellen  enthalten,  die  durch 
leichte  Änderungen  berichtigt  werden  konnten.  Die  folgende 
zwei  und  eine  halbe  Seite  füllende  Sammlung  von  'Jagd- 
Sprichwörtern3  hätte  bedeutend  vermehrt  werden  können. 
Der  cJägerkalenderJ  ist  aus  'verschiedenen  alten  Jagdbüchern' 
zusammengestellt  und  enthält  meist  gereimte  Wetter-  und 
Gesundheitsregeln  für  die  einzelnen  Monate.  Hieran  schliessen 
sich   unter   der  Aufschrift  'Jägerkünste0  und  Jägeraberglaube" 


50c.  Über  Grässes  Jägerbrevier.  4'.*3 

80   meist   abergläubische    Rezepte   und    Mittel,   die   zum   Teil 

recht  interessant  sind.  Audi  meine  oben  erwähnte  Handschrift 
enthält  ein  paar  derartige  Rezepte,  darunter  jedoch  nur  eins 
mir  iuteressant  scheint  und  welches  ich  deshalb  hier  mitteile. 

Vögel  auf  dem  Tennen  zu  fangen. 

Mache  dir  einen  Tennen,  darauf  du  liegen  willst,  heb 
au  an  S.  Jilgentag,  und  die  Vögel,  so  du  zuerst  fällest,  soll 
du  rupfen  lassen  und  braten,  und  gib's  armen  Leuten,  behalt 
keinen  darvon.  Darnach  nimb  die  Federn  und  tlieil  sie 
ungeferlich  in  fünf  Theil  und  thue  einen  Tlieil  unter  die  253 
Hütten  unter  den  Sitz  und  auf  jedes  Eck  des  Teuns,  auch 
ein  Theil  eingraben:    darnach   fähestu  Vögel  das  ganze  Jahr. 

Den  Schluss  des  Jägerbreviers  (S.  120 — 174)  bilden  'Jäger- 
sagen, von  Schützen,  die  immer  treffen,  und  solchen,  die 
keine  Kugel  trifft/.  Der  Verfasser  hat  mit  Fleiss  die  neueren 
Sammlungen  deutscher  Sagen  durchgemustert  und  die  betreffen- 
den Sagen  zusammengestellt,  eine  Zusammenstellung,  für  die 
man  ihm.  auch  wenn  sie  nicht  vollständig  sein  sollte,  dankbar 
sein  muss.  Auf  nicht  germanische  Sagen  und  Aberglauben 
ist  keine  Rücksicht  genommen,  obwohl  dies  zu  interessanten 
Vergleichungen  geführt  hätte.  Bezüglich  der  Passauer  Kunst 
bemerke  ich.  dass  unter  andern  auch  ein  Caspar  Neuthardt 
aus  Hersbruck  als  ihr  Erfinder  galt  (vgl.  Waldau,  Vermischte 
Beiträge  zur  Geschichte  der  Stadt  Nürnberg  3,  S.  200). l) 

Ich  benutze  diese  Gelegenheit  noch  zu  zwei  Bemerkungen. 
Im  Weimarischen  Jahrbuche  3,  382  [oben  4.').")]  habe  ich  gesagt, 
<lass  Jacob  Grimm  es  gewesen  sei.  der  zuerst  in  neuerer  Zeit 
wieder  auf  die  vergessenen  und  verachteten  Weidsprüche  auf- 
merksam gemacht  habe.  Ich  hätte  aber  nicht  übersehen  sollen, 
dass  schon  Gräter  (1794)  in  seiner  für  jene  Zeit  vortreff- 
lichen und  noch  heute  beachtenswerten  Abhandlung  'über  die 
deutschen  Volkslieder  und  ihre  Musik'  (Bragur  3.  278)  auf  die 


r)  Einige  Nachträge  zu  dem  Jägerbrevier  aus  skandinavischer 
Sage  und  Aberglauben  hat  Asbjörnsen  in  Kühnes  Kampa  1  s.">7.  nr.  52 
geliefert.  —  [Über  die  2.  Auflage  des  Jägerbreviers  (Wien  1869; 
wiederholt  Berlin  1885)  vgl.  Wagners  Archiv  1,  138.] 


l'.i  |  Zur  Volksdichtung. 

Weidmannssprüche  als  ein  Stück  Volkspoesie  hingewiesen  hat,. 
wenn  auch  nur  im  Vorübergehen  und  nicht  günstig  genug 
(vgl.  auch  Wackernagel.  Geschichte  der  deutschen  Litteratur 
§  96,  3).  Feiner  habe  ich  ebd.  3,  477  [oben  486J  ein  Gedicht 
Lorbers  'die  edle  Jägerei"  vom  Jahr  1670  besprochen,  in 
welches  verschiedene  Weidsprüche  und  Jägerschreie  verwebt 
sind.  Seitdem  ist  mir  noch  ein  anderes,  wenige  Jahre  älteres 
Gedicht  bekannt  geworden,  welches  fast  ganz  aus  Weidsprüchen 
und  Jägerschreien  zusammengesetzt  ist.  Es  ist  dies  Sylvanders 
Lobspruch  von  der  edlen  Jägerei,  der  sich  findet  in  dem 
Ballet  'Der  Sieghaft'te  Hymen  ....  Durch  einen  der  edlen 
Poesie  Liebhabern  FiaV  [nach  der  Unterschrift  der  Dedikation 
Adam  L'lrich  Schmidlin],    Stuttgart    1662.  4°.  S.  SD— 101. 


50  d.    Aus  Schmidlins  Ballet    Der  Sieghaffte 

Hymen '. 

[Da  das  zur  Vermählung  des  Fürsten  Georg  Christian 
vmi  Ostfrieslaud  mit  der  württembergischen  Prinzessin  Christine 
Charlotte  am  4.  Mai  1662  in  Stuttgart  aufgeführte  Ballet 
A.  U.  Schmidlins  von  Sittard  (Zur  Geschichte  der  Musik 
und  des  Theaters  am  württembergischen  Hofe  1,  228.  1890) 
nur  obenhin,  ohne  Nennung  des  Verfassers,  erwähnt,  von 
Rud.  Krauss  (Schwäbische  Literaturgeschichte  1.  130.  1897) 
aber  völlig  übergangen  worden  ist.  erscheint  es  nützlich,  den 
oben  genannten,  in  den  dritten  Aufzug  eingelegten  cLobspruch 
von  der  edlen  Jägerei",  welcher  vom  Tanzmeister  Charles  du 
Manpir  vorgetragen  wurde,  durch  einen  teilweisen  Abdruck  der 
nicht  ganz  verdienten  Vergessenheit  zu  entreissen.  Er  schildert 
den  Verlauf  einer  Jagd  vom  frühen  Morgen  bis  zur  Erlegung 
des  Hirsches  und  Abhaltung  des  Weidgerichtes.  Die  hier 
fortgelassene  Einleitung  preist  Diana  und  beschreibt  die 
Arten  des  Wildes,  der  Hunde  und  das  Ausspannen  der  Garne. 


50d.  Aus  Sclimidlins   IJa  1  l<t  'Der  Sie^haffte   Hymen'.  4!*5 

Als  Quelle  diente  dem   Verfasser  offenbar  Meurers  auch  von 
Lorber  benutztes  -Jagd-  und  Forstrecht. 

[S.  91] —  Und  wann  der  Waid-Mann  dann  will  recht  geiiissen  seyn, 

45     So  thut  er  uns  den  Tag   fein  jägerlich   aussselireyen: 

'Wolauff,   wolauff,   wolauff!      Gott   will    uns  jetzt   verleihen 
Den  Tag,  den  lichten  Tag.      Wolauff,   was  jung  tmd   alt! 
Der  Morgen  bricht  herein.     Wolauff,  dass  heut  Gott  walt ! 
f92]  Wolauff,  nun  sag  ich  auff  den  Faulen  und  den  Trägen, 

50     .Man  ist  nun  lang  genug  auff  Beth   und    Banck  gelegen. 
Wolauff,   wolauff,  wolauff,  ihr  redliche  Waid-Leuth, 
Wolauff,  wolauff,  wolauff,  was  guter  Tag  ist  heut! 
Wolauff,  wolauff,  wolauff,  ihr  Herren  und  ihr  Frawen, 
Lasst  uns  ein  edlen  Hirsch  auff  diesen  Tag  beschawen! 

55     Wolauff,  Ross,  tritt  und  traht.    Der  uns  erschaffen  hat, 
Der  woll  in  unserm  Tliun  uns  kommen  heut  zu  Rath. 
Wolauff,  wolauff,  wolauff  heut  in  dess  Herr[e]n  Nahmen, 
Der  ja  erschaffen  hat  den   Wilden  und  den  Zahmen. 
Wolauff,   wolauff,   wolauff  der  Keller  und  der  Koch 

60     Vom  gesterigen  Rausch!     Sie  schlaffen  alle  noch.' 

Und  was  mehr  deren  Spruch.  —  Wann  so  nun   auffgewecket, 
Die  von  dem  dritten  Schlaff  sich  noch  einmal  gestrecket, 
Redt  er  den  Lait-Hund  an:     'Gesell,  was  heut  Gott  wöll, 
Hin  trawter  Gsell-mann  hin,  wolan,  wolan,  Gesell, 
[93]  Wolhin,  wolhin,  wolhin  mit  Lust  und  Hertzens-Frewden 

Dem  Herrn  und  Fraw  zu  Dienst,  und    dann  zu  Lob   uns    beyden. 
Wolhin,  gut  Gsell-Mann,  hin,  wolan.  wolan  gen  Holtz, 
Wolan,  da  schleicht  der  Hirsch,  ist  edel,  gut  und  stoltz! 
Hin  wider,  lieber  Gsell,  und  lass  dann  heute  sehen, 

70     Ob   dir  vom  edlen  Hirsch  was  gutes  woll  beschehen. 

Dem  G'hirn  zu,  lieber  Gsell,  gut  Gsell,  der  Waide  nach, 
Da  daher  geht  der  Hirsch,  als  von  seim  Vatter  g'schach.' 
Wann  dann  der  edle  Hirsch  nunmehr  ist  abgerichtet 
So  fragt  der  Jäger-Knecht,  warauff  er  schon  getichtet: 

75     'Was  hat  der  edle   Hirsch  nun,  heut  zu  Feld  gethan  ? 
Sag,  lieber  Waid-mann,  sag!'      -  Da  zeigt  der  Jäger  an: 
'Zu  Feld,  zu  Feld  hat  er  G'waid-Zellt.'      -  'Ey,'  fragt  er  ferner, 
'Sag  an  die  Widergäng,  sag  an,  die   wüst  ich  gerner. 
Ich  brauche   dein  Bericht  und  lass  nicht  von  dir  ab, 

80     Wie  vil  er  Widergäng  anheut  getrieben  hab.' 

Hier  fällt  die  Antwort  auss:  'Ich  sau   sechs  oder  sieben, 
Sechs  oder  Sieben  hat  er  Widergänu   getrieben.'  — 
'So  sag  dann,  Waid-Mann,  mir,  wo  hast  du  ihn  gelahn, 
Den  Hirsch,  den  edlen   Hirsch,  sag  an,   ich  bitt,  sag  an.' 


496  Zur  A'olksdichtung. 

Im] 'Icli   lialj  dem  edlen  Hirsch   ein  Schmelen  schon  gebunden; 
Wills  Gott,  es  fehlt  mir  nicht,  ich  hah  ihn  bald  gefunden.' 
Diss  spricht  er,  wann  er  jetzt  auss  dem  Versuch  herzeucht, 
Wann   aber  von  der  Fahrt  er  nicht  mehr  gerne  weicht 
Und  jetzt  mit  seinem  Herrn  will  wider  hinzugehen 

90     Gen  Holtze  zu  der  Fahrt,  so  muss  doch  vor  beschehen, 

Dass  er  den  Hirsch  besehrey.     Und  wann  auch  diss  verrichtt, 
So  red't  er  mit  dem  Hund  fein  jägerlich  und  spricht: 
'Herzu  kehr'n,  kehr'n  herzu,  heut  wollest  du  vil  Leide 
Anthun  dem  edlen  Hirsch;  so  lobet  man  uns   beyde. 
95     "Wohin,   wolan,  wolan,  hinzu  dann  zu  der  Fahrt, 
Damit  der  edle  Hirsch  anheute  werd'  bewahrt. 
Wolan,  wolan,  hinzu  zu  jener  hohen  Buchen, 
Daselbsten  wollen  wir  den  edlen  Hirsch  nun  suchen. 
"Wolan,  wolan  hinzu,  wolan  hin  zu  der  Spühr, 

100     "Wahrt  doch,  wo  schleicht  der  Hirsch  anbeut  noch  selbst  herfür! 
"Wolan,  wolan,  hinzu,  hinzu  zu  jener  Eichen, 
Da  findest  du  dann  heut  dess  edlen  Hirsches  Zeichen. 
"Wolan  zu  jenem  Baum,  da  findest  du  heut  steh'n 
Den  edlen  Hirsch.'  —  "Wann  auch  diss  alles  ist  geschehn 
[95]  Und  nun  der  Jäger  hat  die  Fahrt  nochmal  verbrochen, 
Da  wird  dem  Hunde  dann  fein  jäg'risch  zugesprochen: 
'Fornhin,  fornhin,  fornhin,  du  liebes  G'sellichen, 
Dass   dir  heut  wol  gescheh;  hin  forna  forna  hin, 
Trawt  guter  Gsell-Mann,  hin,  hinwider  lass  uns  sehen, 

110     "Wie  es  dir,  trawter  Hund,  noch  heut  so  wol  wird  gehen!'  — 
"Wann  dann  der  Hund  verlacht,  so  heisst  es:  'Schone,  schon, 
Schon,  lieber  Hunde,  schon!     "Was  da?     "Was  wittert  nun, 
Trawt  guter  Gsell,  dich  an?     "Was  ist  dann  da  gewesen? 
Heut  soll  der  edle  Hirsch  vom  Fang  nicht  mehr  genesen. 

115     "Warnach,  trawt  guter  Hund?     Trawt  guter  Gsell,  warnach?' 
Wann  nun  der  Hund  vernemmt  die  schon  gewohnte  Sprach 
Und  jetzt  der  Jäger  ist  zur  Yert  auffs  new  gezogen, 
(Dann  nach  der  Bstättigung  wird  man  nicht  leicht  betrogen) 
Da  jagt  der  Laid-Hund  auff,  der  Jäger  jagt  ins  Hörn, 

120     Schreit  ju  ju,  achtet  nichts  der  Hecken,  Busch  und  Dorn; 
Gleich  gilt  es.  nur  hindurch.     Da  hört  man  wider  schreyen: 
'Hier  kommt  der  edle  Hirsch,  es  soll  ihn  nichts  befreyen. 
[96]  Da  kommt  er  noch  abher,  er  kommt  abher,  weich  gar, 
Da  kommt  er  noch  abher.     Dar,  trauter  Hund,  nur  dar!' 

125     Und  so  der  Jäger  Bruch  auff  solche  weiss  geschehen. 

Heisst  er  dann  durch  ein  Schrey  die  and're  stille  stehen, 
Ungfähr  auff  solche  weis:     'Stand  stille,  standa  still! 
Ich  weiss  nicht,  wo  jetzund  der  edle  Hirsch  hin  will.' 


50d.  Aib  Schmidlins  Ballet  'Der  Sieghaffte   Eymen\  4<)7 

"NVorauff  der  Jäger-Knab,  der  wegen  allen  Sprüchen 

130     Mit  seinem  Jäger  soll  schon  längsten  seyn  verglichen, 

Ihm  diss  zur  Antwort  gibt:  'Greift*  zu  der  rechten   Hand! 
Fi'irbas  da  schleicht  der  Hirsch   hin   in   ein  ander  Land.' 
Ist  nun  auch  dieser  Spruch  fein  jägerlich  beschehen, 
So  redt  er  mit  dem   Hund:  'Hinwider,  Gsell,  lass  sehen, 

135     Ob  doch  der  edel  Hirsch  hierüben  etwan  schleicht!' 
Worauff  er  widerumb  zu  seinen   Verton   zeicht. 
Und   wann  er  abermals  ist  zu   denselben  kommen, 
Auch  jetzt  die  frische  Fahrt  auffs  new  hat  eingenommen, 
So  schreyt  er  waidelich,  jagt  zweymal  in  das  Hörn, 

140     Haut  seinen  Klepper  an  durch  eingeflickten  Sporn. 
Malmt  auch  die  andere,  so  neben  ihm  geritten, 
Und  er  schon  für  geschnellt  schier  bey  den  sechtzig  Schritten, 
Schreyt:  'Hieher  kehr  hieher,  da  schleicht  er  allnoch  her, 
Der  Hirsch,  der  edle  Hirsch,  daher,  daher,  daher!' 
[9-]  Worauff  der  Jäger-Knab  gar  bald  zur  Antwort  gibet: 

'Kehran-nach,  kehran  nach'  etc.      Hier  sieht  man,  wie  sich  übet 
Der  Lait-Hund,  wie  er  ficht.     Komm't  man  zum  Helblin  nur, 
(Dann  also  wird  genennt  die  new  gefund'ne  Spur) 
Da  wird  dem  Lait-hund  dann  nochmalen  zugesprochen 

150     (Hier  braucht  es  gute  Wort,  kein  schmeissen  oder  pochen,): 
'Du  hast  recht,  trawter  Hund.     Da  hat  er  angerührt, 
Da  hat  er  angerührt;  du  hast  mich  recht  geführt.' 
Da   kommt  der  edel  Hirsch.     Will  er  aber  dan  fliehen, 
So  wird  von  heller  Stimm  gantz  eiferig  geschrieben: 

155     'Jun.  jun,  junch!     Hetz  d'  Hund  her,  die  junge  zu  alten, 
Hetz  fürter  und  lasse  den  lieben  Gott  walten! 
Hetz  fürter,  hetz  fürter.  schenck  Schirmer  und  Schall, 
Hetz  fürter,  lass  kommen  die  trawte  Hund  all! 
Dholtz,  dholtz,  dholtz  do  ho  ho  ho  ho  ho  da  ho  ho, 

160     Den,  den,  den,  doz,  doz,  doz,  da  ho.  ho.  0,  0,  0! 
Wöhr,  Jäger,  da  lauffet  er  jagenwarts  hin, 
Da  lauff'et  er,  hieher,  fein  waidlieh  auff  ihn! 
Da  lauffet  er  wanck  und  schwanck,  wollest  mir  trawen. 
Komm  her  da,  du  kanst  ihn  ja  selber  beschawen. 

165     Da  fleucht  er.  der  edel  Hirsch,  über  den  Weg; 
Der  liebe  Gott  heut  aller  Jungfräwlein  pfleg. 
Da  fleucht  er  zwar  über  die  Strassen  und  Herden, 
Und  dannoch  so  soll  er  doch  unser  bald  werden. 

,8]     Da  lauffet  der  edel  Hirsch   Wasser  und   Grund, 

170     Mich  frewet  der  Jungfern  Coralliner  Mund: 
Da  lauffet  der  edel  Hirsch  über  die  Heiden, 
Kein  Menschen-Kind  soll  mir  die  Jungfern  entleiden. 

Köhler,  Kl.  Schriften.  HI.  :1- 


4! IN  Zur  Volksdichtung. 

J>a   lauftet  der  edel  Hirsch,  machet  ein  Gwänd; 
Heut  küsset  ein  jeder  der  Liebesten  Hand. 

IT.")     Hieher  da,  hieher  da,  zug'fallen  den  Hunden! 
Ach   liätt   ich  so  richtig  mein  Liebste  gefunden! 
Da  fleucht  er,  der  edle  Hirsch,  hin  durch  den  Taw, 
So  wahr  ich  die   liebliche  .Mägdlein  gern  sehaw'  etc.  - 
So  nun  der  Jäger  jetzt  schnell  zu  dem  Zug  hinreitt, 

IM»     Sti   fragt  er  gierig  dann   die  Waid-  und  and're  Leuth, 
Was  dissmals  in  dem  Zug  und  über  Land  gefangen, 
(Zwar  alles  noch  durch   Spruch,    die  seynd   sein  gröstes  prangen) 
Und   redt  sie  also  an:  'Sag  mir,  sag,  Waid-mann  mein, 
Hast  du  nicht  etwan  Hund  jetzt  hören  lauften  drein?' 

is.")     Da  fällt  die  Antwort  auss:  cIch  sah1  zu  diser  Stunde 

Noch  Jäger  noch  den  Hirsch,  noch  auch  die  traute  Hunde; 

üiss  aber  sag  ich  dir,  heut  an  dem  Morgen  früh 

Da  lieft  der  edle  Hirsch  mir  gar  behende  zu.* 

Wann  dann  der  Jäger  fort  zu  Herrn  und  Fraw  geritten, 

190     Schreyt  er  noch  zu  der  letzt  nach  seinen  Waid-Manns  Sitten: 
'Herzu  kehrn,  kehrn  herzu!  Thu  liebs  dem  edlen  Hirsch! 
Dann  ihm  ist  Leids  gescheh'n;  ich  that  ihm  Leid  und  Wirsch." 

[<,<,]     Darauff  so  folgt:  'Hab  Danck,  heut  ist  gut  angefangen, 
Heut  küss  ich  noch  so  frey  der  Liebsten  Rosen- wangen.' 

195     Wann  dann  nun  etlich  Stück  gefangen  über  Land, 
Da  laufft  der  gantze  Hauff  zusammen  auff  ein  Stand 
Und  blast  die  sieben  Hüftt.     Und  weil  man  an  den  Hunden 
Solch  Trew  und  grossen  Fleiss  auff  diser  Jagt  gefunden, 
So  werden  sie,  wann  jetzt  der  edel  Hirsch  zerwirckt, 

200     Von  seinem  Schweiss  gepfneischt.  Was  auch  ein  Schnur  bezirckfc 
Von  etwan  viertzig  Schuhn,  das  braucht  man  zu  dem  sitzen. 
Wann  nun  Hund,  Ross  und  Mann  jetzt  lechzen,  schäumen,  schwitzen., 
Da  gilts  dann  zu  der  letzt  ein   kühle  Flaschen  Wein; 
Da  wird  die  weil  zu  lang,  biss  man  nur  schencket  ein. 

205     Hierzwischen  so  wird  auch  das  Waid-Gericht  besetzet. 
Man  klagt  ein  jeden  an,  der  mit  dem  Mund  verletzet 
Das  G'satz  der  Jägerey.     Diss  Recht  verzeucht  sich  nicht, 
AVie  etwan  anderswo  bey  ringer  Sach  geschieht. 
Die  Kriegs-Bevöstigung  und  Urtheil  seynd  beysamen, 

210     Man  ruftet  offen  auss  der  Ubertretter  Nahmen, 
Wie  der  und  jener  sich  im  Reden  überschnellt 
Und  nicht  nach  Waid-Manns  Art  hab  seine  Wort  gestellt. 
[10o]      Hierum  wird  sonderlich  ein  Fehler  leicht  begangen; 

Man  sagt  von  Hörnern  nicht,  es  heisst  Gliürn,  Ende,  Stangen : 

215     Auch  nicht  der  Hirsch  ist  schön,  nein,  sondern  edel,  gut; 

Der  Jäger  spricht  vom  Sehwaiss,  der  simple  Bawr  vom  Blut; 


51.  Zwei  und  vierzig  alte   Rätsel  und   Fragen.  499 

Man  kuppelt  die -Hund  an,  es  heisst  mehr  angebunden; 
So  wird  der  Hirsch  zerwirckt,  es  lautet  hat  geschunden; 
Audi  klingt   es  sehlimm  genug:  der  Hirsch  ist   umbgebracht, 

220     Ach  nein,  diss  aber  wol,  tlass  der  ein  Lachens  macht, 
Der  sich  also  \  erhäwt.     Noch  mehr:  anstatt   geschossen 
(iebürseht.  und  so  fort  an.  Wann    also  nun   beschlossen 

Der  strenge  Waid-Proces,  da  geht  es  an  den  Leib; 
liier  ist  kein  schonens  nicht:  t'rev,  ehelich,  Mann  und  Weib, 

225     Hoch.  Nider,  Reich  und  Arm,  Gelahrt  und  Ungelährter, 
lluwr.   Doctor  und  Soldat,  Geehrt  und   Ungeehrter 
Muss  alles  auff  den  Plan;  die  Gnad  ist  üher-thewr, 
Hier  kompt  «las   Protestirn  im   wenigsten  zu  Stewr. 
Es  ist  nun   alles  auss;  man  muss  sich  niderlegen 

230     Hin  auff  das  gefangne  Thier.     Das  zucken  und  bewegen 
[101]      Das  hilfft  nichts  zu  der  Sach,  macht  nur  den  Jäger  wild. 

Nun  greifft  man  zum  Gewöhr,  ficht  nach  dem  hindern  Schild 
Und  trifft  das  satte  Fleisch.     Drey  Streich   pflegt  man    zu  geben 
Die  man  Waid-Messer  nennt.     Der  Waid-Mann  spricht  darneben 

235     Wie  gar  nicht  dises  Ding  auss  Hass  und  Xeid  herriihr', 
Und   dass  sein  Pflicht  und  Aid  ihn  dahin  laitt  und  führ'; 
Dass  auch  der  erste  Streich  allein  werd  mitgetheilet 
Von  wegen  seines  Herrn,  der  Schad  sey  bald  geheilet; 
Der  andere  bescheh'  für  Richter  und  für  Knecht, 

240     Und  dann  der  dritte  Streich  fürs  edle  Jäger-Recht. 
Warmit  dann  dise  Lust  wird  jägerisch  geendet.  — 
Der,  welcher  gröss're  Frewd  auss  anderm  Ding  empfindet, 
Hat,  o  Diana,  nicht  dein  unverdrossnen  Muth. 
Doch  b'halt  ein  jeder  Kopff  gleichwol  sein  eignen  Huth. 


51  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen. 

(Weimarisches  Jahrbuch  5,   329—356.  1856.) 

Die  nachfolgenden  Rätsel  und  Fragen  sind  der  von  Adel- 
bert von  Keller  in  den  Tastnachtspielen3  3,  1453 — 1469  be- 
schriebenen Papierhandschrift  [Q.  565]  der  Grossherzoglichen 
Bibliothek  zu  Weimar  entnommen.  Keller  hat  an  dem  ge- 
nannten Orte  die  Anfänge  der  Rätsel  und  Fragen,  in  den 
vmi   ihm    gesammelten  'Erzählungen    aus   altdeutschen   Hand- 

32* 


500  Zur  Volksdichtung. 

Schriften.  Stuttgart  1855'  S.  482ff.  acht-  Rätsel  vollständig 
abdrucken  lassen. 

Es  ist  diese  handschriftliche  Rätselsammlung  die  älteste 

bis  jetzt  bekannte  deutsche  Rätselsammlung.  Die 
Handschrift  ist  nämlich  im  fünfzehnten  Jahrhundert  ge- 
schrieben, während  die  ältesten  »('druckten  Sammlungen,  eine 
Strassburger  (s.  Weimarisches  .Jahrbuch  2,  233)  und  eine 
Augsburger,  aus  welcher  letzterer  W.  Wackernagel  in  Haupts 
Zeitschr.  für  deutsches  Altertum  3,  25 — 34  eine  Auswahl  ge- 
geben hat,  dem  sechzehnten  Jahrhundert  angehören. 

Ich  gebe  die  Rätsel  nicht  in  der  Folge  der  Handschrift, 
sondern  in  eigener,  Verwandtes  zusammenstellender  Ordnung. 
Ungefähr  zwanzig  zu  schmutzige  und  obscone  habe  ich  hier 
nicht  mitteilen  zu  dürfen  geglaubt.  Die  ungleichmässige  und 
überladene  Schreibung  der  Handschrift  (die  Sprache  gehört 
dem  bayrischen  Dialekt  an)  ist  geregelt  und  verein- 
facht, Interpunktionszeichen  sind  beigefügt  worden.  Die  An- 
merkungen bieten  neben  Lesarten  und  einzelnen  Erklärungen 
besonders  Nachweisungen  des  anderweiten  Vorkommens  der- 
330  selben  oder  ähnlicher  |  Rätsel  und  Fragen.  Leider  werden 
diese  Nachweise  schwerlich  vollständig  sein,  da  verschiedene 
Bücher,  in  denen  deutsche  und  ausländische  Rätsel  und  Fragen 
stehen,  mir  zur  Zeit  nicht  zugänglich  sind. 

1. 

[Bl.  42b]  Ist  got  wol beschaffen  oder  ist  der  teufel  wol- 
geschaffen?  —  So  sprich:  der  teufel  ist  wolgeschaffen  der 
ursach  halben:  got  ist  alweg  gewesen  und  ist  nit  erschaffen, 
aber  der  teufel  ist  erschaffen  worden  und  nit  got,  wann  got 
ist  alweg  gewesen  von  ewig  zne  ewig. 

Alweg  (verkürzt  aus  'alle  Wege')  immer. 

Man  vergleiche  drei  StrophenFrauenlobs(von  derHagens 
Minnesinger  3,  375): 

1.         Nu   rät,  ir  wise  pfaffen: 
ein  mäler  malet  an  ein  want 

den  tiuvel  ungeschaffen;  so   ist  mir  eigentlich  bekant, 
da3  er  niht  ungeschaffen  ist, 
da3  trouw  ich  mit  der  w&rheit  wol  bewisen. 


51.  Zwei  und  vierzig  alte   Rätsel  und  Fragen.  ,">iil 

Got  der  i>t  ungeschaffen, 
mit  rechter  wärhei<   ich  da3  sprich, 

Ich  trouw  e3  wo]  bewisen:   wolt  ieman  kriegen  wider  mich, 
ich  in  bestiiend   in  kurzer  vrist. 
ii  h  wil  ouch  stset  an  miner  red  beliben. 

[ch   red   an  alle"   wenken, 
minr   vrd   wil   ich   niht   abe   gän,   mau   möht  mich   wol  verdenken, 
in  mim  gesange  urteile, 
in  wärheit  trouw   ich  wol  genesen: 
got  ist  ein  angeschaffen  wesen, 
der  tiuvel  niht,  der  reche   mich  hie  geile!  — 

Hie"s  ich  iuch,  meister,  liegen, 
wer  wolt  darumb  im  strafen  mich? 

got  der  ist  wolgeschaffen,  darzuo  hübsch  unde  minneklich, 
in  siner  gotheit  allermeist 
drivaltiklich  in  einen  got  verdrungen. 

Da  er  lag  in  der  wiegen, 
da  was  er  hart  und  also  kluok, 

wer  gesaeli  ie  schoener  bilde?  im  wol  der  maget,  diu  in  truok! 
got,  vater,  sun,  heiliger  geist, 
nach  irem  rät  wolt  er  sich  selber  jungen. 

Ich   wil  iuch,  meister,  strafen: 
der  zarte  minnekliche  got,  wan  er  ist  wol  geschaffen, 
[und]  da3  nie  man  kan  vol  schriben, 
wie  sich  got  selb  mit  got  verhal,  | 

got  bleip  got,  er  kam  her  ze  tal:  331 

swik,  Vrouwenlop,  din  rät  lä3  du  beliben. — 

Ir  muget  sprechen  lihte, 
unt  wie  ich  wel  bewisen  da~s, 

wie  got  si  ungeschaffen;  vür  war  sült  ir  mich  merken  ba3. 
ich   weis,  also  tuo  ich  iu  (be)kant; 
merk,  Regen  bog,  wie  ich  min  red  bestelle. 

Got  der  vil  hoch  gewihte, 
vür  war  er  wart  geschaffen   nie, 

er  immer  ist  an  ende,  und  ist  ouch   vor  gewesen  ie, 
den  tiuvel  schuof  er  mit  sinr  haut, 
der  noch  muo3  wonen  in  der  tiefen  helle. 

Got  der  ist  ungeschaffen, 
der  tiuvel  ist  sin  haut  getät;  mit  leien  und  mit  pfaffen 
die  red  ich  wol  beziuge, 
wie  si  mir  wellen  bi  gestän, 
die  kristen   glouben   wellen   hau, 
die  sprechen,  ob  ich   war  hab,  oder  liuge." 


502  Zur  Volksdichtung. 

Mone,  der  den  Anfang  des  Franeulobschen  Rätsels  aus 
der  Heidelberger  Handschrift  im  Anzeiger  1838,  Sp.  873  mit- 
teilte, bemerkt  richtig  dazu:  cEs  ist  ein  Wortspiel,  das  sich 
im  Liede  erklärt:  ungeschaffen  heisst  sowohl  ewig,  uner- 
schaffen  als  auch  hässlicli. 

2. 

[Rl.  32a]  Rat,  was  ist  das!  Got  sieht  sein  nimer  mer 
und  weiss  sein  nicht  und  der  kouig  sichts  selten  und  der 
bauer  sichts  alle  tag.  —  Sprich  also:  got  sieht  keinen  andern 
got  mer,  der  konig  sieht  selten  einen  andern  konig,  der 
bauer  sichts  alle  tag,  das  ist,  der  bauer  sieht  alle  tag  einen 
andern  bauern. 

Die  Handschrift  schreibt:  waiss  und  kainen,  und  so  oft  ai  für 
mhd.  ei.  Da  sie  aber  das  ai  nicht  konsequent  verwendet,  habe  ich 
immer  ei  geschrieben.  Konsequenter  ist  sie  im  Gebrauch  von  p  im  An- 
laute für  b,  doch  habe  ich  auch  da  immer  b  gebessert. 

Das  Rätsel  kommt  mehrfach  vor.  So  heisst  es  in  dem 
im  4.  Bande  S.  265  ff.  des  Wuuderhorns  aus  einem  Valentin 
Neuberschen  fliegenden  Blatte  [Böhme,  Altdeutsches  Lieder- 
buch 1877,  S.  354]  abgedruckten  'Krauzsingen' : 

Singer,  so  sag  mir  doch  allhie, 
und  was  Gott  hat  gesehen  nie 
und  sieht  es  auch  nimme? 
Merk,  Singer,  auf  meine  Stimme! 
Ein  Bauer  sieht  es  alle  Tag: 
Sag  mir  allhie  auch  diese  Frag! 

332  Antwort: 

Singer,  du  sollt  mich  recht  verstahn: 
die  Frag  will  ich  dich  wissen  lan; 
das  sag  ich  dir  fürwahr  allhie: 
Gott  hat  seins  Gleichen  gesehen  nie 
und  gesiebt  es  auch  nimme. 
Merk,  Singer,  auf  meine  Stimme! 
Fürwahr  ich  dir  das  sage: 
ein  Bauer  sieht  den   andern  all  Tage. 

[Strassburger  Rätselbuch  um  1505,  hsg.  von  Butsch  1ST<;. 
nr.  23:  'Was  Got  nit  hab,  der  Babst  selten  vnnd  der  ge- 
meyn    man    deglich.'    —    Neu  vermehrtes    Rath-Büchlein    mit 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen.  öl)  3 

allerhand  Weltlich-  und  Geistlichen  Fragen  samt  deren  ISc- 
antwortungen.  Das  Rockenbüchel  heiss  sonst  icb.  AVer  lang- 
weilig ist,  der  kann"  mich.  Er  und  in  mir  viel  kluger  Lehr. 
Mit  vexier,  rathen  und  anders  mehr.  Gedruckt  im  Jahr  1678 
(Berlin  Yd  3641:  vgl.  Hayn,  Cbl.  f.  Bibliothekswesen  7.  518 
nr.  "23),  Bl.  A  5b:  'Was  Gott  nie  nicht  gesehen  habe,  das  doch 
der  gemeine  Mann  täglich  siebet'.  Frommanns  D.  Mund- 
arten 3,  397  (Vorarlberg):  'Was  höt  Gottvater  nit?'  Zs. 
f.  d.  Mythol.  4.  376.  393.  —  Wossidlo,  Mecklenburgische 
Volksüberlieferungen  1,  303  zu  nr.  394  (1897).  Extrait 
des  rencontres,  fantaisies  et  coq  ä  l'asne  facetieux  du  baron 
de  Gratelard  (Nisard,  Hist,  des  livres  populaires  1,  389): 
cQu'est-ce  que  Dien  ne  voit  jamais,  le  roi  rarement  et  le 
paysan  souvent?  Son  semblable.'  —  Gälisch  oben  1,  267.] 
Bei  Mone,  Anzeiger  1838.  Sp.  264,  nr.  22.")  (aus  Wertheim): 
'Was  sieht  Gott  nie.  der  Kaiser  selten,  der  Bauer  alle  Tage? 
Seines  Gleichen'.  Sp.  267,  nr.  269  (niederländisch):  cGot  en 
siet  het  noyt,  den  coninck  seiden,  en  den  buer  alle  dagh. 
Syits  gelycke'.  In  Simrocks  Deutschem  Rätselbuche,  nr.  112: 
<Gott  sieht  es  nie.  der  Kaiser  selten,  doch  alle  Tage  Bauer 
Veiten.'  Bei  Meinert,  Alte  teutsche  Volkslieder  in  der  Mund- 
art des  Knhländchens,  Wien  1817,  S.  289:  'Dar  Pauer  siht's 
olle  Tog,  dar  Kaiser  's  Jocr  aemohl,  ounser  Herr  Got  goer 
ni.  MüllenhofT  bringt  das  Rätsel  in  Wulfs  Zeitschr.  3,  13 
englisch,  schwedisch  und  uorwegisch.     Englisch: 

What  God  never  sees, 
what  the  king  seldom  Bees, 
what  we  see  every  day: 
read  my  riddle         I  pray. 

Schwed.  'Ich  seh  es  täglich,  der  König  sieht  es  selten,  Gott 
sieht  es  nie'.  —  Norweg.  'Ich  sehe  es,  du  siehst  es.  der 
König'  u.  s.  w. 

Auch  die  E listen  kennen  das  Rätsel,  und  es  lautet  bei 
Ihnen:  Wir  sehen  es  täglich,  der  König  sieht  es  selten,  Gott 
sieht  es  nimmermehr  (Hupel,  Ehstnische  Sprachlehre,  Riga 
und  Leipzig  1790,  S.  120).  Man  bemerke,  dass  in  den  an- 
geführten   deutschen   Fassungen   Gott    und    dem   König    oder 


504  Zur  Volksdichtung. 

Kaiser  allemal  der  Hauer  gegenüber  steht,  während  im  eng- 
lischen, schwedischen,  norwegischen  und  ebstnischen  der  das 
llütsel  aufgebende  durch  'Ich'  oder  'Wir'  sich  und  seine  Um- 
gebung als  die  anführt,  die  täglich  ihres  gleichen  sehen. 
Offenbar  ist  die  besondere  Gegenüberstellung  gerade  des 
Bauern  nicht  ursprünglich. 

Die  bisher  beigebrachten  Rätsel  waren  dreiteilig  (nie, 
selten,  täglich),  welche  Form  die  Kätselpoesie  bekanntlich 
sehr  beliebt,  wir  halten  aber  auch  ein  zweiteiliges  anzu- 
führen, welche  einfache  Form  des  Gegensatzes  natürlicher- 
weise auch  häufig  ist.  Zugleich  ist  das  Rätsel  dadurch  ab- 
333  weichend,  dass  nicht  die  |  Menschen,  sondern  die  Teufel  es 
sind,  welchen  Gott  entgegengesetzt  wird.  Es  findet  sich  im 
>jiiel  von  dem  Freiheit  (Kellers  Fastnachtspiele  2,  559).  wo 
der  Frager  also  fragt: 

Xu  sag  mir,  jaufkint  M,  die  geschieht, 
das  der  teufel   alle  stund   sieht 
und  got  der  mag  sein  nit  gesehen. 
Thu  mir  die  abenteur  vergehen!2) 

Der  Freiheit  antwortet: 

Dasselb  ich  dir  pald  sagen  sol: 
ein  teufe]  Bicht  den  andern  wol, 
so  mag  got  nimmer  in  seim  reich 
kein  sehen,  der  ihm  sei  geleich. 

Verwandt,  obschon  mit  anderer  Lösung  ist  ein  magyarisches 
Rätsel  | Magazin  für  die  Litteratur  des  Auslands  1856,  nr.  91, 
S.  364):  'Ich  habe  es.  du  hast  es.  der  alte  Klotz  hat  es,  aber 
Gott  hat  es  nicht  —  Einen  Schatten." 


])  Jaufkint  bedeutet  einen  liederlichen,  verdorbenen  Menschen. 
und  so  wird  der  Freiheit  (oder  Freihart,  d.  i.  Vagabund,  Herumstreicher) 
genannt. 

4)  D.  i.  Sage,  erkläre  mir  das  Wunder,  die  seltsame  Sache.  Di« 
abenteur  ist  nicht  etwa  Pluraüs,  was  mit  dem  vorhergehenden  Singu- 
laris  cdie  geschieht'  nicht  wohl  stimmen  würde,  sondern  ebenfalls  Singu- 
laris,  aber  abenteuer  als  Hauptwort  weiblichen  Geschlechts  gefasst,  was 
es  ursprünglich  ausschliesslich  war  und  als  welches  es  auch  noen 
später  vorkommt,  obschon  das  sachliche  Geschlecht  vorwiegend  gewor- 
den war.     Vgl.  Grimms  Wörterbuch  1,  27. 


51.  Zwei  und  vierzig  alte   Rätsel   und  Fragen.  505 

3. 

[Bl.  34b]  Warunil)  hat  got  der  herr  alein  brotviscli  gessen 
hie  auf  ertricli  und  keinen  andern?  Das  ist  darumb:  zne 
derselben  zeit  ist  dennoch  kein  pfannenschmid  gewest,  der 
pfannen  gemacht  het. 

Brotvisch  ist  Bratfisch.         Dennoch,  eigentlich  dannoch  [dann 

noch],  steht  hier  in  seiner  ursprünglichen  Bedeutung:  'damals  noch*, 
und  die  vorhergehenden  Worte  'zue  derselben  zeit1  sind  streng  genom- 
men überflüssig. 

Das  Rätsel  bezieht  sich  höchst  wahrscheinlich  auf  das 
letzte  Kapitel  des  Evangelium  Johannis,  wo  der  auferstandene 
Christus  sich  den  tischenden  Jüngern  bei  Tiberias  offenbart 
und  mit  ihnen  Fische  isst,  besonders  auf  Vers  9:  Als  sie  nun 
austraten  auf  das  Land,  sahen  sie  Kohlen  gelegt  und  Fische 
darauf  und  Brot  (c5s  orr  nnljnjoav  elg  W/r  yrjv,  ßXt'Trovoiv  dv- 
üoay.tuv  xeijuevrjv  y.al  öyxioiov  sjiiy.eiuevov  xal  (xqtov.)   | 


[Bl.  37b]  Rat:  wer  ist  der  erst  priester  hie  auf  ertlich 
gewest?  Das   ist   gewest  Jacobus  der  kleiner,   der  muter 

Zebedei  sun. 

Die   Handschrift  schreibt  briester. 

Jacobns,  der  kleinere,  auch  der  Gerechte  genannt,  Sohn 
des  Alphaeus  (oder  des  Kleophas),  wurde  von  den  Aposteln 
zum  Bischof  von  Jerusalem  erwählt.  'Dicitur  etiam',  heisst 
es  z.  B.  in  der  Legenda  aurea  (ed.  Grässe  p.  296),  cquod 
primus  inter  apostolos  missam  celebravit;  nam  propter  ex- 
cellentiam  suae  sanctitatis  hunc  sibi  honorem  apostoli  fecerunt, 
ut  post  adscensionem  domini  primus  inter  eos  missam  Hiero- 
solymis  celeraret,  etiam  antequam  esset  episcopus  ordinatus.' 
Von  diesem  Jacobus  ist  bekanntlich  Jacobus,  der  grössere 
Zebedad  Sohn,  zu  unterscheiden.  Der  Aufzeichner  unseres 
Rätsels  muss  aber  über  die  verschiedenen  Jacobus  sehr  un- 
klar gewesen  sein.  Es  ginge  noch  an,  wenn  er  einfach 
Zebed:eus  mit  Alphseus  verwechselt  und  'Alpheus,  der  kleinere, 
Zebedei  sun'  geschrieben  hätte:   aber  indem  er  schreibt  'der 


33 1 


506 


Zur  Volksdichtung. 


muter    Zebedai    sun',    macht    er    noch    überdies    aus    einem 
Sohne  einen  Bruder  des  Zebedaeus. 


335 


[Bl.  37b]  Wer  hat  das  aller  heiligste  heiltum  hie  auf 
ertlich  getragen?  —  Das  hat  getan  der  esel,  der  unsern  hern 
und  sein  liebe  muter  Maria  ine  Egiptenland  trug. 

6. 

[Bl.  37b]  Bat:  wo  hat  der  esel  den  scheiss  getan,  do 
ine  alle  weit  höret?  —  Den  hat  er  thun,  do  er  unsern  hern 
und  Maria,  sein  liebe  muter,  ine  Egiptenland  trug.  Etlich 
sprechen,  er  hab  ine  getan  ine  der  archa. 

Man  vgl.  Freidank  109,  10: 

An  einer  stat  ein  bunt  erbal, 
da3  über  al  die  werlt  erschal. 
Zeiner  zit  ein  esel  luote, 
da3  e3  al  die  werlt  muote. 

(Das  zweite  Verspaar  steht  jedoch  nicht  in  der  Heidelberger 
und  Gothaer  Handschrift.)  Beim  Tannhäuser  (von  der  Hagen. 
Minnesinger  2,  97b)  heisst  es:  'ein  hunt  erbal,  das  alle  liute 
die  do  lebten  horten  sinen  schal."  Im  Augsburger  Ratbuche 
(Haupts  Zeitschr.  3,  34):  cWer  geschrien  hab,  dass  die 
ganze  weit  hört?  I  Antw.  Der  esel  in  der  archen  Xoe\  Ebenso 
[Strassburger  Rätselbuch  1876,  nr.  285.  Rath-Büchlein  1678, 
Bl.  C  6a]  bei  Simrock  nr.  243.  Aus  Wertheim  bei  Mone 
Anzeiger  183S,  Sp.  205,  nr.  243:  'Wo  hat  der  Esel  so  laut 
geschrieen,  dass  es  alle  Menschen  hörten?  In  der  Arche 
Noahs.'  [Curtze,  Volksüberlieferungen  aus  Waldeck  1860, 
S.  303:  'Welcher  Esel  hat  so  laut  gerufen,  dass  es  alle  Esel 
auf  der  ganzen  Erde  gehört  haben?'  Wossidlo  1,  316  nr.  648. 
Odilo  Schreger,  Studiosus  jovialis  1751  S.  584:  cUbi  asinus 
clamavit  ita  ut  audiretur  in  universo  mundo?  In  arca  Xoe, 
ibi  enim  totus  mundus  erat  collectus.3  »I.  Ludolf,  Ad  suam 
Historiam  Aethiopicam  commentarius  1691  p.  559:  'Cum 
cantaret  aliquandq  gallus,  quando  audiviteum  universa  crea- 
tura  simul  ?'] 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und   Fragen.  50" 


[Bl.  34  b]    Warumb  henkt  mau  alweg  ein  banner  auss  der 

kirchen,    wenn  kirwei  do  ist?  —  Das  ist  darumb:  do  gut  wonet 

hie  auf  ertlich,  do  was  ein  mau,  der  hiess  Zacheus,  und  was  ein 

klein  man  ane  der  person.    do  unser  herr  prediget  im  tempel, 

do  het  in  Zacheus  geren  gesehen,  do  steig  Zacheus  auf  einen 

bäum  und  wolt  ine  sehen,  und  sach  ine  und  eilet  sere  wider 

herab    von    dem  bäum  und  Hess  sein  bruch  hangen  ane  dem 

bäum.     Das  ist  das  bauner,  das  man  herauss  henkt. 

Hs.  albeg  für  alweg,  ebenso  kirbei  für  kirwei  d.  i.  Kirchweih.  — 
Bruch  ist  das  im  15.  und  16.  Jahrb.  sehr  übliche,  seit  dem  17.  immer 
seltener  gewordene  Wort  für  'Hose'. 

Über  Zach  aus  als  Kirmespatron  vgl.  Montanus,  Die 
deutschen  Volksfeste  S.  69.  [Kehrein  1,  450.  —  Als  Oster- 
fahne  benutzt  der  Pfaff  von  Kaienberg  (Bobertag,  Narrenbuch 
S.   78)  seine  Hosen.] 

8. 

[Bl.  37b]  Warumb  sind  mer  frauen  auf  ertrich  dann 
man?  —  Das  kuinpt  auss  verhenknus  gots,  do  er  Herode  ver- 
beuget, dass  er  vil  tausent  knaben  ertötet,  do  gewunnen 
die  frauen  den  fürgank,  den  haben  sie  noch  auf  den  heu- 
tigen tag. 

Yerh  engen  ist  so  viel  wie  'gestatten,  erlauben',  verhenknus 
^vie  'Erlaubnis'. 

9. 

[Bl.  35b]  Rat,  was  ist  das:  wie  schön  ist  das  breuhaus, 
wie  schön  sind  die  falken  darauf!  schön  ist  der  man.  der 
der  falken  pflegen  kann.  —  Sprich  also:  das  breuhaus  ist 
der  himel,  die  falken  sind  die  engel.  unser  herr  ist  der  man, 
der  der  falken  warten  kan,  das  sind  die  engel. 

10. 

[Bl.  35b]  Rat,  wie  ferr  ist  von  dem  untersten  stein  biss 
ine  die  neun  kör  der  engel.  —  Sprich  also:  das  bet.  das  du 
herniden  treibst,  das  weistn  wol.  dass  es  kumpt  ine  die  neun 
kör.  das  ist  für  gut. 

Die   Handschrift  hat:  'von  dem   unterstain  stam1  und  'treubst'.  j 


,")()3  Zur  Volksdichtung. 

o'M'i  Dns  bet    (die   Handschrift  schreibt  peth)  ist  so  viel  als  das  Gebet, 

Biehe  Grimms  Wörterbuch  1,  1692.     Über  die  neun  Chöre  der  Engel 
vgl.  Benecke-Müllers  nilid.   Wörterb.  u.  d.   W.  kor. 

11. 

[ßl.  32  a]  Rat.  was  ist  das:  es  schürtet  sich  als  ein  hur 
und  hat  zwen  schuhe  als  ein  bub  und  hat  hinten  ein  Schnabel. 
—  Das  ist  ein  münch,  der  da  hat  ein  kutten  an. 

Die  Handschrift  liest:  sehürtz  und  stuchschuhe;  '>tinh'  i>t 
durchstrichen. 

In  Bezug  auf  den  Schnabel  hinten  d.  i.  die  Kapuze 
vergleiche  man  die  Schilderung,  die  Hans  Sachs  (im  Schwank 
vom  Münnich  mit  dem  Capaun  2,  4  [oben  1,  502])  einen 
Mönch  von  sich  selbst  machen  lässt.     Der  Mönch  spricht: 

.  .  .  ich   auch  das  ungschaffenst  bin, 
fleug  auch  im  lande  her  und   hin, 
bin  ein  vogel  und  doch  nicht  flück, 
hab  meinen  schnabel  auf  dem  rück, 
und  bin  gleich  einem  narren  beschorn, 
mein  kutt  ist  gleich  eselsgrau  wom, 
bin  mit  eim  strick  gürt  gleich  eim  dieb, 
seit  ich  Barfüsser  orden  trieb, 
geh  ich  stets  barfuss  wie  ein  gans. 

12. 

[Bl.  32a]     Rate:    was    get    got    und    der    werlt   vor? 
Das  ist  der  mesner. 

13. 

[Bl.  32b]  Rat:  es  sind  sechs  feiertag  im  jar,  die  nimer 
an  kein  suntag  vallen.  —  Das  sind  die  drei  osterfeiertag  und 
drei  pfingstf eiertag. 

[Strassburger  Rätselbuch  1876,  nr.  245.  Rath-Büchlein 
1678,  Bl.  C  3b.] 

14. 

[Bl.  34a]  Ein  lierr  het  einen  lieben  bulen  und  er 
schicket  seinen  knecht  zue  ir  und  Hess  sie  fragen,  wenn  er 
zue  ir  solt  komen.  do  sprach  sie  zue  im:  sag  deinem  herrn, 
dass  er  kum, 

wenn  all  tarin  lere  stien 


51.  Zwei  und  vierzig'  alte  Rätsel  und  Fragen.  509 

und  all  bäum  zue  samen  gien 

und  wenu  das  tot  das  lebendig   hat  überwunden. 

so  wirt  dein   herr  in  grossen  freuden  gefunden.  — 
Sn   sprich   und    kum   also:    wenn  all   tann   lere  stien.   das  ist 
wenn  all  krausen  lere  stien.  wenn  all  bäum  zue  samen  gien 
das  ist  wenn  man  die  leden  vor  den  venstern  zue  thut,  wenn 
das  tot    das  lebendig  überwindt,  das  ist,  wenn  man  den  ascheu    337 
über  das  Feuer  legt.     Also  hastu  es  zue  samen  gefügt. 

Die  Handschrift  hat  'zue  samen  zu  gefügt1. 

Krausen  sind  Krüge,  vgl.  Schmeller,  Bayrisches  "Worterb.  2, 
S.  394.  Im  Mhd.  kommt  das  Diminutiv  krüselin  vor.  —  Der  Aschen 
für  'die  Asche'  ist  noch  heute  in  Bayern  üblich,  Schmeller  1,  S.  122? 
Grimms  Wörterb.   1,  Sp.  578. 

In  einem  ganz  ähnlich  angelegten  Rätsel  aus  dem  Augs- 
burger  Rätselbuehe  (Haupts  Zeitschrift  3,  38,  nr.  3)  wird 
auch  einer  unter  anderem  beschieden  zu  kommen  cwann  das 
todt  das  lebendig  vergrebt\  und  die  Auflösung  sagt:  cdas 
todt  ist  die  eschen,  das  lebendig  ist  das  feüer'.  Ebenso  bei 
Simrock  nr.  143.  [Zs.  f.  d.  Mytliol.  3.  355  nr.  115.  Spee, 
Volkstümliches  vom  Niederrhein  1,  17.  1875.]  Nicol.  Reusuer 
teilt  in  seiner  Aenigmatographia,  Francofurti  1599  (II),  p.  264 
folgendes  Rätsel  mit: 

Cinis.    Favilla. 

Mortua  res  vitam  sepelit,  manet  illa  sepulchro 

viva   suo,  vivis  mollit  et  ipsa  cibos. 

15. 

[Bl.  37  a]  So  du  einen  lieben  bulen  best  und  du  solst 
ir  bringen  ein  visch  von  allen  vischen,  der  do  gsoten  wer  ob 
einem  holz,  das  das  lengst  und  das  schmelst  wer,  und  in 
einem  wasser,  das  das  seichtst  wer  und  das  breitst,  und  du 
solst  ir  solichen  visch  schicken  in  eiuer  schusseln,  die  gemacht 
wer  von  allen  blumen,  und  du  solst  irs  schicken  bei  einem 
boten,  der  die  zwu  und  sibezig  sprach  kirnt,  wie  wolstu  ir 
ine  schicken?  —  So  thue  im  also:  ein  visch  von  allen  vischen 
das  ist  ein  äl;  das  lengst  und  das  schmelst  holz  das  ist  ein 
hopfenreben;  das  seichtst  und  das  breitst  wasser  das  ist  der 
reif:    die  Schüssel    von    allen  blumen    die   mach   auss  wachs, 


.")]()  Zur  Volksdichtung. 

wann  die  bin  macht  das  wachs  von  allen  blumen;  der  bot 
das  ist  ein  stmn.  der  kan  eben  einer  sprach  als  vil  als  der 
andern,     also  hastu  den  visch. 

Die  Handschrift  hat:  das  saichtz,  das  braitz,  der  reül'f. 

Bei  einem  boten  für  'durch  einen  Boten',  s.  Grimms  Wörterbuch  1. 
1351.  Zwu  findet    sieh  zuweilen,    auch   in   nr.  41,    für  zwo,    zwuo,  so 

in  einem  Osterspiele  in  Wackernagels  Altd.  Lesebuch  1021,  4  im  Keim 
auf  'zu'.  —  AI,  seltenere  Nebenform  für  'Aal',  s.  Grimms  Wörterb.  1,  5. 
1).  Sanders,  Programm  eines  neuen  "Wörterbuchs  der  deutschen 
Sprache  S.  81. 

[Vgl.  Strassburger  Rätselbuch  1876,  nr.  325:  damit  stimmt 
ziemlich  genau  das  Rath-Büchlein  o.  J.  (Berlin  Yd  3044.  3651) 
Bl.  C  6a:  cEin  Wasserbad  auf  einen  Berg  zu  tragen  in 
einer  Fischerreusen,  dasselbe  wärmen  mit  dem  besten  und 
köstlichsten  Holz,  dem  Bader  einen  Fisch  schicken  aus  allen 
Wassern,  denselben  sieden  mit  dem  längsten  und  auch 
schmälsten  Holz,  ihm  denselben  Fisch  fürtragen  in  einer 
Schüssel  von  allen  Blumen  gemacht,  dabei  einen  Wein  ohne 
Fass  oder  Geschirr,  und  der  Knecht,  der  des  Baders  wartet, 
ein  Mann  von  allen  Sprachen.  Antwort:  Schnee  oder  Eis  ist 
das  Bad.  das  eine  Holz  ist  Weinreben,  der  Fisch  aus  dem 
Mimt,  das  andere  Holz  Epheu.  die  Schüssel  ist  von  Wachs, 
die  Weintrauben  der  Wein  ohne  Fass,  der  Knecht  ein  Stummer, 
der  ist  von  allen  Sprachen,  deun  er  kan  keine.5  — ■  In  Bezug 
auf  die  Weinrebe  als  das  beste  Holz  vergleiche  man  Simrock 
nr.  83:  cDas  beste  Holz  verbaut  man  nicht';  Rochholz, 
Alemannisches  Kinderlied  S.  239  nr.  44:  'Das  beste  Holz, 
spalt  nie  nitJ.  —  Von  der  Weintraube  heisst  es  im  Strass- 
burger Rätselbuch  1876,  nr.  138: 

Es  schickt  ein  ritter  vber  Rein 
Sein  [1.  Der]  liebsten    frauwen  sein 
<i urten  wein  on  glass 
Ynd  alle  andere  trinck  fass: 
Rot,  worin  der  wein  was. 

Antwort:  er  schickt  yr  trauben,  dar  inn  hat  sie  den  wein. 

Ebenso  Zs.  f.  d.  Altert.  3,  31.  Weimar.  Jb.  2.  234.  Rath- 
Büchlein  o.  J.  Bl.  B3a.  Zs.  f.  Volkskunde  7.  389  V.  165. 
Simrock  nr.  74.    Rochholz  S.  238,  43.    Wossidlo  1,  312  nr.  466.] 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen.  511 

In  Bezug  auf  den  Reif  als  das  seichteste  und  breiteste  Wasser 

vergleiche  mau  das  lateinische  Rätsel   von  Joannes    Lorichius 

in  Reusners  Aenigrnatographia  (II)   p.    105:  j 

lios.  Pruina.  338 

Die  mihi  quae  eunetis  est  laiior  Omnibus  unda, 

qua  tarnen  esse  potest  nulla  profunda  minus? 
Latius  aequorea  protenditur  Amphitrite, 
vis  puto  te  nudos  tingere  posse  pedes. 

Bei  Simrock  ur.  308:  Welches  ist  das  seichteste  und  breiteste 
Wasser?  Der  Tau.  |Strassburger  Rätselbuch  187(1.  nr.  51: 
cWülchs  das  breitst  vnd  das  dünst  wasser  sey.J  Rath-Biichlein 
167S.  Bl.  A7a.  Weidspruch  in  Wagners  Archiv  1.  148 
nr.  38.]  Müllenhoff  in  J.  W.  Wolfs  Zeitschr.  3,  \(>  er- 
innert an  das  englische  Rätsel  bei  Halliwell,  Populär 
rhymes  S.  149: 

A  water  there  is  I  must  pass, 

a  broader  water  never  was; 

and  yet  of  all  waters  I  ever  did  see? 

to  pass  over  with  less  jeopardy.    —  The  dew. 

Im  Aargau  lautet  ein  Rätsel  über  den  Tau  (Wolfs  Zeitschr.  1. 

150.  ur.   63): 

's  isch  e  ganze  Matte  |  Wiese]  voll 
und  gab  doch  ke  Chratte  [Korb]  voll. 

Zwei  und  siebzig  Sprachen  werden  genannt,  weil 
mau  annahm,  dass  es  so  viele  gäbe1).  So  sagt  der  weit- 
gereiste Tragemuud.  der  im  Tragemundslied  immer  an- 
geredet wird: 

im  sage  mir,  Meister  Tragemund, 

zwei  und  sibenzig  Land  die  sind  dir  kund, 

in  dem  Gedichte  von  cSanct  Oswalds  Leben'  (Haupts  Zeitschr. 
2,  91  ff.)  V.  47  von  sich: 


J)  [Müllenboff-Scherer,  Denkmäler-  S.  486.  Frauenlob  346,  13. 
Sehröer,  H.  v.  Mügeln  (Wiener  SB.  55,  471).  Hieronymus,  Opera  4,  2, 
131  ed.  Martianay.  Joca  monachorum  bei  P.  Meyer,  Recueil  d'aneiens 
textes  1,  18.  Bibl.  de  l'Ecole  des  chartes  44,  62  nr.  50  und  69  nr.  82. 
Sajjid  Battbäl  übers,  von  Ethe  1871  1,  41.  Schiltberger,  Reisen  1859, 
S.  H»9.  Pott.  Anti-Kaulen  1863,  S.  62;  Die  Ungleiebbeit  menschlicher 
Kü^en  1856,  S.  244.  Massmann,  Eraclius  S.  482.  Michel,  Beitrag  /.. 
Gesch.  der  d.  Sprache  15,  377  (72  Völker).] 


51 'J  Zur  Volksdichtung. 

ich  heisse  Tragemund, 

alle  lant  sind  mir  wol  kunt, 

zwe  und  sebezig  zungen. 

Von  der  allegorischen  Mühle  in  dem  Gedichte  'König 
Tirol  von  Schotten  und  sein  Sohn  Friedebrand3  heisst  es: 

(Strophe  14)  Das  rat  da3  an  der  mülen  gät 
zwo  und  sibenzek  kamben  hat, 

und  in  der  Auslegung  (Strophe  20): 

AVeit  ir,  wie  e3  umb  die  kamben  Btät? 
Zwo  unt  sibenzek  sprachen  die  werlt  hat. 

Jacob  Grimm  nennt  die  Zahl  72  (8  X  9  =  6  X  12)  die 
'poetische,  wunderbare  Zahl  der  Grösse5  (Altd.  Wälder  2,  10) 
und  bemerkt  in  den  Rechtsaltertümern  S.  220,  nachdem  er 
das  öftere  Vorkommen  von  72  Eideshelfern,  sowie  eine  Geld- 
339  strafe  j  von  72  Pfennigen  nachgewiesen  hat:  'In  den  Liedern 
72  Dieustleute,  72  Länder,  72  Sprachen,  doch  diese  beiden 
gründen  sich  mehr  auf  eine  heilige,  als  juristische  Anwendung 
der  Zahl.'  In  dem  ebengenannten  Gedichte  über  S.  Oswalds 
Leben  kommt  eine  Flotte  von  72  Schiffen  (V.  569.  791)  und 
eine  Burg  mit  72  Schlössern  (V.  1081)  vor.  In  einem  Volks- 
liede  (Simrock,   Die  deutschen   Volkslieder  S.  27)   heisst  es: 

Man  leuchtet  ihr  zum  Schlafkämmerlein 
mit  zwei  und  siebenzig  Kerzelein. 

Der  Gralstempel  hatte  72  Chöre  (vgl.  darüber  Mone  im 
Anzeiger  1837,  Sp.  108  [Jung.  Titnrel  v.  323]).  Man  denke 
auch  an  die  72  Ausleger  des  alten  Testaments,  an  die  72 
Jünger  Christi  (Lucas  10,  1  u.  17,  nach  der  Vulgata),  an  die 
72  Namen  Christi  (auch  von  Hans  Sachs  im  1.  Teile  des  1.  Buchs 
seiner  Gedichte  behandelt).  Die  Zahl  verdiente  eine  ein- 
gehendere Betrachtung. 

Es  möge  endlich  erlaubt  sein,  aus  einem  französischen 
Rätselbuche  (Questions  enigmatiques,  recreatiues,  &  propres 
pour  deuiner,  &  y  passer  le  temps  aux  veillees  des  longnes 
nuicts.  Auec  les  responces  subtiles,  &  autres  propos  ioyeux. 
A  Lyon,  pour  Benoist  la  Caille,  M.  DC.  XIX.)  ein  Rätsel  hier 
noch  mitzuteilen,  welches,  wenn  auch  nicht  im  einzelnen, 
doch  im  allgemeinen  dem  unsern  ähnlich  ist.   Es  lautet  (S.  34): 


51.  Zwei  und  vierzig-  alte  Rätsel  und  Fragen.  513 

A  un  amy  faut  envoyer 
un  nietz  de  etil  saus   varier 
Mir  un  tailloiier  de  tous  bois 
par  un  de  tous   conseils  courtnis. 
Or  devinez  sur  cet  affaire 
comme  eela  se  pourra   faire. 

Responce. 
C'est    im   oeuf  porte   ä   im  amy  sur  un  couteau  par  uu  Con- 
fesseur,  le  quel  est  de  tous  conseils  eil  confession. 

16. 

[Bl.  33  b]  Wenn  du  einen  lieben  bulen  liest  und  du 
solst  zue  ir  komen  weder  bei  tag  oder  bei  nacht,  weder  ge- 
riten  noch  gegaugen.  weder  ob  der  erden  noch  unter  der 
erden,  weder  nacket  noch  angelegt;  wie  wolstu  zue  ir  komen? 

—  So  sprich  also:  zum  ersten  weder  bei  tag  oder  nacht,  so 
wil  ich  komen  am  mitwoch,  das  ist  mitten    ine  der  wochen ; 
weder  geriten  noch  gegaugen,  so  |   thue    ihm   also :   nim   und    340 
sitz    auf  ein    esel   mit   einem   bein    und   ge   mit   dem   andern 
bein  auf  der  erden,  das  ist  weder  geriten  noch  gangen;  weder 

ob  der  erden  noch  darunter,  so  thue  im  also :  so  nim  ein 
bauin  und  grab  in  auss  mit  den  wurzeln  und  setz  in  auf 
den  köpf,  so  bistu  weder  ob  der  erden  noch  darunter;  weder 
nacket  noch  angelegt,  so  nim  ein  vischgarn  und  thue  es  an. 
so  bistu  weder  nacket  noch  angelegt,  also  komstu  zue  ir 
und    lebst  mit  ir  in  freuden. 

Die  Handschrift  hat  'zum  ersten  bei  tag  oder  nacht',  cam  mitboeh' 
und  cdas  ist  unter  und  ob  der  erden  geriten  und  gangen'. 

Weder  —  oder  statt  weder  -  noch  s.  Kehrein,  Grammatik  d. 
d.  Sprache  des  15.  bis  17.  Jahrh.  3,  196.  -  Angelegt  ist  gekleidet 
8.  Grimms  Wörterbuch  u.  d.  W.  'anlegen'. 

In  Bezug  auf  den  Mittwoch  vgl.  man  [Strassburger 
Rätselbuch  1876,  ur.  253:  'Zu  welcher  zeyt  einer  in  ein  statt 
kommen  wolt,  die  weder  tag  noch  nacht  hiess.  Antwort: 
vft"  ein  mitwoch".     Ebenso   Rath-Büchlein   1678,  Bl.    C4a. 

—  Strassburger  Rätselbuch  1876,  nr.  249:  cWie  vil  tag  im 
jar  sein.'  Rath-Büchlein  1678,  Bl.  A  3a:  "Wie  viel  sind  Tag 
in  der  Wochen  geneunet?  Antw.:  Sechs,  als  nemlich  Montag, 
Dienstag,   Donnerstag,    Freitag,    Samstag,    Sonntag:  denn  der 

Köhler  ,  Kl.  Schriften.  IH. 


,",14  Zur  Volksdichrun 


b" 


Mittwoch  wird  kein  Tag  genennet,  sondern  heisst  Mittwoch] 
das  im  Volke  umgehende  Rätsel:  Wie  viel  sind  Tage  in  der 
Woche?  Sechs,  denn  die  Mittwoch  ist  kein  Tag.  [Meier, 
Volksmärchen  ans  Schwaben  1852,  nr.  28.  Veckenstedt. 
Wendische  Sagen  1880,  S.  230.] 

Die  Aufgaben  'weder  geritten  noch  nngeritten'  und 
'weder  nackt  noch  angekleidet'  zu  kommen  finden  wir 
mit  denselben  Lösungen  in  deutschen  Märchen  wieder;  man 
sehe  die  Nachweisungen  von  W.  Grimm  im  3.  Bande  der 
Kinder-  und  Hausmärchen,  3.  Aufl.  S.  170  f.  [Beufey,  Ausland 
1859,  59]  =  Kleinere  Schriften  3,  214.  Oben  1,  447—456. 
Wossidlo  1,  328  zu  nr.  988],  welchen  wir  noch  folgendes- 
aus den  eben  erwähnten  'Questions  enigmatiques1  S.  37 
beifügen : 

Aucun  grand  Seigneur  estant  en  son  palais,  fitcommande- 
ment  ä  un  de  ses  subjects,  demeurant  ä  cinq  Heues  du  dict 
palais,  de  soudain  venir  au  dict  Seigneur,  sur  peine  de  con- 
fiscation  de  Corps  et  de  biens:  mais  qu'il  ne  fust  si  hardy 
de  venir  ä  pied,  ne  ä  cheval,  ne  par  la  voye,  ne  par  le 
chemin,  ne  nud,  ne  vestu,  et  qu'il  amenast  avecques  luy  son 
amy  et  son  ennemy.1)     Ce  que  fit  le  dict  subject. 

On  peut  entendre  que  le  dict  subject  vint  au  dict  Seigneur 
sur  un  asne,  pource  n'estoit  n'  ä  pied,  n'  ä  cheval,  en  meuant  le 
dict  asne  par  les  ornieres  des  chemins:  vestu  seulement  dune 
retz  de  pescheurs,  et  amena  son  amy  qui  estoit  son  schien, 
et  son  ennemy  c'estoit  la  femme. 

Bei  Lesung  dieses  und  des  vorigen  unserer  Rätsel  wird 
man  leicht  an  die  Gedichte  des  Tannhäusers  (bei  von  der 
Hagen  MS.  2.  91,  nr.  VIII,  IX  und  92,  nr.  X)  und  Boppes 
(von  der  Hagen  MS.  2,  385,  nr.  VIII)  erinnert,  in  denen  sie 
aufzählen,  was  ihre  Geliebten  von  ihnen  verlangen.  Das  ist 
der  Unterschied,  dass  die  Aufgaben,  die  jenen  unglücklichen 
341     Dichtern  |  gestellt  werden,  absolut  unmöglich    sind,    während 


*)  [Zu  dieser  weiteren   Aufgabe,  seinen  Freund    und  Feind   mit 
sich   zu  luingen,  vgl.  oben  2,  282  und  401   f.] 


51.  Zwei  und  vierzig  alte   Rätsel  und  Fragen.  515 

die  Unlösbarkeit  der  Aufgaben  unserer  Rätsel  nur  schein- 
bar ist. 

Bekannt  sind  auch  Volkslieder,  in  denen  der  Liebhaber 
von  der  Geliebten  allerhand  unmögliche  Leistungen  ver- 
langt, die  diese  zu  erfüllen  verspricht,  wenn  jener  seiner- 
seits wieder  andere  Unmöglichkeiten  vollbringt.  Vgl.  z.  B. 
Unland  1.  14.  Wunderhorn  2,  431.  Simrock,  Deutsche 
Volkslieder  nr.  366.  Müllenhoff,  Sagen.  Märchen  und  Lieder  aus 
Schleswig  u.  s.  w.  S.  473.  Meier,  Schwab.  Volkslieder  nr.  39. 
bitfurth,  Frank.  Volkslieder  2.  nr.  144.  [Erk-Böhme,  Liederhort 
nr.  1090—1094.  Uhland,  Schriften  3,  213  f.  Beauquier,  Chansons 
pop.  en  Franche-Comte  1894,  p.  133.] 

Dass  auch  in  unsern  alten  Rechtsbräuchen  Befehle  und 
Bestimmungen  von  absichtlich  rätselhafter  Schwierigkeit  und 
Unverständlichkeit  vorkommen,  daran  hat  Wackernagel  in 
Haupts  Zs.  3.  26  mit  Verweisung  auf  Grimms  Rechtsalter- 
tümer S.  255.  257  ff.  eriunert.  Ich  gedenke  noch  einer  den 
unmöglichen  Forderungen  bei  den  Minnesängern  gleichenden, 
scherzhaften  Formel,  die  Grimm,  Rechtsaltert.  S.  377  aus 
Carpentier  1,  930  beibringt:  'si  quis  contradicere  conaverit, 
centum  cygnos  uigros  et  totidem  corvos  albos  regi 
|ersolvat\ 

17. 

[l!l.  35a]  Es  sass  ein  junkfrau  in  einem  garten 
und  wolt  ires  bulen  warten, 
do  reit  ein  schöner  Jüngling  für 
und  sprach:  'liebe  junkfrau  lasst  mir 
mein  lankhals  in  euren  rauchars!5 
Do  sprach    sie:    nein   ich,   sanier   der   lieb    herr  sand  Brecht! 
ieh   beschäm  erst  nechten.  het  ich  sein  nechten  nit  bescheren, 
ich  günd  euch  sein  recht  wol.3     Rat.  was  ist  das.         Das  ist 
ein  pferd  und  ein  gart.     Das  pferd  ist  der  lankhals  und  der 
gart  ist  der  rauchars,  den  het  si  gern  et,  sunst  het  sie  im  sein 
wol  gegünt. 

Die  Handschrift  hat  'begündt'. 

Sanier  [d.  i.  sam  mir]  .  .  .  sand  Brecht,  elliptische  Beteuerung:  so 
[wahr]     mir  Sanct  Brecht    [helfe]!    Ich  beschäm,    ich    beschul-    ihn; 

33* 


. 


516  ^ur   Volksdichtung. 

'beschar* für  cbeschor'  ist  die  ältere  richtigere  Form.  N  echten,  eigent- 
lich Dativus  Pluralis  von  'Nacht',  aber  adverbialisch  gebraucht :  in  ver- 
gangener Nacht,  gestern  A.bend,  auch  überhaupt:  gestern. 

Aus  der  Grafschaft  Mark  teilt  Wöste  in  derZeitschr.  für 

deutsche  Mythologie  3, 180,  ur.  5  folgendes  ähnliche  Rätsel  mit  :| 

342  Et  sät  'ne  Frau  op  iärem  Süll  [d.  i.  Schwelle] 

im  kaimede  iären  Krüll  [d.  i.   Haar], 
do  kam  en  Ruiter  hia?r  gerien, 
dai  sach  der  selwen  Frauen  : 
clot  mi  min  Kos  in  dine  Runtstd-kuntsel  dauern' 
Do  sach  de  Frau :  'de  Runtsel-kuntsel  es  geschuoren. 
do  kan  din  Ros  niks  inne  kiioren'  [d.  i.  kosten].  —  Die  Wiese. 

Man  vgl.  auch  das  von  Mone  (Anzeiger  1839,  Sp.  318.  ur.  162) 

aus  einer  Handschr.  des  15.  bis  1(5.  Jahrh.  gegebene  Rätsel: 

Es  ist  lecht  acht  tag, 

da>s  ich  die  meinen  peschar, 

da  paten  mich  die  knaben, 

dass  ich  sie  drein  und  drauss  Hess  faren.   —  Ein  wisen. 

[Wossidlo  1,  273  zu  nr.  6.]  Darauf  dass  man  'bescheren' 
für  'mähen3  [Grimms  Wörterbuch  1,  1563]  braucht,  beruhen 
noch  folgende  Rätsel  über  deu  Bach  und  die  Wiese.  Eins 
aus  dem  Kuhländchen  (Meinert  a.  a.  0.  S.  285)  lautet: 

Du  Kroumme,  du  Lange, 

wu  beist  heint  Xocht  reimgange? 

'Ai,  du  geschoenes  Schof, 

wos  fregstu  dernöch?'  —  Die  ausgetretene   Oder  und  die  Wiese. 

Ein  märkisches  (Wöste  a.  a.  0.  3.  179,  nr.  1): 

Krum-herüm,  bat  wostu  hyr?  [d.  i.  was  willst  du  hier?] 
'Kol-geschuären,  bat  froagstu  darno?'   —  Bach  und  gemähte  Wies! 

Ein  drittes  in  Solinger  Mundart  (Firmenich,  Germaniens  Völker 
stimmen  3,  195) : 

Langschmal,  wo  wott  de  hen  ? 

'Nacktgeschoren,  wat  leet  der  dran  ?'  —  Bach  und  Wiese. 

[Wossidlo  1,  272  zu  nr.  1.  Ferner  Schmitz,  Sitten  des  Eifle 
Volkes  1,  209  nr.  112:  'Krumm  und  grad.  wo  willst  du  hin 
Was  liegt  dir.  geschorner  Kopf,  denn  dran?  Mein  Kopf  ist  mi 
nicht  mehr  geschoren,  als  dir  der  Hintere  zugefroren."  Stöbe* 
Elsässisches  Volksbüchlein  1,  155.]  Endlich  ein  französische 
(Questions  enigmatiques  S.  36): 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und   Fragen.  ."» ]  , 

Tourtue,  bossue  ilis,  que  fais-tu? 

'^ifeu  as-tu  affaire,  tondu?' 

C'est  le  pre  et  la  vigne  qui  Be  mocquent  l'.un  de  l'autre. 

IN. 

[Bl.  36a]  Rat,  was  ist  das:  es  was  ein  minii  iu  einem 
garten  und  do  kotn  zue  ir  ein  gesell,  darnach  kom  die 
ebptesin  und  fraget,  warumb  der  gesell  mit  ir  redet,  du 
sprach  die  nnnn:  des  gesellen  muter  ist  in  meiner  muter  leib 
gelegen,  rat,  was  ist  nun  der  gesell  der  nunnen  gewest?  — 
Sprich  also:  der  gesell  ist  ir  sone  gewesen,  wann  er  ist  in 
ir  nuiter  gelegen,     so  hastu  die  freuntschaft. 

N  unn,  Nonne,  mhd.  nunne.  —  Ebptesin,  Äbtissin,  inhd.  eppetisse.  | 

[Vgl.  Strassburger  Rätselbuch  1876,  nr.  292:  cEin  closter- 
t'iaw  küsst  ein  jungen  gesellen,  darumb  sie  von  iren  obern 
gestrafft  ward:  sie  entschuldigt  sich  sagendt:  Er  ist  mein  ge- 
lipter  fründt,  sein  muter  lag  in  meiner  muter  Ivb.  Nun  ist 
die  frag,  wie  nah  er  ir  verwandt  gewesst  sy.  Antw.  Er  was 
ir  sun.'  Ebenso  Rathbüchlein  1678,  Bl.  C  6  a.]  Ähnlich  ist  34.'3 
das  Rätsel  nr.  316  bei  Simrock:  Ein  Frauenzimmer  hatte 
viel  Umgang  mit  einem  jungen  Menschen.  Man  nahm  ihr 
dies  übel;  sie  aber  sagte:  Ich  gehe  ohne  Verdacht  mit  ihm 
um,  denn  seine  Mutter  war  meiner  Mutter  einzige  Tochter. 
"Wer  war  der  junge  Mensch?     ihr  Sohn. 

19. 

[Bl.  35a]  Rat,  was  ist  das:  siben  die  riten,  sie  riten 
unvermiten,  waren  weder  trauen  noch  man,  sie  riten  weder 
hinter  sich  noch  für  sich  und  komen  dennoch  zue  nacht  zu 
andern  leuten  ine  die  herberg.  —  Sprich  also:  es  waren  siben 
pinkfrauen,  die  riten  mit  einander. 

Unvermiten  ist  mir   nicbt   ganz    klar,   es   scheint   'unablässig'  zn 
bedeuten. 

20. 
[Bl.  33a]     Rat,     was  ist  das:    das  geborn  ass  das  unge- 
boru    hoch    auf   einem    bäum    und    tief   unter     der   erden. 
Sprich  also:  nim  ein  schweinsmuter  und  grab  ein  bäum  auss 
und  thue  die  schweinsmuter,    die  dann  junge  hat   im    bauch, 
oben  auf  den   bäum  und  schneid  sie   dann  auf   und   thue   die 


51 8  Zur  Volksdichtung. 

junge  herauss,  so  ist  das  geborn  das  bistu,  das  ungeborn  das 
sind  die  schweinlein,  der  bäum  ist  ob  der  erden  und  tief 
darunter  sind  die  wurzeln,     also  liastu  dise   saeh. 

Vgl.  d;is  von  v.  Soltau  in  Mones  Anzeiger  1835,  Sp.  76 
aus  Westfalen   mitgeteilte  Rätsel: 

Uncheboane  Quickquack, 

boäwen  im  Böm  do  fit  war 
unner  Er  un  boäwen   Kr: 

rao,  rao,  wat  is  dat? 

d.  h.    Ungeborne    Quickquack,    oben  im  Baum   da   sitzt   was 
unter  der  Erde  und   ob   der  Erde:   rate,    rate,   was   ist   das? 
Auflösung:  Ungeborne  Ferkel,  an  einen  Baum  gehängt. 
Wüste  teilt  in  der  Zeitschr.  für  deutsche  Mythologie  3,    193, 
nr.  81  das  Rätsel  aus  der  Grafschaft  Mark  also  mit: 

En  ungebuoren  Kwik-kwak, 

dat  houge  unner  cne  Aike  sät, 

nit  op  der  Aeren, 

nit  unner  der  Aeren, 

roat  mol,  Hterens,  bat  sal  deriut  waeren? 

Nach  Wüste  ist  die  angeblichem  Lösung:  ein  ungebornes 
Ferkel,  welches  in  einem  Korbe  mit  Erde  an  eine  Eiche  ge- 
hängt war.  |  [Am  Urds-Brunnen  2,  198.  Wossidlo  1,  32-4  zu 
nr.  970.     Oben  1,46:  Baring-Gould  nr.  2.] 

344  Endlich  gehört  hierher  nr.  460  bei  Simrock: 

Hoch  im  Baum  satt  ik, 

ungebueren  att  ik 

ahn  Lepel  [Löffel],  ahn  Fatt : 

rad  mal,  wat  is  dat?  —  Xeugebornes  Kalb. 

Wie  in  diesen  Rätseln  das  aus  Mutterleibe  ausgeschnittene 
Junge  das  Ungeborne  genannt  wird,  so  kommen  auch  in  den 
Sagen  'ungeborne'  Helden  vor.  Dem  Macbeth  z.  B.  wird 
geweissagt,  dass  ihn  nie  eiu  vom  Weibe  Geborner  töten  werde 
und  es  erschlägt  ihn  dann  Macduff.  den  man  aus  dem  Leibe 
seiner  Mutter  hatte  schneiden  müssen.  (Simrock,  Quellen 
des  Shakespeare  3,  278  [=  1872  2,  259.  Zs.  f.  vgl.  Littgesch. 
3,  371].)  So  kann  auch  den  Bulgaren  Tugarin  nur  ein  cnie 
geborener'  überwinden;  das  ist  dann  der  aus  dem  Mutterleibe 
geschnittene    Rogdai  (Fürst  Wladimir  und   dessen  Tafelrunde 


51.  Zwei  und  vierzig-  alte  Rätsel  und  Fragen.  511) 

1819,  S.  21).  [Vgl.  Wossidlo  1,  326  zu  nr.  980;  dazu  oben 
1,  372.  Grimm,  Mythologie  :i  S.  361  f.:  DWB.  4,  1,  1,  1644. 
Unland,  Schriften  8,  398.  Lichtenstein,  Ariz.  f.  d.  Altertum 
4,  423  f.  (Tristan).  Der  bei  Grimm  erwähnte  Gebehardus 
ist  der  Bischof  von  Konstanz  (Acta  Sanct.  zum  27.  August). 
.Zingerle,  Sagen  aus  Tirol  1859,  nr.  592  =  1891,  nr.  813: 
Theophrastus  Paracelsus.  Alph.  Ciaconius,  Vitae  pontificum 
et  cardinalium  1(577  2,  90:  Raynmmlus  Nonnatus,  f  1256. 
Picks  Mtschr.  f.  Gesch.  Westdeutschlands  4,  376.  5,  113. 
Stalin.  Wirtembergische  Geschichte  3,  47  (Eberhard  der  Er- 
lauchte, geb.  1265).  Bruckmann,  Magnalia  Dei  2,  487  (1730). 
Notes  and  Queries  6.  ser.  1,  116.  377.  524.  St.  Georg  in  den 
Seveu  Champions.  Child,  Ballads  1,  420.  423.  Kristensen, 
Jyske  Folkesagn  1,  237  nr.  326  f.  2,  166  nr.  232.  A.  Weber, 
ludische  Studien  15,  254.  219  (Vikramäditya).] 

21. 

[Bl.  34b]  Rat,  was  ist  das:  das  rot  das  hangt,  das 
rauch  das  hangt;  wie  geren  das  rauhe  sehe,  dass  das  lang  in 
im  wer.  —  Das  ist  ein  katz,  die  ein  wurst  vor  ir  sieht  und 
het  die  geren. 

Vgl.  bei  Simrock  nr.  454: 

die  Lange  hanget, 

die  Härige  belanget, 

die  Härige  wött, 

dass  sie  die  Lange  in  ihr  hätt. 

22. 

[Bl.  42b]  Rat,  was  ist  das: 

Es  kamen  drei  vogel   geflogen, 

der  erste  het  kein  zun  gen, 

der  ander  het  kein  hingen, 

und  der  dritte  saugt  seiue  jungen, 
rat  was  vogel   das  sein.     So  sprich  also:  ein  storch  hat  kein 
zungen  und  ein  taub   hat   kein   hingen,   so   saugt  die   fleder- 
maus  ire  jungen. 

Dass  die  Fledermaus  unter  die  Vögel  gerechnet  wird, 
ist  antik,  vgl.  Pliuius,  Hist.  uatur.  10,  61:  vespertilio  sola  vo- 


520  Zur  Volksdichtung. 

liK-ium  lacte  nutrit  ubera  admovens.  Von  der  Taube  wird 
^ «- \v< iliLilioh  hervorgehoben ,  dass  sie  keine  Galle  habe.  vgl. 
W.  Grimms  Freidank  S.  LXXXVI  und  Goldne  Schmiede 
345  S.  XXXVII.  Bezüglich  |  des  Storchs  vgl.  Plinius  10,  23:  sunt 
qui  ciconiis  non  inesse  linguas  confirment.  [Wossidlo 
1,    291.] 

Unser  Rätsel  findet  sich  auch  schwedisch  (Altdeutsche 
Wälder  2,  11):  Welcher  Vogel  hat  keine  Zunge,  welcher  Vogel 
hat  keine  Lunge  und  welcher  Vogel  säugt  seine  Jungen? 
Antwort:  Storch.  Eule  und  Fledermaus.  Der  Eule  als  lungen- 
losem Vogel  begegnen  wir  nur  hier. 

Ich  gebe  nun  die  mir  bekannten  Rätsel,  in  denen  nach 
den  Eigenschaften  gewisser  zusammengestellter  Vögel,  zum 
Teil  der  in  obigem  Rätsel  vorkommenden,  zum  Teil  anderer,, 
gefragt  wird. 

Drei  Vögel  werden  zusammengestellt  im  Tragemundslied 
[Erk-Böhme,  Liederhort  3,  1]  und  in  einem  Rätsel  aus  dem 
Aargau  (Rochholz  in  AYolfs  Zeitschrift  1,  136).  Im  Trage- 
mundslied wird  gefragt: 

wa3  vogel  söiget  sine  junge? 
wa3  vogel  ist  äne  zunge? 
wa3  vogel  ist  äne  raage? 

und  geantwortet: 

der  stork  ist  äne  zunge, 

die  fledermüs  soiget  ire  junge, 

der  swarbe  *)  ist  äne  magen. 

Das  aargauische  Rätsel  lautet: 

's  isch  e  Vogel,  der  het  keis  Bluet, 
en  ander  isch,  de  het  kei  Muet, 
en  dritter  sügt  sis  eiges  Bluet. 

Das   sind   Biene,    Eule    und  Fledermaus.      [Rochholz,    Alem. 
Kinderlied  S.  226  f.] 


*)  Swarbe,  wahrscheinlich  für  scharbe,  Taucher,  vgl.  Altdeutsche 
Wälder  2,  48.  Rochholz  a.  a.  O.  S.  137  übersetzt  swarbe  mit  Mehlkäfer, 
ohne  es  zu  begründen.  [Doch  widerruft  er  S.  345  diesen  Irrtum  und 
fuhrt  eine  interessante  Stelle  aus  Conr.  Gesners  Vogelbuch  1557, 
S.    19    an.] 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen.  521 

[Vier  Vögel  bei  Wossidlo  1,  83  nr.  170  e— k.] 
Fünf  Vögel  bietet  ein  lateinisches  Rätsel  in  anapästischen 
Versen,  welches  Reusner,   Aenigraatographia  (I)  S.  11!'   aus 
Conrad  Gesuers  Schrift  'de  lacte  et  operibus  lactariis5  —  als 
aus  dem  Deutschen  übersetzt  —  anführt.     Es  heisst: 

Avis  est  quaedam  sine  lingua, 
uberibus  alit  altera  pullos, 
tertia  laetitiam  nescit, 
quarta  caret  sanguineo  suceo, 
fructu  vescitur  ultima  trimo. 
Gryphura  solve  et  Phoebus  eris  mihi. 

Gesner  fügt  hinzu:  Sunt  autera  hae  aves  ciconia,  vespertilio, 
noctua,  apis,  et  quae  baccis  juniperi  pascitur,  inde  nominata 
Germanis,  quam  aliqui  turdorum  generi  adnumerant.  |  [Vgl. 
Germania  17,  96  f.     Wossidlo  nr.   170  d.] 

Die  Siebenzahl  finden  wir  im  Spiel  von   dem  Freiheit    346. 
(Keller,  Fastnachtspiele  2,  558).     Da  fragt  der  Frager: 

Sag  mir,  welcher  vogel  hat  kein  kragen 
und  welcher  vogel  hat  kein  magen? 
Sag-,  welcher  vogel  hat  kein  mut 
und  welcher  vogel  hat   kein  plut 
und  welcher  vogel  hat  kein  Zungen  ? 
welcher  vogel  seugt  seine  jungen 
und  welcher  vogel  hat  kein  gallen  ? 
Wie  mag  dir  das  von  mir  gefallen  ? 

Der  Freiheit  antwortet: 

Nu  merk,  der  strauss  hat  kein  magen, 

so  hat  die  muck  kein  kragen, 

so  hat  die'  eul  kein  freud  noch  mut, 

so  hat  die  pin  furwar  kein  plut, 

so  hat  furwar  der  storch  kein  Zungen, 

ein  fledermaus  seuget  ihre  jungen, 

so  hat  die  turteltaub  kein  gallen. 

Wie  tut  dir  hie  mein  kunst  gefallen  ? 

Ebenso  haben  wir  die  Siebenzahl  in  einem  Rätsel,  welches- 
Mone  (Anzeiger  1838,  Sp.  200,  nr.  174)  einem  Buche  aus 
dem  16.  Jahrh.  beigeschrieben  fand: 

Rat,  was  ist  das? 

Es  waren  siben  vogel  gilt, 

der  erst  hat  kain  mut, 


522  Zur  Volksdichtung. 

der  ander  kain  pliir, 
der  dritt  hat  kain  zungen, 
der  viert  sogt  seine  jungen, 
der  fünft  hat  kein  galle, 
der  sechst  ist  über  alle, 
der  sibent  ist  nüntz  dan  drijärig  spis. 
Ratstu  das,  so  bistu  wis. 
iL  im.  storch,  vledennus.  tub.  nachtgall.  reckerde  vogel. 

II  ist  Eule,  im  Biene,  creckerde  vogel'  muss  der  Kramets- 
vogel  sein,  der  Wacholder  (oder  Reckholder,  Rechholder) 
frisst.  [Wossidlo  nr.  170  a— c.  Anders  Uhland,  Volkslieder 
nr.  2,  Str.  3.] 

Es  begegnet  uns  endlich  die  Zehnzahl.  Ein  von 
AVackernagel  aus  dem  Augsburger  Rätselbuche  in  Haupts 
Zeitschr.  3,  30  mitgeteiltes  Rätsel  lautet: 

Rat,  ritter,  zehen  vögel  gilt! 
Der  erst  under  den  hat  kain  müt, 
der  ander  hat  kain  niagen, 
der  drit  mangelt  des  kragen, 
der  viert  hat  kain  zung, 
der  fünft  seugt  sein  jung,  I 
347  dem  sechsten  gebrist  auch  sein  gall, 

der  sibent  singt  über  sie  all, 
der  acht  verkündt  die  künftig  zeit, 
der  neunt  fleugt  vor  all  ander  weit, 
und  der  zehent  ist  so   weis, 
das  er  isst  dreijerige  speis. 

Antw. :  Der  erst  die  türteltaub  nach  abgang  irs  gemagels.  Der  ander 
ein  habich  oder  keutzlein.  Der  drit  ein  bien.  Der  viert  ein  storek. 
Der  fünft  ein  fledermaus.  Der  sechst  ein  eil.  Der  sibent  ein  nachtgal. 
Der  acht  ein  han.  Der  neünt  ein  schwalb.  Der  zehent  ein  kraniet- 
vogel,  isst  wechaltern  [d.  h.  AVacholder]. 

[Strassburger  Rätselbnch  1876,  nr.  95.  Rath-Büchlem 
1678,  Bl.  Bjb.]  Ganz  ebenso  hat  das  Rätsel  Reusner  a.  a.  0. 
S.  1201)   u.  Simrock  nr.  11.     Damit  stimmt  auch  vollkommen 


J)  Reusner  teilt  in  seinem  Buche  nur  noch  ein  Rätsel  in  deutscher 
•Sprache  mit,  nämlich  II,  p.   175: 

Aenigma  sacrum.     Exod.  14. 
Mosis  cum  populo  Ebraeo  per  mare  rubrum  transitus. 
Est  sera  aquis  constans,   reserat  quam  lignea  clavis, 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen.  523 

ein  schwedisches  Rätsel  in  den  Altd.  Wäldern  2,  10  f.,  nur 
dass  da  als  Vogel  ohne  Magen  der  Kibitz  genannt  wird,  und 
das  deutsche  bei  Sutor,  Chaos  latinum,  Kaufbeuern  Ulli, 
S.  78-1  [mitgeteilt  von  Rochholz  a.  a.  0.  S.  137],  nur  dass  als 
kragenloser  Vogel  der  Reiher  (so  auch  im  Volksbuch 
'ßürgerlust1,  Altd.  Wälder  2,  11)  und  statt  der  Fledermaus 
die  Speckmaus  erscheint. 

Stellen  wir  schliesslich  die  in  den  angeführten  Rätseln 
vorkommenden  Vögel  und  ihre  Eigentümlichkeiten  zusammen: 
von  der  Eule  heisst  es  teils,  dass  sie  keinen  Mut  und  Freude, 
teils  dass  sie  keine  Galle  (einmal  Lunge)  habe,  von  der 
Taube,  besonders  der  Turteltaube,  dass  sie  keine  Galle, 
einmal  auch  dass  sie  keine  Lunge,  und  dann  dass  sie  nach 
dem  Tode  des  Gatten  keinen  Mut  habe;  Habicht,  Käuz- 
lein, Kibitz,  Scharbe  und  Strauss  haben  keinen  Magen, 
keinen  Kragen  der  Reiher,  keine  Zunge  der  Storch,  der 
K  r  a  m  e  t  s v o  g  e  1  isst  dreij ähri ge  Speise,  der  Hahn  verkündet 
die  Zukunft,  die  Schwalbe  fliegt  |  am  schnellsten,  die  Nach-  348 
tigall  singt  am  besten.  Ferner  zählen  zu  den  Vögeln 
Fledermaus  (und  Speckmaus),  welche  ihre  Jungen  säugt, 
und  von  Insekten  Biene  und  Mücke.  Letztere  hat  keinen 
Kragen,  von  ersterer  wird  dasselbe,  besonders  aber  ihre  Blut- 
losigkeit hervorgehoben.  Auf  die  einzelnen,  meist  fabelhaften 
Eigenschaften  näher  einzugehen  und  ihren  Ursprung  und  wei- 
tere Verbreitung  zu  verfolgen,  würde  hier  zu  weit  führen. 

23. 

[Bl.  32b]  Rat:  es  sind  drei  vögel  auf  erden.  —  Das 
sind  die  krabantvögel,  antvögel  und  eisvögel. 

Krabantvogel  oder  Krawantvogel  (die  Handschrift  hat 
ja  öfters  b  für  w)  ist  wohl  ein  Schreibfehler  oder  eine  Neben- 


Yenator  capitur,  libera  casse  fera  est. 
Es  ist  ein  Wasserschloss  sehr  gross, 

Welches  ein  hültzern  Schlüssel  auft'schloss, 
Der  Jäger  wurd  darin   gefangen, 
Das  Wild  ist  frey  hindurch  gangen, 
Ygl.  Mones  Anzeiger   1833,  Sp.   239.     1838,  Sp.  48,   nr.  124  und   Sp.  261, 
Jir.  178.     Simrock  nr.  58. 


524  Zur  Volksdichtung. 

form  für  'Kranwetvogel'  d.  i.  Krametsvogel.  Auf  der  vorigen 
Seite  hatten  wir  Krametvogel;  andere  damals  übliche  Formen 
sind  Kronwet-,  Krainwet-,  Krometvogel.  —  Antvogel  ist  die 
zahme  Ente.  Die  Spitze  des  Rätsels  scheint  darin  zu  be- 
stehen, das  nur  diejenigen  Vögel  als  wahre  Vögel  betrachtet 
werden,  deren  Namen  durch  Zusammensetzung  mit  dem  Wort 
'Vogel'  gebildet  ist.  Freilich  hätten  da  noch  andere,  damals 
schon  übliche  Vogelnamen  genannt  werden  können,  z.  B. 
Brachvogel. 

[Vgl.  das  Strassburger  Rätselbuch  1876,  nr.  92:  'Wie  vil 
sindt  vögel  in  vnsern  landen,  das  man  vogel  nent?  Antwort: 
Sechsthalber  vogel;  das  ist  ein  krametsvogel,  ein  halbvogel 
(wirt  vnder  den  kramets  vögell  verkaufft  und  ist  doch  kein 
kramets  vogel),  ein  antfogell,  ein  Eyssvogell,  ein  Broehvogell 
vnd  der  spry  vogell,  der  fleugt  vber  sie  all'.  Ebenso  im 
Rath-ßüchlein  1678,  Bl.  Bjb,  wo  jedoch  der  letzte  Speivogel 
heisst.  —  Somit  bestätigt  sich  meine  Erklärung  des  ganzen 
Rätsels  und  des  Namens  Krabantvogel.  Halb  vogel  ist  ein 
dem  Krammetsvogel  sehr  ähnlicher  Vogel;  s.  Frisch,  1,  400. 
Schindler  2,  177.  Grimm  4.  2,  217.  Speivogel  (wie  Spass- 
vogel  gebildet)  ist  Bezeichnung  eines  spöttischen  Menschen; 
Frisch  2,  299.  In  Caspar  Glanners  Quodlibet  von  der  Vögel 
Namen  (1578.  Hoffmann  v.  F.,  Gesellschaftslieder  1860,  2, 
220)  heisst  es:  Treu  vogel  will  jetzt  seltsam  werden1:  später 
werden  aufgezählt  'Antvogl,  Kramtsvogl,  Eisvogl,  Distelvogl, 
Spottvogl,  Speivogl,  deren  sind  viel  zu  uns  geflogen'. 
Auch  Geizvogel  kommt  vor;  z.  B.  in  folgendem  Buchtitel: 
'Ein  gar  artiges  Geizvögelein  im  Jesuiternest  ausgenommen, 
geropfet  und  also  mutternackend  allen  ufrichtigen  Teutschen 
für  die  äugen  gelegt  durch  J.  Piscatorn.  Musarum  cultorem 
(Kempten   1622). 

Ganz  ähnliche  Anlage  zeigt  nr.  105  des  Strassburger 
Rätselbuches:  'Wie  vill  fisch  in  vnsern  landen  bekant  sein. 
Antw.:  Fünfft  halber:  Stockfisch,  Rheinfisch,  Meyenfisch.  Wall- 
fisch,  vnd  Plateysslein  neuen  etlich  halbfisch.3  Ebenso  im 
Ratli-Büchlein  1678,  Bl.  Byb.  -  -  Blatteisslein  oder  vielmehr 
Platteis,  Platteischen  (lat.  platessa)  ist  ein  Name  der  Scholle,. 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel    und  Fragen.  ,"»25 

Pleuronectes   platessa;   vgl.  Nemnich,   Polyglottenlexicon  der 
Naturgeschichte  4,  1010.     Frisch  2,  62.     Grimm  7,  1909.] 

24. 

[Bl.  3-2h]     Rat,  was  ist  das: 
Es  ist  eiu  figur, 
darauss  wird  ein  creatur, 
das  niesen  die  priester  mit  wein, 
so  thne  ich  und  auch  die  mein, 
ir  meint,  es  sei  Christus  dabei, 
uein,  er  ist  nit  dabei. 
rat,  was  das  sei! 
Das  ist  ein  koppaun. 

Die  Handschrift  hat  hier,  wie  in  nr.  4,  briester. 
Mehr  ausgeführt  ist  das  Hans  Folzsche  Rätsel  über 
den  Kapaun,  welches  Zarncke  in  Haupts  Zeitschr.  8,  541  aus 
der  Valentin  Holischen  Handschrift  bekannt  gemacht  hat. 
Folzens  Rätsel  findet  sich  auch,  was  Zarncke  übersehen  hat, 
aus  einer  Papierhandschrift  des  15.  bis  IG.  Jahrh.  in  Mones 
Anzeiger  1839,  Sp.  317  f.,  nr.  97  u.  98,  jedoch  ohne  den 
letzten  |  Vers,  in  welchem  sich  Hans  Folz  nennt,  und  zer-  349 
rissen,  indem  Mone  den  cAufschlussJ  irrtümlich  für  ein  be- 
sonderes Rätsel  gehalten  haben  muss.  Mit  Benutzung  der 
beiden  nicht  gauz  übereinstimmenden  Texte  gebe  icli  das 
Folzsche  Rätsel  also: 

Es  war  verkündt  in  ainer  figur 
und  wart  darnach  ain  creatur, 
und  umb  besundere  kraft  und  tugent 
wart  es  beschnitten  in  der  jugent, 
5  sein  klaider  wuchsen  mit  im  auf, 
parfuss  was  hie  auf  erd  sein  lauf, 
wart  auch  verraten  und  verkauft, 
und  in  sehn  alter  erst  getauft, 
vergoss  sein  plut  umb  unsern  willen, 
10  dass  wir  uns  unmut  möchten  stillen, 
ist  umb  des  menschen  willen  gestorben 
und  hat  uns  auch  darmit  erworben, 
dass  wir  es  gerne  niessen  mit  wein. 
]\Tun  raten  all  was  das  müg  sein. 


526  Zur  Volksdichtung. 

Der  aufschluss. 

1")  Ains  ais  verkündung  ist  die  nenn, 

beschnitten  lianen  capaunen  icli  nenn, 

Bein  klaid  mit  wächst,   parfuss  er  geet, 

ain  kam,  das  zaichen,  in  verret. 

Das  ührig  reimpt  selbs  als  ir  wist, 
20  dann  ains:   wa  man  capaunen  isst, 

ist  zu  wasser  oder  bier  beger, 

besunder  zu  dem  wein  vil  mer. 

Also  spricht  Hans  Yoltz  barbierer. 

Lesarten,  v.  fügur  Z.  v.  2  und  umbesunde  Z;  und  um  pesunder  M. 
v.  4  ward  auch.  v.  6  feblt  bei  31.  v.  7  er  wart  verr.  v.  10  unsern 
unm.  M.  v.  14  nun  raten  all,  mass  mag  daz  gesein.  v.  16  koppen  M. 
v.  17  es  geet  Z.  v.  18  am  kämpf  das  zeichen  M.  v.  19  selber  M.  v.  20 
koppaun  M.     v.  21   ist  zw  wasser  noch  pier  weger  M.     v.  23  fehlt  bei  31. 

[Ähnlich  lautet  nr.   100  des  Strassburger  Rätselbuches: 

Ein  schöne  figur 

vnd  ein  reyne  creatur 

wart  yn  der  jugent  beschnytten 

vnd  bot  vmb  des  menschen  willen  den  todt  gelyten. 

all  sein  tag  gieng  er  barfuss 

vnd  ist  den  menschen  ein  gute  buss; 

die  leyen  bruchen  es  selten 

vnd  die  priester  teglich  mit  wein. 

Rot,  was  da3  mag   sein! 

Antw.:  Die  figur  ein  ey,  die  creatur  ein  ban ,  wirt  beschnitten  vnd1 
gessen. 

Ebenso  im  Rath-Büchlein  1678,  Bl.  Bijb.  —  Ebd.  Bl.  Bijb 
steht  das  im  Strassburger  Rätselbuche  ur.  104  folgender- 
massen  lautende  Rätsel   vom  Halme: 

Es  lebt  vnd  leüfft, 

ist   vngeteüfft 

vnd  zwey  mol  geborn, 

sein  seil   ist  verlorn, 

vnd  bot  doch  ein  sollichs  haupt, 

daran  die  gantz  weit  glaubt. 

Ebenso  Simrock  nr.  130.  Bei  Rochholz  (Aleman.  Kiuderlied 
S.  228,  nr.  21)  kommen  folgende  Zeilen  vor: 

Er  springt  und   lauft 

und  ist   zwürig  getauft, 

ist  zwürig  gibore, 

und  lief  er  e  Seel,  so  war  er  verlöre. 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel   und  Fragen.  527 

Zs.  f.  d.  Mythol.  4.  401.  Wossidlo  1,  313  zu  nr.  504. 
Willems,   Belg.  Museum  5,  99: 

Merct  ende  siet  dese  figure, 

Si  sprect  van  eenre  creature, 

Die  twee  warf  in  de  werelt  is  comen 

Ende  lijf  ontfienc  te  onser  vromen  etc.] 

Dem  Folzschen  Rätsel  fügt  Zarncke  uoch  eins    von  Hie- 
ronymus    Emser    bei.    welches    sieh    in  cEsopus    leben    und 

Fabeln Darzu  ausszüge  schöner  Fabeln  vnd  exempeln 

Doctors  Sebastianf  (Freiburg  im  B.  1565»)  findet.     Es  lautet: 

Ein  Räters  Hieronymi  Emser s. 
Ein  prophet  zwürend  geboren  wart, 
rot  was  im  sein  krön  und  bart,  | 

noch  tot  geteufet ')  sicherlich  350' 

und  ufgehenket  jämerlich, 
zu  letst  geworfen  in  das  fein- 
den armen  sunderen  zu  steur, 
die  durch  sein  tod  sint  sorgen  frei, 
Nun  rat,  wer  der  prophet  doch  sei. 

Zur  Seite  ein  Holzschnitt  und  die  Bemerkung:  cEs  ist  ein  Hün  oder 
Henn  oder  Han  den  man  brät  und  kochet.' 

Aus  der  ursprünglichen  lateinischen  Dichtung  Emsers  in 
Sapphischen  Strophen  [in  Esopi  appologi  Bl.  Mijb  und]  in 
Reusuers  Aenigmatographia  (II)  p.  IG 7  sei  eine  Strophe 
angeführt : 

Antequam  tandem  moritur,  piatur 
fönte  sacrato  bene  candidatus, 
itque  pro  nobis  miseris  ad  ignem; 
die  mihi,  quis  sit? 

Endlich  vergleichen  wir  noch  ein  Rätsel  über  den  Hahn  von 
Johannes  Laut  erb  ach  (Reusner  p.  214): 

Naturae  solers  produetus  munere  vates, 

mendaci  nunquam  voce  futura  cano. 
Quam  prius  obtueor  solem,  bis  nascor  in  auras, 

nee  baptisma  nisi  post  mea  fata  fero. 
Mortuus  aneipiti  dependet  corpus  obelo, 

coucilians  hominum  gaudia  multa  gregi. 


*)  So  wohl  zu  lesen  statt:   nach  todt  geteuffei. 


7,23  Zur  Volksdichtung. 

Schliesslich  noch  eine  Bemerkung:  wie  in  dem  Rätsel  unserer 
Handschrift  und  in  dem  von  Hans  Folz  die  Geschichte  des 
Kapauns  neckisch  mit  der  Christi  verglichen  wird,  so  ge- 
schieht dies  auch  in  einem  im  Augsburger  Rätselbuche 
stehenden  Rätsel  vom  Weinfasse  (Haupts  Zeitschr.  3,  27). 
[Strassburger  Rätselbuch  1876,  nr.  1.     Vgl.  oben  2.  6751.] 

25. 

[Bl.  35b]  Rat:  wann  fliegen  die  gens  here?  —  Sprich: 
wo  sie  die  schwenz  hinkeren,  do  fliegen  sie  her. 

Vgl.  das  Rätsel  aus  Wertheini  in  Mones  Anzeiger 
1838,  Sp.  264,  nr.  212:  Wo  kommt  der  Storch  her?  Wo 
sein  Schwanz  hinsteht. 

26. 
[Bl.  33a]     Rat,  was   ist   das:   wenn  ein  wirt  vor  vierzig 
jaren  tot  were,   so  ich  sein  haus  ansichtig  würd,    so  will  ich 
351    wissen,  wie  der  wirt  |  geheissen  hat.  —  Das  ist  ein  Schnecken- 
haus :  so  du  das  siehst,  so  weistu  wohl,  dass  ein  schneck  dar- 
innen gewesen  ist. 

[Vgl.  Strassburger  Rätselbuch  1876,  nr.  261:  'Ein  frag, 
so  einer  zu  dem  ersten  mol  gesehen  wirt,  wie  er  zu  erkennen 
vnd  eygentlich  zu  wissen  sey,  was  sein  nam,  auss  was  landt 
er  sey  vnd  wo  sein  hauss  stee.  Antw. :  Wo  man  ein  Schnecken 
sieht,  des  selbigen  lands  ist  er,  sein  hauss  hot  er  vff  dem 
rück,  syn  namen  weisst  er  vngefragt.'  Auch  im  Rath-Büch- 
lein  1678,  Bl.  C  4  b.] 

27. 

[Bl.  33a]  Rat,  was  ist  das:  ich  hab  gesehen  ein  hulzes 
Steinhaus.  —  Das  ist  ein  kämpf,  den  die  mader  tragen,  do 
der  schliffstein  innen  ligt. 

Hulzes,  hölzernes,  nihil,  hülzin,  noch  jetzt  bayrisch  Milzen.  -  -  Der 
Kurupf  ist  ein  Gefäss  von  Holz,  das  der  Mäher  anhängt,  um  den  "Wetz- 
stein darin  zu  netzen  und  zu  verwahren.  (Schmeller  2,  302.  Benecke- 
Müller  1,  911.)  Das  Wort  ist  noch  in  Bayern  üblich,  ebenso  wie  auch 
.Schliffstein,  Schleifstein  (Schmeller  3,  437.) 


51.   Zwei  und   vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen.  529 

28. 

[Bl.  34b]  Rat.  was  ist  das:  es  ist  auf  dem  veld  und 
wechst  iin  holz  und  singt  im  Haus.  —  Das  ist  ein  lauten, 
die  saiten  hat. 

Dies  Rätsel  hat  Mone  in  lateinischer  Fassung  aus  And. 
Gartneri  et  Husemanni  proverb.  dicter.  Cod.  Monac.  0.  27 
[jetzt  Clm.  1280]  (geschrieben  1575)  im  Anzeiger  1839,  Sp.  316, 
nr.   79  mitgeteilt: 

In  silvis  crescens,  in  campis  gramine  vescens, 
in  domibus  eantans,   die  quid  id  esse  putes':1 

Reusner  giebt  in  der  Aenigmatographia  (II)  p.  182  dasselbe 
Rätsel  als  'iueerti  autoris5  also: 

In  silvis  cresco,  in  campis  gramine  vescor, 

in  domibus  resono;  die  mihi:   sum  quis  ego?   l) 

Um  auch  ein  Beispiel  zu  geben,  wie  deutsche  und  französische 
Poeten  im  17.  Jahrb.,  in  welcher  Zeit  die  Dichter  sich  sehr 
gern  in  Rätseln  versuchten,  volkstümliche  Rätsel  in  ihrer  Weise 
behandelten,  lassen  wir  hier  zwei  solche  Bearbeitungen  des 
Rätsels  von  der  Laute  folgen.  Im  'Recueil  des  enigmes  de 
ce  temps.     Troisieme  partie.     Paris   16613,    S.  17   lesen  wir: 

J'ai  toujours  vescu  dans  les  bois 

Sans  avoir  parole  ny  voix,  j 

Et  poui'tant  je  dis  des  merveilles.  352 

La  Parque  m'a  rendu  seavant. 

J'estois  muet  estant  vivant 

Et  mort  je  ravis  les  oreilles. 

Eine  deutsche  Bearbeitung  finden  wir  im  anderen  Teile 
"Herrn  von  Hoffmannswaldau  und  anderer  Deutschen  auser- 
lesener und  bisher  ungedruckter  Gedichte"  (Leipzig  1697), 
I.  336: 


l)    Unmittelbar  vorbei'  hat  Reusner    noch  folgendes  Rätsel   mir   der 
Auflösung  'Lyra': 

Viva  fui  in  silvis:  sum  dura  occisa  securi: 
dum  vixi.  tacui,  mortua  dulce  cano. 
Dasselbe  bat  Mone,    Anzeiger    1838,  Sp.    50,  nr.   151    aus    einer   Genter 
|  Handsclirift  des   17.  Jabrb.,  aber  mit  der  Auflösung  'fistula'  und  mir  der 
j  Lesart  'imilra  cano'.     [Dies  Distichon  kommt  als  Inschrift  auf  bologneser 
Oeigen  des  16.  Jahrhunderts  vor.     Notes  and   Queries  6.  ser.  8.  212.] 

Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  :;1 


530 


Zur  Volksdichtung. 


Weil   ich   in  den  "Wäldern  blieb,  war  ich  todt  und  ohne  Leben, 
konte  damals  keinen  Schall  und  auch  keinen  Klang  nicht  geben, 
itzi  nun   ich  gestorben  bin,   so  kan  ich  durch  süsses  Klingen 
nicht  die  Ohren  nur    allein,    sondern    selbst   die  Herzen    zwingen.    - 

Eine  Geige,   Laute. 

Von  Volksrätseln  führen  wir  aoch  drei  verwandte  an,  zunächst 
eine  aus  Simrocks  Rätselbuch  nr.  108. 

Ist  das  nicht  ein  seltsam  Ding, 

dass  ein  Lamm  im  Holze  äing?  —  Die  Saite. 

Ferner  eins  in  der  Mundart  des  Kuhländchens  (Aleinert  a.  a.  0. 
S.  284): 

Ai'm  "Wald  wechsts, 
ai*m  Feld  waedts  [d.  i.  weidet  es]. 

ai'm  Dorf  kleingts    [d.  i.  im  Dorf  klingts].  —   Die  Geige,    aus- 

Holz  und  Schafdärmen  gefertigt. 

[Wossidlo  1,  311  zu  nr.  441.]  Endlich  ein  litauisches,, 
welches  A.  Schleicher  in  seinen  'Briefen  über  die  Erfolge 
einer  wissenschaftlichen  Reise  nach  Litauen'  S.  7  mitteilt: 

Im  Walde  geboren,  in   der  Stadt  gemacht,    weint  auf  der  Hand.  — 
Die  Geige. 

29. 
[Bl.  36b]     Rat,  was  ist  das: 

Ine  dem  land,  do  ich  do  was, 
du  wechst  weder  lab  noch  gras, 
do  wechst  auch  weder  leib  noch  leben, 
erretstu  das,  so  wril  ich  dir  eineu  bulen  geben. 
Das  ist  ein  Spiegel,  darin  man  sich  ersieht. 

Lab  ist  Laub,  Schmeller  2,  409. 

[Im  Strassburger  Rätselbuche  lautet  nr.  14: 

In  wölehem  land  ich  was, 

do  nit  wachs  laub  oder  grass, 

es  trug  auch  nicht  leib  oder  leben, 

kundt  doch  jedermann  sein  gleich  geben.  — 
Antwort:  Ein  spiegel  der  gibt  allen  dingen  sein  gestalt. 
15.    [Rot.]    Alle  dem,   das  vff  erden  i-t. 

dem  gib  ich  in  kurtzer  frist, 

was  es  begert  noch  seiner  gestalt. 

leben  todt,  klein  gross,  jung  oder  alt, 

vnd  kan  mir  selbs  geben   nit, 

dass  ich   einem  andern  theill  mit. 
Antwort:      Hin   >]>iegell  glas. 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen.  531 

Ebenso  im  Rath-Büchlein  1678,  Bl.  A  4  b.] 

.Mau  vergleiche  das  Rätsel  über  den  Spiegel  von  Joannes 
Lorichius  in  Reusners  Aenigmatographia  (II),  p.  114: 

Die  quibus  in  terris,  quo  niundi  climate  vixi, 
cum  mihi  quae  nunc  est  forma  colorque  fuit. 

Non  illie  valles  poteris  nee  cernere  colles, 
nun  est  arbor  ibi.  gramina  nulla  virent. 

Non  illie  habitant,  qui  possint  ducere  vi  tarn, 
nee   degunt  Ulis  corpora  vera  locis.  | 

Effigies  hominum  simulatas  reddit  et  ora,  353 

quodque  aliis  praebet,  non  dabit  ipsa  sibi. 

Offenbar  hat  Lorichius  das  deutsche  Rätsel  gekannt,  wie  wir 
dies  oben  auch  beim  Rätsel  vom  Reif  sahen. 


30. 

[Bl.  31a]  Rat,  was  ist  das: 

Wöl  her.  wöl  her  unter  mich 
und  ich  oben  über  dich: 
ich  wil  dich  pumperneilen, 
dass  dir  der  bauch  muss  geschwellen.    ■ — 
Das  ist  ein  beck,  der  ein  teig  unter  im  hat. 

Vgl.  zwei  Rätsel  aus  der  Grafschaft  Mark  (Wöste  in  der 

Zeitschr.  für  deutsche  Mythologie  3,  187),  nr.  42  (Reiter  will 

sein  Pferd  füttern): 

Hei  op!  ik  wel  op  diek, 
hewe  wat,  dat  sal  in  diek, 
ik  wel  diek  pimpernellen, 
de  Buk  da  sal  di  swellen. 

nr.  44  ( Bettmachen)  : 

Ik  huffe  di,  ik  puffe  di, 
ik  wel  di  pimpernellen, 
de  Buk  da  sal  di  swellen. 

[Wossidlo  1,  281  zu  nr.  71]. 

31. 
[Blatt  32a]  Rat,  was  ist  das: 
Einer  spannen  lank 
und  füllt  die  hand, 
sticht  die  leut 


34* 


532  Zur  Volksdichtung. 

und  macht  schön  breut, 

die  frauen  haben's  geren. 

die  j ui ik frauen  mügen  sein   auch  nir  enberen.    — 

Das  ist  ein  bürsten,  damit  man  das  har  streit. 

32. 
]B1.  32  a]    Was  ist   das   beste   ane    den  heiligen  ine  der 
kirchen?  —  Das  ist,  dass  sie  ine  die  kirchen  nit  seh — . 

33. 

[Bl.  31b]  Kanstu  erraten,  was  das  beste  ane  dem  tanz 
ist?  —  Das  ist  das  umbkeren.  j 

[Vgl.  Braut,  Narrenschiff,  c.  61:  'Das  best  am  dantzen 
ist,  das  man  j  Nit  yemerdar  dut  für  sich  gan  |  Vnd  ouch  by 
zvt  vmbkeren  kau*.  —  H.  Sachs,  Der  Teufel  sucht  ihm  ein 
Ruhstat  auf  Erden  (Folio  1,  3,  341a  =  3,  530  Keller  = 
Fabeln  ed.  Götze  nr.  147.  1<>7):  'Wie  denn  ein  alt  Sprichwort 
tut  lern,  Das  best  am  dantz  sey  das  umbkhern.5  —  Fischart. 
Geschichtklitterung  1582,  S.  28  ed.  Aisleben  1891:  'Was  ist 
das  best  im  dantzen?  Antw.:  Dass  man  auch  vmbkeret\  — 
Sollte  dabei  nicht  an  das  Umfassen  der  Tänzerin,  die  man 
sonst  nur  an  der  Hand  führte,  gedacht  sein?  Dafür  spricht 
nicht  nur  das  von  Zarncke  (zu  Braut  S.  397  a)  angeführte 
Amberger  Verbot  des  'Umschwingeus',  sondern  auch  die  Be- 
merkung in  Thisabo  Redtschors  Allmodischer  Sitten -Schule 
(Jehna  1680)  S.  314,  man  solle  beim  Tanze  'die  Dahme  nicht 
etwan  nach  grober  Leuthe  Arth  mit  der  lincken  Hand  umb 
den  Leib  fassende  herumb  wenden  helffen.'  Mau  vergleiche 
endlich  die  beiden  'halsenden'  Paare  in  Schäuffeleins  Hochzeits- 
tänzern  (Hirth,  Kulturgeschichtliches  Bilderbuch  1,  nr.  66 
und  71;  dazu  H.  Sachs.  Fabeln  nr.  230,  v.  33.  41)  und  die 
Bauerntänze  bei  Hirth   1.  nr.  303  und  321.] 

354  34. 

[Bl.  33a]  Wes  mag  der  sack  nit  geraten?  —  Sprich 
also:  der  stat,  do  mau  in  hinlegt  oder  henkt,  des  mag  er 
nit  geraten. 

Geraten  ist  'entbehren1. 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen.  533 

[Rath-Büchlein  1(578,  Bl.  Cja:  'Rat,  was  mag  der  Sack  am 
wenigsten  entbehren?     Des  Bodens'.] 

35. 

[Bl.  33a]  Rat :  wo  komen  alle  seek  zue  sainen?  —  Sprich  : 
oben  bei  dem  band  do  komen  sie  zue  sainen. 

Vgl.  Simrock  nr.  151:  Wo  kommen  alle  Säcke  zusammen? 
Antw.:  In  der  Mühle.  Nein,  in  der  Naht.  [Strassburger 
Rätselbuch  nr.  158:  'Bey  den  bentlein\  Rath-Büchlein  1678, 
Bl.   B6a:  'In  der  Mühl.3] 

36. 

[Bl.  36b]  Rat:  welcher  stein  sind  am  meisten  im  wasser?  - 
Das  sind  die,  die  do  nass  sind. 

Vgl.  die  Frage  im  Augsburger  Ratbuch  (Haupts  Zeitschr.  3, 
26):  'Welcher  stein  am  meisten  im  Rein  sein.  Antw.:  Der 
nassen/  [Strassburger  Rätselbuch  nr.  65.  Rath-Büchlein 
1678,  Bl.  A8b.]  Ebenso  bei  Simrock  nr.  176.  Im  Aargau 
fragt  man  nach  Rochholz  a.  a.  0.  S.  166,  nr.  158:  'Wie  sind 
d*  Stei  in  der  Rüss?     Nass.' 


r,rr 

Ol  . 


[Bl.  36b]  Rat:  welchs  holz  stet  am  meisten  im  holz?  — 
So  sprich:    des  krummen  holz  vindestu  am  meisten  im  holz. 

[Schmitz,  Sitten  und  Sagen  des  Eitler  Volkes  1,  211 
nr.  173:  'Welches  Holz  ist  am  meisten  im  Walde?    Rundes0.] 

38. 
[Bl.  36a]    Rat:  was  ist  das  aller  best  hie  auf  ertrich?  — 
Sprich  also:  das  ist  sterben  und  wem. 

39. 
[Bl.  33b]   Rat:    ich  weiss,   wo  du  hingehörst  und  wo  du 
dein  wesen  hast.  -  -  Sprich  also:  ich  gehör  ine  die  oren  und 
mein  wesen  hab  ich  hie  auf  ertrich. 

40. 
[Bl.  35b]   Rat:  wie  wolstu  den  aller  obersten  und  reichsten 
konig  hie  auf  ertrich  schetzen?  Sprich  also:  so  wolt  ich 

in  schetzen  um  xxviiij  pfennig  und  nit  anders. 


534  Zur  Volksdichtung 


->■ 


Im  Spiel    cvon   einem  Keiser  und    eim  Apt'  (Fastnacht- 
spiele 1,  199  ff.1)  stellt  der  Kaiser  die  Frage  (S.  201,  24):   | 

355  'was  ein  keiser  wert  wer, 

was  man  solt  für  in  zalen  angever.' 

Als  später  der  als  Abt  verkleidete  Müller  vor  dem  Kaiser  die 
Frage  beantworten  will,  fragt  er  den  Kaiser  erst  (S.  208,  12): 

Herr,  gilt  der  grosch  heur  als  fert?    [d.  h.   dieses  Jahr  so- 
viel als  voriges?] 
Der  Keiser  dicit : 
Herr  apt,  er  gilt  der  pfennig  siben. 

Der  neu  apt: 
Ich  find  in  meinen  puchern  gesehriben, 
dass  eur  genade  gult  vier  groschen. 

Der  keiser: 
Maint  ir,  wir  sein  als  gar  erloschen 
oder  wir  sein  auss  taig  gemacht? 

Der  neu  apt: 
Genediger  keiser,  habt  selbs  acht ! 
Christus,  der  ward  umb  dreissig  geben, 
ir  gelt  kaum  acht  und  zwainzig  darneben. 

In  einem  Schwank  in  Bruder  Johannes  Paulis  Schimpf  und 
Ernste.  55  (AV. Wackernagels  Deutsches  Lesebuch  3,  1.  S.  75  f.) 
wird  ein  Abt  von  einem  Junker  gefragt,  was  er  von  ihm  halte. 
und  antwortet:  'Junker,  ich  schetze  euch  für  xxviii  Pfenning. 
Der  Junker  fragt:  Nit  besser.  Der  Apt  sagt:  Nein.  Der 
Junker  sagt:  Warumb?  Der  Apt  sagt:  Darumb.  Christus 
ward  für  xxx  Pfenning  geben,  so  achte  ich  den  keiser  für 
xxix  Pfenning  und  euch  für  xxviii  Pfenning". 

Jedermann  wird  sich  auch  des  Rätsels  aus  Bürgers  'Kaiser 
und  Abf  erinnern,  welches  Gedicht  bekanntlich  eine  Bearbeitung 
■der  englischen  Ballade  von  King  John  und  dem  Abt  von 
Canterbury  bei  Percy  2,  305  ff.  (neue  Londoner  Ausg.  1845, 
S.  167)  ist.     Da  heisst  es: 

And  first,  quo'  the  king,  when  l'm  in  this  stead, 
with  my  crowne  of  golde  so  faire  on  my  head, 
among  all  my  liege-men  so  noble  of  birthe, 
thou  must  teil  ine  to  one  penny  what   I  am  worthe. 


')  Nachweisungen  des  weiteren  Vorkommens  der  Geschichte  S.  1490  f. 
[Oben   1,  267.  492—494.    Wossidlo  1,  327  zu  nr.  987.] 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel   und   Fragen.  535 

Der  falsche  Abt  antwortet  später: 

For  thirty  pennies  our  Salvour  was  sold, 
aniong  the  false  Jewes,  as  I  have  bin  told, 
and  twenty-nine  is  the   worth  of  thee, 
for  1  thinke,  thou  art  one  penny   worser  than  he. 

In  den  erwähnten  'Questions  enigmatiques'  S.  21  endlich  lesen 
wir  :  T'ombien  vaut  le  meilleur  homme  du  monde?  11  ne  vaut  | 
pas  plus  de  XXIX.  deniers,  car  nostre  Seigneur  ne  fut  vendu    356 
<|iie  XXX.  ie  m'asseure  qu'il  vaut  bien  un  denier  d'avantage.' 

41. 

[Bl.  34a]  Wenn  du  an  einer  zech  werst  und  weren  do 
frauen,  junkfrauen  und  man,  und  netten  zwelf  pfennig  zue 
gelten,  und  ein  man  solt  geben  zwen  pfennig  und  zwu  junk- 
frau  ein  haller  und  ein  frau  ein  haller,  so  leg  sie  also  au: 
nim  v  man,  dass  einer  geb  zwen  pfennig,  und  nim  sechs 
junkfrauen.  das  macht  drei  haller,  und  nim  ein  frauen,  das 
ist  ein  haller,    also   hastu  zwelf  pfennig  und  zwelf  person. 

Gelten,  bezalen. 

Ein  ähnliches  lateinisches  Rätsel  cde  convivis"  in  Mones 
Anzeiger  1838,  Sp.  46,  nr.  108. 

42. 

[Bl.  31b]  Was  wolstu  kaufen  umb  ein  pfennig.  dass  du 
weder  gewinn  noch  verlust  liest?  —  So  wolt  ich  kaufen 
zwen  haller.  I 


[Da  die  oben  S.  502  ausgesprochenen  Bedenken  gegen 
die  Mitteilung  der  übrigen  Rätsel  zunächst  nur  für  die  auf 
eine  grössere  Leserschar  berechnete  Zeitschrift  Geltung  hatten, 
glaubt  der  Herausgeber  dem  engeren  Kreise  der  Forscher 
auch  die  von  Köhler  übergangenen  derben  Proben  alter  Rätsel- 
dichtung vorlegen  zu  dürfen.  Beiseitgelassen  sind  nur  vier 
Stücke  auf  Bl.  39b— 40b,  die  nicht  eigentliche  Rätsel,  sondern 
abenteuerlich  ersonnene  Aufgaben   unflätigster  Art   darstellen. 


53ß  Zur  Volksdichtung. 

43. 

[Bl.  31a]  Rat,  was  ist  das:    Es    ist   hol    vnd  hecht  gen  tal  vnd  ist 
rauch  vnd  get    den    mayden    zwischen    paynen     ine  pauch.  Das  ist 

ein  hasel  nuss.  — Vgl.  Wossidlo  1,  309. 

44. 
[Bl.  31a]      Am  ruck  lag  ich, 

(Juter  ding  pflag  ich, 
Do  ward  mir  eingehanngen 
Ein  dicker  vnd  ein  lannger. 
Dennoch  belaib  mir  vber 
Ein  gross  gschluder. 
Rat,  was  ist  das  ?  — 
Das  ist,  wen  eine  ein  kyndt  sewgt. 

45. 
[Bl.  31b]      Rat,  was  ist  das: 

Junckfrauen  [ir]  süllen  züchtig  sein, 
Nempt  in  hannd  vnd  weysst  in  hin  ein 
Vnd  latt  eu  erparmen 
Den  blinten  vnd  den  armen!  — 
Das  ysst  ein  löffel,  damit  man  ysst. 

46. 
[Bl.  33b]      Rat,  was  ist  das : 

Mein  muter  hat  ein  schwartzen  fleck 
Vnd  mein  vater  ain  zwitzerzweck ; 
Do  stiess  mein  vater  sein  zwitzerzweck 
Ine  meiner  muter  schwartzenn  fleck.   — 

Das  ist  ein  pfann  vnnd  ein  loffel. 

47. 
[Bl.  33b]    Rat,   was  ist  das:  Visifass,  lecks  har  aus  dem  ars,  lecks- 
aus  der  krynnen,  dennoch  beleibt  visifas.  —  Das  ist  ein  rockenn,  daran 
man  spynnt. 

48. 
[Bl.  33b]     Rat,  was  ist  das:    Bey  meinen    weyssen  paynnen  do  stet 
ein   spützgen,    ist    hager    vnd    mager    vnd    mit    har  wol  beladenn ;    vnd 
was    daraus  rindt,    das    hab  dir.  Das    ist    ein   rockenn,    daran    man 

spint.  —  Vgl.  Wossidlo  1,  nr.  65 — 67. 

49. 
[Bl.  35a]      Rat,  was  ist  das : 

Es  scheint  der  mon, 

Die  hoden  klopften  an, 

Reysst  der  f —   der  part, 

Hub  sich  der  man  auff  die  herfarr.  — 


51.  Zwei  und  vierzig  alte  Rätsel  und  Fragen. 


537 


l>a-   ir-r  ein  nn'ill.     Wenn    mell  reysst,    so  scheint  der  mon  vnd  die 

gloek  rüfft  dem  kneeht.  Reysst  der  f —  der  part,  das  ist  das  körn,    das 

durch  hin  reysst. 

50. 

[Bl.  36a]      Rat,   was  ist  das: 

Meine  gelider  in  ire  gelider 

Genappetten  mit  dem  ars  auff  vnd  nyder. 

Thüt  ir  das  mit   synnen, 

So  beleibt  er  dynnen.  — 
Das  ist  ein  haber,     den  man  schwingt    in    einer  wannen.      Schwingt    er 
in   recht,  so  beleibt  er  dynnen. 

51. 
[Bl.  40a]     Nun   rat:    dein    gelt   vmb  dich,    mein   flachs    ein    spann 
lannck  in  dich,  vnd   rür  den  ars  vnd  lass    ein  hin  gien.    —   Das  ist  ein 
schwe,  den  man  einem  ane  legt. 

52. 
[Bl.  40a]      Nun    rat:  Ich  kan  dir  nit  gesagenn, 

Es  haben  mir  zwen  vor  dem  ars  wagen, 

Des  dritten  sach  ich  ni[ch]t. 

Er  het  den  kopff  hinein  gericht.  — 

Das  ist  ein  ganns  oder  ein  ennten,  die  auf  dem  wasser  schwimbt. 


53. 


[Bl.  46a]     Still  geschwigenn, 
Darauff  gestigenn, 
Nichts  gesprochenn, 
Woll  zue  gestochenn, 
Die  knye  gepogenn, 
Hart  zue  geschobenn. 


Aderlassen. 


54. 
[Bl.  31b]     Rat,  was  ist  das: 
Kny  pogen, 

Vnd  hinein  geschobenn, 
A  — loch  pleckt 
Vnd  dynnenn  gesteckt.  — 
I-t  das,    wenn    einer    auff  einem    seh — hawss  sitzt;  so  peügt  er  die  kny 
vnd  steckt  im  der  treck  im  a — loch.     Das  vsst  war. 


oo. 


[Bl.  45b]     Lieber  herr,  es  ligt  mir  so  vorder  vnden  im  hawss, 
Mir  kluckts  ein  hünlein  mit  seinem  schnabel  heraus. 
Rat,  was  ist  das?  —  Das  ist  ein  zeitiger  [sch]aiss,  die  die  junckfrauen 
vber  die  zeit  tragen. 


:,:;s 


Zur  Volksdichtung. 


56. 
[Bl.  31a]  "YVolstu,  das  dw  so  starck  werst,  das  dich  nymant  liabenn 
kundt,  oder  wolstu  so  lieb  sein,  dass  dich  yederman  haben  wolt? — Wolstu 
sein  der   stercks,  so  werstu  mein  treck;  wolstu  dan   der  liebst    sein,   so 
werstu  ein  seh — bawss. 

57. 
[Bl.   31b]  Reüm  zuesanimen  ein  fellerstock  [1.  felberstock],  ein  pferd 
vnd    ein   pauren!  —  Sprich  also: 

Der  feilerstock  ist  faull, 

Vnd  das  pferd  ist  ein  gaull, 

\  nd  der  pauer  seh —  dir  ine  dein  gros  niaull. 

58. 
[Bl.  31b]     Reüm  zuesanimen   ein  junckfraue,  ein   paum  vnd   zway 
.ayer!  — 

Die  junckfrau  heyss  An, 
Vnd  der  paum  ist  ein  tann. 

Schlach  der  junekfraw  zway  ayer  in  a —  vnd  leck  dan  die 
pfannen! 

59. 
[Bl.  36a]     Was  ist  das  aller  peste  ane  der  v  .  .  .  ?  —  Das  ist  der 
lust,    den   einer  darzu  hat.      Etlich  sprechenn,    das  sey  das  beste,    da? 
;sie  kain  zan  hab. 

60. 
[Bl.  31a]     Vier  dingk  sind,  da  nymer  kain  nutz  von  kompt: 
Zum  ersten,  wer  salz  aus  sehet, 
Das  annder,  wer  kyssling  stain  meet, 
Des  [!]  drytt,  wer  einem  blintenn  wankt. 
Das  viert,  wer  aus  lerenn  krawsenn  trinckt. 
Das  ist  eigentlich  eine  Priamel.] 


52.  Zu  Zs.  20, 250  (Rätsel  Reinmars  von  Zweier). 

(Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  21,  143  f.   1S77.) 

Das  nach  Wilmanns  20,  250  Anm.  zuerst    von    Dietrich 

(Zs.   11,  458)  geratene  Rätsel  Reinmars  (Str.  224)  ist  bereits 

von  Haupt  in  der  Anmerkung  zu  Engelhard  v.  284  cauf  den 

•Gedanken  gedeutet1  worden  [Reinmar  von  Zweter  hsg.  von 

Roethe  1887,  nr.  220:  S.  251.  623]. 


52.  Rätsel  Reinmars  von  Zweter.  539 

Zu  Reinmars  Rätseln  vom  Jahr,  welches  in  denselben 
mit  einem  Wagen  verglichen  wird  [Roethe  nr.  1861,  dazu 
S.  676;  Wünsche,  Zs.  f.  vgl.  Littgesch.  9,  427;  auch  Wossidlo 
1,  nr.  35 — 3G],  erinnere  ich  an  die  in  einem  Lügenmärchen 
(Zs.  2,  562)  vorkommende  Stelle  von  einem  auf  den  Wolken 
dahin  fahrenden  Schlitten  mit  sieben  darauf  sitzenden  Frauen 
und  zwölf  nebenher  laufenden,  Posaunen  blasenden  Garzünen, 
wozu  der  Herausgeber  W.  Wackernagel  wohl  mit  Recht  bemerkt: 
ein  Rätsel  über  Jahr,  Monate,  Wochentage  (vgl.  Reinmar  v. 
Zweter,  vdH.  2,  211a)  wird  hier  als   Lüge   missverstanden.' 

Zu   Reinmars  Spruch    104    von    dem    Hahn,    der    zwölf 
Hennen  meistert  [Roethe  nr.   104;  S.  231.  597],  ist  die  Stelle 
in  der  Disciplina  clericalis  verglichen:  |  'tili,  ne  sit  gallus  for-    144 
tior  te,  qui  decem  uxores  suas  justificat,  tu  autem  solam  non 
potes  castigare.5     Näher  liegt  aber  Freidank  145,  11: 

So  stolzen  muot  nie  man  getruoe, 
ern  hete  an  einem  wibe  gnuoe: 
so  wilz  der  hane  bezzer  han, 
dem  aint  zweit*  hennen  undertan. 
daz  er  der  zweifer  meister  ist, 
daz  gät  vür  Salomönes  list. 

Dazu  führt  W.  Grimm  S.  LXXX11,  unter  Verweisung  auf 
J.  Grimms  Reinhart  Fuchs  S.  CCXXXYII,  die  Stelle  der  Dis- 
ciplina clericalis,  Reinardus  3,  936 — 38  und  Reinmars  Spruch 
an.  letztern  mit  folgenden  Worten:  ceine  Anspielung  Reinmars 
von  Zweter  (MS  2,  129b)  könnte  sich  auf  Freidanks  Werk 
gründen,  da  er  gleichfalls  die  Ausdrücke  Meisterschaft  und 
Meistern  gebraucht."  Es  gehören  aber  auch  hierher  diejenigen 
Fassungen  des  Märchens  von  dem  der  Tiersprache  im  ge- 
heimen kundigen  Mann,  dem  seine  Frau  sein  Geheimnis  ab- 
trotzenwill, in  denen  der  Haushahn  sich  über  seinen  Herrn  lustig 
macht,  da  dieser  nur  eine  Frau  habe  und  sie  nicht  meistern 
könne,  während  er  seine  vielen  Frauen1)  in  strenger  Zucht  halte. 

*)  Es  sind  zehn  in  der  Erzählung  in  'Prinz  und  Derwisch'  des 
spanischen  Juden  Ibn-Chisdai  (S.  25S  der  zweiten  Auflage  der  Über- 
setzung von  VV.  A.  Meisel,  Pest  1860,  auch  bei  M.  Steinschneider, 
31amia  S.  75)  und  in  dem  von  K.  Hofmann  bekannt  gemachten  kata- 
lanischen Tierepos  von  Kamon  Lull  (Abhandlungen  der  philos.-philol. 
Klasse  der  K.  Bayr.  Akademie  der  Wissenschaften  12,  3,  207),  fünfzig 


540  Zur  Volksdichtung. 

53.  Weinende  Augen  haben  süssen  Mund, 

(Germania  18,  113—114.  1873.) 

Im  Parzival  272,   11  lesen  wir: 

ouch  ist  genuogcn  liuten  kunt: 
weinde  ougen  haut  süezen  munt 

und  im  Lohengrin  384,  1 : 

nü  ist  genuogcn  liuten  kunt, 

das  die  nazzen  ougen  habent  suezen  munt.  | 

114  An  beiden  Stellen  ergiebt  der  Zusammenhang,   dass  das 

Sprichwort  bedeuten  soll:  Die  Thränen  eines  Weibes  machen 
ihren  Mund,  d.  h.  ihren  Knss,  um  so  süsser.  Das  Sprich- 
wort kommt  aber  noch  an  einer  dritten,  bisher  nicht  be- 
achteten Stelle1)  vor,  und  zwar  in  anderem  Sinne.  In  Ulrich 
Fütterers  bayrischer  Chronik  (bei  J.  Christ.  Freih.  von  Aretin, 
Alteste  Sage  über  die  Geburt  und  Jugend  Karls  des  Grossen. 
München  1803,  S.  110)  heisst  es: 

cAls  diese  schöne  und  adeliche  Jungfrau  mit  bitteren 
Zälicrvergiessen  die  zwen  so  gar  erbärmlich  anrief,  so  dass 
ihr  Gebärd  und  Bitten  durch  ein  steinern  Herz  möchte  ge- 
drungen haben,  da  wurden  sie  beide  mit  ihr  betrübt  und 
erseufzten:  wann  es  ist  wol  ein  wahres  Wort,  das  man  spricht, 
dass  reiner  Frauen  nasse  Augen  haben  zukkersüssen  Mund.' 

Hier  ist  also  der  Sinn :  Die  Thränen  einer  reinen  Frau 
machen  ihren  Mund,  d.  h.  ihre  Rede,  um  so  süsser. 

Weimar,  Juni  1872. 


in  der  Erzählung  im  Eingang  der  1001  Nacht  und  in  einem  finnischen 
Volksmärchen  (deutsch  im  Magazin  für  die  Litteratur  des  Auslandes 
1858,  S.  108,  und  bei  Asbjörnsen  und  Grässe,  Nord  und  Süd,  S.  159, 
französisch  bei  E.  Beauvois,  Contes  populaires  de  la  Norvege,  de  la 
Finlande  et  de  la  Bourgogne,  S.  178),  siebzig  bei  S.  Urundtvig,  Gamle 
danske  minder  2,  117  (das  Märchen  ist  unvollständig  erbalten), 
hundert  bei  Morlini,  IS'ovellae  nr.  71,  Straparola,  Notti  12.  3  und  bei 
YYuk  Sti'phanowitsch  Karadschitsch,  Volksmärchen  der  Serben  nr.  3; 
vgl.  auch  G.  Pitre,  Fiabe,  novelle  e  racconti  popolari  siciliani  nr.  282, 
wo  die  Zahl  der  Hennen  nicht  angegeben  ist.     [Oben  2,  610  f.] 

2)  Die  beiden  vorgenannten   Stellen  hat  .1.  V.  Zingerle,  Die  deutschen 
Sprichwörter  im  Mittelalter,  S.   15. 


55.   X  für  U.  541 

54.  Jammer  lernt  Weinen. 

(Germania  29,  408.   1884.) 

In  Friedrieh  Pfaffs  Ausgabe  des  Prosaromans  von  Trist- 
rant  und  Isalde  heisst  es  S.  99:  '.  .  .  wann  es  ist  ein  gmeins 
Sprichwort:   Yamer  lernt  weinen*. 

Zu  dieser  Stelle  bemerkt  Xanthippns  in  der  'vierten 
Hampfel'  seiner  'Spreu'  (München  1883),  S.  20:  'Was  ist  hier 
Yamer?  Nichts  anderes  als  Amor.  Freilich  hat  der  Schreiber 
den  Gott  nicht  genannt  und  wohl  bloss  au  Liebeskummer 
gedacht',  u.  s.  w. 

Hätte  doch  Xanthippns,  ehe  er  diese  Bemerkung  ver- 
öffentlichte, erst  in  Wanders  Deutschem  Sprichwörter-Lexikon 
unter  Mammer3  nachgeschlagen!  Da  würde  er  gefunden 
haben,  dass  in  des  Eucharius  Eyering  'Proverbiorum  Copia" 
zweimal  (1,  Eiszleben  1601,  S.  491,  und  III,  Eiszleben  1604, 
S.  51)  das  Sprichwort  'Jammer  lehrt  weinen,  Hunger  lehrt 
essen"  vorkommt.  Dadurch,  denke  ich,  ist  erwiesen,  dass 
das  'gemeine  Sprichwort",  welches  im  Tristrant"  angeführt  ist, 
wirklich  gelautet  hat  'Jammer  lernt  weinen',  keineswegs  aber 
'Amor  lernt  weinen". 

Noch  sei  bemerkt,  dass,  wenn  auch  in  Simrocks 
'Deutschen  Sprichwörtern"  (Die  deutschen  Volksbücher,  Bd.  5), 
nr.  11486  a  'Jammer  lernt  weinen"  sich  findet,  Simrock  dies 
Sprichwort  aller  Wahrscheinlichkeit  nur  obiger  Stelle  des 
Prosaromans  von  Tristrant  und  Isalde,  den  er  ja  selbst  im 
4.  Band  seiner  'Volksbücher"  neu  herausgegeben  hat,  verdankt 
haben  wird. 

Weimar,  März  1884. 


55.  X  für  U. 

(Germania  20,   383.    1875.) 

Zu  F.  Latendorfs  Anfrage  oben  "20,  8  verweise  ich  auf 
eine  Stelle  in  dem  1435  verfassten  Namenbuch  von  Konrad 
Dankrotsheim    (A.    W.    Strobel,    Beiträge    zur    deutschen 


542  Zur  Volksdichtung. 

Literatur  und  Literärgeschichte,  Paris  uud  Strassburg  1827. 
S.   124  [=  v.  435  ed.  Pickel  1878]: 

do  mache  ein  ickis  für  ein  v  [:  su]  — 

and  auf  eine  in  Nikodemus  Frischlins  [oder  vielmehr 
Andreas  Schönwaldts]  St.  I  hristoffel  (Frischlins  Deutsche 
Dichtungen.  Hsg.  von  D.  F.  Strauss  —  Bibliothek  des  litte- 
i arischen  Vereins  in  Stuttgart,  XLI  (1857)  —  S.  184;: 

Schreibs  alles  seinem  Herren  zu 
Oft  zwey  x  für  ein  einigs  v. 

Weimar,  Juni  1875. 


56.  Ein  Engel  flog  durchs  Zimmer. 

(Germania  10,  2-45  f.  1865.) 
Giebt  es  für  diese  bekannte  Redensart  ältere  Belege? 
[Büsching,  Volkssagen  1812,  S.  396.]  Im  Grimmschen  Wörter- 
buch fehlt  sie,  und  demnach  haben  den  Verfassern  keine 
Beispiele  für  dieselbe  vorgelegen,  und  sie  haben  so  sie 
anzuführen  vergessen.  Dass  sie  ihnen  bekannt  war,  wäre 
jedenfalls  anzunehmen,  auch  wenn  nicht  Jacob  Grimm  sie 
anderwärts  erwähnt  hätte.  Er  sagt  nämlich  gelegentlich  in 
einem  Aufsatz  über  das  finnische  Epos  (Höfers  Zeitschrift 
für  die  Wissenschaft  der  Sprache  1,  55  [=  Kleinere  Schriften 
2,  111]):  AVenn  plötzlich  unter  versammelten  Menschen  Stille 
entsteht,  heisst  es:  ein  Engel  ist  hindurch  gegaugen,  ein  Engel 
flog  hindurch,  sein  hehres  Erscheinen  hat  den  weltlichen 
Lärm  geschwichtigt.  Die  Griechen  sagten  lEQfxfjg  EJieiorjX'&e* *•) 
Auch  Sauders  weiss  nur  zwei  Belege  aus  Schriftstellern 
unseres  Jahrhunderts  beizubringen.2) 


1)  Zu  dieser  griechischen  Redensart  hat  bereits  Franz  Passow  in 
seinem  griechischen  Wörterbuche  bemerkt:  unser  'ein  Engel  flog  durchs 
Zimmer'.     [Sakellarios,  Kypriaka  3,  223:  uyys/.oGy.tä^co.] 

2)  Mörike,  Maler  Holten  (Stuttgart  1S32)  S.  244:  lsts  nicht  ein 
artig  Sprichwort,  wenn  man  bei  der  eingetretenen  Pause  eines  lange 
gemütlich  furtgesetzten  Gespräches  zu  sagen  pflegt:  es  geht    ein   Engel 


57.  Zum  zweiten  Merseburger  Zauberspruch.  ,")4;; 

Aus  den  Werken  Fernan  Caballeros  sehe  ich,  das  die 
Redensart  auch  in  Spanien  geläufig  ist.  In  den  Vuentos 
y  poesias  populäres  andaluces'  dieser  Schriftstellerin  lesen 
wir  (S.  41  der  Leipziger  Ausgabe):  'Sabemos  que  cuaudo 
varias  personas  reunidas  callan,  no  es,  porque  vaya  el  coche 
sobre  arena,  como  dicen  las  personas  eultas,  |  sino  porque  2ia- 
ha  pasado  sobre  ellas  im  angel,  infundiendo  al  aire  que 
mueven  sus  alas.  el  silencio  del  respeto  ä  sus  almas,  sin  que 
defina  la  causa  su  comprension'.  Und  in  der  Novelle  'La 
familia  de  Alvareda1  (Madrid  1856)  S.  49:  cDicen  cuando 
todos  callan  ä  la  vez,  que  im  ängel  ha  volado  sobre  noso- 
tros  y  el  aire  de  sus  alas  nos  ha  infundido  el  respeto  del 
silencio'.  Und  in  der  Novelle  cUn  verano  en  Bornos'  (Madrid 
185cSi  S.  131:  cAcaso  habrä,  segun  la  poetica  creencia  reli- 
giosa  del  pueblo,  pasado  volando  un  ängel  entre  nosotros, 
causando  el  aire  de  sus  alas  el  silencio,  esa  incontestable 
senal  de  respeto". 

Weimar,  Februar  1865. 


57.  Zum  zweiten  Merseburger  Zauberspruch. 

(Germania  8,  62—63.     1863.) 

In  der  zweiten  Ausgabe  der  Deutschen  Mythologie 
S.  1181  ff.  sind  norwegische,  schwedische  und  schottische 
Beschwörungen  mitgeteilt,  die  offenbar  Fortpflanzungen  jener 
heidnischen  sind.  Die  schottische  Formel  hatte  J.  Grimm 
aus  Chambers,  Fireside  stories  (Edinburgh  1842)  S.  37  ent- 
nommen. 

In  der  neuesten  Ausgabe  dieses  Werkes  (Populär  rhymes 
of  Scotland.  Third  edition,  with  additious.  Edinburgh  1847, 
S.   129)  findet  sich  noch  eine  zweite  schottische  Formel: 


durch  die  Stube?  —  Immermann,  Müncbhausen  (Düsseldorf  1830)1,  71: 

Der  Mythus  sagt,  in  solchen  Zeiten  fliege  ein  Engel  durch  das  Zimmer, 
aber  nach  der  Länge  derartiger  Pausen  zu  urteilen,  müssen  zuweilen 
auch  Engel  diese  Flugübungen  anstellen,  deren  Gefieder  aus  der  Übung 
gekommen  ist. 


54-1:  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Our  Lord  rade, 
His  foal's  t'iMit  slade; 
Down  he  lighted, 
His  foal's  foot  righted 
Hone  to  bone, 
Sinew  to  sinew, 
Ho  Blood  to  blood, 

Flesh  to  flesh. 
Heal  in  name  of  the  Father,  Son  and  Holy  Ghost. 

Eine  dritte  schottische  Formel  'employed  for  relief  of 
the  distempered  or  bewitched'  finde  ich  in  dem,  wie  es  scheint, 
wenig  bekannten,  aber  sehr  reichhaltigen  Werke  Dalyells: 
The  darker  superstitions  of  Scotland  (Edinburgh  1834)  S.  27: 

Our  Lord  to  hunting  red, 

His  soll  soot  sied, 

Doun  he  lighted, 

His  soll  soot  righted, 

Blöd  to  blöd, 

Shenew  to  shenew. 
To  the  other  sent  in  God's  name, 
In  name  of  the  Father,  Son  and  Holy  Ghost. 

(St.  Cuthberts  Kirk  Session  Register  9.  Nov.  1643.  Mar- 
garet Fischar  in  Weardie,  vol.  1595 — 1643  in  MS.) 

Dalyell  vermutet,  csoll  sootJ  bedeute  Steigbügel;  wahr- 
scheinlicher ist,  dass  es  verschrieben  oder  falsch  gelesen  ist 
für  cfoll  foot".  In  diesen  beiden  schottischen  Formeln  haben 
wir  nun  auch  das  cbluot  zi  bluoda'  des  Merseburger  Spruches. 
In  der  dritten  bemerke  man  besonders:  cOur  Lord  to  hunting 
red5.  —  [Müllenhoff-Scherer,  Denkmäler2  S.  277.  Zs.  f.  d.  Alt. 
21,  211.] 

Weimar,  August  1862. 


58.  Segensprüche. 

(Germania  13,  178—188.     1868.) 

1.  Ein  Segen  gegen  Zahnschmerzen. 

Aus  einer  italienischen  Handschrift  des  14.  Jahrhunderts 
in    der  Corsinischen  Bibliothek   in  Rom    hat  Girolanio   Amati 


58.  Segensprüche.  545 

in  seinem  Büchlein  cUbbie  Ciancioni  e  Ciarpe  delsecoloXIY 
{Bologna   1866)    S.    43 l)    folgenden    lateinischen    Segen    mit- 
geteilt: 

Brieve  al  male  de'  denti  e  a  migrana,  cioe  duolo  di 
fcesta;  il  quäl  brieve  si  vuole  portare  in  capo  addosso  iscritto 
a  riverenzia  di  Jesus  Cristo:  'lesus  docebat  discipulos  suos 
et  ibi  sedebat  lacobus  major,  Bartolomeus,  Taddeus,  Matteus, 
Barnabas,  Iohannes,  lacobus  minor,  Petrus.  Simon,  Tommas. 
Philippus,  Lucas,  Marcus,  Matteus,  Iohannes  evangelista,  et 
Petrus,  qui  sedebat  super  petram  marmoream,  tenebat 
manum  suam  a  caput  suum  e  cepit  contristari.  Dissit  lesus: 
Petre.  quare  tristis  es?  |  Respondit  ei  Petrus  e  dixiti2):  179 
'Quia  vetus  vermen 3),  qui  vocatur  gueta  emigranea  4).  devorat 
dentes  meos.  Responditi  ei  lesus:  Aiuro  te  de  vermene 
per  nomen  domini  nostri  Jesu  Christi,  ut  recedat  ab  te 5) 
et  ab  omni  homine  [et]  nun  conrodat:  et  qui  super  se  por- 
taverit  hoc  scrittum,  ab  omni  dolore  dentium  liberetur,  et 
sie  dignieris  per  hunc  famulum  tuum.  Amen,  amen,  f  Agios, 
agios,  agios.  f 

[Die  Wiener   Hs.  2817.  Bl.  28a,  2  bietet  nach  Mülleu- 
hoft'-Scherer,   Denkmäler 2   S.    46b'   folgende  Parallele: 

Ob  die   würm    in    den    zenen   sien,   so   scrib:   In  nomine 
patris   et   filii   et   Spiritus  saneti,   domini    nostri  Jesu  Christi, 


*)  Die  Ubbie  etc.  bilden  die  72.  Dispensa  der  bei  G.  Roma- 
gnoli  in  Bologna  erscheinenden  cScelta  di  curiosita  letterarie  inedite  o 
srare  dal  secolo  XIII  al  XVII.3  [Corazzini,  I  componimenti  niinori 
p.  357.] 

2)  In  einer  altchristlichen  römischen  Inschrift  bei  de  Rossi,  Bullct- 
tino  di  archeologia  cristiana  3,  11  findet  sich  die  Form:  'vixiti.'  Ich 
verdanke  diesen  Nachweis  meinem  Freunde  Dr.  Hugo  Schuehardt.  Vgl. 
auch  dessen  Buch  'Der   Vokalismus  des  Vulgärlateins'  2,  373. 

s)  Du  Gange:  'Vermen'  pro  'vermis'  usurpatur  in  vita  beatse 
Margaret«    de   Cortona   nr.  89    (Acta  SS.  Febr.  III,  317:  a  verminibus). 

4)  Emigranea,  qfiixQavia,  mittellat.  hemigrania,  hemigranea,  migra- 
nea,  migrana,  ital.  emigrania,  magräna,  span.  migrana,  franz.  migraine. 
Gucta  ist  nach  der  im  mittelalterlichen  Latein  häufigen  Vertauschung 
von  tt  mit  et  s.  v.  a.  gutta,  franz.  goutte. 

6)  Die  Hs.  hat:  ab  se. 
Köhler,   Kl.  Schriften.  JH.  35 


546  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

amen.  Sanctus  Petrus  ambas  manus  ad  maxillas  tenebat. 
Supervenibat  Christus  dominus  noster,  dicens:  Quid  habes, 
Petre?  Domine,  vermes  habeo,  qui  nomen  habent  nigranei 
[1.  hemigranei],  qui  deuorant  dentes  meos  et  maxillas  meas. 
Signum  tuum,  domine,  super  famulum  tuuiu .  domine!  ayos, 
a,  a.,  sanctus  s.  s.,  allehiia  al.  al.  Und  segen  dich  damit 
zwen  morgen  und  aineo  anbeut  und  sprich  als  dick  driu 
paternoster  und  driu  ave  Maria,  so  wirt  dir  bas.  —  Vgl.  Schön- 
bach. Zs.  f.  d.  Alt.  27,  308:  'Der  zen  segen'  aus  derselben 
lls.  Fleisehhacker,  Anz.  f.  d.  Altertum  15,  145:  cAd  dentium 
dolorem3  aus  einer  um  1100  entstandenen  Londoner  Hs. 
Cockayne.  Leechdoms  ofearly  England  1.  394.  3,  64(1864—66).] 
Hiermit  vergleiche  man  einen  noch  jetzt  in  England 
und  Schottland  üblichen  Segen.  Er  lautet  auf  den  Orkney- 
Inselo  (Choice  Notes  from  'Notes  and  Queries3.  Folk-lore, 
London  1859,  S.  62): 

Peter  sat  on  a  niarble  stone  weeping, 

Christ  eame  \>a>t  and  said,  'What  aileth  thee,  Peter?' 

'0  my  Lord,  my  God,  my  tooth  doth  ache!' 

'Arise,  o  Peter!  go  thy   way,  thv  shall  ache  no  more.' 

Zwei  andere  Fassungen  sind  jede  für  sich  unvollständig, 
ergänzen  sich  alter  gegenseitig.  Die  eine,  welche  Halliwell 
(Populär  Rhymes  and  Nursery  Tales.  London  1849,  S.  212) 
als  sehr  gewöhnlich  in  Nord-England  bezeichnet,  lautet: 

Peter  was  sitting  cm   a  marble-stone, 

And  Jesus  passed  by; 
Peter  said,  cMy  Lord,  my  God, 

How  my  tooth  doth  ache! 

Jesus  said,  'Peter,  art  whole ! 
And  whoever  lceeps  these  words  for  my  sake 
Shall  never  have  the  tooth-ache!' 

Die  andere  aus  Lancashire1)  (J.  Harland  and  T.  T.  Wilkinson, 
Lancashire  Folk-lore,   London   1867,  S.  76): 


')  [Vgl.  Notes  and  Queries  5.  ser.  8,  143.  275.  377.  11,  515.  Ebd. 
1.  -i  r.  7.  85.  s,  506:  'A>  Saint  John  sat  on  a  stone.'  Couch,  llistorv  uf 
Polperro  p.  148.  The  Academy  1887,  Marcb  19,  p.  2041).  258.  291^ 
Folk-lore  Journal  2,  33.  94.] 


öS.  Segensprüche.  .",  |  7 

Peter  sat  weeping  on  a  marble  stone. 

Jesus  came  near  and  said,  'What  aileth  thee,  <>  Peter?' 

He  answer'd  and  said,  ">I\    Lord  and  an   find!' 

He  tliat  can  say  this,  an  believeth  it   for  m\   sake, 

Never  more  shall  have  the  tooth-ache.    | 

In  diesen  FassungeD  halten  wir  wie  im  italienische!]  Segen  180 
den  li.  Petrus  auf  einem  Marmorstein  sitzend  und  dein 
Herrn  Christus  sein  Zahnweh  klagend.  Allerdings  giebt 
es  auch  zwei  euglische  Aufzeichnungen,  wo  der  Marmorstein 
fehlt.  Die  eine  bei  Carr  Craven,  Glossarj  2,269  und  daraus 
bei   Halliwell   a.   a.   0.   und   bei   Umland   a.   a.   0.   lautet: 

As  Sant  Peter  sat  at  the  gates  of  Jerusalem,  our  blessed 
Lord  and  Saviour  passed  by  and  said.  'What  aileth  thee?3 
He  said.  cLord,  my  teeth  acheth'.  He  said.  cArise  and  follow 
me,  and  thy  teeth  shall  never  ache  any  more'.   Fiat  f  liat  ffiatf. 

Die  andere  ans  Devonshire  (Choice  notes  S.    L68): 

As  diu-  Lord  and  Saviour  Jesus  Christ  was  Walking  in 
the  garden  of  Gethsemane,  he  saw  Peter  weeping.  He  called 
him  unto  bim,  and  said.  'Peter,  why  weepest  thou?1  Peter 
answered  an  said.  'Lord.  I  am  grievously  tormented  with 
pain  of  my  tooth\  Cur  Lord  answered  and  said.  'If  thou 
wilt  believe  in  me,  and  my  words  abide  with  thee,  thou  shalt 
never  feel  any  more  pain  in  thy  tooth'.  Peter  said.  'Lord. 
I  believe,   helpe  thou  my   unbeliet".      In  the   name  etc. 

Noch  mehr  entstellt  ist  der  Segen  in  Cornwallis 
(R.  Hunt.  Populär  Romances  of  the  West  of  England.  London 
L865;  2,  215): 

Christ   pass'd  by  bis  brother's  door, 

Saw  his  brother  lying  on  the  floor. 

'What  aileth  thee,  brother? 

Pein  in  the  teeth?  — 

Thy   teeth  shall  pain  thee  no  more.   In  the  name  etc. 

In  einem  französischen  Segen  gegen  das  Zahnweh  ist 
an  die  Stelle  dos  h.  Petrus  die  h.  Apollonia,  die  Schutz- 
patronin   der    an    Zahnschmerz     Leidenden1),    getreten,    das 

'i  Weil  ihr  nach  der  Legende  bei  ihrem  Martyrium  zunächst  alle 
Zähne  ausgeschlagen  wurden.  Legenda  aurea  cap.  »it'':  'Igitur  com- 
prehensa   beata  virgine  persecutores  in  ipsam  crudeliter  saevientes  primo 

35" 


548  Zum  Aberglauben   und   Volksbrauch. 

Sitzen  auf  dem  Marmorstein  ist  geblieben.  Ein  Text 
dieses  Segens  bei  J.  W.  Wolf,  Beitrüge  zur  deutschen  Mytho- 
logie  L,  260  lautet: 

Ste.  Appoline  etant  assise  sur  la  pierre  de  niarbre.  notre 
Seigneur  passant  par  lä  lui  dit:  Appoline.  que  fais-tu  lä?  — 
Je  suis  ici  pour  mon  chef,  pour  mon  sang  et  pour  mon  mal 
de  dent.  —  Appoline,  retourne-toi :  si  c'est  une  goutte  de 
sang,  eile  tombera,  si  c'est  im  ver,  il  mourra.  I 
181  Ein  anderer  bei  Nisard,  Histoire   des    livres    populaires, 

2e  edition,  2,  76: 

Sainte  Apolline 

la  divine, 

assise  au  pied  d'un  arbre, 

sur  une  pierre  de  marbre, 

Jesus  notre  sauveur, 

passant  la  par  bonheur, 

lui  dit:  Apolline, 

qui  te  chagrine?  — 

Je  suis  ici,  maitre  divin, 

pour  douleur  et  non  pour  chagrin ; 

j'y  suis  pour  raon  chef,  pour  mon  sang 

et  pour  mon  mal  de  dent.  — 

Apolline,  tu  as  la  foi, 

par  ma  gräce  rentourne-toi, 

si  c'est  une  goutte  de  sang,  eile  chera, 

si  c'est  un  ver,  il  mourra. 

In  dem  spanischen  Apollonia-Segen.  welchen  Clemencin 
in  seiner  Ausgabe  des  Don  Quijote  (Tomo  4,  pag.  118)  in 
der  Anmerkung  zu  jener  Stelle  (Parte  2,  Capit.  7),  wo  der 
Baccalaureus  Sanson  Carasco  der  Haushälterin  cla  oracion 
de   Santa  ApolöniaD   empfiehlt,    mitteilt,    fehlt    der    Marmor- 


ei  omnes  dentes  ejus  excusserunt.'  Auf  Bildern  hält  sie  meist  eine  Zange 
mit  einem  Zahn  in  der  Hand.  —  Einen  tschechischen  Apollonia-Si 
gegen  Kopfreissen,  der  aber  mit  den  hier  mitzuteilenden  Segen  sonst] 
nichts  gemein  hat,  siehe  bei  Grolimann,  Aberglauben  und  Gebräuche 
aus  Böhmen  und  Mähren  1,  162.  —  [Gott.  gel.  Anz.  1871.  1389.  Heins- 
berg, Calendrier  beige,  9.  fevrier.  Bartsch,  Sagen  2,  427.  Notes  and 
Queries  4.  ser.  7,  85.  8,  506.  5.  ser.  8,  144.   11,  515.] 


58.  Segensprüche.  549 

stein,  und  die  Jungfrau  .Maria    ist  an  die  Stelle  Christi  ge- 
treten.    Er  lautet: 

A  la  puerta  del  cielo 

Polünia  estaba, 

y  la  Virgen  Maria 

all i  pasaba. 

Diz:  Polönia,:  que  haces? 

■^  Duermes  6  velas ? 

SeTiora  mia,  ni  duermo  ni  velo, 

que  de  un  dolor  de  muelas 

me  estoi  muriendo.  — 

Por  la  estrella  de  Venus 

y   ei  sol  poniente, 

por  el  Santisimo  Sacramento 

que  tuve   en  mi  vientre, 

que  no  de  duela  mas  ni  muela  ni  diente. 

Wenden  wir  uns  jetzt  zu  deutschen  Segen  gegen  das 
Zahnweh.  Hier  treffen  wir  wieder  St.  Petrus,  aber  der 
Mar  morst  ein  fehlt.  Eine  Fassung  (J.  W.  AVolf,  Beiträge 
zur  deutschen  Mythologie  1,  255.  nr.  11;  |  Kuhn,  Westfälische  182 
Sagen,  Gebräuche  und  Märchen  2,  205;  Peter,  Volkstümliches 
aus  Österreichisch-Schlesien  2,  238)  lautet: 

St.  Petrus  stund  unter  einem  Eichenbusch1)  (Eichbaum), 
da  begegnet  ihm  (da  kam)  unser  lieber  Herr  Jesus  Christus 
und  sprach  zu  ihm:  Petrus,  warum  bist  du  so  traurig?  (Was 
fehlt  dir,  du  bist  ja  so  traurig?)  Petrus  sprach:  Warum  sollt 
ich  nicht  traurig  sein:  die  Zähne  wollen  mir  im  Munde  ver- 
faulen.    Da  sprach  unser  lieber  Herr  Jesus  Christus: 

Peter,  geh  hin  in  den  Grund, 

nimm  Wasser   in   den  Mund 

und  spei  (spuck)  es  wieder  aus  in  den  Grund. 

Eine  andere  (Wolf  a.  a.  0.  nr.  13): 

Jesus  Christus  reiste  über  Land,  da  begegnet  ihm  Petrus, 
der  war  traurig.  Petre,    warum    bist    du    so    traurig? 

Sollt  ich  denn   nicht   traurig   sein?     Mein   Mund    und    meine 
Zähne  wollen  mir  faulen. 


l)  [E.  Mühe,  Der  Aberglaube  1886,  S.  27:  'Peter  sass  unter  einem 
Baum  und  war  traurig1  u.  s.  w.  Rothenbach,  Volkstüml.  aus  Hern  1876, 
nr.  479.  Flügel,  Volksmedicin  1883,  S.  40.] 


550  Zum  Aberglauben  und   Volksbrauch. 

Dann  nimm  du  drei  Gundelreben 

und  lass  sie  in  deinem   .Munde  umschweben. 

Es  sind  aber  auch  andere  Heilige  au  die  Stelle  des 
Petrus  getreten. 

Aus    mecklenburgischen    Prozessakten    vom    J.  1(>30 

hat  Lisch,  Mecklenburgische   Jahrbücher   2,   187    (und   daher 

bei  Schiller,    Zum  Tier-    und    Kräuterbuche  Mecklenburgs  1, 

18  [Bartsch,  Sagen  2,  427])  folgenden  Segen  mitgeteilt: 

De  billige  8.  Just  toch  äver  dat  Mer 

Und  wenede  so  sehr. 

'.Just,  wat  schad  dy'r' 

'0  Here,  myne  Tehnen  dohn   my  wef 

Most,  ick  wil  se  dy  segnen. 

Der  Wonne  sind  negen ; 

de  söte  Worin, 

de  grise  Worm, 

de  grawe  Worm, 

de  brune  Worm, 

de  witte  Worm ; 

alle  de  ick  nicht  benömen  kan, 

de  schal  de  Here  Christ  benömen. 

Nemet  jy  Water  in  den  Mund 

und  spyet  de  Worme  up  den  Grund 

im  Namen  etc. 

Hierher  gehört  auch  folgender  Segen  gegen  die  'Mund- 
fäule1), den  J.  W.  "Wolf  a.  a.  0.  S.  256.  nr.  1-4  (aus  Jugen- 
heim)  und  A.  Peter,  Volkstümliches  aus  Österreichisch! 
Schlesien  2,  229  mitteilen:  \ 

183  Job  zog  über  Land, 

er  trug  (hattf)  einen  (den)  Stab  in  seiner  Hand, 

da  begegnet  ihm  Gott  der  Herr,  der  (und)  sprach: 

Job,  warum   trauerst  du  so  sehr? 

Job  sprach :  Ach  Gott,  warum  sollt  ich  nicht  trauern, 

mein   Schlund  und  Mund   will  mir  abfaulen. 

Da  sprach   Gott  zu  Job: 

(Dort)  In  jenem  Thal  da  fliesst  ein  Brunn, 

der  heilet  dir  deinen   Mund  und  Schlund. 


>)  [Flügel  S.  40.  Frischbier,  Hexenspruch  1870,  S.  90  f.  (Thomas 
ging  über  Feld.  Job  zieh  über  Land).  Mitt.  des  Osterlandes  7,  450 
(Jakob  zog  über  das   Land).] 


äs.   ScgL'n>;>rüche.  ,").')] 

Fast  wörtlich  so  im  Böhmerwald  (Jos.  Rank.  Aus  dem 
Böhmer  Wald  1,  161).  aber  mit   dem  Schluss: 

Job,  geh  in  jenes  Thal  zur  Stund, 

ein  Brunnen  heilt  dir  dort  den   31  und 
und  in  Schwaben  (Meier.  Sagen  aus  Schwaben  S.  523,  vgl.  auch 
Wuttke.  Der  deutsche  Volksaberglaube  §  281 )  mit  dem  Schluss: 

So  nimm  das  Wasser  in  den   Mund 
und  lass  es  laufen  durch  den  Schlund. 

Während  in  allen  diesen  deutschen  Segen  gegen  das 
Zahnweh  u.  dgl.,  auch  wenn  St.  Peter  darin  vorkommt,  doch 
das  Sitzen  auf  einem  Stein  fehlt,  so  linden  wir  dies  dagegen 
in  einem  unterfränkischen  Segen  gegen  ein  gebrochenes 
oder  verrenktes  Bein  (Bavaria  4.  1.  223): 

Sanet  Peter  sass  auf  einem  Stein 
und  hatt1  ein  böses  Bein. 
Fleisch   und   Fleisch,   Blut  und  Blut, 
Es  wird  in   drei  Tagen   gut. 

Nehmen  wir  an.  dass  der  St.  Petrus-Segen  gegen  das 
Zahnweh  zuerst  in  lateinischer  Sprache  abgefasst  wurden  ist. 
so  dürfte  sich  das  Sitzen  des  Petrus  auf  einem  Stein  (super 
petrami  vielleicht  daher  erklären  lassen,  dass  es  nach  den 
Worten  Christi  (Ev.  Matthsei  16,  18):  'Tu  es  Petrus,  et  super 
haue  petram  sedificabo  Ecclesiam  meanf  sehr  nahe  lag.  bei 
Petrus  au  petra  zu  denken.  Freilich  heisst  es  in  einem 
Wurmsegen  in  Mones  Anzeiger  1838,  Sp.  609:  Christus  in 
petra  sedebat,  und  in  einem  siebenbürgisch-sächsischen  gegen 
Gelbsucht  und  Kopfweh  (Schuster.  Siebenbürgisch-sächsische 
Volkslieder  u.   s.   w.   S.   308; : 

Da  sass  Jesus  so  traurig  nur  allein 

Auf  einem  marmorinen   Stein. 

lud  der  marmorne  Stein  kommt  auch  sonst  noch  in  Segen- 
sprüchen  vor  (Schuster  S.  301,  nr.  154:  oll.  nr.  178;  317. 
nr.  197.  [Gott.  gel.  Anz.  1871.  138s.  Pitre.  Canti  pop.  sicil. 
2,  42  nr.  804  (Santa  Lucia  supra  im  märmuru  chi  ciancia); 
ppettacoli  e  feste  pop.  ]>.  424. j 

In  mehreren  der  vorstehenden  Segensprüche  wird  das 
Zahnweh  als  fressender  Wurm  gedacht.  Es  ist  eine  uralte 
indogermanische  Vor    Stellung,  Krankheiten  bei  Menschen  und     [84 


552  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Tieren  Würmern  zuzuschreiben1)  (vgl.  Adalbert  Kuhn  in 
seiner  Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  13r 
I35ff.),  und  insbesondere  der  Zahnwurm  findet  sich  schon  in 
einem  vedischen  Spruch  (Kuhn  a.  a.  0.  S.  140): 

Der  mitten  in  dem  Zahne  wohnt,  den  Wurm  auch  jetzt 

vernichten  wir  — 

und  dass  er  auch  der  spätem  indischen  Medizin  noch  bekannt 
war.  zeigt  das  Wort  krmidantaka,  Wurm  im  Zahn,  caries 
(Kuhn  a.  a.  0.  S.  150).  —  Interessant  ist  eine  Stelle  in 
Thietmars  Chronik  4,  48,  wo  von  einem  Mönch  die  Rede  ist, 
Vui  in  capite  suo  multum  nocuit  migranea,  qua?  duplex  est 
aut  ex  gutta,  ant  ex  vermibus3.  Diese  Stelle  stimmt  merk- 
würdig zu  den  Worten  des  französischen  Apollonia-Segens: 
cSi  c'est  une  goutte  de  sang,  eile  tombera  (chera),  si  c'est  i\n 
ver,  il  mourra.3  [Du  Cange,  s.  v.  Gutta.]  —  In  einem  thü- 
ringischen Segen  wider  Zahnweh  (Zeitschrift  des  Vereins  für 
Thüringische  Geschichte  und  Altertumskunde  1,  194)  heisst 
es:  'Dorre  du  Wurm  in  meinem  Zahn."  —  Auf  den  Orkney- 
Inseln  wird  das  Zahnweh  'tlie  worin3  und  der  oben  mit- 
geteilte Segen  dafür  cwormy  linesJ  genannt.  —  Auch  die 
Tschechen  leiten  den  Zahnschmerz  von  einem  Wurm  her,  und 
ein  tschechischer  Spruch  (G rohmann,  Aberglauben  und  Ge- 
bräuche aus  Böhmen  und  Mähren  1,  168)  dagegen  lautet: 
cMondlein  schwindet,  Würmlein  gehe  weg.3 

2.  Der  Wundsegen  von  den  drei  guten  Brüdern. 

In  einer  Pergamenthandschrift  des  13,  Jahrhunderts  in 
der  Pauliner  Bibliothek  zu  Leipzig  findet  sich  eiu  latei- 
nischer Wundsegen2),  den  Leyser  in  den  Altdeutschen 
Blättern  2,  323  herausgegeben  hat  und  der  also  lautet: 


')  [Müllenhoff-Scherer,  Denkmäler  2  S.  464.  Mannbardt,  Baum- 
kultus  S.  13.  Flügel  S.  65.  Germania  16,  42.  Wright-Halliwell,  Reli- 
quiae  ant.  1,  126.  Notes  and  Queries  5.  ser.  5,  476.  6,  97.  Russwurm,. 
Eibofolke  2,  226.  Rutebeuf  1,  257.  Desaivre,  Croyances  p.  8;  Essai 
sur  le  noyer  p.  10.  Melusine  1,  351.  Revue  celtique  5,  391.  Rivista 
di  lett.  pop.  1,  10.] 

2)  [Vgl.  hierzu  Müllenhoff-Scherer,  Denkmäler2  S.  467  1'.  Czerny^ 
Germ.  18,  234  (latein.   13.  Jahrh.).] 


58.  Segensprüche.  553- 

Tres  boni  fratres  ambulabant  per  unam  viam  et  occurrit 
Ulis  dominus  Ihesus  Christus  et  ait:  Tres  boni  fratres,  quo 
itis?  Dicimt  ei:  Domine,  imus  ad  montera  colligere  herbas 
plagationis,  percussionis  et  doloris.  Et  dixit  dominus:  Venite 
mecum  et  iurate  mihi  per  crucifixum  et  per  lac  beute 
Virginis,  ut  non  in  abscondito  dicatis,  nee  mercedem  inde 
aeeipiatis.  Sed  ite  ad  montem  oliveti  et  tollite  inde  oleum 
olive,  intingite1)  in  eo  lanam  ovis  et  ponite  super  plagam  et 
sie  dieite:  Sicut  Longinus  miles  latus  salvatoris  aperuit,  non 
diu  sanguinavit,  non  raneavit2),  non  doluit,  non  tuinuit.  non 
putruit,  nee  ardorem  tempestatis  |  habuit,  sie  plaga  ista,  quam  185. 
carmino3),  non  sanguinet,  non  rancet,  non  doleat,  non  tumeat, 
lidii  putreat,  nee  ardorem  tempestatis  habeat.  In  nomine 
patris  et  lilii  et  Spiritus  saneti.  Amen.  Die  ter  et  domini- 
cam  ter  orationem  et:  Ne  nos  inducas  in  temptationem,  sed 
libera  famulnm  ab  hoc  malo  et  ab  omni  malo.      Amen.3 

Jean  Baptiste  Thiers  führt  in  seinem  Traite  des  super- 
stitionsJ  (Paris  167'.))  die  Anfangsworte  dieses  Segens  als 
eines  noch  zu  seiner  Zeit  gebräuchlichen  an.  Er  sagt  (s.  F. 
Liebrecht,  Des  Gervasius  von  Tilbury  Otia  imperialia  S.  255, 
nr.  437):  11  y  en  a  enfin  qui  pour  guerir  des  blessures 
recitent  la  formule  qui  commence  par  'Longinus  fuit  He- 
braßusD  etc.4)  ou  celle-cy  'Tres  boni  fratres3  etc. 


')  So  lese  ich  für  das  mir  unverständliche  intragite  der  Hand- 
schrift. 

2)  Rancare  ist  wohl  dasselhe  wie  rancere  und  rancescere. 

3)  Vgl.  Marcellus  Burdigal.  cap.  15  (J.  (Trimm,  Kleinere  Schriften 
2,  132):  'glandulas  mane  carminabis' ;  cap.  S  (Grimm  2,  128):  'oeulo, 
qui  carminatus  erit.'  [Caspari,  Honiilia  de  sacrilegiis  1886.  S.  !> 
und  Hl  f.] 

*)  Einen  so  beginnenden  lateinischen  Blut-  oder  Wundensegen 
kenne  ich  nicht.  Ein  deutscher  Blutsegen  in  Wolfs  Zeitschrift  3.  827 
beginnt:  'Longinus  ein  Judasritter  (!)  was.5  Genauer  dem  lateinischen 
Anfange  entspräche  der  Segen  in  Mones  Anzeiger  1834,  Sp.  287 
'Longinus  was  ein  Jud\  es  ist  aber  ein  Pferdesegen.  Andere  Blutsegen, 
die  an  Longinus  anknüpfen,  s.  in  Mones  Anzeiger  1837,  Sp.  477  (Ego 
Longinus  .  .  und:  Longinus  dei  filium),  1838,  Sp.  608  (Longinus  trans- 
tixit  .  .  .),  1834,  Sp.  284  (Longinus  hiess  der  Manu)  und  in  Haupts 
Zeitschrift  11,  535  (Longinus  der  stach).     Auch  ein  Wurmsegen  beginnt: 


554  Zum  Aberglauben  und   Volksbrauch. 

In  deutscher  Sprache  ist  dieser  Segen  aus  einer  Hs. 
des  15.  Jahrh.  von  HoffmanD  von  Fallersieben  in  den  Alt- 
deutschen  Blättern  2,  267   bekannt  gemacht  worden. 

'Iz  gingen  dri  gude  brudere  einen  weg,  in  hegende  unsir 
herre  Jesus  Christus,  er  sprach  zu  in:  wa  wollit  ir  hin,  ir 
dri  guden  gebrudere?  Sie  sprachen:  wir  gan  und  suchen  ein 
crut  daz  des  gewaldig  si,  daz  iz  si  für  aller  slachte  wonden 
gut,  sie  si  gestochen  oder  geslagen  oder  wie  sie  geschehen 
si.  Er  sprach:  get  her  und  swerit  bi  deine  cruce  unsirs 
herren  und  bi  der  milche  unsir  frauwen,  daz  ir  iz  nit  en 
helit  noch  keinen  Ion  darumme  in  nemit.  Gat  uf  den  berg 
zu  Monte  Olyveit  unde  nemit  oley  von  deme  bäume  unde 
wollen  von  dem  scliafe  und  deckit  die  wunden  da  miede,  und 
[sprechet:]  alse  der  Jude  Longinus  unseme  herren  in  sine 
siten  stach,  die  wunde  en  hiccethe  noch  en  sweizethe  noch 
en  eiterthe  noch  en  fulete  noch  en  swal  noch  en  swar,  also 
inüzen  alle  die  wunden  dun  da  dise  wort  über  gesprochen 
werden,  des  helfen  uns  di  dri  namen,  der  vader  und  der  sun 
und  der  heilige  geist,  min  frauwe  sante  Maria,  der  gude 
sante  Johannes.  Amen.J 

[Aus  einer  Grazer  Hs.  des  15.  Jahrh.  hsg.  von  Schön- 
bach, Zs.  f.  d.  Altert.  18,  80.  Ganz  ähnlich  noch  bei  Frisch- 
bier, Hexenspruch  und  Zauberbann  1870,  S.  34.  Englisch 
finden  wir  den  Segen  bei  Wright-Halliwell,  Reliquiae  antiquae 
1,  126:  Thre  gude  breder  are  ze'.] 

Italienisch  endlich  findet  sich  dieser  Segen  in  derselben 
römischen  Handschrift,  welcher  der  oben  mitgeteilte  lateinische 
Segen  gegen  das  Zahnweh  entnommen  ist.  Er  lautet  (Ubbie 
etc.  pag.  52  [vgl.  Corazzini.  I  componimenti  minori  1877. 
p.  354]):  | 
186  Tre  buoni  frati  per  una  via  s'  andavano:  in  Gesü  Cristo 

si  scontrarono.     Disse  Gesü    Cristo:    Dove  andate  voi,  buoni 


'Longinus  hiess  der  Mann'  bei  Mone  1837,  Sp.  47.").  [Miillenhoff,  Z-.  f. 
dtscb.  Altert.  20,  24.  Schönbach,  ebd.  27,  308 f.  Nd.  Jahrbuch  2  (1876), 
32.  Flügel  S.  40.  Wright-Halliwell,  Reliquiae  ant.  1,  315.  Notes  and 
Queries  4.  Ber.  7,  232.     7.  ser.  4,  56.] 


.">>.    Scn'ciisjtriU'hc.  555 

frati?  Noi  andiamo  in  urazioni,  e  per  cogliere  erbe  per  porre 
nelle  piaghe  del  nostro  signore.  Disse  Gesü  Cristo:  Venite 
qua,  tre  buoni  frati.  Voi  ini  prometterete  per  la  santa 
crucifissione  e  per  la  vergine  Maria,  che  nascoso  qo]  terrete 
e  prezzo  nun  ne  torrete.  Andate  in  su  nionte  Oliveto,  e 
togliete  lana  sucida  di  pecora  e  olio  <li  uliva.  e  direte:  Come 
Longino  ferie  il  nostro  signore  Gesü  Cristo  in  fianco  e  passö, 
e  quella  ferita  olse  e  nun  dolse  e  sangue  non  raceolse  e 
nerbo  nun  rattrasse,  cosi  questa  ferita  oglia  e  non  doglia  e 
sangue  non  raccoglia  e  nervo  non  rattragga,  per  quel  signor 
che  vive  in  secula  seculorum  amen.' 

Diese  drei  prosaischen  Segen  verhalten  sich,  wie  man 
sieht,  wie  fast  durchweg  ziemlich  wörtliche  Übersetzungen 
zu  einander:  der  lateinische  möchte  wohl   das  Original    sein. 

Der  Segen  findet  sich  aber  auch  in  einigen  deutschen. 
fast  ganz  gereimten  Fassungen,  die  im  einzelnen  von- 
einander wieder  abweichen.  Die  älteste  mir  bekannte  Fassung 
ist  aus  einer  Wiener  Handschrift  des  14.  Jahrhunderts  von 
J.  M.  Wagner  im  Nürnberger  Anzeiger  1862,  Sp.  234  mit- 
geteilt und  lautet: 

'Dri  gut  brüder  giengen,  ainen  seligen  weg  sie  geviengen, 
daz  geschach  ze  ainer  frist,  do  begegent  in  unser  herr  Jesus 
Christ.  Er  sprach:  Ich  beswer  inch  brüder  all  dri,  wa  iur 
will  hin  sei.  Sie  sprachen:  Herr,  wir  suchen  ain  krüt.  daz 
zu  allen  wunden  sei  gut,  davon  die  wunden  entswere.  noch 
kain  ungelük  darzü  kere.  Er  sprach:  Ich  beswer  iuch  by 
der  frien.  by  miner  müter  Marien,  daz  irs  weder  heit  noch 
enstelt,  noch  kain  miet  darumb  nempt.  Ir  get  zu  dem 
ölberg  und  nempt  des  Öls  von  den  Ölbäumen  und  der  wolle 
von  dem  Schafe,  und  strichent  es  umb  die  wunden,  so  ist 
diu  wunde  wol  verbunden  und  hauet  von  gründe,  und  sprechet 
daz  die  wund  aber  als  gut  sei  als  die  wund  was.  die  Lon- 
ginus  unserm  herren  durch  sin  seitun  stach,  die  entswar  noch 
entswür  noch  ensmacht  noch  enfült  noch  enschlüg  kain  un- 
gelük darzü.  Also  müz  zu  dirr  wunden  kain  ungelük  keinen 
in  gutes  nainen.      Amen.3 


55(»  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Die  andern  Fassungen,  auf  die  wir  hier  nur  hinweisen 
wollen,  sind  aus  einer  Stuttgarter  Handschrift  des  15.  Jahr- 
hunderts und  aus  zwei  Karlsruher  des  16.  und  17.  Jahr- 
hunderts im  Nürnberger  Anzeiger  1854,  Sp.  165  und  in 
Mones  Anzeiger  1834,  Sp.  282  und  1837,  Sp.  460  abgedruckt. 
Die  erste  beginnt:  'Dri  vil  guo-t  brüeder  giengen",  die  andere: 
'Es  giengen  drei  selige  Brüder  aus  in  guter  Frist",  die  dritte: 
'Es  giengen  drei  seliger  Ritter  gar  in  kurzer  Frist."  [Zimmer, 
Zs.  f.  d.  Alt.  21,  213.  Strauch,  Adelheid  Langmaun,  1878, 
S.  XII.] 

In  Keisersbergs  Ameis  (Strassburg  1517,  S.  50a). 
worauf  schon  Mone  in  seinem  Anzeiger  1834,  Sp.  281  und 
187  J.  Grimm,  Myth.  Anhang  S.  CXLI  [4.  Ausg.  3,  501]  |  hin- 
gewiesen haben,  finden  wir  die  Worte  'Es  giengen  drei 
brüder  über  feld"  als  Anfang  eines  damals  üblichen  'seltzamen 
Segens". 

Die  deutschen  Wundsegeu  in  Wolfs  Zeitschrift  3,  326 
und  im  Nürnberger  Anzeiger  1865,  Sp.  351  knüpfen  nicht 
an  die  drei  Brüder  an;  es  kommt  aber  auch  in  ihnen  die 
von  Longinus  gestochene  Wunde  Christi  vor,  und  zwar  ganz 
ähnlich  wie  im  Wiener  Segen  beschrieben. 

Ein  masurischer  Segen  gegen  den  schwarzen  Umlauf 
oder  das  geschossene  Geschwür  (M.  Toppen,  Aberglauben 
aus  Masuren,  2.  Aufl.  Danzig  1867,  S.  50)  ist  im  Eingang 
unserm  Drei-Brüder-Wuudsegen  sehr  ähnlich.  Er  beginnt 
nämlich : 

cEs  gingen  drei  Apostel,  unter  einander  Brüder,  und  be- 
gegneten dem  Herrn  Christus  selbst.  Wohin  geht  ihr  drei 
Apostel,  unter  einander  Brüder?  Wir  gehen  zu  der  getauften 
N.  N.,  das  dreimal  neunfach  geschossene  Geschwür  segnen. 
Gehet  und  segnet  mit  meiner,  meiner  und  aller  Hülfe  dieses- 
dreimal  neunfach  geschossene  Geschwür."  U.  s.  w. 

Mit  diesem  vergleicht  sich  wieder  ein  anderer  masu- 
rischer Segen  gegen  die  Tollwut  (Toppen  S.  48): 

'Es  gingen  sieben  Apostel,  alle  unter  einander  Brüder. 
Wohin  geht  ihr  sieben  Apostel,  alle  unter  einauder  Brüder? 
Wir    gehen    den    Stall    dieser    getauften    N.    N.    gegen    den 


.">>.   Sf»-('iis|iriiclic.  557 

tollen  Himd  segnen.     Gehet  hin  und  segnet  in  meinem  Namen.5 
U.  s.  w. 

Endlich  gehören  noch  zwei  Segensprüche  hierher.  Zu- 
nächst ein  freilich  sehr  verdorbener,  vielfach  unverständlicher 
siebe  nbürgi  seh -sächsischer  gegen  den  Ohm  (d.  i.  ein  Ge- 
schwür).     Er  lautet  (Schuster  a.  a.  0.  S.  307.  nr.    171): 

Es  gingen  drei  heilige   Frauen 

des  Morgens  früh  im  kühlen  Tau, 

sie  sollten  all  das  Kraut  abbrechen, 

das  da  gut  für  den  Ohm   war  abzubrechen. 

Da  begegnet  ihnen  der  Mann, 

der  das  Kreuz  von  diesem  toten  Menschen  abnahm. 

'Geht  an  den  Huiprichberg  — 

da  steht  ein  Baum, 

und  brecht  alles  das  Kraut, 

das  da  gut  ist  abzubrechen  für  diesen  Ohm! 

er  sei  geschauen  oder  gebrochen, 

(geschlagen  oder  gestochen) 

Mess  Ohm,  Feuer  Ohm, 

der  dasselbig  entzündet  — 

der  soll  verschwinden 

in  dieser  Stund.  | 

Hier  haben  wir  also  drei  heilige  Frauen,  die  gleich  den  drei  188 
guten  Brüdern  ein  heilendes  Kraut  suchen.  Offenbar  war  es 
in  der  unverdorbenen  Gestalt  des  Segens  Christus,  der  ihnen 
begegnet  und  sie  auf  den  'Huiprichberg"  weist,  wie  die  drei 
Brüder  auf  den  Ölberg.  In  Bezug  auf  den  Huiprichberg 
fragt  Schuster  S.  490:  cWas  heisst  Huiprichberg?  steht  es 
pleonastisch  für  Huiprich?  ist  das  Wort  gleichbedeutig  mit 
dem  sächsischen  Familiennamen  Hoprich?  Ist  dieser  Berg 
lokaler  oder  mythischer  Name?' 

Mit  diesem  Segen  ist  ein  ebenfalls  offenbar  sehr  ver- 
dorbener zu  vergleichen,  den  G.  Chr.  Voigt  in  seinen  Gemein- 
nützigen Abhandlungen  (Leipzig  1792),  S.  125  aus  Quedliu- 
burger  Hexenprozessakten  vom  J.  1595  (und  daher  auch 
Grimm  im  Anhang  zur  1.  Ausgabe  der  Mythologie  S.  CXLIII 
[=  4.  Aufl.  3,  503])  mitgeteilt  hat: 


558  Zum  Aberglauben  und   Volkshrauch. 

Es  gingen  drei  Salouien 

über  einen  Olberg, 

eie  gingen  über  eine  grüne   A.uen, 

dii   hegegnet  ihnen  Marie  unse  liebe   Fraue. 

'  Wohin  V   ihr   drei    Salomen  ?' 

'Wi'i   willen  bengahn  ut 

und   senken    mancherlei    gu<    krur, 

dar  stikt  nicht,  dar  brikt  nicht, 

dal   killr  nicht,  dat  swillt  nicht.' 

Im  Namen  des   Vaters,  Sohns  und  heil.  Geistes. 

Auch  hier  drei  Heilkräuter  suchende  Frauen,  denen  zwar 
nicht  Christus,  ahn-  Maria  begegnet.  Auch  hier  wird 
ursprünglich  Maria  die  Suchenden  auf  den  Olberg  gewiesen 
haben,  der  aber  irrtümlich  aus  falscher  Erinnerung  gleich  in 
den  Eingang  dv^-  Segens  gekommen  ist. 

Weimar.  November   1867. 


59.  Der  Himmel  mein  Hut,  die  Erde  mein 

Schuh. 

(Aus  dem  Nachlass  zusammengestellt.) 

In  den  Kinderliedern,  welche  1808  als  Anhang  zu  Arnims 

uud  Brentanos  Wunderhorn  erschienen,  findet  sich    auf  S.  93 

(=   Wunderhorn  1845  3,  400.     Böhme,  Deutsches  Kinderlied 

1897,    S.  324)   folgender   offenbar    als   Dialog   zwischen  Kind 

und    Bettler  gedachte   Spruch: 

Wer  bist  du,  armer  Mann? 

—  Der  Himmel  ist  mein  Hut, 

Die  Erde  ist  mein  Schuh, 

Das  heiige  Kreuz  ist  mein  Schwerd, 

Wer   mich    sieht,   hälr   mich    lieb   und   wert. 

Der  gleiche  Spruch  erschien  in  nr.  23  der  Zeitung  für  Ein- 
siedler 1808  (=  Ins:;,  s.  228)  als  Motto  und  ward  von 
Brentano  nicht  nur  dem  Helden  seiner  Erzählung  'Aus  der 
Chronika  eines  fahrenden  Schülers1  (Die  Sängerfahrt  hsg.  von 
Fr.  Förster  Isis.  S.  243   =  Brentano,  Ges.  Schriften  4,  20) 


59.  Der  Himmel  mein  Hut,  die  Erde  mein  Schuh.  ,">.">!) 

als  Wahlspruch  in  den  Mund  gelegt,  sondern  auch  in  'Den 
mehreren  Wehmüllern3  (Schriften  4,  265)  als  cecht  zigeunerische 

Weisheit  der  Zigeunerin  Mitidika  beigegeben.  Zu  diesem 
eigentümlich  dichterisch  klingenden  'Volksreime3  bemerkt 
,).  Grimm  (Altdeutsche  Wälder  2,  9.  1815):  'Die  zwei  ersten  Sätze 
heissen  eigentlich  bloss:  ich  gehe  unter  dem  Himmel  und 
auf  der  Erde5.  Aber  zugleich  ist  doch  darin  ein  Verzicht 
auf  das  schützende  Obdach  des  Hauses  und  auf  die  Kleidung 
eines  Begüterten1)  ausgesprochen,  wie  er  einem  Fahrenden 
oder  Pilger  geziemte.  Und  so  kann  es  uns  nicht  befremden, 
wenn  wir  dieselbe  Formel  geradezu  zur  Bezeichnung  des 
Bettlerlebens  verwandt  sehen.  In  einem  vonF.  W.  v.  Ditfurth 
(52  ungedruckte  Balladen  1874,  S.  51)  mitgeteilten  Volksliede 
prophezeit  eine  Zigeunerin  der  Müllerin: 

'Dein  Sohn  ertrinkt  im  See  da  drin, 

Dein  Mann  der  wird  gehangen, 

Und  du   wirst  gehn  den  Stecken  in   der  Hand, 

Den  Himmel  zum  Hut,  zum  Schuh   das  Land, 

Den  Bettelsack  umhangen.' 

Und  als  die  beiden  ersten  Voraussagungen  eingetroffen  sind 
heisst  es: 

Sie  musste  fort  auf  Betlehem  zu  (ins  Bettlerleben). 

Da  ward  die   Erde   wühl  ihr  Schuh, 

Der  Himmel  ihr  ein  Hute. 

Ein  Segen,  durch  den  man  'Diebe  zum  Stehen  bringen' 
kann  (bei  Müllenhoff,  Sagen  von  Schleswig -Holstein  1845, 
S.  518),  schliesst: 

Du  sollt  stellen   als  ein  Stock 

Und  starr  seilen   als  ein  Bock, 

Bis  ich  dir  mir  meiner  Zunge  Urlaub  gebe. 

Den  Himmel  gebe   ich  dir  zu  deiner  Hütte 

Und  die  P^rde  zu  Schuhen   deiner   Füsse. 

Eine  ähnliche  'Diebsstellung'  in  den  Anmerkungen  zu  Des 
Knaben  Wunderhorn    ed.   Birlinger-Crecelius    1,    522    (1874) 

wünscht  dem  Diebe   gleichfalls, 


')  Grimm    führt   'Bett'    als  Variante    für    'Schuh'    an.     Vgl.    auch 
Grimm,   DWB.  3,  751    (Erde  7b). 


.560  Zuni  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Dass  er  muss  haben  den  Himmel  zu  einem  Hut, 
Das  Erdreich  zu  einem  Schuh. 

Nach  einem  Flugblatte  teilt  A.  Baumgarten  (Aus  der  volks- 
mässigen  Überlieferung  der  Heimat  2,6=  Linzer  Museal- 
beriehte  24,  82)  einen  gleichen  Diebessegen  mit:  "Den  Segen 
gib  ich  ihm  zu  einer  Buss,  den  Himmel  zu  einem  Hut,  die 
Erden  zu  einem  Schlich,  den  grössten  Baum,  der  im  Wald 
ist,  zu  einem  Stab.' 

Andererseits  aber  scheint  diese  Formel  auch  im  Munde 
der  Pilger  das  Vertrauen  auf  die  göttliche  Fürsorge  auszu- 
drücken. So  sagte  die  zweiundsiebzigjährige  Frau  Katharina 
Staudingerin,  die  1656  zu  Marburg  als  Hexe  verbrannt  wurde1), 
in  der  Untersuchung  aus,  eine  alte  Bettelfrau,  der  sie  Herberge 
gewährte,  habe  ihr  'gegen  Abend  gesagt,  sie  wollten  mit 
einander  zu  Bette  gehen  und  bäten;  der  Bettelfrau  Gebät 
habe  so  gelautet: 

Der  Himmel  ist  mein  Hut, 
Die  Erde  ist  mein  Schuh  (oder  Schurz), 
Das  heilige  Kreuz  ist  mein  Schwerd, 
Wer  mich  sieht,  hat  mich  lieb  und  werth. 

.  .  .  Des  Morgens  beim  Aufstehen  habe  die  Bettelfrau 
gesagt,  sie  solle  das  Gebätlein  fleissig  gebrauchen,  denn  es 
sei  gut  und  bringe  viel  Glück  und  Segen." 

Ausführlicher  lautet  ein  Segen  'sich  bey  Gross  und  Klein 
lieb  und  werth  zu  machen'  bei  G.  C.  Horst,  Dämonomagie  2, 
295  (1818)  =  J.  Grimm,  D.  Mythologie,  1.  Ausg.  S.  CXLVI, 
nr.  50  =  4.  Ausg.  3.  505;  ähnlich  J.  W.  Wolf,  Beiträge  zur 
deutschen  Mythologie  1,  256,  nr.  26  =  Müllenhoff-Scherer, 
Denkmäler  2  S.  473 : 

Ich  trette  über  die  Schwell, 

Ich  nehme  Herr  Jesum  zu  meinem  Gesell. 

Gott  [!]  ist  mein  Schuh, 

Himmel  ist  mein  Huth, 

Heilig  Kreutz  mein  Schwerdt, 

Wer  mich  heut  sieht,    der  hab  mich  lieb  und  werth  u.  3.  w. 


l)  Tiedemann,  Auszug  aus  vollständigen  Akten  eines  im  Jahre  1655 
zu  Marburg  vorgefallenen  Hexenprozesses,  der  sich  mit  dem  Scheiterhaufen 
endigte.  Hessische  Beiträge  zur  Gelehrsamkeit  und  Kunst  2,  577 — 605 
<1787).  —  Obige  Stelle  steht  S.  596f. 


59.  Der  Himmel  mein  Hut,  die   Knie  mein  Schuh.  5G1 

In  der  Niederlausitz  betet  der  Felddieb,  um  nicht  vom 
Feldhüter  ertappt  zu  werden,  folgenden  Spruch1): 

Der  Himmel  ist  meine  Hut, 

Die   Erde  mein  Schutz  [!], 

Unser  Herr  Christus  ist  mein  Hort  und  Schwert, 

Auf  dass  mich  niemand  sucht  und  hegehrt. 

Wenn  einer  zum  Prozess  will,  soll  er  vor  der  Gerichts- 
thür  dreimal  beten2): 

Ich  gehe  über  meine  [!]  Hausschwelle, 

Unser  Herr  Jesus  Christus  ist  mein  Geselle, 

Der  Erdboden  ist  mein  Schuh, 

Der  Himmel  ist  mein  Hut, 

Da  haben  wir  beide  getrunken  Christi  Blut 3). 

Es  begegnet  mir  ein  Mann, 

Der  wird  mich  greifen  an. 

Er  mag  sein  Freund  oder  Feind, 

So  ist  Gott  Vater  mit  mir, 

Gottes  Sohn  mit  dir, 

So  wollen  wir  beide 

In  Frieden  und  Freuden 

Von  einander  scheiden. 

In  gleicher  Weise  spricht  der  einsame  W^auderer,  der 
einem  Unbekannten  begegnet,  bei  sich  den  folgenden 
Segen4): 

Reiter  (bei  einem  Fussgänger:  Held)  wohlgemut, 

Wir  haben  mit  einander  getrunken  Christi  Blut. 

Gott  im  Himmel  ist  mein  Hut, 

Der  Erdboden  ist   mein  Schuh. 

Grüss  dich  Gott,  Mann ! 

Stärker  als  Gott,  so  komm  und  greif  mich  an ; 

Du  kannst  mich  nicht  schiessen, 

Du  kannst  mich  nicht  stechen, 

Du  kannst  mich  nicht  hauen, 


*)  Zs.  d.  V.  f.  Volkskunde  10,  230  nr.  17. 

-)  Bartsch,  Sagen  aus  Meklenburg  2,  350. 

s)  Dies  soll  heissen:  wir  beide,  der  Gegner  und  ich,  sind  Christen.  — 
In  einem  Segen  csich  unsichtbar  zu  machen'  (Horst  2,  297  =  Grimm, 
Mythol.  4  3,  505,  nr.  51)  heisst  es:  'Gesegne  mich  Gott!  Ich  bin  wohl- 
gemut, Ich  habe  getrunken  Christi  Blut'. 

4)  Mitt.  d.  V.  f.  Gesch.  der  Deutschen  in  Böhmen  18,   158  f. 
Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  36 


,r)(',-_>  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Du  kannst  mich   nicht  schlagen; 

Denn  Gott  der  Herr  will  es  nicht  haben. 

Gott  der  Herr  ist  mit  mir, 

Gott  der  Sohn  ist  mit   dir, 

Gott  der  heilige  Geist  ist  zwischen  uns  beiden, 

Dass  wir  mit  Glück  und  Frieden  von  einander  scheiden. 

Verhexte   Menschen    und  Vieh  heilt  man  durch  einen 
Segen1),  in  dem  die  Zeilen  vorkommen: 

Der  Himmel  ist  ob  dir, 

Das  Erdreich  unter  dir, 

Du  bist  in  der  Mitten, 

Ich  segne  dich  vor  das  Verritten. 

Endlich  begegnet  die  Formel  im  ^amen-Jesiis  gebet  2)r 

Jesus  sei  mein  Weggesell, 
Der  Himmel  ist  mein  Hut, 
Die  p]rde  sei  mein  Schuh, 

und  im  'Geistlichen  Segen  und  Anrufung  der  heiligen  drei 
Könige'  (Gedruckt  zu  Landshut  an  der  Isar.  2  Blätter): 
'Heute  stehe  ich  auf  und  neige  mich  gegen  den  Tag  in 
meinem  Namen,  den  ich  empfangen  habe  .  .  .  Ich  trete 
über  das  Geschwell,  Jesus  f  Maria  f  Joseph  die  heiligen 
drei  Könige  Kaspar  f  Melchior  und  Balthasar  f  sind  meine 
"Weggesellen,  der  Himmel  ist  mein  Hut,  die  Erde  meine 
Sehn  h  e\ 


60.  Sehildwachtsbüeher. 

(Zeitschrift  für  deutsche  Kulturgeschichte  ST.  F.  4,  176.   1875.) 

In  Ergänzung  der  interessanten  Mitteilung  von  J.  Dornbusch 
über  die  Sehildwachtsbüeher  (Zeitschrift  4,  447 f.3)  mache 
ich  darauf  aufmerksam,  dass  eine  neue  Ausgabe  des  geistlichen 


')  Peter,  Volkstümliches  aus  Oesterreichisch-Schlesien  2,  230. 
Romanus-Büchlein   in  Scheibles  Kloster  3,  494.    Geistlicher  Schild  S.  162. 

2)  Zs.  f.  dtsch.  Mythologie  4,   136  (aus  dem  Frickthal). 

3)  [Solche  Bücher  erschienen  im  17.— 18.  Jahrhundert  zu  Köln, 
Mainz,  Trier  u.  a.  und  werden  noch  heute  im  Siegthal  gebraucht.  Ein 
Titel  schliesst:  'Cum  Licentia  Ord.  Cent.  Trev.  ibidem  An.  1647  impressum'. 


60.  Schildwachtsbücher.  563 

Schildes  noch  ganz  neuerdings,  nämlich  im  Jahre  1873.  bei 
Ensslin  und  J.aihlinin  Reutlingen  erschienen  ist  und,  gebunden 
und  in  einem  Futteral  steckend.  4  Neugroschen  kostet.  Das 
mir  vorliegende  Büchlein1)  hat  folgenden  Titel: 

Der  wahre  Geistliche  Schild,  so  vor  300  Jahren  von  dem 
heiligen  Papst  Leo  X.  bestätiget  worden,  wider  alle  gefährliche  böse 
Menschen  sowohl,  als  aller  Hexerei  und  Teut'elswerk  entgegengesetzt. 
Darinnen  sehr  kräftige  Segen  und  Gebete,  so  theils  von  Gott  offenhart, 
theils  von  der  Kirche  und  heiligen  Väter  (sie!)  gemacht  und  approbirt 
worden.  Nebst  einem  Anhang  heiliger  Segen,  zum  Gehrauch  frommer 
katholischer  Christen  um  in  allen  Gefahren,  worin  sowohl  Menschen  als 
Vieh  oft  gerathen,  gesichert  zu  sein.  Cum  Licentia  Orp.  (sie)  Cens. 
ibid.  An.  1647  impress.  Reading ,  hei  Louis  Ensslin.  Reutlingen,  bei 
Ensslin  und  Laiblin.     (Oline  Jahreszahl,  32°,  191  Seiten.) 

Die  Ausgabe  ist.  wie  schon  der  Titel  zeigt,  häutig  durch 
starke  Druckfehler,  die  vielleicht  schon  aus  älteren  Ausgaben 
stammen7  entstellt.  Einige  lateinische  Worte  und  Citate  sind 
ganz  besouders  misshandelt.  Die  Geistliche  Schildwacht  be- 
ginnt S.  106  und  hat  wunderlicher  AVeise  zwei  Titelblätter, 
S.  106  und   107,  welche  lauten: 


Der  wichtigste  Abschnitt  heisst:  'Geistliche  Schild-AVacht,  darinnen  der 
Mensch  sich  für  eine  jegliche  Stunde  sowohl  des  Tages  als  bei  der 
Nacht  einen  besondern  Patron  aus  den  Heiligen  Gottes  auserwählt'.] 

')  Ich  fand  es  in  dem  Börsenblatt  für  den  Deutschen  Buchhandel 
vom  3.  Okt.  1873,  nr.  229  unter  den  'erschienenen  Neuigkeiten'  ganz 
kurz  angezeigt  ('Schild,  der  wahre  geistliche')  und  liess  es  mir,  da 
es  mir  unbekannt  war,  kommen.  Gleichzeitig  mit  ihm  sind  in  derselben 
Nr.  des  Börsenblattes  noch  46  andere  neue  Verlagsartikel  derselben 
Handlung,  die  meisten  zu  den  Preisen  von  1  und  2  Ngr.,  angezeigt. 
Darunter  befinden  sich  bekannte  ältere  erzählende  Volksbücher,  wie  die 
schöne  Magelona ,  Genovefa,  Eulenspiegel,  Dr.  Eaust,  und  neuere  und 
neueste,  als  'Historie  von  des  Pfarrers  Tochter  zu  Taubenhain', 'Geschichte 
vom  Käthchen  von  Heilbronn  und  Grafen  Friedrich',  'Leben  und  Thaten 
des  berühmten  Räuberhauptmanns  Rinaldo  Rinaldini',  'Onkel  Tom's  Hütte', 
'Barbara  übryk,  die  eingemauerte  Nonne,  von  A.  Bitzius'  und  dgl. ; 
ferner  'das  Herz  des  Menschen  entweder  ein  Tempel  Gottes  oder  eine 
Werkstätte  des  Satans',  'die  Kunst  mit  Männern  glücklich  zu  sein'  und 
'die  Kunst  mit  Weibern  glücklich  zu  sein'  von  L.  v.  Knigge,  'Sybillen- 
Weissagungen','neucstesTrauiubucir,'derHausarzt','der  Deklamator'  u.  b.  w 

36* 


564  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Geistliche  Schild-Wacht,  darinnen  Einer  alle  Stund  einen  besondern 
Patron  erwählen  kann.  (Holzschnitt:  Maria  mit  dem  Christkind  auf  dem 
Schosse.)  CUSTODIA  ANGEL.  Mit  Erlaubniss  gedruckt  im  Jahr  1840.  (sie!) 
Geistliche  Schild-Wacht,  darinnen  der  Mensch  ihm  für  eine  jegliche 
Stunde,  sowohl  des  Tages  als  bei  der  Nacht,  einen  besondern  Patron 
aus  den  Heiligen  Gottes  erwählet.  Welchen  er  mit  einem  Gebetlein 
anrufet,  der  in  der  Stunde  seines  Absterbens  gleichsam  stehen  und 
wachen  wolle,  damit  er  nicht  von  arglistigen  Anfechtungen  des  bösen 
Feindes  überwunden   werde.     Gedruckt  im  Jahr  Christi  1841.  (sie!) 


61   Zur  Sator-Arepo-Formel. 

(Verhandlungen  der  Berliner  anthropologischen  Gesellschaft  1881, 
301—306.     Hinter  der  Zs.  f.  Ethnologie  13.) 

Zar  Ergänzung  der  in  diesen  Verhandlungen  1880, 
S.  42—45,  215  und  276,  und  1881,  S.  35,  85,  131  und 
162 — 67  [von  A.  Treichel  u.  a.]  gemachten  Mitteilungen 
lasse  ich  eine  Anzahl  Notizen  folgen,  die  ich  zum  grösseren 
Teil  selbst  gelegentlich  gesammelt  habe,  während  ich  die 
anderen  (nr.  1,  5,  7  und  16)  meinem  Freunde  Henri  Gaidoz 
in  Paris  verdanke. 

1.  Nach  einer  Mitteilung  im  Bulletin  de  la  Societe  na- 
tionale des  Antiquaires  de  France  1874,  pag.  152  findet  sich; 
in  Rochemaure  (Departement  de  l'Ardeche)  die  Inschrift 

SATOB 
A  R  E  P  0 
TENET 
OPERA 
R  O  T  A  S 

csur  un  marbre  au  -  dessus   de    la    chapelle    de    Saint  -  Lau 
rent,    sur   le  cöteau    au  nord  du  chäteau\    und    nach   einer 
weiteren   Mitteilung   in   dem   Bulletin    derselben    Gesellschaft 
1877,   pag.  143   findet  sich  dieselbe  Inschrift,    cmais   dont  la 
texte    est   dispose    en    sens   inverse\    in    Valbonnays    (Isere) 
Leider  ist  über  das  Alter  beider  Inschriften  nichts   bemerkt. 


61.  Zur  Sator-Arepo-Formel.  565 

2.  In    Cirencester,    dem    alten    Corinenm,    in    England, 

stehen  die  AVorte 

R  0  T  A  S 
OPERA 
T  E  N  E  T 
A  R  E  P  () 
SATOE 

'seratched   on   the  plaster  of  a  Roman  house'.    (C.  AV.  King, 
Early  Christian  Numismatics,   and   other  Antiquarian  Tracts, 

Loudon  1873,  pag.   187.) 

3.  Auf  dem  möglicherweise  dem  Ende  des  11.  Jahrhun- 
derts angehörenden  Mosaikboden   der  Pfarrkirche   von    Pieve 


Terzagni 


in  der  Nachbarschaft   von   Cremona 


befand 


sich  die  jetzt  in  Stücken  umher  liegende  mosaicierte  Inschrift 


s 

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(E.  aus'm  AVeerth,  Der  Mosaikboden  in  St.  Gereon  zu  Köln 
nebst  den  damit  verwandten  Mosaikböden  Italiens,  Bonn  1873, 
S.  20,  u.  Taf.  VII.)  ») 

4.    In    einer    vorzugsweise    Dichtungen     in     lateinischer 
Sprache  enthaltenden  Oxforder  Handschrift  aus  dem  13.  Jahr- 
hundert ist  auf   dem    Rande    einer  Seite  (Fol.  III,   verso) 
ich  weiss  nicht,    ob    von    einer  gleichzeitigen    oder    spateren 
Hand  —  geschrieben: 


')  Auf  Nr.  2  und  3  hat  S.  S.  Lewis  in  dem  Bulletin  de  la  Soci6te" 
des  Antiquaires  de  France  1875,  pag.  96  f.  hingewiesen. 


302 


:,.;.; 


Zum  Aberglauben   und  Volksbrauch. 


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(P.  Meyer,  Documents  manuscrits  de  l'ancienne  littera- 
ture  de  la  France  conserves  dans  les  Bibliotheques  de  la 
Grande-Bretagne,  I,  Paris  1871,  pag.  170.)1) 

5.  lu  einer  griechischen  Handschrift  der  Pariser  National- 
bibliothek 2511,  Fol.  60,  verso2),  liest  man  die  Formel  mit 
daneben  stehender  Übersetzung  also : 


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Tag 

O     O.TEtOdjy 


UOOTOOV, 


y.OUTFl 


■'-','"■ 


too/ov-; 


(Wescher  an  dem  oben  nr.   1   zuerst  angeführten  Orte.)  | 
303  <i.   In  einer  Müncliener  Handschrift  steht  auf  einem  leer 

gebliebeneu  Räume  einer  Seite  von  einer  Hand  des  15.  Jahn 
hunderts: 


!)  P.  Meyer  verweist  dazu  auf  L'Intermediaire  1866,  III,  ■"22. 
Daselbst  und  scbon  vorher  S.  476  stehen,  wie  mir  H.  Gaidoz  mitteilte, 
zwei  wunderbare  Erklärungen   der  Formel. 

2)  AVie  Hr.  Charles  Graux  meinem  Freunde  Gaidoz  auf  meine 
Frage  gütigst  mitgeteilt  hat,  ist  die  Handschrift  von  verschiedenen 
Händen  um  das  Ende  des  14.  oder  den  Anfang  des  15.  Jahrhunderts 
sreschrieben. 


61.  Zur  Sator-Arepo-Formel. 


5.17 


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Das  Nämliche  steht,  doch  ohne  die  senkrechten  Ab- 
teilungslinien, von  derselben  Hand  auf  einer  der  folgenden 
Seiten,  und  darunter  von  der  Hand  des  letzten  Besitzers  der 
Handschrift  (Ende  des  15.  Jahrhunderts) 

Sator  arepo 

tenet  opera 

rotas. 

(Karl  Roth,  Kleine  Beiträge  zur  deutschen  Sprach-,  Ge- 
schiehts-  und  Ortsforschung,  4.  Bdch.,  S.   192.) 

7.  M.  du  Choul,  dans  son  petit  ouvrage  intitule:  De 
varia  quercus  historia,  Lugduni  1555,  pag.  25  en  parlant  des 
anciens  magiciens  Gaulois,  indiqne  comme  excellent  febrifuge 
le  vers  suivant:  Sator  arepo  tenet  opera  rotas.3  Mr.  Vallot 
in  Compte-reudu  des  travaux  de  la  Commission  Departemen- 
tale des  Antiquites  de  la  Cöte  d'Or  du  10.  Aoüt  1841  au 
16.  Avril  1842,  pag.  XXI II,  in  Tome  II  der  Memoires  der 
genannten  Kommission.  (Hier  wird  die  Formel  also  gegen 
das  Fieber  angewandt.     Vgl.  oben  S.  1G4.) 

8.  Kristian  Frantz  Pauliini,  Zeit-kürtzenden  Erbaulichen 
Lust  Dritter  Theil,  Franckf.  a.  M.  1697.  S.  421  sagt:  So 
haben  die  Leichtgläubige,  vornemlich  zu  Erweckung  grosser 
Herrn  oder  Frauen  Gunst,  diese  Worte  an  einem  Zedel  oft 
angehängt,  welche  mau  hinten  und  forn  zur  Linck-  und 
Rechten  lesen  kan : 


568 


Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 


304 


sator 
arepo 
tenet 
opera 

rotas 


9.  In  dem  Romanus-Büchlein,  einer  bis  in  die  neueste 
Zeit  oft  gedruckten  und  viel  verbreiteten  Sammlung  von 
Segensprüchen,  von  der  ich  nicht  weiss,  wann  und  wo  sie 
zuerst  gedruckt  worden  ist,  kommt  die  Sator-Formel  zweimal 
vor.  Ich  citiere  den  Abdruck  des  Büchleins  in  Scheibles 
Kloster  3,  483—529. 

(S.  492.)  Eine  Kunst,  Feuer  zu  löschen  ohne  Wasser. 
Schreibe   folgende  Buchstaben   auf  eine  jede  Seite   eines 
Tellers    und   wirf    ihn    in    das    Feuer,    sogleich    wird    es   ge- 


duldig auslöschen. 


S  A  T  0  E. 
AREPO. 
TENET. 
O  P  E  E  A. 
E  0  T  A  S. 


(S.    500.)      Dem     Vieh    einzugeben     vor    Hexerei    und 


Teufelswerk. 


SATOR. 
u.  s.  \v. 


Auf  das  Romanus-Büchlein  sind  also  die  oben  S.  131 
mitgeteilten  Niederschriften  zurückzuführen. 

10.  Aus  dem  Romanus-Büchleiu  ist  cEine  Kunst,  Feuer 
zu  löschen  ohne  Wasser'  übergegangen  in  den  Anhang 
heiliger  Segen3,  welcher  das  mir  in  einem  Reutlinger  Druck 
aus  dem  Jahre  1873  vorliegende  Büchlein  lDer  wahre  geist- 
liche Schild3 1)  beschliesst  (S.  155 — 91)  und  eine  Auswahl 
aus  dem  Romanus-Büchlein   ist.     In   der  Formel   selbst   fehlt 


*)  Vgl.  über  dies  Bücblein  die  Zeitschrift  für  die  deutsche  My- 
thologie 4,  128  f.,  u.  136,  und  die  Zeitschrift  für  deutsche  Kulturge- 
schichte, neue  Folge  4,  447  f.  u.  776.     [Oben  S.  562] 


61.  Zur  Sator-Arepo-Formel. 


'>(',!  I 


iu  dem  Reutlinger,  überhaupt  sehr  t'elilerhaften  Druck  (S.  150) 
das  Wort  TENET. 

11.  Ebenso  wird  die  Sator-Formel  als  Feuerlöschmittel 
angegeben  von  F.  J.  Schild,  Der  Grossätti  aus  dem  Leber- 
berg, 2.  Bdch.,  Biel  1873,  S.  68  (auf  beide  Seiten  eines  Tellers 
geschrieben),  von  Montanus,  Die  deutschen  Volksfeste, 
Volksbräuche  und  deutscher  Volksglaube,  2.  Bdch..  Iserlohn 
1858.  S.  121  f.  (auf  eine  zinnerne  Schüssel  geschrieben)  und 
von  Pater  Amaud  Baumgarten  [in  Kremsmünster].  Aus  der 
volksmässigen  Überlieferung  der  Heimat  1,  23  [Sonderabdruck 
aus  den  Berichten  des  Landesmuseums  in  Linz  vom  Jahr 
1804]  (auf  eine  Scheibe  von  was  immer  für  einem  Materiale 
oder  auf  einen  Teller  geschrieben). 

12.  Nach  der  Mitteilung  F.  Sattlers  in  der  'Sagen- 
chrouik  von  Franken,  bearbeitet  von  A.  C.  Arnos3,  Stuttgart 
1861,  S.  92  glaubt  man  im  Schönbuch  in  Württemberg  in 
dem  Zauberspruch  Sator  u.  s.  w.  ein  Mittel  zu  haben,  'mit 
dem  man,  etwa  als  Amulet  am  Hals  getragen,  gegen  alle 
Hexereien  geschützt  ist5.  'Er  soll  von  einer  vornehmen,  aus 
Welschland  stammenden  Dame  herrühren,  welche  ihre  Wäsche 
frei  in  der  Luft  aufzuhängen  verstand'.1) 

13. 


s 

A 

T           0 

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])  Von  vielen  heiligen  3Iännern  und  Frauen  erzählt  die  Legende, 
dass  sie  Kleidungsstücke,  "Wäsche  und  Gerätschaften  in  der  Luft  oder 
an  den  Sonnenstrahlen  aufzuhängen  vermochten.  [Bolte,  Zs.  f.  vergl. 
Litteraturgesch.   11,  251   f.] 


,")T0  ^um  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

'Wenn  ein  Mensch  oder  Tier  von  einem  tollen  Hunde 
gebissen  ist,  so  wird  ihm  nebenstehender  Charakter  (Zettel 
305  mit  den  Buchstaben)  mit  irgend  etwas  (Brot  z.  B.)  |  in  eine 
Pille  geformt  eingegeben  ....  Dieser  Charakter  oder  Rezept 
ist  jedoch  uralt,  denn  er  ist  allgemein  unter  den  Scharf- 
richtern bekannt.  Man  hat  Bogen  voll  mit  solchen  quadrirteu 
Zettelchen,  und  verkauft  1  für  einen  Groschen.5  Dr.  Lux, 
Tierarzt  zu  Leipzig,  Der  Scharfrichter  nach  allen  seinen 
Beziehungen,  2.  Auflage,  Leipzig  1814,  S.  139. 

14.  G.  Brückner,  Landes-  und  Volkskunde  des  Fürsten- 
tums Reuss  j.  L.,  1.  Teil,  Gera  1870,  S.  176  führt  unter 
anderen  in  Reuss  bräuchlichen  Segen  auch  an :  'Hundswut- 
segen (auf  Papier  geschrieben  und  gegessen):  Sator  Arepo 
tenet  Opera  rotas.J 

15.  E.  aus'm  Weerth  a.  a.  0.  (s.  n.  nr.  4)  teilt  mit. 
dass  ihm  sein  Freund  H.  Otte,  der  ausgezeichnete  Kunst- 
archäolog,  der  bekanntlich  Pfarrer  in  Fröhden  bei  Jüterbog 
ist,  geschrieben  habe:  'Diese  Formel  wird  vom  hiesigen 
Landvolk    noch  jetzt   als  Mittel  gegen  Hundswnt   gebraucht.' 

16.  George  Gar  einer,  Travels  in  the  Inferior  of  Brazil, 
principally  through  the  Northern  Provinces,  and  the  Gold 
and  Diamond  Districts,  during  the  years  1836 — 1841,  Londou 
1846,  bespricht  S.  51  ff.  verschiedene  in  Brasilien  gegen  den 
Biss  giftiger  Schlangen  angewendete  Mittel  und  sagt  bei  dieser 
Gelegenheit  S.  52  f.:  cBut  the  most  extraordinary  method 
of  eure  which  I  have  ever  heard  of,  is  one  which  was  com- 
muuicated  to  nie  by  a  farmer  (Fazendeiro),  who  aecompauied 
me  to  Rio,  on  my  return  from  the  mountains.  Only  three 
<lays,  he  said,  before  he  left  his  estate,  one  of  his  oxen  was 
bitten  on  the  leg  by  a  Jararäca1),  but  having  immediately 
applied  his  remedy,  it  became  as  well  as  any  of  the  others 
before  he  quitted  home.  This  remedy  consists  of  the  follo- 
wing  well-known  Latin  acrostic,  or,  as  he  termed  them, 
magical  words: 


')    Eine  Schlangenart    (Bothrops  Neuwiedii,    Spix.).      Vgl.  (lardner 
pag.  49. 


61.  Zur  Sator-Arepo-Formel.  ,")71 

S.    A.  T.  O.  R. 

A.  R.  E.  1'.  o. 

T.   E.  N.  E.  T. 

Ü.  P.  E.  R.  A. 

n.  O.  T.  A.  s. 

Each  liiie  is  to  be  written  separately  oii  a  slip  of  paper, 
and  then  rolled  into  the  form  of  a  pill,  the  vvhole  live  to  be 
given  as  soon  as  possible  after  the  person  or  animal  has 
been  bitten." 

17.  J.  Lobe  in  seinem  Aufsatz  'Aberglaube  und  Volks- 
mittel ans  dem  Altenburgschen'  in  den  Mitteilungen  der 
Geschieht«-  und  Altertumsforschenden  Gesellschaft  des  Oster- 
landes  7  (Altenburg  1874),  S.  441  ff.  teilt  S.  447  ans 
einer  in  einem  Alten  burgischen  Dorfe  gefundenen  alteren 
Handschrift  die  dem  Romanus-Büchlein  wörtlich  entnommene 
cKunst  Feuer  zu  löschen"  mit  und  bemerkt  dann  weiter: 

'Diese  Buchstaben  auf  einen  Zettel  geschrieben  und  dem 
Vieh  eingegeben,  sollen  dasselbe  vor  Hexerei  behüten  und 
gegen  den  Biss  toller  Hunde  helfen.  In  Thüringen  werden 
diese  sinnlosen  Worte  auf  einen  Zettel  geschrieben  dem  Vieh 
auch  gegen   die  Kolik  eingegeben/ 

18.  'Wenn  eine  Kuli  gekalbt  hat,  so  muss  man  ihr 
gleich  die  Worte  eingeben:  Sator  Arepo  Tenet  Opera  Rotas." 
V.  Lämmer.  Volkstümliches  aus  dem  Saalthal,  Orlamünde 
187-s.  S.  44. 

19.  E.  L.  Rochholz  teilt  in  seiner  Sammlung  von  'Aar- 
gauer  Besegnungen3  in  der  Zeitschrift  für  deutsche  Mythologie 
und  Sittenkunde  4,  103  ff.,  aus  einer  Freienämter  Handschrift 
folgendes  mit  (S.   123): 

'Dass    der   wo   man    drifft,    under    den    andern    falt,    so    306 
falen   alle  zu  Boden    und   aber   man   muss   sie   ab  dem  Blatz 
schleipfen.     Schreib  diese  Buchstaben  in  deine  Hand  also: 

Sator  arepo  tenet  opera  rotas.3 

Wenn  Rochholz  dazu  bemerkt:  'Dieser  bekannte  ana- 
grammatische Zauberspruch  wird  bereits  dem  Beda  Venerab. 
1,    243   zugeschrieben",  so    ist  dies    ein    Irrtum:    denn   an  <\i'v 


572  Zum  Aberglauben   und  Volksbrauch. 

angeführten  Stelle  der  Werke  Bedas  (Colon.  Agr.  1612)  steht 
zwar  ein  lateinisches  'carmen  inversivum1,  aber  nicht  die 
Sator-Formel. 

20.  'Gegen  Hundswut  schreibt  man  auf  neun  Papiere 
fünf  Mal  den  Spruch  'sator  Arepo  tenet  opera  rotas',  und 
giebt  an  drei  Tagen  Morgens,  Mittags  und  Abends  dem  Ge- 
bissenen je  eins  dieser  Papiere  ein.3  —  'Man  trägt  als 
Amulett  [gegen  die  Rose]  ein  Zettelchen  mit  den  Worten: 
sator  Arepo  tenet  opera  rotas. D  F.  J.  "Wie  de  mann,  Aus 
dem  innern  und  äussern  Leben  der  Ehsten,  St.  Petersburg 
187(1.  S.  383  und  384. 

Die  an  mehreren  der  obigen,  von  mir  citierten  Stellen 
geäusserten,  zum  Teil  höchst  abenteuerlichen  Deutungsversuche 
der  Sator-Formel  mitzuteilen  und  zu  kritisieren  unterlasse  ich 
hier  und  bemerke  nur,  dass  meines  Erachtens  bis  jetzt  weiter 
nichts  feststeht,  als  dass  Sator,  Tenet,  Opera  und  Rotas  be- 
kannte lateinische  Wörter  sind,  Arepo  dagegen  nicht  lateinisch 
und  überhaupt  noch  nicht  befriedigend  gedeutet  ist.  — 

[Weitere  Nachweise  und  Deutungsversuche  findet  man 
in  den  Verh.  der  Berliner  anthropolog.  Gesellschaft  1881r 
258.  306.  1882,  264.  415.  509.  555.  1883,  247.  354.  535. 
1884,  GG.  1885,  397.  1886.  200.  249.  315.  1887,  67. 
W.  Schwartz,  Zs.  f.  Ethnologie  15,  113.  —  0.  Knoop,  Die 
Satorformel  in  Pommern;  Blätter  f.  pommersche  Volkskunde 
6,   155.     1898.] 


62.  Die  Zaeharias-Insehrift  zur  Abwehr  der  Pest 

(Yi'rhaiullungenuerBerliner  antliropologiscbenGesellscliaft  1885, 145 — 147.) 

S.  56  der  vorjährigen  Verhandlungen  hat  Hr.  A.  B.  Meyer- 
folgende  Inschrift,  die  er  von  einem  Brett  über  der  Hausthür 
eines  Wirtshauses  in  der  Pertisau  am  Achensee  in  Tirol  kopiert 
hat.  veröffentlicht: 

f  Z.  f  D.  I.  A.  f  B.  f  Z.  f  D-  I-  A.  f  B. 

|     Z.  f  S.  A.  B.  |    Z.  f  S.  A.  B.  f  Z.  H.  C. 

B.  f  B.  F.  R.  S. 


62.  Die  Zacharias-Inschrift  zur  Abwehr  der  Pc-r.  573 

Die  gewünschte  Aufklärung  über  diese  Inschrift,  die  Hr. 
Meyer,  wie  er  sagt,  bei  verschiedenen  Sprachforschern  und 
Archäologen  vergeblich  gesucht  hat,  möge   hier  folgen. 

Man  sieht  auf  den  ersten  Blick,  dass  die  Inschrift  in 
zwei  durch  einen  grösseren  Zwischenraum  getrennte  Teile, 
einen  linken  und  einen  rechten,  zerfällt,  und  man  bemerkt 
bald,  dass  rechts  erst  dieselben  Zeichen  und  Buchstaben 
stehen,  wie  links,  dann  aber  noch  andere  folgen,  die  rechts 
fehlen. 

Macht  man  nun  rechts  aus  dem  senkrechten  Strich  vor 
dem  zweiten  Z.  ein  I.  und  ändert  die  Buchstaben  Z.  H.  C.  B. 
in  Z.  f  H.  G.  F.,  so  hat  man  also  rechts  folgende  Kreuze  und 
Buchstaben: 

f  Z.  f  D.  I.  A.  f  B.  I.  Z.  f  S.  A.  B.  f  Z.  f  H.  G.  F.  f  B.  F.  R.  S. 

Es  sind  dies  jene  bekannten,  ich  weiss  nicht  ob  schon 
im  IB.,  jedenfalls  aber  seit  dem  17.  Jahrhundert  häufig  auf 
Kreuzen  und  Medaillen,  an  Glocken  und  an  Thüren  zur  Ab- 
wehr gegen  die  Pest  angebrachten  7  Kreuze  und  18  Buch- 
staben. Jeder  Buchstabe  ist  der  Anfangsbuchstabe  des  An- 
fangswortes eines  lateinischen  Satzes,  meistens  eines  Psalmen- 
verses oder  einer  anderen  Bibelstelle,  und  jedes  Kreuz  bedeutet 
Crux  und  ist  das  Anfangswort  eines  auf  das  Kreuz  bezüglichen 
Satzes.  Die  Zusammenstellung  dieser  Sätze  wird  gewöhnlich 
einem  Zacharias  zugeschrieben,  und  zwar  soll  dies  der  752 
gestorbene  Papst  oder  ein  Patriarch  oder  Bischof  von  Jerusalem 
gewesen  sein.  Es  wird  hier  genügen  mitzuteilen,  was  die 
beiden  ersten  Kreuze  und  die  vier  ersten  Buchstaben  be- 
deuten sollen. 

f  Crux  Christi,  salva  nie! 

Z.  Zelus  domus    tuae  liberet  me ! 

■{•  Crux  vincit,  Crux  regnat,  Crux  imperat.  Per  signuni  Crucis 
libera  me,  Domine! 

D.  Deus,  Deus  meus,  expelle  pestem  a  me  et  a  loco  isto;  libera  me! 
I.  In  manus  tuas,  Domine,  eommendo  spiritum  raeum,  cor  et  corpus 
meum.     (Luc.  23,  46.) 

A.  Ante  coelum  et  terram  Deus  erat,  et  Deus  potens  est,  ab  hac 
peste  me  liberare. 


,",74  Zum  Aberglauben  und   Volksbrauch. 

Wer  die  Bedeutung  der  übrigen  Kreuze  und  Buchstaben 
wissen  will,  findet  sie  in  des  Paters  Laurenz  Hecht  Büchlein 
'Der  St.  Benedikts-Pfennig5  (Einsiedeln  und  New  York  1858) 
S.  19  ff.,  und  in  einem  interessanten  Aufsatz  'Buchstaben 
zur  Abwehr  der  Pest'  von  -bis.  Pohl  in  der  Monatsschrift 
für  die  Geschichte  Westdeutschlands,  7.  Jahrg.,  Trier  1881, 
S.  -270—80.  | 
146  Man  vergleiche  ausserdem  noch   über  diese  Inschrift  und 

ihr  Vorkommen  des  berühmten  .Jesuiten  Athanasius  Kircher 
Scrutinium  physico-medicum  contagiosae  luis,  quae  dicitur 
Pestis.  Lipsiae  1659,  p.  332  f.1),  und  Richard  Peinlichs 
Geschichte  der  Pest  in  Steiermark,  Graz  1877 — 78  1,  371  und 
2.  524 — 30.  Letzterer  verweist  2.  527  auf  das  Archiv  für 
vaterländische  Geschichte  und  Topographie  in  Kärnten  10, 
S.  219,  und  auf  J.  P.  Beierlein,  Oberbayrisches  Archiv  für 
vaterländ.  Geschichte.  17.  Bd.,  I.  1857,  S.  42.  welche  Citate 
ich  leider  nicht  nachsehen  kann. 

Noch  folgende  zerstreute  Beispiele  für  das  Vorkommen 
der  Zacharias-Inschrift,  die  ich  gelegentlich  gefunden  habe, 
schien  hier  mitgeteilt. 

Aus  L.  Pfeiffers  und  C.  Rulands  Pestilentia  in 
nummis,  Tübingen  1882,  S.  105,  nr.  298  [vgl.  deren  Abh. 
"Die  deutschen  Pestamulete ]  ersehe  ich,  dass  es  einen  ovalen 
Pestpfennig  der  Sebastianskirche  am  Anger  zu  München  vom 
Jahr  1G37  giebt,  der  also  beschrieben   ist: 

Avers:  Ein  Kreuz  mit  einer  Schlange,  aufweiche  Moses 
deutet,  vorn  liegen  drei  Tote.  Hinten  München.  Im  Abschnitt: 
MONACHIÜM.  Umschrift:  f  Z  f  D.  I.  A  f  B.  I.  Z  f  S. 
A.  B.  t  Z  f  H.  G.  F  t  B.  F.  R.  S. 


J)  'Hoc    est  Bagfc  Kircher  —  celebre    illud    amuletum    contra 

pestem,  quod  a  nescio  quo  Graeco  Archiepiscopo  tanquam  sacrosanctum 
et  mirificae  virtutis  arcanum  evulgatum  ajunt,  quod  quicunque  porta- 
verit,  illum  infallibili  divinae  gratiae  proteetione  ab  omni  pestifero  af- 
Haru  immunen]  futurum,  perperam  sibi  persuadent.'  —  Der  drittletzte 
Buchstabe  ist  bei  Kircher  nicht  ein  F,  sondern  ein  E,  was  wohl  nur 
Druckfehler  i-t. 


62.  Die  Zaeharias-Insi'hrit't   zur  Abwehr  der    Pest. 


575 


i 
Z 


D 


D 
I 


Revers:  Zwei  stehende  Heilige,  zwischen  ilinen  ein  Be- 
nedictus-Schild.  Oben  das  Auge  Gottes.  S.  SEBASTIANE 
(».  P.  N.  —  S.  ROCHE  0.  P.  N. 

Nach  Alex.  Schultz,  Inschriften  und  Hauserzeichen  der 
Stadt  Glogau  (im  Programm  des  Königl.  Evangelischen  Gym- 

nasiums    zu    (iross- 

Glogau,  Ostern  1875; 
S.  41  findet  sich  an 
dem  Hause  Kupfer- 
schmiedestr.  nr.  !) 
'über  dem  Purtale 
nach  rechts  (das  Ge- 
bäude ist  eines  der 
ältesten  Glogaus)' 
das  nebenstehende 
Kreuz. 

A.  Schultz  be- 
merkt dazu  noch : 
'Dieses  Kreuz.  Pest- 
kreuz hier  genannt, 
befindet  sich  in  läng- 
lich viereckiger  Ein- 
fassung. Es  ist 
schwarz  mit  gelben 
Rändern,  die  Buch- 


H     G     F     l       Z       BEB 


S 


s 

A 
B 

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Z 


staben    und  Kreuze    darin   sind  gelb  (früher  vielleicht  Gold). 
Trotz  aller  Nachfragen    ist  eine  Deutung   der  Buchstaben 
noch  nicht  erlangt  worden." 

Auf  diesem  Kreuze  haben  sich  einige  Fehler  eingeschlichen: 
ein  D  (statt  B)  auf  dem  Kreuzesstamm  und  auf  dem  zweiten 
Querbalken  ein  1  (statt  f)  und  BS  (statt  RS). 

Endlich  habe  ich  noch  zu  erwähnen,  dass  J.  Lobe  in 
den  '.Mitteilungen  der  Geschieh  ts-  und  Altertumsforschenden 
Gesellschaft  des  Osterlandes',  Bd.  7,  Alten-  |  bürg  1874;  S.  457  147 
am  Schlüsse  einer  Anzahl  von  Segensprüchen  und  Volks- 
mitteln  'aus  dem  Altenburgschen1  umstehendes  Kreuz  unter 
der  Überschrift  'Ein  Feuersegen5  giebt. 


Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 


Dazu  bemerkt  J.  Lobe:  'Dieser  Feuersegeu  wurde  ge- 
funden 1846  beim  Neubau  eines  Hauses  in  Roda  in  einer 
Thürpfoste  steckend,    in   einem    dazu    gebohrten    Loche,  das 


mit  einem  ZapteD 
verkeilt  war ;  das 
Haus  war  angeblich 
über  200  Jahr  alt.5 

Die  Bezeichnung 
dieses  Kreuzes  als 
Feuersegen  ist  natür- 
lich nur  eine  irrige 
Vermutung. 

Auch  auf  diesem 
Kreuze  ist  die  In- 
schrift nicht  ohne 
Fehler.  Man  muss 
BIZ  lesen  statt  Bf 
Z.  HG  Ff  statt  H 
S  F  I  und  B  F  R  S 
statt  BERG. 

Solche  Fehler 
sind  sehr  begreiflich, 
wenn  man  bedenkt, 
dass  die  Bedeutung 
der  einzelnen  Buch- 
staben und  Kreuze 
nur  sehr  wenig  be- 
kannt gewesen  sein 
wird. 


* 

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B 

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H     i 

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BERG 

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B 

t 

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7 

L 

V 


Weimar,    11.  April  1885. 


63.  Die  Ananisapta-lnschrift.  ,">77 

63.  Die  Ananisapta-lnschrift. 

(Aus  dem  Nachlasse  zusammengestellt.) 

In  einem  Briefe  vom  31. Dezember]  794  bespricht  Goethe1) 
einen  nicht  lange  zuvor  in  Basel  ausgegrabenen  Goldring,  den 
er  von  dem  Holländer  K.  M.  van  Goens  zum  Geschenk  er- 
halten hatte  and  bringt  dessen  rätselhafte  Inschrift  mit  der 
Sekte  der  Wiedertäufer  in  Verbindung.  Auf  der  äusseren 
Seite  standen  nämlich  die  Buchstaben:  C  f  S  f  E  f  C  f  M  f  B 
t  T  f  T  f  G  f  M  f;  auf  der  inneren:  f  ANA  f  NISABTA  f  N  f 
I  f  R  f  I  f.  Goethe  hätte  aber  das  Wort  cAnanisabtaD  wohl 
uicht  als  ein  Anagramm  von  cAnaba[pt]ista:i  aufgefasst,  wenn 
er  die  häufige  Verwendung  dieses  Wortes  auf  Amuletten  älterer 
Zeit  gekannt  hätte. 

So  ward  1887  in  der  englischen  Society  of  Antiquaries2) 
ein  bei  Hornsea  gefundener  Goldring  vorgelegt,  der  die  ein- 
gravierten Gestalten  der  Dreieinigkeit,  des  h.  Georg  und 
Christoph  und  der  Jungfrau  Maria  mit  dem  Jesuskinde  zeigte 
und  folgende  Inschrift  trug:  f  gut  f  got  f  hunuyu  f  ananazapta. 
Die  Entstehungszeit  wird  auf  etwa  1400  angegeben.  —  In 
einem  lateinischen  Segen  'contra  pestilenciam',  den  J.  Werner 
in  der  Alemannia  16,  '237  aus  einer  Züricher  Handschrift  mit- 
teilt, begegnet  gleichfalls  das  Wort :  f  Ananam  sapta  f  Jesus 
y  Nazarenus  f  Rex  f  Judeorum  f.  Auch  Johann  Weyer3) 
(1515 — 1588)  erwähnt  diese  Zauberformel  auf  Riugeu  und 
bringt  folgende   Verse  bei: 

Ananisapta   ferit  mortem,  quae  laedere  quaerit. 
Est  mala  mors  capta,  dum  dicitur  ananisapta. 
Ananisapta  Dei,  jam  miserere  mei. 

Eiue  Deutung  des  dunklen  Wortes  hat  Otte  (Handbuch 
der    kirchlichen    Kunstarchäologie    1,    400.    1883)    versucht. 


1)  Goethes  Briefe   10,  223  nr.  3115  (Weimar  1892);  vorher  gedruckt 

von  Campbell,  De  nederlandsche  Spectator  1874,  402  f.  Die  Buch- 
staben N  f  I  f  R  f  I  sind  offenbar  aus  der  Überschrift  des  Kreuzes 
Christi  (I.  N.  R.  I)  entstellt,  deren  Verwendung-  zu  abergläubischen 
Zwecken  Luther  (Werke,  Erlanger  Ausg.  46,  8)  erwähnt. 

2)  Athenaeum   1887,  707  (May  28). 

3)  J.  Wieri  Opera  omnia  1659,  p.  381. 

Köhler,  Kl  Schriften.   III.  37 


578  Zum  Aberglauben  und  Yolksbrauch. 

indem  er  auf  den  alttestameatlicheD  Namen  cAnani3  (1.  Chron. 

3,  24),  der  von  jüdischen  Gelehrten  als  Bezeichnung  des 
Messias  aufgefasst  und  im  Buche  Daniel  7,  13  wiedergefunden 
wurde1),  und  das  sauskrit.  Zahlwort  sapta  =  7  hinwies. 
Wahrscheinlicher  als  diese  etwas  abenteuerliche  Deutung 
klingt  die  Erläuterung,  die  sich  auf  einem  Gemälde  des 
L5.  Jahrhunderts  im  Kelleramtsgebäude  zu  Meran  findet.2) 
Hier  steht  auf  der  Thür  der  Sakristei  das  Wort  ANANISAPTA, 
dazu  auf  mehreren  von  Engeln  gehaltenen  Schriftbändern  die 
Erklärung:  cAntidotum  Nazareni  Aufert  Necem  Intoxicationis, 
Sanctificat  Alimenta  Poculaque  Trinitas  Alma.'  Die  in  der 
Sakristei  aufbewahrten  kirchlichen  Geräte  also,  aus  denen  Leib 
und  Blut  Christi  gespendet  wird,  sollen  die  Gläubigen  vor 
dem  Tode  durch  das  Gift  der  Höllenschlange  retten. 


Einen  verderbten  lateinischen  Segen  (Am  Urquell  1, 
187.  1890)  deutet  R.  Köhler  (ebd.  2,  27.  1891)  auf  Psalm 
35,  7 — 8:  'Homines  et  iumenta  salvabis  Domine,  quemadmodum 
multiplicasti  misericordiam  tuain,  Dens.  Filii  autem  hominum 
in  tegmine  alarum  tuarum  sperabunt.' 


64.  Le  Diable  et  les  Rognures  d'ongles. 

(Melusine   1,  549.    1878.) 

F.  J.  Wiedemann  raconte  ce  qui  suit  ä  la  page  491 
de  son  livre :  'Aus  dem  inneren  und  äusseren  Leben  der 
Ehsteii",  Saint  -  Petersbourg  1876:  'Lorsqu'on  se  coupe  les 
ongles  aux  doigts  de  la  main  ou  du  pied.  on  doit  les  cacher 
dans  le  sein,  si  Ton  ne  veut  pas  encourir  de  responsabilite 
au  jonr  du  jugement.     Si  on  les  jette  ä   terre.   le  diable  les 


1)  Chr.  Schöttgen,  Jesus  der  wahre  Messias,  aus  der  alten  und 
reinen  jüdischen  Theologie  dargethan  1748,  S.  122.  484. 

-)  E.  v.  Sacken,  Mitt.  d.  k.  k.  Centralkommission  1,  42  (1856).  W.  0.,. 
Deutsche  Haussprüche  aus  Tirol  1871,  S.  40.  J.  Zingerle,  Zs.  d.  V.  f. 
Volkskunde  1,  104  (zu  Hörmann,  Haussprüche  1890,  S.  12).  Xotes  and 
Qui  ries  6.  ser.  12,  322  (1885). 


64.  Le   diable  et  les  rognures  il'oiiu.1'- -  ,'iT!' 

raraas.se  et  s'en  fait  ane  visiere  a  sod  couvre-chef  (Mützen- 
schirm), et  quand  celle-ci  est  bien  duemeut  recoinpusre. 
il  a  de  aouveau tout pouvoir de  auire  auxhommes.  Cependant 
ii  Idii  fait  lc  signe  de  la  croix  sur  les  rognures  avant  de 
les  jeter  ä  terre,  le  diable  ne  peut  s'  en  servir.'1) 

Schiefner,  «laus  le  Bulletin  de  l'Academie  Imperiale 
des  Sciences  de  Saint-Petersbourg  2,  292  (1860),  dit  que  de 
meine  les  Lithuaniens,  en  Samogitie,  craignent  que  le  diable 
ne  puisse  ramasser  les  rognures  d'ongles  jetees  a  terre,  et 
Ben  faire  un  chapeau:  et,  dans  cette  crainte,  ils  se  gardent 
de  les  jeter.  mais  les  conservent  sur  eux.' 

Un  pendant  ä  cette  croyance  se  trouve  encore  ä  une 
Brande  distance  de  la  Lithuanie  et  de  l'Ehstonie.  Daus  un 
conte  basque  (Webster,  Basque-Legends.  London  1877,  p. 
11—72),  un  inconnu  öftre  de  donner  ä  uu  pauvre  horaiue 
tutant  d'argent  qu'il  eu  voudra  recevoir,  si  celui-ci,  au 
■out  de  lau.  lui  dit  avec  quoi  le  diable  fait  son  calice  ou 
sa  coupe;  sinon  sou  ame  appartiendrait  au  demon.  Le  pauvre 
lomme  accepte  l'offre,  et  peu  avant  que  l'annee  soit  ecoulee, 
il  surprend  pendant  la  nuit  ä  un  carrefour  un  entretien  de 
lorcieres,  et  apprend  par  (dies  que  le  diable  fait  son  calice 
ou  sa  coupe  des  rognures  d'ongles  que  les  chretiens  se  sont 
coupes  les  dimanches. 

Peut-etre  trouvera-t-ou  quelques faitsqui  signalerout  coiurae 
I  existaut  sur  d'  autres  points  la  croyance  que  le  diable  ramasse 


')  Comparez  encore  ä  ce  recit  J.  W.  Boeder.  Der  Ehsten  aber- 
Räubisehe  Gebräuche,  Weisen  und  Gewohnheiten,  mit  auf  die  Gegenwart 
Bezüglichen  Anmerkungen  beleuchtet  von  Fr.  R.  Kreutzwald,  Saint- 
Betersburg  1854,  p.  139.  Kreutzwald  y  rapporte  que  l'on  fait  avec  le 
couteau  sur  les  rognures  le  signe  de  la  croix,  avant  de  les  jeter;  sans 
quoi  le  diable;  dit-on,  s'en  fait  des  visieres.  Au  chant  XIII  et  XIV 
du  poeme  ehstonien  de  Kalewipoeg,  il  est  question  d'un  chapeau  qui 
est  dans  la  nossession  du  diable,  mais  ((iie  Kalewipoeg  reussit  a  bruler, 
qui  est  fait  de  rognures  d'ongles  et  qui  a  la  vertu  d'accomplir  tous  les 
Toeux  t'onnes.  Dans  un  conte  ehstonien,  nous  rencontrons  encore  un 
cliapeau  fait  de  ces  rognures,  qui  est  en  la  possession  de  aains  ei  <\u\ 
Kommunique  a  ceux  qui  le  mettent  la  faculte  de  voir  tous  les  objects 
de  pres  et  de  loin,  visibles  et  invisibles  (Kreutzwald.  Ehstnische  Märchen, 
übersetzt  von  F.  Loewe.     Halle  1869.  p.  141   et  suiv.i. 

37* 


580  ^um  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

les  rognures    d'ongles  que  les   hommes  ont  jetees,    et  qu'il 
s'en  sert  pour  quelque  usage  et  machination. 

[A.  Birrcher,  Das  Frickthal  (Aarau  1859)  S.  59  erzählt. 
wie  einst  ein  Fremder  in  Sulz  seine  Nägelschnitzel  sorgsam 
in  Papier  wickelte  und  ins  Küchenfeuer  warf,  weil  er  sie 
sonst  nach  dem  Tode  wieder  suchen  müsse.  —  Ebenso  be- 
richtet Jos.  R.  Ehrlich  (aus  Brody),  Der  Weg  meines  Lebens, 
Erinnerungen  eines  ehemaligen  Chassiden  (Wien  1874)  S.  17, 
dass  einige  Meissini,  d.  h.  Verstorbene,  mit  einem  Holzbündel 
beladen  herumgehen  und  die  Nägel  suchen,  die  sie  sich 
während  des  Lebens  abgeschnitten,  aber  nicht  dem  Gesetze 
gemäss  verbrannt  haben.  —  Zarathustra  gebietet  im  Vendidäd 
17,  9  (Geldner,  Zs.  f.  vergl.  Spracht*.  24,  555)  seinen  An- 
hängern, die  abgeschnittenen  Nägel  sorgfältig  zu  vergraben 
und  dazu  folgende  Formel  zu  sprechen:  cDir,  o  Vogel  Ashözusta 
(Freund  des  Frommen),  biete  ich  diese  Nägel  an;  dir  überlasse 
ich  diese  Nägel.  Diese  Nägel,  o  Vogel  Ashözusta,  sollen 
deine  Lanzen  und  Schwerter  und  Bogen  und  schnellbefiederten 
Pfeile  und  Schleudersteine  wider  die  mazanischen  Teufel  sein.' 
Denn  wenn  man  diese  Nägel  nicht  dem  Vogel  überlässt,  so 
werden  sie  den  mazanischen  Teufeln  Lanzen  und  Schwerter 
und  Bogen  und  Pfeile  und  Schleudersteine.  —  Aus  Furcht 
vor  Zauberei  werden  die  Nägel  vergraben  in  Mekka:  Voyages 
d'Ali  bey  el  Albassi  en  Afrique  et  en  Asie  2,  411.  1814. 
—  Verbrannt  oder  vergraben  in  Guinea:  Ellis,  The  Ewe- 
speaking  peoples  1890,  p.  99.  159  f.  —  Verbrannt:  Sauve, 
Folk-lore  des  Hautes-Vosges  p.  170.  Vor  den  Hühnern 
verwahrt:  Carnoy  et  Nicolaides,  Trad.  pop.  de  l'Asie  Mineure 
1889,  p.  341.  —  Vom  altrömischen  Flamen  Dialis  erzählt 
Fabius  Pictor  (bei  Gellius,  Noctes  Atticae  10,  15):  "Unguium 
Dialis  et  capilli  segmina  subter  arborem  felicem  terra i 
operiuntur.'1)] 


')  [Die  letzten  fünf  Stellen  sind  aus  der  Zusammenstellung  'Les 
ongles'  in  der  Kevue  des  trad.  pop.  9,  252.  12,  410.  9,  703.  10,  603. 
8,  376  entlehnt.] 


65.  Der  weisse,  der  rote  und  der  schwarze  Halm.  58 J 

65.   Der  weisse,  der  rote  und  der  schwarze 

Hahn. 

(Germania   11,  So— 92.  1866.) 

Es  ist  ein  alter  und  weitverbreiteter  Glaube,  dass  (lei- 
den Tagesanbruch  verkündende  Hahnenschrei  allen  nächt- 
lichen Spuk,  alles  Dämonische  verscheucht  (siehe  P.  Cassel, 
Eddische  Studien  1.53 — 57.  [Spiegel,  Avesta  §52  zu  Vendidäd 
18,  30.  Kohut.  Über  die  jüdische  Angelologie  S.  51.  Tschisch- 
witz.  Nachklänge  german.  Mythe  1865,  S.  74]).  'Der  Hahnen- 
schrei, sagt  Clemens  Brentano  (Gründung  Prags  8.  419),  'ist 
den  wandelnden  Geistern,  was  den  Soldaten  der  Zapfenstreich,  | 
sie  müssen  dann  nach  Haus  gehen."  Und  wer  erinnert  sich  86 
nicht  der  Worte  Shakespeares  im  Hamlet? 

I   have  heard, 
The  coek,  that  is  the  trumpet  to  the  raorn, 
Doth  with  his  lofTy  and  shrill-BOunding  throat 
Awake  the  god  of  dar;  and,  at  his  warning, 
Whether  in  sea  or  fire,  in  earth  or   air, 
Th'  extravagant  and  erring  spirit  Ines 
To  his  eontine. 

Während  aber  nach  der  gewöhnlichen  Annahme  der  erste 
Schrei  des  ersten  besten  Hahnes,  den  Teufel  oder  Gespenster 
gerade  hören,  sie  vertreibt,  geht  aus  den  folgenden  Stellen, 
die  meines  Wissens  von  mir  zum  erstenmal  zusammengestellt 
sind,  noch  ein  besonderer  Glaube  hervor.  Hiernach  verkünden 
drei  (in  einigen  Überlieferungen  auch  nur  zwei)  durch  die 
Farbe  unterschiedene  Hähne  den  Dämonen  und  Gespenstern 
den  Morgen,  und  erst  beim  Krähen  des  dritten  (oder  des 
zweiten)  Halmes  verschwinden  dieselben.  Wo  drei  Hähne 
vorkommen,  sind  es  immer  ein  weisser,  ein  roter  und  ein 
schwarzer;  ihre  Aufeinanderfolge  ist  aber  nicht  immer 
dieselbe.  Wo  nur  zwei  Hähne  vorkommen,  fehlt  eben  eine 
der  drei   Farben. 

Die  von  mir  gesammelten  Stellen  sind  die  folgenden: 
Von  der  sog.  Teufelsbrücke,  einer  höchst  wahrscheinlich 
künstlich  hergestellten  Landzunge  im  Gablenbecker  See  süd- 


582  ^um  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Östlich  von  Friedland,  erzählt  eine  Sage  (Niederhöffer,  Meck- 
lenburgs Volkssagen  3,  29  [Bartsch  1,  400]):  Der  Teufel 
erschien  einst  des  Nachts  einem  Schäfer  und  versprach  ihm 
noch  in  derselben  Nacht  eine  Brücke  über  den  See  zu  bauen, 
wofür  ihm  der  Schäfer,  wenn  der  Bau  vor  dem  dritten  Hahnen- 
schrei fertig  sei,  seine  Seele  verschreiben  sollte.  Der  Schäfer 
ging  darauf  ein  und  der  Teufel  machte  sich  rasch  ans  Werk. 
Bald  aber  ergriff  den  Schäfer  Reue,  doch  der  Bau  war  schon 
weit  vorgeschritten  und  der  Morgen  noch  fern.  Da  weckte 
er  seinen  Hahn  und  warf  ihm  dreimal  Hafer  vor,  so  dass  der 
Hahn  dreimal  in  Zwischenräumen  krähte.  Als  der  Teufel  den 
ersten  Hahnenschrei  hörte,  rief  er  höhnisch : 

Dat  is  de  witt , 

dat  is  so  vel  as  wenn  der  Hund  schitt! 

Beim  zweiten  rief  er  ärgerlich: 

Dat  is  de  r  u  h  d\ 

dat  geht  mi  durch'  t  Blood ! 

Beim  dritten  aber  rief  er  wütend:') 

Dat  is  de  swart', 

dat  geht  mi  dörch  't  Hart! 

Hess  alles  stehen  und  liegen  und  fuhr  von  dannen.  —  [Das 
Gleiche  wird  nach  Baumgarten  (Aus  der  volkstümlichen  Über- 
lieferung 2,  42  =  Linzer  Musealberichte  24,  118)  von  der 
Teufelsbruckmühle  au  der  kleinen  Michel  berichtet,  nur 
lauten  die  Rufe  des  bauenden  Teufels  hier:  'Weisser  Hahn, 
weisser  Hahn,  geht  mich  nix  an";  dann:  'Roter  Hahn,  toter 
HahnJ;  und  schliesslich:  'Schwarzer  Hahn,  schwarzer  Hahn, 
jetzt  muss  ich  davon".  —  Strackerjan,  Aberglauben  aus 
Oldenburg  1,    245.  Nach    Hurt,    Beiträge    zur    Kenntnis 

estnischer  Sagen  S.  27  kann  nur  ein  schwarzer  oder  roter 
Hahn  den  Juudas  sehen  und  durch  sein  Krähen  verscheuchen; 
ein  bunter  oder  weisser  Hahn  sieht  ihn  nicht.] 

Von  der  Teufelsmauer  bei  Hohenfurt  au  der  Moldau 
(Vernaleken,  Mythen  und  Bräuche  des  Volkes  in  Österreich 
S.  370)  geht  die  Sage:  Der  Teufel  wollte  das  Wasser  auf 
das  Kloster  hinleiten,  und  auf  einem  Teufelsstein  sitzend, 
trieb    er    die    Arbeiter    an.      Das    Krähen    eines    weissen 


65.  Der  weisse,  der  rote  und  der  schwarze  Halm.  ,'>>;; 

Haiines  machte  keine  Unterbrechung.  Da  krähte  ein  roter 
Halm,  und  der  Teufel  sagte:  'Roter  Halm,  toter  Halm!'  und 
hiess  sie  eilen.  Endlich  krähte  ein  seh  warzer;  da  sagte 
er:  'Schwarzer  Hahn.  Himmelsbahn !3    und  alle    liefen    davon. 

Von  der  Teufelswand  bei  Langeck  an  der  Donau  (Ver- 
naleken  a.  a.  0.  369)  wird  erzählt:  Der  Teufel  wollte  die 
Donau  anschwellen,  und  als  er  zu  dem  Zweck  die  Mauer 
aufführte,  krähte  ein  weisser  Hahn  dreimal,  und  am  andern 
Tag  ein  schwarzer.  Der  Teufel  sagte,  er  höre  nicht  eher 
auf,  als  bis  ein  roter  Hahn  krähe.  Da  erschien  am  dritten 
Tag  ein  roter  Hahn  auf  der  Spitze  des  Kirchturms  von  St. 
Johann  und  krähte  dreimal.  Nun  musste  der  Teufel  auf- 
hören. Voll  Zorn  schoss  er  nach  dem  Hahne,  der  noch  am 
Turme  zu  sehen  ist.  Dass  in  dieser  Sage  die  drei  Hähne 
an  drei  verschiedeneu  Tagen  krähen,  ist  wohl  Entstellung: 
wahrscheinlich  haben  sie  ursprünglich  in  einer  und  derselben 
Nacht  gekräht. 

Nach  einer  neugriechischen  Sage  (J.  G.  von  Halm, 
Griechische  und  albanesische  Märchen  2,  82)  kommen 
Neraiden  Nachts  auf  eine  Tenne  und  tanzen,  bis  bei  Tages- 
anbruch die  Hähne  krähen.  Zuerst  kräht  der  weisse  Hahn: 
da  sprechen  sie  zu  einauder:  cEs  ist  der  weisse,  der  mag 
krähen!'  und  tanzen  weiter.  Darauf  kräht  der  rote  und  sie 
sprechen:  cEs  ist  der  rote,  der  mag  krähen!"  und  tanzen 
weiter.  Endlich  kräht  der  schwarze;  da  rufen  sie:  Motzt 
ist  es  Zeit,  unsere  Flügel  zu  nehmen  und  aufzubrechen  !'  und 
fliegen  weg. 

In  einem  griechischen  Märchen  (v.  Hahn  1,  210)  wird  von 
einer  nächtlichen  Versammlung  der  Teufel  unter  einem  Baum 
erzählt.  'Da  krähte  der  weisse  Hahn,  und  alsbald  rüsteten 
sich  die  Teufel  zum  Abzug:  darauf  krähte  der  schwarze 
Hahn,  und  nun  gingen  sie  auseinander,  und  indem  fieng  es 
au  zu  tagen."  Hier  fehlt  also  der  rote  Hahn.  Ebenso  er- 
scheinen nur  der  weisse  und  der  schwarze  Hahn  in  einem 
griechischen  Elfenmärchen  (v.  Halm  2,  79),  wo  Elfen  ein  auf 
einem  Maultier  reitendes  Mädchen  verfolgen.     'Lud  so  oft  der 


584  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

schwarze    Hahn     krähte    wichen    sie    vom    Maultier    zurück, 
und  so  oft  der  weisse  krähte,  kamen  sie  wieder  heran/ 
88  Die  drei  Hähne  finden  sich  ferner  in   alten    dänischen 

Volksliedern.  Erstlich  in  mehreren  Bearbeitungen  des  Liedes 
von  der  toten  Mutter,  welche  eines  Nachts  ihr  Grab  verlässt 
und  zu  ihrem  wieder  verheirateten  Gatten  geht  und  ihm  die 
schlechte  Behandlung  ihrer  Kinder  durch  die  Stiefmutter  vor- 
hält (Svend  Grundtvig,  Danmarks  gamle  Folkeviser  nr.  89). 
In  einer  Bearbeitung  (Grundtvig  2,  479)  schliesst  die  Tote 
ihre  Rede  an  ihren  Gatten  mit  den  Worten: 

Nu  gaaller  Haanen  den  suorte: 
saa  snarlig  mae  ieg  buorte. 
Nu  gaaller  Haanen  den  rcedde : 
tillGraffuestundder  alle  dyDoedde. 
Nu   gaaller  Haanen  den  huidde: 
ieg  maa  nu  icke  lenger  biidde. 

In  einer  andern  (Grundtvig  S.  488): 

Og  nu  galer  Hanen  den  sorte ; 
nu  aabnes  Himmelriges  Porte. 
Og  nu  galer  Hanen  den  roede: 
til  Jorden  skal  alle  de  Doede. 
Og  nu  galer  Hanen  den  hvide; 
nu  maa  de  Doede  ej  lsenger  bide. 

In  einer  dritten  (S.  487): 

Nu  galer  Hanen  den  roede 
til  Jorden  skal  alle  de  Doede. 
Nu  galer  Hanen  den  sorte: 
nu  aabnes  Himmeriges  Porte. 
Xu  galer  Hanen  den  hvide: 
jeg  kan  ej  lsenger  bide. 

Endlich  in  einer  vierten  (S.  486)  : 

Og  nu  gal  Hanen  den  sorte : 
nu  aabnes  Himmelens  Porte. 
Og  nu  gal  Hanen  den  hvide: 
fra  Jorden  stiger  alle  Lige. 
Og  nu  gal  Hanen  den  roede : 
til  Himlen  stiger  alle  de  Doede1).  | 

')  Auch  in  einer  n  o  r  wegischen  Bearbeitung  des  Liedes  kommen» 
wie  Grundtvig  S.  473  bemerkt,  die  drei  Hähne  vor.  Ich  kann  die  Stelle 
leider  nicht  mitteilen,    da  mir  Landstads  norwegische  Volkslieder  [1S.">3,. 


65.  Der  weisse,  der  rote  und  der  schwarze  Hahn.  ,")S5 

In  dem   verwandten    Lied   vom    toten    Bräutigam    (Grundtvig    89 
nr.  90)  saut    der   Tote    zu    seiner    Braut    in    der    einen    Be- 
arbeitung (Grundtvig  '_'.  496): 

Nu  galer  Hauen  den  h viele, 

til  Jorden  inaa   ieg: 

til  Jorden  stunder  alle  de  Lige, 

nu  maa  ieg  med. 

Xu  galer  Hanen  den   nede, 

til  Jorden  maa  ieg: 

til  Jorden  maa  alle  de   Doede, 

nu  maa   ieg  med. 

Xu  galer  Hauen  den  sorte, 

til  Jorden  maa  ieg: 

nu  luckes  op  alle  de  Porte 

nu  maa  ieg  fcelge  med. 

In  einer  andern  Bearbeitung  (Grundtvig  3,  871  : 

Og  nu  galer   Hanen  den  roede, 
til  Jorden   skal  jeg: 
til  Jorden  skal  alle  de  D<ede, 
jeg  maa   foelge  med. 

Og  nu  galer  Hanen  den  hvide, 
til  Jorden  skal  jeg: 
til  Jorden  skal  alle  de  Lige, 
jeg  maa  foelge  med. 

Og  nu  gaaler  Hauen  den  sorte, 
til  Jorden  skal  jeg: 
nu  lukker  de  Himmerigs  Porte, 
og  maa  jeg  foelge  med. 

In  einer  dritten  Bearbeitung  endlich  (2,  497)  fehlt  der  weisse 

Halm: 

Xu  galler  Hannen  den  roede, 
til  Jorden   maae  ieg: 
til  Jorden   skal   alle  de  Doede, 
thi  maae  ieg  feige  afsted. 

Xu  galler  Hannen   den   sorte. 
til  Jorden  maae  ieg: 
aaben  staar  Himmeriges  Porte, 
thi   maae  ieg  nu  afsted.   ] 


S.  54S]  nicht  zu  Gebote  stehen.    [Grundtvig,    Gamle    d.    Folkeminder    :'>- 
129.     Hazelius,  Ur  de  nordiska  folkens  lif  S.   120.1 


586 


Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 


!,l>  Ped»T  Syv.    der    im   Jahre    KiJ)5    eine    dänische    Volks- 

liedersammlung herausgab,  sagt  in  einer  Anmerkung  zu  einer 
der  Versionen  des  Liedes  von  der  toten  Mutter  (Grundtvig 
2,  473,  Anmerkung):  'Ellers  om  Hanegalen  haver  mand  og 
noget  anderledis,  nemlig  at  Doedningen  ej  agtede  den  Sorte 
eller  hvide  Hane,  men  ikkun  den  roede;  om  hvilken  hand 
sagde: 

Nu  gal  Hauen  den  roede, 

Til  Jorden  stunder  den  Dcede. 

Derfor  legges  endnu  helst  roede  Haner  til.3 

In  zwei  dänischen  Märchen,  die  neuerdings  aus  dem 
Volksmund  gesammelt  worden  sind  (Svend  Grundtvig,  Gamle 
danske  Minder  1,  6  und  2,  14),  kommen  die  Verse  von  den 
Hähnen  auch  vor,  doch  immer  nur  zwei  Paare,  so  dass 
beidemal  ein  Hahn  fehlt.  In  dem  einen  Märchen  besucht 
ein  Toter  nachts  einen  lebenden  Freund  und  sagt,  als  Mittei- 
nacht vorbei: 

Nu  galer  Hanen  den  sorte: 

nu  aabnes  Himmeriges  Porte. 

Nu  galer  Hanen  den  roede: 

nu  sover  alle  de  Doede. 

In  dem  andern  spielen  Gespenster  nachts  auf  dem  Kirchhof 
Kegel.     Auf  einmal  sagt  das  eine: 

Nu  galer  Hauen  den  rcede: 
til  Jorden  skal  alle  de  Dcede. 

Bald  darauf  ein  anderes: 

Nu  galer  Hauen  den  hvide  : 
til  Jorden  skal  alle  nu  skride. 

Endlich  kommen  zwei  (nicht  drei)  Hähne  auch  in  zwei 
alten  schottischen  Balladen  vor;  in  der  einen:  der  weisse 
und  der  graue:  in  der  andern:  der  rote  und  der  graue. 
Offenbar  waren  es  also  auch  hier  ursprünglich  drei:  der 
weisse,  der  graue,  der  rote.  Der  graue  ist  hier  an  die 
Stelle  des  schwarzen  getreten.  Die  Balladen,  die  ich  meine, 
sind  die  von  'Sweet  William"  (Percy,  Reliques  of  ancient 
Poetry,  London  1839,  S.  ~2~21.  aus  Allan  Ramsays  Tea-Table 
Miscellany  [Warrens,  Schottische  Volkslieder  der  Vorzeit. 
1861,  S.  55.    Child,  English  Ballads  nr.  77])  und  von 'Clerk 


65.   Der  weisse,  der   rote   und   der  schwarze    Hahn.  ;,S  ( 

Saunders'    (W.    Scott,    Border    Minstrelsy,    Edinburgh    L861, 
Bd.   3,    S.    183.     [Child  nr.  69]).     Die   erstere  Ballade,  aach 

welcher    Williams    Geist    seiner   geliebten    Margret  erscheint, 
schliesst : 

Then  up  and  crew  the  red  red  cock, 

And  up  then  crew  the  gray. 
'T  is  time,  't  is  time,  my  dear  Margret, 

That  I  were  ganc  invuy. 
No  more  the  gliost  to  Margret  said,  91 

But,  with  a  grievous  grone, 
Evanish'  d  in  a  cloud  of  mist, 

And  left  her  all  alone. 

Die   Ballade  von  Clerk  Saunders,  der  ebenfalls  als  Geist  seine 
Geliebte   besucht,  schliesst: 

Then  up  and  crew  the  milk-white  cock, 

And  up  and  crew  the  gray ; 
Her  lover  vanish'  d  in  the  air, 

And  she  gaed  weeping  away. 

[Warrens  S.  35  nr.  9  'Die  Frau  von  Ushers  Brunn'.] 

Wie  es  scheint,  gehört  auch  hierher  das  deutsche 
Volkslied  vom  Vorwirt,  d.  h.  von  dem  verstorbenen  ersten 
Ehemann,  welches  Meinert  (Alte  teutsche  Volkslieder  in  der 
Mundart  des  Kuhländchens  S.  13  [Erk-Böhme,  Liederhort 
nr.  199b])  aufgezeichnet  hat.  Die  zum  zweitenmal  verheiratete 
Frau  geht  hier  an  das  Grab  ihres  ersten  Mannes  und  klopft 
an  und  begehrt  zu  ihm. 

Die  Schöne  erwischt'  ihren  Rocken, 

Sie  gieng  ans  Grab  anklopfen. 

'Thu   doch   auf  und  thu  dich,  Erdenkloss, 

Und  lass  mich  hinunter  auf  seinen  Schoss'. 

'Was  willst  du  denn   da  unten   thun? 

Da  unten  hast  du  ja  keine  Ruh. 

Da  unten  darfst  du  nichts  backen, 

Da  unten  darfst  du  nicht  waschen; 

Da  unten  hörst  du  keinen  Glockenklang, 

Da   unten   hörst  du  keinen    Vogelgesang ; 

Da  unten  hörst  keinen  Wind  nicht  wehen, 

Da  unten  siehst  keinen  Regen  nicht  sprehen.' 

Da  krähte  die  erste  Himmelstaub1; 

Die  Gräblein  thäten  sich  alle  auf: 


5Sv  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Die  Schone  stieg  zu  ihm  hinunter. 
Da  krähte  das  andere  Höllenhuhn; 
Die  Gräblein  thäten  sich   alle   zu: 
Die  Schöne   musst'  unten   verbleiben. 

Wilhelm  Wackernagel  in  seinem  schönen  Aufsatz  'Zur 
Erklärung  und  Beurteilung  von  Bürgers  Lenore5  in  den  Alt- 
deutschen Blättern  (Bd.  1)  bemerkt  zu  diesem  von  ihm  mit- 
geteilten Lied  (S.  198.  Note  10  |  Wackernagel,  Kleinere 
Schriften  •_'.  4051]):  'Der  erste  Hahn  beisst  die  Himmelstaube, 
denn  er  warnt  sie  und  mahnt  zur  Heimkehr;  der  zweite  das 
Hnllenhuhn,  denn  sein  Ruf  bedeutet,  dass  es  nun  zu  spät  sei. 
02  Ebenso  werden  in  der  weiter  unten  angeführten  J  schottischen 
Ballade  von  Wilhelms  Geist  der  rote  und  der  graue  Hahn 
unterschieden." 

In  einer  erst  neuerdings  bekannt  gewordenen  Variante 
des  Liedes  (Anton  Peter,  Volkstümliches  aus  Österreichisch- 
Schlesien,  Bd.  1,  Troppau  1865,  S.  200)  ist  der  Schluss- 
anders,  vielleicht  missverstanden  und  entstellt. 

Und  wie  sie  auf  den  Friedhof  kam, 

^Nlit   ihrem  Finger  klopft1  sie  an, 

Thu  dich  auf,  rhu  dich  auf,  du  Erdenkloss, 

Nimm  mich  zu  dir  in  deinen  Schoss. 

Was  wirst  du  denn  da  unten  thun? 

Da  geben  nicht  die  Würmer  Ruh1. 

Da  unten  ist  die  himmlische  Ruh1, 

Die  Gräber  decken  alles  zu. 

I>a  unten  hörst  nicht  Glockenklang, 

Da  unten  hörst  nicht  Vogelsang. 

Da  schreit  ja  stets  die  himmlische  Taub1: 

Ihr  Gräber,  schliesst  euch  alle  auf! 

Da  unten  schreit  das  Höllenhuhn: 

Ihr  Gräber,  schliesst  euch  alle  zu  ! 

Ihr  Gräber,  schliesst  euch  feste, 

Die  erste  Ehe  die  beste. 

Schliesslich  will  ich  noch  auf  die  von  J.  Grimm  in  der 
Deutschen  Mythologie  S.  262  angeführte  Stelle  aus  dem 
Reinardus  aufmerksam  macheu,  wo  es  von  der  Herodias 
heisst: 

quercubus  et  corylis  a  noctis  parte  secunda 

usque  nigri  ad  galli  carmina  prima  sedet. 


66.  Über  The  Folk-Lore  Record  I.  589 

Hier  halten  wir  also  wenigstens  den  einen  der  drei  Halme 
und  zwar  den  schwarzen,  der  gerade  in  mehreren  Über- 
lieferungen derjenige  ist,  bei  dessen  Krähen  die  Dämonen 
erst  weichen.  [Bei  Visentini,  Fiabe  mantovane  1879,  p.  114 
soll  Prezzemolina  erraten,  ob  der  rote,  der  schwarze  oder 
der  weisse  Hahn  der  Hexe  gekräht  hat.  Ein  schwarzer  und 
ein  weisser  Hahn  im  portugiesischen  Märchen:  Revue  des 
langues  rom.  26,  228.  Weisser,  roter  und  schwarzer  Hahn 
bei  Georgeakis-Pineau,  Folklore  de  Lesbos  1894,  p.  82. 
Weisse  und  schwarze  Henne  geistersichtig:  Zs.  d.  V.  f. 
Volksk.  2,  1801] 

Wie  die  drei  Hähne  der  Völuspa  (J.  Grimm,  Deutsche 
-Mythologie  S.  635)  sich  zu  den  besprochenen  verhalten  mögen, 
überlasse  ich  andern  zu  erwägen. 

Weimar,  Dezember  1865. 


66.   Ober  The  Folk-Lore  Record  I. 

(Anglia  3.  379—882.     1880.) 

The  Folk-Lore  Society,  for  collecting  and  printing  relics  of  Po- 
pulär An ti <i aities,  &c.  Established  in  the  year  MDCCCLXXVIII. 
Publications  of  the  Folk-Lore  Society.  I.  (Ohne  Angabe  des  Jahres, 
Druckorts  und  Druckers.)  8°.  XVI  und  252  Seiten. 

Die  Aufgabe  der  Folk-Lore  Society  in  London  ist  nach 
§  1  ihrer  Satzungen  cthe  preservation  and  publication  of  Po- 
pulär Traditions,  Legendary  Ballads,  Local  Proverbial  Sayings, 
Superstitions  and  Old  Customs  (British  and  foreign),  and  all 
subjeets  relating  to  them\  Mit  der  vorliegenden  ersten 
Publikation,  die  auf  S.  XI  noch  besonders  The  Folk-Lore 
Record,  Part  F  betitelt  ist,  hat  die  Gesellschaft  ihre  Thätig- 
keit  gleich  in  recht  anerkennenswerter  Weise,  die  auch  für 
die  Zukunft  zu  günstigen  Erwartungen  berechtigt,  begonnen. 

Der  'Folk-Lore  Record'  wird  nach  Vorausschickung  der 
Mitgliederliste   uud   der   Satzungen   ('Rules')    der  Gesellschaft 


590  Zum  Aberglauben   und  Volksbrauch. 

und  einer  von  \Y.  ,!.  Thoms  verfassten  Treface3  eröffnet  durch 
cSome  West  Sussex  Superstitions  lingering  in  1868.  Collected 
by  Charlotte  Latham,  at  Fittleworth3  (S.  1 — 67).  Es  sind 
195  abergläubische  Meinungen,  Sprüche  und  Bräuche, x)  in 
folgende  (!  Kapitel  eingeteilt:  Trognostics  of  Good  and  Evil 
Other  Wenders  that  are  iinplicitly  believed,  but  without 
any  Good  or  Evil  Gonsequences  being  attached  to  them 
Ghosts.  Goblins,  Witches  and  Fairies  —  (»mens  and  Presages 
associated  witli  Love  and  Marriage  —  Charms  and  Obser- 
vances  believed  to  be  effectual  for  the  Cure  or  the  Avoidance 
of  different  Ailments  -  Prognostics  ofDeath;  Sick-room  and 
Death-bed  Superstitions'.  In  vielen  Fällen  hat  die  Sammlerin 
sich  nicht  mit  der  blossen  Angabe,  das  und  das  werde  ge- 
glaubt, begnügt,  sondern  auch  dazu  bemerkt,  wo  und  durch 
wen  und  bei  welcher  Gelegenheit  ihr  der  betreffende  Glaube 
bekannt  geworden  ist,  und  sie  hat  dadurch  nicht  nur  ihre 
Mitteilungen  lebendiger  gemacht,  sondern  sie  hat  auch,  wie 
sie  in  ihrer  kurzen  Vorrede  mit  Recht  bemerkt,  die  Leser 
in  den  Stand  gesetzt,  fto  form  a  truer  judgement  than  they 
could  otherwise  arrive  at  of  the  degree  of  faith  existing  in 
the  original  narrator'.  Die  Brauchbarkeit  der  sehr  dankens- 
werten Sammlung  ist  noch  durch  einen,  wie  es  scheint,  recht 
380  vollständigen  |  alphabetischen  Index  (S.  63 — 67)  erhöht.2)  — 
Auf  diesen  längsten  Beitrag  folgen  nun  unter  dem  gemein- 
samen Titel  'Miscellaneous3  eine  Reihe  kürzerer,  von  denen 
die  folgenden  sich  auf  englische  Volksüberlieferungen  beziehen. 

William  J.  Thoms,  Chaucer's  Night-Spell  (S.  14-5 — 54). 
Dieser  in  The  Miller's  Tale  vorkommende  Segen  lautet  nach 
Wright's  Text: 


*)  S.  60  ist  auch  gelegentlich  des  Glaubens,  dass  die  Bube  der 
Toten  durch  zu  heftigen  Schmerz  Überlebender  gestört  wird,  ein  in 
manchen  Teilen  von  Sussex  sehr  populäres,  rührendes  Lied,  cprobably 
the  produetion  of  some  village  poet',  betitelt  'The  Unquiet  Grave', 
mitgeteilt. 

2|  Man  füge  zu  dem  Artikel  'Xine'  hinzu:  Nine  days  (mornings) 
40  (128),  43  (137),  •  persons  40  (128),  —  times  40  (128),  43  (137), 
48  (160). 


66.  Über  The  Folk-Lore  Record  I.  59] 

Lord  Jhesn  Crist,  and  seynte  Benedvht, 
Blesse  this  lious  from  every  wikked  wighfc, 
Fro  nyghtes  verray,  the  white   Paternoster; 
Wher  wonestow  now,  srvnte  Petres  soster? 

Herr  Thoms  teilt  nun  den  Segen  nach  10,  und  die  3.  Zeile 
noch  nach  3  anderen  Chaucer-Handschriften  mit.  und  es  er- 
sieht sich  daraus,  dass  in  der  3.  Zeile  zwei  Handschriften 
'nighte  mar'  und  'night  niare'.  alle  übrigen  'nyghtes  (nyghte) 
verveJ  oder  Verve1  oder  'very1  oder  'verie' oder 'veereMesen. 
Das  sonst  nicht  nachgewiesene  Wort  verray  (verye)  bleibt 
nach  Ursprung  und  Bedeutung  dunkel.  Herr  Thoms  verweist 
auf  Grimms  Mythologie  S.  251  und  Kuhns  und  Schwartzs 
Norddeutsche  Sassen  S.  50s.  —  In  betreff  des  'White  Pater- 
noster'  teilt  der  Verf.  sodann,  mehrere  Artikel  der  'Notes 
and  Queries'  benutzend,  ein  französisches  Tetite  Patenotre 
blanche'  aus  dem  'Enchiridion  Papae  LeonisJ  und  ein  ganz 
verschiedenes  'White  Paternoster'  nebst  andern  abergläubischen 
Gebeten  und  Segen  aus  John  White's  im  Jahre  1608  ver- 
fasstem  Buche  The  Way  to  the  Trne  Church'  mit,1)  Ich  be- 
merke hierzu  noch  folgendes.  In  Victor  Hugos  cLes  Mise- 
rables', livre  6,  chap.  5,  findet  sich  das  Patenotre  blanche 
genau  im  Text  des  'Enchiridion'.  und  zwar  soll  es  so  bis 
zum  J.  1827  über  der  Thür  des  Refektoriums  eines  Pariser 
Nonnenklosters  in  grossen  schwarzen  Lettern  gestanden  haben.2) 
Fast  ganz  gleich  ist  auch  der  Text,  den  J.  F.  Blade,  Poesies 
populaires  en  langue  fran<;aise  recueillies  dans  l'Armagnac  et 
1' Agenais,  Paris  1879,  S.  1  giebt.  In  einem  proveiu;alischen 
Gedicht  des  Pater  Amilha  'L'Examen  de  les  Supersticius'  aus 
dem  17.  Jahrh.  (Melusine  1,  525 — '2'.»)  kommt  die  Frage  vor: 
'As-tn  dit  Pater  le  blaue,  et  le  Pater  petit?3 

Endlich  verweise  ich  zu  dem  ganzen  Nachtsegen  Chaucers 
noch  auf  folgenden  Segen  in  William  Cartwrights  (f  1643) 
Komödie  The  Ordiuary',3)  3,  Scene  1: 

')  Die  ganze  lange  Stelle  ans  Whites  Buch  steht  auch  bei  J.  Har- 
land  und  T.  T.  Wilkinson,  Lancashire  Folk-Lore,  London  1S67,  S.  113 — 15. 

-I  [Vgl.  oben  8.  340  f.] 

3)  Zuletzt  in  W.  C.  Hazlitts  neuer  Ausgabe  von  Et.  Dodsleya 
'Collection    of  Old    English   Plays'   12,   205   gedruckt.  Ich   bin    aber 


59'.'  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Saint  Francis  and  Saint  Beuedigbt, 
Blesse  this  liouse  from  wicked  wieht:  I 
•380  From  tbe  night-mare  and  the  gobiin, 

That  is  higlit   (ntod-fellow    Robin; 
Keep  it  from  all  evil  Bpirits, 
Fairies,  weazels,  rats,  and  ferrets: 
From  curfew-time 
Tho  the  next  prime. 

Obwohl  dieser  Segen  von  einem  Chaucers  Sprache  ko- 
pierenden, pedantischen  Antiquar  gesprochen  wird,  halte  ich 
ihn  doch  nicht  für  eine  von  Cartwright  selbst  gemachte  Nach- 
bildung oder  Parodie1)  des  Chaucerschen  Segens,  sondern 
für  ein  echtes,  d.  h.  dem  Volk  entnommenes  Seitenstück. 

James  B ritten.  Plant-Lore  Notes  to  Mrs.  Latham's  West 
Sussex  Superstitions  (S.  155 — 59).  Der  Verfasser,  der  deu 
Aufsatz  der  Mrs.  Latham  in  den  Aushängebogen  gelesen  hat, 
giebt  im  Anschluss  daran  einige  auf  die  Brombeere,  die 
Haselnuss,  die  Schafgarbe  (yarrow),  die  Esche  und  auf 
'unlucky  plautsJ  bezügliche  Meinungen  und  Bräuche  aus  Eng- 
land und  anderwärts  her,  die  eigener  Erfahrung  oder  litte- 
rarischen Quellen  entnommen  sind. 

Yorkshire  Local  Rhymes  and  Sayings  (S.  160 — 75). 
Sammlung  von  Sprüchen  und  Sprichwörtern,  die  sich  auf 
Ortlichkeiten  in  Yorkshire  beziehen,  von  dem  ungenannten 
Verfasser  aus  der  mündlichen  Volksüberlieferung  uud  aus 
der  Litteratur  gesammelt  und  mit  wertvollen  Erläuterungen 
versehen. 

William  J.  Thoms,  Divination  by  the  Blade-Boue 
(S.  176 — 79).  Sehr  interessante  Mitteilungen  über  die 
Schulterblattschau  der  schottischen  Hochländer,  die  der 
Verf.    im    Jahre    1834    von    einem    alten    Buchhändler    und 


auf  diesen  Segen  zuerst  durch  J.  Ritsons  Abhandlung  'On  Fairies'  (in 
W.  C.  Hazlitts  'Fairy  Tales,  Legends  and  Romances,illustrating  Shakespeare 
and  other  Early  English  Writers',  London  1875,  S.  40)  aufmerksam  ge- 
worden. Auch  Fr.  Douce  hat  ihn  iu  seinen  'Illustratious  of  Shakspeare, 
and  of  Ancient  Manners',  a  new  edition,  London  1839,  S.  127  mitgeteilt. 
*)  Douce  a.  a.  O.  sagt:  'This  indeed  may  be  rather  considered  as 
satirical,  but  it  is  a  parody  of  those  which  were  genuine'. 


66.  Über  The  Folk-Lore   Record   I.  593 

Altertumsfreund  in  Chelsea,  einem  geborenen  Hochländer,  er- 
halten hat,  nebst  ein  paar  litterarischen  Notizen. 

James  Dritten,  Index  to  tlie  Folk-Lore  in  the  First 
Series  of  Hardwicke's  Science-Gossip,  Vols.  1 — 12  (1805  bis 
1876)  (S.  180 — 86).  Leider  wird  Hardwickes  Sammelwerk, 
das,  wie  aus  dem  Iudex  hervorgeht,  sehr  reich  an  'original 
and  personally  authenticated  folk-lore3  ist,  in  Deutschland 
wohl  nur  wenigen   Lesern  zu  Gebote  stehen. 

James  Hardy,  Wart  and  Wen  Cures  (S.  216— 28). 
Neu*  zehn  in  England,  Schottland  und  Irland  übliche  Mittel 
gegen  Warzen  und  eins  gegen  Überbeine.  Die  Mittel  sind 
teils  übernatürlicher,  teils  natürlicher  Art,  und  die  meisten 
werden  von  dem  kundigen  Sammler  in  die  ältere  englische 
medizinische  Litteratur  zurückverfolgt  und  gehen  zum  Teil 
auf  Plinius'  Historia  naturalis  zurück. 

Charles  C.  Smith,  Fairies  at  Ilkley  Wells  (S.  229—31). 
Ein  im  Jahre  1844  69  Jahre  alt  verstorbener  Mann,  'the 
bathman  up  at  the  Ilkley  Wells5,  in  Yorkshire,  will  ums  Jahr 
1815  einmal  dort  eine  Menge  'fairies',  nicht  grösser  als  18 
Zoll  und  von  Kopf  bis  zu  Fuss  in  Grün  gekleidet,  gesehen 
haben.  Was  er  darüber  einst  einem  Freunde  des  Verf.  des 
Artikels  erzählt  hat,  wird  uns  hier  mitgeteilt,  i 

Dies  sind  die  auf  cEnglish  Folk-Lore"  bezüglichen  Mis-  382 
cellaneen.  Von  Volksüberlieferungen  einzelner  anderer  Länder 
und  Völker  handeln  A.  Lang,  The  Folk-Lore  of  France1) 
(S.  99—117),  C.  Pfoundes,  Some  Japan  Folk-Tales  (S.  118 
bis  35),  A  Folk-Tale  and  various  Superstitions  of  the  Ilidatsa 
Iudians,  communicated  by  E.  B.  Tylor  (S.  136 — 44),  und 
H.  Ch.  Coote,  Some  Italian  Folk-Lore  (S.  187—215),  und 
allgemeineren,  jedoch  auch  England  betreffenden  Inhalts  sind 
W.  R.  S.  Ralstons  lesenswerte 'Notes  on  Folk-Tales'(S.71 — 98). 

Den  cMiscellaneousJ  folgen  eine  Anzahl  'Notes5  (S.  235 
bis  45),  d.  h.  kleine  Mitteilungen  mannigfacher  Art,  darunter 
einige  englische  Reime,  eine  schottische  Ballade  und,  sehr 
überflüssigerweise,    eine    moderne    englische  Fabel   in  Reimen 

*)  In  diesem  Aufsatze  sind  besonders  hervorzuheben  des  Verfassers 
vergleichende  Bemerkungen  bei  Besprechung  französischer  Volksballaden. 
Köhler,  Kl.  Schriften.   III.  38 


~)U4  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

(The  Crow  and  the  Fox),  die  der  Einsender  von  einer  Lady,  die 
sie  vor  mehr  als  60  Jahren  auswendig  gelernt,  gehört  hat.1)  An 
die  'Notes'  reihen  sich  einige  'Queries' (S.  245  bis  50)  an,2)  und 
einiges  'Notices  and  News'  (S.  250—52)  machen  den  Beschluss. 


67.  Ober  Överland,  Fra  en  svunden  tid. 

(Litterarisehes  Centralblatt  1889,  894.) 

0.  A.  överland,  Fra  en  svunden  tid.    Sagn  og  optegnelser.    Kristiania, 
1888.     Cammenneyer.  (192  S.  kl.  8°.) 

'Sagen  und  Aufzeichnungen'  bietet  das  sehr  hübsch  aus- 
gestattete Buch.  Es  enthält  aber  nur  wenige  eigentliche 
Sagen,  vielmehr  zum  grössten  Teil  Berichte  und  Schilderungen 
interessanter  und  charakteristischer  norwegischer  Begebenheiten 
und  Zustände  aus  dem  17.  und  18.  und  dem  Anfang  des 
19.  Jahrhunderts  mit  sorgfältiger  Quellenangabe.  Die  Quellen 
sind  teils  litterarische,  teils  bisher  ungedruckte  handschrift- 
liche, teils  auch  mündliche.  Die  eigentlichen  Sagen  handeln 
besonders  von  Inseln,  auf  denen  Unterirdische  wohnen  und 
die  nur  selten  Sterblichen  sichtbar  werden,  von  verschiedenen 
dämonischen  Wesen  und  allerhand  Spuk,  von  Finnen,  die 
sich  und  andere  in  Wölfe  verwandeln  und  Wind  machen 
können.  —  Eine  Sage  ('S.  34)  erzählt  von  einem  Räuber, 
der  in  seinem  Gürtel  sieben  Männerherzen  eingenäht  trug, 
dem  man  deshalb  lange  nichts  anhaben  konnte,  und  der  erst, 
als  man  ihn  einmal  im  Schlaf  überrumpelt  und  sich  des  von 
ihm  abgelegten  Gürtels  bemächtigt  hatte,  überwältigt  und 
gefangen  wurde.     Nach  einer  anderen  Sage  (S.  64)  trug  ein 


')  Es  ist  eine  Version  der  so  oft  behandelten  Äsopischen  Fabel 
von  dem  Fuchs  und  dem  Raben  mit  dem  Käse,  über  welche  H.  Oester- 
ley  zu  Kirchhofs  Wendunmut  7,    30    zahlreiche  Nachweise  gegeben  hat. 

2)  Zu  einer  der  Fragen,  welche  eine  Sage  von  einem  Schiff  von 
fabelhafter  Grösse,  genannt  'The  Merry  Dun  of  Dover',  betrifft, 
hat  bereits  Felix  Liebrecht  in  den  Englischen  Studien  3,  9  in  einer 
überhaupt  beachtenswerten  Besprechung  des  Folk-Lore  Record  auf  die 
nordfriesische  Sage  von  dem  Riesenschiff  Mannigfual  in  Müllenhoffa 
Sagen,  Märchen  und  Liedern  der  Herzogtümer  Schleswig,  Holstein  und 
Lauenburg  S.  235,  nr.  323  hingewiesen. 


67.  Über  Överland,  Pra  en  svunden  fcid.  ,">;),"> 

Zigeuner  acht  Männerherzen  in  der  Tasche  bei  sich,  und 
liätte  er  das  neunte  bekommen,  so  wäre  er  unüberwindlich 
geworden.  Man  vergleiche  zu  diesen  beiden  Sagen  W.  Wacker- 
nagel, Zwölf  Schwerter  und  neun  Herzen,  in  der  Zeitschrift 
für  deutsches  Altertum  2,  540 — 542.  [Drei  Heldenherzen 
hat  der  von  Marko  Kraljewitsch  getötete  Mussa  bei  Talvj, 
Volkslied' r  der  Serben2  1,  224  und  Mustapha  bei  Krauss, 
Sreea  S  23  i  Mitt.  der  Wiener  anthropol,  Ges.  1886);  zwölf 
Herzen  hat  Grujtza  bei  Rosen.  Bulgarische  Volksdichtungen 
S.  220;  vgl.  Archiv  f.  slav.  Phil.  5,  453  f.]  Merkwürdig 
ist  die  ausführliche  gerichtliche  Aussage  (S.  11  fg.)  eines 
15jährigen  Mädchens,  das  fünf  Tage  lang  von  Unterirdischen 
in  einen  Berg  entführt  (cbergtagenJ)  gewesen  sein  wollte.  — 
Von  grossem  Interesse  für  ein  bekanntes  Kapitel  der  Rechts- 
altertümer  ist,  was  S.  65  fg.  von  einer  angeblichen  Kindes- 
mörderin nach  Akten  erzählt  wird.  Als  sie  am  3.  Januar  1702 
in  Karlsö  enthauptet  werden  sollte,  wandte  sich  der 
Pfarrer  von  Karlsö  nach  vergeblichen  Versuchen.  Aufschub 
der  Hinrichtung  zu  erlangen,  an  die  Zuschauer  und  fragte 
mit  lauter  Stimme,  ob  sich  denn  niemand  darunter  belinde, 
der  die  Verurteilte  heiraten  und  dadurch  vom  Tode  retten 
wollte.  Ein  Knecht  des  Pfarrers  erklärte  sich  dazu  bereit, 
und  da  der  Pfarrer  für  alles  die  Verantwortung  übernahm, 
willigte  auch  der  Amtmann  ein,  dass  die  Hinrichtung  bis  auf 
weiteres  unterblieb,  die  Verlobung  des  Paares  auf  der  Richt- 
stätte feierlich  vollzogen  wurde  und  die  Verurteilte  mit  in  den 
rfarrhof  zog.  Als  die  Sache  nach  einiger  Zeit  zur  Kenntnis  der 
königlichen  Regierung  kam.  wurde  der  Pfarrer  von  seiner 
Stelle  suspendiert,  nach  ein  paar  Jahren  jedoch  wieder  ein- 
gesetzt, die  unglückliche  Kindesmörderin  aber  von  neuem  in 
Untersuchung  genommen  und  schliesslich  auch  noch  hingerichtet, 
aber  erst  1715  oder  1716!  [Vgl.  dazu  oben  S.  251  zu  Reiffer- 
scheid  nr.  12.]  —  Noch  manche  andere  allgemein  interessante 
geschichtliche  und  kulturgeschichtliche  Mitteilungen  wären 
hervorzuheben,  wenn  es  der  Baum   dieses  Blattes  gestattete. 


38* 


596  Zum  Aberglauben  und   Volksbrauch. 

68.  Nachtrag  zu  den  lateinischen  Versen 
czur  Schafzucht'. 

(Anzeiger  f.  Kunde  der  deutschen   Vorzeit  1876,  48.) 

Zu  den  oben  1875,  Sp.  312  von  E.  Dümmler  mitgeteilten 
lateinischen  Hexametern1)  verweise  ich  auf  die  von  Graft", 
Diutisca  3,  240  leider  nur  auszugsweise  gegebene  Stelle  des 
Summarium  Heinrici,  auf  welche  W.  Wackernagel,  Voces 
variae  animantium,  Basel  1867,  S.  13  (=  2.  Ausgabe  1869, 
S.  29)  aufmerksam  gemacht  hat,  und  auf  folgende  Stelle  in 
Brünetto  Latinos  Livres  dou  Tresor,  publie  par  P.  Chabaille, 
Paris  1863,  S.  229: 

cEt  sor  ce  dient  li  plusor  que  la  voiz  dou  noir  mouton 
est  devisee  de  cele  dou  blanc,  en  tel  maniere  que  li  pastor 
le  sevent  bien  cognoistre,  a  ce  que  li  noirs  dit  meh!  et  li 
autres  dit  beh!J 

Thor  Sundby  (Brünetto  Latinos  Levnet  og  Skrifter, 
Kjöbenhavn  1869,  S.  128)  kann  für  diese  Angabe  Latinos 
keine  Quelle  nachweisen. 


')  [Aus  dem  Münchner  Cod.  lat.  14836,  Bl.  40  (11.  Jahrb.): 

Quis  color  in  pullis  pecodum,  si  forte  requiris, 
His  poteris  signis  sine  visu  noscere  certis; 
Agnus  enim  natus.  b.  statira  clamitat  albus, 
Me.  referat  nigrum  repetitis  vocibus  agnuin, 
Alternat  varius  .  b.  nie.  sie  voce  sonorus. 
Talibus  indieiis  protendunt  signa  coloris. 
Si  sexum  queris,  his  sensum  decoque  curis: 
A-  feminas  notat.  mares  .e.  voce  serenat. 
Hoc  habeas  Studium,  si  vis  dinoscere  verum, 
Numquam  falleris,  si  sie  vigilabis  in  istis. 

Dass  man  auch  von  menschlichen  Kindern  erzählte,  die  Knaben  stiessen 
als  ersten  Laut  A  (nach  Adam)  aus,  die  Mädchen  E  (nach  Eva)  ist  von 
Seh  melier,  Bayrisches  Wörterbuch  -  1,  1,  wo  auch  diese  Verse  ange- 
führt werden,  aus  der  mittelalterlichen  Litteratur  nachgewiesen.  Vgl. 
oben  2,  148  f.] 


69.  Der  Mann  im   Mond.  ,">;)7 

69.    Der  Mann  im  Mond 

und 

eine  Stelle  in  S.  Rowleys  'When  you  see  me, 

you  know  me1. 

(Anglia    2 ,    137  —  140.      1879.) 

In  dem  erst  durch  Karl  Elzes  neue  Ausgabe  allgemein 
zugänglich  gewordenen  Schauspiel  Samuel  Rowleys  eWhen 
you  see  me,  you  know  me'1)  kommt  in  einer  Scene,  in 
welcher  sich  der  Schuhflicker  Prichall  und  einige  andere 
Nachtwächter  unterhalten,  folgende  Stelle  vor  (S.  27  der 
Elzeschen  Ausgabe) : 

Prichall you  '11  sleep  like   the    man  i'  th'moon,    i'  faith. 

Second  Vatch.  Do  ye  think,  neighbour,  there  is  a  man  i'  th1  moon  ? 
First   Watch.     I  assure    ye,   in    a    clear   day    I   hawe    seen    't   at 
midnight. 

See on d  "Watch.     Of  what  oecupation  is  he,  trow? 
Prichall.     Some  thinks  he  's  a  shepherd,  because  on  's  dog,  some 
asys  he  's  a  baker  going  to  heat  Ins  voen  with  a  bavin  at  's  back  ;  but 
the  piain  trnth  is,  I  think.  he  is  a  cobbler,  for  ye  know  what  the  songsays  : 
I  see  a  man  i'  th'  moon, 

Fie,  man,  fie, 
I  see  a  man  i'  th1  moon, 
Clouting  Saint  Peter's  shoon  — 
and  so  by  this  reason  he  should  be  a  cobbler. 

First  "Watch.     By  my  fekins,  he  saith  true.  | 

Diese    Stelle   ist   bemerkenswert  wegen    der    darin    vor-    138 
kommenden  Meinuugen  über  den  Mann  im  Mond. 

Es  ist  bekanntlich  ein  alter  und  weitverbreiteter  Volks- 
glaube, dass  im  Mond  ein  Mann  mit  einem  Reisigbündel 
oder  einer  Dornwelle  oder  einem  Dornbusch  zu  sehen  ist2) ; 


J)  "When  you  see  me,  you  know  me.  A  Chronicle-History  by  Sa- 
muel Rowley.  Edited  with  an  Introduction  and  Notes  by  Karl  Elze. 
Dessau.  Emil  Barth,  1874.  8°.  -  Die  vier  Quarto-Ausgaben  des  Schau- 
spiels aus  den  Jahren  1605,  1613,  1621  und  1632  sind  von  grösster 
Seltenheit. 

2)  Ich  verweise  auf  J.  Grimm,  Deutsche  Mythologie,  S.  680 — 82; 
G.  Schambach  und  W.  Müller,  Niedersächsische  Sagen  und  Märchen 
Göttingen  1855,  S.  344  (Anmerkung  zu  nr.  94);  "W,  C.  Hazlitr.  Populär 
Anticjuities  of  Great  Britain,    London  1870,  3,    160  f.;   S.  Baring-Grould 


598  ^um  Aberglauben  und   Volksbrauch. 

daher  das  'bavin'  auf  seinem  Rücken  in  obiger  Stelle.  Auch 
der  Hund  des  Mannes  im  Mond  ist  uns  noch  sonsther  als 
alte  englische  Volksüberlieferung  bekannt:  schon  auf  einem 
englischen  Siegel  aus  dem  14.  Jahrhundert  sehen  wir  neben 
dem  ein  Reisigbündel  tragenden  Manne  im  Mond  einen  Hund1), 
und  wer  kennt  nicht  die  sich  auf  letzteren  beziehenden  Stellen 
in  Shakespeares  Sommernachtstraum  und  im  Sturm?2)  Dass 
aber  der  Mann  im  Mond  des  Hundes  wegen  von  manchen 
für  einen  Schäfer,  von  anderen  des  Reisigbündels  wegen  für 
einen  Bäcker  angesehen  worden,  scheint  zwar  nirgends  weiter 
überliefert  zu  sein:  icli  sehe  aber  durchaus  keinen  Grund, 
daran  zu  zweifeln,  dass  dies  wirklich  Volksansichten  gewesen 
sind,  und  dass  es  also  mit  dem  'some  thinks'  und  dem  'some 
saysJ  Rowleys  seine  volle  Richtigkeit  hat. 

Diesen  beiden  Meinungen,    dass  der  Mann  im  Mond  ein 

Schäfer    oder    ein    Bäcker    sei,    stellt    nun    der    Schnhflicker 

Prichall  seine  eigene  gegenüber,  nämlich  die,  dass  der  Mann 

130    im  |  Mond  ein  Schnhflicker  sein  müsse,  da  es  indem  bekannten 

Liede  heisse: 

I  see  a  man  i'  th'  moon, 
Clouting  Saint  Peter's  shoon. 

Ich  kann  das  Lied,  dem  diese  Worte  entnommen  sind,  nach- 
weisen, da  es  glücklicherweise  in  ein  1609  erschienenes 
Liederbuch  'Deuteromelia,  or  the  Second  Part  of  Musicks 


Curious  Myths  of  the  Middie  Ages,  London,  Oxford  &  Cambridge  1872, 
S.  190  ff.;  J.  F.  Blade,  Contes  populaires  recueillis  en  Agenais,  Paris 
1874,  S,  65,  und  meine  Anmerkung  S.  158  f.;  Cerquand,  Legendes  et 
recits  populaires  du  Pays  Basque  2,  5  (Pau  1876);  Chr.  Schneller, 
Härchen  und  Sagen  aus  Wälschtirol,  Innsbruck  1867,  S.  221.  —  Einer 
hübschen  Anspielung  auf  den  Mann  im  Mond  im  "Arden  of  Feversham', 
Act  IV,  sc.  2,  sei  hier  auch  gedacht:  Arden  ....  you  ßometimes  plaj 
the  man  in  the  moon.  Ferryman.  Ay.  but  you  had  not  best  to  meddle 
with  tliat  moon,  lest  I  Scratch  you  by  the  face  with    my  bramble  bush. 

^  Baring-Gould  a.  a,  0.,    S.  198. 

-)  A  Midsummer  Night's  Dream,  act  V,  sc.  1 :  All  that  I  have  to 
say,  is,  to  teil  you,  that  the  läutern  is  the  moon;  I,  the  man  in  the 
moon;  fchis  thorn-bush,  my  thorn-bush;  and  this  dog,  my  dog.  —  The 
Tempest,  act  II,  sc.  2:  Stephano.  ...  I  was  the  man  in  the  moon, 
when  fcime  was.  Caliban,  I  have  aeen  thee  in  her,  and  I  do  adore 
thee:  my   mistreSB  show'd  me  thee,  and  thy  dog,  and  thy   bush. 


69.  Der  Mann  im  Mond.  -,()<) 

Melodie,  or  Melodious  Musicke  of  Pleasant  Roundelaies,  etc.' 
Aufnahme  gefunden  hat,  daraus  von  E.  F.  Rimbault  in  seiner 
wertvollen  Sammlang  CA  Little  Book  of  Songs  and  Ballads, 
gathered  a-om  Ancient  Musick  Books,  MS.  and  Printed1, 
(London  1851),  S.  115 — 117  mitgeteilt  und  so  mir  bekannt  ge- 
worden ist.     Es  lautet  also: 

1.  Martin  said  to  bis  man. 

Fie,  man,  üe! 

0  Martin  said  to  bis  man, 

Who  's  the  foole  now  ? 
Martin  said  to  bis   man, 
Fill  thou  the  cup,  and  I  the  can; 
Tliou  hast  well  drunkeu,  man, 

"Who  ;s  the  foole  now  ? 

2.  I  see  a  sheepe  shearing  corne, 

Fie,  man,  fie ! 

1  see  a  sheepe  shearing  corne, 

"Who  's  the  foole  now? 
I  see  a  sheepe  shearing  corne, 
And  a  cuckold  blow  his  hörne; 
Thou  hast  well  drunkeu,  man, 

"Who  's  the  foole  now? 

3.  I  see  a  man  in  the  moone, 

Fie,  man,  fie ! 
I  see  a  man  in  the  moone; 

"Who  's  the  foole  now? 
I  see  a  man  in  the  moone, 
Clowting  of  St.  Peter's  shoone; 
Thou  hast  well  drunkeu,  man, 

"Who  's  the  foole  now?  | 

4.  I  see  a  hare  chase   a  hound,  140 

Fie,  man,  fie! 
I  see  a  hare  chase  a  hound, 

Who  's  the  foole  now? 
I  see  a  hare  chase   a  hound, 
Twenty  mile  above  the  ground; 
Thou  hast  well  drunken,   man, 

Wim  's  the  foole  now? 

5.  I  see  a  goose  ring  a  bog1), 

Fie,  man,  fie ! 


*)  Man  erinnere  sich  des  Wortes  'hogringer',  das  nach  Webster  be- 
deutet: 'one  whose  business  is  to  put  rings  in  the  snouts  of  swine.' 


600  Z\im  Aberglauben  und  Volkßbrauch. 

I  see  a  goose  ring  a  hog, 

Who  's  tlie  foole  now? 
I  see  a  goose  ring  a  hog, 
And  a  snayle  that   did  bite  a  dog; 
Thou  hast  -well  drnnken,  man, 

Who  's  the  foole  now  ? 
6.    I  see  a  mouse  catch  the  cat, 

Fie,  man,  fie  ! 
I  see   a  mouse  catch  the  cat, 

Wlio  's  the  foole  now? 
1  see   a  mouse  catch  the   cat, 
And   de  cheese  to  eate  the  rat; 
Thou  hast  well  drunken,  man, 

"Who  's  the  foole  now? 

Die  höchst  seltsame  Vorstellung  von  dem  Mann  im  Mond 
als  'clowting  of  St.  Peters  shoon',  die  uns  meines  Wissens 
nur  durch  dieses  Lied  und  das  Citat  daraus  bei  Rowley  über- 
liefert ist,  wird  doch  wohl  auch  auf  einer  älteren,  uns  durch 
das  Lied  nur  unvollständig  erhaltenen  Volksüberlieferung 
beruhen,  in  der  es  irgendwie  begründet  gewesen  sein  wird, 
wie  der  Manu  im  Mond  und  Sankt  Peter  in  so  eigentümlicher 
Weise  zusammen  gekommen  sind. 


70.    Der  Teufel  und  der  Wind. 

(Zeitschrift  für  romanische  Philologie  5,   174.     1881.) 

Kr.  Nyrop  (Bribes  de  litterature  populaire.  Romania 
9,  443)  teilt  aus  dem  cLivre  du  bord3  von  Alphonse  Karr 
(3,  61.  1880)  eine  von  Emile  Deschamps  in  Reime  gebrachte 
Sage  mit,  betitelt  'Pourquoi  il  fait  toujours  du  vent  le  long 
de  la  cathedrale  de  Chartres"  [Revue  des  trad.  pop.  14,  155] 
und  vergleicht  damit  eine  von  S.  Grundtvig  (Gamle  danske 
Minder  1,  21)  erzählte  Sage  vom  Teufel  und  dem  Wind  auf 
dem  Platz  der  Liebfrauenkirche  zu  Kopenhagen.  Ich  erinnere 
an  das  bekannte  Gedicht  von  Karl  Simrock  'Der  Teufel  und 
der  Wind',  nach  welchem  die  Sage  sich  an  die  Jesuitenkiivhe 
in    Bonn     knüpft    [Nothnagel,    Sagen    nr.    179].      Alexander 


71.  Das  Johannisfest.  C01 

Kaufmann  (Quellenangaben  und  Bemerkungen  zu  K.  Simrocks 
Rheinsage-i  und  A.  Kaufmanns  Mainsagen,  Köln  1862,  S.  59) 
verweis*  dazu  auf  die  Strassburger  Sage  vom  Wind  hinter 
dem  Münster  hei  Stöber  (Oberrheinisches  Sagenbuch  1842, 
S.  534  [Stöber-Mündel,  Sagen  des  Elsasses  2,  231,  nr.  293. 
Revue  des  trad.  pop.  11.  254]).  [Gleiches  erzählt  Steinau, 
Volkssagen  1838,  S.  119  von  der  Frauenkirche  in  München; 
Menzel,  Deutsche  Dichtung  2,  1(>5  f.  A.  d'Ancona,  Romania 
9,  589  f.  verweist  auf  eine  Erzählung  vom  Florentiner  Dome, 
die  auch  in  einer  Ballade  von  Dali'  Ongaro  'II  diavolo  e  il 
ventoJ  behandelt  ist;  J.  Havet  ebd.  auf  eine  römische  Tra- 
dition vom  dortigen  Jesuitenhause  und  auf  einen  an  die 
Kathedrale  zu  Langres  anknüpfenden  Bericht  bei  A.  Pierron, 
Mgr.  Darboy,  esquisses  familieres  1872,  S.  24.  Zu  der 
Florentiner  und  der  römischen  Erzählung  fügt  Pitre,  Archivio 
13,  196 — 198  noch  eine  Sage  aus  Como  (Rivista  delle  trad. 
pop.  ital.  1,  43)  und  Archivio  15,  588  eine  weitere  aus  der 
Auvergne  (Revue  des  trad.  pop.  11,  30).  Vgl.  Revue  des 
trad.  pop.  3,    131.      10,  223   (Antun)    und   450  (Coutances).] 


71.  Das  Johannisfest. 

(Weimarer  Sonntags-Blatt  1855,  115a— 116b.  nr.  27.) 

Der  vierundzwanzigste  Juni  ist  nach  der  kirchlichen 
Tradition  der  Geburtstag  Johannis  des  Täufers  und  wurde 
als  solcher  schou  frühzeitig  zu  den  höchsten  kirchlichen  Festen 
gerechnet.  Wie  bereits  der  heilige  Augustin  hervorlud),  ist 
Johannes  der  einzige  Heilige,  dessen  Geburtstag  die  Kirche 
feierte.  Weil  man  Christi  Geburtstag  zum  Feste  erhob,  wollte 
man  auch  den  Geburtstag  seines  unmittelbaren  Vorgängers 
auszeichnen.  Die  Geburtstage  Johannis  und  Christi  fallen  auf 
die  Solstitien,  und  man  gefiel  sich  mystische  Bedeutung  darin 
zu  finden.  Heute,  sagt  Augustin,  ist  Johannes  geboren,  da 
die  Tage  abzunehmen  beginnen,  Christus  aber  am  25.  Dezember, 
da  die  Tage  zunehmen.     An  einer  andern  Stelle  findet  er  die 


$02  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Geburtstage  bedeutungsvoll,  weil  Johannes  geboren  sei,  damit 
die  Menschheit  gedemütigt,  Christus  dagegen,  damit  Gott 
erhöht  werden  sollte. 

Mit  der  Erinnerung  an  den  Täufer  Johannes  mochte  es 
zusammenhängen,  wenn  in  ältester  und  neuester  Zeit  am 
Johannistage  Waschungen  und  Bäder  in  gewissen  Flüssen 
und  Quellen  als  besonders  heilkräftig  vorgenommen  wurden. 
Schon  Augustin  eiferte  gegen  den  Gebrauch  der  Christen  in 
Nordafrika,  sich  am  Johannistage  im  Meere  zu  baden.  Pe- 
trarca aber  erzählt  in  einem  Briefe  vom  Jahre  1330,  wie 
Hob  er  bei  seiner  Anwesenheit  in  Köln  j  am  Vorabend  des  Johannis- 
festes  das  Ufer  des  Rheines  von  zahllosen  geschmückten 
Frauen  bedeckt  sah,  die  nach  alter  Sitte  Hände  und  Arme 
im  Flusse  badeten  und  dadurch  alles  drohende  Unheil  des 
kommenden  Jahres  wegzuspülen  glaubten.  Von  unglaublichem 
Zndrange  zu  einer  in  der  Johannismitternacht  alles  heilenden 
Quelle  in  den  französischen  Pyrenäen  erzählt  ein  neuerer 
Reisender. 

M(is;en  diese  Wuschungen  christlichen  Ursprunges  sein, 
schwerlich  ist  dies  der  Fall  mit  den  Feuern,  die  am  Vor- 
abend oder  am  Johannistage  selbst  angezündet  wurden.  Diese 
Feuer,  die  uns  seit  uralter  Zeit  fast  in  ganz  Europa  begegnen 
und  teilweise  noch  heute  üblich  sind,  sind  heidnisch:  sie  lodern 
am  Johannistag,  weil  dies  der  bedeutungsvolle  Tag  der 
Sommersonnenwende  ist.  Ebenso  finden  wir  ja  überall  zur 
Weihnachtszeit  uralte  Gebräuche,  die  nichts  zu  thun  haben 
mit  dem  christlichen  Feste,  wohl  aber  mit  der  Wintersonnen- 
wende eng  zusammenhängen.  Die  Kirche  deutete  freilich  die 
Feuer  schon  früh  auf  Johannes,  der  eine  Leuchte  gewesen, 
die  dem  wahren  Lichte  voranging.  (Vgl.  Ev.  Job.  1.  7 — '.>. 
5,  35.) 

Die  Johannisfeuer,  die  noch  jetzt  in  Bayern  und  Oster- 
reich Sun  n  wendfeuer  heissen,  entzündete  man  teils  im 
freien  Felde,  auf  Bergen  und  Hügeln  (manche  unserer  Leser 
werden  an  die  Johannisfeuer  auf  den  jenaischen  Bergen 
denken!),  teils  im  Innern  der  Dörfer  und  Städte.  1471  tanzte 
König  Friedrich  mit  schönen  Frauen  zu  Regensbnrg  auf  dem 


71.  Das  Johannisfest.  ß03 

Markte  j  in  das  Johannisfeuer,  und  14(J7   zündete  die  schöne 
Susann^   Neidhard   auf  dein  Fronhof  zu  Augsburg  in  Kaiser 

Maximilians  Gegenwart  das  Johannisfeuer  mit  einer  Fackel 
an  und  eröffnete  mit  dem  Erzherzog  Philipp  den  Reigen  um 
dasselbe.  Aber  man  sang  und  tanzte  nicht  bloss  um  das 
Feuer,  man  sprang  auch  darüber  und  warf  gewisse  Kräuter 
hinein  in  der  Hoffnung,  dadurch  Gesundheit  und  Glück  zu 
fördern.  So  wurden  auch  die  Brände  mit  nach  Hause 
genommen  oder  auf  die  Felder  gesteckt  zum  Schutz  der 
Häuser  und  der  Saaten.  Alle  diese  Gebräuche  beruhen  auf 
der  nicht  bloss  im  deutschen  Heidentum  geltenden  Auf- 
fassung von  der  reinigenden,  heilenden  und  sühnenden  Kraft 
d^s  Feuers,  dessen  Name  schon  in  unserer  Sprache  weiter 
nichts  als  das  freine\  das  'reinigende'  bedeutet.  Wie  zufolge 
dieser  Anschauung  die  alten  Römer  jährlich  ein  Hirtenfest 
feierten,  wobei  sie  über  Feuer  sprangen  und  ihr  Vieh  hin- 
durch trieben,  so  haben  in  Deutschland  bis  in  die  jüngste 
Zeit  die  sogenannten  Notfeuer  gereicht,  die  mau  zur  Zeit  j 
von  Viehseuchen  durch  Reibung  unter  verschiedenen  Cermonien  116a 
entzündete,  um  dann  das  Vieh  darüber  zu  treiben.  Zusammen- 
hang zwischen  den  Notfeuern  und  den  Johannisfeuern  ist 
unverkennbar,  aber  man  darf  darum  das  Johannisfeuer  nicht 
bloss  für  ein  zu  bestimmter  Zeit  entzündetes  Notfeuer 
halten. 

Erwähnenswert  ist  noch  das  Rollen  von  Feuer  rädern, 
das  namentlich  in  Frankreich,  aber  auch  in  Deutschland  bei 
den  Johannisfeuern  stattfand.  So  ward  (noch  1823)  von  der 
Gemeinde  des  deutschen  Dorfes  Konz  in  Lothringen  auf 
Johannis  ein  grosses  mit  Stroh  umwundenes  Rad  auf  dem 
Stromberg  angezündet  und  unter  Jubelgeschrei  und  Begleitung 
von  Fackelträgern  zur  Mosel  hinabgerollt.  Kam  es  brennend 
in  die  Flut,  so  bedeutete  dies  eine  gesegnete  Weinernte. 
Das  Rad  ist  vielleicht  ein  Symbol  der  Sonne.  [Zs.  f.  deutsche 
Mythol.  1,  88.  270.     Über  Besen  ebd.  2,89.] 

Übrigens  sind  die  Johannisfeuer  in  Niederdeutschland 
nicht  üblich,  wo  vielmehr  die  in  Süddeutschland  nicht  vor- 
kommenden Osterfeuer  vorherrschen. 


(i()4  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Ausser  den  Waschungen  und  Feuern  knüpfen  sich  endlich 
fast  in  ganz  Europa  noch  eine  Reihe  abergläubischer  An- 
sichten und  Gebräuche ,  verschieden  in  den  verschiedenen 
Gegenden,  an  Johannis.  So,  um  nur  einiges  aus  Deutschland 
zu  erwähnen,  sind  gewisse  Kräuter  nur  zauber-  und  heil- 
kräftig, wenn  sie  in  der  Johannisnacht  gepflückt  werden.  In 
Tirol  sammeln  am  Vorabend  vor  Johannis  die  Hexen  ihre 
Kräuter  während  des  Aveläutens,  und  man  pflegt  deshalb  an 
manchen  Orten  an  diesem  Abend  nur  sehr  kurze  Zeit  zu 
läuten.  Manche  Kräuter  erblühen  nur  in  der  Johannismitter- 
naeht,  und  nur  die  neue  Blüte  hat  die  volle  Wunderkraft. 
Im  Schosse  des  Ochsenkopfes  im  Fichtelgebirge  ist  eine  von 
Gold  und  Edelsteinen  strotzende  Halle,  aber  nur  in  der 
Johannisnacht  öffnet  sie  sich.     [Carinthia  1865,  384.] 

In  den  meisten  sächsischen  Dörfern  und  Städten1)  flicht 
man  in  der  Johannisnacht  Kronen  von  Laub  und  Blumen 
mit  Tüchern  und  Bändern  umwunden  und  hängt  sie  am 
Morgen  vor  die  Häuser;  in  das  Haus,  vor  welchem  keine 
Johanniskrone  hängt,  kehrt  das  ganze  Jahr  kein  Glück  ein. 
In  Leipzig  trägt  man  Johanniskronen  auf  die  Gräber.  Der 
Johannistau  soll  Kräuter  und  Blumen  heilkräftig  machen, 
und  die  Johanniskronen  werden  bei  Krankheiten  zu  Theo 
gebraucht.  In  einzelnen  Gegenden  Sachsens  endlich  umbindet 
man  in  der  Johannisnacht  die  Bäume  mit  Strohseilen  und 
meint,  dass  dann  das  Obst,  welches  sie  tragen,  nicht  unreif 
abfallen  könne. 

Wir  bedauern  gerade  über  Thüringen  und  die  hier 
vorkommenden  Gebräuche  und  Meinungen  nichts  näheres  bei- 
bringen zu  können.  Einzelne  Notizen  mögen  hier  und  da 
zerstreut  sich  finden,  eine  zusammenhängende  Sammlung  aber 
von  thüringischen  Gebräuchen  und  Aberglauben  existiert  noch 
nicht.  Die  treffliche  Sammlung  von  Emil  Sommer:  'Sagen. 
Märchen    und  Gebräuche   aus  Sachsen    und  Thüringen,    Halle 


*)  In  den  meisten  Dörfern  ist  am  Johannisabend  Musik  und  Tanz, 
in  vielen  auch  Illumination,  die  an  die  Stelle  der  Feuers  getreten  sein. 
mag,  von  denen  in  Sacbsen  keine  Spur  sonst  zu  finden  sein  soll. 


71.  Daa  Johannisfest.  (IDf) 

1846"  ist  durch  den  frülieu  Tod  des  Verfassers  nicht  über 
das  erste  Heft  gediehen  und  dieses  Heft,  dem  wir  unsere 
letzten  Notizen  über  Sachsen  entnahmen,  behandelt  nur  zum 
kleinsten  Teil  eigentlich  Thüringisches.1)  Wir  unsererseits 
konnten  eben  nur  an  die  jenaischen  Johannisfeuer,  die  uns 
aus  eigener  Anschauung  bekannt  sind,  erinnern,  und  gedenken 
noch  zum  Schlüsse  einer  sie  betreffenden  Stelle  in  Goethes 
Tages-  und  Jahresheften.  Goethe  schildert,  wie  angenehm 
überrascht  er  war,  als  er  1804  am  Abend  des  Johannistags 
die  Johannisfeuer  rings  auf  den  Bergen  aufflammen  sali. 
Besonders  aber  hebt  er  hervor,  dass  plötzlich  auf  der  Vorder- 
seite des  Hausberges  ein  kolossales  leuchtendes  A  (als 
Anfangsbuchstabe  des  Namens  der  'verehrten  Herzogin  Mutter') 
freilich  nur  auf  kürzere  Zeit  sich  zeigte.  Die  jenaischen 
Strassen buben.  damals  Mohren  genannt,  sammelten  nämlich 
für  den  Johannisabend  in  der  Stadt  die  Besenstumpfen  des 
verflossenen  Jahres  und  strömten  dann  scharenweise  auf  die 
Spitze  des  Hausberges,  wo  sie  ihre  Reisfackeln  so  schnell  als 
möglich  entzündeten  und  sodann  mit  ihnen  mancherlei  |  Be-  116 b 
wegungen  machten,  welche  sich  diesmal  eben  zu  jenem  A 
gestalteten.  Goethe  schliesst  seine  Schilderung  mit  folgenden 
Worten:  'Diese  lebhafte  Erscheinung,  bei  einem  heiteren 
Abendgelag  von  versammelten  Freunden  gewahrt  und  be- 
wandert, eignete  sich  auf  alle  Fälle,  einigen  Enthusiasmus 
zu  erregen.  Man  stiess  auf  das  Wohl  der  verehrten  Fürstin 
an,  und  da  schon  seit  einiger  Zeit  eine  immer  ernstere 
Polizei  dergleichen  feurige  Lustbarkeiten  zu  verbieten  An- 
stalten machte,  so  bedauerte  man,  dass  eine  solche  Seeleu- 
freude künftig  nicht  mehr  genossen  werden  sollte,  und  äusserte 
den  Wunsch  für  die  Dauer  einer  solchen  Gewohnheit  in  dem 
heiteren  Toast: 

Johannisfeuer  sei  unverwehrt, 
Die  Freude  nie  verloren! 
Besen  werden  immer  stumpf  gekehrt 
Und  Jungens  immer  geboren.' 


l)  [Witzschel,  Kleine  Beiträge  zur  deutschen  Mythologie  aus  Thü- 
ringen 2,  209—213.   1878.] 


(306  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

72.    Up  der  Hut  werpen. 

(Korrespondenzblatt  des  Vereins  für  niederdeutsche  Sprachforschung 

6,  36.     1881.) 

Tobias  Schmidt,  Zwickauischer  Chroniken  anderer  Teil. 
Zwickau  1<>5(>,  S.  275  berichtet:  '22  Mann,  eitel  Fleischhauer, 
und  überein  gekleidet,  haben  [zu  Fastnacht  1518]  einen  ver- 
kleideten oder  vermummeten  Menschen  in  der  Kühhaut  auf- 
geworfen und  alle  wege  wieder  gefangen,  wie  denn  dieses  in 
der  Kuhhaut    aufwerfen    hernach    oftmals  gebraucht  worden.5 

Nach  0.  Freiherr  v.  Heinsberg -Düringsfeld,  Cultur- 
historische  Studien  aus  Meran,  Leipzig  1874.  S.  135  war  es 
früher  bei  der  Gerberzunft  in  Meran  Sitte,  an  ihrem  Jahrtag 
vor  dem  Weggang  aus  der  Herberge  einen  Zunftgenossen  vom 
Fenster  herab  auf  eine  Ochsenhaut  zu  werfen,  welche  4  hand- 
feste Gesellen  oder  Meister  unmittelbar  vor  dem  Wirthshaus 
ausgespannt  an  den  4  Enden  hielten,  und  ihn  dann,  je  nach- 
dem die  4  Halter  die  Enden  der  Ochsenhaut  anzogen  oder 
nachliessen,  zum  grossen  Jubel  der  versammelten  Volksmenge 
auffliegen  und  niederfallen  zu  lassen. 

Schon  im  Altertum  war  das  Prellen,  zwar  nicht  mit 
einer  Haut,  aber  mit  dem  csagum3  bekannt.  Suetonius  er- 
zählt   im  Leben    des  Kaiser    Otho    (Kap.  2) :    'Otho  .  .  .  .  a 

prima  adulescentia  prodigus  ac   procax, ferebatur 

et  vagari  noctibus  solitus  atque  invalidum  quemque  obviorum 
vel  potulentum  corripere  ac  distento  sago  impositum  in 
sublime  iactare.' 

Vgl.  auch  Marti al,  Epigr.  1,  3,  8:  'Ibis  ab  excusso 
missus  in  astra  sago." 

[Dies  Spiel,  griech.  TraX^ög,  lat.  sagatio,  frz.  berner,  spa- 
nisch mantear,  englisch  toss  in  a  blanket,  deutsch  auch  Fuchs 
prellen  (Grimm  DWB.  4,  1,  1,  334.  7,  2100),  Jackel  schützen 
(Schmeller2  2,  494.  Grimm  9,  2128),  nd.  baren  genannt, 
wird  schon  in  Enenkels  Weltchronik  v.  17273  ed.  Strauch 
beschrieben  und  auf  einem  Holzschnitt  in  Boccatius  Historien 
und    Exempel    von    widerwertigem    Glück,    übers,    von  Hier. 


73.   Die  Ziege  als    Iloclizeitsgeschenk.  (',(17 

Ziegler  1544.  Bl.  13.-5  b  dargestellt.  Als  Volksbelustigung  der 
Fleischer  begegnet  es  noch  in  Danzig  (Bolte,  Das  Danziger 
Theater  18!».").  S.  9.  58),  Goslar,  Antwerpen  und  Bergen.  — 
Vgl.  Korrespondenzblatt  3,  7.").  88.  4.  24  und  6,  361  II. 
Holland.  Allgem.  Zeitung  1N7!>.  nr.  41,  595.  Stubenvoll, 
Geschichte  des  k.  Erziehungsinstituts,  München  187'.».  S.  L50. 
239.  Collin  de  Plancy,  Legendes  d'Anvers  1,  202  (1844). 
Grimm,  Rechtsaltertümer  S.  726. J 


73.    Die  Ziege  als  Hochzeitsgeschenk. 

(Monatsschrift  für  die  Geschichte  Westdeutschlands  7,  64  f.     1881.) 

In  dieser  Monatsschrift  6,  450  teilte  Hr.  von  Groote  mit, 
dass  in  den  verschiedenen  Ortschaften  des  Kreises  Kreuznach 
die  Sitte  herrsche,  dass,  wenn  in  einer  Familie  der  jüngere 
Bruder  oder  die  jüngere  Schwester  vor  dem  älteren  Bruder 
oder  der  älteren  Schwester  heirate,  der  ältere  Bruder,  be- 
ziehungsweise die  ältere  Schwester  dem  jüngeren  Bruder,  be- 
ziehungsweise der  jüngereu  Schwester  am  Hochzeitstage  eine 
Ziege  in  die  Haushaltung  schenken  müsse.  Werde  das  Ge- 
schenk auch  nicht  immer  wirklich  gemacht,  so  würden  die 
älteren  Geschwister  doch  sicherlieh  damit  geneckt,  dass  man 
ein  solches  Geschenk  von  ihnen  erwarte.  —  Hierzu  erlaube 
ich  mir  folgende  Bemerkungen. 

In  der  'Kunst  über  alle  Künste,  ein  bös  Weib  gut  zu 
machen',  einer  im  Jahr  1672  zuerst  erschienenen  und  von  mir 
im  Jahre  1864  (Berlin,  Weidmannsche  Buchhandlung)  neu 
herausgegebeneu    freien    Bearbeitung1)   vou   Shakespeares 


!)  [Sie  ward,  wie  im  Jahrbuch  der  Shakespeare-Gesellschaft  27,  125 
nachgewiesen  ist,  nicht  unmittelbar  nach  dem  englischen  Originale  ge- 
macht, scudern  nach  einer  verlorenen  älteren  Verdeutschung,  die  u.  d.  T. 
'Die  wunderbare  Heyrath  Petruvio  mit  der  bösen  KatharineiT  ohne  Ver- 
fassernamen  vor    K',5S  im   Drucke  erschienen   war.] 


608  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

Komödie  'The  Taming  of  the  Shrew'  sagt  (S.  51  meiner  Aus- 
gabe) die  unverheiratete  Katharine  von  ihrer  Schwester:  'Doch 
nein,  sie  muss  einen  Mann  haben,  der  ihr  aufwartet,  denn 
sie  hat  sich  schon  verspätet,  und  ich  zurückstehen,  darmit  ich 
65  ihr  |  zu  Ehren  auf  der  Hochzeit  barfnss  tanzen  möge,  wanu 
mir  der  Bock  zum  Schimpf  geschenket  wird,  und  Affen 
nach  der  Hölle  treibe5. 

Hierzu  habe  ich  in  meiner  Ausgabe  (S.  227)  folgende 
Anmerkung  gemacht:  'Dass  die  ältere  unverheiratete  Schwester 
auf  der  Hochzeit  barfnss  tanzen  und  Affen  nach  der  Hölle 
treiben  muss,  ist  nach  dem  Englischen1);  aber  dass  ihr  ein 
Bock  zum  Schimpf  geschenkt  wird,  ist  Zusatz  des  Be- 
arbeiters. Ich  erinnere  mich  nicht,  irgendwo  von  dieser 
letzten  Sitte  etwas  gelesen  zu  haben.  Doch  hat  mir  Professor 
A.  "Witzschel  in  Eisenach  erzählt,  dass,  als  er  vor  Jahren  mit 
seiner  Braut  eine  Tante  derselben  in  Darmstadt  besucht,  die 
letztere  zu  der  Braut  gesagt  habe,  sie  könne  nun,  weil  ihre 
Hochzeit  früher  als  die  ihrer  älteren  Schwester  stattfinden 
werde,  der  Schwester  ein  Böckchen  geben.  Ausserdem  weiss 
ich,  dass  vor  40  bis  50  Jahren  in  dem  weimarischen  Dorf 
Eckstedt  auf  einer  Hochzeit  eines  Jüngern  Bruders  dem  altern 
unverheirateten  ein  Böckchen  geschenkt  worden  ist.5 

Seitdem  habe  ich  in  der  französischen  Zeitschrift 'Melusine, 
recueil  de  mythologie,  litterature  populaire,  traditions  et 
usages,  publie  par  H.  Gaidoz  et  E.  Rolland5  1,  453  (Paris 
1878)  folgende  Mitteilung  von  X.  Thiriat  aus  dem  Departement 
der  Vogesen  gefunden:  'La  jeune  fille  qui  se  marie  avant 
son  ainee  doit  lui  donner,  le  jour  de  la  celebration  de  son 
mariage,  une  chevre  blanche.  Souvent  la  chevre  blanche  est 
fournie  en  effigie,  en  carton,  en  trognon  de  chou  meine,  et 
apportee  sur  im  plat  avec  de  l'avoine,  du  sei  (voir  Vallee  de 
Cleurie  par  X.  Thiriat  p.  313). 5 


')  Im  englischen  Original  (Akt  2,  Scene  1)  lautet  nämlich  die  ent- 
sprechende Stelle: 

she  must  have  a  husband; 

I  must  dance  barefoot  on  her  wedding-day, 
And,  Cor  your  love  to  her,  lead  apes  in  hell. 


74.  Zum  Holen  der  Speckseite.  609 

Wie  man  schon  selbst  bemerkt  haben  wird,  unterscheiden 
sieh  diese  meine  Mitteilungen  insofern  wesentlich  von  der  Ai'x 
Hrn.  von  Groote,  als  nach  letzterer  die  unverheirateten  altern 
Geschwister  die  Schenker  der  Ziege,  nach  meinen  aber  die 
Empfänger  der  Ziege  oder  des  Bockes  sind. 


74.  Zum  Holen  der  Speckseite. 

(Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit  1856,  86.) 

Im  Anzeiger  1855,.  Sp.  07  f.,  86  f.  und  1*24  f.  ist  von  der 
Speckseite  am  roten  Turm  zu  Wien  [Spengler,  Wolfg. 
Schmeltzl  1883.  S.  22],  vom  Bachenholen  im  deutschen  Hofe 
[H.  Sachs,  Folio   1.  5,  473  b  =    5,  31    Keller  Fastnacht- 

spiele ed.  Goetze  1,  14(5  nr.  12;  vgl.  ebd.  1,  49  V.  380  und 
3,  29  V.  40]  und  von  ähnlichen  englischen  Bräucheu  [Dun- 
mow  in  Essex:  Chaucer,  Canterbury  Tales  v.  8366;  Addison, 
Spectator  nr.  607.  —  Wichnore  in  Staffordshire:  Warburton, 
Memoirs  2,  418]  die  Rede  gewesen.1)  Ich  mache  auf  eine 
entsprechende  Sitte,  die  ich  kürzlich  zufällig  in  Häveckers 
Chronica  und  Beschreibung  der  Städte  Calbe,  Acken  und 
W;intzleben  (Halberstadt  1720)  S.  114  fand,  aufmerksam. 
Hävecker  erzählt:  'Die  Einwohner  von  Brumbi  (einem  Dorfe 
im  Amte  Calbe)  waren,  wie  erzehlet  wird,  im  Pabsthum 
schuldig,  dem  heiligen  Antonio  ein  Schwein  zu  halten  und 
zu  ernehren,  welches  denen  Tempelherren  (die  ein  Gut  in 
Brumbi  besassen)  zuständig  gewesen,  mit  dem  Bedeuten,  dass, 
wer  in  demselben  Dorfe  in  seinem  Hause  absolute  Herr  wäre, 
dem  solte  dieses  Schwein  zu  eigen  werden.  Als  nun  auf  eine 
Zeit  ein  Bauer  solcher  absoluten  Herrschaft  sich  rühmete, 
wurde  zwar  demselben  das  Schwein  zu  holen  vergönnt;  weil 
aber    dasselbe    im    Heimholen    sich    sperrte    und    ihm     die 


')  [Vgl.  noch    Brand,  Observations  2,    177.     Pieree  Ploughman  ed. 

Wright  2,  554.     Notes  and    Queries    4.  Ser.  4,  262.  844.  5,   19.  393.    7. 
Ser.  10,  143.  234. 

Köhler,  Kl.  Schriften.  KT.  39 


(',1(1  Zum  Aberglauben  und  Yolksbraucb. 

Strümpfe  besudelte,  und  er  sorgete,  es  würde  seine  Frau  mit 
ihm  deshalb  nicht  zufrieden  sein,  musste  er  diesmal  das 
Schwein  fahren  lassen  und  sich  zur  absoluten  Herrschaft  in 
seinem  Hause  besser  legitimieren.5 

Hier  ist  also  der  Preis  nicht  bloss  eine  Speckseite, 
sondern  ein  ganzes  Schwein. 

[Stiefel  als  Belohnung  des  Herrn  im  Hause:  Bebel, 
Facetiae  2,  16.  Oesterley  zu  Kirchhof,  AVendunmut  1,  363. 
Hondorfr*,  Promptuarium  2,  '228a  (1598).  Ayrer  5,  3051. 
Ramler,  Fabeln  und  Erzählungen  1797  S.  43.  Nicolay,  Ver- 
mischte Gedichte  1,  82  (1792).  Domenichi  1581  S.  187.  — 
Erbsen:  Tallemant  des  Reaux,  Historiettes  7,  477  (1858). 
D"Ouville,  Contes  2,  54  ed.  Brünett  1883.] 


75.   Des  Kaisers  Bart  wachsen  hören. 

(Die  deutschen  Mundarten,  hsg.  von  Frommann  4,  361  f.  1857.) 

Im  Anzeiger  für  Kunde  der  d.  Vorzeit  1855,  Sp.  320 
teilt  Stöber  unter  anderen  Volksneckereien  mit,  dass  auf  dem 
Ochseufelde  bei  Sennheim  und  Thaun  unter  dem  Bib bei- 
stein ein  alter  Kaiser  sitze,  und  dass  man,  wenn  einer  hören 
will,  wie  des  Kaisers  Bart  wächst,  ihn  dahin  führt,  sein  Ohr 
an  den  Stein  halten  lässt  und  es  dann  darauf  stösst,  dass 
dem  Gefoppten  Hören  und  Sehen  vergeht.  Wer  den  köst- 
lichen Roman  Mendozas  cVida  de  Lazarillo  de  Tormes'  ge- 
lesen hat,  hat  vielleicht  mit  mir  beim  Lesen  der  Mitteilung 
Stöbers  an  eine  Stelle  des  2.  Kapitels  jenes  Romans  gedacht. 
Der  Knabe  Lazarillo  hat  sich  in  Salamanca  einem  alten 
362  Blinden  verdungen,  |  um  ihm  auf  seinen  Fahrten  als  Führer 
und  Diener  zu  dienen.  cSalimos  de  Salamanca5,  erzählt  Laza- 
rillo, 'y  llegando  ä  la  puente,  estä  ä  la  entrada  della  im  ani- 
mal  de  piedra,  que  casi  tiene  forma  de  toro.  Y  el  ciego 
mandome,  cpue  llegase  cerca  del  animal,  y  alli  puesto  me  dixo: 
Lazaro,  llega  el  oido  ä  este  toro  y  oiräs  grau  ruido 
dentro  del.     Yo  simplemente  llegue,  creyendo  ser  asi,  y  como 


76.   Die   Haut  versaufen.  Q\\ 

sentiö,  que  tenia  la  cabeza  par  de  la  piedra,  afirraö  recio  la 
mano,  y  diöme  una  gran  calabazada  en  el  diablo  de  toro,  (|iie 
mas  de  tres  dias  me  durö  el  dolor  de  la  cornada,  y  dixome: 
Necio,  aprende,  que  el  mozo  del  ciego  un  punto  ha  de  saber 
mas  que  el  diablo:  y  riö  mucho  de  la  burla.  Parcciöme,  que 
eu  a(|iiel  instante  desperte  de  la  sirnpleza.  en  que,  como  nino, 

dormido  estaba,  y  dixe  entre  me:  Verdad  dico  este,  que  me 
cumple  avivar  el  ojo  y  avisar,  pues  solo  soy,  y  pensar,  como 
me  sepa  valer.J 

[Bei  Stöber-Mündel,  Die  Sagen  des  Elsasses  1892  1, 
130  nr.  68  wird  noch  auf  einen  Schweizer  Brauch  ver- 
wiesen, den  Rochholz  in  der  Argovia  1,  33  berichtet.] 


76.  Die  Haut  (das  Fell,  den  Bast)  versaufen. 

(Am  Ur-Quell,  n.  Folge  1,  113-115.     1890.) 

Vor  vielleicht  zwanzig  Jahren  erzählte  mir  ein  älterer 
inzwischen  verstorbener  Freund,  er  habe  1846  in  dem 
weimarischen,  lJ/a  Stunden  südlich  von  Jena  nahe  der  Saale 
gelegenen  Dorfe  Göschwitz  Bauern  zu  einander  sagen  hören: 
'Heute  wird  die  Haut  von  N.  N.  versoffen!'  und  dies 
habe  bedeutet,  dass  heute  nach  dem  Begräbnis  des  N.  N. 
im  Sterbehause  von  den  Erben  ein  Fass  Bier  zum  besten 
gegeben  werde. 

Der  Ausdruck  'die  Haut  eines  versaufen'  war  mir  damals 
ganz  neu;  ich  erinnerte  mich  nicht,  ihn  jemals  gehört  oder 
gelesen  zu  haben.  Seitdem  aber,  und  besonders  in  den 
letzten  Jahren,  habe  ich  aus  Büchern  und  aus  mündlichen 
und  brieflichen  Mitteilungen  erfahren,  dass  die  Redensart  cdie 
Haut  oder  das  Fell  eines  versaufen'  eine  alte  und  in  manchen 
Gegenden  und  Orten  Nord-  und  Mitteldeutschlands  noch  in 
Gebrauch  oder  wenigstens  noch  nicht  ganz  vergessen  ist. 

Indem  ich,  was  ich  bisher  gesammelt  habe,  hier  ver- 
öffentliche,   wünsche    und   hoffe   ich,    dass   recht   viele    Leser 

39* 


612  Zum  Aberglauben  und  Volksbrauch. 

dazu  Nachträge  liefern  mögen.     Dann  erst  wird  es  vielleicht 
möglich  sein,  die  Redensart  zu  erklären. 

Aus  älterer  Zeit  ist  mir  nur  ein  Beleg  für  'die  Haut 
versaufen'  bekannt  geworden.  Er  findet  sich  in  des  Rostocker 
Predigers  Nicolaus  Gryse  (geb.  1543,  f  1614)  'Leien  Bibel1, 
die  1604  zu  Rostock  in  drei  Teilen  erschienen  ist,  auf  S.  .1  ij 
des  dritten  Teils  und  lautet:  '.  .  .  etlike  so  rick  syn, 
richten  na  der  Begreff'enisse  grote  vnnödige  Panket  an,  alse 
efft  ydt  wor  Brudtlacht  edder  Kindelbeer  were.  Edder  etlike 
ghan  van  dem  Graue  in  de  Badtstaue,  vnde  baden  sick  binnen 
vnde  buten,  edder  vorfögen  sick  in  de  Wyn  vnde  Beerkröge 
vnde  spreken,  se  willen  de  Hudt  vorsupen,  vnde  de  Sorge 
vordrincken.'1)  j 
114  Diesem  also  fast  300  Jahre  alten  Belege    habe    ich    nun 

nur    Aufzeichnungen    aus    neuer    und    neuester    Zeit    anzu- 
schliessen. 

Aus  Hinterpommern  berichtet  0.  Knoop  in  seiner 
Sammlung  cVolkssagen,  Erzählungen,  Aberglauben,  Gebräuche 
und  Märchen  aus  dem  östlichen  HinterpommernJ,  Posen  1885, 
S.  166:  Tom  Leichenschmause  (nach  dem  Begräbnis)  sagt 
man  in  Wusseken  bei  Bütow:  Da  gifft  all  wedder  he  Fell 
to  versupen."  [Aus  Mecklenburg  Wossidlo,  Zs.  d.  V.  f. 
Volksk.  4,  189.] 

Nach  L.  Frahms  Mitteilung  in  der  Zeitschrift  'Am  Urds- 
Brunnen',  Bd.  6,  Jahrg.  7,  1888/89,  S.  122  heisst  im  Stor- 
marnschen,    der    Gegend   zwischen   Elbe    und    Ostsee,    eine 


*)  Die  Stelle,  jedoch  erst  von  den  Worten  cetlike  ghan'  an,  ist 
auch  in  K.  Schillers  und  A.  Lübbens  Mittelniederdeutschem  Wörterbuch 
n.  d.  W.  hüt  abgedruckt  und  mir  dadurch  zuerst  bekannt  geworden.  — 
Zu  'de  Sorge  vordrincken'  vergleiche  man  cdas  Leid  vertrinken' 
in  einer  Stelle,  die  A.  Birlinger  im  Korrespondenzblatt  des  Vereins  für 
niederdeutsche  Sprachforschung,  Jahrg.  1888,  Heft  XIII,  nr.  4,  S.  55, 
aus  Joh.  Carl  Conrad  Oelrichs,  Marchia  Brandenburgica  gentilis,  Berlin 
1785  mitgeteilt  hat  und  die  lautet:  'Und  der  alte  heydnische  Gebrauch 
mit  den  Leyd-  und  Traueressen,  welchen  der  gemeine  Mann  gemeinig- 
lich Hülgrütte  d.  i.  Heul-Grütze  nennt,  zusamnit  den  Redensarten:  das 
Leyd  vertrincken,  den  Trostbecher  nehmen,  an  vielen  Orten  in  Teutsch- 
land noch  immer  beibehalten  worden.' 


76.  Die  Haut  versaufen.  f,i;; 

Einkehr  im  Wirtshause  des  Kirchdorfs  nach  einem  Begräbnis 
'dat  Fell  versupen3,  und  nach  P.  Ch.  Martens  ebendaselbst, 

S.   174  machen  im    Lüneburgischen  'manche  vom  Begräbnis 
Heimkehrenden  oft    nicht    gerade    einen    würdigen  Eindruck, 
denn    das    sog.    Fellversaut'en    des   Toten    ist    häutig    noch 
Mode1. 

In  der  'Dorfzeitung3  vom  3.  März  1885,  nr.  51,  S.  566b 
fand  ich  eine  Anekdote  erzählt,  die  'unlängst'  in  Soest  sich 
ereignet  habe  und  in  der  es  heisst:  'Als  der  Tote  [ein  Bürger 
aus  Soest]  zur  letzten  Ruhestätte  gebracht  war,  begann,  wie 
die  'Westph.  P.  'erzählt,  nach  alter  Sitte  der  Leichenschmaus, 
was  man  pietätvoll  Hauversupen  nennt.'  —  Wegen  dieser 
Angabe  befragte  ich  gelegentlich  meinen  Freund  Professor 
F.  Kluge  in  Jena,  der  in  Soest  seine  Schulzeit  verlebt  hat 
und  es  noch  von  Zeit  zu  Zeit  besucht;  er  wusste  nichts  von 
dem  Hautversaufen,  aber  bei  seinem  nächsten  Besuche  in 
Soest  zog  er  darüber  Erkundigungen  ein  und  erfuhr,  dass 
die  alten  eingesessenen  Leute  den  Ausdruck  cdas  Fell  ver- 
saufen (versupen)3  kennen,  jedoch  nur  aus  ihren  jüngeren 
Jahren,  dass  er  aber  den  jüngeren  Generationen  nicht  mehr 
bekannt  ist,  und  dass  Leichenschmäuse  in  der  Stadt  nicht 
mehr  vorkommen. 

Aus  seiner  Heimat,  dem  Fürstentum  Lippe,  hat  mir 
Herr  Karl  Koch,  Oberlehrer  am  Nikolai-Gymnasium  in 
Leipzig,  folgendes  brieflich  mitzuteilen  die  Güte  gehabt: 
'Nach  der  Bestattungshandlung  auf  dem  Friedhofe  pflegt  bei 
uns  auf  dem  Lande  das  eingeladene  Leichengefolge  in  das 
nächstgelegene  Wirtshaus  zu  gehen  und  dort  auf  Rechnung 
der  Eiben  des  Verstorbenen  zu  zechen.  Im  Volksmunde 
heisst  diese  profane  Schlusshandlung  'das  Fell  oder  den  Bast 
versaufen  (dat  Fei,  den  Bas  versiupen)'.  Hält  die  Sitzung 
ungewöhnlich  lange  an,  so  hört  man  regelmässig  die  Be- 
merkung, der  Begrabene  müsse  ein  zähes  Fell  (  n  tojen  Bas) 
gehabt  haben." 

Dass  der  Ausdruck  'das  Fell  versaufen"  auch  in  den 
Dörfern  um  Braun  schweig  üblich  ist.  hat  Professor  Kluge 
von  Zuhörern  gehört,  j 


614  Zum  Aberglauben  und   Volksbrauch. 

115  ohne  genauere  Ortsangabe  findet  sich  bei    H.  Berghaus, 

Der  Sprachschatz  der  Sassen,  I  [Brandenburg  1880],  S.  448: 
"t  Fell  versaufen:  nach  einem  Begräbnis  kneipen/1) 

S.  Kleemann,  Beiträge  zu  einem  nordthüriugischen 
Idiotikon  (im  Programm  des  Quedlinburger  Gymnasiums  von 
Ostern  1882),  S.  6  hat  u.  d.  W.  'FelL:  cdas  Fell  ward  ver- 
soffen, wenn  die  Leidtragenden  nach  dem  Begräbnis  ins 
Wirtshaus  gehen.3  [Zs.  «1.   V.  f.   Volksk.  6,   182.] 

Ob  das  Hautvertrinken  in  Göschwitz,  von  welchem  Dorf 
ich  ausgegangen  bin,  noch  in  Gebrauch  ist,  weiss  ich  nicht; 
aber  mein  Freund  Kluge  hat  in  Erfahrung  gebracht,  dass 
dies  der  Fall  ist  in  den  Dörfern  Winzerla,  Ilmnitz,  Zölnitz 
und  Groben,  von  denen  das  erste  weimarisch  ist,  die  andern 
altenburgisch  sind,  und  zwar  trinkt  in  den  drei  ersten  die 
ganze  Gemeinde  mit,  so  dass  auf  den  Einzelnen  sehr  wenig 
kommt.  Sonst  habe  ich  aus  Thüringen  noch  zu  erwähnen, 
dass  in  dem  bekannten  Kurort  Friedrichroda  ältere  Einwohner, 
wie  Kluge  und  ich  gar  manche  gesprochen  haben,  den  Aus- 
druck cdie  Haut  versaufen5  recht  wohl  kennen. 

Auch  in  einer  slavischen  Sprache,  und  zwar  in  der 
wendischen,  kann  ich  den  Ausdruck  nachweisen.  Nach 
W.  von  Schulenburg,  Wendisches  Volkstum  in  Sage,  Brauch 
und  Sitte,  Berlin  1882,  S.  114  sagen  in  Burg  (Spreewald) 
beim  Leichenschmause  manche  der  Schmausenden,  wenn  alles 
aufgezehrt  wird:  das  Fell  wird  versoffen  (njet  hordujo 
ta  köza  pschepita),  und  wenn  sie  abgehen:  Jetzt  ist  das  Fell 
versoffen  (njet  köza  pschepita).  Wenn  die  Redensart  sich 
nicht  auch  noch  in  andern  slavischen  Sprachen  findet,  dürfen 
wir  annehmen,  dass  sie  im  Wendischen  aus  dem  Deutschen 
übersetzt  ist. 

Endlich  habe  ich  noch  mitzuteilen,  dass  in  E.  Deeckes 
Lübischen  Geschichten  und  Sagen,  Lübeck  1852,  S.  177  = 
2.  verbesserte  und  vermehrte  Auflage,  Lübeck  1878,    S.   126 


')  [Das  Berliner  Tageblatt  1891,  nr.  212  erzählt  von  dem  Ver- 
mächtnis eines  Berliners,  das  der  'Stammtisch'  des  Verstorbenen  erhalten 
sollte,  um  'das  Fell  zu  vertrinken'.] 


77.  Zu  den  deutschen  A.ppellativnamen.  i;i5 

in  einer  aus  mündlicher  Überlieferung  geschöpften  Sage 
(nr.  90)  die  Worte  vorkommen:  cAls  aber  am  Abend  nach 
dem  Begräbnis  die  Haut  verzehrt  (das  Leichenmahl  ge- 
halten) wird,  .  .  .   .' 

Also  nach  so  vielen  Belegen  für  das  Vertrinken  der  Haut 
auch  einer  für  das  Verzehren!1) 


77.  Zu  den  deutschen  Appellativnamen. 

(Germania  7,  235—237.  1862.) 

Wackernagel  hat  in  seiner  Abhandlung  über  die  deutscheu 
Appellativnamen  auch  die  geographischen  Eigennamen  be- 
rücksichtigt. cEs  werden',  sagt  er  Germania  5,  310  [= Wacker- 
nagel, Kleinere  Schriften  3,  120.  1874],  'auch  Landes-,  Volks- 
und Ortsnamen,  die  wirklich  bestehen,  wortspielsweise  um- 
gedeutet und  zu  Appellativen  erweitert,  es  werden  andere 
<\en  wirklich  bestehenden  charakteristisch  nacherfuuden'.  Der 
reichen  Beispielsammlung,  die  Wackernagel  gegeben  hat, 
mögen  sich  noch  die  folgenden  Beispiele  anschliessen. 

Alten  hausen.  Sie  ist  von  Altenhausen.  H.  Sachs. 
Werke  (Nürnberg  1578)  4,  3,  72b. 

Alt  heim.  So  sie  gen  Altheim  werden  schieben.  Fast- 
nachtspiele 245,  31. 

[Anhalt.  Den  Fürst  von  Anhalt  präsentieren.  Reise- 
beschreibung  Androphili  1735  S.  39.] 

Beit  ein  weil.  Komm  ich  nit  hinüber,  so  bleib  ich  im 
Dörflin  Beiteinweil  unterwegeu.  Fischart,  Geschichtklitterung. 
Kap.  39  [Frey,  Gartengesellschaft  Kap.  44]. 

[Bethlehem.  Eine  Tour  nacher  Bethlehem  machen. 
Reisebeschr.  Androphili  S.  38.] 


\)  [Vgl.  Am  Urquell  2,    81.    147.     5,    161.     6,    34.  K.   Andree, 

Brauns chweiger  Volkskunde  1896,  S.  227  verweist  zur  Erklärung  des 
Ausdrucks  auf  die  braunschweigische  Sitte  des  Bullenfestes;  der  ge- 
schlachtete Gremeindehulle  wurde  dabei  gemeinschaftlich  verzehrt  und 
der  Erlös  des  verkauften  Felles  vertrunken.] 


6K5  Zur  Wortforschung. 

Bubenhausen.  Leichtmann  von  Bubenhausen.  Erasmus 
Alberus,  Ehbuchlin  Bl.  C  iijh. 

Darmstadt.  Da  fieng  sie  der  Happetit  vonDarmstadt 
und  Esslingen  an  zu  reiten,  satzten  sich  der  wegen  ordenlich 
zu  tisch.     Fischart,  Geschichtkl..  Kap.  26. 

Eicbenstett.     Mau  soll  ihm  den  Vogt  von  Eichenstett 
mit  seiner  nngebrenten  Eschen  übers  Leder  schicken.  Spangen- 
bergs Lustgarten  453  bei  Grimm,  DWB.  1,  581.  | 
236  Esslingen,  s.  Darmstadt. 

Fingerwalde. 

Da   klatscht,  da  kümmert  sich  das  alte  Trödelweib  .  .  . 
Wie  oft  sieh  Frau  und  Mann  bei  dem  Begräbnis  raufen 
und  Fritz  und  Florida  nach  Fingerwalde    laufen. 

Günther,  Der  entlarvte  Crispiuus  von  Schweidnitz,  in  den  Ge- 
dichten, Breslau  und  Leipzig    1751,  S.  501. 

Höhnstadt.  Seid  ihr  von  Höhnstadt?  Complimentier- 
büohlein  von  1654,  im  Weimarischen  Jahrbuch  1,  326. 

Kol  dingen.  Im  Eulenspiegel,  Kap.  16,  fragen  nackte 
Buben  zu  Peine  den  Eulenspiegel,  wo  er  her  käme.  'Er  sprach, 
ich  kum  von  Koldingen,  er  sach  wol,  dass  sie  nit  vi!  an 
hetten.  Sie  sprachen:  Hör  hierher,  wa  kamstu  von  Koldingen, 
was  enbüt  uns  dann  der  winter?  Ulenspiegel  sprach:  der  wil 
euch  nüt  enbieten.  er  wil  euch  selber  ansprechen,  und  reit 
hin'.  Koldingen  ist  ein  Dorf  bei  Peine;  das  Wortspiel  zwischen 
diesem  Namen  und  kold,  kalt,  ist  nicht  zu  verkennen;  s. 
Lappenberg  zu   der  Stelle. 

Laufenburg.  Er  hat  nach  Laufenburg  appelliert. Eiselein, 
Sprichwörter  S.  411. 

[Lochhausen.  Zum  Steinhaufen  bei  Lochhausen  führen. 
Lundorf,  Wissbad.  Wisenbrünlein  1,  103.] 

Nagelstadt,  Nageleck,  s.  u.   Wargelstadt. 

Ri bei  eck,  s.  Wargelstadt. 

[Schreckhausen.  Die  heurigen  Rekruten  waren  nicht 
von  Schreckhauseu.  Aus  dem  Leben  eines  badischen  Soldaten.] 

Steiermark.  Ein  wegen  seiner  Einfälle  bekannter 
Lumpensammler  aus  der  Gegend  von  Buttstädt  im  Gross- 
herzogtum Sachsen-Weimar  begegnete  einst  dem  Herzog  Ernst 


TT.  Zu  den  deutschen  Appellativnamen.  (',17 

August  (1728 — 1748).  Nun  waren  gerade  damals  gewisse 
Steuern  in  empfindlicher  Weise  erhöht  wurden,  und  als  daher 
der  Herzog  den  Lumpensammler  fragte,  was  es  in  seiner 
Gegend  neues  gebe,  antwortete  er:  Durchlaucht,  die  Leute 
in  Buttstädt  sagen,  die  Welt  hätte  sich  gedreht  und  sie  seien 
nach  Steiermark  gekommen.  (Mündliche  Tradition.  | 

Taubach.  Er  ist  aus  Taubach  d.  h.  ist  taub.  Diese 
Redensart  hört  man  zuweilen  in  Weimar  und  Umgegend: 
Taubach  ist  ein  fünf  Viertelstunden  von  Weimar  entferntes 
Dorf. 

Wargelstadt.  Ein  schwäbisches  Rätsel  vom  Floh  bei 
Meier  (Deutsehe  Kinderreime  aus  Schwaben  S.  83)  heisst: 

In  einem  engen  Gässehen 

begegnete  ich  einem  schwarzen  Pfäff'chen. 

Da  na  lim  ich  es  nach  Wargelstadt, 

von  Wargelstadt  nach  Nagelstadt, 

und   da   ward  er  gerädert. 

Ahnlich    ist    ein    schweizerisches    Rätsel    bei     Rochholz. 

Alemannisches  Kinderlied  S.  223 :   | 

Es  chömmet   zwe  Manne,  237 

sie  führet  eine  g'fange, 
von  Rtbelegg  üf  Nagelegg 
von  Nagelegg  üf's  Gerichte. 

Endlich  verweise  ich  noch  auf  das  7.  Kapitel  von  Fischarts 
Geschichtklitterung,  wo  eine  ganze  Reihe  teils  wirklicher,  teils 
fingierter  Ortsnamen,  die  alle  Bezug  auf  Essen  und  Trinken 
haben,  vorkommen. 

[Eine  Liste  böser  Weiber,  die  gleichfalls  von  dieser 
'geographischen  Allegorie  reichlich  Gebrauch  macht,  steht  Zs. 
d.  V.  f.  Volkskunde  8,  23.  25.  Aus  der  oben  S.  499  an- 
geführten Weimarer  Handschrift  Q.  565,  Bl.  45  b  stehe  hier 
ein  Stück  des  15.  Jahrhunderts: 

Die    aus  siegung    der  ee. 

So  einer  ein  weil»  nimbt,  so  kumbt  er  von  ersten  mit  ir 
ine  das  gelobt  landt,  darinnen  woiit  er  mit  ir.  als  lang 
vnd  er  pfenning  hat.  Darnach  kumpt  er  mit  ir  ine  das  land 
Sorgmeina,    do    ret    er  mit  ir.    was  sie  anheben  vnd  thon 


61 S  Zur  Wortforschung. 

wollen,  domit  sie  narung  gewynnen;  aldo  begreifft  sie  die 
.sorg.  Vnd  alle  weil  sie  ine  der  sorg  also  stien  vnd  nit  narung 
haben,  kummen  sie  ine  ein  landt,  das  heisset  Aramatia. 
Aldo  begreüfft  sie  die  not  vnd  auch  klaine  kindleiu  dabey. 
So  man  daczu  nit  hat,  so  heben  sie  sich  auff  mit  den  kindleiu 
vnd  zihen  ine  das  lant  Bethleem.  Aldo  bleiben  sie  etwa 
lange  zeyt  vnd  sterben  gewonlich  darinnen.  So  sie  aber  ine 
disem  laud  nit  auss  mögen  komen,  so  faren  sie  in  Galileam, 
•etlich  gar  an  galge.  Do  betritt  vns  got  vor!] 
Weimar,  September  1860. 


78.   Sehiltebürger  als  Name  des  Todes. 

(Germania  25,  360.  1880.) 

In  einem  mir  zufällig  bekannt  gewordenen  Gedicht  eines 
Matthäus  Schmidt,  Pfarrers  zu  Leutersdorf  und  Henfstett, 
auf  den  Tod  einer  am  24.  Dezember  1659  zu  Coburg  ver- 
storbenen Frau  Rosina  Rauschardtiu,  Witwe  des  Herrn  Felix 
Rauschardt,  'Römisch  Keyserlicher  Majestät  Obrist-Wacht- 
meisters  und  hernach  Fürstlich  Sächsischen  Haupt-  und  Ampt- 
manns  zu  Römhildt,  Eissfeld  und  Veilsdorf,  wird  der  Tod 
Schiltebürger  genannt.  Es  lautet  nämlich  die  zweite  Strophe 
des  Gedichtes: 

Aber  der  Knochen-Dürr  und   unmild  Sehiltebürger, 
Der  kühne  freche  Held,  und  unhold  Menschenwürger, 

Schont  weder  Helm  noch  Schild,  bey  ihm  gilt  alles  gleich, 
Ach  leider!  weder  Jung,  Alt,  Edel,  Arm  und  Reich. 

Ich  weiss  diesen  Namen  des  Todes,  der  mir  soust  nicht 
vorgekommen  ist,  nicht  zu  erklären1). 


')  Das  Gedicht  steht  unter  andern  lateinischen  und  deutschen  Ge- 
dichten auf  die  Verstorbene  f/Epicedia')  —  als  17.  —  hinter  der  Leich- 
predigt Johann  Krugs.  (Corona  vitse,  prsemium  fidelitatis,  et  constantise, 
das  ist:  'Des  Lebens  edle  Hinimels-Kron  Ist  treuer  Christen  Gnaden-Lohn. 
Bey  sehr  Volckreicher  ansehelicher  Leichbegängnis  Der  weiland  Edlen 
-  .  .   Frauen  Rosinen  ...  In  einer   Schrifftmässigen,    einfältigen    Leich- 


79.  Kosegarten.  (;]<) 

[E.  Henrici,  Zs.  f.  dtseh.  Altertum  •25,  127  verweist 
dazu  auf  Hartmanns  [wein  V.  71(>"2:  cSi  muosen  vaste  gelten 
vür  des  tödes  schelten  und  vür  die  scheltsere  boeser  geltaere' 
und  auf  Grimms  Mythologie3  S.  494    =  i  706.] 


79.  Kosegarten. 

(Zeitschrift  für  deutsche   Philologie  4,   13-1— 135.  1872.) 

Als  ich  neulich  das  wunderliche,  aber  manches  schätzbare 
Material  enthaltende  Buch  von  Wilhelm  Reynitzsch  (königl. 
preuss.  wirkl.  Regierungs-Rat)  'Uiber  Truhten  und  Truhten- 
steine,  Barden  und  Bardenlieder,  Feste.  Schmause  u.  s.  w.  und 
Gerichte  der  Teutschen'  (Gotha  1802)  durchsah,  stiess  ich 
darin  auf  folgende  Stelle  (S.  153): 

Die  Thüringer  kommen  an  diesen  Tagen  [Sonn-  und 
Festtagen]  zu  einander  spela,  d.  h.  auf  ein  gut  Gespräch, 
(vom  gotischen  'spelan',  sprechen)  oder  auch  in  Kose- 
g arten,  —  von  'kosen',  liebreich  und  leise  miteinander 
reden.  —  wo  sie  sich  dann  erzählen,  was  sie  von  'jemänn' 
in  'spelwise'  vernommen  haben.  In  Städten  geht  man  jetzt 
in  Visiten,  in  Spielgesellschaften  u.  s.  w.  Niemand  mehr  in 
'Jlayngarten5  (worüber  auf  der  vorhergehenden  Seite  ge- 
sprochen ist.  'i 

Das  thüringische  'spela  (spell.  spill)  gehen,  kommen, 
sein'  =  zum  Besuch  gehen,  kommen,  sein,  ist  bekannt.  Man 
sehe  darüber  Karl  Regeis  Nachweise  in  seinem  Buche  'Die 
Ruhlaer  Mundart"  (Weimar  1868)  S.  271  fg.  Dagegen  habe 
ich  das  Wort  Kosegarten   weder  in  einem  thüringischen  noch 


Predigt,  zu  Coburg  in  der  Haupt-Kirchen  zu  Sanet  Moritz,  .  .  .  Ge- 
zeiget von  Johann  Krügen,  Dienern  am  Wort  Gottes  daselbst,  n.' 
•Coburg  [1660].  4°.) 

s)  Man  sehe  über  Heinigarten,  Haingarten  die  Nachweise  in 
Frommanns  Deutschen  Mundarten  3,  530  und  Birlingers  Schwäbisches 
Wörterbuch  S.  216. 


(;-J0  Zur  Wortforschung. 

in  irgend  einem  anderen  Wörterbnche  gefunden.  Auf  eine 
an  Regel  gerichtete  Anfrage,  ob  ihm  das  Wort  bekannt  sei, 
erwiderte  mir  mein  Freund,  dass  es  ihm  bisher  unbekannt 
gewesen  sei,  dass  er  aber  nach  mehrfachen  Umfragen  von 
einem  zuverlässigen  Gewährsmann  gehört  habe,  dass  die 
Wendung  'in  Kosengarten  gehen  (se  genn  in  Kosegarten; 
womm'  änn  z'  Obbt  ä  wenk  in  Kosegarten  ge?  wollen  wir 
nicht  heut'  abend  ein  wenig  schwatzen  gehen?)  in  gothaischen 
Dörfern,  z.  B.  in  Friemar,  vorkommt,  etwa  in  dem  Sinn:  ein 
Schwätzchen  halten,  ein  Plauderstündchen  feiern.  'Weitere 
Umfrage",  schreibt  Regel  mit  Recht,  fwird  noch  nötig 
135  sein,  um  den  Grad  der  Lebendigkeit  der  |  Phrase  und 
ihren  individuellen  Sinn  noch  genauer  zu  bestimmen;  aber 
schon  jetzt  scheint  mir  unzweifelhaft,  dass  die  Wendung  alt 
volkstümlich  ist  und  zu  unserm  thüringischem  'kosen'  =  ver- 
traulich plaudern,  angelegentlich  und  ungezwungen  schwatzen, 
ohne  dass  das  Merkmal  eines  zärtlichen  Liebesgesprächs 
notwendig  wäre,1)  gehörig  ist,  und  dass  in  dem  sehr 
hübschen  Compositum  [wie  auch  in  Heimgarten]  der  freilich 
im  Gebrauch  wohl  vergessene  Hinweis  auf  echte  alte  Volks- 
sitte liegt,  nämlich  das  Zusammenkommen  im  Freien,  in 
Gärten,  auf  Wiese  und  Auger,  in  Busch  und  Holz,  zu  traulichem 
Gespräch,  besonders  in  sommerlicher  Festzeit  oder  überhaupt 
in  Feierstunden5. 

Ohne  Frage  ist  der  Familienname  Kosegarten2)  aus 
unserm  Worte  zu  erklären.  Vilmar  freilich  im  'Deutschen 
Namenbüchlein3  (4.  Auflage,  Frankfurt  a.  M.  1865,  S.  67)  will 


l)     Vgl.    auch    Hildebrands    Artikel     über     kosen     im    Deutschen 
"Wörterbuch. 

-)  Auch  Rück  er  t  hat  beim  Namen  des  Dichters  Kosegarten  an 
kosen  und  Garten  gedacht,  wenn  er  in  seinem  schönen  Gedichte: 
Pfarrer  und  Kaplan1  (Gesammelte  poetische  Werke  2,  253)  wort- 
spielend sagt: 

Ich  kos't  im  Kosegarten, 

Schon  matt  von  Matthison, 

Und  schwor  zu  Gleims  Standarten, 

Dem  Frühling  Kleists  entrlohn. 


80.  Cornelius.  621 

in  Kosegarten  eine  slavische  Ziegenburg  erkennen,  aber  ich 
habe  in  Ortslexieis  bisher  vergeblich  ein  Kosegart  oder 
dergl.  gesucht. 

Weimar.  April   1870, 


80.  Cornelius,  eine  Ergänzung1  zum  Deutschen 

Wörter  buche. 

(Zeitschrift  für  deutsche  Philologie   1,  452—459.     1869.) 
An  Rudolf  Hildebrand   in  Leipzig. 

Du  fragst,  lieber  Freund,  im  neuesten  K-Heft  des 
Deutschen  Wörterbuchs  im  Artikel  Kornelle:  'Hängt  damit 
zusammen  die  merkwürdige  Angabe  bei  Rädlein  179b : 
Cornelius  im  Kopf,  rappelk optisch ,  martel  en  tete?'  Es 
ist  Dir  also  ein  eigentümlicher  Gebrauch  des  Wortes  Cornelius 
entgangen,  welcher  im  letzten  Viertel  des  IG.  Jahrhunderts. 
wie  es  scheint,  aufgekommen,  durch  das  ganze  17.  Jahrhundert 
hindurchgeht,  und,  wie  Deine  Anführung  aus  Rädleins  Wörter- 
buch lehrt,  bis  ins  18.  Jahrhundert  reicht.  Wenn  Dir  dieser 
Gebrauch  entgangen  ist,  so  wird  er  gewiss  auch  sehr  vielen 
andern  Fachgenossen  unbekannt  sein.  Es  sei  mir  daher  ver- 
stattet. Dir  hier  öffentlich  mitzuteilen,  was  ich  darüber 
zum  grössten  Teil  schon  seit  Jahren  —  gelegentlich  ge- 
sammelt habe. 

Es  giebt  zwei  lateinische  komische  Disputationen,  welche 
eigens  de  Cornelio  handeln.  Die  älteste  mir  bekannte  datierte 
Ausgabe  der  einen  Disputatio  befindet  sich  in  den  'Facetiae 
Facetiarum",  o.  0.,   1627,  4°,  ')  mit  folgendem  Titel:  J 

Disputatio    de    Cornelio    Et    Ejusdem    Natura    ac    Pro-     453 
prietate.     Cujus  Positiones  Sub  Praesidio  Ampliss.    Famosiss.    Clariss. 
Spectatiss.  et  celeberrimi  Viri,  Dn.  Vespasiani  Caridemi  omnium  faculta- 
tum    Doct.       In    illustri    Gaudecapensium    Academia    publice    proponit 


x)  Königl.    Bibliothek    zu    Berlin.      [Xg  31,  16.  Ebd.  Xg  3406 

eine   Oktavausgabe,   Gremerstadii  o.  J.] 


ß22  ^ur  Wortforschung. 

Zachams   Pertinas    Hierosolymitanus.     Habebitur   disputatio   in   collegio 
iiMilio  ad  fontem  Arethusa;,  quoties  lubet, 

Vincere  enim  et  vinci  praefracti  militis  Usus. 
16  [Holzscbnitt :  Vier  Disputierende.]  27. 
[Hinten  ein   Erhängter.] 
Gremerstadj  Apud  Chrysippum  Grillomannum ,  sumptibus  Lippoldi  Ohren- 
krätzers. 

Iu  der  späteren  Ausgabe  der  'Facetiae  Facetiarum', 
Pathopoli,  1645,  12°, ')  steht  ebenfalls  die  Disputation,  aber 
mit  dem  kurzen  Titel:  'Disputatio  de  Cornelio  et  ejusdem 
Natura  ac  Proprietate3.  Sie  findet  sieh  ferner  mit  dem  obigen 
ausführlichen  Titel  in  den  'Nugae  venales',  o.  0..  1642,  12°, 
S.  200  — 222.2) 

Aus  den  in  dieser  Disputatio  aufgestellten  41  Theses 
heben  wir  folgende  hervor.  In  Tfaesis  11  heisst  es:  Tutamus 
Cornelium  esse  spiritum  corporeum,  ex  atra  bilis  copia 
conüatum,  qui  certis  exacerbatus  causis  hominem  inquietat.3 
Nach  Thesis  12  kommt  Cornelius  her  ca  grseco  xogeco,  id  est, 
satio  seu  saturo ,  et  vrjXsijg,  id  est,  iramisericors  seu  crudelis, 
dicaturque  Cornelius  quasi  xoghov  vrjXe&g,  id  est,  crudeliter 
satiaus.  Testatum  enim  experientia  fecit,  eos  qui  hae  peste 
onerantur.  ita  inhumaniter  excipi,  ut  per  unicum  modo  dient 
laborantes  jam  tum  ceperit  Cornelii  satietas."  Schon  vorher 
(Th.  10)  ist  die  Ansicht  der  Philosophi  verworfen,  welche 
glauben,  'Cornelium  esse  nomen  inane  sine  re,  ortum  ex 
festivitate  quapiam :  cum  enim  in  comico  ludo  quidam  Cornelii 
nomine   Conscientise   personam    sustinuisset,  isque    ex   scenis 


1)  Grossh.  Bibliothek  zu  Weimar.  [Berlin  Xg  38.  —  Ebd.  Xg  40  f. 
Ausgaben  von  1647  und  1657.] 

2)  Grossh.  Bibliothek  zu  Weimar.  Die  Kgl..  Bibliothek  zu  Berlin 
besitzt  nach  gefälliger  Mitteilung  des  Herrn  Dr.  J.  Schrader  eine  Aus- 
gabe der  Nugae  venales,  o.  0.,  Anno  XXXII,  12°,  3  Bogen,  welche  nur 
die  Fragen  der  Nuga?  venales  enthält.  In  demselben  Bande  [Xg  3406] 
aber  befinden  sich,  ohne  Jahr,  aber  unzweifelhaft  aus  derselben  Offi- 
zin ,  also  auch  wohl  aus  demselben  Jahr,  mit  besonderer  Paginierung, 
einige  derjenigen  Schriften,  die  in  den  späteren  Ausgaben  mit  den  Nugse 
venales  vereinigt  sind,  darunter  mit  dem  ausführlichen  Titel  die  Dis- 
putatio de  Cornelio.  [Weitere  Ausgaben  der  Nugse  venales  von  1644, 
1648,  1663,  1689,  1703  und  1720  in  Berlin  Xg  82  ff.] 


80.  Cornelius.  623 

prodiens  semper  last  um  inventum,  subinde  digrediens  tristem 
ac  moerore  plenum  reliquisset,  abiisse  has  affectuum  vices  in 
proverbium,  ut  quoties  quis  solito  moestior  esset,  diceretur 
Comelium  habere'. 

Th.  14.  Pro  varietate  autein  temporum  et  loconini. 
personarum,  item  circumstantiarum  aliam  atque  aliam  matrem 
agnoseit  Cornelius.  In  |  his  enim  est  ex  defectu  pecunias:  in  454 
aliis  ex  amore:  in  aliis  ex  crapula:  in  aliis  ex  verberibus: 
in  aliis  ex  chartis  lusoriis:  in  aliis  ex  melancholici  humoris 
ebullitione  etc. 

Th.  15.  Sic  nonnullos  Cornelius  invadit  tempore  matutino, 
cum  surgendum  est,  quo  tempore  etiam  meditationes  suscipi 
consueverunt  de  soloecismo  pridie  per  vinum  commisso :  quosdam 
vespertino  tempore,  cum  caupo  se  diutius  potnm  daturum 
renuit:  alios  post  merkliem,  quando  amica  in  horto  relicta 
ad  urbem  redeundum:  alios  media  nocte,  cum  ad  caveam, 
seu  ut  Romani  loquuntur  ad  carcerem  migrandum. 

Th.  IG.  Pari  ratione  quidam  in  conclavi  suo  Comelium 
sentiunt,  dum  labores,  libros,  praeceptores ,  et  id  genus  aliud 
nugarum  inveninnt,  nullos  autem  compotores  aut  confabu- 
lantes;  quidam  in  templo,  dum  concio  nimium  protrahitur; 
quidam 

Nach  Th.  17  ist  auch  gekränkte  Eitelkeit,  nach  Th.  18 
eine  böse  Frau  (fumus  in  domo),  desgl.  ein  in  Nichtsthun 
und  Liederlichkeit  verbrachtes  akademisches  Leben,  nach  Th. 
19  Geiz  Ursache  des  Cornelius. 

In  den  folgenden  Thesen  wird  über  die  materia,  die 
form,1)  den  finis,    das    objectum,    die    effectus,    die    remedia 


*)  Bei  dieser  Gelegenheit  (Th.  21)  heisst  es:  £Alii  versantur  quidem 
cum  mortalibus  sed  taciturni,  cernui,  niorosi,  quibus  dici  solet,  eos 
calendaria  componere,  aut  speculari  in  divinis,  aut  claves  quserere,  aut 
Corneliiini  habere,  quorura  postremum  prioribus  tribus  verius  nos 
existiinamus'.  Weiter  unten  (Corollaria  2):  'Falsum  est  quod  vulgus 
dicitur,  ikis  habere  Comelium.  Nos  enim  Comelium  nun  babemus, 
sed  Cornelius  nos  habet.'  Mehrfach  werden  die  mit  dem  Cornelius 
Behafteten  in  der  Disputati o  Corneliosi  genannt. 


■62-i  ^,u*  Wortforschung. 

des  Cornelius  und  dann  mich  über  einige  dubia  gehandelt, 
denen  sich  noch  15  Corollaria  anschliessen. 

Die  zweite  Thesensammlung  de  Cornelio  oder  vielmehr, 
wie  der  Verfasser  einer  gemachten  Etymologie  zu  Liebe 
schreibt:  de  Curnelio,  liegt  mir  in  dem  Exemplar  der  Kgl. 
Bibliothek  in  Berlin  [an  Yy  851]  vor,  nachdem  mich  Herr 
Dr.  J.  Schrader  auf  sie  aufmerksam  gemacht  hat.  Sie  ist 
undatiert,  aber  mit  einer  Ausgabe  der  Theses  de  Cochleatione 
vom  Jahre  1593  zusammengeheftet  und  kann  wohl  derselben 
Zeit  angehören.  Der  Titel  lautet  vollständig:  'Theses  de 
Curnelio  bestia  crudeli  et  noxia.  Sub  Divi  Harpocratis 
Praesidio.  A  Secundo  Philosopho  Silentij  candidato  ad  dis- 
ceptandum  propositae  in  celeberrima  Pythagoreorum  Acroasi. 
Disputabuntur  ad  calend.  Grsec.  '.'  /\?)  Typis  Gornelij  Taciti 
Typographi  Pythagoraef.     4°. 

Das  Schriftchen  wird  mit  einer  Widmung  eröffnet,  deren 
Anfang  also  lautet: 

455  Reverendo  Patri 

C.  Mutio  Tropbonio  Silesio,  delecto  Abbati  atque  Preesuli  in 
ccenobio  Ordinis  Silentis,  Patrono  suo  summe  colendo. 

S.  D. 

Crebro  hactenus  agitatum  inter  bonarum  disciplinarum 
studiosos  de  Curnelio  sermone  adagium  est,  paucis  tarnen 
medullitus,  quo  ad  originem,  cognitum :  Nonnulli  enim  de 
Cornelio  illo  Tacito,  non  muto  certe,  sed  rerum  scriptore  elo- 
quentissimo,  deductum  censent1).  At  quam  errent  de  toto 
scilicet  ccelo  terrave,  logicum  illud  axioma  notatioui  proprium 
declarat  graphice:  Cui  videlicet  notatio  non  convenit,  eidem 
nee    nomen    convenire.      Veritati    igitur    consulturus    haecce 


l)  [Ebenso  beisst  es  in  dem  Gedichte  'Heautontimorumenos  s.  Cor- 
nelius Studiosorum'  bei  Joa.  Leibius,  Studentica  1627,   nr.  69  Bl.  D  6b : 

Die,  Studiose,  mibi,  Cornelius  unde  vocetur, 

Quo  veluti  morbo  studiosa  caterva  laborat! 

Cornelios  habuit  multos  Romana  vetustas  etc. 
Auch  Owen  (f  1622)  spielt  (Epigrammata  1648,  S.  141:  'In  Cornelium1) 
mit  diesen   Worten: 

Cornutum  te,  Corneli,  scis   esse  tacesque: 

Non  Cornelius  es  tu  modo,  sed  Tacitus.] 


80.  Cornelia-.  (;-_>5 

themata  in  medium  proferre  volui  sub  litterario   incude  pro- 
ducenda  etc. 

\'<ui  den  10  Thesen  liebe  ich   folgende  aus: 

I.  Curnelius,  de  quo  hie  qusestio  instituitur,  bestia  est 
tristis  et  squalida,  macilenta  ac  pallida,  mortalium  mentes 
vel  casu  aliquo  immergente  sinistro,  vel  ex  defectu  peeunia?, 
vel  prava  actione  exagitans,  curis   variis  discutiendo. 

II.  Dictus  putatur  a  nomine  cura,  coniunetione  ne  et 
graeeo  verbo  fcvco,  quod  solvo  significat,  y.ai  dviitj  oamv ,  hoc 
est.  quis  curam  minime  solvens.  sed  subinde  adaugens. 

XII.  Causa  efficiens,  praeter  superius  (I)  enumeratas,  est 
vinum  vel  cerevisia,  vesperi  nounihil  largius  pota,  atque  ad 
tales  actiones  impellens,  qu3B  in  ipso  quidem  actu  arrident 
atque  placent.  veruntamen  maue  Curnelio  in  memoriam  nos 
revocante  atque  exaggerante,  vehementer  displicent,  unde  a 
Germanis  Rewel  dicitur. 

XIII.  Materia  ex  qua  est  temeritas  et  incogitantia. 
XIY.  Materia  in  qua  est  mens  humana. 

XV.  Cognata  sunt  tristitia,  dolor,  ira,  poenitentia,  pudor. 

XVI.  Pugnant  cum  hac  teterrima  bestia  atque  ex  diametro 
adversantur  gaudium,  lsetitia. 

Es  folgen  noch  drei  Qua?stiones  und  zum  Schluss  die 
Relegatio  Cornelii,  worin  es  u.  a.  heisst:  cEam  igitur  ob  causam 
te  Cornelium.  pessimum  quietis  et  gaudii  perturbatorem  ma- 
tutinique  somnii  mterruptorem  suavissimi,  qui  tot  nobis  mo- 
lestias  et  dolores  revocatione  eorum  in  mentem,  quse  per 
nocturnam  compotationem  gesta  fuere,  creas  atque  infers,  in 
perpetuum  relegamus.3 

Ich  lasse  nun  einige  Stellen  aus  lateinischen  Schriften 
folgen,  in  welchen  der  Cornelius  oder  Ableitungen  davon  ge- 
legentlich vorkommen.  | 

In  den  Theses    de  Hasione   et   hasibili  qualitate,    456 
deren    erster    Teil    wenigstens   jedenfalls    noch    dem    letzten 
Viertel  des  16.  Jahrhunderts  angehört.1)  lautet  die  22.  Thesis 
des  ersten  Teils: 


')  Vgl.  meine  Anmerkung  zur  Kunst  über  alle  Künste  lst>4,  S.  233  f. 
Die  Theses  —  und  zwar  beide  Teile — stehen  auch  in  den  Nugae  renales, 

Köhler    Kl.  Schriften.    III.  40 


626  Zur  Wortforschung. 

'Symptomata  harum  hasibilitatum  sunt  oranes  his  affines 
qualitates,  Cornelius,  Ciglio,  Eulenspigelius,  Paul  cave  tibi, 
Papa  de  calvo  monte,1)  Claus  stultus,2)  omnis  ignorantia, 
superbia,  amor,  cochleatio,  helluatio,  scurrilitas,  impudentia, 
beanitas  in  uno  plus,  in  altero  minus.  Summa  totus  cursus 
cum  arundine  longa.'3) 

In  der  30.  These  des  zweiten  Teiles  werden  unter  Mitteln 
gegen  die  Hasibilitas  angeführt:  cvexatio,  tribulatio,  explosio, 
Cornelizatio.  Pamphy.3 

Inder  Disputatio  de  Iure  et  Natura  Pennalium4) 
lesen  wir    in    der    84.  These:  cpacis   publicae  turbatio,    cuius 


1(142,  s.  127  ff.  und  in  den  Facetise  Facetiarum,  Pathopoli  1645,  S.  511  ff. 
[Über  Hase  =  Narr  Zarncke  zu  Brants  Narrenschiff  S.  CXIV  f.  und 
Wendeler,  Zs.  f.  d.  Altert.  21,  455.] 

x)  Pfaff  von  Kahlenberg.  Schon  bei  Murner  in  übertragener  sprich- 
wörtlicher Bedeutung.     S.  Goedeke,  Grundriss  1, 116  [=  2.  Aufl.  1,343  f.]. 

2)  Claus  Narr.  S.  Goedeke  1,  421  [=  2  2,  558].  Zu  Ciglio  und  Paul 
cave  tibi  weiss  ich  nichts  Erläuterndes  zu  bemerken. 

3)  'Mit  der  Leimstange  laufen',  im  16.  und  17.  Jahrhundert 
gleichbedeutend  mit  cein  Geck,  ein  Phantast  sein'.  Vgl.  z.  B.  Herzog 
Heinr.  Julius,  Schauspiele  525,  651,  673  (Wie  leuft  der  Kerl  so  sehr  mit  der 
Leimstangn  und  Keutzchen  her),  675.  Auch  neuere  niederdeutsche 
Wörterbücher  (Strodtmann,  Jdioticon  Osnabruc.  126,  Bremisch-nieder- 
sächsisches Wörterbuch  3,  73,  Dälmert,  Plattd.  Wörterbuch  278)  kennen 
die  Redensart.  Vgl.  auch  Prutz,  L.  Holberg  S.  299,  Anm.  44.  [Hasen- 
Jacht,  allen  Hasierern  und  Leimstenglern  zu  sonderlichem  Nutz,  1593 
bei  Zarncke,  Brants  Narrenschiff  S.  CXIV.]  In  Wellers  Annalen  1,350 
ist  eine  1594  zu  Erfurt  erschienene  Schrift  'Rennplatz  der  Haasen  mit 
der  Leimstangen'  verzeichnet.  B.  Armatus  (d.  i.  J.  Rist)  fingiert  in 
seiner  'Rettung  der  edlen  teutschen  Hauptspraehe'  (E  VIII)  einen  Herrn 
Liebhold  von  Hasewitz,  Herrn  zur  Leimstangen,  H.  Reinhold  (d.i.  G.W. 
Sacer)  in  seiner  Schrift  'Reime  dich,  oder  ich  fresse  dich',  North  ausen 
1673,  S.  78,  einen  Monsieur  Charlatan  Windsprecher,  Herrn  zu  Leim- 
stangen. Auch  die  Worte  Leimstenger  und  Leimstengler  kommen 
im  16.  und  17.  Jahrhundert  für  Geck  und  Narr  vor.  [Holstein,  Archiv 
f.  Littgesch.  10,  576—582  und  Zs.  f.  d.  Phil.  18,  444.  Draheim,  Deutsche 
Reime  1883  S.  94.  Erk-Böhme,  Liederhort  2,  759.  3,  873.  Grimm, 
DWB.  6,   701.] 

4)  In  denNugse  venales  1642,  S.  166  ff.,  in  den  Facetise  Facetiarum 
1645,  S.  305  ff. 


SO.  Cornelius.  (',07 

poena  est  Bannura,  quod  parit  multos  et  miserabiles  Cornelios 
in  cerebello.' 

In  der  Disputatio  Ins  potandi  breviter  adnm- 
brans,  Oenozythopoli  1626  [Berlin  Xg  7255;  ebd.  B.  D.  4° 
2578,  12  eine  Ausgabe  von  1616]  (in  den  Facetiae  Facetiarnm 
1645,  S.  Ö6  flf.)  heisst  es  in  der  60.  Conclusio  von  einem,  der 
ein  Gelage  bei  sich  gehalten  hat:  'Snrgens  et  musseuni  intrans 
videns  omnia  depopulata,  Cornelium  suspirat  maximum, 
introspiciens  erumenam  deprehendit  eam  vaeuam.3  Und  weiter 
unten:  Mnvento  ex  re  consilio  discutiuntur  frontis  rugae  et 
dissimulatnr,  qnamvis  adhuc  aliquid  aegritudinis  inhaereat, 
idque  propter  |  aliorum  vexationes,  qüae  solent  esse  certissimae,  457 
si  quempiam  videant  Comelizantem/ 

In  Albert  Wichgrevius'  im  Jahre  1600  geschriebener 
Komödie  'Cornelius  relegatus  sive  Comoedia  nova  festi- 
vissima  depiugens  vitam  pseudostudiosorum'  [vgl.  E.  Schmidt, 
Komödien  vom  Stndentenleben  1880,  S.  10.  Bolte,  ADB.  42, 
310]  fragt  der  Rektor  in  der  5.  Scene  des  2.  Aktes  den 
Cornelius,  der  sich  zur  Immatrikulation  meldet,  nach  seinem 
Namen  und  sagt,  als  er  hört,  dass  jener  Cornelius  heisst: 

—  illud  nomen  hie  clarissimum 
A  conscientia  mala,  tu  reddito 
Illud  felicius  ut  in  omen  exeat. 

J.  Sommer  hat  in  seiner  deutschen  Übersetzung  des 
Cornelius  relegatus  (Magdeburg  1605)  diese  Stelle  so  über- 
setzt : 

Seht  das  ihr  euch  was  guts  befielst, 
Der  Namen  ist  zwar  wohl  bekand 
Hier  und  im  ganzen  deutschen   Land 
Und  wird  geineinlich  denen  gebn, 
Die  im  bösen  Gewissen   lehn. 
Seht,  halt  euch  also  früh  und  spat, 
Das  ihr  es  nicht  seid  mit  der  That. 

[Mit  dem  Titelholzschnitt  von  Sommers  Verdeutschung 
stimmt  ein  7,9x12,8  cm  grosser  Kupferstich  überein,  der 
in  das  1610 — 1614  geführte  Stammbuch  des  Nürnbergers 
Jakob  Fetzer  (Weimar,  Stammb.  174,  38)  eingeklebt  ist: 
'Heinrich  Virich  ex:D,  darunter  lateinische  und  deutsche  Verse. 

40* 


l't'J'A  Zur  Wortforschung. 

Durch  Wichgräf  unmittelbar  angeregt  ist  des  Kupferstechers 
J.  v.  d.  Heyden  Speculum  Cornelianum.  in  sich  haltend  viel- 
artiger Figuren  betreffend  das  Leben  eines  vernieynden 
Studenten,  Strassburg  1618  und  1879;  Petr.  Rollos,  Vita 
Corneliana  s.  Cytherea  Studiosorum,  Berlin  1639.  Ferner  der 
Studentenumzug,  der  nach  dem  Kurtzweiligen  Zeitvertreiber 
1668,  S.  263  am  24.  Februar  1620  auf  einer  ungenannten 
Universität  stattfand  und  in  zehn  auf  einzelne  Wagen  verteilten 
Gruppen  dasStudentenleben  von  derDepositionbis  zur  Promotion 
darstellte;  auf  dem  8.  Wagen  sah  man  Cornelius  mit  ver- 
bundenem Kopfe  unter  zerrissenen  Kleidern  und  Büchern 
sitzen,  vor  ihm  ein  Mädchen,  das  ihn  als  Vater  ihres  Kindes 
ansprach;  also  ganz  wie  auf  dem  Somm ersehen  Titelholzschnitte. 
Cornelius  heisst  auch  der  Held  der  lateinischen  Prosakomödie 
cCornelianum  dolium.  auetore  T.  R.'  (?Tho.  Randolph),  Lon- 
dini  1638.  Dieser  bereut,  dem  Tode  nahe,  sein  liederliches 
Leben,  wird  aber  wider  Erwarten  von  einem  neapolitanischen 
Arzte  (das  Stück  spielt  nämlich  in  Genua)  geheilt.  Da  be- 
schliesst  er  im  Einverständnis  mit  diesem,  sich  an  seinen 
falschen  Freunden  und  Freundinnen  zu  rächen,  lässt  seinen 
Tod  bekannt  machen  und  wird  mit  vielen  Schätzen  in  einem 
Kirchengewölbe  bestattet.  Als  in  der  folgenden  Nacht  wirklich, 
wie  er  erwartete,  seine  Genossen  Lurcanio  und  Latrunculus, 
von  den  Dirnen  aufgereizt,  den  Sarg  erbrechen,  erhebt  sich 
der  Totgeglaubte  und  versetzt  jene  in  solches  Entsetzen,  dass 
sie  ins  Tollhaus  gesperrt  werden.]  —  Und  hiermit  gehen  wir 
zu  den  übrigen  mir  bekannt  gewordenen  Stellen  aus  Schriften 
in  deutscher  Sprache  über.  Ich  beginne  mit  der  ältesten, 
halte  mich   aber  dann  nicht  weiter  an  die  Zeitfolge. 

'Lieben  und  nicht  geliebt   werden  bringt    den   Cornelium 

Corneliorum.' 

Sätze  von  der  Leffelei  sampt  derselben  Eigenschaften  und  un- 
terschiedlichen Grattungen,  davon  ...  zu  disputieren  gesinnet 
ist  Süssemunda  Schönfleisch  von  Haneshausen,  o.  O.,  1593,  4° 
(auch  abgedruckt  in  Scheibles  Schaltjahr  3,  639  ff.)  Satz  XX XVI. 

'Endlich  mus  man  auch  betrachten  die  Pro^nostica.  Zufelle 
und  Zeichen  dieser  Krankheit  (der   Leffelei).     Prognostica 


80.  Cornelius.  <;-_>9 

seind  diese,  als item.    Mitesser   oder  Nebenleffler, 

wenn  einer  ein  schön  Engelchen  zum  Bnlen  hat,  den  Cor- 
nelinm  halten,  wenn  einen  ein  finsterer  und  schwartzer 
Kobbelt  zu  geweist  ist.3 

Sätze  von  der  Leffelei    XXXIX. 

['Er  dünkt  mir  sein  vol   zum  und  grim. 

Gwiss  hat  er  einn  Cornelia  in', 
loa.  Seger us,  Weynachtsfreud,  Greifawald  1613,  Bl.  D5a.] 

'Wie  kömpts.  dass  du  so  betrübt  stehest?  Hastu  den  Cor- 
neliura?  Ja,  freilich  hab  ich  den  Cornelium,  aber 
deinenthalben,  dass  du  so  frech  und  wild  bist.' 

Englische  Comedien  und  Tragedien,  o.  O.,  1624,  Gr  vjh   | 

cEr  hat  heftig  den  Cornelium  und  beklaget  sich,  dass  er    458 
nichts  mehr  geldt  hat.3 

Englische  Comedien   J   vij'1. 

'Ich  habe  gar  einen  Cornelium,  und  zwar  gar  einen 
grossen.  Wolt  ihr  wissen,  wo  er  her  kompt,  hört  ein 
wenig  zu.5 

Englische  Comedien  Cc  ij. 

'So  soltu  wissen,  dass  ich  dadurch  den  Cornelium  be- 
kommen habe  und  derhalben  so  störrisch  für  mich  hin 
gieng.' 

Englische   Comedien  H  ij*>. 
['Mein  Kopf  hat   ein  Cornelium3. 

M  o  s  c  h  e  r  o  s  c  h ,  Ne  wer  Köpff-Kram  V.  30.  Zs.  f.  dtsch.  Altert.  23,82.] 

['Ist  dir  etwas  angelegen 
vnd  hast  ein  Cornelium, 
der  dich  irret  vm  vnd  vm, 
wie  offt  die  Studenten  pflegen.' 
Moscherosch,  Patientia  hsg.  von  L.  Pariser  1897,  S.  83.] 

'Meine  Augen  sahen  jetzt  rot  und  triefend  aus  wie  eines 
achtzigjährigen  Weibes,  das  den  Cornelium  hat.3 

Simplicissimus,  hsg.  v.  Keller  1,  563,  v.  Kurz  1,  380. 

'Als  er  nun  siht,  er  sei  betrogen, 

kömpt  Cornelius  eingezogen, 

ist  [nämlich:  er,  der  Betrogne]  der  Bekümmerniss  ganz  voll.' 
Olorinus,  Tra^a>di;i  von  geschwinder  Weiberlist,  in  Hollands 
Ausgabe  der  Schauspiele  des  Herzogs  Heinrich  Julius  S.  561. 


630  Zur  Wortforschung. 

['Die  beiden  ungebetenen  Gäste,  Juncker  Cornelium  und 
Frawe  Melancholiam.5 

Job.  Sommer,  Ethographia  Mundi  3,  Bl.  Aija (Magdeburg  1611). 

Der  gute  "Wein,  bey  finster  Nacht 
Gassatum  gan,  der  Kleider   Pracht, 
Die  Lieb  zun  Weibern   toll  vnd  blind 
Manchen  allein  die  Vrsach  sind, 
Das  offt  genandt   Cornelius 
In  sein  Hertzen  einziehen  muss.  —  — 
Es  meynet  ein  jeder  jung   Student, 
Den  man  nit  immer  Gelt  zusendt, 
Er  hab  auf  sich  ein  Sorg  gar  schwer, 
Cornelius  der  trück  ihn  sehr  —  — 
Der  Gast  Cornelius  genandt 
Kegiert  daheim  als  hie  so  wol. 

Crucianus  oder  Studenten -Cornelius  in  einem  teutschen 
colloquio  [zwischen  Eubulus  und  Cornelius]  A.  H.  L.  P.  C.  in 
Joa.  Leibius,  Studentica  1627  nr.  70,  Bl.  F5a.] 

cDiess  geschähe  nun  zum  öftern,  bis  endlich  mein  Beutel 
ziemlich  abzunehmen  begunte,  und  Herr  Cornelius  sich 
anfieng  bei  mir  einzufinden.  Wie  mir  aber  nie  kein  Trauren 
das  Herz  abgestossen,  so  war  es  auch  dazumals  mit  mir 
bewand.3 

Simplicissimus,  hsg.  v.  Keller  2,  1032,  Kurz  2,  297. 

'Fürwar  dieses  mus  einen  treflich  sanft  ankommen,  wann 
man  also  ohne  Arbeit  kan  reich  werden  und  zwar  so 
plötzlich;  aber  wenn  man  auch  bissweilen  eine  gute  Summe 
Geldes  verlieret,  ja  wol  gar  nakkend  zu  Hause  geht,  so 
muss  denn  auch  Herr  Cornelius  redlich  turnieren.3 

Rist,  Das    friedewünschende  Teutschland,  hsg.  v.  Schletterer, 

1864,  S.  53. 

'Ein  solcher  [alter  Mann],  mit  dieser  marterhaften  Seuche 
[d.  i.  einer  jungen  buhlerischen  Frau]  behaftet,  wann  ei- 
sernes Zustandes  gedenken  höret,  da  ist  Dominus  Cor- 
nelius geschäftig,  machet  in  seinem  Gehirn  wuuderseltzame 
Possen.3 

Herrlicher  Triumph-Wagen  S.  39  ('Herrl.  Tr.'  ist  der  Columnen- 
titel  eines  im  Besitz  der  Grossh.  Bibliothek  zu  Weimar  befind- 


80.  Cornelius.  ß3  1 

liehen  titellosen,  mit  Kupfern  gezierten  Büchleins  in  12°, 
jedenfalls  aus  dem  17.  Jahrhundert,  worin  die  Hahnreischaft  in 
Versen  und  Prosa  behandelt  ist.) 

'Es  müste  dann  gar  ein  Sauer-topf  und  ungesaltzener  Stock- 
fisch sein,  der  ohne  Unterlass  in  dem  Cornelio  studierte.' 

Simplicissimus,  hsg.  v.  Keller  1,  202. 

'Emplastrum  Cornelianum,  Heilpflaster  auf  die  melancholische 
Wunden  und  Cornelius  Stich,  durch  Huldericum  The- 
andrum",  1605.  8°,  augeführt  in  |  G.  Draudius,  Bibliotheca  459 
librorum  germanieorum  classica  p.  623.  Vgl.  Goedeke, 
Grundriss  1,  431,  nr.  32  [von  Joh.  Sommer;  vgl. 
Goedeke  2  2,    583.  Wendeler,  Zs.  f.  dtsch.  Altert.  21,  458.] 

'Drei  creditoren  kommen  zu  häuf 

und  seiner  Kleider  ihn  spolifn, 

das  macht  ihn  recht  Cornelia  im.' 

J.  Sommer  im  deutschen  Argumentum  des  4.  Aktesseines 
deutschen  'Cornelius  relegatus'. 

'Gelobet  sein  die  himlischen  unsterblichen  Götter  all  iu 
gemein,  dass  mein  Cornelisiren  ein  Ende  und  mir  an 
dessen  Stat  Freude  .  .  .  .' 

Englische  Comedien  Hh  iiij. 

'Der  arme  Cornelius  [==  Hahnrei]  schlief  bald  ein.5 

Der  im  Irrgarten  der  Liehe  herumtaumelnde  Cavalier  1738, 
S.  115.] 

Cornelius  ist  nach  allem  Mitgeteilten  also  gleich- 
bedeutend mit  übler  Laune,  Unmut,  Verstimmung,  ganz  be- 
sonders auch  so  viel  wie  Reue,  Scham,  Gewissensbisse.  Er 
schliesst  zugleich  alles  ein,  was  wir  heutzutage  mit  Katzen- 
jammerbezeichnen, sowohl  den  physischen  als  den  moralischen. 

Wie  aber  der  Name  Cornelius  zu  dieser  Bedeutung  ge- 
kommen ist,  darüber  wüsste  ich,  ausser  der  von  dem  Ver- 
fasser der  Theses  de  Curnelio  abgewiesenen  Herleitung  vom 
Cornelius  Tacitus,  keine  Vermutung  aufzustellen. 

|  Nach  Wendeler,  Zs.  f.  d.  Altert.  21,  456  f.  ist  Cornelius 
zunächst  der  Beanus  im  Schmucke  seiner  Hörner,  der  rohe  und 
ungeschlachtete  Bachant  bis  zur  Fuchstaufe  ('bestia  cornigera' 
in  dem  um  1480  entstandenen  Manuale  scholarium,  'Cor mit1 


(',;;•_'  Zur  Wortforschung. 

bei  Lindener  und  Fischart),  und  die  Umbildung  des  Cornuten- 
begrifts  vom  schwachsinnigen  Narren  zum  Cornelius,  d.  h. 
zum  Zustande  des  nach  einem  in  Nichtsthun  und  Liederlichkeit 
verbrachten  akademischen  Lebenmelancholischen  Anwandlungen 
anheimgefallenen,  von  später  Reue  geplagten  alten  Studenten 
fällt  nach  1590  und  ist  erst  durch  Wichgräfs  Cornelius  relegatus 
(1600)  und  durch  seinen  Verdeutscher  Joh.  Sommer,  der  auch 
1605  das  Emplastrum  Cornelianum  herausgab,  verbreitet 
worden.  —  Vgl.  noch  Pariser  zu  Moscheroschs  Patientia  1897, 
S.  83.     Kluge,  Wörterbuch  der  Studentensprache  S.  102.] 

Weimar.  März  1869. 


81.  Dürängeln. 

(Zeitschrift  für  vergleichende  Sprachforschung  11,  397  f.  1862.) 

Im  Grimmschen  Deutschen  Wörterbuch  (2,  1567)  lesen 
wir:  'Dürängeln,  durchprügeln,  quälen,  plagen,  in  Hessen 
auch  düringeln,  niederd.  dörrangeln,  Schütze,  Holst.  Id.  3, 
273.  dür  ist  durch,  und  wie  dürrängeln  heisst  rängein, 
krangeln  in  der  Mark  prügeln,  rängel  Prügel  (Frommann 
Mundarten  3,  367,  368).  Niederd.  rangeln  ringen,  rangen 
wild  und  leicht  zu  Werke  gehen,  Schweiz,  rangga  nörgeln, 
etwas  durch  unablässiges  Hin-  und  Herreden  erringen  wollen, 
Tobler  359a  ranggeln,  ränggelen  sich  schläfrig  dehnen, 
strecken,  Stalder  2,  257,  engl,  w rangle  zanken,  streiten. 
Man  sagt  in  Hessen:  der  Knabe  düringelt  seine  Mutter  den 
ganzen  Tag  und  will  Geld  haben. 

0  geh  nur  hin,  du  Galgenschwengel, 

Du  Dölp,  eh  dass  ich  dich  dürengel.    H.Sachs  2,  2,  28a. 

Range,  ein    ungezogener,  bösartiger  Knabe  gehört   hierher.' 
Mau  kann  aus  dem  niedersächs.  Wörterbuche  3.  479  noch 


81.  Dürängeln.  633 

hinzufügen  Rengel  mutwilliger  Junge,  rengeln  mit  Zwangs- 
mitteln zur  Pflicht  anhalten,  strenge  Zucht  üben,  bestrafen. 
Ich  glaube  jedoch  an  die  Grimmsche  Etymologie  des  auch  in 
Weimar  als  dirängeln  (quälen,  plagen)  üblichen  Wortes 
nicht,  da  eine  andere  viel  näher  liegt,  In  Kleins  Provinzial- 
wörterbuch  1,  9  finden  wir  als  in  der  Pfalz  und  in  Württemberg 
vorkommend  Angeln,  Thür angeln  jemand  quälen,  ver- 
folgen, daselbst  2,  189  als  coblenzisch  Thürängeln  quälen, 
plagen.  In  H.  Sachs*  Werken  lesen  wir  auch  thürängeln 
gedruckt,  ib.  5,  359b  (Nürnberg  1579):  Du  Galgenschwengel, 
flugs  troll  dich,  eh  ich  dich  thürängel.  In  Sigmaringen 
sagt  man  ti rangle,  zwischen  die  Thür  klemmen  (Frommann, 
Deutsche  Mundarten  2,  469).  Aus  allem  diesen  geht  hervor, 
dass  dürängeln  oder  thürängeln  von  der  Thürängel  ab- 
zuleiten ist  und  zunächst  bedeutet:  zwischen  die  Thürängel 
klemmen,  dann  überhaupt:  quälen,  plagen. 

Auf  das  engste  mit  diesem  Worte  hängt  ein  deutscher 
Aberglauben  zusammen.  Der  grosse  Schauspieler  Friedrich 
Ludwig  Schröder,  der  in  seiner  Jugend  in  der  Familie 
eines  Schuhmachers  in  Königsberg  lebte,  erzählte,  dass 
man  in  Königsberg  nie  das  Knarren  einer  Thürängel 
vernahm .  ohne  ein  Stossgebet  für  die  armen  Seelen  empor- 
zusenden, die  zwischen  ihnen  leiden  (Meyer,  F.  L.  Schröder  1, 
47).  Noch  heute  glaubt  mau  in  der  Oberpfalz,  dass  die  | 
armen  Seelen  in  den  Thürängeln  sitzen  und  grosse  Pein  398 
leideu,  wenn  man  die  Thür  heftig  zuschlägt  oder  wenn  die 
Angel  knarrt  (Schönwerth,  Aus  der  Oberpfalz  1,  287).  *)  Die 
armen  Seelen  werden  also  cgethürängelt\  Man  denke  endlich 
auch  noch  an  die  Redensarten  'zwischen  Thür  und  Angel 
stecken,  legen,  sein3,  Grimms  Wörterb.  1,  345. 


\)  Auch  in  England    ist    dieser    Aberglaube    bekannt;    vgl.  Choice 
notes  from  cXotes  and  Queries',  Folklore  (London  1859)  p.   117. 


634  ^ur  Wortforschung. 

82.  Kunzenjägerspiel. 

(Die  deutschen  Mundarten,  hsg.  von  Frommann  6,  369  f.  1859.) 

Dem  oben  6,  236  f.  *)  ausgesprochenen  Wunsche  zufolge 
teile  ich  hier  einige  Stellen  zur  Erläuterung  obigen  Wortes  mit. 

Philon  [B.  Auhorn]  sagt  in  seiner  Magiologia  1675, 
S.  543:  'Nun  sind  die  Kunststuke  der  Gaukler,  Seyldänzer, 
Taschenspieler,  Kunzenstäuber  weder  wahrhafft  und  ehrbar, 
noch  lieblich;  weder  nuzlich,  noch  Christlich,  sondern  viel- 
mehr leichtfertig,  schändtlich,  vncl  mehrmahlen  gar  Teufelisch. D 

Von  einem  satirischen  Gedicht  gegen  die  Jesuiten  lautet  der 
Titel:  '"Wohlverdienter  Messkram  für  den  köstlichen  (scilicet) 
Fewerzeug.  Welchen  ein  Jesuwider  zu  Moltzheim  der  seinen 
Orden  verlassen,  vnd  ein  Schlosser  worden,  wieder  der  Statt 
370  Strassburg  Jubelpredigten  Disputa-  tiones  vnd  Orationes 
geschmiedet,  vnnd  auff  derselbigen  Weinachtmess  diss 
Anno  1619  Jahrs,  ohne  guten  Zundel  vnnd  Stein  feil  gehabt, 
vnnd  den  Leuthen  verkaufft.  Neben  kurtzen  angehenckten 
bericht,  von  Peter  Roesten,  der  wieder  vnser  rechtes  Jubeljar 
ein  Pseudojubilaeum  geroestet:  vnd  von  Philipp  Curtzen, 
der  mit  Herrn  D.  Joach.  Clutenii  carmine  den  Cuntzen 
spielen  wollen  etc.  etc.  Strassburg,  bey  Christoph  von  der 
Heyden,  1619."  —  Daselbst  heisst  es  S.  3: 

Ist  nicht  ewer  mess  ein  bettlersjupp, 
Von  viel  schnitzlein  der  bäpst  ein  supp, 
Über  all  gestickflickt  und  schuhpletzt, 
Mit  menschliche  fantasey  versetzt, 
Als  sind  Vigilien,  Seelgeräht, 
Jahrbegängnüssen,  früh  und  spät, 
"Weihung  der  kertzn,  Bettfarterey, 
Die  Sancteorapronobische  litaney, 
Die  palmesel,  albein  und  caseln, 
Chorkappen,  schellen  und  handfaseln, 
Und  wer  ist,  der  erzehlen  will 
Solch  Fabian  und  Cuntzenspiel. 


l)  [Dort  hatte  D.  (?  Sanders)  auf  Fischarts  Bienenkorb  1582, 
Bl.  14  b  hingewiesen  und  Frisch  1,  558a  sowie  Stieler  953.  1233  citiert. 
Jetzt  vgl.  Grimm,  DWB.  5,  2751  'den  Kunzen  spielen',  'den  K.  jagen'; 
2755  'Kunzenjäger',  'Kunzenspiel'.] 


84.  Rosen  und  Blumen.  635 

83.  Witte  Stock. 

(Korrespondenzblatt    des  Vereins     für    niederdeutsche    Sprachforschung 

4,  26.     1879.) 

Eii  Man,  de  mit  en  witteu  Stock  in  de  Welt  geiht 
{F.  Reuter,  Stromtid  1,  5).  —  De  Man,  de  morgen  mit  en 
witten  Stock  darvon  geilit  (ebd.  1,  12).  —  Wil  nu  beide  sau 
wit  weren,  dat  se  niit'n  witten  Stocke  ut'n  Dore  gan  können 
(Ludw.  Schulmann,  Norddütsche  Stippstörken  und  Legendchen, 
2.  Aufl.  Hildesheim  1858,  S.  22). 

Der  weisse  Stock  ist  sonst  das  Attribut  des  Bettlers, 
und  gerade  im  Butjadinger  Land,  wo  das  Erbrecht  .  .  .  den 
Witwen  kein  Erb-  oder  Niessbrauchrecht  an  dem  Nachlasse 
ihres  Mannes  zugesteht,  legt  man  sprichwörtlich  den  Witwen 
die  Klage  in  den  Mund :  Ick  bün  doch  mines  Mannes  Hör 
nit  wäsen,  dat  ick  mit  n  witten  Stock  van  de  Stä  afftrekken 
schall  (L.  Strackerjan,  Aberglaube  und  Sagen  aus  dem  Herzog- 
tum Oldenburg  2,  252). 

Vgl.  Korrespondenzblatt  2,  68.     4,  26. 


84.    Rosen  und  Blumen. 

(Aus  der  Besprechung  der  'Reisen  des  Johannes  Schiltberger 
1304  —  1427',    hsg.    von  K.  F.  Neumann  1859;    Germania  7,  375.   1862.) 

S.  125  heisst  es:  'Sie  haben  kein  genial  noch  kein  bild 
in  den  tempeln,  nur  ir  geschrift.  gewächs,  rosen  und  plumen 
haben  sie  darinn.J  Diese  Verbindung  'Rosen  und  Blumen' 
statt  'Rosen  und  andere  Blumen'  kommt  zuweilen  im  Mittel- 
hochdeutschen vor.  Gottfried  von  Neifen  11,  35:  im  stet  diu 
liebe  beide  bar  der  wunneclichen  bluomen  und  der  Hebte u 
rosen  rot;  21,  7:  beide  bluomen  unde  rösen  rot.  Döring 
VII,  1  (in  v.  d.  Hagens  MS.):  von  bluomen  unde  rosen  rot. 
Hadlaub  XX,  2:  bluomen  unde  rösen  rot.  Gesamtabenteuer 
nr.  89,  49  und  186:  rösen  und  bluomen.  [Konrad  von  Würz- 
burg, Engelhart  3128:  die  bluomen  und  die  rosen  rot]     Vgl. 


\Y:,i\  Zur  Wortforschung. 

Elienheim  1,  1:  viol,  rösen,  liljen,  bluomen.  Hadlaub  XXVI.  1: 
vinl.  rösen,  bluomen,  kle.  Tannhäuser  VII,  2;  bluomen  rot, 
darzuo  viol  unde  kle.  [Grimm,  D.  Mvthol.  725:  violen  und 
die  blumen  bringen  uns  den  sommer.  Kellers  Fastnachtspiele, 
Nachlese  47:  rosen,  plumen.]  Konrad  von  Würzburg  X,  1 
und  XI,  2  [Engelh.  477]  nennt  das  Gefilde  cgeroeset  und  ge- 
bluemet'\  —  Für  das  Neuhochdeutsche  vgl.  Hans  Sachs,  Folio- 
ausgabe 1,  117d:  blümlein  und  rosen;  3,  1.  15 d:  der  röslein 
und  der  blumen;  3,  2,  176a:  rosen,  feill  und  blumen:  1,  4a: 
rosen,  lilien  und  blumen;  1,  399a:  würzen,  liljen  und  blumen; 
[Lieder  ed.  Goedeke,  nr.  5,  1:  von  veiel,  klee,  lügen,  rosen 
und  blume] 1).  —  [Auch  im  dänischen  Kiuderliede  (Kristensen, 
Danske  Börnerim  1896,  S.  318,  nr.  2302)  heisst  es:  cat 
plukke  de  Roser  og  Blomster  sä  skjönne.3] 

[Ebenso  häufig  ist  in  der  italienischen  Dichtung  seit  alter 
Zeit  die  Verbindung  'rose  e  fiori\  Cinque  sonetti  antichi, 
tratti  ...  da  A.  Mussafia  nr.  2: 

Ad  una  fiata  in  un  giardino  entrai, 
Ked  era  fatto  per  gran  maiestria, 
Ke  flori  e  rose  et  alboscelli  assai 
Cum  dolci  pomi  tuttor  vi  floria. 

Feliciano  Antiquario,  Justa  Vittoria  (Papanti,  Catalogo  2,  XI): 
getavano  a  terra  rose  e  fiori;  ebd.  2,  XVI:  portarömi  nel 
grembo  rose  e  fiori.  —  Marcoaldi,  Canti  popolari  umbri, 
liguri,  piceni  1851,  S.  56:  lo  capezzal  diventi  rose  e  fiori.  — 
Nannarelli  50:  Tutta  di  rose  e  fiori  la  coprite.  Giannini,  Canti 
pop.  della  montagna  lucchese  1889,  S.  224:  L'era  in  piazza 
che  negoziava  E  negociava  di  rose  e  di  fiö.'  Ebd.  284:  Tutti 
quanti  siamo  noi,  Canta  canta  rose  e-ffiori!  —  Bernoni, 
Preghiere  pop.  veneziane  nr.  36:  Canta,  canta  rose  e  fior, 
che  xe  nato  Nostro  Signor.  —  Finamore,  Tradizioni  pop. 
abruzzesi  2,  25  nr.  93:  Depingere  te  varreje  de  rosJ  e  ffiore. 
—  Propugnatore  23,  284:  di  rose  e  fiori  e  alcuna  violetta.  — 
Bolza,  Canzoni  pop.  comasche    1867,   nr.  27:   pien    de  rös  e 


')  Vgl.  auch  3,  2,  203  c:  all  feindselig  vögel  und  raben.  [Fastnacht- 
spiele ed.  Goetze  1,  117  v.  64:  da  asa  ich  hüner,  vögel  und  gens;. 
1,   119  v.  149:  gehst  umb  mit  vögeln  und  mit  tauben.] 


Rosen  und  Blumen.  i;;|7 

pien  de  fiör.  —  Corazzini,  I  coraponimenti  raiuori  1877:  töta 
piena  di  rose  e  fiur.  —  Rivista  della  lett.  populäre  1,  90 
(römisch):  te  vorria  eopri'  de'  rös'  e  ffiöri.  Ebd.  1,  61:  A 
despicher  rose  e  fiur.  —  Nigra,  Canti  pop.  del  Piemoute 
1888,  nr.  19,  11:  piantran  die  röze  e  fiur.  —  Ferraro,  Canti 
pop.  monferrini  1870,  nr.  29,  15:  Simma  di  culla  tumba  Aj 
piantrumma  rose  e  fiur.  Nr.  39,  53:  Ra  nie  bucca  ra  sa  di 
tera,  E  ra  vostra  rose  fiur;  Dvive  baseme  quandi  jera  viva, 
Quandi  ca  jera  rose  e  fiur.  Nr.  40,  7:  Titt  piantä  a  rose  e 
fiur.  —  Imbriani,  Canzonette  infantili  pomiglianesi  nr.  43,  2: 
rose  e  sciure.  —  Pitre  2,  68:  un  gran  cannistra  di  rose  e 
di  sciuri.  —  Schuchardt,  Ritornell  und  Terzine  1875.  S.  40. 
(nach  Nannucci,  Manuale2  1,  121.  129.  309):  rosa  e  fiore; 
rosa  e  giglio  e  fiore  aloroso.  (nach  Tigri  1,  73):  Pili  che  non 
e  di  maggio  rosa  e  di  fiore.  (1,  104):  Odora  piü  d'un  liian- 
dorlo  e  d'un  fiore.  —  Boccaccio,  Decamerone  4,  2:  Egli  ne 
portö  subitamente  l'anima  mia  tra  tanti  fiori  e  tra  tante  rose, 
che  mai  non  se  ne  videro  di  qua  tante1).  —  B.  Schmidt, 
Griechische  Märchen  1877,  S.  186,  nr.  52,  4:  §6Sa  stai  avdia 
^r?iOvluiofieva.] 

*)  Ähnlich  A.  Graf,  Koma  1,  270:  fiori  e  gigli.     Torraca, Riformatori, 
S.   10:  fiore  e  giglio. 


Nachträge. 


S.  32,  Z.  10.  Vgl.  zu  den  Schönheitskatalogen  ver- 
schiedener Länder  noch  S.  418  unten. 

* 

S.  147.  Über  den  ersten  Besuch  Poerios  hat  Goethe 
in  seinen  Tagebüchern  (10,  109.  1899)  am  2.  Oktober  1825 
vermerkt:  'Mit  Empfehlungen  des  Grafen  Bombelles  Herr 
Poerio  aus  Neapel.'  —  Am  4.  Oktober:  Toerio  von  Neapel.3 
—  Auch  die  Besuche  am  19.  Oktober  und  am  5.  und  am 
13.  Februar  1826  hat  Goethe  (Tagebücher  10,  158.  161)  ver- 
zeichnet. 

S.  155  unten.  Aus  Goethes  Tagebüchern  (4,  186.  1891) 
erfahren  wir,  dass  er  am  18.  Februar  1811  die  'Novelle 
Galanti  del  Padre  Atanasio  da  Verrocchio.  Londra  per  Barker 
1800'  empfing,  nachdem  ihm  am  9.  Februar  der  von  Büsching 
herausgegebene  arme  Heinrich  zugegangen  war,  und  wieder- 
holt abends  darin  las  (20.,  25.,  27.  Februar;  9.,  24.,  29.  März). 
Ob  er  sie  vom  Chevalier  O'Hara  oder  etwa  von  Meyer  leih- 
weise erhielt,  bleibe  dahingestellt. 

* 

S.  157  oben.  Knebel  traf  zu  Anfang  Januar  (am  4.) 
1814  mit  seinem  Sohne  bei  Goethe  ein.  Am  15.  Januar 
notierte  Goethe  in  seine  Tagebücher  (5,  92.  1893):  'v.  Knebel 
Prete  Ulivo',  was  in  der  Anmerkung  des  Herausgebers 
(S.  345)  missverstanden  ist. 

* 

S.  193,  Z.  8  lies  1618  statt  1648. 


Nachträge.  639 

S.  211.  Zu  den  lateinischen  Anrufungen  des  Schlaf- 
gottes liefert  auch  der  Cambridger  Professor  James  Dup ort 
(160Ü — 1679)  in  seinen  'Musae  subseciväe3  (Londini  1696) 
p.  230f.  eiuen  Beitrag.  Diese  ziemlich  frostige  Litanei,  der 
noch  31  ähnliche  griechische  Hexameter  (Jevgo  /ioi  "Ynve 
nhiovt  &avdxov  y.)]g(k  te  fxekaivrjg)  folgen,  möge  um  der  Schluss- 
pointe willen  hier  eine  Stelle  linden: 

A  d    S  o  m  n  u  m. 
Somne.  veni  et  vinci  grata  mihi  compede  sensus, 
Saltem  ut  nocte  quies  sit  mihi,  Somne,  veni! 
Somne  quies  rerum,  placidissime,  Somne,  deorum, 
Omnia  qui  vincis,  tu  mihi,  Somne,  veni! 
5  Somne  o  jtavdafidxcoQ,  hominum  rex  atque  deorum, 

Ipso  qui  minor  es  nee  Jove,  Somne,  veni! 
Somne,  veni,  frater  durae  tu  languide  mortis, 
Human ae  et  vitae  pars  bona,  Somne,  veni! 
Somne,  animi  requies  lassaeque  vacatio  mentis, 
10  Justitium  et  sensus,  tu  mihi,  Somne,  veni! 

Somne  ad  amussim  aequans  omnes,  qui  denique  regi 

Par  famuloque  venis,  tu  mihi,  Somne,  veni! 
Somne  veni,  qui  fers  eunetarum  oblivia  rerum, 
Cognate  o  Lethes  inelyte,  Somne,  veni! 
15  Somne  veni  iueunde,  Xvwv  fieXsdrjfiaza  Oruov 

Et  defessa  fovens  eorpora,  Somne,  veni ! 
Somne,  veni,  mihi  pelle  graves  et  pectore  curas, 
Ne  studeam  in  lecto  dum  cubo,  Somne,  veni! 
Somne  veni,  vigiles  ne  sint  mihi  semper  ocelli 
20  Regulus  et  fiam,  tu  mihi  Somne  veni! 

Somne  veni,  per  te,  gelidae  qui  mortis  imago  es, 
Quaeso,  mori  n t  discam,  tu  mihi,  Somne,  veni! 

S.  '221  unten.  Über  die  Wiederbelebung  der  ge- 
bratenen Hühner  giebt  Child  (oben  S.  2231)  viele 
Nachweise.  Vgl.     noch    Passional     ed.     Hahn     S.    223, 

47 — 225,  85.  Hermann  von  Fritslar  bei  Pfeiffer,  Deutsche 
Mystiker  1,  167 — 169.  Hermann  von  Sachsenheim,  Das 
sleigertüechlin  (Meister  Altswert  ed.  Keller  1850  S.  230,  -24). 
Leben  der  Heiligen,  Nürnberg  1488  (Balt.  Studien  30,  211). 
Dat  leuent  der  hylgen  effte  dat  Passionael,  Basel  1517, 
Bl.  100.  X.  Gryse,  Leienbibel,  ander  Deel  (Rostock  1604), 
Bl.  Lija:    'van  Josephs    Osselin    vud    Eselin,    van    S.    Peters 


(540  Nachträge. 

Hanen  vnd  S.  Jacobs  Hönern  vnd  van  anderen  Wedehoppischen 
vnd  Kukukischen  Vögelen. J  Bild  mit  Reimen  in  der  Marien- 
kapelle zu  Peiting:  Sepp.  Altbayerischer  Sagenschatz  1876, 
S.  652 — 655.  Agathenried  bei  Schliersee:  Sepp  S.  656. 
Bild  in  einer  Jakobskapelle  hei  Mittenwald:  Alpenburg, 
Alpensagen  1861,  nr.  135,  wo  auch  ein  Deckengemälde  der 
Jakobskirche  in  Innsbruck  angeführt  wird.  Erasmuskapelle 
bei  Willisau:  Lütolf,  Sagen  a.  d.  fünf  Orten  1865,  nr.  334: 
Bürli,  Schweizer.  Archiv  f.  Volksk.  2,  223.  Jakobskapelle 
zu  Grossenhain:  Griisse,  Sagenschatz  des  Kgr.  Sachsen  S.  74. 
Die  nd.  Redensart  'dat  is  upflägen  mit  Sint  Jacobs  Hönern5 
heisst:  so  plötzlich,  wie  die  Hühner  der  Legende  lebendig 
wurden  (Schiller,  Zum  Tier-  und  Kräuterbuche  des  mecklenb. 
Volkes  3,  14  b.  1864).  cDo  flog  ik  up  mit  Jakobs  Höner' 
=  die  Röte  flog  mir  ins  Gesicht,  von  Wallung  im  Blute 
(Schütze,  Holstein.  Idiotikon  2,  154.  1801).  cEinen  dem  ge- 
meinen Häuften  und  St.  Jakobs  Hünern  befehlen5  =  seiner 
Wege  gehn  lassen  (1609;  nach  v.  Bülow,  Baltische  Studien 
30,  211.  1880).  A.  v.  Tromlitz  (v.  Witzleben),  Die  Legende 
von  S.  Domingo  de  la  Calzada  (Sämtliche  Schriften,  3.  Aufl. 
20,  375.  1864).  Rob.  Southey,  All  for  Love,  or  The  Sinner 
well  Saved,  and  The  Pilgrim  to  Compostella,  or  A  Legend 
of  a  Cock  and  a  Henn  (London  1829).  Gaidoz,  Le  pelerinage 
de  St.  Jacques  de  Compostelle  (Melusine  6,  23.  25.  69.  1892), 
wo  ein  Holzschnitt  des  16.  Jahrhunderts  mit  französischen 
Versen,  eine  piemontesische  Volkssage  und  ein  Bild  in  der 
Kirche  zu  Murat  (Cantal)  angeführt  und  auf  ähnliche  Sagen- 
züge bei  J.  Nicius  Erythraeus  (Rossi),  Exempla  1644,  p.  187  c. 
155  (Altilia,  quae  die  sacro  Parasceues  in  prandium  viri 
principis  haeretici  allata  fuerant,  reviviscunt  atque  e  patinis 
evolant)  und  Serafino  Razzi,  Giardino  d'essempi  1720,  p.  43 
nr.  2  verwiesen  wird.  Dagegen  erzählt  Jacobus  de  Cessolis 
in  seinem  vielfach  übersetzten  Schachbuch  (Kunrat  von 
Ammenhausen,  Schachzabelbuch  ed.  Vetter  1892,  S.  650 
v.  16126)  die  Legende  des  in  Toulouse  gehängten  Jakobs- 
pilgers ohne  das  Wunder  der  wiederbelebten  Hühner.  —  Abr. 
a  S.  Clara,  Judas  der  Ertz-Schelm  3,  161   (1692.  Rebhühner 


Nachträge.  l!41 

am  Feiertag  gekocht  entfliegen)  und  342  (Johannes  a  St. 
Facundo  belebt  einen  gebratenen  Vogel).  —  Sage  von  den  drei 
Rebhühnern  in  der  Marienkirche  in  Mühlhausen:  Thüringen 
und  der  Mar/.  6,  20  (Sondersh.  1842);  gereimt  von  VY.  Berger- 
Haacke  in  J.  (iünthers  Grossem  poet,  Sagenbuch  des  deutschen 
Volks  1.  17-'l  (Jena  1844).  --  E.  Koler,  Alemannia  13,  42. 
In  einigen  Hss.  des  Evangelium  Nicodemi  (Thilo.  Codex 
Apocryphorum  N.T.  1,  CXX1X.  1832.  Tischendort'.  Evangelia 
apoerypha  1876,  p.  290)  findet  sich  dasselbe  Wunder  in  die 
Geschichte  des  Judas  Ischariot  verflochten.  Nach  verübtem 
Verrate  kehrt  Judas  zu  seiner  Frau  heim  und  fordert  einen 
Strick,  um  sich  zu  erhängen ;  denn  Jesus  werde  in  drei 
Tagen  auferstehen  und  ihn  strafen.  Darauf  sagt  die  Frau: 
'So  wenig  wie  dieser  Hahn,  der  auf  dein  Feuer  brät,  krähen 
kann,  so  wenig  wird  Jesus  wieder  auferstehen.'  Im  englischen 
Cursor  mnndi  p.  913  f.  behauptet  dagegen  Judas  seiner  Mutter 
gegenüber  die  Unmöglichkeit  der  Auferstehung  Christi,  worauf 
das  Wunder  erfolgt,  Andrius  bei  Mussafia,  Sitzungsber.  der 
Wiener  Akad.  63(1869),  2061.  Nach  einer  koptischen  Legende 
(Thevenot.  Voyages  liv.  2,  chap.  75)  gebietet  Jesus,  als  Judas 
fortgeht,  um  seinen  Herrn  zu  verkaufen,  dem  gebratenen 
Hahn,  ihm  nachzufolgen  und  dann  zu  berichten,  was  Judas 
gethan.  Nach  einer  irischen  Yolkssage  (Notes  &  Queries  5. 
ser.  9,  412)  springt  bei  der  Verleugnung  des  Petrus  ein 
gekochter  Hahn  aus  dem  Topf  und  kräht.  -  -  Auch  von  einem 
Ochsen  berichtet  eine  schwedische  Legende  ähnliches  (Joa. 
Vastovii  Vitis  aquilonia  s.  Vitae  sanetorum  regni  Sveo-gothici, 
Upsaliae  1708  p.  59).  Hier  erwidert  ein  Heide  in  Westgot- 
land,  der  seinen  christlichen  Hirten  Torstenus  erschlagen  hat, 
auf  die  Vorwürfe  seiner  Frau:  Tarn  Torstenum  tuum,  quem 
sanetum  et  in  coelis  vivere  existimas,  plane  ita  vivum  credo, 
prout  liunc  bovem,  quem  in  frusta  caedendum  conspicis.' 
Da  richtet  sich  der  eben  geschlachtete  Ochse  zu  allgemeinem 
Entsetzen  wieder  auf. 

S.    434   oben.      Valerius   Herberger    (f  1(527)    sagt   in 
■seiner  Evangelischen Hertz-Postilla,  Ander Theil  (Leipzig  1697) 

Köhler,  Kl.  Schriften.  III.  41 


642  Nachträge. 

S.    406  b    mit    offenbarer    Anlehnung    au    Luther:    'Niemand 
spreche: 

Ich  lebe,  und  weiss  nicht  wie  lange, 

ich  sterbe,  und   weiss  nicht  wanne, 

ich  fahre,  und   weiss  nicht  wohin. 

mich  wundert,  dass  ich  frölich  bin. 

Sondern  wer  an  Christum  glaubet,  der  sage: 

Ich  lebe,  so  lange  es  GOtt  gefällt, 

ich  sterbe,  wenn  mir  GOtt  die  Stunde  bestellt, 

ich  fahre,  und  weiss  wohin, 

in  GOttes  Hand  stehet  all  mein  Sinn, 

mich  wundert  dass  ich  traurig  bin.'  — 

Herberger  liefert  auch  in  seiner  Epistolischen  Hertz- 
Postilla  (Leipzig  1697)  1,  200a  einen  Nachtrag  zu  den  oben 
2,  78  zusammengestellten  Klagen  über  das  Entschwinden 
der  Tugenden:  'Vor  Zeiten  sungen  die  Schüler  am 
St.   Gregorii  Tage: 

Die  "Warheit  ist  gen  Himmel  geflogen, 
die  Treu  ist  übers  Meer  gezogen, 
die  Gerechtigkeit  ist  vertrieben, 
die  Untreu  ist  in  der  Welt  geblieben.' 


S.  550.  Einen  ähnlichen  Segen  gegen  das  Zahnweh 
bringt  Zahler,  Die  Krankheit  im  Volksglauben  des  Simmen- 
thals 1898,  S.  110  bei. 

# 

S.  562,  Z.  10  von  unten  lies  776  statt  176. 

* 

S.  188'.  Auch  Happel,  Relationes  curiosae  1,  351b 
(1683)  erzählt  die  Geschichte,  nennt  aber  statt  Leipzig  nur 
'eine  berühmte  und  wohlbekannte  Stadt"  als  Schauplatz. 


Register. 


A     schreien     die     neugeborenen 
Knaben.   E    die  Mädchen   596. 

Abele,  M.  34. 

Abergläubisches  Recept  495. 

Abraham    a    Sancta    Clara     L85. 
197.   640. 

Abschied     Sterbender     von     der 
Xatur  52. 

Acta  Sanctoruni  225.  519. 

Adams  erster  Schlaf  10(i. 

Addison  609. 

Adolphus  2! Ml. 

Aeneas  Sylvius  (Piccolomini)  49. 

Affen  nach  der  Hölle  treiben  608. 

Afsos  242  f. 

Agricola,  J.  320.  329.  354. 

Ahmedi  (Iskendername)  3'iS. 

Aladdins  Lampe  202  f. 

Alamodisch   Technologisches 
Interim  45  f.  255. 

D'Albert,  E.  173. 

Alberns.  E.  412.  616. 

Albmus,  P.  415. 

Albrecht  von  Eyb  27. 

—  von  Scharffenberg  512. 

Alfieri   148. 

Alt'ons  von  Aragon  92. 

AI  Motamid  372. 

Alte     verfeindet      ein     Ehepaar, 
listiger  als  der  Teufel    12. 

Altersstufen   30:!. 

Altswert  =  Hermann  von  Sachsen- 
heim. 

Alunno,  F.  30. 


Ambros,  A.  W.  200. 

Amilha  591. 

'Amor  vincit  omnia'  418. 

Amyntor,  G.  v.  273. 

Ananisapta-lnschrift  577  f. 

anbinden  419. 

Ancona,  A.  d'   10.   190.    L95. 

Andrea.  Job.    18. 

Andreasgebet  271. 

Andrius  641. 

Androphili  curiöse  Reisebeschrei- 
bung 615. 

Anhalt:  Christian  d.  J.  zu  A. 
14. 

Anhorn,  B.  269.  281.  634. 

ankleiben  414. 

Anselm  Turmeda  70.  368. 

Antonio  di  Meglio   181. 

Antonius  Panormita  92. 

Apel,  J.  A.  200. 

Apokryphen:  s.  Nicodemus. 

Apollonia.  die  heil.  547  f. 

Apollonidas  211. 

Apollonius  Khodius  275. 

A|)pellativnameu   615  —  618. 

Arden  of  Feversham  598. 

Ariosto,  L.   1.  2  f.   173 f.   264. 

Arlotto   12  f. 

Aufgaben:  weder  nackt  noch  be- 
kleidet kommen  513  f.  — 
Freund  und  Feind  mitbringen 
514. 

Augen:  Weinende  A.  haben 
süssen  Mund   540. 

41* 


<;n 


Zur  neueren  Literaturgeschichte  und  Volkskunde. 


Ä-Ugsburg:  Handschrift  429. 
Augustinus  310.  601.  602. 
Aurifaber,  J.  431. 
Ayrer,  J.  24.  466.  481.  484.  610. 

Bad  am  Johannistage  602. 

Bau-Mtt.-i.  .1.  B.    }-2K 

Bälde,  J.  134.  218. 

Bandello,  M.   177. 

Barse  415. 

Bart,  Gr.  449. 

Batacchi,  D.  3 f.  155-169.  638. 

Bauer  im  Lied  419. 

Bauerntochter,  die  kluge  (Grimm 
94)  514. 

Bautzen:  Aufführungen  54. 

Beaumont,  Mad.  de  13. 

Bebel,  H.  23.  29.  32.  61.  69.  70. 
72.  73.  74.  211.  354.  434.  610. 

Becher  455. 

Beda  571  f. 

Belagerung  als  Werbung  dar- 
gestellt 371—413. 

Belgrad  erobert  (Lied)  391  f.  393. 

Beizer,  B.  Komödiant  57. 

Benfey,  Th.  306  f. 

Bentzel-Sternau   184. 

Berger-Haacke,  W.  641. 

Bergliederbüchlein  353.  357. 

Berg  op  Zoom  belagert  392. 

Beider,  M.  423. 

Berlin:  Handschriften    379.   393. 

Bernhard  von  Clairvaux  446. 

Bertoldo:  s.  Croce.  —   13.  15. 

Bertrandus,   Nie.  225. 

Bertuch,  F.  J.  273. 

Besser,  J.  v.  106. 

Bettlerspruch  558  f.  560.  —  s. 
Stock. 

Bibliotheque  des  Romans  95  — 100. 

Bignon,  J.  P.  202. 

Bion  275. 

Bitzius,  A.  563. 

Bletz,  Z.  34. 

Blumaucr  88. 

Blumenbach  148  f.   150. 

Boccaccio  61.  67.  69.  163.  165. 
173  f.  606.  637. 

Bochäri   1 63. 


Bock     zur    Hochzeit     geschenkt 

608. 
Bode,  J.  J.  C.    132. 
Boeder,  J.  W.  579. 
Boie   173.   174. 
Bologna:  Handschrift  214f. 
Bombelies,  L.  v.   147.  638. 
Bonaventura  216. 
Boppe  514. 
Bor,  P.  386. 
Böttiger,  K.  A.   101. 
Bouschet.  Joh.  62. 
Boxberger,  R.  88.  92. 
Bracton  221. 
Brand,  M.   176  f. 
Brant,  Seb.  527.  532.  626. 
Brantome  30. 
Breisach  belagert  (Lied)  393  bis 

397.  413. 
Brentano,  C.  321.  558  f.  581. 
Breslau    eingenommen    (Gedicht) 

411. 
Breytenbach,  B.  v.  61.  73. 
Britten,  ,T.  593. 
Brodacht,  D.  419. 
Brömel,  W.  H.   194. 
Brüder:     drei    gute    B.     (Wund- 
segen) 552 — 558. 
Brunetto  Latino  596. 
Brusonius,  L.  D.  61.  64.  65.  67. 
BrustHeck:  s.  Kilian. 
Brydone  164. 
Buchanan,  Gr.  210. 
Buchettino   158. 
Bülow,  E.  v.  155.  190. 
Bürger:    (563).   Kaiser   und   Abt 

534.     Lenardo     und     Blandine 

173—180.   182. 
TBürgerlust'    (Goedeke  2  3,   266) 

523. 
Byron    149. 

Caballero,  Fernan  328.  343.  543. 
Caesarius    von   Heisterbach    226. 
Calderon   211. 
Calixtus  226. 
Calmeta,  V.  29  f. 
Cambridge:  Handschrift  443. 
Campriano :  Storia  di  C.   13. 


Register. 


645 


Cartwright,  W.  591  f. 

<  'asalicchio,  C.  12. 
Cassel,  P.  294. 

<  iasti,  i  riamb.    L56.   157. 
Castiglione,  B.  61.  68.  251. 
Cats,  .1.  32. 

Caviceo,  GL   101  —  104. 
Cervantes  8 1  f.  548. 
Chaucer,  G.  304.  590  f.  609. 
( Iholieres,  N.  de  30. 
Choul,  J.  du  567. 
Christoforo  Armeno  163. 
Christus:   s.   Jesus. 
Ciacouius,  A.  519. 
Cicero  211. 

Cintio  dei   Fabriaii  164.  251. 
('iura:  s.  Abraham. 
Claudius,  ML   L06.  273. 
Claus  von  der  Flühe   122  f. 
—   Narr   626. 

Clemens  Alexandrinus  275. 
Cocay,  J.  75. 
Colm,  Alh.  45 f. 
Complimentierhüchleiu  6 1  <;. 
Coote,  H.  C.  593. 
Cordus,  Euricius  68. 
'  !orneille,  P.  54. 
Cornelius  =   Katzenjammer    621 
bis  632. 

<  lorniger,  Fr.  29. 
Corrozet,  A.  7)5. 
Cremona:  Holzschnitt  445. 
Croce,  C.  C.  8— 16. 
Cursor  mundi  641. 
Cymbelin   L65. 

Cyrano  de  Bergerac  83. 

Dahlstierna  41  1. 
Diilin.   O.  v.  41  I. 
Dangkrotsheim,  Konrad  541. 
Dannhauer,  J.  C.  187.   188. 
Danzig    belagert    (Gedicht)    392. 

Volksbelustigung  607. 
Dekker,  Th.   55  f. 
'Der  über  uns'   167 f. 
Deschamps.  E.  600. 
Deuteromelia  598  f. 
Dieb       überlistet       (vergrabener 

Schatz)  6  1  f. 


Diebelichter  aus  Händen  ange- 
borener Kinder  280  f. 

Diepenbrock,  M.  v.  218. 

Dinge:  die  stärksten  D.  306. 
unmögliche  D.  514f.  —  s.  Drei. 

Diogenes    L.lertilis    13. 

Disciplina  clericalis:  s.  Petrin. 
Divkovic    317. 
Döbel,   H.  W.  453f. 
Dohrn,  C.  A.  6. 
Doman,  J.  355. 
Domenichi,  L.  73.  610. 
Domenico  Burchiello   181. 
Dominicus,   der    heil.    225.    228. 

277. 
Doni,  A.  F.  162. 
Dorat,  C.  J.  162. 
Drei  Dinge  machen  mich  traurig 

I  12—449. 
Dresden :  Handschriften  167.  294. 
I  )schami   368. 

Dunger,  H.Kind  erlieder  351  —  355. 
Duportus,  J.  251.  639. 
dürängeln  632  f. 
Düring  635. 

Eberhard  von  Württemberg  519. 

Ebner  68. 

Echo-gedichte   16. 

Ehe:  Auslegung  der  E.  617. 

Ehenheim  636. 

Einsiedel,  F.  H.  v.  202. 

Elberling,  C.  202  f. 

Elbing  belagert  (Lied)  406. 

Emser,  H.  527. 

Ende,  J.  439. 

Enenkel  606. 

Engafios:  Libro  de  los  e.  30'.). 

Engel:  flog  durchs  Zimmer  542 f. 
Neun  Chöre  507  f. 

Engelgebet  271.  320—351.  353  f. 

Engelhardt   196. 

Englische  Comedien  und  Trage- 
dien 45.  46.  48.  54  f.  62!). 
631. 

Enxemplos:   Libro  de  los  e.    12. 

Enzenberg,  H.  v.  437.  439. 

Eppendorf,  EL  v.  92f. 

Epple  273. 


646 


Zur  neueren  Literaturgeschichte  und  Volkskunde. 


Erac litis   511. 

Erasmus,  D.  61.  72.  93.  273. 

Ernst,  J.  £>.  56.  188. 

Erythräus,  J.  N.  =  Rossi. 

Eschenbach  :  s.  Wolfram. 

Est  est  est  (der  deutsche  Zecher 
in  Montefiascone)    14f. 

Etienne  de  Bourbon   12.    L6. 

Etterlin,  P.  61.  64.  122. 

Ettlingen :  Riehtschwert  45 1 . 

Eugen  von  Savoyen  388 — 392. 

Eulenspiegel  17 — 22.  61.  563. 
616.  626. 

Eurelius,  G.  =  Dahlstierna. 

Eva,  die  neue  13. 

Evangelisten  im  Nachtgebet  an- 
gerufen 327.  338.  340  f.  349. 

Evangiles  des  quenouilles  267. 

Ewigkeit:  Bild  der  E.  4] 8 f. 

Eyb:  s.  Albrecht. 

Eyering,  E.  541. 

Fabras  Pictor  580. 

Fabliau  de  la  male  dame  43. 

Fabricius,  Pet.  255. 

—  Tob.  61.  74. 

Facetiae  facetiarum  622  f.  626. 

Falk,  J.  161. 

Fastnachtspiele  615.  636.  —  s. 
Freiheit,  Kaiser,  Sachs. 

Faust:  Drama  55.  273.  —  Volks- 
buch 563. 

Feliciano  Antiquario  636. 

Fell  versaufen  611 — 615. 

Fenchlerin,  0.  251. 

Fessler,  J.  A.  273. 

Feuer  am  Johannis-  und  Oster- 
tage  602  f. 

Feuersegen:  s.  Segen. 

Feyerabend  492. 

Fiedler,  J.   174. 

Finckius,  C.  311. 

Fischart,  J.  15.  16.  24.  28.  29  f. 
32.  484.  532.  615.  616.  617. 
634. 

Fischer,  H.  435. 

Flateyjarbok   341. 

Fleischer  (Gerber) :  Fastnachts- 
belustigung 606  f. 


Fleming.  P.  408  f. 

H.  F.  v.  452  f.  471  f.  480  f. 

Florenz:  Handschrift  27. 

Folk-Lore  Record  589-594. 

Fol/,,  H.  24.  525  f. 

Fortlage  C.  218. 

Fortunatus-Drama  47. 

Fortunius,  J.  F.  445. 

Fouque  273. 

Frank  281. 

Frankland,  Th.   193. 

Frau:  widerspenstig,  ertränkt 
(La  pidocchia  ostinata)  16. 
Widerspenstige  gezähmt  40 
bis  44.  —  F.  mit  Pferd  ver- 
glichen 33.  —  Schwangero  F. 
von  Räubern  aufgeschnitten 
279—292.  —  Drei  heilige  F. 
(Segen)  557. 

Frauenlob,  Heinrich  500  f.  511. 

Freiberg:  s.  Johann. 

Freibitten  vom  Galgen  251. 

Freiburg  i.  B.  erobert  (Lied)  398. 

Freidank  314.  368.  506^  520.  539. 

Freiheit  (Fastnachtspiel)  465. 
473.  474.  504.  521. 

Freischütz-Sage  200 f.  49:;. 

Freudenberg,  E.  M.   188. 

Frev,  J.  67.  68.  69.  70.  71.  72. 
73.  74.  164.  166.  167.  418. 
615. 

Friedrich  mit  der  gebissenen 
Wange:    Grabstein   328 f.    354. 

Friedrichshall  belagert  (Lied) 
410. 

Frisch,  J.  L.  455. 

Frischlin,  N.  73.  542. 

Fuchs:  CF.  oder  Has'  254 f.  471.  F. 
und  Rabe  594.    —   s.  Pi'ellen. 

Füeterer,  Ulrich  540. 

Funckelin.  J.  434. 


Galge: 


freibitten     s. 


GJaidoz,  H.  564. 
Galland,  A.   171. 
vom     G. 

Verbrecher. 
Garcin  de  Tassy  242  f. 
Gatte,  der  heimkehrende  229  bis 

235. 


Register. 


647 


Gazaeus,  A.  225. 

Gebet     der    Rettier    560.  s. 

Jesus,  Kindergebet. 

Gebhard  von  Konstanz  51!». 

Geheimsprache   der  Kinder   354. 

Geibel,  E.  219.  220.  221. 

Geiler  von  Keisersberg  556. 

(iellert  83—88.  89  f.  273. 

Gellius,  A.  580. 

Genesis  ahd.  368. 

Gengenbach,  P.  226  f.  353.  415. 
417. 

Genovefa  563. 

Gent:  Handschrift  519. 

Georg,  der  heil.  519. 

Gereclitin'keir  vertrieben  (i42. 

Gervasius  von  Tilbury  553. 

( resner,  Konr.  520.  521. 

Gesprächlieder  (Belagerer  und 
Stadt)  371—413. 

Gesta  Romanorum  11.  englisch 
442  f. 

Geuzenliedboek  384.  385. 

Ghismonda  und  Guiscardo   173  f. 

Giesebrecht,  L.  243. 

Glanner,  C.  524. 

Gleim  207. 

Gloger.  (4.  409  f. 

Göchhausen,  Frl.  v.   133. 

Godeau,  A.  128. 

Goethe:  Zwei  brasilianische 
Lieder  128—132.  Der  christ- 
liche Roman  133 f.  Hanswursts 
Hochzeit  135 — 144.  Iphigenie 
150f.  Sprichwörtlich  134f. 
Tags-  und  Jahreshefte  605.  — 
G.  und  Batacchi  155 — 162. 
638.  G.    und    Poerio    145 

his    155.    638.  G.    und  Z. 

"Werner   L97f. 

Goltwurm,  C.  61.  66.  67.  71.  72. 
73. 

Gonzenbach,  L.   14.    165.   172. 

G6sht-i  Fryänö  und  der  kir- 
gisische Büchero-esano-  cDie 
Lerche'  365 — 371. 

Gosky,  R.  A.  53. 

Gotha:  Handschrift  506. 

Gottfried  von  X eilen  635. 


Gottsched  136. 
fiozzi,  C.  172. 
Grabschrift":   439 f.   komische   69. 

88 f.  angebliche  428  f. 
Grässe,  J.  G.  Th.  200.  491  f. 
Gräter  493. 

I  S-rattelard  503. 

Graz:  Handschriften  486.  551. 

I I  recourt    13.  163. 
Greflinger,  G.  54. 

( rregorovius,  F.  191. 
Gries,  J.  D.  4.  157.  184. 
Grimm,  J.   25.    274.    282.    455f. 

537.  542.  543.  559.  632.  u.  ö. 
Grimmeishausen,  H.  J.  C.  v.  80 

bis  83.  629.  630.  631. 
Griseldis  55  f.  174. 
Grosswardein :  Braut  zu  G.  133  f. 
(iruter,  J.    13:'». 
Gryse,  N.   12.  447.  612.  639. 
( Juerino  Meschino  264. 
Gnerrini,  O.  8 f. 
Gueulette.  T.  S.  97.  202. 
Guicciardini,  L.  13.  69. 
Gumpelzhaimer,  G.   75. 
Günther,  Chr.  616. 

Hadamar   von   Laber    474.    481. 

482. 
Hadlaub  635  f. 
Hagedorn  13. 
Hahn:    der  weisse,  der  rote  und 

der  schwarze  H.  581  —  589.  — 

Hahnenschrei    vertreibt  Teufel 

und  Gespenster  581  f. 
Hahnrei  631. 

Ealberstadt:  Handschrift  311. 
Halm.  Fr.  (Münch-Bellinghausen) 

73. 
Hammer,  M.  304. 
Hancke,   Mich.  41 5f. 
Handel:    Der    gute    H.    (Grimm 

7)   14. 
Hanging  or  marrying  251. 
Hansjakob  273. 
Happel,  E.  G.  642. 
Hardwicke  593. 
Hardy,  J.  593. 
Harlekins  Hochzeit    135 — 144. 


648 


Zur  neueren  Literaturgeschichte  und  Volkskunde. 


La  Harpe  202. 

Earris,  J.  192.  210. 

Earsdörffer  282  f. 

I  [artmann  v.  Aue :  Armer  Heinrich 

155.  638.  Iweiu   619. 
Hase    =    Narr    626.    Theses    de 

Hasione  625. 
Hasenmüller,  E.  61.  65. 
I  [äufungslieder     (Kettenlieder, 

Zählgeschichten)  305. 355— 365. 
Haug,  F.   167.  20'.». 
Haus,   in   dein    ein  Mord   verübt 

war,  zerstört   191. 
Hansinschriften   418.    423 f.   428. 

438 f.  575. 
Haut :  up  der  Hut  werpen  606  f. 

H.  versaufen  611 — 615. 
Hävecker  609. 
Haxthausen  238. 
Heia  popeia  352. 
Heidelberg:     Handschriften    299. 

441.  502.  506. 
Heidfeld,  J.  61.  72.  73.  74. 
Heilbronn  423f.  Gemälde  435 -437. 
Heilige:    wunderliche    H.     (Stol- 

prianus,  >Schweinhardt  u.  s.  w.) 

21.  —  s.  Acta,  Leben. 
Heimgarten  619. 
Heine,  H.  357. 
Heinrich  Julius  von  Braunschweig 

62.  626.  629. 

—  von  Krolewiz  343. 

—  von  Mügeln  511. 

—  s.  Frauenlob,  Suso. 
Heinricus:    Summarium    596.     s. 

Henricus. 

Heliodor  49. 

Henker  heiratet  die  zum  Tode 
Verurteilte  251. 

Henne:  schwarze  H.  legt  weisses 
Ei   12. 

Henrici,  E.  619. 

Henricus  Septimellensis  296. 

Hentzner,  P.  14. 

Heppe,  C.  W.  v.  454. 

Herberger,  V.  434.  641  f. 

Herder :  Die  ewge  Weisheit 
107  —  131.  —  Der  Friedens- 
stifter  110.   121  —  127. 


Heresbach  61.  66. 
Hermann  von  Fritslar  639. 

—  von  Sachsenheim  639. 
Hermann,  G-ottfr.  150f. 
Hero  und  Leander  243. 
Herolt,  J.  311. 
Hertzog,  B.  64. 
Herzen,  sieben  594  f.  283. 
Herzogenbusch     belauert     (Lied) 

380—384.  385  f. 
Heyden,  C.  v.  d.  634. 

—  J.  v.  d.  628. 
Heyse,  P.  2". »7. 
Hieronymus  11.  445.  511. 
Hildebrand,  der  alte  255. 

—  Eud.  621. 

Himmel  Papier,  Meer  Tinte:  s. 
Und.  —  Der  H.  mein  Hut,  die 
Erde  mein  Schuh  558 — 562. 

Hindin:  Die  verfolgte  H.  483. 

Hiob:  s.  Job. 

Hirsch,  F.  440. 

Hoffmann  von  Hoffmannswaldau 
30.  132.  529. 

Holberg,  L.  626. 

Holmström,  J.  411. 

Hondorff,  A.  61.  68.  72.  610. 

Hörl,  O.  A.  417. 

Hosemann,  Abr.   12.   176  f. 

Hugo  von  Langenstein  300. 

—  von  Montfort  315. 

—  von  Trimberg  368. 
Hugo,  Victor  196.  340.  591. 
Hühner    gebraten ,    wiederbelebt 

224.  227  f.  639—641. 
Husemann,  Ant.  529. 
Hütten,  U.  v.  71. 


Ibn  Batuta  372. 

Ibn  Chisdai  539. 

ihn  Grabirol  452. 

'Ich    lebe    und    weiss    nicht    wie 

lang    416.  421-452.  642. 
Iffland   198. 
Imbriani,  V.  22.  145. 
immermann,  K.  543. 
Ingemann,  B.  S.  432  f. 
Inschriften:  s.  Haus,  Segen. 


Register. 


649 


Jäckel  (Jockei):  Der  Bauer  schickt 

den  J.  aus  355—365. 
Jacob  i  Segenspruch)  550. 
Jacobshühner   639  f. 
Jacobspilger  gehängt,  lebt  223  bis 

228.  639f. 
Jacobus  (Apostel)  505. 
Jacobus  de  Cessolis  640. 

—  a  Voragine  22ti.  278.  505.  547. 
Jacomo  da  Porto  217. 
Jacopo  Alighieri  31. 

Jacques  de  Vitry   13. 
Jagd  der  Minne  475.  480. 
Jagdpredigt    484. 
Jäger:  die  zwölf  J.  (Grimm   67) 
•22:\. 

Jage  rkunst  und  AVa  idgeschrey  45  7 . 

Jäffersagen  4!>3.  —  s.  Freischütz. 

Jägerschreie  und  Weidsprüche 
452—484. 

'Jammer  lernt  weinen'  541. 

Jena:  Johannisfest  605. 

Jesus    505.    641.  Namen   J.- 

Gebet 563.  —  Geburtstag  601. 

Job:  in  Segensprüchen  550f. 

Joca  monachorum  511. 

Jochanan  ben  Zacchai  293.  308. 

Johann  von  Freiberg  299. 

Johannes  (Apostel)  276.  546. 

-  a  St.  Facundo  641. 

-  (Täufer)  601  f. 

—  der  treue  J.  (Grimm  6)  297. 
Johannisfest  601 — 605. 

Jost,  der  heil.  550. 

Josua  ben  Levi  308. 

Juan  Manuel    12.  44. 

Judas  Ischarioth  641. 

Judenspiegel   6 1 . 

Jüdische  Lieder  und  ihre  Nach- 
ahmungen 305f.  357f.  369. 

Jungfrau:  s.  Schönheiten.  —  J. 
als  Soldat  221  f. 

Jus  potandi  627. 


Kaiser:  K.  und  Abt  534.  Kaisers 
Bart   wachsen  hören   610f. 

Kaienberg:  Pfaff  vom  K.  507. 
626. 

Kalewipoeg  57! i. 


Karl  Stuart    (Tragödie)   56. 
Karlsruhe:   Handschrift   556. 
Karr,  A.  600. 
Katharinenberg  104. 
Katze:    mit    Katzen    ackern   258. 

274. 
Keisersbefg:  v.  Geiler. 
Keller,  Adam   310. 
Kestner,  H.  239. 
Kettenlieder:   s.  Häufungslieder. 
Keyssler   1 4. 
Khuddaka  Pätha  370. 
Kilian   Brustfleck   143—145. 
Kind,  F.  200 f.  246  f. 
Kindergebet  271.  320— 351.  353 f. 
Kinderlieder  351 — 355. 
Kindsmörderin  heiratet  595. 
Kin-ku-ki-kuan  368. 
Kircher,  Ath.  574. 
Kirchhof,  H.  W.  12.  68.  69.  70. 

166.  167.  221.  274.  594.   610. 
Kistener,  Kunz  227. 
Kleist,  E.  v.  133. 

—  H.  v.  202.  424—427.  (563). 
Kiemsee,  G.  33. 

Kluge,  F.  61 3  f. 

Knebel,  K.  L.  v.  157.   160.  638. 

Knigge,  L.  v.  563. 

Knüttel.  W.  P.  C.  386. 

Kobell,  F.  v.  441. 

Koberstein,  A.  274. 

Koch,  K.  613. 

Könige,  die  heil,  drei  562. 

Konrad   von  Ammenhausen    640. 

—  von  Megenberg  352. 

■ —  von   Würzburg   6.   520.   538. 
635  f. 

—  s.  Dangkrotzheim. 
Kopisch,  A.  15. 
Koran  294. 
Körner,  Th.  273. 
Kortüm,  K.  A.  273.  302. 
Kosegarten  619f. 
Krantz.  A.  61.   70. 

Kräuter  der  Johannisnacht    604. 
Krislma-Micra  368. 
Kronen  von  Laub    am  Johannis- 
tag 604. 
Krug.  J.   618f. 


<650 


Zur  neueren  Literaturgeschichte  und  Volkskunde. 


Krüger,  B.  272. 
Kulm.  A.  335. 

—  E.  437. 

Kunst  über  alle  Künste  45.  56 f. 

255.  607  f.  625. 
Künzel,  F.  L.  435  f. 
Kunzenjägerspie]  634. 
Kurz,  F.  J.  (Bernardon)  28.  143. 

—  Herrn.  4. 
Kwiatkowski   191. 

Laber:  s.  Hadamar. 
Lampedusas  Bevölkerung  105  f. 
Landau  belagert  (Lied)  398. 
Lang,  A.  593. 
Langbein    13.   161  f.   167. 
Langenstein:  s.  Hugo. 
Langmann.  Adelheid  556. 
Latham,  Ch.  590.  592. 
Lauremberg,  P.  24.  272. 
Lauterbach,  G.  527. 
Lazarillo  de  Tornies  81.  610. 
Leben  der  Heiligen  639. 
Lebensrad  444.  445. 
Leberreime  419. 
Leffelei :  Sätze  von  der  L.  628. 
Legenda    aurea:     s.     Jacobus     a 

Voragine. 
Lehmann,  Chph.  433. 
Leibius,  J.  624.  630. 
Leichenschmaus  6 12  f. 
Leinistänuler  =  Geck  626. 
Leipzig:  Handschriften  188.  552. 
Leo.  Papst:  Enchiridion  591. 

—  L.  X.  563. 

Leonardo  da  Vinci   180  — 185. 
Lercheimer,    A.    (Witekind)     61. 

64.  73. 
Lermil,  N.   191. 
Lessing  88.  89—95.   167.    195. 
Lessmann,  D.   155. 
Leyer-Matz  419. 
Libro:    s.    Engnaos,  Enxemplos. 
Lichtenberg,  G.  C.  204.  209. 
Lille  belagert  (Lied)  388—391. 
Lillo   192.  1941'. 
Limberg.  J.   14. 
Lindener,  M.  532. 
Lohengrin  540. 


149. 


Lentinus,  J.  321. 
Lomazzo,  G.  P.   180. 
London:  Handschriften  442. 

54<).   Holzschnitt  444. 
Longinus  in  Segensprüehen    ")')'■'>. 
Lope  de  Vega  54.  22 1 . 
Lorber,  J.  C.  484—491.  494. 
Lorichius.  J.  511.  531. 
Lossms,  L.  67. 
Lotichius,  P.  412. 
Lottich  10. 
Lucia .    die    heil 

551. 
Lucian   162. 
Ludolf,  J.  506. 
Lundorf,  M.  C.  57  —  74. 
Luscinius,  O.  13. 

61.    73.    166.    417. 
426  f.     429  —  432. 


(Segenspruch) 


616. 


Luther.    M. 

421—423. 

577.  642. 
Luzel,  F.  M. 
Lydgate,  J. 


235-23S. 
304. 


Mabillon  272. 

Macbül  Ahmad  243. 

Mackenzie.  H.   194. 

Macrobius   66. 

Magdeburg:   Lieder    auf   Belage- 

rungen  von  M.  373 — 379.  380. 

384.  399—410.  412  f. 
Magelone  567. 
M  aihingen :   Handschrift 
Maiolus,  S.  61.  73. 
Malespini   164. 
Manuale  scholarium  631 
Manzoni,  A.   148  f.  152. 
Marcellus  Burdigalensis 
Marcolfus:    s.  Salomo.  - 

im    Bienenstock     12. 

den  Baum  wählen,  an  dem   er 

hängen  soll   12. 
Maria:  im  Zahnwehsegen  54*.». 
Marianus.  C.  61.  67.  68. 
Marienklage  300 f. 
Marienlegende  27s. 
Marienlied  312.  313. 
Marinaeus,  L.  223. 
Marlowe,  C.  55. 
Martial  606. 


429. 


154  f. 

553. 

-  Morolf 

M.    will 


Register. 


651 


Martin,  der  heil.  370. 

—  in  Bibrach  421.  426.  428f. 
442. 

Mathesius,  J.  61.  70.    1<>6. 

Matthisson,  F.  v.  212—214.  27:;. 

Maupassant,  Gr.  de  235. 

Maximilian  I.  437.  —  s.  Teuer- 
dank. 

Megillat  taanit  308. 

Meglio:  s.  Antonio. 

Meibom,  H.  204.  20!». 

Meier,  E.  273. 

Meir  ben   Isaak  2'.».'!. 

Meisterlieder:  Kolinarer  Hs.  24. 
H.  Sachs  17b.  251.  H.  Vogel 
167  f. 

Melander,  O.  29.  61.  65.  tili.  67. 

68.  70.  71.  72.  74.  94. 
Meletaon  :  s.  Rost. 
Melissas:  s.  Schede. 
Mellish.  J.  C.  209. 
Melusine   265. 

Memel,  J.  P.  de   188. 
Mendoza,  D.  H.  de  81.  610. 
Mensch:      Van      dem      stervende 

mynsehen  448. 
Meran :     Inschrift      578.     Yolks- 

belustionno-  606. 
Merseburger    Zauberspruch    543. 
Metz  belagert  375  f. 
Meurer  455 f.  487.  495. 
.Meyer.  Fr.  L.  W.   182 f. 
-,  Heim*.   160 f.  638. 
Meyfart,  J.  M.  420. 
Meynert,  H.  G.  201. 
Mich  wundert,  dass  ich   fröhlich 

bin'  421-452.  Ii42. 
Michael,  der  heil.  342f. 
Michel,  der  teutsche  76  —  80. 
Micraelius,  J.  401  f. 
Miedes,  B.  G.  61.  tili.  67.  68. 
Mittwoch  kein  Tag  5 1 3 f. 
Möbius,  Th.  337.  ' 
Moe,  M.    167. 

Mönch   dreimal  getötet   164. 
Mond:   Mann    im    K.   597— 60i  >. 
Montaigne.  M.   12!)      132.   272. 
Montanas.  M.    16.  64.  65.   67.  68. 

69.  70.  72.   163.  284.  417. 


Montefiascone :  du-  deutsche 
Zecher  (Fugger)  dort  begraben 
11  f. 

Montl'ort :   s.  Hugo. 

Morelles   skin    1  I. 

Morgante  3. 

Morhof,  D.  G.   132. 

Mörike,  E!  203—212.  542. 

Moritz,  K.  Ph.  194. 

Morlini,  H.  540. 

Moscherosch,  J.  M.  15.  69.  629. 
632.  Sprachverderber   75     80. 

Nosellanus,  F.  73. 

Moser,  J.  454  f. 

La  Motte,  Houdar  de    163. 

Mnhammed,  Sohn  Abdurrahmans 
372. 

Mühlen,  wunderbare  2  hl  f. 

Müller.   Wilh.   15.  295. 

Müllerin:  das  Lied  von  der  ver- 
kauften M.  279—292. 

München:  Handschriften  24.  Hl  f. 
314.  397.  441.  529.  566.   596. 

Münster,  Seb.  61.  65.  66.  Ii7. 
68.  70.  71.  72.  73.  74. 

Murer,  H.  109  —  128. 

Murner,  Th.  626. 

Myller,  A.  60. 

Xachtgebete,  italienische  341  bis 
351. 

Nachtwächter  in  der  Litteratur 
273.  N.-lieder  83—86.  272  bis 
274. 

Nägelschnitzel  verbrannt  oder 
vergraben  578  —  580. 

Narrenstreiche:     Eier     ausbrüten 
14.  Mit  Fröschen   sprechen    14. 
Auf  Kahlkopf  spucken    1  3. 
vgl.  Arlotto,  Bertoldino,  Eulen- 
spiegel, Marcolfus. 

Narva:  Schlacht  bei  N.  (Lied)  111. 

Nasr-eddin    15. 

Neifen:  s.  Gottfried. 

Nestroy  _  12. 

Neun  Öffnungen  des  mensch- 
lichen Leibes   368. 

Nevizanus,   .1.   2'J. 

Niccolini,  G.  B.    151. 


652 


Zur  neueren  Literaturgeschichte  und  Volkskunde. 


Niccolo  Cieco  181. 

Nicodemus-EvanffeliuiQ  64 1 . 

Nicolas  de  Troyes   12. 

Nicolaus,  der  heil.  370.  Nicohms- 
s|iicl  273. 

Nicolay,  L.  H.  v.  610. 

'Niemals',  im  Volkslied  um- 
schrieben 180. 

Nonnus  275. 

Notfeuer   (in.'!. 

Novati,  F.  443.  444  f. 

Novelle:  Cento  n.  antiche   18. 

Nugae  venales  622.  625.  626. 

Nürnberg':  Handschrift  188. 

Nyrop,  K.  600. 

Ochino,  B.  35—39. 

Ochse  geschlachtet,  wiederbelebt 

641.' 
Oci    als   Nachtiffallenoesansf    216 

bis  218. 
Oehlenschläger,  A.  202  f. 
Ofen  erobert  (Lied)  398. 
Ogier  de  Danemarche  228. 
O'Hara  638. 
Olearius,  A.  203. 
Olla  Potrida  208. 
Olorinus,  J.  =  J.  Sommer. 
Ongaro,  Dali'  601. 
Opitz  85.  407  f. 
Osmund  412. 
Ostein,  H.  H.  v.  7 7 f. 
Osterlieder,  jüdische  305.357.369. 
Oswald,  St.  511.  512. 
Otto,  J.  J.  188. 
Ouville,  Sieur  d'  610. 
Överland,  0.  A.  594f. 
Ovid  270. 

Owen,  J.  211.  624. 
Oxford:   Handschriften  449.  565. 

Paganini,  P.  341.  350. 

Parini.  (I.  264. 

Paris:  Oris  de  P.  34f.  -  Hand- 
schrift 566.  -  Schüler  zu  P. 
313. 

-,  G.  1. 

Partonopeus  de  Blois  6  f. 

Passauer  Kunst  495. 


J'a.-sional  639. 

Patenotre  blanche  340.  White 
Paternoster  591. 

Pauli,   Job.    13.   16.    17.   18.   64. 
66.  67.  68.  73.  445.  534. 
.  S.  433. 

Pauliini,  K.  F.  567. 

Pedantischer  Irrtum  255. 

Pennal:  De  iure  Pennalium  626. 

Pestkreuze  und  Anmiete  572  bis 
576. 

Petis  de  la  Croix  96. 

Petrarca   602. 

Petri,  F.  433. 

Petrus  im  Zahrnvehsegen  545  f. 
549  f.  -  P.  und  der  Mann  im 
Mond  599  f.  —  Verleugnung 
Christi,  Hahn  641. 

Petrus   Alfonsi    11.  539. 

Petzoldt,  J.  V.  (Komödiant)  144. 

Peucker,  N.  319. 

Pfeiffer,  F.  321. 

Pferd:  Segen  wider  störrische 
Pferde  267  f.  553.  —  s.  Schön- 
heiten, Teufelsross. 

Pflanzen  aus  Gräbern  274 — 279. 

Pfoundes,  C.  593. 

Philipp  von  Hessen  320. 

Philo:  s.  Anhorn. 

Philomena   (Bonaventuras)    216  f. 

Philostratus  275. 

Piccardt  386. 

Pierce  Ploughman  609. 

Piron  166. 

Piscator,  J.  524. 

Pitaval,  F.  Gayot  de  95. 

Pitre,  G.   106/ 

Plenarium  311. 

Plener,  J.  A.   12. 

Plinius  275.  51 9  f.  593. 

Plutarch  12.  92  f. 

Poerio,  A.  145 — 155.  639. 

Poggio,  F.  16. 

Pontanus,  J.  J.  61.  74.  93. 

Pope,  A.  91  f. 

Porcelli  testamentum  15. 

Poysel,  J.  A.  398. 

Prätorius,  J.  2iV.).  283. 

Prellen  606  f. 


Register. 


653 


Priamel  538. 

Ptolemäus    Hephästion  27."). 
Pückler-Muskau,   IL  v.   L98f. 
Puymaigre,  Th.  de  44. 
Pyat,  F.  30. 

Questions  enigmatiques  512.  514. 

516.  535. 
Quirsfeld   Li. 

Rahe:  s.  Fuchs. 

Eabelais  18.  95. 

Ralston,  W.  R.  8.  5.  593. 

Ramler,  K.  W.  610. 

Raraon  Lull  539. 

Eandolph.  T.  628. 

Rapperschwyl  belagert  (Lied) 
397. 

Rath-Büchlein  503.  506.  510. 
513.  517.  522.  524.  526.  528. 
531.   533. 

Rätsel  354.  473f.  499-539. -Ader- 
lassen   537.   Bach    und   AViese 

516.  Bäcker  531.  Bratfisch 
505.  Bürste  532.  Esel  505. 
Feuer  354  f.  509.  Fische  524. 
Floh  557.  617.  Frauen  zahl- 
reicher als  Männer  507.  Gans 
537.  Gedanke  538.  Gott  und 
Teufel  5U0.  Haferschwinge 
537.  Haselnuss  536.  Himmel 
507.  Holz  533.  Jahr  539. 
Jakobus  505.  Kapaun  525  f. 
Katze  und  Wurst  519.   Kumpf 

528.  Kind  säueren  536.  Kirch- 
weihfahne    507.   Laute    (Geige) 

529.  Löffel  536.  Mesner  508. 
Mönch  508.  Mühle  537.  Pferd 
und  Garten  515.  Reif  511.  Sack 
•~>:i2f.  Schatten  504.  Schätzen 
533.  Schneckenhaus  528.  Schuh 
537.  Seinesgleichen  502  f.  Sohn 

517.  Spiegel  530.  Spinnrocken 
536.  Steine  533.  Tanz,  um- 
kehren 532.  Ungehoren  517. 
Verschiedene  Vögel  519f. 
Weinfass  528.  Weintraube  510. 
Wochentage  513.  Rätsel- 
hafte    Aufgaben    509;    s.   Auf- 


gaben. 


Botschaften  508  f. 


Rätselhucb,      Auiyslnirgcr       500. 

506.  509.  522.  528.  533. 
Strassburger    33.    500.    502. 

50(1.  509.  510.  51  1.  513.   517. 

522.  521.  526.  528.  530.   533. 
Rät  sei  kämpf     (Zahlendeutungen) 

366f.  370. 
Rauscher,   II.  226. 
Raymundus  Nonnatus  519. 
Razzi,  S.  6  IM. 
Rebmann,  A.  (i.  F.  v.   12. 
Recueil:  s.  Stoeterogge. 
Regel,  K.  6 19  f. 
Reifferscheid,      A.      Westfälische 

Volkslieder  238—260. 
Reinardus  539.  588. 
Reinhot  von  Dürn   300. 
Reinfrit  von    Braunschweig   416. 
Reinmar  von  Zweter  538  f. 
Reusner,   N.   89.    94.    210.    509. 

511.  521.  522.  527.  529.   531. 
Reuter.  Chr.   136.   138.   140.  256. 
— ,  F.  635. 
Reynitzsch,  W.  619. 
Rheinfelden  belagert  (Lied)  393. 
Rhenanus,  J.  46f. 
Rhodes.  W.  B.  4  f. 
Richepin  235. 
Richter,  Mart.  61.  71.   74. 
Riederer,  J.  F.  167. 
Riemer,  F.  W.  183. 
— ,  J.   316. 
Rijndorp    166. 
Rinder,  J.  C.  434. 
Rist,  J.  626.  630. 
Ritter:  der  christliche  R.   118. 
Rochholz.  E.  L.  284. 
Rockenbüchel  503. 
Rodenburg,  D.  221. 
Roland  (Melodie)  400. 
Roll,  G.  484. 

Rollenbagen,  Gabr.  48 — 53. 
Rollos,  P.  628. 
Roman,  J.  485. 

Romanus-Büchlein  562.  568.  57  1 . 
Romulus  (Fabeln)    13. 
Roquelaure    169. 
Rörer,  G.  430. 
Rose  e  fiori  636  f. 


Qb4 


Zur  neueren  Literaturgeschichte  und  Volkskunde. 


Rosegger,  P.  264. 

Rosen   und    Blumen   f>:>5 — 637. 

Rosenblüt,   II.   L66.  301. 

Rossi  640. 

Rost,  J.  L.  203. 

Rota,   V.   190. 

Rouillet  221. 

Rowley.  S.  5! »7  f. 

Royer,  C.  I).  R.  de  Nomency  95. 

Rubensohn.  M.  211.  412. 

Rückert,  F.  85.  273.    31«  f.   412. 

620. 
Rutebeuf  552. 
Rydelius,  A.  411. 

Saccbetti,  F.  39. 

Sacer,  G.  W.  626. 

8acbs,  H.  12.  23.  64.  92.  167. 
251.  532.  615.  632f.  636. 
Bachen  holen  609.  Christi 
Namen  512.  Eulenspiegel- 
streiche 18 — 32.  Mönch  mit 
Kapaun  508.  Zwei  Ritter  von 
Burgund  221.  Achtzehn  Schön 
einer  Jungfrau  22 — 34.  Hürnen 
Seufrid  450  f. 

Sachsenheini:    s.  Hermann. 

Sackeville,  T.   62. 

Sajjid  Batthäl  511. 

Salomo:  S.  und  Marcolfus  8  f. 
12.  -  -  S.  und  der  Drache  11. 
—  Testament  9. 

Sammenhammer,  J.  K.  (Komö- 
diant)   144. 

Sandberg  und  Vöglein  (Ewigkeit) 
418  f. 

Sanderson,  W.  193. 

Sandrub,  L.  69. 

Sarnelli,  P.  22.  30. 

Sartorius   148  f.   150. 

Sator-Arepo-Formel  564 — 572. 

Saxo,  Mich.  61.  74. 

Scarron,  P.  89. 

Schack,  A.  F.  v.  209.  219.  220. 
221.  371  f. 

Schafe:  Farbe  und  Geschlecht 
aus  ihrer  Stimme  erkannt  596. 

Scharffenberg :  s.  Albrecht. 

Schäuffelein,  H.  532. 


563. 


-564. 
Wallen- 


Schede,  P.  (Melissus)  212. 
Scheffel,  J.  V.  273. 
Scheffer,  Sei».  67.  94. 

Srhei.lt.     C    24. 

Schenck,  .1.  61.  66.  67. 
Schepss,  G.  429. 
Schiebeier,   D.    273. 
Schiff,  riesenhaftes  59  1. 

Schild,  der    geistliche    562 
568. 

— ,  F.  J.  569. 

Schildknecht,  W.  386. 

Schildwachtsbücber  562 

Schiller:  Turandot  171  f. 
steiii  170  f. 

Schilling,  B.  274. 

Schiltberger,  .1.  511.  635. 

Schiltebürger  =  Tod  618  f. 

Schlafoott  angerufen  211.  639. 

Schlange:  zur  S.  (Fisch)  wird 
eine  Fee  jede  "Woche  einmal 
264  f. 

Schlegel,  A.  W.    173.    177.    182. 

Schlosser,  J.  F.  H.   184. 

Schmeltzl,  W.  609. 

Schmidlin.  A.  U.  465.  466.  477.. 
478.  479.  487.  494—499. 

Schmidt,  Erich  208.  211. 

— ,  J.  F.  207. 

— .  Matth.  618. 

— ,  Rud.  432. 

— ,  Tob.  606. 

Schmied  von  .Tüterbock  (oder 
Apolda)    161. 

Schnurr.  B.  492. 

Schönheiten  einer  Jungfrau  22 
bis  33 ;  Körperteile  aus  ver- 
schiedenen Ländern  31.  33. — 
eines  Pferdes  33.  418.  —  des- 
Weines  33  f. 

Schönwaldt,  A.  542. 

Schopenhauer,  A.  212 — 214. 

Sehreger,   O.  506. 

Schubart,  F.   197. 

Schuehardt,  H.  545. 

Schulmann,  L.  635. 

Schulterblattschau  5921'. 

Schultz,  Gottfr.   187  f. 

Schumann,  Val.  71.   166. 


418- 


Regi-t.  r. 


655 


Schürer,  B.  432. 

Schwall,    <i.    5. 

Schwalbensprache  318  f. 

Schwarzenberg,  .1.  v.  61. 

Schweigger,  S.  61.  69.  70.  71. 

Schwimmerballaden  240     -43. 

Serien:  leiten  als  Pflanzen  fort 
274  f. 

Segen  und  Inschriften  :  Alpsegen 
27 1.  Beinverrenkung  543.  551. 
Blut  553.  Diebe  55!  l.  561. 
Feuer  568  f.  575  f.  Hundswut 
570  f.  572.  Mundfäule  550. 
Nacht  590 f.  Pest  572 f.  577. 
Pferd  267.  55:5.  Schlangenbiss 
570.  Vieh  562.  568.  578. 
"Wanderer  561.  Wunde  552  biß 
558.  Würmer  551.  Zahnweb 
544  f.  vgl.     Ananisapta, 

Sator,  Zacharias. 

Segensprüche554 — 558. s.  Zauber- 
spruch. 

Segerus,  J.  629. 

Seven  Champions  519. 

Shakespeare:  Hamlet  581.  — 
Macbeth   518.  Measure   for 

Measure    221.  Midsummer 

Night's  Dream  598.  -  -  Taming 
of  the  shrew  40—44.  (507  f. 
Tempest  598.  —  Titus  Andro- 
nicus  54. 

Sibote  44. 

Sidonia  und  Tbeagenes  48  f. 

Sidrach :  Libro  di  S.  33. 

Sieben  Löcher  im  Kopf  368. 

Siena :  Handschrift  443. 

Sifridus  presbyter  61.  66. 

Simchas   hannefesch  309. 

Simrock,  K.  600  f. 

Sindibad-Buch  309. 

Smith.  Ch.  C.  593. 

Smyth,  W.  H.  105. 

Somma,  M.    12.    L3. 

Sommer,  .1.  627.  629—632. 

Sonett,  das  älteste  deutsche  35  f. 
vgl.  Leonardo. 

Sonnenstrahl :  Kleider  an  einem 
S.  aufhängen  56!'. 

Sort  des  dames  313. 


m 


Southey,  R,  640. 
Spagna   (ital.  Rittergedicht)  3 
Spangenberg,   W.  616. 
Speckseite    erhält,    wer     Herr 

seinem  Hause  ist  609 f. 
Speckter.  E.    lt. 
Spiegel,  .1.  93. 
Spielhansel  (Grimm  82)    161. 
Sprachen:  s.  Zweiundsiebzig. 
Sprachverderber  75 — 80. 
Sprenger,  J.  68. 
Sprichwörter  416.  —  apologische 

416.     —     s.     Augen,     Engelr 

Jammer,  X. 
Sprüche  415  f.  —  s.  Segensprüche,. 

Zaubersprüche. 
Städte:    um    S.    werben    (=    sie 

belagern)  371 — 413. 
Statins  211. 
Stein,  C.  315. 
Steinhöwel,  H.  175. 
Stengel,  G.   12. 

Sterbende :  s.  Abschied,  "Wort. 
Stettin  belagert  (Lied)  387. 
Stiefel  dem  Hausherrn   610. 
Stöber,  A.  601.  610. 
Stock :    weisser    S.  Attribut    des- 

Bettlers  635. 
Stoeterogge  (Recueil)  95.  316. 
Stoppe,  D.  88. 
Storm,  Tb.   169. 
Stralsund  belagert  (Lied)  399. 
Stranitzkhy,  J.  A.  144. 
Straparola  44.    164.   172.  540. 
Strassburgbesetzt(Lied)  3H7f.398. 
Strassenausrufe  35. 
Streckfuss,  K.  4.   154  f. 
Studenten:   s.  Cornelius. 
Stuttgart:  Ballet  496.  —   Hand- 
schriften 435  f.  556. 
Stutz,  J.  13. 
Subandhu  306. 
Suetonius  606. 
Sunnwendfeuer  602  f. 
Surius,  L.   128. 
'suse*  (im  AViegenlied)  352. 
Suso,  H.  108—128.  300. 
Sutor,  A.  523. 
Syv,  P.  586. 


656 


Zur  neueren  Litterat  Urgeschichte  und  Volkskunde. 


Tabeus,  A.  13.  23. 

Tahcin-Uddin  242. 

Taille,    Jacques    de   La    1  f .    — 

Jean  .'!. 
Tallemant  des  Reaux  14.  610. 
Talmud  293.   306. 
Taming  of  a  shrew  43. 
Tannhäuser    506.    514.    636.    — 

Lied  263f. 
Tanz:  Umkehren  beim  T.  532. 
Tausend  und  eine  Nacht  28.  31. 

171  f.  202  f.  368.  540. 
—  Tag   L3.  96. 
Tedaldi-Fores   152. 
Tennyson  235. 
Teodor:  Historia  de  T.  28. 
Terenz   95. 

Testament  Sterbender  246. 
Teuerdank  475. 
Teufel  im  Rätselkampfe   370.  — 

sammelt      die      Nägelschnitzel 

578  f.    —   durch  Hahnenschrei 

verscheucht   581  f.    —    T.    und 

Wind  600  f. 
Teufelsross  (Pfaffenköchin,Wirtin, 

Schmiedstochter)       beschlagen 

265—269. 
Theander,  H.  =  J.  Sommer. 
Tbeophrastus  Paracelsus  511). 
Theuriet,  A.  235. 
Thevenot  641. 
Thiers,  J.  B.  553. 
'Thisabo  Redtschor  532. 
Thomasin  von  Zirkläre  368. 
Thoraasius  256. 
Thoms,  W.  J.  590  f.   592. 
Thorn:  Handschrift  432. 
Thümmel.  A.  M.  v.  29. 


der 


armen 


Thürangeln.      Sitz 
Seelen   633. 

Tiersprache  539  f. 

Tilly:  s.  Magdeburg. 

Tirol    von  Schotten    und  Friede- 
brant  512. 

Tirso  de  Molina  <i. 

Titius,  J.  D.  129  f. 

Titurel:  s.  Albrecht. 

Tobler,  L.  Schweizerische  Volks- 
lieder 260—274. 


T« -Ileus.   H.   L62. 

Toppen.  M.  Volkstümliche  Dich- 
tungen 414—421.  432. 

Tratzberg:  Inschrift  437. 

Traugemundslied  4(55.  473.  474. 
511.  520. 

Tiimberg:   s.  Hugo. 

Trinius  273. 

Tristan   277.  519.  541. 

Triumphwagen,  Herrlicher  630. 

Tromlitz   (v.   Witzlehen)   640. 

Tübingen :  Handschrift  423. 

Tugenden  entfliehen  642. 

Tünger,  A.   166. 

Tylor,  E.  B.  59:',. 

Uberenzig  60. 

Unland,  L.  5. 

Ulenhart,  N.   81. 

Ulrich:  s.  Füeterer. 

'Und     wenn     der     Himmel     war 

Papier'  264.  293—318. 
Ungeborene  Helden  518  f. 
Unmögliches:  s.  Dinge. 
Urrea,  H.  de  3. 
Uzielli,  G.   181. 

Tastovius,  J.  641. 

Vega:  Ludov.  de  la  V.  225.  228. 

—   s.  Lope. 

Vendidad  580.  581. 

Verbrecher:  verurteilter  V.  von 
einem  Mädchen  freigebeten, 
das  er  heiratet  251.  —  Ver- 
brecherin ebenso  vom  Henker 
oder  einem  andern  Manne  251. 
595. 

Vergil  275. 

Verrochio,  A.  da  (Batacchi)  156. 
162.  640. 

Verstecken :  einen  Becher  in  je- 
mandes Tasche ,  um  ihn  'als 
Dieb  zu  verklagen  228. 

Vierzig  Veziere  96. 

Vikramäditya  519. 

Villemarque.  La  236.    244.    306. 

Villon,  F.    17. 

Vincentius  von  Beauvais  166. 
278. 


Regi>:<M'. 


657 


Vintler,  H.    L3. 

Yitae    1  *;i  t  l-llln     1  13.     1  15. 

Yockerod,  G.  485. 
Vogel:   wunderbar   singender  V. 
L70f.  V.     entflieg!     dem 

Kinde   215.    ■ —    Eigenschaften 
verschiedener  Vögel  519 — 524. 

Vogel,  H.  167. 

—  J.  J.  187  f. 

Volksbücher  174  f.  177-.  203.  563. 

Volkslieder:  b  rasilianischl28 
bis    L33.  bretonisch  235 

bis  238.  306.  Anne  Cozik  236. 
Anne  le  Gardien  238.  Isabeau 
le  Jean  244.  Maguerite  Lau- 
rent 227.  Lt's  matelots  2:57. 
Sieur  Nann  277.  Les  Sarra- 
zins 237.  —  b  u  1  g  a  risc  h  1  IM  . 
595.  —  c a t a lani  s c h :  Herodes 
228.  Pilger  22:5.  Räuber  283. 
Tochter  des  Mallorkaners  237. 
d  äni s  e  b  2:58.  Toter 
Bräutigam  585.  Friedrichshall 
411.  Jungfrau  verteidigt  ihre 
Ehre  238.  Jesuskind.  Stephan 
und  Herodes  223.  Tote  Mutter 
584.  —  deutsch:  Abscbied  52. 
25»'.  257.  259.  420.  Andreas- 
gebet 27 1 .  Birnbaum  256. 
Braut  zu  Grosswardein  133. 
Br.  sterbend  254.  Br.  untreu 
245.  Br.  vergiftet  263.  Der 
lustige  Bub  270.  353.  Christin- 
chen die  Unglücksbraut  243. 
Drei  arme  Seelen  263.  Eislein 
242.  Engelgebet  s.  d.  Entführte 
stirbt  in  Kindsnöten  260. 
Farbenlied  270. 
'J'il.  Hausgesinde 
von  Falkenstein 
und  Mädchen  253.  Jungfrauen- 
mörder 253.  Kind  vergiftet 
245  f.  Kirmesbauer  354.  Knabe 
verwundet  180.  Königskinder 
240—243.  Kuckuck  240.  Laza- 
rus 262.  Falsche  Liebe  254. 
Linde  im  Thal  251  f.  Die  Los- 
gekaufte 246—248.  Magd  des 
Kindesmordes    angeklagt    23l5. 

Köhler,  Kl.  Schriften.    III. 


Hasenklage 

269.    Herr 

240.    Jäger 


Michel      der     Tausendkünstler 

254.  Mordeltern  L85f.  Mühlrad 
257.  Verkaufte  Müllerin  270 
bis  202.  Nacht wäehter  s.  d. 
Neujahrswunsch  250.  Odilia 
263.  Kegina  203.  Soldat  ge- 
fangen 251.  S.  heimkehrend 
220  f.  Tannebaum  255  f.  271. 
Tannhäuser  263.Teufelsross  be- 
schlagen 2(55  f.  Tragemundslied 
s.  d.  Untreue  269.  Vorwirt 
587  f.  Die  Wankelmütige  258. 
Wasser  und  Wein  270  f.  Weih- 
nachten 202.  Wenn  der  Topf 
aber  352  f.  Wiedersehen  257. 
Winterrosen  210  f.  Sieben 
Wünsche  420.  -  -   englisch: 


Abendgebet 


321 


338. 


/.  ööö.  349. 
591.  Oarnal  and  crane  228. 
Clerk  Colvil  232.  Clerk  Saun- 
ders  587.  Earl  Brand  277. 
King  John  and  the  abbot  of 
Canterburv  534.  Lady  Isabel 
and  the  Elf-knight  253.  Lee- 
some  Brand  260.  Lord  Randal 
245  f.  Maid  freed  from  the 
gallows  248.  Stephen  and 
Herod  223.  Sweet  William 
586  f.  William  and  Mar- 
garet 270.  —  französisch 
593.  Bichette  (chevreau)  310  f. 
Fille  soldat  223.  Jean  Renaud 
232.  Mörderische  Mutter  L92. 
Retour  du  soldat  229  —  235.  — 
griechisch  295  f.  —  is- 
ländisch 238.  —  italienisch 
220  f.  248.  296  f.  363.  Sette 
bellezze  25 — 27.  Fior  di  tomba 
279.  Margherita  220.  Marko 
giustiziere  220.  Moro  Saracino 

237.  Nachtgebete  34 1  —  35 1 . 
La  parricida  251.  Ritorno  del 
soldato  233.  - —  krainisch 
221.  —  litauisch  30). 
niederländisch  220.  331  f. 
353.     360.      —      norwegisch 

238.  584.  —  portugiesisch: 
Bella  lnfanta  219f.  Bemal 
Francez    220.     Fräulein     zieht 

42 


658 


Zur  neueren  Literaturgeschichte  und  Volkskunde. 


in  den  Krieg  221  f.  Gefangener 
Graf  221.  Schiff  Catherineta 
237.  ■ —  schwedisch:  Narva 
4 1 1  f.  Peder  und  Christel  244. 
-  spanisch  238.  Castello  de 
Chuchurainel  363.  Conde  Lom- 
bardo  221.  Don  Juan  vor 
Granada  3  7 1 .  —  serbisch 
595. 

Voluspä  589. 

Vos,  Jan  53f. 

—  Isaak  54. 
Vulpius:  Einaldini  563. 

Wagner,  R.  273. 
Waldis,  B.  251. 

Wallenstein  vor  Magdeburg  373  f. 
Walther:    Markgraf    W.    (Volks- 
buch)   174. 

—  Mapes  428.  446. 
Warton,  T.  210. 
Watts,  J.  304. 
Weber,  K.  M.  v.  200. 

Weib:  böses  W.  geprügelt  417 f. 

Liste  böser  Weiber  617. 
Weidschreie  474  f. 
Weidsprüche     und     Jägerschreie 

452—486. 487.  491—494.  495 f. 
Weimar:       Handschriften       304. 

373.  417.  432.  441.  457—483. 

485.  493.  499.  617.  627. 
Wein:  Eigenschaften    33 f.  Wein 

und  Wasser  streiten  270  f.  vgl. 

Est  est. 
Weinende   Augen    haben    süssen 

Mund  540. 
Weise,  Chr.   143.  258.  368. 
Werbung    um     belagerte    Städte 

371  f. 
Werder,  D.  v.  d.  410. 
Wergeland,  H.  337. 
Werner,  Z.  Der  24.  Februar  185 

bis   199. 
Werwölfe  594. 
Wesselofsky,  A.  9  f.   11. 
Wetzel,  J.  18.  162.  163. 
AVeyer,  J.  577. 
White,  J.  591. 
Wichgrevius,  A.  627  f.  632. 


Wickram,  G.   197.  484. 

Wiedemann,  M.  188. 

Wieland,  C.  M.  Clelia  und  Sini- 
bald  7.  101  —  106.  —  Combabus. 
162.  -  Dschinnistan  202.  — 
Geron  95.  -  Hann  und  Gul- 
jjenheh  95 — 100.  —  Oberon 
30.  95.  —  Pervonte  95.  — 
Sommermärchen  95. 

Wien:  Handschrift  545  f.  555. 

Wilhelmus  von  Nassau  380. 

Wind  und  Teufel  600  f. 

Wirsung,  C.  35—39. 

Witekind,  H. :  s.  Lercheiiner. 

Wochentage  (Spruch  vom  bösen 
Weib)  417  f. 

Wolcot,  J.  210. 

Wolf,  Ferd.  219—228. 

Wolfius,  Job.   436  f. 

Wolfram  von  Eschenbach  540. 

Worp,  I.  A.  386. 

Wort  vom  Sterbenden  nicht 
vollendet  1  f. 

Wrangel,  E.   410. 

Wundsegen  von  drei  guten  Brü- 
dern 552 — 558. 

Wurm :   s.  Zahnweh. 

Wustmann,  G.   188.  201. 

X  für  U   541. 

Xanthippus  (F.  Sandvoss)  541. 
Xaxa:  Schloss   in    der  Höhle  X. 
(Volksbuch)  203. 

Zacharias-Inschrift  zur  Abwehr 
der  Pest  572—576. 

Zachäus  507. 

Zahlendeutuntr  84.  273  f.  365  bis 
371.  Zahlenlied    305 f.    — 

Zählgeschichten:  s.  Häufungs- 
lieder. 

Zahnweh  =  fressender  Wurm 
551  f.  —  s.  Segen. 

Zarathustra  580. 

Zauberspruch:  Merseburger  543 f. 
—  s.  Ananisapta,  Sator,  Segenr 
Zacharias. 

Zeiller,  M.   251. 

Zeitvertreibe!-  306. 


Register. 


659 


(jüdisches     Lied)     305. 


Zicklein 

357. 
Ziege  als  Hochzeitsgeschenk  607 


bis  609. 
Ziegler,  H. 
Zingerle,  J. 
— ,  0.  433. 
Zjermez  54. 


HU  7. 
137. 

\:\x. 


Zola  235. 

Zuckerb'astel  zu  Prag  80—82. 
Zürich:    Handschrift    T>77. 
Zweiundsiebzig    Sprüchen    51 1  f. 

—  Eideshelfer,  Länder,  Namen 

Christi  u.   s.  w.  512. 
Zweter:  s.  Keinmal*. 
Zwickau:  Fastnachtfeier  606. 


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911 

K6M 

1898 

BD. 3 

C.l 

ROBA 


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